Aus meinem Leben

Chapter 13

Chapter 133,201 wordsPublic domain

Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt hätte, offen Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder Zeit imstande, diesen Verbündeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Ähnlich stark und unbedingt herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenüber. Unabhängiger war in dieser Beziehung wohl nur Rußland; aber auch die politische Selbständigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen England gegenüber ihre Grenzen. Wie viel ungünstiger war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fühlten, hatten wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwäche unserer gesamten Lage hervorzuheben.

Nunmehr zu den einzelnen Verbündeten.

Die innerpolitischen Verhältnisse in Österreich-Ungarn hatten sich im Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pleß unserer Reichsleitung gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß die Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militärische und politische Mißerfolge nicht mehr vertrug. Die Enttäuschung über das Scheitern der mit allzu lauten Verheißungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der galizisch-wolhynischen Front ließ in der großen Masse des österreichisch-ungarischen Volkes einen mißtrauischen Pessimismus aufkommen, der in der Volksvertretung ein rückhaltloses Echo fand. Die leitenden Kreise Österreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, daß solche bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herüberklangen. Man traute sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kräfte nicht zusammenzufassen wußte, mißtraute man deren Größe. Bei diesem Urteil verkenne ich nicht, daß die politischen Schwierigkeiten der Doppelmonarchie unendlich viel größer waren, als diejenigen unseres geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine ernste. Besonders litten die deutsch-österreichischen Landesteile bitter unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der Bündnistreue Österreich-Ungarns irgendwie zu mißtrauen. Jedoch mußte unter allen Umständen dafür gesorgt werden, daß das Land von dem auf ihm liegenden Druck baldmöglichst entlastet wurde.

Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Österreich-Ungarn lagen die innerpolitischen Verhältnisse in Bulgarien. Das Land führte mit dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen gleichzeitig den Kampf um seine endgültige Vormachtstellung auf dem Balkan. Die mit den Mittelmächten und der Türkei abgeschlossenen Verträge im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens weitgehenden Wünschen sichere Erfüllung bringen zu wollen. Das Land war freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschöpft in den neuen Krieg eingetreten. Außerdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912. Diesmal war es mehr von der kühlen Berechnung seiner Staatsmänner als von nationalem Schwung geführt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fühlte und keine starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zögern mit der Kriegserklärung an Rumänien – sie war bei meinem Eintreffen in Pleß noch nicht erfolgt – lediglich ein Ausfluß dieser Stimmung war, möchte ich freilich heute noch bezweifeln. Die Verhältnisse in der Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Maßstabe gemessen, gute.

Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, daß unser Bündnis mit Bulgarien eine etwaige militärische Belastungsprobe vertragen würde.

Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Türkei entgegen. Das osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach politischer Machterweiterung. Seine führenden Persönlichkeiten, allen voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, daß es für die Türkei in dem ausgebrochenen Kampfe keine Neutralität geben könne. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, daß Rußland und die Westmächte die einschränkenden Bestimmungen über die Benutzung der Meerengen auf die Dauer hätten berücksichtigen können. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete für die Türkei eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie für uns andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an laut und deutlich zu verkünden.

Die Türkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Stärke entwickelt, die alle in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegführung überraschte Freunde wie Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kräfte auf allen asiatischen Kriegsschauplätzen. Man hat in Deutschland späterhin oftmals den Vorwurf gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, daß sie zur Stärkung der Kampfkraft der Türkei ihre eigenen Mittel zersplittert hätte. Man beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene Unterstützungen den Bundesgenossen andauernd befähigten, mehrere 100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren mitteleuropäischen Kriegsschauplätzen fernzuhalten.

Die deutsche Oberste Kriegsleitung

Die Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit ergeben, eine führende und voll verantwortliche Befehlsstelle für uns und unsere verbündeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden Staatshäuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser übertragen. Der Chef des Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht „im Auftrage dieser Obersten Kriegsleitung“ Anweisungen herauszugeben und Vereinbarungen mit den verbündeten Heereschefs zu treffen.

Bei dem großen Entgegenkommen und der verständnisvollen Mitarbeit der mir im übrigen gleichgestellten Chefs der verbündeten Heere konnte ich die Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische Entscheidungen beschränken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten Kriegsleitung.

Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbündeten die leitenden Gesichtspunkte für die gesamte Kriegsführung zu geben und ihre Kräfte und Tätigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles zusammenzufassen. Unser aller Interessen würde es entsprochen haben, wenn die Oberste Kriegsleitung unter Zurückstellung der einzelnen Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner für die Entscheidung nebensächlicher Rücksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der Hauptkriegsschauplätze hätte erzwingen können. Im unabänderlichen Wesen des Koalitionskrieges lag es aber, daß unserer Obersten Kriegsleitung durch Rücksichten aller möglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet wurden.

Es ist bekannt, daß Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen gegenüber in weit höherem Maße der gebende als der empfangende Teil war. Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne Bundesgenossen hätte durchführen können. Auch liegt in der vielfach ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krüppelhafte Verbündete gestützt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine einseitige Übertreibung. Man übersieht dabei, daß auch unsere Verbündeten vielerorts starke feindliche Überlegenheiten auf sich gezogen hatten.

Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurückwende, so habe ich den Eindruck, daß nicht in großen Operationen, sondern in dem Ausgleich verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den meisten Fällen politische Verhältnisse dringender geltend machten, als militärische Gründe. Eine ganz besondere Erschwerung lag für unsere Pläne und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbündeten Heere. Wir mußten nach Übernahme der Obersten Heeresleitung erst allmählich lernen, was wir von den Waffen unserer Verbündeten erwarten und verlangen konnten.

Die österreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an unsere eigenen Kräfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollständig. Der Hauptgrund für den Rückgang des Durchschnittswertes der k. u. k. Truppenteile lag unbestrittenermaßen in der außerordentlichen Erschütterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrückte, überkühnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und Polen erlitten hatte. Man hat nachträglich behauptet, daß die österreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht hätte sich aber dieses auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals erlittenen Verlusten wieder, das österreichisch-ungarische aber nicht mehr, ja es schlug der kühne Unternehmungsgeist Österreich-Ungarns in eine dauernde Überempfindlichkeit gegenüber den russischen Massen um. Allen Anstrengungen der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die erlittenen schweren Schäden zu beheben, stellten sich unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir versagen zu können. Ich möchte nur die Frage aufwerfen: Wie hätte es Menschenkräften gelingen können, einen neuen erhebenden Antrieb einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Völkergemisch der Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blüte des Willens, der Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstürmen so schwer gelitten hatte, einigermaßen wieder auf die alte Höhe gebracht werden? Vergessen wir nicht, daß Österreich-Ungarn keineswegs über die geistigen Kräfte verfügte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schöpfen vermochte.

Ein Irrtum lag in der Annahme, daß die österreichisch-ungarische Armee in ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rückgang des Wertes ihrer Truppen überall gleichmäßig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfügte bis zuletzt über hochwertige Verbände. Ein starker Hang zu einem ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an vielen Stellen. Besonders war auch die höhere österreichisch-ungarische Truppenführung hiervon nicht unberührt. Nur so konnte es kommen, daß selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres Bundesgenossen ganz überraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins Gegenteil verkehrte.

Durch die berührten Erscheinungen wurde natürlicherweise ein Element großer Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht überraschendes Nachgeben verbündeter Heeresteile unerwartet vor ganz veränderte Lagen stellen und dadurch unsere Pläne umwerfen würde. Schwächemomente treten in den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur begründet. Die Führung muß damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor, dessen Größe aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe werden jedoch solche Momente meist rasch überwunden, oder es bleibt selbst im größten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und Widerstandswille übrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern völlig verbrennt. Das Unheil fällt dann verheerend nicht nur auf die betroffene Truppe sondern auch auf die anschließenden oder eingestreuten zäheren Verbände; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Rücken gefaßt und erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften. Das war so oft das traurige Ende unserer in österreichisch-ungarische Fronten eingebauten Stützen. War es ein Wunder, daß hierdurch die Stimmung unserer Truppen gegenüber den österreichisch-ungarischen Waffengefährten nicht immer vertrauensvoll und günstig war?

Im großen und ganzen dürfen wir aber die Leistungen Österreichs-Ungarns in diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschätzen und bitteren Gefühlen nachhängen, die manchmal unter dem Eindruck enttäuschter Erwartungen entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse. Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hüten, im gemeinsamen Unglück uns innerlich zu trennen.

Einen anderen inneren Aufbau als das österreichisch-ungarische Heer hatte das bulgarische. Es war national in sich völlig geschlossen. Die bulgarische Armee hatte im großen Kriege bis zum Herbste 1916 verhältnismäßig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes dürfte aber nicht vergessen werden, daß sie erst vor kurzem einen anderen mörderischen Krieg überstanden hatte, in dem der größte Teil der Blüte des Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig wie in Österreich-Ungarn. Die verhältnismäßig noch primitiven Zustände des Balkanlandes erschwerten außerdem dem Heere Einführung und Gebrauch mancher für den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fühlbar, als auch an der mazedonischen Front vollwertige französische und englische Truppenteile uns gegenüberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Überraschendes darin gefunden werden, daß wir Bulgarien nicht nur mit materiellen Mitteln, sondern auch mit personellen Kräften unterstützen mußten.

Wieder anders als in der österreichisch-ungarischen und der bulgarischen Armee lagen die Verhältnisse in der türkischen. Unsere deutsche Militärmission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken, geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerrütteten Verhältnissen des türkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es gelungen, eine große Anzahl türkischer Verbände mobil zu machen. Die Armee hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in Armenien außerordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre Leistungsfähigkeit für die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunächst gestellte Aufgabe: Verteidigung des türkischen Landbesitzes, ausreichend. Ja, es war sogar möglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmählich auf europäischem Boden zu verwenden. Unsere militärische Unterstützung der Türkei beschränkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die für die asiatischen Kriegsschauplätze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen wurden von uns mit Zustimmung der türkischen Obersten Heeresleitung nach und nach zurückgezogen, je nachdem die Türkei imstande war, das Material dieser Formationen selbst zu übernehmen und zu bedienen.

Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordküste Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsächlich Gewehre und Schießbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten sie doch außerordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der mohammedanischen Stämme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes für unsere Kriegführung lassen sich bis jetzt noch nicht überblicken; vielleicht waren sie größer, als wir es damals ahnen konnten.

Selbst über die Nordküste Afrikas hinaus versuchten wir unseren Waffengenossen Unterstützung zu bringen. So traten wir unter anderm dem von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken näher, den Stämmen im Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren, finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch aufrührerische Nomadenstämme der arabischen Wüste versperrt war, und die Küsten des Roten Meeres für unsere Unterseeboote wegen ihres nicht genügenden Aktionsradius unerreichbar waren, so wäre uns nur der Luftweg übrig geblieben. Zu meinem größten Bedauern verfügten wir aber damals noch nicht über ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer Fahrt über die große Wüste mit Sicherheit hätte überwinden können. Die Durchführung des Planes mußte also unterbleiben.

In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwähnen, daß ich 1917 den Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und Medikamente zuzuführen, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das Zeppelinschiff mußte bekanntlich über dem Sudan umkehren, da unsere Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Süden gerückt war und ihre Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen Gefühlen ich während des Krieges die Taten und fast übermenschlichen Leistungen dieser prächtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner näheren Ausführung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergängliches Denkmal deutschen Heldentums errichtet.

Rückblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muß ich anerkennen, daß sie die ihnen eigenen Kräfte in dem gemeinsamen Dienst unserer großen Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen, wirtschaftlichen, militärischen und ethischen Mittel ihnen das ermöglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen anderen diesem Ideal uns am meisten näherten, so war das nur möglich, infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewußten inneren Kräfte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte angesammelt hatten, Kräfte, die in allen Schichten des Vaterlandes vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in beständiger Regung sich weiter stärkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund ist und unverdorbene Lebenskräfte ihn so stark durchfluten, daß die ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar vollbrachten weit über die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere Bündnisse uns stellten.

Daß dem so sein konnte, dafür gebührt der Dank geschichtlich nachweisbar vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche deutscher Größe unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Überlieferungen seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des Volkes und arbeitete unermüdlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, während des Krieges der Kern aller Kraftäußerung.

Pleß

Das oberschlesische Städtchen Pleß war von der deutschen Obersten Heeresleitung schon in früheren Zeitabschnitten des Krieges als vorübergehender Sitz des Großen Hauptquartiers gewählt worden. Der Grund dieser Wahl lag in der Nähe des Aufenthaltes des k. u. k. Armee-Oberkommandos in der österreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der Vorteil, der sich aus der Möglichkeit rascher und persönlicher Aussprache zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt maßgebend für den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.

Das deutsche Große Hauptquartier bildete natürlicherweise den Treffpunkt deutscher und verbündeter Fürstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen Herrn über politische und militärische Fragen unmittelbare Rücksprache nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort näher zu treten die Ehre hatte, zählte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit über die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es dabei, in den großen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rücken. Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch die endgültige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehörigen unter einheitlicher Führung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenüber niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines ältesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaßen der Privatsekretär seines königlichen Vaters und schien mir in die geheimsten politischen Gedankengänge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurückhaltung. Das väterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.

Die Außenpolitik seines Staates führte der Zar im wesentlichen ganz allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich glaube aber, daß er es verstand, mitten in der oftmals einreißenden parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle Balkanvölker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Übergangs von einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fürchte, daß diese oft so vortrefflich beanlagten Völkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.

Der bulgarische König war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten Herrscher. Uns gegenüber bewährte er sich als treuer Bundesgenosse.

Während unseres Aufenthaltes in Pleß starb Kaiser Franz Joseph. Sein Heimgang war für das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen Größe wohl erst später voll gewürdigt werden kann. Es unterlag keinem Zweifel, daß mit seinem Tode für die Völkervielheit der Doppelmonarchie der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem ehrwürdigen, greisen Kaiser ein großer Teil des nationalen Gewissens des verschiedenstämmigen Reiches für immer ins Grab.

Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenübergestellt war, lassen sich in ihrer Größe und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen. Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch völkisch versöhnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen gegenüber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise. Das Mittel versagte völlig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren gemeinsamen Feinden längst geschlossen und waren weit entfernt, ihn freiwillig wieder zu kündigen.

Bei den vielfachen regen persönlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt in Pleß mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hötzendorf brachte, bestätigte sich mir der Eindruck, den ich schon früher von ihm als Soldat und Führer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte Persönlichkeit, ein glühender österreichischer Patriot und ein warmherziger Anhänger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische Einflüsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos aus tiefster Überzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem operativen Denken sehr großzügig; er verstand es, die Kernpunkte unserer gemeinsamen, großen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden Nebendinge herauszuschälen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der Verhältnisse des Balkans und Italiens.