Auf märkischer Erde

Part 6

Chapter 63,727 wordsPublic domain

Heut mochte das angehen. Die Rohlbecker waren heraufgekommen. Die Rohlbecker Damen -- mit denen war zwar in bezug auf kulinarische Genüsse nicht viel anzufangen; der alte Rittmeister würdigte eigentlich nur eine Delikatesse, im Juni den Matjeshering, von dem er sich regelmäßig einmal im Jahr ein kleines Tönnchen aus Hamburg kommen ließ. Aber Wilhelm Hackentin hatte sich in Berlin neuerdings zu einem kleinen Schlecker ausgebildet, der eine Holsteiner Auster von einer Native mit geschlossenen Augen zu unterscheiden wußte. Der lustige Merivaux kannte sich auch aus; französisches Blut! Neulich hatte der davon gesprochen, daß man Hammelkoteletten eigentlich nur in einer Pfanne braten sollte, die mit einer Zwiebel ganz, ganz leicht ausgestrichen wäre -- „grad nur ein ’auch“. Nicht übel. Und Alfred Schwarz war geradezu ein Mann nach Onkel Ernsts Herzen. Das Bürschlein hatte schon in Ems eine Zunge bewiesen, die der Nachbarschaft seiner berühmten Stimmbänder nichts nachgab. Eine Bordeauxzunge, die Lage und Jahrgang geradezu erstaunlich zu beurteilen wußte, im Handumdrehen, und die auch beim Champagner nicht versagte. Petersburger Schule, so lächerlich das war. Das Volk soff Wuttki, Wuttki und nochmals Wuttki, aber dafür aßen und tranken die oberen Zehntausend desto besser.

Man war wie immer sehr fröhlich am Rackower Tisch.

Nicht laut indessen. Selbst die heitersten Scherzworte flogen in gedämpftem Ton herüber und hinüber. Gerade, daß die kleine, mollig runde Grete Waldegg, die Tochter vom Stockschen Oberstleutnant, manchmal aufkicherte, wenn ihr Tischherr, der rote Fritze Hackentin, ein bissel mit ihr zu schäkern versuchte.

Helene war unter den Fröhlichen sehr still.

Merivaux hatte sie geführt und gab sich umsonst redlichste Mühe, ein Lächeln auf dem heut so eigen ernsten Gesicht heraufzulocken. Auf ihrer anderen Seite saß ihr Bruder Wilhelm. Der wußte, so gesprächig er war, auch nichts mit ihr anzufangen. Sie saß mit gesenkten Augen und berührte die Speisen kaum. Nur ein Glas roten Champagners, Spezialität des Rackower Kellers, Marke Ruinart & Cie. in Reims -- trank sie hastig leer.

Ihr gegenüber hatte, zwischen Martha Hackentin und Tante Marie, der Russe seinen Platz.

Manchmal, auf den Bruchteil einer Sekunde, sah Helene zu ihm hinüber. Wie unter einem Zwang. So lebhaft er sich unterhielt: jedesmal trafen sich doch ihre Blicke. Und immer senkte Helene, erschrocken, die Augen wieder auf ihren Teller.

Der Kaffee wurde im Damast-Salon genommen. Nicht um den großen runden Tisch, wie in Rohlbeck und in den anderen Gutshäusern, wo der Nachmittagskaffee mit „Stippe“ eine besondere Rolle spielte. Frau Marie wußte in ihrem roten Salon die Gäste unaufdringlich in einzelne Gruppen zu gliedern, Altersklassen und Interessensphären geschickt zusammenzuschieben.

Auch ihr Salon hatte Stil. An den damastbespannten Wänden ein paar gute Bilder, ein Aquarell von Hildebrand mit aller Farbenpracht der Tropen, ein treffliches Porträt von Franz Krüger, das Onkel Ernst noch in seiner Jugend Maienblüte, als schlanken Jüngling, darstellte, ein großer Stich nach Guido Reni. Zwischen den Möbeln, wo es irgend anging, Blattpflanzen und blühende Blumen, die der Gärtner täglich erneuern mußte, und neben dem Kamin eine ziemlich große Voliere, hinter deren vergoldeten Stäben ein Dutzend winzig kleiner Tropenvögel das kurze Leben verträumte. Das kurze Leben: denn diese bunten Kinder einer südlicheren Sonne starben dahin wie die Fliegen, trotz der liebevollsten Pflege, und der Berliner Händler mußte alle paar Wochen Nachschub senden. War Tante Marie aber besonders in Stimmung, so öffnete sie die Tür der Voliere, lockte die Tierchen heraus, bis sie frei im Salon umherflatterten. Es gab dann immer lautes Jubeln, viel „Ahs“ und „Ohs“. Nur dem alten Rittmeister war die „Unzucht“ ein Greuel. Er huldigte Frau Marie mit einem Respekt, in dem sich chevalereskes Wesen und derbes Landjunkertum eigen mischten. Aber ihre Behandlung der Tropenfremdlinge nannte er, dem sonst jede Humanitätsduselei weltenfern lag, Tierquälerei.

Unter dem Stich nach Guido Reni stand der wunderschöne Bechsteinflügel in gläsernen Untersätzen auf dem dunkelroten Teppich.

Helene und die mollig runde Grete Waldegg waren von der Hausfrau an dem Tischchen beschäftigt worden, auf dem die silberne Kaffeemaschine mit all ihrem Zubehör prunkte. Das war in Rackow immer das Amt der jungen Mädchen: sie hatten den Mokka zu bereiten, Herrn Höhne zu assistieren, den älteren Damen persönlich das Meißener Schälchen mit einem artigen Knicks zu überreichen. Tante Marie sah dem gern zu, durch die scharfen Gläser ihrer langstieligen Lorgnette, und manchmal gab’s nachher eine kleine Instruktionsstunde: „Cherie, so faßt man aber eine Tasse nicht an“ ... „Mignonne, vor einer Greisin könntest du dich wirklich ein wenig tiefer beugen“ ... „Mein liebes Kind, man macht bei solcher Gelegenheit kein ~air moussade~ ... lächeln mußt du, liebenswürdig lächeln ...“

Ihr eigenes kleines spitzes Gamingesicht hatte ja meist auch solch ein liebenswürdiges, komplisantes Lächeln. Auch jetzt, wo sie -- nachdem der Kaffee genommen war -- einen Blick der Aufforderung zu Herrn Schwarz hinübersandte. Der stand an der Tür zur Bibliothek, der einzige Gast in Frack und weißer Battistbinde, mit ein paar Orden im Knopfloch, das Täßchen noch in der Hand. Ziemlich vereinsamt. Aber er zeigte es nicht, daß er sich vereinsamt fühlte. Seine Blicke waren all die Zeit im Zimmer umhergewandert, um schließlich immer wieder auf Helenens rostbraunem Haar, das in hundert winzigen Löckchen sich gegen den glatten Scheitel sträubte, haften zu bleiben.

Er verstand den Blick der Hausherrin sofort. Vielleicht hatte er darauf gewartet. Ganz leicht verbeugte er sich, setzte die Schale beiseite, ging auf den Flügel zu, öffnete die Klaviatur. Höhne eilte diensteifrig herbei, schob den Stuhl zurecht.

Helene hatte sich mit Molly und Bruder Fritz ins Schmollwinkelchen neben der Voliere geflüchtet. Ganz tief zurückgelehnt saß sie, hatte die Hände im Schoß verschränkt. Und um ihre roten Lippen spielte ein etwas spöttischer Zug. Sie fand, daß der Russe keine gute Figur machte. Es war immer wie eine Pose; sein Stehen an der Tür, sein gleitendes Schreiten, die Art, wie er jetzt am Flügel Platz nahm, einen Moment nachzusinnen schien. Eine kleine Schadenfreude war in ihr und doch auch eine große Erwartung.

Doch nun klangen die ersten Töne auf. Schwarz schlug ein paar Akkorde an, dann setzte er ein.

Er sang die große Arie aus „Zar und Zimmermann“: „Einst spielt ich mit Zepter und Krone und Stern ...“

Es wurde still im Raum.

Der spöttelnde Zug erlosch in Helenens Gesicht. Es spannte sich. Sie richtete sich auf, und dann beugte sich ihr schlanker Körper mehr und mehr nach vorn. Und die Hände hoben sich aus dem Schoß, preßten sich gegen die Brust, eng verschlungen.

Großer Gott ... war das denn möglich? Gab es das? Solch eine Stimme! Solchen Wohlklang, solche Kraft ... und solche Kunst! Eine Himmelsgabe, köstlich und wunderbar, gemeistert in edelster Schule! Ein Vortrag, der aus tiefstem Empfinden kommen mußte, der zu dem Herzen sprach, daß es jubeln mußte. Nein, nicht jubeln: stumm lauschen, stumm genießen, in Demut genießen!

Gleich Perlen auf Goldschnur gereiht, so war es, Ton auf Ton. Klar, rein ... erhaben ... groß ... herrlich!

Sie dachte nur: der erste wahrhafte Künstler, den du hörst. Welch eine Gnade ...

Der letzte Ton verklang.

Der Beifall brach los.

Sie hörte ihn kaum. Sie sah nicht, wie Vater klatschte, wie selbst die stille Martha die Hände rührte. Sah nicht, wie Ernst Hackentin sein Bäuchlein trommelte; nicht, wie der Garde-Schütze, der neben Wilhelm hinter dem Stuhl der Mutter stand, die Hände hob, um sie dann gleich sinken zu lassen. Sah auch nicht, wie Tante Marie quer durch den Saal schwebte, trippelnd, raschelnd und lächelnd, am Flügel stehenblieb, dem Sänger zuflüsterte.

Tief in Träumen befangen saß Helene. In Träumen, die vor ihr die Pforten einer neuen Welt weit auftaten ...

Dann horchte sie doch auf, erschreckt zuerst.

Von neuem hob es an. Sie fühlte sogleich, daß eine andere Hand den Flügel meisterte. Als sie den Blick hob, sah sie, daß Tante Marie vor dem Instrument saß, daß der Russe neben ihr stand.

„Letzte Rose“ sang er.

„Letzte Rose ... o wie einsam magst du hier verblühen ... Deine andern freundlichen schönen Schwestern sind ja längst, ja längst dahin ...“

Es war anders als vorhin. Vielleicht war es noch schöner. Seine Stimme klang gleich kräftig, aber weicher, einschmeichelnder. Wie ein ewiges Locken war es, ein süßes, verführerisches Bitten, Flehen, Werben ...

Wieder saß sie weit vornübergebeugt, die Hände gegen die hochatmende Brust gepreßt. Und nun die Augen auf ihn gerichtet. Sie sah nur sein Profil, die scharf geschnittenen Linien des schönen Gesichts. Gleich einer Silhouette hob sich das ab von dem Hintergrund der roten Damasttapete, hell beleuchtet von den vielen Kerzen des Kronleuchters. Die kleine Gestalt von Tante Marie war nur wie ein helles Fleckchen vor dem Flügel. Über ihr Köpfchen blickte er hinweg auf die Notenblätter. Zwei -- dreimal griff seine Hand nach vorn, um sie zu wenden.

Dann plötzlich, ganz zuletzt, wandte er den Kopf. Sein Blick streifte durch den Raum, wie suchend, blieb auf Helene haften. Ein Lächeln kam zu ihr hinüber: war’s recht so? Ein siegesgewisses Lächeln: nicht wahr ... es ist schön gewesen!

Noch eine glänzende Perlenkette von Tönen, sieghaft wie jenes Lächeln, mühelos quellend wie im Triumph des großen Könnens. Und er schwieg.

Wieder der starke Beifall. Ganz leicht neigte er den Kopf zum Dank. Vater, Wilhelm waren schon neben ihm, schüttelten ihm die Hand, Onkel Ernst hob sich aus seinem Sorgenstuhl, rollte sich zum Flügel. Tante Marie hatte den Drehsessel umgewendet, lachte zu ihm in die Höhe.

Aber plötzlich löste er sich aus der Plaudergruppe. Mit raschen Schritten ging er quer durch das Zimmer, blieb vor Helene stehen und bat, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte: „Jetzt werden Sie singen, gnädiges Fräulein!“ Bat -- und es war doch fast wie ein Befehl. Sie schrak heftig zusammen, aber sie stand auf. Schüttelte den Kopf, hob die Hände zur Abwehr. So stark war sie erschrocken, daß sie nicht sprechen konnte. Nicht einmal das eine: ‚Jetzt -- nimmermehr.‘

„Darf ich Sie zum Flügel führen?“ hörte sie seine Stimme. Und zugleich neben sich ein leises, etwas spöttisches Kichern der molligen rundlichen Molly. Es klang ihr auch wie: ‚Jetzt singen ... wie sollte die Lene das riskieren.‘ Aber es peitschte ihren Trotz auf. Sie legte mit einem plötzlichen Entschluß ihre Hand in seinen Arm, ging ein paar Schritte, blieb dann doch wieder stehen: „Ich kann jetzt nicht singen ... nach Ihnen!“

„Gnädiges Fräulein ...“

Sie standen mitten im Zimmer, gerade unter dem Kronleuchter, und nun nicht mehr allein. Tante Marie war herangetreten: „Aber, Mignonne!“ Vater kam und erklärte im Rittmeisterton: „Ziere dich nicht. Das ist ridicül. Das heißt: Sing, so gut du kannst. Mehr verlangt keiner.“

‚Ich kann nicht --‘ wollte sie noch einmal sagen. Aber sie fühlte sich von Schwarz unwiderstehlich weitergezogen, mit einem ganz sachten Druck seines Armes, stand schon am Flügel und wußte gar nicht, wie sie dorthin gekommen war.

„Was werden Sie uns singen?“ fragte Schwarz. Und zum dritten Male wollte sie entgegnen: ‚Gar nicht singen will ich‘ und hatte doch schon die Hand nach dem Notenschränkchen neben dem Instrument ausgestreckt. Er griff gleichzeitig zu. Die Blätter raschelten. Auf einen Augenblick berührte ihre heiße Stirn fast seine Wange. Wieder schrak sie zusammen, richtete sich hastig auf, schüttelte den Kopf. Wortlos ...

‚Warum quälen sie mich!‘ schrie es in ihr. ‚Warum quälen sie mich? Ich kann ja doch gar nichts. Kann ja nicht singen ... hier nicht ... heut nicht ...‘

„Mendelssohn liegt Ihnen gewiß, gnädiges Fräulein?“

Er hatte ein Blatt herausgesucht, wies es ihr hin. Und in heller Verzweiflung neigte sie den Kopf.

„Soll ich akkompagnieren?“

Endlich fand sie die Sprache wieder: „Nein -- nein! Ich begleite mich immer selber ...“ Der Gedanke, hinter ihm zu stehen, ihm folgen zu müssen, war ihr unerträglich.

Dann war plötzlich Bruder Wilhelm neben ihr. Sie mochte ihm leid tun. Er schob ihr den Stuhl zurecht, raunte ihr ein paar liebe Worte zu --

Und nun saß sie, hatte die Hände auf den Tasten, sah auf das Notenblatt und meinte, keinen Finger rühren, keinen Ton herausbringen zu können. Die Stimme stickte ihr ja im Halse, die Kehle war so trocken, war wie zugeschnürt. Weinen hätte sie mögen.

Aber mit einem Male, ganz jäh, war das alles anders.

Mit einem Male kam es wie eine große Befreiung über sie. Unerklärlich, wie das geschah. Ganz plötzlich hatte sie das Empfinden: ‚Du mußt singen! Du kannst es! Du wirst es gut machen, wirst ihm beweisen, daß du keine elende Stümperin bist. Daß auch dir Gott die Gabe verlieh ...‘

Noch sah sie wie durch einen Tränenschleier die Noten. Aber gleich darauf ward es helle vor ihr. Das leise, unsichere Beben der Finger, das sie vorhin gespürt, verschwand. Sie fühlte, wie die Stimme frei wurde ... ganz frei --

Und so sang sie --

„Wie ist Natur so hold, so gut!“

Das Goethesche Lied hatte er für sie gewählt.

Während sie sang, wurde sie froh. Das war ja fast immer so; aber heut doch anders wie sonst; eine wahre Lust, hinauszujubeln, erwachte in ihr.

„Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne, Weiche Nebel trinken Rings die türmende Ferne ...“

Es war wie ein Rausch. Ein holder, beseligender, traumhafter Rausch. Sie fühlte wohl, daß es ihr glückte, daß sie gut sang, besser als je. Aber sie gab, was sie gab, doch völlig unbewußt. Die Töne quollen in ihr empor, ohne daß sie suchte.

Und dann war alles aus. Mit dem letzten Ton entschwanden ihr Wille und Kraft, die Begeisterung erlosch, die Spannung der Seele ließ nach. Müd und matt wie ein Vögelchen, das aus Wolkenhöhen zu Boden geschmettert wurde, hockte sie vor dem Instrument, die Hände waren von den Tasten gesunken und lagen im Schoß. Sie hörte nur undeutlich den Beifall, dachte nur: ‚ach ... es war ja doch nichts, du kannst ja gar nichts; und wenn sie klatschen ... was verstehen sie!‘ Ein Schluchzen stieg auf in ihr. Sie biß die Zähne aufeinander, preßte die Lippen zusammen; tief herab glitt ihr Kopf, und die Stirn schmerzte.

Mehr sollte sie singen. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Man bat, machte Vorschläge: eines der Taubertschen Kinderlieder, das Rothschild-Liedchen: ~Si vous n’avez rien à me dire~ ...

Nein! Nein! Nein!

Dann stand sie jäh auf. Mit dem plötzlichen Entschluß: ‚jetzt willst du das letzte wissen ... sein Urteil ... und wenn es dein Todesurteil wäre ...‘

Sie wandte sich kurz um.

Und da sah sie ihn. Er stand nicht in der Gruppe der Verwandten am Instrument. Er war zurückgetreten, lehnte wie vorhin, ehe er gesungen, an der Tür zur Bibliothek.

Sie sah ihn und sah, daß seine Augen zu ihr herüberleuchteten. Und nun kam er, faßte ihre beiden Hände, unbekümmert um alle, die um sie waren, und sprach: „Sie werden eine große Sängerin werden! Eine von den ganz großen, vor denen sich Könige und Fürsten neigen. Ich preise mich glücklich, daß ich als Erster Ihnen das sagen darf.“

Viertes Kapitel

Kantor Flehr schob mit gesenktem Haupt langsam über die Dorfaue. Man konnte es ihm ansehen, daß er Sorgen hatte, die ganze Hucke voll, und zwar, trotzdem Kartoffelferien waren und die liebe Jugend ihm daher den Schädel nicht heiß machte.

Sorgen hatte Kantor Flehr zwar eigentlich immer. Ein Dorfschulmeisterlein im Königreich Preußen und keine Sorgen: das gab’s ja einfach nicht. Gerade daß man vor dem Verhungern geschützt war -- bei der Herde Kinder, die sich so nach und nach einfand. Recht machen konnte man es auch niemand: dem Herrn Patron nicht; dem Herrn Pastor nicht, obwohl beide noch nicht die schlimmsten waren, im Gegenteil. Den Bauern und Kätnern, dem lumpigsten Tagelöhner erst recht nicht. Und deren Ehegesponsten nun schon gar nicht. Denn im Grunde genommen: den Weibsen wär’s am liebsten gewesen, wenn sie ihre Rangen gar nicht in die Schule zu schicken brauchten, oder wenn er den Nürnberger Trichter besäße, um Bub und Mädel in einem einzigen Viertelstündchen- alles einzutrichtern, was sie fürs Leben gebrauchten. Damit besagte Rangen den besagten Eltern in Feld und Wirtschaft helfen könnten, von früh bis spät. Von der Bildung hielt das Volk verflucht wenig. Aber man selber hatte doch nun mal sein Pflichtgefühl und seine Ideale. Hatte man, und konnte, durfte man nicht preisgeben. Wenn schon das ganze Dasein immer wieder die elendsten Kompromisse verlangte.

Sorgen also hatte Kantor Flehr eigentlich immer, und sie hatten ihm wohl auch die tausend Runzeln und Fältchen in das alte Gesicht gegraben. Aber an diese alltäglichen Sorgen gewöhnte man sich allgemach, wie man sich daran gewöhnt hatte, daß Quetschkartoffeln mit einem Brocken Speck gar kein so übles Essen waren, oder daran, daß man immer wieder einen Pflock zurückstecken mußte, was die eigene geistige Fortbildung anbetraf, oder daran, daß Goethe und Schiller nur an Sonntagsnachmittagen vom kleinen Bücherbord heruntergenommen werden konnten; auch daran, daß das alte Klavier von Jahr zu Jahr dünner im Ton wurde.

Es mußte schon einiges Besondere zusammenkommen, wenn Kantor Flehr den Kopf so tief auf der Brust trug wie heute, den schmalen, langen Oberkörper so vornübergeneigt hielt.

So war es aber auch. Der Tag verdiente drei Kreuze im Kalender.

Erst hatte man vom alten Heckstein wieder einmal eine kleine Vorlesung entgegennehmen müssen über den Geist der „Regulative --“. Selbstverständlich, das wußte man ja, kam die Salbaderei dem guten Heckstein selber nicht recht aus dem Herzen; war ein viel zu aufgeklärter Mann dazu, um vom Geist dieser Regulative überhaupt aus Überzeugung sprechen zu können, dieser Einschnürungs- und Verdummungsparagraphen. Aber ein Keil drückte da eben den andern. Und das war schließlich dem Pastor doch wohl aus dem Herzen gekommen, daß er sagte: „Überhaupt, Herr Kantor, Sie sind mir zu liberal!“ Ja ... hm ... was sollte man darauf erwidern, wenn der Alte so seinen gichtgekrümmten Zeigefinger hob? Zu liberal! Du mein Gottchen! Man hatte doch eben seine Ideale. Und wer die nicht, innerlich mindestens, hochzuhalten wußte in dieser Zeit, wo die Reaktion wieder mal umging, als ob sie die letzten paar Säulchen untergraben wollte, auf die sich noch die Freiheit des Staatsbürgers stützen konnte ... ja, wer sich seine bißchen Ideale nicht zu wahren wußte, der ging eben moralisch vor die Hunde. Nicht mehr Staatsbürger, sondern Staatsknecht war man dann ...

Nun ja ... und eine Stunde darauf war der Schulze gekommen, Christian Lehmpuhl. Hatte wieder mal solch ein Schreiben vom Herrn Landrat, Hochwohlgeboren. Wenn man nur die Handschrift des hochmögenden allmächtigen Kreissekretärs sah, konnte einem die Galle überlaufen; es roch ordentlich nach Bureaukratie daraus. „Es wird darauf aufmerksam gemacht ...“ fing es immer an. „Wonach zu richten“ oder „Es wird mit Bestimmtheit erwartet ...“ schloß es. Diesmal auch. Und dazwischen gab’s Donner und Blitz gegen die „auf Untergrabung der Königlichen Autorität abzielenden Bestrebungen“; gegen die „schlechten, staatsfeindlichen Zeitungen“, die den „Geist der Auflehnung zu verbreiten suchen“; gab’s eine Lobrede auf das Kreisblatt. Das Kreisblatt! Das Käseblatt! Da stand nun Christian Lehmpuhl und wußte sich nicht Rat. Was sollte man ihm raten? Gegen den Herrn Landrat?! Der Wind und Wetter machen oder die Sonne scheinen lassen konnte über Gerechte und Ungerechte. Zumal, wo man doch genau wußte, daß die Bauern weder eine vernünftige Zeitung +noch+ das Kreisblatt lasen. Was lasen die denn überhaupt! Na ja ... schließlich war’s denn wieder auf aller Weisheit Schluß herausgekommen: „Da wer’ ik woll die Krakulle rumschicken müssen“, hatte der Schulze beschlossen. Schön ... schön: also morgen ging das berühmte gebogene Holzstück von Haus zu Haus, und daran flatterte das Schreiben des Landrats wie ein Fähnchen. Aber der Bauer wandte es ja doch nur rechts und drehte es links; es las keiner, oder wenn es einer las, verstand er’s nicht. Und das war noch das Beste ...

Ja ... und dann war der Herr Doktor Hemming aus dem Schloß herübergekommen. Der Mann wußte ja eminent viel, alles was wahr ist; ein tüchtiger Pädagoge sollte er auch sein, und die Junker lernten mächtig, hieß es. Aber ein unausstehlicher Mensch blieb er mit seinem hochmütig-herablassenden: „Herr Kollege“. Immer klang das wie schneidende Ironie. Und immer hatte er gleich die Politik beim Wickel. Immer in seiner herausfordernden Art. „Es rührt sich endlich, Herr Kollege. Es rührt sich. Haben Sie das neueste Flugblatt des Deutschen Nationalvereins gelesen? Großzügig -- famos! Und unser Landtag! Da ist doch noch mal Wille und Kraft. Waldeck und Twesten und die anderen. Alle -- ganze Männer! Nicht wahr? Wenn die Regierung ihre Sache auf die Spitze treiben will, sie soll’s nur wagen. Dieser Ansturm des Militarismus wird am festen Willen des Volkes zerschellen, ist eigentlich schon zerschellt, und auch diese neue Größe, dieser Herr von Bismarck, wird daran nichts ändern. Sagen Sie selber, Herr Kollege, soll unsere Nation verbluten unter der Last der Armee? Dieses unproduktiven Heeres, das kein Volksheer mehr ist, sondern nur noch ein dynastisches Werkzeug? Wer könnte das leugnen? Glauben Sie mir nur, Herr Kollege, die Überzeugung wächst in immer weitere Kreise hinein, daß es auf diesem Wege nicht mehr weitergehen kann. Selbst in die Kreise des Junkertums. Fragen Sie mal bei Herrn Fritz von Hackentin an, wie der über die gegenwärtige Situation denkt.“

Eine Viertelstunde war das so weitergegangen. Eigentlich ganz interessant. Man sprach ja gern mal mit einem gebildeten Mann über politische Dinge, wo man so ganz vereinsamt lebte. Wenn nur nicht dieser entsetzliche Hochmut in dem Doktor Hemming gesessen hätte. Sprach man denn überhaupt mit ihm? Er sprach ja allein.

Ja, und dann kam’s zum Schluß: „Übrigens läßt der Rittmeister Ihnen sagen, Herr Kollege, daß er mit Ihnen zu reden hätte. Sie möchten doch gegen Mittag mal im Schloß vorsprechen.“

Na ja ... und das war vielleicht das Ärgerlichste. Das dickste Ende kam nach. Denn der alte Rittmeister war zwar ein lieber, prächtiger Mann, aber gut Kirschenessen war unter Umständen mit ihm nicht. Im Grunde war und blieb er doch immer der Junker, der keine Überzeugung neben der eigenen dulden konnte. Der König von Rohlbeck! Du mein Gottchen! Ein armseliges Königreich. Nur daß man doch darin leben mußte, daß man es unmöglich mit dem alten Herrn verderben durfte. Mit ihm nicht, mit der Herrschaft überhaupt nicht. Es gab da doch zu viel Fäden, die man nicht zerreißen konnte.

Was der Herr Rittmeister nur wollte? Natürlich betraf’s auch wieder die Politik. Man hörte das ja ordentlich im voraus: „Das heißt, Kantor, ich muß sagen ...“

Ja, Kantor Flehr hatte heute seine dreifach gesiebten Sorgen. Das graue Haupt sank immer tiefer auf die schmale Brust herab, je näher er den beiden schwarzen Stämmen mit den Kanonenkugeln darauf kam, die den Eingang zum Schloßgarten flankierten.

Aber dicht vor dem dräuenden Tor hatte er noch eine Begegnung. Von der anderen Seite kam der Großbauer Metschke, Adolf Metschke, und hielt ihn fest. War sonst eigentlich ein ordentlicher Mann, der Metschke, hatte außerdem eine prächtige Stimme, die manchmal den ganzen Kirchenchor zusammenhielt. Aber wen er einmal festhielt, der kam nicht so leicht los.

„Gut, dat ik Ihnen treffe, Herr Kantohr. Ik wollt zundersch mit Ihnen reden. Is das denn die Wahrheit, daß se de Soldaten abschaffn wolln?“

„Aber Metschke --“

„Jestern ist Sie da nämlich ’n Schlosser aus Ziebinge im Krug gewesen. Der hat’s vertellt. Vor janz jewiß. Nu muß Se mein Willem zur Stellung. Sähen Se, Herr Kantohr, da mächt ik doch jerne wissen, ob’s wirklich seine Richtigkeit haben tut?“