Part 8
Immer neue Straßen, breite und enge, immer neue Häusermassen. Immer mächtiger und höher, immer heller beleuchtet, immer reicher die Schaufenster, immer stärker der Verkehr.
„Das ist der Dönhofsplatz, Lene. Sieh mal, das ist das Abgeordnetenhaus -- da zerbrechen sich die angeblich Weisesten die Köpfe um das Wohl und Wehe des Landes. So -- und nun kommt unsere gute ‚Stadt London‘.“
Der Oberkellner, ein pikfeiner Herr im Frack und weißer Weste, stand am Eingang und dienerte: „Die Zimmer sind bereit, Herr Baron. Nr. 34 für das gnädigste Fräulein.“ Die teppichbelegte Treppe ging’s hinauf, eins, zwei Stockwerke hoch, daß einem der Atem fast versagte. „Hier, Lene -- vorläufig nimm vorlieb“, sagte Bruder Wilhelm. „Dein Koffer kommt sofort. Mach’ dich recht schnell ein bissel zurecht, wir essen nachher unten.“
Groß war das Zimmer Nr. 34 nicht, und schön war es auch nicht mit seiner schäbigen Hoteleleganz, dem schmalen Bett, dem kleinen Waschtisch und der Plüschgarnitur, an der die Quasten abgerissen waren. Aber Helene sah das alles nicht. Sie hatte nur einen Wunsch; ein paar Minuten ganz still und ruhig zu sitzen, dort auf dem Bettrand sich ein wenig sammeln zu dürfen, recht zum Bewußtsein zu kommen: du bist nun also wirklich in Berlin. Es war ja alles wie ein Traum.
Lange freilich ließ ihr Wilhelm nicht Zeit. Nach knapp einer Viertelstunde schon pochte er: „Bist du fertig?“ Gerade daß sie noch den Reisestaub abschütteln konnte, das Haar ein wenig glattstreichen. Als sie heraustrat auf den schmalen Korridor, der ihr endlos erschien, wie eine ganze Straße, musterte der Bruder sie. „Na, es mag angehen für heut abend“, sagte er ein wenig von oben herab, aber mit seinem sonnigsten Lächeln.
Dann saßen sie unten im Speisesaal, im strahlenden Licht der großen Gaskronen. Es war ja doch wohl Gaslicht, von dem sie schon so viel gehört hatte? Dies seltsam helle, eigen flackernde Licht, das von der Decke herableuchtete und aus vielarmigen Leuchtern an den weißen Wänden.
Wilhelm bestellte eine Flasche Champagner und suchte ihr in der riesengroßen Speisekarte ein paar Gerichte aus. Aber sie konnte kaum essen. Es war zu überwältigend -- das alles. Der große Saal, in Licht getaucht, die vielen Menschen an den Tischen, das Schwatzen und Lachen der Gäste, die hin und her gleitenden Kellner.
„Prosit, Kleinchen. Was machst du denn für Augen? Fast, als ob du ins Paradies schautest. Ach Kind, gewöhn’ dir das ab. Es ist nicht gut, wenn man sich verwundert zeigt, und mit dem Wasser wird schließlich auch in Berlin gekocht. Da ... trink nur ...“
Und sie trank. Wie Feuer strömte es durch die Adern, stark und süß.
„Ach ... Wilhelm ... lieber Wilhelm ...“
„Ja doch, du kleines Provinzschäfchen. Es ist schon anders wie in Rohlbeck. Was? Aber ob’s immer besser ist? Na, darüber wollen wir uns heut den Kopf nicht zerbrechen. Freuen wir uns der Stunde.“ Er nahm von der Fruchtschale ein paar Rosinen, warf sie in ihren Spitzkelch. „Siehst du, wie das perlt und perlt, wie der Schaum gleich wieder aufsteigt. So ist Berlin. Hier perlt das Leben immer aufs neue hoch, schäumt und schäumt. Trink aus, Lene, trink aus, ehe der Schaum verfliegt.“
Es war wohl spät, als sie die Treppen wieder hinaufstiegen, eins, zwei hohe, steile Treppen. „Wir wohnen dem Himmel nahe, Lene“, scherzte der Bruder. „Schlaf wohl und träume etwas Schönes. Man sagt ja: was man in der ersten Nacht in einem fremden Hause träumt, geht unweigerlich in Erfüllung.“
Die Augen wollten ihr zufallen vor Ermüdung. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Lange, lange nicht. Von der Straße herauf drang es wie ein unaufhörliches Tosen. Wagenrollen auf hartem Pflaster, Hunderte von Menschenstimmen, ebbend jetzt, wieder anschwellend dann.
Aus all dem Hasten dort unten stieg ihr ein Bild der großen Stadt empor, unklar und verworren, wie ein Kind es sich in Gedanken formt und aufbaut. Ein Labyrinth war’s schließlich mit tausend Wegen, die von himmelhohen Wänden eng umschlossen wurden, und sie lief und lief in ihnen umher, ohne ihr Ziel zu finden, immer schneller und immer hastender, stieß mit den Händen überall auf die kalten, öden, eisenharten Steinmauern, wußte nicht ein noch aus ...
Da kam einer, hatte eine hohe Pelzmütze auf, an der ein glitzernder Edelstein funkelte, nahm sie an der Hand, wollte sie führen. „Wir finden schon den Ausweg, Helene Hackentin“, sagte er mit seiner einschmeichelnden Stimme. „Ganz gewiß, wir finden ihn.“ Aber sie hasteten beide weiter und weiter, und immer wieder trafen sie aufs neue himmelhohe, kalte, öde Steinwände, aus denen es keinen Ausweg gab.
Dann war sie, mit einem Male, in der kleinen Kirche von Rohlbeck. Die Orgel klang dünn, wie immer. Der alte Heckstein verließ eben die Kanzel; sie saß im Herrschaftsgestühl, links die Mama und rechts der Vater; auch Martha war da, mit ihrem lieben, glatten, ruhigen Gesicht, das ein wenig traurig aussah. Wilhelm war ja wieder in Berlin. „Das heißt,“ sagte Vater, „Heckstein hat heut schön gepredigt.“ „Nein, Papachen,“ gab Mama zurück, „er hat wieder einmal einen alten Bock geschlachtet.“ „Wenn schon,“ meinte der Vater darauf, „die Hauptsache ist, daß wir unser Kind wiederhaben.“ Und da setzte Kantor Flehr mit dem Schlußgesang ein.
‚Natürlich, du träumst das alles --‘ sagte sich Helene dabei. ‚Träumst es und bist doch eigentlich ganz wach. Hörst ja den Lärm von der Straße und das Laufen auf der Treppe und das Zuschlagen der Türen. Merkwürdig ist das. Aber es ist so schön, dies Träumen. Gerade das letzte, das von Rohlbeck. Und eigentlich hast du heut, den ganzen Tag, noch nicht einmal an Rohlbeck gedacht. An unser liebes altes Rohlbeck -- und an Vater und Mutter ...‘
Da faltete sie die Hände. Sie wollte wohl eines ihrer alten Kindergebete vor sich hersagen. Aber sie kam nicht dazu. Mit einem müden, frohen Lächeln schlief sie ein.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen brachte Wilhelm ein kleines Billett mit an den Frühstückstisch, hielt es der Schwester hin, daß sie gerade nur die Handschrift auf der Adreßseite sehen konnte, und fragte scherzend: „Rate! Von wem?“
Helene hatte prächtig geschlafen und war in rosigster Laune. „Vom Kaiser von Rußland!“ gab sie lachend zurück.
„Nicht ganz, aber beinahe. Von einem gewissen kaiserlich russischen Hofopernsänger wenigstens.“
Er wartete wohl, daß sie heftig zugreifen würde. Doch er irrte. Ihre Hand hob sich zwar, sank aber gleich wieder zurück, und sie machte sich eifrig an ihrem Milchbrot zu tun. Daß ihre Hand dabei ein wenig zitterte, bemerkte er nicht, fragte nur wieder: „Bist du denn gar nicht neugierig?“
„Du wirst mir ja schon sagen, was Herr Schwarz dir geschrieben hat.“
„Sehr richtig bemerkt, Lene. Also laß mal dein Brötchen ruhen ... ist übrigens famos, das Berliner Gebäck, nicht wahr? Anders als die Wassersemmeln, die die Semmelmuhme von Lagow im Tragkorb bringt?“
„Sehr fein ist’s. Also ...“
„Ja, also. Herr Schwarz scheint wirklich einer der liebenswürdigsten Tenore des neunzehnten Jahrhunderts. Er schreibt mir: ‚Sehr verehrter Herr von Hackentin! Gestern hatte ich Gelegenheit, Madame Harriers-Wippern zu sprechen. Sie ist erfreut über die Mitteilungen, die ich ihr machen konnte, und gern bereit, das gnädige Fräulein zu prüfen. Da ich nach unserer Verabredung annehme, daß Sie gestern angekommen sind, habe ich Sie gleich für heut mittag 12½ Uhr angesagt. Meine gehorsamsten Empfehlungen an Fräulein Schwester und die Bitte, daß das gnädige Fräulein sich nicht wegen des Probesingens Sorge macht. Das könnte nur schaden und ist auch total unnötig: ich weiß, was ich gesagt habe, und übernehme jede Garantie. Hochachtungsvollst‘ und so weiter und so weiter ...“
Wilhelm faltete den Brief wieder zusammen: „Hoffentlich bist du gut disponiert, Helene ...“
Er bekam nicht gleich Antwort. Aber diesmal konnte Helene ihre Erregung nicht verbergen. Das Blut strömte ihr ins Gesicht, kam und ging. Das Messerchen, das sie noch in der Hand hielt, klirrte gegen den Teller.
„Aber Helene!“ Er schüttelte den Kopf. „Bist doch sonst solch tapferes Mädel. Du wirst doch singen?“
Sie fand noch immer kein Wort. Es wirbelte in ihrem Kopf. Sie wollte lachen und sagen: ‚Natürlich werd ich singen. Gut werd ich singen. Was denkst du denn eigentlich?!‘, aber ihr war es, als könnte sie nicht einen Ton herausbringen.
Dann streckte sie endlich, immer noch schweigend, die Hand hin. Er gab ihr den Brief. Sie überlas einmal, zweimal die etwas flüchtigen Zeilen. Mechanisch zuerst, wie um Zeit zu gewinnen. Dann aufmerksamer, Wort für Wort. Dabei wurde sie ruhiger. Sie rückte gleichsam von der Probe auf ihr Können ab. Aber zugleich kam eine andere Überlegung: ‚Daß Herr Schwarz so großes Interesse an dir nimmt!‘ Es hatte etwas Peinliches für sie, es hatte zugleich etwas Wohltuendes. Es verdroß sie, setzte sie in Verlegenheit -- und doch freute sie sich darüber. Und daß es sie freute, verdroß sie wieder. Dabei fühlte sie aufs neue das seltsame Prickeln in ihren Adern, das sie neulich abends in Rackow empfunden hatte, als er sich über sie beugte und ihr leise zuflüsterte mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme: „Sie wissen doch, daß ich nur für Sie gesungen habe!“ Sie dachte: ‚Heut also wirst du ihn wiedersehn‘, und indem sie das dachte, sah sie im Geiste schon sein schmales feines Gesicht vor sich und seine Augen auf sich gerichtet.
Wilhelm wurde ungeduldig. So raffte sie sich auf, mit einem jähen Entschluß: „Ich möchte aber nicht, daß Herr Schwarz bei Frau Harriers-Wippern ist, wenn ich singen soll --“
„Ja ... gib mir doch noch mal den Brief. Er schreibt ja gar nichts davon ...“
„Er ... er wird doch dabei sein ...“
„Und wenn er’s ist, stört dich das?“
„Ja ... es stört mich.“
Der Bruder drehte den Brief in den Händen herum. „Nimm es mir nicht übel, Helene, das ist ein bissel kindisch“, sagte er ärgerlich. „Ist eigentlich auch undankbar. Ich kann dem Mann doch nicht schreiben: ‚meine Schwester wünscht Ihre Gegenwart nicht‘. Übrigens weiß ich nicht einmal seine Adresse.“
„Doch! Die steht ja auf dem Bogen. Hotel de Rome.“
„So. Richtig. Der Herr Hofopernsänger wohnt etwas vornehmer als wir. Ja ... aber was soll ich ihm denn schreiben?“
Sie zog die Stirn kraus, bis eine kleine schmale Trotzfalte zwischen den Brauen stand. „Schreib, was du willst. Ich ... wir dankten ihm ... er möchte sich aber nicht bemühen. Lieber Gott, solch ein kluger Mann, wie du bist, wird doch eine passende Ausrede finden. Ich bitte dich recht sehr, Wilhelm, schreibe gleich ... schicke einen Boten!“
Wilhelm Hackentin schüttelte den Kopf. „Es ist mir wirklich höchst fatal, Lene.“
„Ich bitte dich! Tu es mir zuliebe. Ich ... ich würde sonst nicht singen können. Glaub’ es mir.“
Er trank seinen Kaffee aus, ging dann hinüber nach dem Schreibtisch, der am Fenster stand. „Meinetwegen ...“ sagte er im Fortgehen.
Sie sah, wie er sich drüben den Stuhl zurechtrückte, sich setzte, zur Feder griff.
Ganz still saß sie, immer die Augen auf ihn gerichtet, immer noch mit der kleinen schmalen Trotzfalte zwischen den Augenbrauen. Sah auf den Bruder und sah doch über ihn hinweg.
Wilhelm schrieb hastig, setzte einmal ab, fuhr fort, überlas, was er geschrieben hatte. Nun stand er auf, kam zurück. „Hier, Helene ...“
Da griff sie nach dem Bogen in seiner Hand und sagte jäh: „Ich hab es mir überlegt. Wir wollen den Brief nicht abschicken.“
Er lachte laut auf. „Na, da hätten wir’s ja. Also eine Kaprice! Weiter nichts als Laune. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Das, scheint mir, trifft bei dir auch zu. Nun laß mich aber wenigstens in Ruhe eine zweite Tasse Kaffee trinken.“
* * *
Frau Harriers-Wippern wohnte in der Viktoriastraße.
Wilhelm hatte eine Droschke nehmen wollen, aber Helene bat, daß sie zu Fuß gehen dürfte. Ihr war es, als müßte und könnte sie sich einen Druck von der Seele fortlaufen, wie sie wohl in Rohlbeck weit hinaus, über die Felder nach dem Forst gelaufen war, wenn die Unruhe sie geschüttelt hatte.
So gingen sie. Manchmal sah Wilhelm die Schwester heimlich von der Seite an. Er wurde nicht recht klug aus ihr. Ihr Gesicht zeigte eigentlich keine besondere Spannung. Aber ihre Gangart war eigen hastig. Manchmal lief sie fast, um dann wieder plötzlich stehenzubleiben, mit irgendeiner Ausrede, mit einem Blick in ein Schaufenster. Aber er sah wohl, daß dieser Blick nur flüchtig über die Auslagen hinglitt, viel flüchtiger, als er’s von dem Provinzmädel erwartet hätte. Ihre Gedanken mußten ganz wo anders sein.
Einmal fragte er: „Hast wohl doch ein bissel Herzklopfen, Lene?“
Da schüttelte sie den Kopf.
Sie gingen durch die Leipziger Straße. Dann und wann machte er sie auf ein Gebäude, auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam. „Da hast du das Kriegsministerium.“ „Das ist das Denkmal vom Grafen Brandenburg ... weißt du, dem Sohn König Wilhelms des Zweiten und seiner morganatischen Gattin, der Gräfin Dönhoff“ -- „Das sind die alten Torgebäude und dahinter steht die Stadtmauer, die um das ganze innere Berlin geht.“
Sie nickte dann, aber er fühlte, sie hörte kaum, was er sagte.
Am Tor mußten sie eine Weile warten. Auf der Verbindungsbahn kam durch die Hirschelstraße ein langer Güterzug angekrochen; die Maschine läutete, ein Beamter mit einer roten Fahne ging vor ihr her, um die Passanten abzuhalten. Er erklärte ihr das wieder: wie diese Bahn die einzelnen Bahnhöfe für den Güterverkehr miteinander in Verbindung setze, so daß also ein Frachtstück, das etwa von Stettin käme und nach Breslau bestimmt wäre, nicht umgeladen zu werden brauchte. „So?“ sagte sie und weiter nichts.
„Dort drüben -- der Potsdamer Bahnhof war der erste in Berlin. Die Bahn nach Potsdam war nämlich überhaupt die erste in Preußen, ist schon vor mehr als zwanzig Jahren gebaut worden. Du, Lene, da passierte eine komische Affäre. Der alte Nagler, der damals an der Spitze der Post stand, wollte nämlich von der Eisenbahn nichts wissen. Und um zu beweisen, daß sie ganz unnötig wäre, ließ er säuberlich konstatieren, daß der ganze Verkehr zwischen Potsdam und Berlin täglich mit drei Voitüren bewältigt würde. Wozu also eine Eisenbahn? Übrigens sind die Herren mit den langen Zöpfen heut noch nicht ausgestorben.“
„So“, sagte sie wieder und weiter nichts.
Inzwischen war der Güterzug vorübergepoltert, die Menschenmasse, die sich aufgestaut hatte, wälzte sich über den Platz und zog die Geschwister mit. Durch die stille Bellevuestraße gingen sie. „Das ist der Tiergarten,“ meinte Wilhelm und zeigte auf die entlaubten Bäume. „Fünf Minuten weiter wohnt Tante Oschitz, der wir heut nachmittag unsere Visite machen werden.“
„So“, sagte sie zum dritten Male. Und da gab er es auf.
Und nun waren sie in der Viktoriastraße. Wilhelm suchte die Hausnummern ab. „Hier ist’s.“
Da sah er, zum ersten Male, daß aus dem Gesicht der Schwester jeder Blutstropfen gewichen war. Eigen glänzend standen die großen blauen Augen in dem weißen Antlitz. Nur die Lippen waren rot, rot wie Korallen. Und die Unterlippe hatte Helene ein klein wenig zwischen die Zähne gezogen.
„Du hast ja doch Angst --“
„Bewahre. Was denkst du dir denn.“
Sie gingen die teppichbelegte Treppe hinauf, schellten. Ein Diener öffnete. Wilhelm reichte ihm seine Karte. Er verschwand, kam gleich zurück: „Die gnädige Frau läßt bitten.“
Helene sah ihn nicht sofort, aber sie fühlte: +er+ ist hier.
Sie sah zuerst nur die hohe schlanke Frau, die mit liebenswürdigem Lächeln auf sie zukam. Und sie sah auch, daß Frau Harriers-Wippern ein wenig stutzte, als sie dicht vor ihr stand, wie in einer leichten Überraschung. „Fräulein von Hackentin, ich freue mich, daß Sie sich mir anvertrauen wollen“, sagte sie. „Kollege Schwarz hat mir viel von Ihnen erzählt.“ Das Lächeln in dem jugendlichen Gesicht vertiefte sich ein wenig. „Aber er hat nicht übertrieben, wie ich soeben bemerke.“
Da trat er auch schon hinter den großen Blattgewächsen, die den einen Teil des Salons abgrenzten, hervor: „Sie sind sehr indiskret, gnädige Frau“, scherzte er. „Ich gestehe aber, daß ich ein schlechter Schilderer war.“
Einen Augenblick hielt er Helenens Hand in der seinen. Auf einen Moment kreuzten sich ihre Augen. Ihre Hand war eiskalt, aber ihr Blick hielt dem seinen stand. Vielleicht sogar mit einem etwas feindseligen Ausdruck. Schwarz senkte das Auge zuerst, fast wie in leichter Verlegenheit. Er wandte sich schnell zu Wilhelm Hackentin, ihn zu begrüßen. Und da sagte Frau Harriers-Wippern auch schon, auf die Tür des Nebenzimmers deutend: „Jetzt, bitte, lassen die Herren uns allein.“
Die Probe verlief ganz anders, als Helene erwartet hatte.
Es war, als hätte die große Sängerin und Sangesmeisterin ihr die mühsam errungene Ruhe von den Augen abgelesen. Sie ließ ihr Zeit, bat zunächst, abzulegen, begann zu plaudern. Vom Alltäglichen, von der kleinen Reise, von den ersten Eindrücken in Berlin. Anfangs sprach sie fast allein. Dann, allmählich, brachte sie Helene zum Sprechen, lauschte, fragte nach dem bisherigen Unterricht. „Ein alter Kantor vom Lande. Sieh da! Das sind noch nicht die schlechtesten, und ich freue mich immer aufs neue, welche Liebe zur Musik in diesen Leuten steckt, von der leidigsten Schulmeisterei nicht zu töten.“ Fragte weiter, was Helene gesungen habe. Sprach dazwischen wieder von eigenem Erleben.
Langsam wich die Starrheit aus dem Gesicht des jungen Mädchens, das Blut strömte in die Wangen zurück. Der +eine+ Gedanke, der den ganzen Morgen auf ihr gelastet, wurde von dem Zwang, zuhören, antworten, Auskunft geben zu müssen, verdrängt; von dem Interesse an der schönen liebenswürdigen Dame, von der Verwunderung: „Wird sie dich denn noch nicht zum Singen auffordern?“ Ihr Denken konzentrierte sich wieder mehr und mehr auf das Kommende. Es war auch dabei ein leises Sorgegefühl: ‚Wie wirst du bestehen?‘ Aber es lag nichts Drückendes, nichts Beengendes darin.
Soeben hatte die Sängerin noch von ihrer Jugend geplaudert, daß sie im Kloster erzogen worden sei. Nun stand sie plötzlich am Flügel, schlug ein paar Akkorde an: „Bitte, Fräulein von Hackentin, eine Skala ...“
Es war so überraschend, daß Helene gar nicht recht zur Besinnung kam. Aber indem sie sang, schmolz auch der letzte Rest des Angstempfindens. „Brav!“ hörte sie nur. „Und nun noch einmal. Ordentlich heraus aus dem Kehlchen ...“
„So. Und nun singen Sie mir mal etwas ganz Einfaches. Ganz ohne Begleitung. Vielleicht irgendein Volksliedchen. Ganz wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, mit Verlaub zu sagen. Soll ich helfen? Wie wär’s mit ‚Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis ...‘ Das kennen Sie doch -- nicht wahr? Also nun los ...“
So sang sie.
Frau Wippern nickte ihr zu, als die erste Strophe verklungen war. Sang dann die zweite, recht, als ob sie selber die größte Freude daran hätte, ließ Helene die dritte singen: saß am Flügel nieder, blätterte in einem Notenheft. „Wie ist’s? Nehmen wir etwas aus unseres guten Papa Webers „Freischütz“: ‚Kommt ein schlanker Bursch gegangen ...‘“
„Brav! Brav!“ hieß es dann wieder. „Nun noch einmal ein paar Tonleitern. Geben Sie her, was Sie haben. Denken Sie, Sie stünden auf Bergeshöhe, ganz allein, und schmetterten die Töne in die freie weite Luft, mit den Lerchen um die Wette.“
Und nun stand Frau Wippern wieder neben Helene. „Öffnen Sie, bitte, einmal den Mund, Sie kleine Lerche. Recht weit, bitte, daß ich ordentlich hineinsehen kann. Ohne Sorge: ich bin ja kein Dentist, und Ihre Beißerchen können sich außerdem sehen lassen. So ... nun mal tief Atem holen ... langsam ausstoßen. Sehr schön.“ Sie klopfte ihr zärtlich auf die Wange. „Sie sind ein mutiges Menschenkind! Seine helle Freude hat man daran.“ Sie lachte. „Wenn Sie wüßten, mit welchen Angstmeierkindern ich manchmal zu tun habe!“ Dann wurde sie wieder ernst. „Aber nun lassen Sie sich sagen, was ich nach solch einer kurzen Probe sagen kann, sagen darf. Das Material ist einfach wundervoll, und Gott und Ihrem alten Kantor sei’s gedankt, den ich dafür im Geiste umarmen möchte: es ist unverbildet. Gesund ist’s, kerngesund! Eine Wonne für jeden Lehrer. Was daraus zu machen ist? Ich könnte wohl sagen: Großes ... das Größte! Aber, liebes Fräulein von Hackentin, prophezeien ist ein mißlich Ding. Das hat mir seinerzeit meine unvergeßliche Lehrerin, meine teure Franziska Cornes, auch vorgehalten, als ich so vor ihr stand, wie Sie heut vor mir. Eine Menschenstimme ist kein mechanisches Instrument. Sie ist hundert Zufälligkeiten, ist den mannigfachsten Anfechtungen unterworfen. Und der Lehrer allein tut’s auch nicht. Der Schüler muß die rechte Liebe haben, unermüdliche Geduld, einen nimmermüden Fleiß. Er darf nie vergessen, welch kostbares Gut ihm verliehen wurde, muß dies Gut pflegen und hegen wie ein Heiligtum --“
Sie schwieg und sah Helene in das schöne Gesicht, aus dem die Erregung der Stunde leuchtete.
„Nun, Fräulein von Hackentin, wie ist’s? Wollen wir’s daraufhin wagen?“
Da schlug Helene in die dargebotene Hand ein und beugte sich zugleich im unwillkürlichen Impuls, diese Hand zu küssen. Aber Frau Wippern zog sie schnell fort: „Da haben wir’s.“ Sie lachte schon wieder ihr berühmtes silberhelles Lachen. „Als ob ich eine alte Dame wäre mit meinen sechsundzwanzig Jahren. Bloß, weil ich Lehrerin bin und so ernste Worte sprechen kann. Nicht wahr? Und jetzt können wir ja auch die Herren der Schöpfung erlösen.“
Wilhelm war stark befangen, aber Schwarz kam gleich auf die Damen zu: „Nun, hab ich zuviel gesagt? Ich sehe es Ihnen beiden ja an: es war vortrefflich. Meinen Glückwunsch der Lehrerin und der Schülerin!“ --
Dann gingen sie zu dritt die Viktoriastraße hinauf, durch die Lennéstraße dem Brandenburger Tor zu. Helene in der Mitte, Schwarz ihr zur Rechten, der Bruder links.
In Helenens Seele zitterte das Erleben nach. Sie war über die Prüfung hinweggekommen, sie wußte selbst nicht wie. Nun klang es in ihr gleich Musik. Seltsam weich war sie gestimmt. Wie in einem leisen leichten wonnigen Rausch schritt sie dahin. Die Erde schien unter ihr zu federn. Aller Welt hätte sie ein Liebes tun mögen. Da war der Bruder, der gute Wilhelm! Ja ... und der andere, der war doch ein guter Kamerad. Wie dumm sie heut morgen gewesen war. Und so unfreundlich. Allerlei törichte Gedanken hatte sie in sich herumgewälzt.
„Du, Lene, dort drüben wohnt Strousberg.“
Am Morgen hatte sie über Wilhelms Worte hinweggehört, jetzt merkte sie auf. Vielleicht nur, um ihm eine kleine Freude damit zu erweisen.
„Strousberg -- wer ist das?“
„Aber besinn dich doch. Ich hab ja so viel von ihm erzählt. Bethel Henry Strousberg, gestern noch ein unbekannter Journalist, heut ein Faiseur, der seine geschickten Finger in allen möglichen Eisenbahnunternehmungen hat. Er wird noch viel von sich reden machen. Denk’ an mich.“
„Werd ich! Werd ich!“
Und sie gingen weiter am Saume des Tiergartens entlang, durch die Schulgartenstraße, die altersgraue Stadtmauer zur Rechten. Schwarz hatte nur wenige Worte gesprochen seit seinen letzten im Musikzimmer. Und nun wunderte sie sich darüber, und sie wartete auf das, was er sagen würde. Er mußte, mußte ihr doch noch etwas sagen! Es war unmöglich, daß sie so weitergingen und sich dann trennten und ... und wer weiß, wann einmal wiedersahen ... niemals vielleicht ...
Oder wartete er darauf, daß sie ihm danken würde? Vielleicht hätte sie’s gemußt. Aber da war etwas in ihr, das ihr die Zunge band. Das Danken mochte Wilhelm besorgen.
Der hatte noch eine Weile von Strousberg weiter gesprochen, dem großen Finanzgenie, der scheinbar aus Papier Gold zu machen verstand. Doch nun fragte er, an der Schwester vorbei: „Wir wurden vorhin unterbrochen, Herr Schwarz. Was also haben Sie für den Winter vor?“