Auf märkischer Erde

Part 10

Chapter 103,740 wordsPublic domain

Und dann hörte sie plötzlich auch seine Stimme neben sich. Leise flüsterte er: „Habe ich gut gesungen heut abend? Ich sang auch heut nur für ... nur für ein wunderschönes junges Mädchen, das rechts in der Fremdenloge saß. Ein wunderschönes Mädchen mit rostbraunem Haar, mit blauen, leuchtenden Augen ...“

Die ganze Tischrunde, meinte sie, müßte es gehört haben. Aber das schwirrte und schwirrte durcheinander.

„Darf ich denn diese wunderschönen blauen Augen jetzt nicht wiedersehen?“

Es zwang sie. Er zwang sie. Sie mußte sich ihm zuwenden. Dabei raffte sie noch einmal all ihren Willen, all ihre Kraft zusammen, rang um ein Lächeln, suchte nach einem abwehrenden leichten Scherz zur Antwort. Aber als sie ihn ansah, brachen Wille und Kraft zusammen.

Vielleicht fühlte er es. Vielleicht stieg das Mitleid in ihm empor. Er sprach lauter, so daß es die Nächsten hören mußten: „Es war ein recht gutes Ensemble. Fanden Sie nicht auch, gnädiges Fräulein? Das Orchester ist sogar vortrefflich. Man darf ja nicht die Ansprüche stellen, die einer großen Oper gegenüber berechtigt sind. Aber immerhin, es ist mehr als Mittelmaß. Dazu dies dankbare Publikum!“

Sie verstand seine Absicht, war ihm dankbar. Aber sie brachte nur mit Mühe ein „Es war sehr schön --“ über die Lippen. Ein Hauch war es nur, wohl ihm allein verständlich, und er mochte es deuten -- in seinem Sinne. Er strahlte sie an. Und als ob sie nun seiner Stimmung Flügel verliehen hätte, riß er das Tischgespräch an sich. In sprühender Laune erzählte er vom russischen Hofe, gab kleine Theateranekdoten, Kulissenscherze zum besten; sprach dann wieder ernster: von Richard Wagner, den er in Zürich kennen gelernt hatte, von dem greisen Meyerbeer, dem er in Paris nähergetreten war, von Rubinstein, in dessen Petersburger Heim er Gast gewesen. Er sprach vortrefflich, pointenreich. Daß er -- immer er im Mittelpunkt aller Wendungen stand, was verschlug’s? Vielleicht gab gerade das Persönliche seiner Unterhaltungsgabe besonderen Reiz.

Helene lauschte und lauschte. Manchmal senkte es sich wieder über sie gleich einem dichten Schleier, so daß sie nicht mehr die Worte, nur noch den Klang seiner Stimme wie im wohligen Traume hörte; dann kamen Momente, in denen sie mit einem heimlichen Jubel dachte: eigentlich spricht er nur zu dir, nur für dich allein. Und ein -- zwei Male fühlte sie, wie, während er sprach, seine Hand unter der Tafel die ihre suchte. Dann schrak sie zusammen, rückte ab von ihm und konnte doch nicht wehren, daß er ihren Arm streifte, ganz leise, zärtlich, verstohlen.

Tante Marie hob die Tafel auf.

Im Salon nebenan wurde der Kaffee genommen. Und hier gewann Helene endlich die Selbstbeherrschung zurück. Sie stand, getrennt von ihm, in einem Kreise der jüngeren Herren, fand sich in dem leichten Plauderton zurecht. Es gab einige Anknüpfungspunkte. Der eine der Herren hatte in Sodelzig bei Onkel Grucker in Quartier gelegen, der andere kannte Fritz -- „den sonderbaren Schwärmer, der ja unter die Demokraten gegangen sein soll“ -- von der Universität her. Wilhelm kannten fast alle. „Warum ist Ihr Herr Bruder heut nicht hier?“ Graf Werther lachte: „Wilhelm Hackentin sitzt bei Ewest mit ein paar englischen Herren zusammen, die nach ungezählten Pfunden aussehen. Ich war vorhin auf einen Stipps drin und sah ihn zwischen wallenden grauen Bärten, ganz ehrwürdig vor lauter Wohlhabenheit.“

Plötzlich war Schwarz wieder neben ihr, und wie er vorhin das Gespräch der ganzen Tafel beherrscht hatte, so wußte er sie jetzt aus der Unterhaltung der anderen herauszureißen, sie für sich selber zu isolieren. Was er zuerst sagte, das durften, konnten sie alle noch hören. Nach ihren Studien fragte er. Ob sie sich zufrieden fühle bei der Kollegin Wippern? Wartete die Antwort nicht ab, sondern ergänzte selber: „Unsere treffliche Harriers-Wippern ist ja Ihres Lobes voll. Meine Lieblingsschülerin, sagt sie immer wieder. Aber eigentlich müßten Sie zur Viardot nach Baden-Baden. Das wäre die rechte Lehrerin für Sie.“

Dann, als sie für ein paar Augenblicke allein standen, flüsterte er hastig: „Entsetzlich -- diese Geselligkeit. Dieser Zwang! Nicht zwei Worte kann man unbeobachtet mit jemand sprechen, dem man so viel zu sagen hätte, so unendlich viel ...“

Sie sah scheu, erschrocken, fast verständnislos zu ihm auf, senkte gleich wieder den Blick. Ihr war’s ja, als hätten sie den ganzen Abend über miteinander gesprochen, zueinander, nur zueinander und füreinander.

„... so unendlich viel zu sagen!“ wiederholte er heiß. „Es muß anders werden. Ah, jetzt nur einmal einen Spaziergang durch den Rackower Park, allein, ohne diese zudringlichen, neugierigen, fremden Gesichter. Allein ... wir beide ... wie schön müßte das sein!

... So sprechen Sie doch! Nur ein paar Worte, ich beschwöre Sie. Morgen -- nicht wahr? -- Morgen gegen ein Uhr gehen Sie zur Wippern ...“

Sie konnte ja nicht sprechen. Ihre Stimme war erstickt. Vor Angst, vor Scham, vor fassungsloser Scheu. Aber der Stolz war von ihr abgefallen, verweht, dahin. Sie neigte willenlos den Kopf.

„Ein Uhr ... Dank ...“ hörte sie noch. Und da kam Onkel Ernst angekugelt, quer durch den Salon: „Leneken, jetzt mußt du aber leider fort. Sonst kriegen wir’s mit Tante Oschitz zu tun, und ich bin kein Ritter Georg -- das Drachentöten war nie meine Force.“

Er nahm sie an der Hand, schielte unter seinem Einglas um die Ecke auf Graf Werther hin und auf Schwarz, die plötzlich in ein angeregtes Gespräch verwickelt schienen, führte Helene zur Tante. Sie knixte, küßte die Hand, bekam einen kleinen zärtlichen Klaps mit dem Fächer, grüßte noch flüchtig nach rechts und links, mußte von Onkel Ernst einen dicken Schmatz auf die Stirn in den Kauf nehmen: „Fameus hast du ausgesehen, Lene. Trotz deines simplen Fähnchens. Tante Marie müßte eigentlich mal mit dir zu Bonwitt fahren .... Nacht, Kind. Grüße den Drachen.“

Draußen stand Höhne mit dem diskret vertraulichen Domestikengesicht, das er armen Verwandten gegenüber immer hatte, geleitete sie, mit zwei Schritt Distanz, die Treppe hinunter zum Hotelwagen: „Untertänigst gute Nacht, gnädiges Fräulein.“

Und dann huschte sie durch den Vorgarten, der im ersten Schnee lag, unter den bereiften Bäumen hin, in fliegender Eile. Schon von weitem sah sie, daß die Lampe im Zimmer von Tante Marianne noch leuchtete. Ein schmaler Lichtkegel fiel aus dem Fenster im Erdgeschoß quer über den weißen Rasen.

Gleich, auf das erste leise Pochen, war Tante Marianne an der Tür. In ihr dickes Umschlagetuch ganz eingehüllt; das kleine, schmale Gesicht hob sich aus dem Schwarz wie ein Nonnenantlitz.

Es sah so ernst und so streng aus, daß Helene zusammenbebte, als ob sie sich einer Schuld bewußt wäre. Aber Tante Marianne hatte kein tadelndes Wort. Sie nickte nur, und es klang höchstens ein wenig spöttisch: „War es sehr schön, Helene? Nun ja, natürlich. Die Rackowschen sind ja die berühmten Amüseurs. Da steht das Licht. Gute Nacht, mein Kind.“

Nun war sie oben in ihrem Zimmerchen.

Als sie den Leuchter auf den Nachttisch stellte, fiel ihr erster Blick auf ein kleines, altes Buch, das bisher nie dort gelegen hatte. Ein Lesezeichen lag darin, in Kreuzesform geschnitten. Und als sie das Buch aufschlug, las sie:

„Wer die Welt erkieset, daß er Gott verlieset, Wenn es geht ans Scheyden, Verlieret er alle Beyden.“

Sechstes Kapitel

‚... Wer die Welt erkieset ...‘

An jenem Abend, als Helene den Spruch des alten Tauler zum ersten Male las, hatte er sie schwer getroffen.

Nun lächelte sie darüber. Sie hatte ja gar nicht ‚die Welt erkieset‘. Nur einen einzigen, einen geliebten Mann hatte sie sich zu einem stillen, heimlichen Glück gewonnen. Sie hatte ja gar nicht Gott verlassen: der liebe Gott dort oben über den Wolken hatte ihr ja in seiner unergründlichen Güte diesen einzigen, den über alles geliebten Mann geschenkt!

Ihr Herz war so voll. Ihr Glück war so groß. Und daß es so heimlich und verschwiegen, das war zu allem Herrlichen noch eine besondere Gnade. An jedem Abend lag sie mit gefalteten Händen und träumte offenen Auges ein Dankesgebet. Nun wußte sie es: er hatte sie geliebt vom ersten Sehen an; er würde sie lieben bis zu seines Herzens letztem Schlag. Und sie -- sie! Ach, was kam es auf sie an?! Wenn sie auf dem Altar, den sie sich errichtet, zu Asche verglühte, was verschlug’s!

Nein, nicht zu Asche verglühen. Immer aufs neue erglühen, leben und lieben! Jeden Augenblick festhalten, Hand in Hand mit dem Geliebten bitten, beten: verweile doch ... du bist so schön! Und über den Augenblick hinaus Pläne schmieden, Hand in Hand mit dem Geliebten. Aug’ in Aug’ mit ihm goldene Pläne, Zukunftsschlösser bauen, Stein auf Stein zu wunderbaren Wölbungen zusammentragen und zu festen Fundamenten. Die Zukunft -- die Zukunft gehörte ja ihnen und ihrem Glück! Aber auch geduldig warten und ausharren wollte sie, sich biegen und beugen und arbeiten, studieren. Alles, alles, wie er es wünschte und wollte ...

Sie sahen sich täglich.

Die Liebe machte sie beide erfinderisch. Manchmal mußte sie über ihn lächeln: wie unerschöpflich sein Register an Auskunftsmitteln war. Manchmal scherzte sie, sprach zu ihm Goethes Wort aus der „Iphigenie“: „Mir schien List und Klugheit nicht den Mann zu schänden --“. Manchmal erschrak sie vor seinen Anschlägen und stimmte doch jubelnd bei. Heut mußte der gute Wilhelm herhalten, den Elefanten spielen; morgen sahen sie sich in einem Konzert, in der Oper; dann begegneten sie sich bei der Harriers-Wippern; ein großer Spaziergang durch die verwachsenen, verschneiten Wege des Tiergartens, vom Goldfischteich bis zu Kroll, von Kroll bis zum Hofjäger, kreuz und quer, einte sie heut; morgen mußte sie Besorgungen in der Stadt vorschützen, und er führte sie durch die vergessenen kleinen Straßen Alt-Berlins, wo sie sicher waren, keinem Bekannten zu begegnen. Oder sie trafen sich im Alten Museum, in irgendeinem Teil, wo es für sie nichts zu sehen gab: bei den Ägyptern oder vor den Münzkästen. Da standen sie dann vor irgendeiner Mumie oder den Diadochenmünzen, drückten sich die Hände, flüsterten, raunten, scherzten -- und blickten sich in die Augen. Und wenn der Aufseher gerade vorüberging, machten sie ernste, wichtige Gesichter und wiesen mit ausgestrecktem Zeigefinger: „Außerordentlich interessant ... Erstaunlich, diese Alten!“

Wovon sie sprachen, worüber sie raunten und flüsterten? Über ihre Liebe, über ihr Glück. Wie das gekommen, wie das war, wie das bleiben sollte -- in alle Ewigkeit. Nur über ihre Liebe, nur über ihr Glück. Oder doch fast nur. Denn er sprach auch bisweilen von seiner Tätigkeit, von seinen Erfolgen; auch wohl von den kleinen unberechenbaren Verdrießlichkeiten und Enttäuschungen, die keinem Schaffenden erspart bleiben. Aber sie brauchte ihn dann nur hell anzusehen, seine Hand zu drücken, und die Schatten verflogen. Selten, sehr selten sprach er von ihrer Kunst. Das tat manchmal ein wenig weh. Aber es genügte ja, daß er wußte, sie schritt fort. Und wie schritt sie fort! Sagte das nicht auch Frau Harriers-Wippern: „Vor ein paar Wochen zeigten Sie nur das starke Temperament, jetzt fühle ich die Seele in Ihrer Stimme.“ Das tat die Liebe -- auch das tat die Liebe!

Ein paar Male mußte Alfred verreisen. Auf vier, fünf Tage, einmal auf eine ganze Woche. Nach Dresden, nach Köln, nach Hannover zu Gastspielen. Das waren trostlose Tage. Dann legte sich jedesmal die Stille der einsamen Insel mit Zentnerschwere auf Helene. Nicht als Frieden empfand sie die Ruhe, nur als Öde. Ihrem ganzen Leben fehlte der Inhalt; selbst die Kunst war keine Trösterin. Tante Mariannes leise, dünne Stimme tat ihr fast körperlich weh. Nichts interessierte sie. Was kümmerte es sie, wenn Tante Oschitz aus der „Kreuzzeitung“ vorlas, daß Preußen an der Halsstarrigkeit der liberalen Abgeordneten zugrunde gehen würde, daß der König, Bismarck und Roon auch gegen diese verstockten Demokraten die Heeresreorganisation durchsetzen müßten; daß die Russen sich mit den Polen in den Haaren lägen? Was kümmerte es sie, wenn der Tränen-Müller im dämmrigen Salon schöne Worte über die Weihe der kommenden Weihnacht sprach, während ein halbes Dutzend alter Damen, um ihn gruppiert, Missionsstrümpfe strickte.

Ja, wenn Harro noch der alte gewesen wäre, der junge, liebe, frische Kamerad. Aber um Harros Unbefangenheit war es geschehen. Anfangs hatte sie sich amüsiert, wie er ihr Ritterdienste leistete, daß er ein wenig verliebt in sie war, wie er das äußerte, mit verstohlenen Blicken, mit halben Worten. Nun war das anders. Er konnte sie schweigend eine Viertelstunde lang anstarren, fest zusammengepreßt die Lippen und düster die Augen. Manchmal war es zum Fürchten. Manchmal dachte sie: Er ahnt etwas von deinem heimlichen Glück, er ist eifersüchtig, er quält sich und will dich quälen. Dann war’s wieder, als wollte er gutmachen. Sie fand plötzlich auf ihrem Zimmer ein paar Rosen. Rosen zur Winterszeit! Daß der Junge nur nicht sein ganzes Taschengeld für sie verpulverte. Oder er faßte plötzlich nach ihrer Hand und bat: „Du übst wohl viel, aber uns singst du gar nichts mehr vor. Tu’s wieder, liebe Helene.“ Sie mußte den Kopf schütteln. Was sie jetzt hätte singen können, wie sie’s hätte singen mögen, das paßte nicht für die einsame Insel, auch nicht für Harro --

Schreckliche Tage, diese Tage, an denen Alfred fern war. Aber auch die Sehnsucht hatte ihre Süßigkeit. Und dann flogen ja die heimlichen Briefe herüber und hinüber, ~Poste restante~-Briefe, die sie von der Hauptpost in der Spandauer Straße abholen mußte, jedesmal mit erneutem Herzklopfen. Ein kümmerlicher Ersatz freilich, solch ein Brief. Auch faßte Alfred sich immer so kurz. Kein Wunder zwar bei dieser aufreibenden Tätigkeit auf den Gastspielreisen, bei den langen Fahrten, den Proben, den vielen Verpflichtungen. Aber das Schreiben lag ihm wohl überhaupt nicht. Er berichtete nur, und Herz und Augen suchten in seinen Zeilen oft vergeblich nach den heißen Liebesworten.

Was tat’s! Was verschlug’s?! Ein paar Tage, und er war wieder da! Sie sah ihn wieder, sie flüsterten und raunten, sie lachten und jubelten und waren glücklich.

Dann setzte der Winter, der so lange gezögert hatte, mit voller Macht ein und erwies sich als ein arger Störenfried.

Den richtigen deutschen Winter, wie er nun mit einem Male da war, fürchtete Alfred. Über das bißchen Schnee und ein, zwei Grad Kälte war er fortgekommen; als aber die Eisblumen an den Fenstern blühten, fühlte er im Geist schon den Katarrh, begann zu schelten, daß man an der Spree gegen Witterungsungunst schlechter geschützt sei als an der Newa, und ging trotz Pelzkragen und Schal nur ungern über die Straße. Mit den heimlichen Wanderungen durch den Tiergarten oder durch das Gassengewirr vom Molkenmarkt zum Alexanderplatz war es vorbei. Das Landkind, das mit Vater bei achtzehn Grad Kälte im offenen Schlitten zu fahren gewohnt war, wollte das nicht recht begreifen. Aber da der geliebte Mann so empfindlich war, half’s ja nichts: sie mußte sich fügen.

Sie ratschlagten.

„Ich mache einfach bei deiner Tante Besuch“, meinte er. „Ich habe schon manchen Drachen gezähmt, um mit dem Rackower zu sprechen.“

„Tante Marianne ist kein Drachen. Aber --“

„Aber --“, fragte er heftig zurück. „Sollte ich ihr etwa deiner Meinung nach nicht vornehm genug sein?“

Es kränkte sie ein wenig. Ihr ‚Aber‘ konnte sie doch nicht recht begründen. „Ich hab’s nur so in den Fingerspitzen, Fred ... es tut nicht gut.“

„In den Fingerspitzen? Zeig’ doch mal her.“ Er lachte und küßte jeden einzelnen Finger einzeln auf die rosige Spitze. „In diesen allerliebsten Dingerchen hier können ja nur die allerschönsten Ideen hausen. Wenn in den Fingerspitzen überhaupt Ideen wohnen können.“

Er machte seinen Besuch, wurde sogar angenommen; brachte zur Einführung eine Empfehlung der Rackowschen Herrschaften, sprach sehr zierlich über die reizende Lage der einsamen Insel, bewunderte das alte Berliner Porzellan in der Mahagoniservante, spielte, ganz beiläufig, darauf an, daß er eigentlich die wundervolle Stimme von Fräulein von Hackentin entdeckt hätte -- und wurde, ehe er es sich noch versah, in Gnaden entlassen. Oder richtiger: nur entlassen.

Helene war nicht anwesend gewesen. Als ihr aber Tante Oschitz von dem Besuch erzählte, setzte sie hinzu: „Dieser Herr Schwarz oder wie er heißt, paßt zu den Rackowschen. Er ist auch ein Fant!“

Das Blut jagte über Helenens Wangen. Gut, daß es zwischen den tiefen Mauern immer so dämmerig war. „Ein Fant! Tante Marianne, wie kann man so hart urteilen nach einmaligem Sehen!“ stieß sie heiß hervor. Empört war sie. Das war noch das mindeste, was sie der Tante sagen mußte.

Die alte Dame schwieg eine Weile. „Vielleicht hast du recht, Kind,“ meinte sie dann. „Wir sollen nicht allzu schnell urteilen. Ich erkenne auch an, daß dieser Herr dein Bestes gewollt hat. So magst du ihm wohl dankbar sein dürfen. Aber ungerecht war ich, glaube ich mindestens, doch nicht. Ich habe in den Gesichtern der Menschen lesen gelernt: in diesem hübschen glatten Gesicht sehe ich nichts als Oberflächlichkeit.“

„Daß du ihn einmal singen hörtest, Tante!“

„Ich bin wohl nicht musikalisch genug, um das würdigen zu können, Helene. Aber gesetzt, er sänge wie Orpheus, so würde mich das nicht beeinflussen. Kunst ist ein Kräutlein nicht für alle Leutlein, sagt ein altes Sprichwort. Bei seiner Kunst müßte ich immer an das Theater denken, und ich liebe diese Welt des Scheins und des Trugs nicht. Du weißt es.“

Sie sprach das alles mit ihrer ruhigen, leisen, sanften Stimme. Daß diese Stimme doch so wehe tun konnte!

„Herr Pastor Müller geht aber auch ins Theater.“

„Das mag wohl sein, und er wird wissen, wie er es mit sich und Gott abmacht. Du mußt mich nicht falsch verstehen, Helene: ich richte nicht. Ich spreche nur ein subjektives Empfinden aus. Und nun ist’s wohl genug von diesem Herrn Schwarz --“

„Deine Frau Tante ist +doch+ ein Drachen,“ sagte Alfred, als sie sich am Tage darauf trafen. „Sie hat mich kaum eines Wortes gewürdigt. Ja und Nein war ihre Rede, und es fehlte nur das Amen. Das wird wohl gefolgt sein, mit drei Kreuzen, als sich die Tür hinter mir geschlossen hatte.“

Es klang sehr verletzt, und sie fand nicht den Mut, ihm ein Wort zugunsten von Tante Oschitz zu sagen.

„Helene, Schönste, Liebste -- könntest du nicht einmal zu mir kommen? Du kennst meine kleine Wohnung ja gar nicht, weißt nicht, wie ich hause. Ich denke es mir so reizend, dir eine Tasse Tee zu bereiten, bei mir, echt russisch, auf einem riesigen Samowar.“

Sie schloß die Augen und schüttelte den Kopf.

„Sei nicht so klein, Helene ...“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

Er kannte das schon: sie gab eigentlich immer nach, aber bisweilen grub sich zwischen ihre Brauen ein Fältchen des Eigenwillens ein, dabei spannte sich ihr Nacken, sie schloß die Augen, als wollte sie ihn nicht ansehen -- dann war jedes Wort vergeblich.

„Liebste Närrin! Ich hab übrigens noch einen anderen Vorschlag. Eine Entdeckung hab ich neulich gemacht --“

Seitdem trafen sie sich meist in einer winzig kleinen Konditorei in der Bendlerstraße. Nur ein Katzensprung war’s von der einsamen Insel, und doch waren sie hier sicher vor jeder Entdeckung. Denn die Konditorei war jetzt, im Winter, nur während der Mittagsstunden einigermaßen besucht, von den Eisläufern, die sich hier bei einem Glase Punsch ein wenig aufwärmen wollten.

Einen schmalen Verkaufsraum gab’s dort und dahinter ein einziges Zimmerchen mit vier Tischchen. Ein verschossener brauner Plüschvorhang trennte beide Räume. Vorn saß hinter dem Ladentisch ein verrunzeltes Fräuleinchen, immer tief über einen Leihbibliotheksband gebeugt. „Versteinert, wie ihre Kuchen,“ meinte Alfred. Im Gastzimmer waren sie stets allein. Es kam wohl vor, daß die dünne Türklingel ging und Helene aufschrecken ließ. Aber es war dann immer nur irgendein Dienstbote, der etwas holte: ein Dutzend Pfannkuchen, ein paar Spritzkuchen, ein paar Windbeutel.

Manchmal gab’s Anlaß zu einem Scherz. „Hörst du, Helene, Baisers! Baisers! Komm -- komm, kleine süße Konditorin ...“

Zuerst hatten sie sich gegenüber gesessen an einem runden Tische mit fleckiger Marmorplatte. Aber es gab da an der Wand ein uraltes Sofa. Zu dem hatte er sie in einer Dämmerungsstunde geführt.

Ach, diese glückseligen Dämmerungsstunden, in denen sie sich am ehesten fortstehlen konnte. Tante las dann, und Harro saß über seinen dreimal gesegneten Schulaufgaben.

Fräulein Minna -- sie wußten schon, daß das Kuchenfräulein Minna hieß -- kam jedesmal hereingetrippelt, wollte auf einen Stuhl steigen, um die eine Gasflamme anzuzünden.

„Aber Fräulein Minna, Sie Verschwenderin! Es ist ja noch ganz hell!“ rief Fred empört. Und sie trippelte wieder fort, mit einem verständnisvollen Lächeln, trippelte zu ihrem Leihbibliotheksbande, in dem gewiß immer unendlich viel Liebe vorkam.

Der ganze Raum war erfüllt von einem süßen Duft. Zuerst hatte der Helene angewidert. Nun wußte sie nichts mehr davon. So wenig wie davon, ob das Stückchen Kuchen, das sie pflichtschuldigst zerkrümelte, altbacken war oder nicht.

O diese Dämmerungsstunden im Schutze des alten, lieben braunen Plüschvorhangs, auf dem tiefeingesessenen Sofa, wo sie zuerst allein gesessen hatte -- und nun mit ihm saß. Eng aneinandergeschmiegt, plaudernd, raunend, flüsternd, Hand in Hand, wo sie träumten, sich Zukunftsschlösser bauten ...

Eifrig bauten sie jetzt Zukunftsschlösser. Er wußte, daß sie ein armes Mädchen war, arm wie eine märkische Kirchenmaus. Nichts brachte sie ihm als ihre Liebe, ihre große Liebe. Aber dafür hatten ja beide ihre Kunst. Ein Jahr noch, und sie möchte hinaustreten können auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre neue Welt! Ihr stand es nun fest, auch sie ging zur Bühne. Der Widerstand der Eltern würde schon zu besiegen sein. Daran zweifelten beide nicht. Zweifel? Es gab für sie überhaupt keine Zweifel: hell, sonnig lag die Zukunft vor ihnen.

Ein Jahr noch! Was war ein Jahr?! Wo jeder Tag, von einem Sehen zum andern, für Helene verrauschte wie ein Augenblick.

In der kleinen Konditorei feierten sie auch ihr Weihnachten miteinander.

Helene hatte nach Rohlbeck kommen sollen. Aber als Wilhelm sich wenige Tage vor dem Fest einfand, um alles zu verabreden, hatte sie ein Tuch um den Hals und klagte. Nein, bei dieser eisigen Kälte durfte sie ihre Stimme der Gefahr nicht aussetzen. Es ging wirklich nicht, Wilhelm sah das selber ein, auch Tante Oschitz riet ab. Schade ... die Eltern werden’s schmerzlich empfinden. Jawohl ... aber auch sie werden’s einsehen. Und Geld hätte es auch gekostet ... alles kostete so viel Geld, und Vater hatte erst vor kurzem geschrieben, mit den Kartoffelpreisen sei’s jammervoll, „das heißt, liebe Lene, du brauchst dir darüber keine Kopfschmerzen zu machen“.

Als Bruder Wilhelm gegangen war, huschte Helene treppauf in ihr Zimmer, lachte wie ein Schulmädchen, das die französische Stunde geschwänzt hat, und kramte ganz unten aus dem Kommodenkasten die kleine Perlenstickerei heraus, an der sie so glückselig heimlich arbeitete, bei jeder Perle einen Wunsch für ihn hineinflechtend, ein ‚Sei glücklich! Behalt mich lieb!‘

Tante Marianne hatte eine große Weihnachten. Sie bescherte vielen armen Kindern, meist aus dem Osten Berlins, wo dem Pastor Müller jüngst von seiner Gemeinde ein eignes Kapellchen gebaut worden war.

Aber sie hatte auch Helene nicht vergessen. Unmittelbar neben Harros Aufbau stand ihr Gabentisch. Da lagen die Briefe und kleinen Geschenke aus Rohlbeck und von der Tante ein Pelzmuff und ein Buch mit Goldtitel und Goldschnitt: „Amaranth“ war’s, von Oskar von Redwitz. Daneben lag noch ein kleines Bändchen: „Neue Gedichte“ von Emanuel Geibel. Sie blätterte mit ungeduldiger Hand darin. Auf der ersten Seite stand in Harros steifer Handschrift: „Seiner lieben Kusine“ ... Als sie flüchtig aufsah ihm einen Dank zuzuwinken, sah sie, daß er seinen Aufbau noch gar nicht beachtet hatte, daß seine Augen nicht von ihr ließen --