Auf märkischer Erde

Part 7

Chapter 73,831 wordsPublic domain

Flehr schüttelte den Kopf. „Metschke, woher soll ich das wissen. Man spricht ja so allerlei. Aber abschaffen ... ganz abschaffen ... daran ist nicht zu denken. Mein ich.“

„Se müßten’s doch eberscht wissen, Herr Kantohr. ’s soll doch schon in die Blätter stehn.“

„Da wird viel geschrieben, lieber Metschke.“

Adolf Metschke ließ endlich den Westenknopf frei, aber er stellte sich dafür in Positur gerade vor den Eingang. Kraute mit dem linken Zeigefinger hinter dem Ohr in seinem flachsblonden Schopf, spuckte aus und meinte: „Dat kann woll stimmen. ’s wär ja och janz scheen, aber ik kann Se nich dran glauben, Herr Kantohr. Ick bin Se selwst Suldat ’wesen. Franzer, Se wissen schon. Na, un so was muß woll sin. Min Willem soll och zu de Franzer, wenn’s so bliewt. Un ’s wird woll so bliewn. Nämlich wie sollt das der Keenig denn machen, wenn die Franzosen kommen und er keine Suldaten nich hat?“

Im allgemeinen beschränkte der brave Flehr sein Bildungsbemühen pflichtgemäß auf die Jugend; bei den Alten war, das hatte die Erfahrung ihn gelehrt, doch Hopfen und Malz verloren. Aber manchmal wandelte ihn doch das Bedürfnis an, auch ihnen gegenüber aufklärend zu wirken.

„Ich sagte Ihnen ja schon, Metschke, an die Abschaffung der Armee denkt niemand im Ernst. Aber es wird wohl von Freunden des Volks erwogen, ob man nicht mit weniger Soldaten auskommen kann oder ob man die Soldaten nicht nur ganz kurze Zeit bei der Fahne behalten braucht.“

Metschke kraute sich weiter hinter dem Ohr. Er sann nach. „’s wäre woll janz scheen so“, meinte er. „Wenn der Willem nich so lang aus de Wirtschaft müßte.“ Pause. „Aber, Herr Kantohr, des jeeht och nich mit sohne kurze Zeit. Des ist man bloß Jerede. Ik bin doch selwst beis Kommiß jewesen, Franzer, Herr Kantohr. Un so aus ’m Pauern, was noch jrün und naß hinter de Ohren is, ’n orndlichen Suldaten machen, das is nich so haste nicht, kannste nich. Da is der langsame Schritt und da is ’s Jewehr un ’s Schieße un die Instruxon un so ...“

Es schien, der brave Metschke hatte starke Lust, seine militärischen Erinnerungen noch lang auszuspinnen. Doch der Kantor wurde ungeduldig. Er zog die große silberne Zwiebel aus der Tasche. „Lieber Metschke, ich muß zum Herrn Rittmeister ...“

„So ... zum ollen gnä’gen Herrn. Den sullt’ man mal fragen. Der weiß Bescheid. De hat die Franzosen aus’m Lande mit rausgeschmissen, un ’s Eiserne Kreuz hätt’ er ...“ Damit gab er endlich den Eingang frei. „Scheen Dank ock, Herr Kantohr ... ick meen, et jeeht nich ...“

Langsam ging Flehr weiter, den geraden breiten Weg entlang, der zur Verandatreppe führte. Zuerst mit einem Lächeln im runzligen Gesicht und mit einem Kopfschütteln über diesen Bauern, über die Bauern überhaupt: die wurden innerlich doch nicht frei, die klebten, klebten wie an ihrer Scholle so an allem, was alt hergebracht war. Und wer weiß: wenn der Schlosser aus Ziebingen etwa wieder im Krug seine neuen Weisheiten zum besten gab, ob ihm dann nicht Adolf Metschke als alter Franzer das Fell tüchtig vollgerbte. Womit vielleicht nicht mal ein Unglück geschah. Denn man mochte noch so liberal denken, ... hm ... daß solche Schwätzer zu wühlen versuchten ... hm ... das konnte man doch nicht billigen.

Allmählich erstarb das Lächeln zwischen den Runzeln und Falten, aus denen das zweimal wöchentlich angesetzte Rasiermesser die grauen Stoppeln nie ordentlich herausbekam.

Was eigentlich der alte Rittmeister nur wollte?

Es war so gar nicht seine Art, jemand zu sich zu bescheiden. Hochmütig war er wahrhaftig nicht. Er ging in die ärmste Hütte, und im Kantorhause hatte er oft genug, fast freundnachbarlich, vorgesprochen.

Was er nur wollte?

Und da saß ja auch schon die alte Gnädige an ihrem Fenster, mit ihrem verschleierten Blick, und nickte auf seinen Gruß ganz eigen -- schon von weitem. Die alte Gnädige! Ja ... als man nach Rohlbeck gekommen war, da war sie noch jung gewesen und schön und lustig. War vierelang gefahren, mit dem Diener auf dem Bock. Die Zeiten hatten sich geändert; besser waren sie nicht geworden, auch nicht für die Herrschaft. Eigentlich zum Gotterbarmen. Wirklich verschwendet hatten die Hackentins nie, aber das schöne Vermögen zerrann ihnen doch unter den Händen. Wirtschaften konnten sie nicht. Freilich -- ein Armer klopfte auch heut noch nicht vergebens im Schloß an. Und wenn man’s recht überlegte: auch im Kantorhause hatten sie oft genug geholfen ...

Was nur der alte Rittmeister wollte?

„Herein!“

Das kam ganz in Rittmeisterton aus der großen Stube.

„Na, da wären wir ja also, Herr Kantor ...“

Dem Rittmeister stak immer noch das „Er“ zwischen den Lippen. Natürlich, er wußte, das ging nicht mehr in der neuen Zeit, Anno 1862. Selbst zum kleinsten Kossäten mußte man „Sie“ sagen. Aber das „Sie“ wollte bisweilen nicht recht über die Lippen, und dann kamen allerlei wunderliche Umschreibungen heraus.

„Also, da wären wir ja, Herr Kantor“, wiederholte er. „Guten Tag auch. Das heißt, ob es ein guter Tag ist heut, wer will das wissen?“

Er stand in der Mitte der Stube. Am Fenster saß die alte Gnädige, am Ofen saß Wilhelm Hackentin, und beide nickten dem Kantor zu. Der dienerte, wobei seine endlos lange Gestalt fast zu einem rechten Winkel zusammenknickte, und dann rieb er sich, verlegen wartend, die knochigen Hände.

„Wir wollen uns lieber setzen, Herr Kantor,“ begann der Rittmeister wieder, blieb aber stehen, um nach einem Weilchen fortzufahren: „Aber warum setzt man sich denn nicht? Da ... bitte ...“

Herr Flehr setzte sich wirklich; aber nur auf die Kante des nächsten Stuhls, und er dachte noch immer: ‚was der Rittmeister nur will?‘

„Also ... nämlich ... das heißt, wir müssen ein ernstes Wort miteinander reden, Herr Kantor.“ Damit begann der alte Herr seine gewohnte Wanderung auf der Diagonale des Zimmers. Es wurde ihm leichter, während des Gehens zu sprechen. Auch jetzt. Freilich in wohlkonstruierten Sätzen kam die Rede nicht heraus:

„Also ... nämlich ... das heißt, gestern in Rackow. Da war ein Sachverständiger, das heißt, man sagt es. Ein kaiserlich russischer Hofopernsänger. Das heißt, manchmal denk ich, er ist ein Luftikus. Da hat das gnädige Fräulein gesungen, Helene. Und der Monsieur Schwarz oder Weiß -- Namen kann ich nie behalten --, der hat ein großes Wesen davon gemacht. Mag ja auch sein ... das heißt, ich habe selber gefunden, Lene sang sehr schön. Aber was versteh ich davon?! Also der Mann hat allerlei Fladusen vorgebracht: eine unvergleichlich schöne Stimme, eine Wunderstimme und so, wie sie nur alle hundert Jahre vorkommt. Und daß es ’ne Sünde und ’ne Schande wär, wenn solch eine Stimme nicht an die Öffentlichkeit käme. Öffentlichkeit -- schrecklich! Ja ... und sie haben alle auf mich eingeredet, das heißt, der Sänger voran und dann die Rackower und da der Wilhelm auch, Helene müßte nach Berlin. Das heißt ... nämlich ... da liegt der Haken! Ihre Kunst in Ehren, mein lieber Kantor, aber mit der Schule, oder wie man’s nennt, da hapert es noch. So das Tippelchen auf ’m i. Also nach Berlin, zu irgendeiner ganz großen Lehrerin. In Berlin gibt’s natürlich so was. Was gibt’s denn am Ende in Berlin nicht? Nämlich aber: das kostet ein riesiges Geld. Die Berliner nehmen’s von den Lebendigen und den Toten. Und da ... das heißt, da möcht ich erst mal den Kantor Flehr fragen, auf Ehre und Gewissen, ob er nach seinen Kenntnissen meint ... das heißt, ob er wirklich und wahrhaftig glaubt, daß es mit der Stimme von dem gnädigen Fräulein so etwas ganz Besonderes auf sich hat?“

Der alte Rittmeister hatte sich heiß geredet. Ganz fließend hatte er schließlich gesprochen, während er dreimal die Diagonale des Zimmers durchmaß. Jetzt erst sah er auf und zu dem Kantor hinüber. Und da stand er still und staunte.

Es war wohl auch ein wunderliches Bild.

Ruckweise, langsam hatte sich die lange Gestalt gestreckt und gehoben. Das Kinn zuerst, der Nacken dann; der immer gebeugte Rücken war gerade geworden, und nun stand der ganze Mann aufrecht da, ganz aufrecht, hatte die hageren Hände vor der Brust gefaltet, und aus seinen grauen Augen leuchtete es.

Nichts sagte er als: „Lieber Gott, ich danke dir, daß ich das noch erlebe!“ Sagte es so rührend, daß die alte Gnädige am Fenster leise aufschluchzen mußte.

Auch den Rittmeister mußte es wohl packen. Aber er knurrte nur ein paar ganz unverständliche Töne, und um seiner Bewegung Herr zu werden, fuhr er den Kantor an: „Das heißt, wir spielen doch hier nicht Komödie. Man kann doch nie auf eine klare Frage eine deutliche Antwort bekommen -- hol’ mich der Deubel!“

Sonst hätte solch ein Ton Herrn Flehr gleich aus der Kontenance gebracht. Diesmal nicht. Mit erhobener Stirn gab er zurück: „Ja, Herr Rittmeister, die sollen Sie haben. Ich bin nur ein einfacher Dorfschulmeister, aber von Gesang versteh ich einiges mehr als die meisten meiner Kollegen. Das muß wohl angeboren sein. Darum kann ich auch, wie der Herr Rittmeister es verlangen, auf Ehre und Gewissen erklären: solch eine Stimme, wie die von dem gnädigen Fräulein, mag’s wirklich nur alle hundert Jahre einmal geben. Das hab’ ich dem Herrn Pastor schon vor Jahr und Tag gesagt und hab ihn gebeten --“

„Ich weiß, ich weiß“, wehrte der alte Rittmeister ab, und dann begann er seine Wanderung von neuem, schweigend, mit immer schnelleren Schritten.

„-- und es ist wohl Pflicht, solch eine Gottesgabe zu schulen --“ wagte der Kantor noch einzuwerfen.

„Pflicht! Pflicht!“ kam’s von dem Teppich herüber. „Ich weiß allein, was Pflicht ist. Das braucht man mir nicht zu sagen. Das heißt, ob’s für die Lene ein Glück ist, darauf kommt es an. Dem Mädel den Kopf verkeilen, ihr Rosinen in den Sinn setzen ... ja, und wenn Gott den Schaden besieht, wer hat etwas davon? Öffentlich auftreten -- da müßt ich doch vorher in der Grube liegen! Soll eine Hackentin vielleicht als Komödiantin auf der Bühne stehen?!“

Die müde Stimme der alten Gnädigen klang dazwischen: „Solch wirklich ganz große Sängerin ist doch eine Ausnahme, Hackentin. Denk’ an die Sonntag, die eine Gräfin Rossi wurde ...“

„Komödiantin bleibt Komödiantin.“

„Aber Papa, es hat ja noch niemand ernstlich vom Theater gesprochen“, meinte Wilhelm. „Neben der Opernsängerin steht doch die Konzertsängerin.“

„Die muß auch vor die Öffentlichkeit. Das heißt, die singt auch jedem Laffen für ’n preußischen Taler was vor!“

Da sprach Kantor Flehr noch einmal. Er war schon wieder in sich zusammengesunken, aber nun richtete er sich auf, rang ein wenig mit sich, straffte wie den äußeren auch den inneren Menschen:

„Mit Verlaub, Herr Rittmeister“, begann er, und aus seiner sonst so gedrückten Stimme klang ein fester, warmer Ton. „Kommt es denn so auf das Äußere an, darauf, ob das gnädige Fräulein später einmal, so oder so, fremde Menschen entzücken, begeistern soll? Das ist gewiß auch etwas Herrliches, aber die Hauptsache, meine ich, ist es doch nicht. Die Hauptsache, mein’ ich, ist, daß das gnädige Fräulein +für sich+ lernt. Wenn der liebe Gott einem Menschen solch eine Wundergabe verleiht, begnadet er ihn dadurch vor Millionen, aber er legt ihm auch Pflichten dafür auf. Das wollt ich vorhin schon sagen: die Pflicht, in der Kunst das Höchste anzustreben. Und weil das der Einzelne nicht immer allein kann, müssen alle, die ihn liebhaben, dabei mithelfen. Das hilft nun mal nichts, Herr Rittmeister -- mit Verlaub zu sagen. Denn wenn es nicht geschieht, verkümmert die Gottesgabe ... und dann verkümmert damit der ganze Mensch! Er hätte so groß werden können, aber er wird arm und klein. Unglücklich wird er, Herr Rittmeister ... und wenn ihm sonst das Leben mit allen Gütern dieser Welt überschüttet ... er wird arm und klein und unglücklich ...“

Der Rittmeister war stehengeblieben. Er sah mit hellem Staunen zu seinem Kantor hinüber: daß der so sprechen konnte. Die alte Gnädige hatte sich erhoben, kam auf ihren Mann zu, bat leise: „Papachen ...“

Das Ticken der Kuckucksuhr hörte man, so still war es.

Bis dann Hackentin plötzlich sagte: „Die Lene hat einen guten Anwalt an unserem Flehr ... hol’ mich dieser und jener.“ Er zauste einmal rechts und einmal links an seinem weißen Schnurrbart. „Das heißt, Herr Kantor, ich bin noch nicht beim Ja und Amen. Aber unglücklich ... unglücklich soll uns die Lene nicht werden ...“

Und so kam Helene Hackentin nach Berlin. Zuerst nur, damit Frau Harriers-Wippern, die Herr Schwarz als die erste der Berliner Gesangslehrerinnen namhaft gemacht hatte, ihre Stimme prüfe. Zu mehr wollte sich der alte Rittmeister nicht verstehen.

Wilhelm mußte sowieso wieder nach der Hauptstadt; er sollte die Schwester unter seine Obhut nehmen.

Es war die erste größere Reise für Helene; über Frankfurt a. O. war sie noch nie hinausgekommen. Und diese Reise, samt allem, was mit ihr zusammenhing, war für sie ein so großes Ereignis, daß dadurch manch inneres Erleben der letzten Tage in den Hintergrund geschoben wurde. Wohl zitterte es in ihr nach: im Wachen und im Träumen. Sie schrak bisweilen mitten in ihren kleinen Reisevorbereitungen zusammen, hörte plötzlich wieder die weiche, klingende Stimme, hörte die leise ihr zugeflüsterten Worte: „Ich hab heute ja nur für +Sie+ gesungen!“ Aber das erlosch immer wieder. Sie lächelte wohl auch darüber: es war ja nicht mehr als eine artige Courmacherei, wie sie gewiß in der großen Welt da draußen üblich war und nicht viel bedeutete. Für sie sicher nicht viel bedeutete. Denn sie hatte ja nun ihre Kunst. Die große, himmlische Kunst. Die mußte ihr alles sein. Nur die herzliche Dankbarkeit gegen Schwarz blieb lebendig: er hatte den Bann gebrochen, er hatte den Weg geöffnet und gebahnt; ohne ihn wäre sie wohl ewig in der Enge geblieben. Und als er ihr in Rackow zum Abschied die Hand gereicht, sie noch einmal mit glänzenden Augen angesehen, da hatte sie standgehalten, den Druck seiner Hand ehrlich erwidert, hatte für sein „Auf Wiedersehen!“ ein herzliches „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen so sehr!“ gehabt.

Ihr junges Herz strömte überhaupt über vor Dankbarkeit. Wie gut und lieb nun alle zu ihr waren. Wieviel Opfer für sie gebracht wurden!

Die Tränen flossen beim Abschied. Aber die Augen blickten schon wieder hell über die Herbstlandschaft, ehe die Post noch die Stellberger Fichten erreicht hatte.

Sie saßen allein in der Beichaise, Wilhelm und sie. Dem Bruder schien es ähnlich zu gehen wie ihr. Auch er, der immer ein wenig leicht am Wasser baute, hatte beim Abschied Frau und Kinder mit feuchten Augen umarmt; als die Post über die Grenze von Rohlbeck rollte, beugte er sich weit hinaus, sah noch einmal zurück: „Mein liebes altes Rohlbeck!“ Dann saß er eine ganze Weile betrübt und bekümmert in seiner Ecke. Aber kurz vor Stellberg hatte er sich schon wieder aufgerichtet: „Nun, Kleinchen! So in Gedanken? Wart’ nur, was du für Augen machen wirst!“ Er hatte fröhlich gelacht dabei und fing an, von Berlin zu erzählen.

Merkwürdig schnell vergingen dabei die fünf Stunden Postfahrt. Es gab ja schon jetzt genug zu hören und zu sehen: bald kutschierte auf der Chaussee ein Bekannter vorüber und mußte mit Hallo begrüßt werden; bald hielt man zum Pferdewechsel auf einer Poststation, stieg aus, wanderte ein paar Schritte auf und ab, sie immer zärtlich bei dem Bruder eingehakt, trank in Stellberg Kaffee, aß in Reppen Mittagbrot. Spaßhaft, wie Bruder Wilhelm überall bekannt war. Auf jeder Station kamen Leute zu ihm: „Nun, Herr Baron, wieder einmal nach Berlin?“ -- „Wie gehen die Geschäfte?“ -- „Geht’s voran mit unserer Eisenbahn?“ Und er schüttelte die Hände, gab Auskunft, lachte, lud den zu einem Schnäpschen und jenen zu einem Schoppen Bordeaux ein.

Dann war mit einem Male die Oderbrücke da. Mächtig rauschte der Strom, und drüben breitete sich im Herbstsonnenlicht das Städtebild, Mauer an Mauer, Dach an Dach, turmüberragt.

Frankfurt kannte Helene. Ein paar Male schon war sie hier gewesen, mit Vater oder Martha, um Einkäufe zu besorgen. Ihr war’s +die+ Großstadt. Das Auerbachsche Kleiderstoffgeschäft erschien ihr mit seinen mächtigen Schaufenstern als ein Riesenhaus, und die Rasenacksche Konditorei hatte schon in ihren Kindheitsträumen neben Tante Hufnagel eine Rolle gespielt.

„Kleinchen,“ meinte der Bruder, „wir haben über zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, und ich habe Geschäfte zu erledigen. Du kennst dich ja hier aus in dem Nest.“ Nest sagte er. „Kannst mich in ’ner Stunde in der Weinstube von Lienau abholen.“

Ihr war’s ganz recht so. Auch körperlich eine Wohltat, sich die Füße zu vertreten nach der langen Fahrt. Und so frank und frei durch die Straße zu bummeln, hier stehenzubleiben und dort, in ein Schaufenster hineinzugucken, dies zu bewundern und das anzustaunen. Wirklich: sie kam sogar bei Rasenack nicht vorbei. Eine Tasse Schokolade mit Schlagsahne wenigstens konnte sie sich leisten. Sie war ja so reich: von allen Seiten hatte man ihr noch etwas in das kleine Portemonnaie hineingesteckt, immer der eine, ohne daß der andere etwas davon wissen sollte; und am letzten Tage war gar Tante Marie in Rohlbeck gewesen, hatte sie zur Seite genommen und ihr etwas Raschelndes in die Hand gedrückt. „Da, Mignonne!“ Ein Zehntalerschein war’s, als sie ihn nachher besah. Zehn Taler -- ein Vermögen!

Knapp zur rechten Zeit kam man auf den Bahnhof. Der Breslauer Zug stand schon bereit, und Wilhelm Hackentin konnte gerade noch seine Schwester und sich in ein ziemlich überfülltes Coupé bringen. Helene war atemlos vom schnellen Gehen, aber auch von der Aufregung, zum ersten Male mit der Eisenbahn zu fahren. Sie hatte ein wenig die klare Besinnung verloren, der Bruder mußte sie dirigieren und schieben. Es läutete schon, als sie endlich saß -- und da sah sie noch, wie Merivaux, der Gardeschütze, auf dem Perron entlanghastete. Im ersten Augenblicksempfinden wollte sie ihm zurufen: „Hier ist noch ein Platz!“ Wollte winken -- doch dann ließ sie die Hand gleich sinken und lehnte sich schweratmend zurück. Sie dachte: ‚Der ist böse auf dich. Schade. Nicht ein gutes Wort hatte er in Rackow mehr für dich. Weshalb nur? Du hast ihm doch nichts getan.‘

Da pfiff die Lokomotive, zog an, keuchend. Eine dichte Rauch- und Dampfwolke fauchte an dem Fenster vorüber, ein starker Stoß kam, ein rasselnder Ruck und noch einer. Helene griff erschrocken nach der Hand des Bruders: war ein Unglück geschehen? Doch der lächelte, hatte schon sein Zigarrenetui aus der Tasche gezogen. Und dann begann ein Gleiten, gleichmäßig, wie in immer neu atemholendem Rhythmus; draußen flogen die letzten Häuser vorüber, und die ersten Bäume tauchten auf, verschwanden wieder; da war noch ein Fabrikschornstein in der Ferne, kam näher, näher, jetzt stand er fast vor dem Fenster -- nun lag er schon weit zurück; eine Schar Krähen flatterte auf und zerstob; auf der Straße drüben trabte ein Pferd wie im Versuch des Wettlaufs, wurde im Nu überholt, wurde kleiner und immer kleiner, war nur noch ein schwarzer Punkt und nun nicht mehr zu sehen.

Weit vornübergebeugt saß Helene und spähte auf die ewig wechselnden Bilder, auf ihr Kommen und Gehen, ihr Auf- und Untertauchen, lauschte dem Klingen der Räder auf den Schienenstößen, fuhr zusammen, wenn der Pfiff der Lokomotive auftönte, wie ein greller Hilfeschrei, freute sich, sobald wieder eins der kleinen Bahnwärterhäuschen kam mit dem stramm stehenden Mann davor, der sein Fähnchen wie zum Salut in der Hand hielt, schrak auf, als gleich rasenden Gespensterwagen, donnernd und polternd, ein Zug auf dem Nebengeleise vorüberbrauste.

Ganz langsam nur beruhigten sich ihre Nerven, und es kam ein wundervolles Empfinden über sie wie in einem Traum: so also ging es aus der Enge in die Weite, in die große herrliche Welt da draußen. Eine Zaubergewalt trug sie hinaus, hinein in das Leben. Dort vorn fauchte, schnob der feurige Riese in ihrem Dienst, spannte seine Kräfte, daß sie gleich Hunderten von starken Rossen dahin jagten, nimmermüde, -- der gewaltige Feuerriese, der sie hinaustrug, hinauf, weiter und weiter, höher und immer höher, hinaus in die Welt, hinauf zum Ruhm ...

Ein paar Male sah sie zu Bruder Wilhelm hinüber. Der saß in seiner Ecke, die Zigarre zwischen den Lippen, hatte sein Notizbuch vorgenommen; er mochte wohl wieder seine Geschäfte im Kopf haben. Da durfte sie nicht stören. Flüchtig glitt ihr Blick über die Mitreisenden. Wie gleichgültig die alle gegen das große Wunder waren! Der dicke Mann dort schlief; eine Dame drüben kramte gerade aus ihrer Reisetasche ein paar Butterbrote heraus, eine andere, jüngere, las in einem abgegriffenen Bande, schien schon bei den letzten Seiten zu sein, hatte einen zweiten Band bereits auf dem Schoß. Mit ihren scharfen Augen konnte Helene den Titel lesen. „Gutzkow, Der Zauberer von Rom“ stand darauf. Und dann saß neben ihr ein junger Mann, der auf einer großen Karte, die er auf den Knien ausgebreitet hielt, herumstudierte; deutlich konnte sie erkennen, daß sein Zeigefinger schwarzen, starken Linien folgte: Berlin-Köln-Paris. Also nach Paris reiste er. Wundersam, wie diese Eisenbahn die Länder aneinanderzurücken schien. Und wie schnell das ging. Helene fiel ein, daß Mutter gelegentlich erzählt hatte, wie sie mit ihren Eltern im eigenen Wagen nach Karlsbad gefahren sei; damals, als Goethe dort zur Kur war. Vier Tage hatte die Reise gewährt. Jetzt brauchte man vielleicht einen Tag ...

Plötzlich wurde ein unwiderstehliches Mitteilungsgefühl in ihr lebendig. Sie legte ihre Hand auf des Bruders Arm. „Wir fliegen ja --“ sagte sie fast beklommen.

Wilhelm ließ sein Notizbuch sinken und lachte: „Fliegen, Lene? Mit dem elenden Bummelzug? Ach nein. Soweit sind wir in unserem guten Preußen noch nicht. Aber in England --“ und er fing an, ihr vom englischen Eisenbahnwesen zu erzählen, von dem großen Jagdzug, der seit Jahresfrist dort Süd und Nord, London und Edinburg verband. Er erzählte von den Schnellzügen zwischen Paris und Marseille, sprach von Nordamerika. Überall schien er Bescheid zu wissen, und seine blauen Augen leuchteten dabei. „Ja, mein Kleinchen, wir leben in einer großen Zeit. Wir stehen aber erst im Anfang der Entwicklung. Wir sind vielleicht nur die Pioniere, die das Feld vorbereiten, die Saat aussäen, die unsere Kinder und Kindeskinder ernten sollen ...“

Er sprach lange und sprach gut. Alles verstand sie freilich nicht. Aber ihr Respekt vor dem Bruder wuchs. Nur daß sie dabei über ein leises Verwundern nicht hinauskam: zu Hause, in Rohlbeck, hatte Wilhelm oft fast etwas Gedrücktes. Es war, als fiele das mehr und mehr ab von ihm, je weiter er sich von der Heimat entfernte. Als atmete er freier, als wüchsen ihm die Gedanken. Aber schien sich nicht auch vor ihr die Welt zu weiten?

Die Dämmerung sank herab. Der Abend kam.

Als der Zug sich Berlin näherte, war es dunkel. Aus der Dunkelheit leuchteten, wie in einem neuen Wunder, blinkende Lichter auf. Vereinzelt erst, mehr und mehr dann; ganze Reihen schließlich. Als hätte die große Stadt sich Helene Hackentin zu Ehren in ein Lichtermeer getaucht. Überall flammte und glühte es. Aus den Fenstern, die vorüberhuschten, von den Straßenfronten herauf, und bunt und farbig, weiß, rot, grün aus den Weichenlaternen der rechts und links endlos wachsenden Schienengeleise. Bis der Zug in den Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof einrollte.

Beängstigend dies Leben und Treiben, und doch wieder so wundervoll, so eigen berauschend. Die Scharen von Reisenden, die der Zug entlud, die hastend und drängend dem Ausgang zustrebten; die Gepäckträger, die sich durch die Menge schoben, die Karren mit Koffern und Ballen; ein Rufen, Schreien, Schwatzen, Fragen, Auskunftgeben, Willkommenheißen, Abschiednehmen ohne Ende. Dann auf einen Augenblick noch einen Gruß von Merivaux, im Vorüberschieben nur. Ein flüchtiges Wort zwischen Wilhelm und ihm: „Sind Sie mit demselben Zuge gekommen?“ -- „Schade ... wir hätten zusammen fahren können.“ Schade -- auch Helene dachte wieder flüchtig: ‚Schade --‘

„Schnell, Kleinchen -- sonst bekommen wir keine Droschke!“

Und nun die Fahrt durch Berlin. Nahm denn das gar kein Ende? „Sind wir noch nicht bald da, Wilhelm?“

„Geduld, Lene. In Berlin muß man Geduld lernen.“