Part 2
„Denkst wohl, der Schwager Postillion bringt dir’n Schatz mit, Lene?“
„Der könnte mir grad’ fehlen, Onkel Pastor. Willst du -- Waldmann, du Frechdachs! Sieh dir mal Diana an, wie die artig ist.“
„Im Pfarrhaus gibt’s frischen Pflaumenkuchen, Leneken.“
„Ich hasch’ mir beim Zurückkommen ein Stück.“
Sie nickte dem Vater zu, sie winkte von weitem zum Kantor hinüber und huschte weiter, durch das Tor, den Anger entlang.
Die beiden Alten sahen ihr wohlgefällig nach. Es war immer, als schwebte sie über dem Boden. Ganz eigen zierlich setzte sie unter dem weitbauschigen Rock, der grad nur die modische Krinolinenform andeutete, die Füßchen. Schuster Freyer in Logow war sonst kein Held in seinem Fach, aber für das gnädige Fräulein auf Rohlbeck tat er immer sein Bestes.
„Ein Mordsmädel, deine Lene!“ meinte der Pastor schmunzelnd.
Der Rittmeister nickte. „Ein gutes Kind. Das heißt -- es ist noch junger Most. Das gärt und gärt und will manchmal überschäumen. Man muß die Lene ein bißchen straff im Zügel halten.“
Heckstein lächelte verstohlen. Er wußte am besten, daß die Kinder im Schloß nie recht im Zügel gehalten worden waren. Nicht gleichmäßig wenigstens. Mal hatten die Zügel am Boden geschleift, mal waren sie wieder gewaltsam angezogen worden; und wenn Hackentin am rechten Zügelende zog, zerrte die alte Gnädige vielleicht gerade am linken. Aber das tat am Ende nicht viel. Es war ein guter Kern in den Kindern.
Wie er das überdachte, während sie langsam wieder unter dem grünen Dach der Kastanien hinschlenderten, fiel ihm ein, daß die Gelegenheit vielleicht günstig wäre, für den Kantor noch ein gutes Wort einzulegen.
„Sieh mal, Hackentin,“ begann er aufs neue, „da hast du eben auf den Flehr geschimpft. Hast aber ganz vergessen, was der Mann sich für eine Mühe mit der Lene gegeben hat und noch gibt. Ich meine von wegen ihres Gesanges.“
„Wird ihm doch auch bezahlt.“
„Na hör’ mal: die paar Dittchen für die Stunde! Du kannst froh sein, daß wir solch einen musikalischen Kantor hier haben, der dafür sorgt, daß Lenes schöne Stimme nicht verkommt. Aber neulich hat er mir selber gestanden, daß er am Rande seiner Kunst ist.“
„Jawohl -- jawohl -- ich weiß schon. Das heißt -- daß Lene in die Stadt müsse, einen anderen, besseren Lehrer bekommen. Die Litanei hat er mir auch schon vorgebetet. Unsinn, Pastor. Dazu langt’s nicht mehr. Und ich will auch nicht. Will nicht, daß der Lene alle möglichen Fladusen in den Kopf gesetzt werden. Damit darfst du mir nicht kommen ...“
Der Rittmeister rückte sein Käppchen plötzlich ganz weit nach rückwärts auf die weißen lockigen Nackenhaare, wandte sich kurz um, und da Diana der Kehrtwendung nicht schnell genug folgte, vielmehr mit fragendem Blick aufsah, kriegte sie einen sanften Hieb --
„Und im übrigen ist der Kantor doch ein Demokrat.“
Helene war indessen den Dorfanger entlang gegangen, hatte ein paar Worte mit der Frau Kantorin gewechselt, die immer aussah wie ein scheues, in der Gefangenschaft gehaltenes Reh, wenn jemand vom Schloß sie ansprach, und die um so scheuer und demütiger wurde, je freundlicher die Worte waren, die man an sie richtete. Dann hatte Lene bei Meister Winkel, dem lobesamen Schneider des Dorfes und dessen Krämer, eine Bestellung der Schwägerin ausgerichtet, die sich auf ein Paar Hosen ihres Neffen Hans bezog, und dann war sie am Kirchhof ein paar Augenblicke stehengeblieben. Da lag, seitlich der kleinen Backsteinkirche, die noch immer des richtigen Geläuts entbehrte, weil weder Patron noch Gemeinde die Mittel aufbrachten, das alte Erbbegräbnis. Es mochte noch in besseren Zeiten gebaut sein, vor hundert oder hundertfünfzig Jahren vielleicht: die eisenbeschlagene Tür war sogar von ein paar Säulen eingerahmt, wirklichen Sandsteinsäulen, mit einem Giebelchen darüber, in dem das Hackentinsche Wappen mit den drei Hecken als Sandsteinrelief eingelassen war. Aber der Zahn der Zeit hatte den Bau angefressen. Die Säulen waren zermürbt, das Wappen war kaum noch erkennbar, das Ziegeldach schadhaft -- gut, daß der dicht wuchernde Efeu das Schlimmste zudeckte. Das Erbbegräbnis hatte auch schon lange nicht mehr zugereicht; links und rechts daneben lagen Hackentinsche Gräber. Schlichte Gräber, die sich wenig von denen der wohlhabenden Bauern unterschieden. Höchstens, daß sie ein wenig mehr gepflegt waren, und auch das nur, weil die junge Gnädige eine besondere Vorliebe für den Kirchhof hatte.
Ein paar Minuten stand Helene am Zaun. Ihr lagen Marthas Worte im Sinn von der Treue um Treue. Die hatten sie vorhin gepackt und klangen noch in ihr nach. Aber wie sie so auf die Gräber sah, über denen sich zwei große Maulbeerbäume mit weitgespannten Ästen breiteten, die noch auf des großen Friedrichs Befehl gepflanzt worden waren, fing sie plötzlich an zu frösteln.
Neulich in Rackow hatte sie in einem Bande Gedichte geblättert. Eigentlich nur, weil Tante Marie so viel Wesens von dem großen Franzosen Victor Hugo machte. Jetzt fiel ihr mit einem Male ein Satz daraus ein: „~Gloire, jeunesse, orgueil, biens que la tombe emporte ...~“
Ruhm und Jugend und Stolz --
Nein! Nein! Für sie hatten die Gräber nichts Erhebendes! Sie konnte sich nur vor ihnen fürchten. Wie Moderluft wehte es aus ihnen. Ein Schauer überrann sie. Und sie zog das dünne Tuch fester um die Schultern und eilte rasch weiter, am Krug vorüber und an der Schmiede, der neuen Chaussee zu, die dicht am Dorfausgang die schmale Wintze überbrückte.
Da stand schon der Doktor Hemming mit den beiden Junkern. Oder vielmehr er stand, seitlich der Brücke, an eine dicke Weide gelehnt und himmelte über das Stoppelfeld zum Horizont hinüber. Die Jungens aber saßen auf der Steinbrüstung der Brücke; der langaufgeschossene Hans schien es seinem Hauslehrer nachmachen zu wollen, er starrte träumend mit gesenktem Kopf auf das rinnende Wasser, während Thede -- Theodor -- irgendeine Bohnenstange aufgegabelt hatte, die dreimal so lang war wie der Knirps, und mit ihr ebenso kräftig wie zwecklos in den zerwühlten Uferrändern umherstakte. Vielleicht dachte er in seiner wallenden Phantasie, auf diese bequeme Art ein paar der berühmten Wintze-Krebse zu fangen und Mutter in die Küche liefern zu können.
Alle drei achteten nicht auf die Nahende. Und Helene war das ganz recht. Denn der Hauslehrer mit seinen wasserblauen Schmachtaugen langweilte sie immer; außerdem konnte sie ihn nicht leiden, weil er immer ja sagte, auch wenn ihm der Widerspruch auf der sommersprossigen Stirn geschrieben stand. Und die Jungens -- die Jungens waren eben dumme Gören mit hundert unnützen Fragen, dazu mit unfehlbar schmutzigen Pfoten, die überall hinklatschten, wo sie nichts zu suchen hatten.
Aber das war es nicht allein. Die Equipage, die vor dem Kruge hielt und augenscheinlich auch auf die Post wartete, beschäftigte ihre Gedanken. Sie hatte die Rackower Schimmel sofort erkannt und den dicken Jochen, den zweiten Herrschaftskutscher. Es war überhaupt zweite Garnitur, Wagen, Pferde und Kutscher. Wen ließen die Rackower nur abholen? Sie hatten ja nichts davon erzählt, daß sie einen Gast erwarteten. Aber sie hatten freilich fast immer Gäste im Haus. Ob es jemand von den Leibern aus Frankfurt a. O. war? Einer von den jagdlustigen Herren vom Leibregiment, der noch ein paar Rebhühner knallen wollte? Oder ein Ulan aus Züllichau? Oder kam nur Onkel Artenau aus Stellberg, um der Marquise seine neueste Pracht- und Prunkstickerei vorzuführen? Pfui Spinne ... solch ein Mann, der sich Königlich Preußischer Major schimpfen ließ, und den halben Tag am Stickrahmen saß wie eine alte Jungfer.
Mit einem Male hatte Junker Thede doch die Tante erspäht. Er schmiß die Bohnenstange ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, schwang seine kurzen Beinchen mit einem Wuppdich über die Brüstung, stieß ein Indianergeheul aus, kam im Galopp angejagt und -- richtig -- da wollten auch schon seine Pfoten mit den Farbenklexen von Tinte, Flußmoder und Tuschkastenresten an ihren Rock aus geblümter Indienne. „Tante Lene, Tante Lene, weißt du schon das Allerneueste?“
„Finger weg, Thede! Himmel, wie der Junge wieder aussieht!?“ Und da gerade Doktor Hemming sich umschaute, den Strohhut, den er immer bis in den November hinein trug, lüftete und anstatt auf den harmlosen Horizont zu ihr himmelte, mochte der auch gleich sein Teil abbekommen. „Nein, wie Sie den Bengel mit solchen Händen herumlaufen lassen können?! Unsere Ferkelchen sind ja reinlicher als er.“ Und dann kam doch die Neugier ihrer jungen Jahre: „Das Allerneueste? Na, das wird wieder mal was Feines sein?“
„Ein Russe kommt nach Rackow. Ein wirklicher, leibhaftiger Russe.“
„Woher hast du denn dein großes Wissen, Thede?“
„Na ... von dem Rackower Jochen ... natürlich.“
Inzwischen hatte auch der Hans sich von der Brückenmauer herabbequemt. Im Vollgefühl seiner höheren Weisheit höhnte er: „Ja -- und Thede stellt sich den Russen mit einer Bärenfellmütze und einem +so+ langen Bart vor. So wie er in der Fibel abgemalt ist.“
„Der Russe lebt in Eis und Schnee, Säuft vielen Schnaps und noch mehr Tee,“
gab der Hauslehrer einen Fibelvers eigener Erfindung zum besten und wartete, ob sein Witzchen nicht ein Lächeln auf dem schönen Mädchengesicht heraufzaubern würde.
Aber er wartete vergeblich. „Ach Unsinn --“ meinte Helene nur und schlenderte langsam über die Brücke auf die Chaussee. Ach Unsinn -- sagte sie, und doch beschäftigte sie der Russe gewaltig. Ein Russe, ein leibhaftiger Moskowiter! Wo den die Rackower nur aufgegabelt hatten? Und warum die heut nachmittag nichts von ihm erzählt hatten? Gewiß, weil er wieder einmal eine Überraschung für den ganzen Kreis sein sollte. Sicher irgendein Großfürst oder einer der millionenschweren Bojaren. Oder mindestens ein Diplomat. Aber dann hätten sie doch nicht die zweite Garnitur, Pferde, Wagen und Jochen, zum Abholen geschickt ...
Da kam sie aber wirklich, die Post.
Auf dem Stellberger Berge, wo sich die Chaussee in den Wald verlor, wirbelte eine kleine Staubwolke auf, wälzte sich näher und näher den Hang hinunter. Bald wurden dahinter, in kleinen Abständen, noch zwei Wölkchen sichtbar -- die Beichaisen. Der Verkehr von Frankfurt a. O. nach Posen mußte lebhaft sein, jetzt im Frühherbst.
Nun unterschied man schon Wagen und Pferde. Und als die Hauptpost draußen an der Schneidemühle vorüberrollte, setzte der Postillion sein Horn an die Lippen. Es klang deutlich, getragen und langsam, herüber:
„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt’ ich auf mein Grab, Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab ...“
Der Hauslehrer stand wieder neben Helene. Er fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, geistreich und sinnig zu sein: „Wie lange noch, und wir hören den guten Schwager zum letzten Male. Wenn der Herr Baron erst die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen bauen wird, verödet die Chaussee, und dann heißt es auch für Rohlbeck, was der Dichter Scherenberg klagt:
Mit Totenschnelle geht es fort, Kein Schwager knallt hinein, Kein Wegesgruß, kein schelmisch Wort, Kein Posthorn weckt den müden Ort Und klingt zum Träumen ein. O Eisenbahn, was bist du kommen, Hast unser Posthorn uns genommen!“
„Ich denke, Sie wollen ein Mann des Fortschritts sein, Herr Doktor?“ warf Helene schnippisch ein.
„Am rechten Ort, gnädiges Fräulein. Immer am rechten Ort. Aber die Poesie darf darüber nicht verkümmern. Hören Sie doch nur: ‚Ach Reitersmann, ach Reitersmann, laß doch die Lilien stehn. Sie soll ja mein fein’s Liebchen noch einmal sehn ...‘ Ist das nicht schön? ... ‚Dann begraben mich die Leute ums Morgen ... rot ...‘“
„Schade nur, Herr Doktor, daß der Postillion so schauderhaft falsch bläst --“ meinte sie spitz und ärgerte sich, daß sie es sagte. Denn eigentlich hatte der Postillion gar nicht falsch geblasen, und sie selber lauschte solchem Volkslied über alle Welt gern. Und sie dachte daran, wie sie bisweilen in dem stillen Abendfrieden ins Feld hinausgewandert war, ganz allein, sich auf einen Grenzstein gesetzt hatte, den Kopf in beide Hände vergraben, um dem Klang des Posthorns zu lauschen, der ihr immer wie ein Gruß aus weiter, weiter Welt erschien.
Doch da hielt schon die Hauptpost dicht an der Brücke.
Die beiden Junker stürmten mit Geheul voran; teils, um die lederne Posttasche aufzufangen, die der Schwager im kunstvollen Bogen vom hohen Bock herabschleuderte; teils, um den erwarteten „Moskowiter“ mit eigenen Augen zu schauen.
Recht enttäuscht waren sie. Denn der Herr, der ausstieg, hatte gar nichts Besonderes an sich. In ihren Augen zumal.
Es war ein schlanker, junger Mann in grauem Reiseanzug, der lange Rock eng in der Taille, die Pantalons sehr weit. Das brünette Gesicht bildhübsch, etwas scharf und ganz glatt rasiert. Auf dem braunen Haar trug er einen gewaltigen Kalabreser, und um seinen hohen Kragen war kunstvoll eine bunte Krawatte geschlungen, in der ein großer Brillant funkelte.
Als er ausgestiegen war und die kleine Gruppe -- Helene, Doktor Hemming und die beiden Junker -- sah, stutzte er und zog den Hut. Aber Helene fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, ärgerte sich wieder und machte kehrt. So mochte der Fremde merken, daß die junge Dame ihn nicht erwartete. Und da kam auch schon Jochen, meldete sich, wies auf seinen Wagen und half den Koffer aus dem hinteren Verschlag der Post herausheben. Es mußte sehr schnell gehen, denn der Kutscher der ersten Beichaise drängte und drohte weiterzufahren.
„Habt ihr die Posttasche?“ fragte Hemming. „Nun denn -- marsch! Großvater wartet.“ Und er ging den Jungens, die um ihr Leben gern sich den Koffer des Fremden noch näher angesehen hätten, voraus, um Helene einzuholen. Aber sie hatte sich beeilt, und er wollte nicht auffällig hasten. So kam er erst dicht vor dem herrschaftlichen Tor wieder an ihre Seite, und im gleichen Augenblick überholte sie auch die Rackower Equipage. Der „Russe“ saß weit zurückgelehnt, in etwas theatralischer Pose, die Beine vorgestreckt, im Fond und lüftete noch einmal mit einer gewissen Grandezza seinen Heckerhut.
Der Doktor grüßte zurück, während Helene den Nacken straffte. Sie sagte sogar: „Warum grüßen Sie denn?“
„Aber ... der Herr ist doch Gast der Rackower Herrschaften. Ich kann doch nicht unhöflich sein.“
„Ich weiß nicht, wie der Mann dazu kommt, mich zu grüßen. Er ist mir doch nicht vorgestellt.“
Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht und unlogisch war. Man nahm es sonst auf dem Lande nicht so genau. Es war aber etwas wie das Gefühl in ihr: du mußt dich wehren! Ohne daß sie recht wußte, weshalb und wogegen. Sie war jäh aus dem Gleichgewicht geworfen. Am liebsten hätte sie sich mit Herrn Hemming gezankt, nur um eine Ablenkung zu finden. Sie spitzte schon das Mäulchen, um ihm irgendeine Sottise zu sagen. Doch dann besann sie sich: es lohnte nicht. Es blieb immer einseitig, das Streiten mit diesem weichen Menschen, diesem Ja- und Amensager, dieser Qualle, die auswich, sobald man fest zugriff.
So faßte sie lieber die Jungens, die herangekommen waren, an den Achseln, Hans rechts, Thede links, und jagte mit ihnen den Weg entlang, daß die Posttasche am langen Lederriemen sich wie eine Sturmfahne um ihre Köpfe schwang. Jagte die Verandatreppe hinauf, durch den dunklen Flur in die große Stube, warf die Tasche auf den Tisch: „Da habt ihr sie --“
Mutter saß noch immer an ihrem Traumfenster, schrak aber auf: „Kind, Helene, wie kann man so laut sein. So laut und so wild.“ Vater stand am Ofen, kramte in der Tasche nach dem Brillenfutteral: „Steck’ die Lampe an, Lene.“
Wie alle Abend, wenn die Dämmerung heranschlich. Und wie alle Abend stand nun schon die große, hohe Moderateurlampe mitten auf dem Tisch, auf dem runden, abgeschabten Fleck der braunen Plüschdecke. Wie alle Abend pumpte Helene das Öl auf, horchte auf das leise „Gluck-Gluck-Gluck“, nahm Glocke und Zylinder ab, strich mit ihren hastenden Händen ein Vierteldutzend Schwefelhölzer vergeblich auf dem scharfgeritzten Deckel des Porzellanbehälters an, bis endlich eins zündete.
Mit einem Male war plötzlich in ihr alle Aufregung erloschen. Gluck-Gluck-Gluck machte das Öl in der Lampe, und ihr klang’s wie: alle Abend -- alle Abend -- alle Abend ...
Nun leuchtete die Lampe auf, warf ihren milden Lichtkreis gerade über den runden Tisch, indes das übrige Zimmer in der Dämmerung blieb. Vater holte vom Schreibtisch den kleinen Schlüssel, schloß die Posttasche auf, wie alle Abend. Und wie alle Abend sammelte sich um den Tisch für das große Ereignis das ganze Haus. Mutter kam von ihrem Traumplatz, Martha kam; der Hauslehrer war plötzlich da, und die Jungens boxten und knufften sich schweigend am Ofen. Wie alle Abend. Vater faßte tief in die Tasche hinein, legte den kleinen Pack Briefe und Zeitungen sorgsam vor sich hin, setzte umständlich die Brille auf und begann zu sortieren.
„Da, Herr Doktor --“ Das war auch derselbe Ton und dieselbe Bewegung an jedem Abend, ein widerwilliger Ton und ein verächtliches Schnippsen der Finger, die dem Hauslehrer seine Zeitung hinüberschnellten. Die Volkszeitung! Jeden Abend aufs neue empörte sich der alte Herr darüber, daß in seinem Hause dies verfl-- Demokratenblatt gehalten werden durfte.
„Da, liebe Martha ... von Wilhelm ...“
Ein paar Briefe, die schon äußerlich einen geschäftlichen Charakter zeigten, den blauen Firmenstempel etwa von Moses Conitzer in Stellberg, schob er zur Seite. Dann endlich setzte er sich und faltete fast feierlich die Kreuzzeitung auseinander. Und regelmäßig sagte dabei Mutter aus ihrem hochlehnigen Ohrenstuhl heraus: „Hackentin, mir die Familiennachrichten.“
Eigentlich gab er nur sehr ungern ein Stück Zeitung ab, ehe er sie selber, langsam und gewissenhaft, von Anfang bis zu Ende studiert hatte. Wenn sie keine Beilage brachte, knurrte er wohl auch ein langgezogenes ‚Neee ... nachher ...‘ oder er lachte: ‚Erfährst schon noch früh genug, wer wieder mal in die Mariage geraten ist oder wer’n Kind gekriegt hat.‘ Heut gab es eine Beilage: „Da ... Elisabeth ...“
Und dann wurde es still im Bannkreis der Lampe, an der Runde des großen Tisches.
Der Rittmeister und Hemming entfalteten ihre Zeitungen; Martha las, Zeile für Zeile, den Brief ihres Mannes; die alte Gnädige vertiefte sich in die Familiennachrichten; die beiden Jungens wußten, daß sie das Maul und die streitbaren Hände stille zu halten hatten, holten ihre Lieblingsschmöker, Hans einen Band der Beckerschen Weltgeschichte, Thede sein „Gumal und Lina“, und steckten die Nasen hinein.
Ganz stille war’s, bis auf das Knistern des Papiers.
Der Stuhl zwischen Martha und Mutter blieb leer -- Helenens Stuhl. Sie stickte sonst um diese Stunde oder häkelte Frivolitäten. Heut mochte sie’s nicht. Auf leisen Sohlen schlich sie ins dunkle Nebenzimmer, setzte sich an den geöffneten Flügel und träumte vor sich hin.
Manchmal glitt ihre Linke über die Klaviatur, ohne daß sie eine Taste niederdrückte ... manchmal zitterte wohl auch ein ganz leiser Klang aus den Saiten, ein Hauch nur.
Von links her kam dann und wann ein gedämpftes Tellerklirren. Auguste deckte im Saal den Abendtisch. Und mitten in ihre Träumerei hinein dachte Helene: ‚Was es wohl geben wird? Speckbratkartoffeln natürlich und saure Milch ...‘
Langsam kroch drüben über den Wiesen der Mond hinauf. Jetzt legte sich ein Streif blauweißes Licht über das Fensterbrett, nun zog er schon bis zum Flügelende hin.
Einmal sagte Mutter: „Da zeigt Graf Schulenburg von den Alexandern seine Verlobung an ... mit der Witwe seines Bruders ... Meta, geborene Freiin von Eckardstein. Er lag mal ein Manöver hier. Eckardstein ... Eckardstein? Das ist ganz junger Adel ... nicht wahr, Karl?“
„Natürlich, Elisabeth ... das heißt, vom Alten Fritz her, glaub ich, oder so ... Aber nun laßt mich zufrieden mit Hinz und Kunz. Da soll man noch Sinn dafür haben ... schlechte Zeiten ... Schandzeiten ...“
‚Was er wohl antworten wird?‘ dachte Helene. ‚Ja bei den Zeiten. Was, Herr Doktor, bewegte Zeiten ... sagen ... selbstverständlich. Die Qualle hat grad noch den Mut, sich ihre liberale Zeitung zu halten. Weiter langt’s nicht.‘
Richtig ...
„Jawohl, Herr Rittmeister, bewegte Zeiten.“
„+Schand+zeiten, sag’ ich Ihnen, Doktor. Da haben wir’s: in der Schlußsitzung des Abgeordnetenhauses der Militäretat abgelehnt -- das heißt, grad noch zehn Abgeordnete haben dafür gestimmt!“
Helene interessierte die Politik gar nicht. Langweilte sie geradezu. Knapp, daß sie wußte, wie nun schon zwei Jahre oder darüber der Streit um die Armee zwischen Landtag und König sich hinzog, daß sich der Konflikt immer schärfer und schärfer zuspitzte. Merkwürdig, wie sich die Männer über solche Dinge ereifern konnten. Vater nun gar. Manchmal bebte seine gute alte Stimme förmlich vor Erregung, wenn er von den verfl-- Demokraten sprach, die alles besser wissen wollten.
„So ... so ... das sind doch noch brave Leute. Vorgestern war eine Deputation aus dem Kreise Bromberg beim König auf Schloß Babelsberg, um Majestät ihre Ergebenheit und die Stimmung des Kreises zugunsten der Militär-Reorganisation auszusprechen. Der Treskow auf Grocholin ... übrigens ein Treskow ohne c ... hm ..., der Pfarrer Ehrlich auf Groß-Murzyno, der Lehrer Stieff aus Raczkowerdorf ... Also auch mal ’n Lehrer ... merkwürdig ...“
Das war wieder eine Spitze. Aber die Qualle regte sich nicht.
Es wurde wieder ganz stille.
Plötzlich fragte Vater: „Na, Doktor, was meint denn Ihr Blättchen? Das heißt -- eigentlich gelüstet es mich nicht nach der Weisheit.“
„Es ist wohl noch alles unentschieden, Herr Rittmeister.“ Wie das Gluck ... Gluck in der Lampe kam es heraus. „Das Ministerium wird wohl gehen müssen.“
„So ... meinen Sie? Auf das Ministerium kommt’s übrigens spottwenig an. Das heißt: in Preußen muß der König regieren. Punktum.“
Wieder las Vater. Die Zeitung knisterte und knisterte.
Einmal sprach Martha mit ihrer sanften Stimme: „Wilhelm kommt am Sonntag.“ Es klang so viel Glück aus dem Wort und frohe Erwartung. Aber es achtete niemand darauf, nur gerade daß die Jungens aufschauten. In deren Augen war ja doch die Neugier: was bringt Papa uns mit?
Mit einem Male schlug Vater mit der flachen Hand auf das Papier. Und seine Stimme bebte wieder. „Da haben wir’s. Hört mal. Hier, ganz versteckt, steht es: ‚Der bisherige Gesandte am französischen Hofe, Herr von Bismarck-Schönhausen, ist gestern abend von des Königs Majestät zum Staatsminister und interimistischen Vorsitzenden des Staatsministeriums ernannt worden.‘ Das heißt also: Da haben wir den Mann des königlichen Vertrauens. Bismarck-Schönhausen ... Bismarck-Schönhausen ... war der nicht Gesandter in Petersburg, Elisabeth?“
„Ja, ich glaube ... warte einmal ... er hat eine Puttkamer zur Frau ... ich entsinne mich ... von den pommerschen Puttkamers ... Viertlum oder so hieß das Gut.“
„So ... so! Was du nicht immer alles weißt.“
Vater war ganz aufgeregt. Als sich Helene umwandte, sah sie, daß er aufgestanden war und schneller als sonst seinen Lieblingsgang auf dem Läufer in der Diagonale des Zimmers machte. Alle Augenblicke erschien seine Silhouette vor dem hellen Türrahmen. Die Zeitung flatterte in seiner Hand, und er sprach in abgerissenen Worten, halb für sich, halb für die anderen: „Bismarck ... Bismarck-Schönhausen. Das muß der Bismarck sein, der Anno achtundvierzig den Demokraten ordentlich die Wahrheit gezeigt hat. Das heißt: im Vereinigten Landtag ... damals. So ... und ’n Puttkamer aus Viertlum. Hm ... das heißt: eigentlich mag ich diese Herrschaften da nicht, die Blankenburgs und Theddens, die mit dem lieben Gott immer ’n Privatabkommen haben wollen, fast wie Tante Marianne ... ja ... aber wackere, feste Leute sind’s schon, loyal bis in die Knochen, als ob’s Märker wären, die Pommern. Ja ... und was sagen Sie nun eigentlich dazu, Doktor?“
Ganz leise stand Helene auf. Das mußte sie sehen, was die Qualle für ein Gesicht machen würde.
Aber sie kam nicht auf ihre Rechnung. Der Hauslehrer schien aus allen Wolken gefallen. Er sah aus seiner Zeitung hoch, mit himmelnden Augen: