Chapter 9
Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, daß nur noch wenig Tage zur Durchführung der Verfolgung zur Verfügung stehen. Die Entwickelung der Gesamtlage auf dem östlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht geltend. Wir ahnen mehr, als daß wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten ersehen können: die Operation unseres Verbündeten in Polen und Galizien ist gescheitert! An unser Nachstoßen hinter Rennenkampf über den Njemen hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht noch im letzten Augenblick innerhalb des großen Rahmens als gescheitert gelten, so darf die feindliche Armee den schützenden Njemen-Abschnitt nur derartig geschwächt und erschüttert erreichen, daß die Hauptmasse unserer Verbände zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem österreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann.
Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen Boden. Mit knapper Not entgeht der Südflügel Rennenkampfs der Einkesselung durch unser I. Armeekorps südlich Stallupönen. Glänzend sind die Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und kämpfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Müdigkeit niederstürzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps aus der Kampffront, um es für weitere Operationen bereitzustellen.
An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem 11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloß in Gedanken, sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreußischen Landstraße, vorbei an unseren siegreich ostwärts schreitenden Truppen und an westwärts ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Räumen merkwürdige Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfüm, Juchten und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken.
Genau ein Jahr später, an einem Sonntag, kam ich von einem eintägigen Jagdausflug zurückkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein Kraftwagen zurückgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich mußte einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht erkannt.
Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die zurückflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse sprengen die dichtgedrängten Haufen auseinander, der Herdentrieb führt sie wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die große Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiß, daß dies für einen großen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten würde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen südlich der Straße alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbänden noch zur Hand hat. Nur noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelände westlich der Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny geflüchtet haben. Dorthin können wir ihnen nicht nachdrängen.
Am 15. September waren die Kämpfe beendet. Die Schlacht an den masurischen Seen schloß auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von über 100 km, von uns zurückgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbände war beim Abschluß der Kämpfe zu neuer Verwendung bereit.
Es ist mir nicht möglich, hier auch noch auf die glänzenden Leistungen einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Überlegenheit im südlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluß dieser Kämpfe dauerte über meine Kommandoführung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.
Der Feldzug in Polen
Abschied von der achten Armee
Anfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.
Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären am besten nachstehende Telegramme:
Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:
„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier können zwei Armeekorps abgegeben werden.“
Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.
Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:
„Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport nach Krakau!“ ...
Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:
13. September 14.
„Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“
Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.
Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:
„Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich.
Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...
Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Österreichern bestehen.“
Also doch! – –
Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!
Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.
Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. Bewährtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren Dienste geleistet hat.
Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:
Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!
Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.
Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer Koalitionskriege.
Der Vormarsch
Wir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“
Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“
Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“
Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmöglich sein oder werden.
Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt vorübergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.
Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen gefaßt sein.
Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.
Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen.
Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.
Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!
Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte.
War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_ unmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.
Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen unserer Verbündeten.
Der Rückzug
Was wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher geschützt ist. Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schließlich in einen Rückzug.
Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.