Part 5
Am Tage nach dem Markt war Tante Marie nach Rohlbeck gekommen. Unangemeldet, auf ihrem Selbstkutschierer mit den Ponys. Hatte sich die liebe ~petite-nièce~ auf acht Tage ausgebeten: „Du kommst gleich mit mir, ~mignonne~. Pack’ deine Siebensachen. Vergiß auch ein helles Fähnchen nicht. Vielleicht macht es sich, daß wir ein Tänzchen riskieren.“
Der alte Rittmeister hatte ein wenig geflucht. Mama barmte: „Du bist recht grausam, Marie, uns das Kind zu entführen. Denkst gar nicht an uns Alte!“ Aber die Marquise lachte: „Es ist nur um das Gewöhnen, liebe Elisabeth. Ihr sollt euch dran gewöhnen, daß Helene euch früher oder später, besser früher als später, ganz entführt wird. Seid keine Egoisten. Ihr habt ja Martha, Wilhelm ist jetzt auch da -- und dann eure Enkel. Gönnt anderen auch etwas.“
„Das heißt --“ begann der Rittmeister brummig. Aber er kam nicht weiter. Bei der Rackowerin kam man nie weiter, wenn sie sich vorgenommen hatte, zu persuadieren. Zudem: es war ein Axiom, daß die jungen Mädchen sich in Rackow bewegen lernten, sich abschliffen, gleichsam einen Blick in die große Welt taten. Dem widerstrebten Eltern nur in den seltensten Fällen.
Die aber, die es zunächst anging, stand am unschlüssigsten. Immer war sie leidenschaftlich gern in Rackow gewesen. Nun stand sie und stand, steif und unbeholfen, und drehte an dem Schürzenzipfel wie ein Backfisch.
„Vielen Dank, liebe Tante ... aber ...“
Die Marquise lachte wieder. Ihr goldiges Lachen, das das häßliche Gamingesicht so seltsam verschönen konnte: „Aber ... aber! Aber ich habe nichts anzuziehen. Nicht wahr? Mignonne, du hast deine Jugend, hast deine blanken Augen. Mein Herz, was willst du noch mehr! ~En avant~ ... ~en avant~ ... in einer Viertelstunde muß dein Köfferchen gepackt sein.“
Noch einen Moment stand Helene. Dann flog sie plötzlich aus der Tür und die Treppe hinauf.
Frau Marie hatte sich in den großen Lehnstuhl mit den mächtigen Ohrenwangen gesetzt. Das zierliche Figürchen verschwand fast in dem Ungeheuer, die Krinoline mußte sie gewaltsam zusammendrücken, und dabei bauschte sie sich erst recht unförmlich auf. Es sah eigentlich komisch aus. Aber die kleine Persönlichkeit beherrschte doch das ganze Zimmer. Sie hielt auch hier Cercle und hatte für jeden eine liebenswürdige Bemerkung. Der Rittmeister bekam eine Anerkennung, wie artig seine Hunde seien; der alten Gnädigen sagte sie ein heiteres Wort, wie Mignonne hübscher würde von Tag zu Tag und daß sie ganz die Augen der Mama hätte. Martha, die ihr eine Limonade brachte, erhielt ein Lob für die vortreffliche Mischung, die Mamsell in Rackow nie erzielte, und Wilhelm mußte über die Fortschritte des Bahnprojekts berichten. Dabei wurde er immer Feuer und Flamme. Sein schönes Gesicht leuchtete auf, er zwirbelte den koketten Spitzbart mit den wohlgepflegten weißen Fingern -- und immer hatte er die bestimmteste Zusage von Exzellenz Itzenplitz, die Konzession schon „in der Tasche“ ... gerade daß noch einige kleine Schwierigkeiten zu überwinden waren. Er stöhnte freilich auch immer: „Mein liebes Rohlbeck! Weib und Kind muß ich allein lassen ... aber was soll man tun?“ Ein klein bissel malitiös konnte die Marquise manchmal doch sein: „Nun, Wilhelm, Berlin ist auch ganz pläsierlich“, meinte sie und kicherte. Doch da sie Martha, die sie besonders gern hatte, nicht weh tun wollte, fügte sie gleich hinzu: „Leicht hast du’s allerdings nicht in Berlin, ich weiß das, Wilhelm. Es ist ja jetzt ein großes Wettrennen um die Bahnkonzessionen. Graf Redern erzählte uns davon. Aber es wird doch auch enorm verdient. Wie heißt doch der Mann, der die erste Geige spielt? Richtig: Stroußberg ... ein Jude ... natürlich. Der soll ja bei der Bahn oben in Preußen ein großes Vermögen machen. Wilhelm, Wilhelm ... ich seh dich schon als Millionär! Nun: ~à tous seigneurs, tous honneurs~!“
Dann kam Helene herunter. Hinauf war sie gestürmt, ganz langsam schlich sie nun ins Zimmer, und es klang eigen kleinlaut, als sie sagte: „Ich bin fertig, Tante Marie.“
Etwas Unsicheres, Sprunghaftes lag auch jetzt noch in ihrem Wesen. Sie war in den beiden Tagen, die sie in Rackow war, ihrer selbst nicht froh geworden.
Und es war doch so schön hier. Der Oktober meinte es diesmal besonders gut. Wenn der Amtmann Schmidthals, der seit einem Menschenalter Rackow ziemlich oder ganz selbständig verwaltete, -- Graf Grucker legte, sobald auf die Verwaltung seitens des alten „Mistikers“ die Rede kam, den Akzent immer auf die erste Silbe -- wenn Schmidthals bei der Veranda vorüberkam und die graue Kappe von dem grauen Haar zog, schmunzelte er jedesmal: „So ahnen Herbst haben wir noch nie gehabbt.“
Die Rackower waren Spätaufsteher. Onkel Ernst erhob sich erst gegen zehn Uhr aus seinem Riesenbett, und Tante Marie wurde überhaupt erst gegen Mittag sichtbar. Bis zur Mittagsstunde blieben die Gäste sich selber überlassen. Doch auch sie kamen in Rackow bald ins selige Faulenzen hinein. Helene aber war von Hause aus an frühes Aufstehen gewöhnt, denn der alte Rittmeister verlangte ihre Gegenwart bei seiner Morgensuppe, die unweigerlich aus Brotschnittchen mit heißem Wasser aufgebrüht bestand.
So war sie auch hier schon gegen sieben Uhr am Frühstückstisch auf der Veranda.
Gestern hatte sie den Herrlichkeiten dieses Rackower Frühstückstisches ganz allein gegenübergesessen: der großen silbernen Kaffeemaschine, dem silbernen Brotröster, den vielen kalten Platten. Allein mit Höhne, dem Leibdiener Onkel Ernsts, der geräuschlos seines Amtes waltete, immer mit einer diskreten Gönnermiene, wie man sie armen Verwandten gegenüber hat.
Heut erschien, zu ihrer Überraschung, fast gleichzeitig mit ihr der Neuchateller: Leutnant de Merivaux von den Gardeschützen. In hohen Stiefeln, mit der Jagdjoppe; das frische Gesicht zartrosig, trotz des eben überstandenen Manövers, den kleinen Schnurrbart lustig aufgedreht. Lustig war das ganze Kerlchen. Kerlchen -- pardon! -- nein: der schlanke junge Herr. Aber lustig war er doch, mit seinen leuchtenden blauen Augen und dem gegen alle militärische Vorschrift kurz geschorenen schwarzen Haar, mit seinen raschen Bewegungen und dem leisen Radebrechen in der Sprache, von dem man nie recht wußte, war es echt, war es ein wenig gemacht.
„~Bonjour~, gnädiges Fräulein!“ rief er gleich und streckte ihr beide Hände entgegen. „Ein so schöner Morgen, ein wonniger Morgen. Wie kann man nur so lange liegen in den Federn, wenn die Sonne so wunderschön scheint und Fräulein von ’ackentin auf der Veranda sitzt. Oh, was sind das hier für faule Menschen.“
Dann saß er auch schon. „Mein lieber ’öhne, eine Tasse Mokka. Aber recht stark. So ... und recht viel Milch. Danke: Milch, keine Sahne. Mein gnädiges Fräulein, und Sie schmieren mir ein Brot. Ah ... hier bekommt man doch richtiges weißes Brot ... Semmel ... nicht immer ~pain bis~. Ich kann nicht vertragen dies schwarze Brot. Ich hab so ein gar sehr schwachen Magen ... ein Magen wie ein schwächliches Kind.“ Wobei er sich eine Scheibe Schinken auf den Teller legte, die für zwei starke Männer ausgereicht hätte. „~Grand merci~, gnädiges Fräulein. ~Je vous en fais mes remerciments!~ Sie sind sehr gütig. Noch ein Ei, ~mon chèr~ ’öhne ... bitte sehr ...“
Man konnte ihm nicht böse sein. Eigentlich wäre sie lieber allein geblieben wie gestern, diese einzig ruhige Stunde in dem geräuschvollen Rackower Leben. Aber mit den Wölfen mußte man nun einmal heulen.
Er trank seinen Kaffee in ganz kleinen Schlückchen, zerpflückte sein geliebtes ~pain blanc~, ließ seine blauen Augen leuchten, erzählte von Berlin und von seiner Kaserne, ganz draußen, weit draußen, fast bei Treptow, wo „sich die Fuchs sagen gut’ Nacht“. Und dann fragte er plötzlich: „Warum ’aben Sie gestern nicht wollen singen, gnädiges Fräulein! Wo wir doch alle so sehr gebeten ’aben.“
„Ich war nicht disponiert, Herr von Merivaux.“
„Ah! Das haben Sie gestern auch gesagt. Aber es ist doch nicht wahr ...“
„Bitte sehr, Herr von Merivaux!“
„Pardon, gnädiges Fräulein. Aber wenn eine Sängerin nicht disponiert ist, hört man es an ihrer Sprache. Sie sind doch nicht heiser. Werden Sie heut singen?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaube kaum.“
„Ich ’abe nicht vergessen, wie Sie ’aben gesungen auf Soldelzig, bei Comte Grucker.“
„Verstehen Sie denn etwas von Gesang?“
„~Si peu que rien!~ Leider. Aber ich lieb’ die Musik über alles, und besonders hab’ ich Sie hören gern singen.“
Helene mußte lachen. Es kam zu komisch heraus, wie er das sagte. Und dabei machte er so eigne Augen. Fast verliebte Augen. Gut, daß man wußte, man brauchte ihn nicht seriös zu nehmen.
„Etwa so gern, wie Sie nach einem guten Diner eine Zigarre rauchen. Nicht wahr, Herr von Merivaux.“
„Ja! Ganz gewiß. Ungefähr so. Ah, eine gute Zigarre. ~Mon cher~ ’öhne ... Sie wissen gewiß, wo der Herr Baron hat stehen seine guten Zigarren. Sie sehen ganz aus, als ob Sie auch rauchten gern eine gute Zigarre.“ Er gab dem Diener einen kleinen freundschaftlichen Klaps. „Also wie eine sehr, sehr gute Zigarre, gnädiges Fräulein. ~Mais, mon dieu~, ... Sie dürfen das nicht übelnehmen.“
„Ich denke gar nicht daran. Ich fühle mich sogar sehr geehrt!“
Höhne hatte inzwischen wirklich eine Kiste Importen gebracht. Merivaux zündete sich umständlich eine Zigarre an, und tat liebevoll den ersten Zug. „Bei einer guten Zigarre kommen immer gute Gedanken. Bei Ihrem Gesang, gnädiges Fräulein, denk ich, kann man auch nur ’aben gute Gedanken. Als Sie in Sodelzig haben gesungen das Lied von der Baronin Rothschild -- ‚~si vous n’avez rien à me dire~‘ -- hab ich immerzu denken müssen an meine liebe Heimat, an unsere schönen Berge, an den blauen See ... ja ... und an meine gute ~maman~ ...“
Er war aufgestanden. Er blies schnell hintereinander ein paar kunstvolle Ringe und lachte: der erste Ring hatte sich zur Decke erhoben, war langsam gesunken und lag nun, für einen Augenblick, gleich einem Kränzlein just um Helenens weißes Morgenhäubchen.
Merivaux lachte, sah auf sie herab, und sie wurde böse: „Was lachen Sie eigentlich, Herr von Merivaux! Über mich?“
Da sagte er: „Schade ... nämlich, er ist jetzt fort. Ja so, gnädiges Fräulein, Sie wissen ja nichts davon. Ich hatte Ihnen eine ~auréole~ aufgesetzt ... aus Tabaksrauch ... und ist ein Sonnenstrahl dazu gekommen. Wenn Sie wüßten, wie scharmant das ausgesehen ’at!“
Unwillkürlich faßte sie nach dem Haar.
Aber er schüttelte den Kopf. „Nein, nun ist das fort: ~auréole~ und Sonnenstrahl. Aber ... scharmant sieht das immer noch aus ... das ...“
Ein wenig verwirrt war sie doch, ein wenig verlegen. „Was Sie immer für törichtes Zeug reden, Herr von Merivaux!“
„Ich? Aber nein doch ... Sind Sie fertig mit dem Dejeuner, gnädiges Fräulein? Wollen wir ein wenig in den Garten?“
Sie war schon aufgestanden und nickte.
Langsam schritten sie die kleine Treppe hinunter.
Frau Marie war eine Gartenkünstlerin. Sie hatte eine Wüstenei vorgefunden und ein kleines Paradies geschaffen. Vor dem Hause lag ein großes Rosenparterre; gutgehaltene, kurzgeschorene, manneshohe Taxushecken schlossen es seitlich ab; breite Einschnitte, die gewölbten grünen Toren glichen, führten von hier in den eigentlichen Park, der sich weit hinzog und allmählich in Wiesen und Waldpartien überging. Nicht so ausgedehnt war das Ganze, wie der Park von Muskau, den der Graf Pückler angelegt hatte, aber einzelne Teile konnten an Schönheit doch mit dem Meisterwerk des alten Semilasso wetteifern.
Man war stolz im ganzen Kreise auf den Park von Rackow, und auch Helene war es. Sie führte Merivaux von einem Ausblick zum andern; an dem Borkenhäuschen vorüber, in dem im Hochsommer meist der Kaffee genommen wurde, zum schilfumstandenen Teich; von dort zur Höhe, von der man die schönste Aussicht auf das Dorf Rackow hatte und darüber hinweg zu dem Hügelzuge, an dem Rohlbeck lag.
„Da, sehen Sie, Herr von Merivaux. Da bin ich zu Hause ...“
Indem sie das sagte, fühlte sie: es war wirklich schön. Der Herbstzauber ruhte auf dem Landschaftsbilde; die Sonne malte ihre farbigen Reflexe; das Dörfchen unten mit dem hohen altersgrauen Kirchturm war wie eingebettet in Grün, Rot und Gold; weite Felder dann, und dahinter der Höhenzug mit den festgeschlossenen geradlinigen dunklen Kieferforsten.
Aufmerksam schaute der junge Offizier in die Weite. Eine Weile schwieg er. Aber dann begann er von seiner Heimat zu sprechen, von dem ewig blauen See, von ragenden Felsen, von schneegekrönten Häuptern. Er sprach von den Weinhängen, auf denen jetzt die feurigen Trauben reiften, von der üppigen Vegetation am Gestade des Neuchateller Sees mit den Wäldern von echten Kastanien, von den Magnolien und Mandelbäumen im Garten von Schloß Merivaux.
Er konnte also auch ernst sprechen. Sieh einmal an. Ernst und schön. Sie mußte das zugeben. Aber es reizte sie. Sie, die sich immer in die Weite sehnte, lehnte sich plötzlich dagegen auf, daß man ihr die Schönheit der Fremde rühmte, wo sie die Schönheit der eigenen Heimat gelobt wissen wollte.
„Warum sagen Sie mir das alles?“ fragte sie scharf dazwischen.
„Weil ich wohl möchte, daß Sie es kennen lernten, gnädiges Fräulein.“
„So finden Sie es schöner ... schöner als bei uns?“
Er lächelte überlegen. „Das hier ist wie eine Oase. Aber sonst, ~mon dieu~ ... nicht so böse Augen machen, bitte ... sonst ist die Mark Brandenbourg ein armes Land.“
„Warum sind Sie denn aber hergekommen?“
„Oh ... warum? Wie können Sie fragen? Weil wir sind Royalisten. Man hat uns geknechtet daheim, die Demagogen haben gesiegt. Aber wir ’alten treu zu unserem Fürsten, zu unserem König. Wir wollen ihm weiterdienen. ~Vive le roi!~“
Sie waren weitergegangen, den breiten Weg zurück. Jetzt blieb Merivaux plötzlich stehen. Er griff mit einer seiner heftigen Bewegungen in die Fliederbüsche, knickte ein paar Zweiglein. „Mein Vater haben sie in ~prison~ geworfen, die Revolutionäre, als der Aufstand kam. Dann hat uns Preußen im Stich gelassen ... Politik ... Politik ... was weiß ich. Aber wir bleiben treu ... treu bis zum Tod. Verstehen Sie das, gnädiges Fräulein?“
Helene nickte. Sie fühlte: das war jetzt nicht mehr der kleine lustige Leutnant, der zu ihr sprach. Es war ein Mann, der einer Überzeugung diente. Es stieg heiß in ihr auf. Sie begriff vielleicht nicht ganz. Aber sie empfand: ein Mann, der seine schöne Heimat verläßt, die er über alles liebt, um in der Fremde dem Herrscher mit Blut und Leben zu dienen, dem die Vasallentreue gebührte! Alles um der Treue willen!
Wieder gingen sie ein Stück weiter, schweigend nun.
Da kam ihnen bei der Wegbiegung Herr Schwarz entgegen. Im langen braunen Rock, auf dem Kopf ein winziges Hütchen, in der Hand einen leichten Stock mit goldener Krücke, um den hohen Hemdkragen ein seidenes Cachenez.
Helene sah ihn -- und mit einem Male fühlte sie, jäh erschreckend, wie plötzlich all die Sympathie für den jungen, frischen Menschen neben ihr verblich, wie sich all ihre Gedanken widerstrebend dem Sänger zuwandten. Dabei trotzte es in ihr auf: ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht -- will nicht! Und sie straffte sich, setzte ihre hochmütigste Miene auf.
Herr Schwarz ignorierte beides: die kühle Gleichgültigkeit in dem schönen Mädchengesicht und Abwehr und Verdruß in den Zügen des jungen Offiziers. Der hatte sich schnell eine Gerte aus dem Busch gebrochen und schwippte damit durch die Luft, schlug sich an die Stiefelschäfte.
Vollständig fast ignorierte Herr Schwarz den Neuchateller; gerade nur die notwendigste Höflichkeit lag in seinem Gruß. Er wandte sich ausschließlich an Helene.
„Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen? Aber was frage ich! Ich bin ja nicht mit Blindheit geschlagen.“
„Fragen Sie doch lieber. Oder soll ich Ihnen sagen: Fräulein von Hackentin ’at mir gerad eben gesagt, daß sie ist stock’eiser. Stock’eiser, Monsieur Schwarz --“
Der Sänger lachte. „Dann wird das gnädige Fräulein einen Scherz gemacht haben. Als ich vor einer Stunde etwa mein Fenster öffnete, hörte ich ein paar halblaute Töne, eine Kadenz nur ... unter mir mußte man auch das Fenster aufgetan haben -- nun, kurz und gut, ich wußte sofort, daß diese Stimme nur die von Fräulein von Hackentin sein konnte. Ich wußte, heut ist das gnädige Fräulein nicht mehr indisponiert, heut wird sie singen.“
„Sie wird nicht singen --“ sagte Helene und setzte den Kopf noch gerader auf den Nacken.
Er nahm seinen Stock zwischen beide Hände vor die Brust, daß die goldene Krücke unter das Kinn zu liegen kam, lächelte wieder, überlegen und fast ein wenig ironisch: „Sie wird doch singen, wenn der Kollege sehr bittet.“
„Der Kollege? Welcher Kollege, Herr Schwarz?“
„Nur meine Wenigkeit, gnädiges Fräulein. Sie müssen das Wort schon mit in den Kauf nehmen: wir huldigen ja derselben Kunst, der göttlichen ...“ Plötzlich brach er ab. „Ist das nicht übrigens ein wonniger Oktobermorgen? So warm wie im Hochsommer.“
Merivaux machte eine Bewegung mit dem Zeigefinger um den Hals: „Aber Sie ’aben gepummelt das Cachenez um die Kehle.“
„Vorsicht ist zu allen guten Dingen nutze, Herr Leutnant. Diese ‚Kehle‘ hier aber ist ein gut Ding. Nicht für mich nur, sondern für die Welt, in der man den ~bel canto~ zu schätzen weiß.“
Sie waren weitergegangen und standen vor dem kleinen chinesischen Pavillon, der die Fernsicht nach der anderen Seite bot: nicht auf Rohlbeck, sondern nach Stellberg hin. Fast das gleiche Bild, nur daß das Dorf im Vordergrunde fehlte. Und da sagte Schwarz: „Wie schön doch diese Mark Brandenburg ist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Man hatte mir so viel erzählt von ihrem öden Sande, daß ich in eine Wüste zu kommen fürchtete. Aber nun kann ich mich gar nicht satt sehen an diesen weiten Blicken auf die geraden schlichten Linien der Landschaft. Ich kenne doch ein großes Stück Welt, kenne romantischere, äußerlich reizvollere Gegenden. So gepackt aber hat’s mich selten wie hier. Wie das alles zusammenstimmt: Landschaft und Menschen. Alles so offen, so einfach, ohne Kompliziertheit, immer zum Herzen sprechend. Sprechend? Nein, klingend, tönend. Man muß es lieben, beides, Land und Leute.“
Helene schwieg, trotzdem er zu ihr sprach. Nur zu ihr. Sie wollte nicht antworten. Aber hindern konnte sie doch nicht, daß sich die Worte wieder in ihre Seele schmeichelten, die Worte und der Klang dieser Stimme.
„Ist doch ein armselig Land!“ sagte Merivaux dazwischen. Wie aus Trotz heraus.
„Wie Sie das nur behaupten können! Es gibt gewiß reichere Erdenflecken. Länder, in denen wirklich Milch und Honig fließt, Gegenden, die auch auf das äußere Auge stärker wirken. Die Mark spricht, für mich, zur Seele. Und nun die Menschen! Merkwürdige Menschen. Schlendere ich gestern abend durch das Dorf. Ganz allein. An einem Zaun steht ein alter Bauer, ich fang ein Gespräch mit ihm an. Wortkarg gibt er Rede und Antwort. Und dann hat er -- ich sprach vom Wetter -- fast genau Hamlets Wort: es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ...“
Merivaux schlug sich wieder mit seiner Gerte auf den Stiefelschaft, daß es klatschte: „Da ’aben Sie dazu gedichtert, Monsieur Schwarz. Einfach hineingedichtert. Der Bauer ist Bauer, und Bauer bleibt Bauer.“
Der Sänger zog die Achseln hoch und sah zu Helene hinüber, als erwartete er einen Einwurf, eine Parteinahme für sich. Aber die blieb aus. Ihre Gedanken waren eine andere Straße gezogen. In ihr klangen nur seine Worte über das Landschaftsbild. Zuerst hatte sie sich darüber gefreut, gerade weil sie im Gegensatz zu Merivaux’ Urteil standen. Nun schienen sie ihr doch ein wenig phrasenhaft, ein wenig gekünstelt. Was hatte der Neuchateller eben gesagt? Hineingedichtert ...
Da sagte Schwarz, und sie horchte wieder auf seine weiche, einschmeichelnde Stimme: „Wir wollen nicht streiten. Der Morgen ist wirklich zu schön dazu. Kommen wir nicht auf diesem Wege zur Fasanerie, gnädiges Fräulein?“
Sie nickte, und sie gingen weiter.
Erst zu dreien, dann blieb Merivaux ein paar Schritte zurück. Einmal sah sie sich nach ihm um; flüchtig, eigentlich nur aus Höflichkeit, als Verwandte des Hauses, dessen Gast auch er war. Aber er stand an den Büschen, hatte die Zweige auseinandergebogen, spähte vielleicht nach einem Vogelnest. Das mochte ihn mehr interessieren als alles, was der Russe -- immer noch nannte sie ihn in Gedanken so -- erzählte. Der hatte schnell wieder den Übergang gefunden vom märkischen Bauer zur großen Welt. Aus der Enge in die Weite, schien es ihr. Er sprach von Petersburg, von Paris, von Wien, vom geselligen Leben, vom Theater. Es war ihr so fremd, es war ihr so neu -- fast alles, was er sagte. Man mochte wollen oder nicht: man mußte lauschen. Auch dem, was er über sich einfließen ließ: von dem unwiderstehlichen Drang, der ihn, den Sohn eines Bergwerkdirektors, zur Kunst getrieben hätte; wie er schon auf dem Gymnasium durch seine Stimme Aufsehen erregt, welche Kämpfe er zu durchringen gehabt, wie dann das Glück über ihn gekommen wäre. Und nun sei er auf der Höhe --
„Auf der Höhe ... ja ... und doch nimmer befriedigt ...“
Es klang so weich, es klang so schmerzlich: nimmer befriedigt.
Ein Geständnis war es. Es schlug eine Saite in ihrer eigenen Seele an. Sie +mußte+ fragen: „Nimmer befriedigt? Sie? Und warum?“ Ganz zögernd nur, scheu kam das letzte Wort.
„Ja ... warum? Wer kann das eigentlich sagen? Da ist der heiße Wunsch, immer Reiferes, immer Vollkommneres zu leisten, das große Streben, das den Künstler bis zum letzten Atemzuge nicht verlassen darf. Und daneben steht die unendliche Leere.“
Es zwang sie, ihn anzusehen. Fast schien es, als glänzten seine Augen feucht.
Sie schüttelte zaghaft den Kopf. „Die Leere?“
„So ist es, mein gnädiges Fräulein. Nicht anders. Streben und Beifallslohn ... wunderbar schön sind sie, bezaubernd, berauschend. Aber der Rausch verfliegt, der Zauber erlischt. Es bleibt nur der graue Alltag, in den keine Sonne hineinleuchtet. Manchmal glaubt man freilich, einen freundlichen Sonnenstrahl festhalten zu können ... aber ...“
Er brach ab.
Schweigend gingen sie noch ein paar Schritte weiter, blieben dann stehen. Helene war’s, als stockte ihr der Atem.
Da fragte er: „Werden Sie heut singen?“
Sie neigte den Kopf, ohne ein Wort. Aber es war doch eine Bejahung.
Und dann war mit einem Male Merivaux neben ihnen und noch ein anderer, den er unterwegs aufgelesen haben mußte.
Merivaux hatte wieder ein fröhliches Lachen, das ihr geradezu weh tat in diesem Augenblick. „Also, Monsieur Schwarz, also hier ’ab ich einen ganz Sachverständigen. Also, Monsieur Smithals, also was ’alten Sie von die märkischen Bauer?“
Worauf der stämmige Alte auch lachte: „Unse Pauern? Verfluchtigte Sakarmenter sind’s, Herr Leutnant.“
* * *
Helene war unter den Fröhlichen sehr still gewesen.
Man war bei Tisch immer fröhlich in Rackow. Die Tafelrunde hatte hier ihre besondere Weihe. Onkel Ernst war ein Schlemmer. Er nannte sich einen Gourmet, aber er war beides: Gourmet und Gourmand; er aß möglichst erlesen und aß -- wie ein Scheunendrescher. Wenn er am eigenen Tisch vor seinem berühmten ovalen Ausschnitt präsidierte, in den sein Bäuchelchen gerade hineinpaßte, glänzte sein Gesicht vor Behagen und Wonne: „Nun, Mariechen, was gibt’s denn heut?“ fragte er noch vor der Suppe, obwohl er das Menü schon vorher mit Monsieur Bombourdan, dem Chef, eingehend erwogen hatte. Und Tante Marie, die selber aß wie ein Piepmatz, aber noch eine weit feinere Zunge hatte als der Rackower, lächelte gnädig: „Du wirst schon zufrieden sein.“ Dann sah Onkel Ernst regelmäßig unter seinem Monokel „um die Ecke“, musterte der Reihe nach seine Gäste und freute sich, wenn er auch bei ihnen einiges Verständnis erhoffen konnte.