Part 3
„Verzeihung, Herr Rittmeister, ich habe hier gerade eine Rezension gelesen ... über ein paar neue Stücke im Wallnertheater. ‚Verplefft‘ von Herrn von Moser ... es soll sehr amüsant gewesen sein.“
„Herr von Moser?“ sagte Mama sofort dazwischen. „Das ist auch ein früherer Offizier. Bei den Gardeschützen stand er, den Neuchatellern. Wer jetzt nicht alles schreibt?“
Vater sah erst den Doktor, dann Mutter an, schüttelte den Kopf und lachte. Lachte, daß die Stube dröhnte.
„Na, wenn’s wahr ist und Sie haben gar nicht zugehört, Herr Doktor ... dann ist’s schon ’ne kuriose Geschichte. Wozu halten Sie sich denn justement das Blatt? Das heißt: wenn Sie so wenig Interesse für die Politik haben? Kreuzdonnerwetter ...“
Da ging zum Glück die Tür zum Saal. Auguste kam herein, gluckste: „Es ist angerichtet.“ Ein Duft nach gebratenem Speck umwehte sie. Natürlich ... es gab wieder Speckbratkartoffeln und saure Milch ... wie an jedem Abend. Saure Milch mit Torf, dachte Helene und sah schon im Geiste die Schüssel vor sich, mit dem geriebenen Schwarzbrot, das sie „Torf“ nannten, schüttelte sich und hatte den Herrn von Bismarck-Schönhausen vergessen samt der ganzen Politik.
Zweites Kapitel
In Stellberg war Herbstmarkt.
Es war eigentlich nicht viel los. Nur die Pferdejuden hatten zu tun. Mancher Bauer schlug jetzt billig einen Gaul los, den er zur Winterbestellung nicht mehr zu brauchen meinte und nicht bis zum Frühjahr durchfuttern wollte. Vor dem „König von Preußen“ trottelte alle Augenblick eine Schindmähre, am Halfter geführt, in mehr oder minder widerwilligem Trab vorbei, und Moritz Cohn aus Ziebingen, Hartwig Kantorowicz aus Meseritz, Ephraim Hentschel aus Zielenzig standen in ihren langen, dunklen Kaftanen, den hohen, glänzend gewichsten Stiefeln, unter der Mütze die Löckchen über die Schläfen fallend, dabei und machten die Gäule herunter. Bis dann der eine oder der andere doch den Bauer in die Schankstube winkte.
Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt- und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.
Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der Apotheke „Zum Mohren“.
Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten, aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker, buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen, und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen -- einen herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.
Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt erklärte. Er trank ihn -- und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren, zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.
Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte, er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner -- Grüneberger Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen Plan der gesegneten Gemarkung -- nur die Pulle Champagner kostete zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch schön als Herr Herr.
Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein. Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine „Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im Bowlenbrauen.
Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen bitterbösen Seitenblick abbekam.
Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“
„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr Herr, hab’ ich recht?“
„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“
„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau. Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und heimtückisch.“
„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann kann die Justiz auch nichts machen.“
„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl muß sitzen! Der Kerl muß ...“
Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle auf.
Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der Kutscher.
Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“
Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor, erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke --“
Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt. Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh --“ und er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“
„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen. Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter. Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen, wenn ~par exemple~ zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk, schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue, braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“
Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen, wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen. Kommt Vater nicht, Fritze?“
„Ich denk doch, Onkel Grucker. Wilhelm ist in Rohlbeck und wollte mit Papa kommen.“
„So, der Wilhelm. Na, der wird uns wohl die Eisenbahn in der Tasche mitbringen. Ich pfeife übrigens auf die Eisenbahn, mir ist meine Wurscht lieber.“
„Ich pfeife auch auf die Eisenbahn“, warf Doktor Tiburtius dazwischen. „Stellberg kriegt ja doch keinen Bahnhof, und dann sitzen wir ganz in der Bredouille. Das bißchen Verkehr, was wir hier haben, geht auch noch in die Wicken. Die Chaussee ja: die war gut. Aber die Eisenbahn? Das ist man dummes Zeug. Ist gar kein Bedarf dazu da. Zwischen Berlin und Hamburg, oder zwischen Berlin und Leipzig und so, das laß ich mir gefallen. Aber bei uns? Na, Ihrem Bruder Wilhelm mag sie schon helfen, Herr von Hackentin, uns hilft sie sicher nichts -- die Eisenbahn!“
Der Kreisrichter hatte wieder sein überlegenes ironisches Lächeln. „Gegen einen Kulturfortschritt soll man sich nie sträuben.“
„Laß uns bloß mit deiner Kultur und dem Fortschritt zufrieden, mein Junge“, rief der Graf. „Wir haben schon genug Kultur, und den sogenannten Fortschritt hab ich noch von achtundvierzig her im Magen. Aber ich will mich nicht ärgern. Und da hätten wir ja übrigens den Rackower ... meine Hochachtung, wen bringt denn der mit?“
Vor der Tür hielt der Rackower Viererzug. Rappen, in glänzender Kondition mit Silbergeschirren; ein elegantes Coupé dahinter.
„Meine Hochachtung, Dicker!“ schrie Grucker dem Eintretenden entgegen.
„~Bonjour, messieurs!~“ Ernst Hackentin machte eine seriöse Handbewegung „Erlauben Sie ... gestattet, daß ich unseren lieben Gast vorstelle, Herr Alfred Schwarz, Kaiserlich Russischer Hofopernsänger.“
Man rückte zusammen. Unwillkürlich schob man sich immer zusammen, sobald der Rackower an einem Tisch erschien; auch dann, wenn mehr als genügend Raum vorhanden war. Er war wirklich übermenschlich dick, der kleine Mann. Eine Fettkugel war er mit ganz kurzen Beinchen und ganz kurzen Armen; der Kopf darüber glich einer zweiten Kugel; glattrasiert, bartlos, mit einer ungeheuerlichen Glatze, die nur im Nacken ein schmaler, graumelierter Haarkranz abschloß; im faltenlosen Gesicht lag stets ein Zug ungemessenster Sorglosigkeit, schrankenlosen Behagens, und dazu blitzten und blinkerten die kleinen Augen wohlwollend und listig zugleich.
Schwer ließ er sich nieder. In gemessenem Abstand von der Tischkante, die ja nicht, wie an der Rackower Tafel, den im ganzen Kreis bekannten ovalen Ausschnitt trug.
„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen. „Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker? Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege. Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser lieber Gast so gut trifft.“
Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert, aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel, die Runde machen, wenn es irgend anging.
Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen, die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger. Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger blieb doch immerhin ein Komödiant.
Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.
Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das Deubelszeug eigentlich?“
„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken, schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie hier anfeuchten ...“
„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“
„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar Pfund zu senden.“
„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch herüber.
„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an die Newa.“
„Schlimme Tage für Rußland --“
„Bah! Man merkte davon in Petersburg wenig. Der Russe trägt nicht schwer. Das Land mochte erschöpft sein, aber es war doch durch die Lieferungen sehr viel Geld verdient worden, und der Rubel rollte. Wir hatten fast immer das Haus zum Brechen voll.“
Artenau war längst fasziniert von dem auffallend schönen Brillanten, den der Sänger in der Krawatte trug. Schließlich zwang er sich nicht länger, beugte sich weit vor und meinte mit seiner stockenden Stimme: „Sie haben da einen wunderschönen Solitär ...“
„Seine Majestät der Zar ließen mir die Nadel nach einer Vorstellung des „Fra Diavolo“ überreichen. Übrigens --“ er lachte gleichmütig -- „nachträglich hab ich erfahren, daß Seine Majestät mir einen weit kostbareren Stein bestimmt hatten. Aber das geht in Rußland nun einmal so: auf dem Wege von Seiner Majestät bis zu mir wurde der Brillant immer kleiner.“
„Schweinebande!“ rief Doktor Tiburtius dazwischen. „An den Galgen sollte die Gesellschaft.“
„Es ist in der Welt nicht anders. Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen.“
„Oho! Oho, Herr Schwarz! Bei uns ist’s doch anders. In Preußen gibt’s noch Richter. Bei uns gilt gleiches Recht für jedermann, und wenn wir auf etwas stolz sein dürfen, dann ist’s die Ehrlichkeit unserer gesamten Beamtenschaft.“
Der Sänger verbeugte sich verbindlich: „Ich bin ja selber preußischer Untertan, wenn auch aus einem entlegenen Winkel des Königreichs.“
„Nämlich, wenn man fragen darf?“
„Ich bin dicht an der französischen Grenze geboren, in einem kleinen Ort nahe Saarbrücken.“
Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe auf und hastete zur Tür hinaus.
Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.
Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“ Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote, unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe, abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze von fast kokettem Schnitt.
„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag, Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen, sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.
Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft. Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? -- was müssen wir denn?“
Sie hatte bei ihm schon eingehakt: „... zu Tante Hufnagel gehen ...“
„Na natürlich. Und wenn’s ’n Daler kost’.“
Das war immer so. Wenn der Graf auf den Jahrmärkten einer seiner Nichten habhaft wurde -- und manchmal waren’s auch nur Wahlnichten, aber jung und hübsch mußten sie sein --, dann zog er mit ihnen zu Tante Hufnagel. Und gewöhnlich hatten sie dabei einen Kometenschweif hinter sich: die liebe Jugend des Städtchens. Denn die wußte, daß es dem Sodelziger Herrn, so sparsam der sonst war, auf ein paar Hände voll Pfeffernüsse nicht ankam. Manchmal auch nicht auf eine Handvoll blanker Dreier. Gerad wie dem alten Wrangel in Berlin.
„Na, Puttchen, was macht das Herz?“ scherzte er, während sie über die Straße gingen.
„Onkel Grucker, ich hab keins.“
„Meine Hochachtung! ’n Mädel ohne Herz. So was läßt der liebe Gott ja gar nicht zu. Na hör mal, Deern, ... und ich dachte doch, der hübsche Gardeschütze, der dich immer mit so großen Gucklöchern ansah, bei uns, bei dem Manöverdiner ... der Neuchateller ... wie hieß das Luderchen doch ...“
„Merivaux, Onkel Grucker. Das ist aber auch das Einzige, was ich von ihm weiß.“
„Merivaux -- so! Der Deixel soll die französischen Namen behalten. Sind aber brave Kerle, die Neuchateller. Haben sich als gute Royalisten gezeigt, als die da unten Revolution machten. Anno sechsundfünfzig und so. Ja -- Tag, Tante Hufnagel. Meine Hochachtung!“
Madame Hufnagel knixte ganz tief, die beiden Mamsellen knixten noch tiefer, und alle drei lächelten so süß, wie ihre Waren waren.
„Na, nu greif mal zu, Puttchen.“