Auf märkischer Erde

Part 9

Chapter 93,752 wordsPublic domain

„Ja, so, Herr von Hackentin -- es schweben noch verschiedene Engagementsanträge. Eigentlich sollte ich wieder an die Newa. Aber das Klima bekommt mir auf die Dauer nicht. Dann hieß es Wien. Ließe ich mir schon eher gefallen. Die goldige Kaiserstadt an der Donau, wo der Spieß mit dem Backhändl dran sich allezeit dreht. Eine wirkliche Musikstadt zugleich. Freilich, am liebsten möchte ich mich für eine Saison gar nicht binden. Nur gastieren -- mit einem ~pied-à-terre~ hier. Berlin hat es mir nun einmal angetan -- neuerdings --“

Wie er das letzte sagte, fühlte sie, daß sein Auge das ihre suchte. Und mit einem Male überkam sie wieder die Angst, die sie heute früh geschüttelt hatte. Glühend heiß und eiseskalt. Es war nicht mehr der gute Kamerad, der da neben ihr herschritt, dem man dankbar sein mußte: Es war das Schicksal.

Starr sah sie geradeaus.

„Wien ... ja ... eine herrliche Stadt“, hörte sie Wilhelm neben sich. „Ein bissel Phäakenstadt. Aber das reiche wunderbare Hinterland, Ungarn, der ganze Orient -- da ist noch eine Zukunft. Da ist viel Geld zu verdienen. Und Sie würden doch lieber hierbleiben? Ist kein Platz für Sie an unserer Oper?“

„Kaum, höchstens als Gast. Hier schwört man zu dem schönen Woworski --“ er zog ein wenig die Achseln hoch -- „dann soll ja auch Albert Niemann herkommen. Und schließlich: Exzellenz von Hülsen ist mir persönlich nicht allzu sympathisch. Er sieht mir sein Theaterreich zu sehr wie eine Kompagnie Soldaten an. Aber ich bleibe doch wohl in Berlin. Ich kann mich, ich will mich jetzt hier nicht loslösen ...“

Wieder fühlte sie seinen Blick. Und wieder sah sie starr geradeaus.

Da rief Wilhelm: „Lene, das Brandenburger Tor! Siehst du die Quadriga? Weißt du: Vater erzählt so gern davon, wie sie Napoleon geraubt hat und wie wir sie uns wiedergeholt haben! Anno achtzehnhundertvierzehn. Du ... hör’ mal ... du hast Glück heute ...“

Von jenseits des Tores klang Trommelwirbel, von dem Wachthause her. Und dann rollte aus der mittelsten Toröffnung ein schlichter, zweispänniger offener Wagen. Ein Greis saß darin, mit weißem Bart, ausrasiert am Kinn. Gerade aufgerichtet saß er in seiner schmucklosen Uniform, dem geschlossenen Paletot, der hohen Mütze.

„Der König --“

Ganz dicht fuhr der Wagen an ihnen vorüber. Helene verneigte sich tief. Es durchschauerte sie: gar nicht tief genug konnte sie sich neigen vor des Königs Majestät. So war es ihr von klein auf gesagt und gelehrt worden.

Ein paar Leute standen rechts, standen links. Nur wenige grüßten.

Und dabei hatte der königliche Greis so huldreich an den Mützenschirm gefaßt; fast war es, als ob sein gutes klares Auge auf einen Moment auf der kleinen Gruppe geweilt hätte, als ob über das ernste Antlitz der Schein eines gütigen Lächelns geglitten wäre.

„Warum grüßen denn die Leute nicht, Wilhelm?“ Jetzt endlich fand Helene die Sprache wieder, und in ihr klang ein Ton der Empörung. „Muß man den König denn nicht grüßen?“

„Du Kind! Ja, man müßte. Aber man muß nicht. Dem Prinz-Regenten haben sie noch zugejubelt. Jetzt ist das anders. Seit ein paar Monaten besonders. Die Regierung ist unbeliebt, und der Berliner hält sich für verpflichtet, das auch dem König zu markieren. Manchmal denk ich: gut, daß Vater still in Rohlbeck sitzt. Der würde seinen Zorn nicht bändigen können.“

Sie waren durch das Tor geschritten. Die Wache war unter Gewehr. Es mußte soeben abgelöst worden sein. Die Gardeschützen waren aufgezogen. Über die grünen Röcke und die goldenen Knöpfe blitzte die Sonne. Und da -- am Flügel seiner Mannschaft stand Merivaux, den Degen noch in der Hand.

„~Bon jour, monsieur de Merivaux~“ rief Wilhelm über das Gitter.

Der junge Offizier blickte überrascht auf, senkte den Degen zum Gruß. „Weggetreten“, kommandierte er mit heller Stimme. Die Büchsen klirrten gegen die Gewehrständer, es gab auf einen Moment ein Rasseln und Rauschen. Dann, so schien es, wollte der Neuchateller an das Gitter treten. Aber als ob er sich im letzten Augenblick besönne, grüßte er nur noch einmal und wandte sich nach der Säulenhalle, wo der Kamerad, den er abgelöst hatte, wartend stand.

„~Monsieur de Merivaux~ makte ja ein serr brummiges Gesicht.“ Es klang etwas spöttisch, wie Schwarz das sagte. Es klang etwas komödienhaft mit der übertriebenen Nachahmung des Akzents. Und es sah spöttisch und herausfordernd zugleich aus, wie er dabei mit seinem dünnen Stöckchen gegen die Beinkleider klopfte.

Drüben stand eine einsame Droschke.

„Können wir nicht nach Hause fahren“, bat Helene plötzlich. „Ich bin so müde, Wilhelm.“

* * *

Nun war Helene Hackentin bei der Tante Oschitz untergebracht. „Auf ein paar Wochen,“ hatte Vater geschrieben, „das heißt, wenn wir’s so lange ohne dich aushalten.“ „Ich behalte dich auch ein paar Monate,“ hatte Tante Marianne gesagt, „das heißt, wenn du keine Späne machst.“

Frau von Oschitz bewohnte dasselbe kleine Haus in der Tiergartenstraße, das der verstorbene Geheime Rat vor einem Vierteljahrhundert gekauft hatte. Rechts nach der Bendlerstraße zu war vor wenigen Jahren ein dreistöckiges Miethaus entstanden, links eine große Villa aufgeführt worden. Dazwischen stand das graue Häuslein, das noch aus der kurfürstlichen Zeit stammte und einst ein Lustschlößchen gewesen sein sollte; ein tiefer Vorgarten schied es von der Straße; dahinter dehnte sich ein noch größerer, wenig gepflegter Garten bis zum Landwehrgraben. „Meine Insel“ nannte Tante Oschitz ihren Besitz manchmal, und er war wirklich wie ein abgeschiedenes Stückchen Erde. Wenn Helene in der ungeheuerlich tiefen Fensternische stand, in der ein ganzer Schreibtisch Platz gefunden hatte, und in den Garten hinaussah, konnte sie denken, daß sie in Rohlbeck wäre. Der Lärm der Stadt drang nicht bis hierher, die weite, von hohen Bäumen umrahmte Rasenfläche glich einer Wiese, und sogar eine Stallung fehlte nicht. Die Pferde freilich hatte Tante Marianne bald nach dem Tode ihres Mannes abgeschafft. „Das Geld, das sie fressen, kann ich besser verwenden.“

Die kleine, zarte Dame sollte einst eine Schönheit gewesen sein. Heut sah man wenig davon. Das Gesicht war mit Fältchen übersät, vor der Zeit gealtert. So hieß sie in der Familie die +alte+ Tante Oschitz und war doch noch gar nicht so sehr alt. Helene wußte das: Mutter, die immer gern den Jahren anderer nachrechnete, hatte oft genug davon erzählt: Marianne Hackentin war Hofdame bei der Prinzessin der Niederlande gewesen, hatte ungezählte Körbe ausgeteilt und erst mit dreißig und einigen Jahren, als sie „längst aus dem Schneider heraus war“, wie Mama das ausdrückte, den Geheimrat erhört -- „Matthäi am letzten“. Der einzige Sohn aber, Harro, war siebzehn. Also hatte Tante Marianne etwa die Fünfzig erreicht. Helene kam sie vor wie eine Greisin. Und die kleine, schwächliche Frau wußte sich, bei aller Güte, auch den Respekt einer Greisin zu wahren. Selbst dann, wenn man manchmal gern über sie gelacht hätte.

Einst, erzählte man in der Familie, sollte Tante Oschitz sehr lebenslustig gewesen sein. Mit ihrer Verheiratung war eine Veränderung ihres Wesens eingetreten, über die sogar der Rackower, ihr Jugendfreund, noch heute den Kopf schüttelte; seit sie Witwe war, lebte sie fast ganz weltabgeschieden. Nur ihrem Harro und ihren guten Werken; allenfalls noch ihrer Porzellansammlung, obwohl sie jeden Groschen, den sie dafür ausgab, eigentlich als Sünde betrachtete. Sie war sehr fromm. Die Landeskirche genügte ihr nicht, und sie hatte sich einem kleinen Kreise ähnlich gerichteter Seelen angeschlossen, die der Pastor Müller um sich versammelte. Ein Geistlicher, der auch aus der Landeskirche ausgeschieden war. „Tränen-Müller“ hieß er unter den Ketzern Berlins, denn in seinen Konventikeln sollten die Tränlein fließen wie Bächlein auf den Wiesen.

Als Tante Oschitz zum letzten Male in Rohlbeck gewesen war, hatte sie ein gewaltiges Ringen mit dem alten Heckstein gehabt. Seitdem streckte der, sobald die Rede auf sie kam, immer abwehrend beide Hände aus: „Hackentin, verschone mich bloß mit der Oschitzen. Die ist mir über.“ Und dazu lachte der „dreimal gesottene Rationalist“, -- so hatte sie ihn genannt, bis er nicht mehr konnte.

Übrigens mußte Helene dem „Tränen-Müller“ eigentlich dankbar sein. Das Zünglein, ob Tante Marianne sie auf längere Zeit aufnehmen wollte oder nicht, hatte anfangs ein wenig geschwankt, aber er hatte für sie entschieden. Der schöne Mann liebte die „Schönheit der Kreatur“, wie er es ausdrückte. Als der sich an einem der ersten Abende einfand, hatte Helene das Zimmer verlassen wollen, um nicht zu stören. Da war er auf sie zugekommen, hatte seine weißen, weichen Hände sanft auf ihre Schultern gelegt, sie auf den Stuhl niedergedrückt und mit seiner unendlich milden Stimme gesagt: „So bleiben Sie doch, liebes Kind. Ich sehe Sie so gern an.“ Und außerdem liebte er die Musik, sogar die weltliche. Von ihm zuerst hörte sie vom trefflichen Grell, dem Direktor der Singakademie, und vom Sternschen Gesangverein.

Es war sehr still auf der einsamen Insel. Tante Marianne liebte die tiefste Ruhe um sich her. Die Dienstboten schlichen auf Filzsohlen und flüsterten nur. Sogar Harro war auf diese Stille hin erzogen, er sprach im Hause immer vorsichtig und gedämpft. Und doch sprühte dem blonden Gymnasiasten das helle Leben, ja der Übermut aus den blauen, glänzenden Augen. Manchmal, wenn er mit Helene im hinteren Garten spazieren ging, rief er plötzlich laut: „Laß uns laufen! Um die Wette laufen! Bis uns der Atem ausgeht!“ Das taten sie dann. Sie rasten an den hohen Taxushecken entlang bis zum Landwehrgraben und wieder zurück, bis sie wirklich nicht mehr konnten und stehenbleiben mußten, mit roten Wangen und jagenden Pulsen. „Ah, war das schön! War das schön!“

‚Ein Prachtjunge, der Harro! Man muß ihn gern haben!‘ dachte Helene dann. ‚Wer weiß, ob ich’s ohne ihn so gut aushielte auf der einsamen Insel?‘

Denn Tante Oschitz hatte auch ihre „Mucken“. Sie tyrannisierte auf ihre milde Art das ganze Haus und alles, was darin war.

„Nimm dich in acht vor Tante Marianne!“ hatte Wilhelm bei der Übersiedlung gesagt. „Es hat manchem nicht gut getan, mit ihr Kirschen essen zu wollen.“

Dabei standen sich eigentlich gerade der Bruder und Tante Oschitz merkwürdig gut. Manchmal saß Wilhelm wohl eine Stunde und länger bei ihr allein. Manchmal hörte sie fast andächtig zu, wenn er von seinen Projekten sprach. Manchmal freilich strich sie ihm auch eine bittere Wahrheit fingerdick aufs Brot. Gleich in den ersten Tagen einmal. Da hatte er ihr im Auftrag von Vater von der Pension gesprochen, die der für Helene bezahlen wollte.

„Nein, mein lieber Wilhelm, Geld nehme ich nicht. Der Rittmeister hat’s nicht dazu, wird schon seine Mühe haben, das sündhaft schwere Geld für den Unterricht aufzubringen. In Rohlbeck konnte man ja nie rechnen, hat immer nur depensiert. So ist’s denn da immer weiter bergab gegangen.“ Sie sagte es, die Hände im Schoß gekreuzt, mit sanfter Stimme, die aber einen eigen bestimmten Klang hatte.

„Sparsam genug haben Vater und Mutter, weiß Gott, gelebt.“

„Laß doch den lieben Gott aus dem Spiel. Ja, sparsam haben sie gelebt, aber wirtschaften konnten sie nicht. Damit sind sie bei aufgepritschten Brotsuppen und Braunbier auf den Hund gekommen. Ich hab’s doch noch erlebt, als deine Mutter ihr letztes Väterliches ausgezahlt bekam. Dreißigtausend Taler waren es, und in zwei Goldtönnchen ist’s in Rohlbeck angekommen. Was haben sie damit gemacht? Die Tönnchen unter ihre Betten gestellt, und wenn jemand Geld brauchte, dann langte er hinein. Wenn ich’s nicht beschwören könnte, würde ich’s selber nicht glauben. Nicht zinstragend angelegt, nichts -- nichts! Einfach aufgebraucht, bei Wassersuppen und Braunbier. Und dabei ist Heinersdorf verkauft worden, und Grunow mußte verkauft werden. Es ist eigentlich gar nicht auszudenken. Sünde ist’s -- Sünde!“

„Die alte Zeit, Tante Marianne. Mir wär’s auch lieber; die Eltern hätten besser gewirtschaftet und ich brauchte mich hier nicht zu schinden.“

„Wie häßlich gesagt -- schinden? Geldverdienen ist ehrliche Arbeit. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen, steht in der Heiligen Schrift. Ich laß es dir übrigens, du bist ein emsiger Mann, in deiner Art. Aber daneben steckt das Rohlbecker Blut in dir. Dem kann nicht genug gesteuert werden.“ --

Still und friedfertig floß das Leben dahin auf der einsamen Insel.

Aber die Stille und der Friede des Hauses, denen sich Helene äußerlich anzupassen hatte, füllten ihr Herz nicht. Ihr Herz war unruhig und voller Unrast.

In ihren Nöten war die Kunst ihr einziger Halt. Doch je weiter die Zeit ging, desto mehr fühlte sie, auch die Kunst war nur ein zerbrechlicher Stecken für sie. Der stärkste Fleiß half da nicht. Er mochte die Stunden töten. Daneben aber blieben andere Stunden, in denen ihre Kunst nur ihre Seele immer stärker aufpeitschte.

Wohl war Frau Harriers-Wippern zufrieden. Fast immer gleich zufrieden. Helene sah es ihr mehr an, als daß sie es aussprach, denn sie war ziemlich karg mit Anerkennung und Lob und verlangte viel, was Helene zuerst ganz wunderlich vorkam: endlose Atemübungen, sorgsame Studien vor dem Spiegel, predigte immer wieder: „Langsam -- langsam! Geduld, Fräulein von Hackentin!“ Bisweilen aber nannte sie sie doch ihre liebste Schülerin, bisweilen sprach sie doch von erstaunlich schnellen Fortschritten. Aber dann und wann, und nur immer häufiger, schüttelte sie auch den Kopf: „Sie dürfen sich nicht überanstrengen, liebes Kind.“

„Es strengt mich nicht an. Nie! Nie!“

„Sie wissen das selbst nicht. Mir kann das nicht entgehen. Ihr Temperament reißt Sie zu sehr fort. Es ist etwas Herrliches, gerade für unsere Kunst, um ein starkes Temperament. Nur müssen wir es straff im Zügel zu halten wissen. Bei Ihnen steigert’s sich manchmal bis zur Leidenschaftlichkeit.“

Und Helene wußte: ja -- bis zur Leidenschaft!

Das war ihr Schicksal. Er war ihr Schicksal.

Sie hatte sich dagegen gesträubt mit aller Kraft ihres Willens. Mit all ihrem Stolz. Es war stärker als sie.

* * *

Alfred Schwarz war wirklich in Berlin geblieben. War wenigstens meist in Berlin. Ende Oktober gastierte er in der Friedrich-Wilhelmstadt; unmittelbar nach Theodor Wachtel und mit gleich großem Erfolge.

Sie hatte ihn bis dahin nur wenige Male gesehen. Einmal traf sie ihn zufällig -- war es zufällig? -- im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern. Einmal begegnete sie ihm auf dem Wege zu ihrer Lehrerin. Sie sprachen nur knappe Worte miteinander. Er erkundigte sich nach ihren Fortschritten, wie sie sich eingelebt hätte. Sie gab so kurz als möglich Auskunft, nur so viel, als die kargste Höflichkeit forderte. Kaum so viel: denn die Abwehr lohte in ihrer Seele.

Aber sie mußte an ihn denken, Tag und Nacht. Im Zorn auf ihn und auf sich selber. In schmerzvoller Sehnsucht dann. Immer sah sie ihn vor sich, immer hörte sie seine Stimme. Mitten im Traum schrak sie auf: sie waren wieder in Rackow gewesen, er hatte wieder die „Letzte Rose“ gesungen, er hatte wieder gesagt: nur für Sie -- nur für dich! Sie schrak auf und biß vor Scham in ihr Kissen und weinte --

Und nun gastierte er -- Frau Harriers-Wippern hatte es beiläufig erzählt -- in der Friedrich-Wilhelmstadt.

Ein paar Male war sie in der Königlichen Oper gewesen. Auf Billetts ihrer Lehrerin. Das gehörte ja zu ihrer Ausbildung. Ein paar Male auch in Konzerten. Einmal hatte sie Tante Oschitz in eine Beethovensche Symphonie begleitet, ein andermal durfte Harro mit ihr in ein Stockhausensches Konzert. Der gute Junge! Fast hätte er laut aufgejubelt, und wie er den ritterlichen Kavalier spielte!

Aber die Friedrich-Wilhelmstadt: Tante Marianne hätte nur die Achseln gezuckt. Und sie durfte doch auch nicht fragen, nicht bitten. Sie wollte ja auch gar nicht ... Nein! Nein! Nein!

Da kam Wilhelm: „Lene, hier! Herr Schwarz hat mir zwei Billetts geschickt ...“

Nein! Nein! -- Ja! Ja!

Tante Oschitz machte eine bedenkliche Miene, aber Wilhelm streichelte sie mit klugen Worten.

Er sang den Postillion.

Und es war fast eine Enttäuschung. Er sang wundervoll, er spielte hinreißend. Das Haus jubelte ihm zu, wie es kaum Wachtel zugejubelt hatte. Und dennoch war es eine Enttäuschung: sie mochte ihn nicht als Postillion. Es tat ihr weh, ihn mit der Peitsche knallen zu hören. Es war ihr wie eine Erniedrigung. Sie schalt mit sich selber -- und sie war doch auch froh darüber; erleichtert fast.

Zwei Tage darauf fuhren am Nachmittag die Rackower vor.

Frau Marie und Frau Marianne liebten sich nicht und waren daher doppelt artig gegeneinander. Immer erkundigten sie sich nach ihren beiderseitigen Interessen, für die sie doch kein Interesse hatten. Tante Marie nach der Mission in Indien, Tante Oschitz nach den Winterplänen der Rackower. Immer mit kleinen Malicen zwischen allen Artigkeiten. Onkel Ernst gab Harro einen derben Klaps: „Nun, mein Junge, wann hast du denn endlich die gräßlichen Schulbänke hinter dir?“ und tätschelte Helene beide Wangen: „Viele Grüße aus Rohlbeck. Sind alle gut zu Wege, bißchen fatigue siehst du aus, Leneken ...“ Dabei sah er schmunzelnd unter seinem Monokel um die Ecke auf die beiden Damen, die sich drüben am Kaffeetisch so eifrig und stimmungsvoll unterhielten.

Und dann hieß es: „Heut abend entführen wir dir natürlich die Lene. Aber, liebste Kusine, das ist doch selbstverständlich. Mach’ bloß kein so böses Gesicht. Wir liefern dir unsere Lene auch pflichtschuldigst persönlich ab. Um den Hausschlüssel müssen wir freilich bitten.“

Den Hausschlüssel bekam Helene nicht. Aber Urlaub bekam sie -- „es wird auf dich gewartet werden.“

Vom Theater kein Wort. Und doch wußte Helene: heut abend singt er in Flotows „Martha“. Heut abend höre ich wieder die „Letzte Rose“ ...

Ganz still saß sie nachher im Wagen. Wußte nicht, ob sie sich freuen oder fürchten sollte. Würde es wieder eine Enttäuschung sein? Vielleicht konnte sie es überhaupt nicht vertragen, ihn auf der Bühne zu sehen, im Komödiantengewand, geschminkt und aufgeputzt. Vielleicht konnte sie den lärmenden Beifall nicht ertragen, der ihm zujauchzte. So schön wie in Rackow sang er auch gewiß nicht ... damals, als er nur für sie gesungen hatte ...

Dabei mußte sie Rede und Antwort stehen. Über ihren Unterricht, über Tante Marianne. Ja, und dann sprach Tante Marie wieder von Rohlbeck. Rohlbeck ... Rohlbeck ... was war das eigentlich? Wo lag das? Es war ja fast wie ausgelöscht in ihrer Erinnerung. Selten nur hatte sie in all der letzten Zeit an die Eltern gedacht, an Martha ... gerade nur die Pflichtbriefe hatte sie geschrieben. Sie verlangten ja auch nicht viel Nachricht daheim, das Porto war teuer. Ja ... und nun pochte das auch wieder an ...

„Der Rittmeister und Fritz haben sich gründlich brouilliert. Kein Wunder: Fritz ist dem liberalen Wahlverein beigetreten. Ein Hackentin. Eigentlich wirklich ein Skandal. Die Politik ...“

Ach, was ging sie die Politik an. Heut abend hörte sie die „Letzte Rose“ ...

Sie saßen in der Fremdenloge. Vorn Tante Marie und Helene, dahinter Onkel Ernst. Und kaum hatte er die Bühne betreten, so wußte sie, daß er sie bemerkt hatte -- wußte: heut singt er wieder nur für dich. Nur für dich. Mag das ganze Haus ihm zujubeln und toben: er singt nur für dich! Nur für dich!

Es versank alles vor ihr. All der Firlefanz dort oben zwischen den gemalten Kulissen. Sie sah auch nicht darauf hin, sah auch kaum ihn. Nur hören -- lauschen -- lauschen --

Heut zum ersten Male schmolz auch ihre Abwehr, schmolz ihr Stolz. Nichts war in ihr als ein läutendes reines Glücksklingen.

Bis der Vorhang zum letzten Male fiel.

„Na, kleine Enthusiastin! War’s schön?“ meinte Onkel Ernst, während der Logenschließer ihm in den Pelz half. „Mariechen, wir fahren gleich nach dem Hotel. Schwarz kann in einer Viertelstunde auch dort sein.“

Zuerst verstand sie nicht. Dann bäumte es sich in ihrem Herzen auf. Ihn wiedersehen! Heute noch ... nach diesen Stunden! Fast wie eine Unmöglichkeit erschien es ihr. Als ein Traum, als unfaßbares Glück, und doch bebte und zitterte sie vor der Minute, in der seine Augen den ihren begegnen, seine Hand die ihre fassen würde.

„Wer kommt denn noch, Ernst?“

Onkel Ernst nannte ein paar Namen, gleichgültige Namen. Offiziere wahrscheinlich, Diplomaten. „Merivaux hat abgeschrieben. Die Gardeschützen haben eine große Übung im Terrain.“

Merivaux! Richtig ... der Neuchateller. Ja -- so! Mein Gott, wie gleichgültig das alles war.

Und dann, schon im Wagen, mußte sie es doch sagen: „Tante Oschitz wird ungehalten sein. Ich möchte lieber nach Hause.“ Sprach’s, wußte, daß es Lüge war und doch auch Wahrheit.

Es war zu dunkel, als daß die Rackower die Blutwelle hätten sehen können, die ihre Wangen überflutete. Das Rollen des Wagens übertönte den angstvoll zitternden Ton ihrer Stimme. Onkel Ernst sagte nur: „Ach du Schäfchen ...“

Ein paar Minuten darauf stand sie im Salon des Hotel de Rome. Es wurden ihr ein paar Herren vorgestellt, sie hörte die Namen nicht. Man sagte ihr einige Artigkeiten, sie fand nur ein Lächeln. Das Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf.

Dann war er mit einem Male da. In der Tür stand er, im Frack mit weißer Binde, sah sich um, suchte sie ... ja ... suchte sie ...

Sie las auf seinem Gesicht noch die Erregung der Bühne. Dann ein ganz leichtes, fast unmerkliches Kopfneigen zu ihr hinüber, ein frohes Lächeln: ‚Da bist du ja ... ich bin so glücklich, daß du hier bist ...‘ und er trat zu Tante Marie, küßte ihr die Hand.

Tante Marie hielt Cercle. Sie saß am Kamin, als einzige Dame; die Herren standen um sie herum, plauderten, Deutsch und Französisch. Nun winkte sie mit dem Fächer: „Helene ...“

Wie schwer ihr die wenigen Schritte wurden. Als ob sie Blei an den Sohlen trüge; und sie hätte doch fliegen mögen.

„Mignonne, Herr Schwarz wollte dich begrüßen.“

Wortlos stand sie, knickste, unbewußt, was sie tat, fühlte seine Hand, empfand seinen Blick, wagte die Augen nicht zu erheben. Ihn nicht anzusehen. Denn sie fühlte: siehst du ihn an, jetzt an, so weiß er, daß du sein willenloses Geschöpf bist, für immer und ewig.

Da öffneten sich auch schon die Flügeltüren. Der Oberkellner kam majestätisch auf Tante Marie zu: „~Madame, est servi.~“ Ein fremder Herr verbeugte sich: „Gnädiges Fräulein, ich habe die Ehre ...“ Sie legte ihre Hand in seinen Arm. Einmal dachte sie, wie im Fluge: ‚Ein Glück, daß er dich nicht führt.‘ Dann: ‚Wärst du doch weit von hier, bei Tante Oschitz und Harro, oder in Rohlbeck ...‘ Dann wieder: ‚Wirst du ihn nachher noch sprechen?‘ ...

Erst als sie saßen, als Graf Werther ein paar Worte zu ihr gesprochen hatte, bemerkte sie, daß Alfred Schwarz ihr zur Rechten saß. Wieder schrak sie zusammen, wieder wagte sie nicht, aufzusehen, nicht, ihn anzusehen. Und sehnte sich doch mit aller Leidenschaft ihrer Seele nach einem Blick aus seinen Augen, nach einem Wort von seinen Lippen.

Dann fiel ihr mit einem Male ein, daß Vater wohl manchmal gesagt hatte: „Bist doch mein tapferes Mädel!“ Sie klammerte sich an das Wort. ‚Nein: nicht feige sein! Ankämpfen, ankämpfen! Um Gottes willen, was sollen denn diese fremden Menschen denken?‘

Es war ihr immer noch, als säße sie in einem großen Schleier. Nur undeutlich sah sie drüben die weiße Feder auf dem Turban, den Tante Marie trug, und den blitzenden Crachat auf der Brust des Herrn neben ihr. Nur undeutlich hörte sie, was man sprach. Aber nun zwang sie sich. ‚Bist doch mein tapferes Mädel!’ Nun kämpfte sie gegen sich an. Und langsam, ganz langsam sank der Schleier nieder. Der Wille kam ihr zurück. Sie nahm ein paar Bissen, sie trank hastig ein Glas Champagner. Sie konnte jetzt antworten. „Ja, ich bin noch nicht lange in Berlin.“ -- „Jawohl, es gefällt mir ausgezeichnet.“ ... „Bei meiner Tante Oschitz.“ -- „Ganz richtig, mein verstorbener Onkel war Vortragender Rat im Kultusministerium.“