Auf märkischer Erde

Part 4

Chapter 43,760 wordsPublic domain

Helene Hackentin zierte sich nicht. Wie hätte man sich denn auch vor der Bude von Tante Hufnagel zieren können. Sie stopfte ein paar Pralinees ins Kröpfchen und steckte sich die Taschen voll. Rechts ein Paket Schokoladenpfefferkuchen und links den kleinen Karton mit einem Königsberger Marzipanherz. „Siehst du, Onkel Grucker, nu hab ich ’n Herz!“ Famos übrigens, daß die Pelerine links und rechts ordentliche Taschen hatte.

Brrr -- brrr schmiß der Graf eine Handvoll Pfeffernüsse über die blonden, braunen, schwarzen Köpfe hin. Es summte in der Luft wie ein Schrotschuß Und die liebe Jugend jagte hinterher, stolperte, schubste sich, balgte sich, lag auf den Pflastersteinen und jauchzte. Grucker aber hatte gerad noch einen Blondkopf an den langen Zöpfen erwischt. „Bist du nicht eine kleine Tiburtia? Die Nas’ kenn’ ich doch! Sperr’s Maul auf und mach die Augen zu. So ... da ...“ Unbarmherzig schob er einen wahren Riesenkloß Mehlweißchen in den aufgerissenen Schlund und wollte sich totlachen, wie das Unglückswurm zwischen Lachen und Greinen biß und schluckte.

„So, Tante Hufnagel ... Schluß. Was kost’t der Kitt? ’n Daler zwanzig ... hier! Bist fertig, Puttchen? Na, denn woll’n wir mal. ’n Abend ... ’n Abend ...“

Und wieder knixte Madame Hufnagel ganz tief, beide Mamsellen knixten noch tiefer, alle drei lächelten so süß wie Marzipan. Helene hakte wieder ein, aber dann besann sie sich und meinte, ein wenig zögernd: „Nun muß ich zu Tante Artenau ...“

„Meine Hochachtung! Nee aber -- was willst du denn da? Etwa zusehen, wie die semmelblonde Julie das Kunststück fertig bringt, ein Hühnerei in der Achselhöhle auszubrüten? Pfui Spinne. Komm du man mit zu uns ordentlichen Leuten.“

Es stand ihr auf dem Gesicht geschrieben: ihr war das auch lieber. Aber sie zögerte noch immer, griff in die linke Manteltasche -- gut doch, daß der Mantel so schöne Taschen hatte! -- krabbelte sich ein Stückchen Pfefferkuchen heraus und steckte es zwischen die Zähne. Gerad noch so viel Platz blieb, daß sie fragen konnte: „Wer ist denn drin, Onkel Grucker?“

„Wer wird denn drin sein, Mademoiselle Neugier? Artenau und Tiburtius und Fritze, dein Bruder Demokrat ... na, und Ernst mit seinem Moskowiter Sänger.“

Es war gut, daß sie nicht über den Straßendamm konnten. Gerad kam nämlich von der Kirche her ein Haufen Menschen mit einer „Moritat“ in der Mitte, und der Mann mit der Schauleinewand pflanzte sich just vor der Apotheke auf. So etwas mußte Grucker sich immer in der Nähe ansehen und anhören, blieb also stehen, sagte lachend: „Meine Hochachtung ... wunderschön!“ und merkte gar nicht, wie Helene aus eigenem Antrieb den Schritt hemmte und daß sie trotzig den Nacken steifte. Bis der Leierkasten sein Lied abgespielt und der Mann das Epos von dem siebenfachen Mord vorgetragen hatte --

„Und so hat in einer Nacht Er sieben Christen umgebracht“ --

Währenddessen konnte Helene sich besinnen. Sie knabberte dabei langsam ihren Pfefferkuchen auf. Da wären wir ja beinah’ recht albern gewesen, dachte sie. Warum denn nicht? Was geht mich dieser ... dieser Russe an. Nun gerade! Und als Grucker sein Dittchen auf den Sammelteller geworfen hatte und sich wieder in Bewegung setzte, fragte sie: „Also der Rackower Gast? Was ist denn das für ein Menschenkind?“

„Biste neugierig, Puttchen?“

„Bewahre. Ich frag nur so ...“

„Na also, wenn du nur so fragst: er trägt seidne Strümpfe und ’ne Krawattennadel, die ihm der Kaiser aller Reußen geschenkt haben soll. Sonst ’n ganz manierliches Kerlchen, scheint’s. Schmokt auch ’n ganz wundervollen Toback. Meine Hochachtung -- wirklich! Weiter weiß meines Vaters Sohn nichts von ihm.“

Da waren sie auch schon in der Offizin.

Aber nun zögerte Helene doch wieder. Es war sehr laut im Nebenzimmer. Auch der Graf horchte auf. „Die scheinen ja ’n bissel scharf aneinander geraten. Hör’ mal, Lene ...“

„Ich möchte doch lieber ...“

„Na, du wirst dich doch nicht fürchten! Was sich zankt, liebt sich, Leneken.“

Er stieß die Türe auf, stapfte mit seinem lauten „Meine Hochachtung!“ über die Schwelle, stieß aber direkt auf seinen Neffen Fritz Hackentin, der -- mit dem Hut in der Hand -- hinauswollte, rot im Gesicht und vor Erregung zitternd. Der Bruder stand daneben, suchte ihm den Hut zu entwinden.

„Hallo, mein Junge!“ rief Grucker. „Hier wird nicht desertiert.“ Er faßte ihn mit beiden Händen um den Leib, hob ihn hoch, wie man ein Kind hochhebt, drehte ihn um und schob ihn, ohne loszulassen, wieder zum Tisch hin. „Komm, Lene, Mädel, streichle mal ’n bißken. Kreuzdonnerstag und Freitag, man wird doch hier in Ruh’ sein Glas Wein trinken können!“

„Laß mich, Onkel Grucker ... laß mich!“

Aber die eisernen Fäuste hielten fest. „Nee, Fritz. So kommst du nicht los. Erst ’n Versöhnungsschluck. Habt wieder mal hohe Politik getrieben -- he? Verflucht und zugenäht! Na, was gab’s denn?“

Drüben saß der alte Rittmeister. Er war so blaß im Gesicht, wie der Sohn rot war, und die Hand, die er am Glas hielt, zitterte auch. Aber er zwang sich. „Wenn du’s wissen willst, Schwager. Das heißt, daß mein Sohn Fritz uns gerad erzählt hat, daß er Mitglied vom Nationalverein ist. Und da hab ich ihm meine Meinung gesagt. Das heißt, über die ganze Schreierei und über den vielgeliebten Schützenherzog in Gotha dazu. Und das kann er nicht vertragen.“

„Deshalb ist es besser, ich gehe!“ stieß der Kreisrichter hervor. „Meine Überzeugung lasse ich nicht antasten, auch von dir nicht, Papa.“

Der Graf hatte ein Lachen, das oft geradezu erlösend wirken konnte. So lachte er jetzt. Und es paßte in dies Lachen hinein, was er zwischendurch in einzelnen Brocken vorbrachte: „Brat mir einer ’n Storch ... kriegen sich Vater und Sohn wegen Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, Durchlaucht und so, an den Kragen ... aber den Storch recht knusperig, bitte! Kinderkens, seid gut ... lieber Artenau, du oller Stickereimajor, nu aber schnell ’ne neue Mischung ... was Besänftigendes. Heut wird nicht mehr Politik gemacht ... hier setzt du dich, Fritze ... so ... na, und da hab ich euch die Lene mitgebracht ... Lene ... Puttchen ... komm her. Es frißt dich keiner ...“

Sie war an der Tür stehengeblieben.

Daß sich Vater und Bruder stritten, war ihr nichts Neues. Das ging nun schon seit Jahren, man hatte sich nachgerade daran gewöhnt: Vater und Fritz vertrugen sich schließlich immer wieder, und Onkel Grucker brachte das gewiß heute schnell zuwege. Er verstand das Leimen.

Aber diesmal war’s ihr peinlich. Weil der Fremde dabei war. Der Russe, gegen den sie vom ersten Sehen an etwas wie instinktive Abneigung empfunden hatte.

Das Zimmer war mit Tabaksrauch gefüllt. Mehr noch als Onkel Pastors Arbeitsstube am Sonnabend. Mit dem Messer hätte man den Qualm durchschneiden können, und die Augen taten einem weh; kaum, daß man die Herren am Tisch unterscheiden konnte: den Doktor, der bei Lene noch von früher her immer einen Lebertrangeschmack auf der Zunge hervorrief, den lustigen Herrn Herr, Artenau, Onkel Ernst ...

Ja ... und da stand der Russe am Fenster.

Fast wie sie an der Tür. Vielleicht hatte er auch den gleichen Gedanken wie sie: ich wollte, ich wäre nicht hier. Zu verwundern wär’s nicht.

Das Gespräch am Tisch ging noch ein paar Augenblicke weiter. Schon gemäßigter. Sie hörte nur einzelne Worte ... „Das deutsche Vaterland ...“ sagte Fritz. „Nee, unser altes Preußen ...“ sagte Vater, und Onkel Grucker: „Nu laßt’s mal endlich ...“

Da war auch schon der Rackower aufgestanden, dem jeder politische Streit unbequem war, hatte das Monokel ins Auge geklemmt und ihr zugenickt, war zu seinem Gast ans Fenster getreten. Und der wandte ihr im nächsten Moment das Gesicht zu, verbeugte sich.

Zu dumm, zu kindisch, daß man immer noch rot wurde wie ein Backfisch ...

„Na, Leneken, wo steckst du denn?“ rief der Graf schon zum drittenmal. „So komm doch! ’s ist wieder Friede im Lande.“

Langsam ging sie an den Tisch, nickte, reichte die Hand. Und nun walzte sich Onkel Ernst heran, stellte ihr den Russen vor. Jäh überflutete sie wieder die alberne Röte. Aber sie überwand sie diesmal schnell; vielleicht, weil es ihr so komisch vorkam, daß er Schwarz hieß, einfach Schwarz, während sie irgendeinen Namen auf off oder itsch erwartet hatte.

Der Friede schien wirklich geschlossen, die Gläser wurden neu gefüllt, Grucker hatte schon wieder eine seiner langen dicken Zigarren in Brand. Dann hieß es plötzlich, wie zur Besiegelung des Friedens: „Lieber Herr Herr, pfeifen Sie uns eins“, und der Apotheker ließ sich nicht lange bitten. Er spitzte die Lippen und pfiff. Erst von Schumann: „Wohlauf, noch getrunken, den funkelnden Wein ...“ und dann sein Glanzstück aus „Fra Diavolo“.

Eigentlich liebte Helene dies Kunstpfeifen wenig. Es hatte für ihr empfindliches Ohr immer ein wenig Schrilles. Aber das mußte sie zugeben: Herr Herr machte seine Sache gut, und es war +doch+ Musik. Stets, wenn ein Lied erklang, wurde ihre Seele wach.

Und dann war sie mit einem Male, sie wußte selbst nicht, wie es eigentlich gekommen war, in einem Gespräch mit dem Russen. Sie nannte ihn im stillen immer den Russen, wenn er auch Schwarz hieß.

Er hatte an die Produktion des Apothekers angeknüpft, aber sie waren im Nu darüber hinaus. Von der Musik im allgemeinen sprach er, von den neuesten Opern dann, von Spontini, von Donizetti, von Lortzing und vor allem von Meyerbeer. Eigen erfreut schien er, daß sie gut Bescheid wußte. Einmal sagte er: „Ich hätte nie geahnt, daß man hier, in der Landeinsamkeit, Musik so liebt.“

„Gerade, wenn man so einsam lebt, meine ich, muß man sie doppelt lieben.“

„Sie ist die große Herzenströsterin.“ Er sprach es mit Emphase, aber das entging ihr.

„Ich finde, daß sie immer neue Sehnsucht weckt“, erwiderte sie.

Als ob er sie nicht ganz verstanden hätte, so schaute er sie an. Er wiegte den schönen Kopf: „Gewiß, sie weckt Sehnsuchten, aber nur, um sie wieder zu stillen.“ Und dann: „Sie üben selber Musik, gnädiges Fräulein? Aber was frage ich -- wer sich so stark für Musik interessiert, muß auch versuchen, dem inneren Drang zum Leben zu verhelfen.“

„Ich singe ... ein wenig.“ Erst als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein, daß Onkel Grucker vorhin von Herrn Schwarz als dem „Moskowiter Sänger“ gesprochen hatte. Es war aber nur eine ganz unklare Vorstellung in ihr, was der Onkel eigentlich damit gemeint hatte, und sie war nun doch neugierig: „Sie singen auch -- nicht wahr?“ fragte sie, und es mochte wohl sehr naiv klingen. Denn er lachte ganz leise, verneigte sich ein wenig: „Es ist ja mein Beruf, gnädiges Fräulein. Ich bin Opernsänger.“

Das war ihr eine kleine Enttäuschung. Er hatte so weltmännisch geplaudert; für einen Diplomaten würde sie ihn gehalten haben, vielleicht auch für einen Offizier in Zivil. Opernsänger ... Komödiant ... das hätte sie nicht gedacht. Aber es interessierte sie gewaltig, und aus dem Untergrund ihres Bewußtseins stiegen zugleich Erinnerungen an eigene heiße, tolle Träume empor, in denen sie sich selber gefeiert gesehen hatte, wie die Jenny Lind gefeiert worden, wie jetzt die Lucca in Berlin. So daß sie sich der ersten Empfindung schämte und lebhaft, doppelt liebenswürdig meinte: „Jetzt verstehe ich erst. Nicht wahr, Herr Schwarz, Sie waren in Petersburg engagiert und daher“ ... nun überkam sie wieder eine leichte Verlegenheit ... „daher hieß es auch, daß Sie Russe wären? Wo haben Sie eigentlich meine Verwandten kennen gelernt?“

„In Ems, gnädiges Fräulein. Wir gebrauchten zur gleichen Zeit die Kur. Das russische Klima hatte bei mir eine kleine Halsaffektion hervorgerufen. Man muß vorsichtig sein in meinem Beruf.“

Sie hatten ganz ungestört miteinander sprechen können, denn die übrige Tafelrunde war völlig durch Herrn Herr in Anspruch genommen. Der mochte wohl von dem Wunsch beseelt sein, ein politisches Gespräch nicht neu aufkommen zu lassen. Hatte erzählt, daß er von Frankfurt eine von den neuen merkwürdigen Lampen mitgebracht hätte, die mit Petroleum gespeist würden, einem Öl, das in Amerika aus der Erde fließe. Der und jener hatte davon schon gehört, der Rackower und Wilhelm Hackentin hatten die Lampen auch in Berlin gesehen. Doktor Tiburtius wollte wissen, daß man Erdöl schon im Altertum zur Beleuchtung gebraucht hätte; Ben Akiba habe nun einmal recht: es gebe nichts Neues unter der Sonne. Im übrigen wäre das ein gefährliches Zeug, stinke wie die Pest und explodiere wie Schießpulver. Als der Apotheker schließlich das Lämplein holte und umständlich anzündete, rückten die Herren wirklich vorsichtig ihre Stühle rückwärts, am weitesten Artenau.

„Meine Hochachtung“, rief Grucker und klatschte sich auf die Oberschenkel.

Da blickte Helene auf und sah durch die dichten schweren Tabakswolken die helle, gelbliche Flamme über dem gläsernen Bassin. Und mit einem Male kam es ihr vor, als wäre sie emporgeflogen, weit hinauf, und nun wieder jäh auf die Erde zurückgeworfen. Die Lampe im großen Zimmer zu Rohlbeck stand plötzlich vor ihr, sie hörte das Gluck-Gluck, und sie sah den häßlichen Fleck, den das schwere Gestell in die alte, braune Plüschdecke gedrückt hatte.

Sie mochte nicht weiter sprechen, und nur wie von fernher hörte sie, was die andern sagten. Bruder Wilhelm natürlich schon von Plänen und Spekulationen, die man in Berlin an das Erdöl knüpfe. Du lieber Gott, das war auch solch Phantast, der gute Wilhelm. Immer wollte er in den Himmel fliegen, und immer setzte ihn das Schicksal hart auf den Rohlbecker Sand zurück. Dann sprach ja wohl Fritz davon, daß das Petroleum, wenn die Zeitungen recht berichteten, sehr billig werden würde, daß es das Licht der Armen werden könnte; die Quellen in Nordamerika sollten schier unerschöpflich sein. Und da mischte sich Vater ein. Was für ein Unsinn, meinte der. Billig -- bei den hohen Transportkosten übers Weltmeer. Die armen Leute übrigens -- die armen Leute! Erstens gibt’s, gottlob, auf dem Lande keine wirklich armen Leute, das heißt, die Rohlbecker Herrschaft ausgenommen. Und zweitens sollten die armen Leute nur ihre Talglichter weiter ziehen, das heißt, der Kienspan sei auch nicht zu verachten. Und drittens käme die ganze Geschichte doch nur auf eine Konkurrenz für den Landwirt heraus, das heißt, dem guten Rüböl sollte der Garaus gemacht werden. Viertens und letztens aber: in sein Haus käme die neumodsche Sache nicht hinein, das heißt, er hätte nicht Lust, in die Luft gesprengt zu werden. Einmal, in der Schlacht von Leipzig, wär’s schon nahe daran gewesen, und daran hätte er noch genug. Worauf Artenau dringend bat: „Lieber Herr Herr, bitte, nehmen Sie das Ding fort. Aber erst auslöschen, erst auslöschen ...“ und alle lachten.

Nein, alle lachten nicht. Ihr selber war die Kehle wie zugeschnürt, und Herr Schwarz hatte nur ein Lächeln. Ein kleines, feines Lächeln, das etwa sagen mochte: Liebe Leute, was seid ihr für wunderliche Menschenkinder, und wie eng muß euch der Horizont gezogen sein.

Der gelbe Lichtschein über dem gläsernen Behälter war erloschen, der Tabaksschwaden strich wieder über den Tisch. Die Lampe aber wanderte den Tisch entlang. Jeder tastete und fühlte an dem neuen Lichtspender herum, und jeder gab seinen Senf dazu.

Ganz still saß Helene. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken, und die Hände hatte sie im Schoß verschränkt; fest preßten sich die Finger ineinander.

„Ich muß Sie singen hören, gnädiges Fräulein“, hörte sie neben sich.

Da kam der alte Trotz über sie. Sie zog die Achsel hoch. „Wozu? Es lohnt nicht!“ gab sie kurz, fast bitter zurück.

„Das können Sie selber nicht wissen. Und ... Sie haben einen Timbre in der Stimme, der meine Erwartung hochspannt.“

Sie sah ihn an. War das eben eine Phrase gewesen? Aber er hielt stand. „Glauben Sie’s mir nur, gnädiges Fräulein.“ Er beugte sich ein wenig vor und sprach leise weiter, in seinem weichen, einschmeichelnden Tonfall: „Es muß doch wohl so etwas geben wie Vorbedeutungen? Als ich vor drei Tagen durch den märkischen Sand rollte, in der Enge der Postchaise, ehrlich gestanden, mit ein wenig gemischten Gefühlen: warum hast du eigentlich die Einladung angenommen? Du hättest doch lieber in Berlin bleiben oder du hättest nach Paris gehen sollen -- sehen Sie, da überkam mich plötzlich die Empfindung: du wirst hier etwas erleben. Eine ganz sichere Empfindung. Es ist mir früher schon ähnlich ergangen, und ich habe mich nie getäuscht. Als ich dann ausstieg, da fiel mein erster Blick auf eine junge Dame. Darf ich es aussprechen, auf eine sehr schöne junge Dame. Und ich wußte sofort: dein Erlebnis beginnt. Ich wußte, daß ich Sie wiedersehen würde.“

Er schwieg.

Ihr war das Blut ins Gesicht gewallt. Aber sie straffte den Nacken. Was fiel dem Herrn ein? Wie konnte er so zu ihr sprechen? Ihre Finger schoben sich noch fester ineinander. Starr sah sie geradeaus, mit einem hochmütigen Blick.

„Hätte ich das nicht sagen dürfen?“ hörte sie wieder die weiche Flüsterstimme. „Dann müssen Sie mir verzeihen. Ich bin ein Fremder hier und vielleicht nicht gewöhnt, die Worte auf die Goldwage zu legen. Wir Künstler dünken uns ja allzu leicht freier als der Alltäglichkeitsmensch ... Sind Sie zornig auf mich? Ich will mich bessern ... und dennoch, ich muß es Ihnen sagen: Ihr Unwille macht Sie nur noch reizvoller.“

Sie war empört. Sie antwortete nicht, sie bewegte sich nicht. Sie war empört, und doch lauschte sie: wird er nicht weiter sprechen? Und doch baute sie sich schon eine goldene Brücke: bin ich nicht am Ende ein rechtes Kind? Da draußen in der weiten, weiten Welt mag man noch ganz andere Worte wagen und sagen, und niemand nimmt Anstoß daran.

„Ich muß Sie singen hören!“ wiederholte er. „Ich muß!“

Er wartete. Bis er sich dann plötzlich zu dem Rackower umwandte. „Herr von Hackentin, wissen Sie, daß Sie eigentlich recht grausam gegen Ihren Gast waren?“

„Eheu!“ machte der Dicke. Er war zwar anscheinend während der letzten Minuten aufmerksam dem Gespräch der Herren gefolgt, in dem die Geister wieder aufeinander zu platzen schienen: einem Gespräch über den neuen Ministerpräsidenten Herrn von Bismarck-Schönhausen -- aber er hatte dabei kein Auge von dem jungen Mädchen gewandt. Konnte er doch, wie Grucker immer behauptete, unter seinem Monokel „um die Ecke gucken“.

„Eheu!“ sagte er noch einmal. „Wie meinen Sie das, mein lieber Schwarz? Ich bin desolat“ -- und sah dabei sehr vergnügt darein.

„Sie haben mir noch nicht dazu verholfen, das gnädige Fräulein singen zu hören.“

Der Rackower schlug sich vor die Stirn. „Beim Zeus! Nein -- bei Apoll und allen Musen! Ich bin ganz desolat. Aber wissen Sie, mein lieber Schwarz, ein vorsichtiger Gastfreund spielt nicht all seine Atouts gleich aus. Wir hatten unsere liebe Helene natürlich auf dem Programm.“ Er sah wieder einmal um die Ecke nach der Nichte hin und nickte: „Nun, schöne Helene? Du wirst Tante Marie und uns doch die Freude machen, recht bald einmal zu uns zu kommen? Oder willst du, daß wir dich feierlich invitieren: ~Madame la Baronne et Monsieur le Baron Ernest~ usw.? Ist doch sonst nicht zwischen Rohlbeck und Rackow Sitte gewesen.“

Er hatte es langsam, in seinem zierlichen, leisen Hofton gesagt, und so gewann Helene etwas Zeit. Eine Galgenfrist, schien ihr. Zuerst hatte ihr ein kräftiges, trotziges Landmädel-Nein auf der Zunge gelegen. Dann hatte sie sagen wollen: ‚Ich komme schon, aber erst, wenn dieser Herr abgereist ist.‘ Nein, das ging ja nicht. Also: ‚Ich komme schon, aber ich singe nicht.‘ Nun sprach sie: „Ja, danke, Onkel Ernst ... gern!“ Wurde wieder einmal rot dabei und dachte: ‚Wartet nur! Stockheiser werd ich sein. Heiser, wie eure Primadonnen sein sollen, wenn sie nicht singen wollen.‘ Und wußte dabei doch: ‚Du wirst singen ...‘

Drittes Kapitel

Im Kreise Stellberg gab es kaum ein wirkliches Schloß. Helene Hackentin hatte nicht unrecht: sie waren ja alle arm wie die Kirchenmäuse, die Golziner, die Steckschen, die Brunowschen; gerade daß sie sich durchschlugen auf dem kargen Boden. Grucker hätte vielleicht bauen können, sprach wohl auch seit Jahrzehnten davon, war aber zu bequem und war ein zu guter Wirt. Fleißig und sparsam, wie sie fast alle, nur nicht so der Not gehorchend, mehr der Gewohnheit nach. Ein wirkliches Schloß gab es freilich, aber das war mehr Burg als Schloß: der riesige Kasten in Nugow, in dem der alte böhmische Graf wie ein halber Einsiedler hauste, Graf Delkowitz, Edler von Kastricz. Das war aber ein Fremder im Kreise, und die Ansässigen kamen selten in die uralte Johanniterburg, deren gewaltiger Turm wie ein Wahrzeichen vergangener Zeiten ins Land ragte.

Auch das Rackower Herrenhaus war kein Schloß. Immerhin war’s ein stattlicher Bau, langgestreckt, einstöckig, mit ein paar in das hohe Dach eingefügten Mansarden und einem neueren rückwärtigen Flügel, den Ernst Hackentin angebaut hatte, als er die hannöversche Erbtochter heimführte. Die Freiin von Lastrop sollte ja entsetzt gewesen sein, als sie mit ihren Eltern zum ersten Male nach Rackow gekommen war, um sich ihren zukünftigen Wohnsitz anzuschauen. Der Anbau war geradezu Bedingung gewesen; aber mit dem Ausbau waren Ernst Hackentin und Frau Marie, die Marquise, wie sie im Kreise mit gutmütigem Spott genannt wurde, eigentlich bis auf den heutigen Tag nicht fertig geworden.

Daß sie nicht niedergerissen und ganz neu gebaut, hatte oft Verwunderung erregt. Einmal, als der alte Lastrop das Zeitliche gesegnet, war’s auch nahe daran gewesen. Der berühmte Landesbaurat Schinkel war in seinem letzten Lebensjahr in Rackow zu Gaste, und Ernst Hackentin sagte bisweilen: „Ja, wenn unser großer Schinkel nicht darüber hinweggestorben wäre.“ Aber die Mittel hatten doch wohl nicht gereicht. Sie saßen ja in einer brillanten Assiette, die Rackower, hieß es; aber sie führten einen riesigen Train, reisten viel, gingen im Winter zu Hofe. Manchmal lachte man im Kreise: Isaak Böhm aus Frankfurt oder gar der kleine Jakob Friedländer aus Zielenzig sollten plötzlich neben anderen illustren Gästen in Rackow gesehen worden sein. Nun -- augenblickliche Verlegenheiten kann schließlich jeder haben. Man weiß das ja. Es ging auch niemand etwas an, zumal die Rackower kinderlos waren. Und dann: ein so liebenswürdiges Haus, so liebenswürdige Wirte wie sie gab es auf zwanzig Meilen in der Runde nicht. Wennschon die „Marquise“ bisweilen sehr herablassend sein konnte. War da jüngst der Amtsrat Weese auf Neu-Bukerow nobilitiert worden, ein Mann, mit dem der ganze Adel des Kreises seit Menschengedenken als mit einem Standesgenossen verkehrt hatte. Was tut die Marquise, als sie zum ersten Male wieder mit ihm zusammenkommt? Sie reicht ihm die Hand zum Kuß: „Ich freue mich unsäglich, Herr von Weese, Sie nun endlich ganz als einen der Unseren begrüßen zu können.“ Du lieber Himmel, der alte Mann hatte nachher selber herzlich darüber gelacht. Böse sein konnte man der Marquise ja nicht. Sie war so herzensgut. Und Stil hatte sie doch auch in ihrer Art.

Gastfrei war das Rackower Haus wie kein anderes im ganzen Kreise, und auch die Art der Gastfreundschaft hatte Stil. Hannöverschen Stil -- englischen Stil.

Ein paar junge Mädchen, ein paar junge Herren waren meist zu Gaste in Rackow; Hausherr und Hausfrau liebten die Jugend. Die Mädchen logierten im Anbau, die Herren oben in den Mansarden, wo jedes der kleinen Zimmer seinen originellen Namen hatte: da gab es ein „Pompeji“, so genannt nach der roten Tapete, ein „Handtuch“, weil das Zimmer sehr schmal und lang war, eine „Bärenhöhle“, weil hier jahrelang ein Leutnant von Baer während seines Sommerurlaubs gehaust hatte, und eine „Bleikammer“, sintemalen dieses Zimmer der lieben Sonne besonders ausgesetzt war. Unten im Anbau waren die Namen poetischer: es gab den „Pfau“, die „Nachtigall“ und das „Alpenröschen“; es gab sogar eine „Sehnsuchtskammer“, als das letzte Zimmer der Reihe.

In der Sehnsuchtskammer wohnte diesmal Helene Hackentin.