Auf märkischer Erde

Part 11

Chapter 113,840 wordsPublic domain

Der gute dumme Junge! Wenn er wüßte, wenn er wüßte ...! Aber es tat ihr doch leid, daß sie so gar nicht an ihn gedacht hatte. An wen hatte sie denn überhaupt gedacht in all den letzten Wochen, als nur an den einen, den einen!

Tante Marianne stand inmitten der Kinder, die scheu und verlegen ihre wollenen Jacken und Strümpfe, ihre Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse beschauten. Für jedes hatte Tante Marianne ein gütiges Wort.

Jetzt war es an der Zeit --

Helene huschte hinüber, zu dem großen Weihnachtsbaum, dankte, küßte die Hand: „Ich gehe nur auf ein paar Minuten zu Frau Harriers-Wippern.“

‚Wie ich schon lügen kann,‘ fand sie selber und freute sich darüber. Lachen hätte sie mögen.

Tante Marianne war vollauf beschäftigt. „Nimm aber den Pelzkragen, Kind!“ sagte sie nur zerstreut und hatte schon wieder einen kleinen Blondkopf beim Wickel, band ihm zur Probe ein paar feste wollene Ohrenklappen über das Flachshaar.

Jetzt war es an der Zeit. Jede Minute war kostbar, jede Minute ein Weihnachtsgeschenk. Im Nu hatte sie den Mantel um, den Kapotthut auf, eilte die Treppe hinunter.

Da stand Harro im Flur. Gerade vor der Haustür, breitbeinig, mit seinem finstersten Gesicht.

„Du willst fort, Helene? Heut? Jetzt? Am Heiligen Abend?“

„Nur zu Frau Harriers-Wippern.“

Das Lügen war nicht so leicht wie vorhin. Der Junge hatte ein paar Augen, die dreinschauten, als wollten sie einen durchbohren.

„Sie hat mich zur Bescherung gebeten. Ich komme gleich zurück, lieber Harro.“

„Ich bringe dich --“ Er griff schon nach dem Kleiderrahmen an der Wand.

„Nein, das gebe ich nicht zu. Du darfst jetzt nicht von Tante fort.“

„Wir kommen ja gleich zurück.“ Fast höhnisch klang’s, wie er das „gleich“ betonte.

„Unter keinen Umständen, Harro. Laß nur, ich bitt’ dich!“

Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Wie nur den dummen, lieben, eifersüchtigen Jungen beruhigen, beseitigen?

„Ich danke dir auch vielmals für das schöne Buch, Harro. Geibels Gedichte hatt’ ich mir schon lange gewünscht. Wie gut du das getroffen hast.“

Er stand noch immer.

Da kam ihr ein toller Einfall.

Sie packte plötzlich den Kopf des Jungen mit beiden Händen und küßte ihn: „Dank, Harro!“ und noch einmal „Dank! Dank!“ Küßte ihn auf die zuckenden Lippen. Derb und herzlich. Und dann ließ sie ihn stehen, rannte zur Tür, rannte durch den Vorgarten, jagte die stille, menschenleere Straße entlang. Immer vor sich hin lachend. Ein Küßchen in Ehren ... da hatte sie einen Glücklichen gemacht, recht zum schönen Weihnachtsfeste. Ein Küßchen in Ehren ... weiß Gott in Ehren, denn solch Kuß zwischen Vetter und Kusine war ja nicht viel anders als zwischen Geschwistern ... aber was der Junge für Augen gemacht hatte!

Das Lachen noch auf den Lippen, die Wangen vom schnellen Lauf in der kalten Luft gerötet, so kam sie in die Konditorei, nickte dem alten Fräulein zu, hob den Plüschvorhang -- und wäre fast in ein lautes Jubeln ausgebrochen. Denn da stand Fred, hatte eine richtige kleine Weihnachtspyramide vor und zündete die gelben Wachslichterchen an. Gerade nur zwei Spannen hoch war das Gestellchen, streckte seine acht gradlinigen grünen Arme steif von sich, vier größere unten, vier kleinere oben; auf der Spitze aber turnte ein goldenes Engelchen.

Sie flog auf den Geliebten zu, sie flog ihm an den Hals:

„Ach du ... du ... das hast du für mich ...?“

„Selbst auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloß gekauft und höchsteigenhändig hertransportiert. Gibt’s etwas Lieberes, Scheußlicheres als solch eine Berliner Pyramide?“

Und dann saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, und erst mußte er die Augen zumachen, „aber fest, ganz fest“, und sie baute ihm unter der Pyramide den kleinen Tabaksbeutel auf, in dessen Perlenstickerei sie so unzählige gute Wünsche hineingearbeitet hatte. Und darauf hielt er ihr mit der Linken die Augen zu und kramte aus der Tasche heraus. Eine Brosche war’s mit gelben geschliffenen Topasen, zierlich in Goldfiligran gefaßt, ein rotes Juchtentäschchen für Visitenkarten, ein Fläschchen ~Violet de Parme~. Und nun ging’s ans Sehen und Bewundern und Bedanken. Mit den kleinen Punschgläsern, die Fräulein Minna hereingebracht, stießen sie an; ein Schüsselchen mit süßem geriebenem Mohn stand daneben, dem Berliner Weihnachtsessen; davon steckte Helene ihm einen Löffel voll in den Mund und wollte sich totlachen, als er sich entsetzt schüttelte.

Mit einem Male klang ein Klavier, dünn und fein, aber ganz deutlich. Es mußte wohl oben, über der Konditorei, beschert werden: „Stille Nacht ... heilige Nacht ...“

Und da begann Helene mitzusingen. Ganz leise zuerst. Dann stimmte er ein, und nun sangen sie beide, laut und voll und jubelnd.

Sie merkten es gar nicht: der Plüschvorhang hob sich verstohlen, zwischen den braunen Falten schob sich das alte verrunzelte Gesicht von Fräulein Minna hindurch. Ganz still stand sie, andachtsvoll lauschend, mit verklärter Miene.

„Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar -- Schlaf in himmlischer Ruh --“

Der Gesang verhallte. Sie sahen sich an mit leuchtenden Augen und wußten beide, daß sie noch nie, nie so schön gesungen hatten, nie schöner singen würden, als eben.

Langsam glitten die Falten des braunen Vorhangs wieder zusammen.

„War das schön! War das schön!“ hauchte Helene. Und er küßte ihr die Tränen aus den Augen.

Eine ganze Weile saßen sie still. Die winzigen gelben Wachslichterchen brannten herunter. Weihnachtsduft zog durch den Raum. Nun erlosch das letzte Licht --

Da stand Helene auf. „Ich muß fort“, sprach sie leise und gepreßt. Es wurde ihr so schwer, so schwer.

„Bleib doch noch!“ bat er. „Bleib doch --“

Aber sie schüttelte den Kopf, faßte noch einmal seine beiden Hände: „Dank ... Dank für diese Stunde!“ Noch einmal umarmte sie ihn.

Draußen an dem Kuchentisch mit den vielen Glasglocken und Flaschen stand Fräulein Minna. Sie knixte tief, als Helene vorüberkam: „Wie wunderschön haben die Herrschaften gesungen. Unser Domchor kann’s nicht schöner.“

Sie hörte es nicht. Es war wie ein großer Rückschlag auf all die Freude und Seligkeit in ihr, eine herzbeklemmende Angst: Harros Augen standen vor ihrer Seele. Diese hellen Knabenaugen, die sie wie entgeistert angeschaut hatten.

Und auf dem kurzen Weg nach Hause überschlich sie noch ein anderes Gefühl, zum erstenmal: die Scheu vor der Lüge. Bisher hatte die Heimlichkeit täglich neuen Reiz für sie gehabt, plötzlich, jäh, erschrak sie vor ihr. Weshalb jetzt, plötzlich -- sie wußte es nicht. Vielleicht taten auch das die hellen Knabenaugen.

Die Straße entlang hastete sie, aber als sie in den Vorgarten kam, wurden ihre Schritte langsamer und langsamer. Noch nie war ihr der Mut gesunken, jetzt lähmte eine dumpfe Zaghaftigkeit ihr die Glieder. Und trotzdem wiederholte sie sich immer wieder: ‚es war doch so schön ... es war doch so schön‘ -- und hätte weinen mögen.

Der große Tannenbaum war schon erloschen. Tante Oschitz saß ermüdet in einem Lehnstuhl am Ofen, fragte nur flüchtig: „War’s schön?“ Ganz seltsam klang das Helene. Sie nickte stumm. Dann sah sie verstohlen auf Harro. Der saß an seinem Gabentisch, den Kopf ganz tief über ein Buch gebeugt. Leseratte, die er war. Es wurde Helene leichter ums Herz. Vielleicht -- vielleicht hatte sie sich doch getäuscht. Er machte einen so kindlichen Eindruck, wie er dasaß, die Hände an den Schläfen, die Finger in das dichte blonde Haar gewühlt, versunken in sein Geschenkbuch. Nicht einmal aufgeblickt hatte er bei ihrem Kommen.

Dann meldete auch schon der alte Diener, daß angerichtet wäre. Tante Marianne stand auf: „Kommt Kinder!“ Wie Harro nun den Kopf hob, da sah Helene die flammende Röte auf seiner Stirn, auf seinen Wangen und empfand, daß er ihren Blicken auswich. Und als er dann am zierlich gedeckten kleinen Tisch das Gebet sprechen sollte, wie alle Tage, da kamen die gewohnten Worte eigen zerstückt von seinen Lippen. Er sprach wie ein Träumender. So daß die Mutter sagte: „Aber Harro! Was hast du denn? Es ist ja wirklich, als ob du unseren Herrn Jesu über deinem neuen Band Grube vergessen könntest. Schäme dich!“

Er schrak zusammen. Aber es war wie ein Trotz in ihm. Kein Wort der Entschuldigung sprach er, setzte sich, steckte sich mit seinen raschen knabenhaften Bewegungen die Serviette zurecht; immer ohne aufzusehen. Und die Bierkarpfen, von denen er gestern im voraus geschwärmt, rührte er kaum an.

Recht schweigsam verlief das kleine Mahl. Eigentlich sprach nur Tante: von dem Jubel der Kinder vorhin, von der Freude des Schenkens, von der Weihe dieses Abends. Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte Helene. Ihre Gedanken wanderten. Aber einmal schrak sie auf, wie aus einem Traum. Tante Marianne erzählte, daß man im Palais, als sie noch Hofdame gewesen, neben den Tannenbäumen stets auch eine der alten Berliner Weihnachtspyramiden gehabt hätte ... „Du hast sicher solch ein Ding noch nie gesehen, Helene, solch eine Pyramide mit den steifen, gerade abstehenden Armen ...“

Bald nach Tisch brachte der Diener die Leuchter hinein, stellte sie auf den Tisch an der Tür, die Porzellankästchen mit den Schwefelhölzern daneben und auf jeden Leuchter die Lichtputzschere. Wie an jedem Abend. „Der gnädigen Herrschaft wünsche ich gute Nacht“, sagte er leise, wie immer. Das war wie an jedem Abend das Zeichen zum Aufbruch. Tante Marianne glitt, langsam und geräuschlos, zu dem Tisch an der Tür hinüber, zündete umständlich die drei Kerzenstümpfe an. „Gute Nacht, Kinder.“ Dann küßte sie den Sohn, legte auf einen Augenblick ihre Rechte in die Helenes, die sich tief über die kühle Matronenhand neigte. Und wie an jedem Abend stiegen die beiden gemeinsam die Treppe hinauf.

Das war sonst oft, fast immer unter halblautem Lachen und Scherzen geschehen, und manchmal hatten sie, zumal in der ersten Zeit, noch ein paar Minuten auf der großen Truhe oben im Flur gesessen und geplaudert.

Heut ging Harro stumm neben Helene her. So stumm -- das Herz wurde ihr schwer und schwerer. ‚Wenn ich nur erst in meinem Zimmer wäre,‘ dachte sie beklommen.

Nun war sie oben.

„Gute Nacht, Harro“, sagte sie rasch. „Schlaf wohl!“ und reichte ihm die Hand hin.

Da griff er, mit einem Ruck des Armes, zu, sah sie zum erstenmal heute abend an. Mit einem eigenen Blick, nicht mehr versteint, sondern forschend, vorwurfsvoll. Das Helle, Kindliche schien in den blauen Augen erloschen, ein dunkles, wissendes Leuchten war darin. Seine Hand bebte, wie sie so die ihre umfaßte. Um seine Lippen zuckte es. Plötzlich, ehe sie es hindern konnte, hatte er ihr die Hand geküßt. Sie fühlte eine schwere Träne auf dem Gelenk. Und dann lief er auch schon, wortlos, den Flur hinunter, seinem Zimmer zu.

Siebentes Kapitel

Zwischen Weihnacht und Neujahr war Alfred verreist. Er gastierte in Frankfurt am Main, und seine Abwesenheit dehnte sich bis Anfang Januar aus, länger, als er Helene gesagt hatte. Es war eine öde, trübe Zeit für sie, zumal auch Frau Harriers-Wippern Ferien hielt. Die Stunden schlichen dahin und die Tage, und Helene kam in ein Grübeln hinein, das ihrem Wesen sonst ganz fremd war. Wie auf Wolken war sie gewandelt in all den letzten Wochen, wie in einem Rausch. Nun dünkte sie alles um sie her so nüchtern, so leer, ihr Dasein so schal, als wäre ihm jeder Inhalt genommen.

Auch die einsame Insel drückte auf sie, die noch vertiefte Stille dieser Woche, die Tante Marianne so ganz als weihnachtlich empfand. An den Festtagen fuhr unweigerlich am frühen Vormittag die Mietkutsche vor. Tante Oschitz hätte jeden Zwang zum Besuch des Gottesdienstes verworfen, denn er entsprach so gar nicht ihren Anschauungen; aber sie sah es als selbstverständlich an, daß Helene und Harro sich ihr anschlossen. Eine Qual schon allein diese endlose Fahrt, den Vetter auf dem Rücksitz gegenüber! Das Kapellchen, dem die festliche Weihe fehlte; die Predigt, deren steten, sanften Druck auf die Tränendrüsen Helene instinktiv empfand; noch einmal die lange, lange Fahrt, während derer Tante mit Harro ein immer vergebliches Examen über das, was der Tränen-Müller soeben verkündet, anstellte. Trotz auf der einen, Verstimmung auf der andern Seite. Verstimmung, die eigentlich den ganzen Tag über anhielt, um sich erst gegen Abend in eine schmerzliche Mutterzärtlichkeit aufzulösen.

Es war ja gut, daß Harro der Verstimmung wie der Zärtlichkeit auswich -- und anderem. Er war tagsüber fast nie zu Hause, hatte tausend Ausreden. Oft genug fehlte er sogar bei den Mahlzeiten; bisweilen kam er erst spät in der Nacht zurück, heimlich, auf verbotenem Wege, mit falschen Schlüsseln. Vielleicht steckte er auch mit den Dienstboten im Bunde. Jedenfalls hörte Helene in ihren unruhigen Nächten oft noch nach Mitternacht seinen leisen Schritt auf dem Korridor. Und es gab ihr jedesmal einen Stich ins Herz: auch daran war sie schuld. Ganz genau wußte sie das.

Einmal, nachmittags, war Tante Marianne zu ihrem Bankier gefahren. Helene saß unten im Salon. Es dämmerte schon leicht, so daß sie ihr Buch aus der Hand legen mußte. Ein paar Male ging sie im Zimmer auf und nieder, setzte sich vor das Instrument, schlug ein paar Akkorde an. Wie eine halbe Ewigkeit erschienen ihr die Tage, in denen sie nicht geübt hatte. Sie dachte nach: wann hast du überhaupt zum letzten Male gesungen? Und da schoß ihr durch den Sinn: ‚Am heiligen Abend! Am heiligen Abend -- mit ihm!‘ In jener Stunde, in der sie eigentlich zum letzten Male sich ganz, ganz glücklich gefühlt hatte --

So deutlich ... so zum Greifen deutlich stand plötzlich wieder sein Bild vor ihrer Seele.

Ob auch er wohl jetzt ihrer gedachte?

Tiefer sanken die Schatten herab. Fast dunkel war es im Zimmer.

Ganz leise und sacht fing sie an, gerade so, wie sie beide neulich -- neulich angefangen hatten.

„Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude --“

Sie wußte nicht, wie das Goethelied ihr ins Gedächtnis gekommen war. Nur das fühlte sie, daß es so ganz ihrer Stimmung entsprach. Und ihre Stimme hob sich, schwoll und schwoll --

„Ach, der mich liebt und kennt, Ist in der Weite --“

Einmal war es, als ginge eine Tür. Aber sie überhörte es. All ihre Seele war bei dem Gesang. Wie auf Flügeln trug es sie himmelan, als ob ihre Kunst das Herz läutere. Dies zuckende Herz --

„Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leide!“

Ein paar Atemzüge lang saß sie ganz still, die Hände noch auf den Tasten, mit geschlossenen Augen. Ihr war so wohl und war so weh --

Da hörte sie deutlich nebenan, im Arbeitszimmer des Herrn von Oschitz, ein verhaltenes Schluchzen. Ein einziger kurzer Ton nur war’s. Fast nie betrat jemand dies düstere, kleine Gemach des Verstorbenen. Und noch einmal klang’s auf, so daß sie zusammenschauerte. Ein Wehlaut, wie mit Trotz unterdrückt.

Fast im gleichen Moment aber sprach jemand nebenan. Des alten Dieners Stimme: „Die Lampe, junger Herr -- Sie woll’n sich wohl die Augen ganz verderben.“ Und dann schlug wieder eine Tür heftig zu.

‚Armer Harro! Lieber armer Junge! Auch dir muß ich weh tun, du dummer lieber Junge --‘

Während des ganzen Abends, die halbe Nacht über wurde sie den Gedanken an ihn nicht los.

Diese unruhigen Nächte!

Da kamen die Gedanken, wanderten, erloschen und stiegen aufs neue empor. Und die Sehnsucht kam, krallte sich ein, wurde zum zehrenden Schmerz; wollte sich aufrichten, sich emporranken am Glückserinnern, wurde herabgezerrt vom zagenden Zweifel. Wie zerborsten, zertrümmert sah Helene bisweilen den stolzen, schönen Bau der Zukunft vor sich, den sie so froh, so siegesgewiß aufgerichtet hatten. Hindernisse auf Hindernisse, an die sie nie gedacht, türmten sich auf dem Wege, sperrten jede Aussicht.

Er schrieb so selten, so furchtbar selten für ihre Sehnsucht. Seine Briefe waren so kurz und karg. Gierig suchte sie zwischen den Zeilen, was nicht in ihnen stand. Immer nur von +seinen+ Erfolgen, Triumphen schrieb er, von +seiner+ Arbeit. Manchmal, wenn sie solch ein Billett mutlos in den Schoß sinken ließ, kam ihr ein häßlicher Gedanke: er +spricht+ eigentlich auch immer nur von sich. Aber sie schüttelte solch Empfinden ab wie einen Schmutztropfen. Sie schämte sich.

Vor Jahren hatte sie in Rohlbeck einmal Goethes „Wahrheit und Dichtung“ gelesen. Jetzt ging sie an Harros Bücherschrank, suchte sich den Band heraus, ließ Frankfurts Straßen und Gassen wieder vor sich aufsteigen, ging wie im Traum mit dem Geliebten zum alten Römer und in das Haus am Großen Hirschgraben. Von dem schönen Gretchen las sie, von Goethes Sekundanerliebe, und dachte an Harro. Dachte dann jäh auch: ‚die schönen Frankfurterinnen!‘ Es war wie der Blitz einer Eifersucht. Er traf und schmerzte. Aber gleich bat sie Alfred die Sünde ab -- und dann lachte sie leise vor sich hin. Wie man so töricht werden kann vor Sehnsucht.

Das Lachen erstarb, die Sehnsucht blieb.

Tante Oschitz kümmerte sich nicht groß um Helene. Das hatte sie nach einigen Anläufen aufgegeben. In ihr lag es nicht, um Seelen zu kämpfen. Sie selber hatte sich durchringen müssen. Das mochten andere auch tun, und es gelang jedem, so Gott es wollte.

Helene war ihr auch wesensfremd. Sie hatte sie gern, aber nicht mehr; es gab keine engeren Verbindungsglieder zwischen beiden, als die Verwandtschaft schlug. Und wenn sie doch einmal, selten, eine Brücke suchte, so schreckte ihre Herbheit Helene ab, vielleicht gerade weil diese herbe Art sich meist so eigen mit sanften Worten gab.

Trotz allem konnte Tante Marianne die Veränderung in Helenens Wesen nicht entgehen.

„Du siehst schlecht aus, Kind“, sagte sie eines Tages. „Ich glaube, du kommst zu wenig an die Luft.“

„Ich bin ganz wohl.“

Sie saßen sich in der tiefen Fensternische, unten im Salon, gegenüber; Tante Marianne mit einer ihrer Handarbeiten beschäftigt, die Harro früher bisweilen respektlos genug mit Penelopes Geweben verglichen hatte; Helene über ihrem Buch.

„Man täuscht sich in der Jugend leicht über das eigene Befinden. Wirklich: dein Aussehen straft deine Versicherung Lügen.“

„Ich bin ganz wohl“, wiederholte Helene hartnäckig.

Tante Oschitz sah schärfer zu und schüttelte den Kopf. „Ich will Harro sagen, daß ihr morgen einen tüchtigen Spaziergang macht.“

„Bitte -- nein, Tante --“

Es kam so heftig heraus, daß die alte Dame stutzig wurde. „Habt ihr euch entzweit, du und Harro?“ fragte sie erstaunt. „Ihr wart doch so gute Freunde.“

„O ja ... o nein! Nur ... ich meine ... Harro hat so vieles andere vor jetzt. Er braucht auf mich keine Rücksichten zu nehmen.“

„Viel zu viel hat der Schlingel vor. Ich bin auch nicht blind.“ Tante Marianne lächelte -- für ihren Jungen hatte sie im letzten Grunde ihres Herzens immer Entschuldigungen bereit. „Aber es bleibt dabei. Morgen treibe ich euch beide aus dem Hause.“

Es blieb wirklich dabei. Und es wurde ein qualvoller Spaziergang durch den verschneiten Tiergarten. Sie rasten im schnellsten Tempo ihren Gesundheitsmarsch ab. Immer dachte Helene: ‚das sind dieselben Wege, dieselben Wege, die er und ich gingen.‘ Immer dachte sie dazwischen: ‚der arme Junge, der arme Junge!‘

Die Querallee waren sie gegangen, zum Großen Stern, bogen nun wieder in das Weggewirr ein, das zur Rousseau-Insel zurückführte. Ohne ein Wort zu sprechen. Manchmal sah Helene scheu auf ihren Begleiter. Er hatte die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt, zur Faust geballt; der schöngeformte Kopf war auf die Brust gesenkt; auf der Stirn unter der Pelzmütze lagen dichte Falten; die Lippen hatte er fest aufeinandergepreßt.

Plötzlich, mitten in der Einsamkeit, blieb er stehen.

„Helene --“ sagte er jäh, und dann stockte er wieder. Ganz tief, ganz alt hatte seine Stimme geklungen.

Ein Beben überlief sie, eine unbestimmte Angst. Unwillkürlich war auch sie stehengeblieben und wäre doch am liebsten geflohen.

Mit einem Male riß er die Fäuste aus den Taschen, die Tränen stiegen ihm in die Augen. Er faßte nach ihren Händen. Und nun hatte seine Stimme wieder den rührenden Ton der Jugend: „Liebe Helene, kann ich dir nicht helfen?“

Sie empfand alles, was in seinem Herzen vorging. Durchlebte es mit ihm in einem Augenblick: seine ehrliche Jungenliebe, -- sein Sehnen -- der reine, schöne Wunsch, sich selber für sie zu opfern! Wußte, daß auch er sich einen Altar aufgebaut hatte, auf dem er sein eigenes Herz für sie in Rauch und Asche verbrennen wollte! Fühlte den heiligen Ernst, der in ihm glühte!

Die Angst glitt ab von ihr. Aber weinen hätte sie mögen. Ans Herz hätte sie ihn nehmen mögen wie einen Bruder. Nein -- mehr war er, als ihr je ein Bruder gewesen war, je sein würde!

Lügen konnte sie nicht in diesen Augenblicken. Nicht lügen ... schrie es in ihr. Nicht einmal leugnen!

Aber sie konnte auch nicht anders, als den Kopf schütteln. Ernst und schwer und nun auch mit tränenden Augen.

„Ich hab dich gestern singen hören“, sprach er weiter. Ganz langsam kamen die Worte ihm von den Lippen. „Du sangst so wunderbar schön ... das Beethovensche Lied ... das Harfnerlied. So wunderbar schön, aber es war, als bräche dir das Herz darüber entzwei.“

Sie neigte den Kopf. „Unsagbar wohl hat es mir doch getan“, sagte sie. Es waren ihre ersten Worte. Und wie sie sich selber sprechen hörte, kam ihr allmählich das Bewußtsein ihrer Überlegenheit wieder. Der Überlegenheit, die ihr bei fast gleichen Jahren ihr Geschlecht gab und ihr Erleben. Gerade nun empfand sie das: wie jung der liebe Harro da neben ihr war, und auch das andere: wie sie selber in diesen letzten Monaten gereift war.

Ihre Überlegenheit kam zurück, und damit ihre Sicherheit. Aber der innige Wunsch blieb, dies junge Herz zu schonen, ihm gut zu tun, wie sie nur konnte.

Sie drückte ihm die Hände. „Ich danke dir, lieber Harro. Ich weiß, wie gut du es meinst. Ich will dir immer eine treue Freundin bleiben.“

Er zuckte zusammen. „Helfen möchte ich dir!“

„Wir Menschen können einander wohl nur selten helfen.“

„Du sagst, du wolltest meine Freundin sein. Dann mußt du auch Vertrauen zu mir haben, Helene!“

Da war schon wieder der Trotz in seiner Stimme, der rechte Jungenstrotz. Und das tat ihr wohl.

Sie antwortete nicht gleich, sie begann auszuschreiten.

„Es gibt Dinge, Harro, die man auch dem besten, liebsten Freunde nicht mitteilen darf. Stimmungen gibt es und Kämpfe, die man nur selber durchringen und überwinden kann.“

Er nickte, rasch hintereinander, ein paar Male, als ob er gleich empfinde. Doch dann trotzte er wieder auf. „Das ist nicht die richtige Freundschaft!“

„Wir wollen’s der Zeit überlassen, Harro.“

Sie gingen schneller, und er merkte wohl, daß sie ihm auswich. Jetzt schwieg auch er. Biß wieder die Zähne aufeinander, stopfte beide Hände, zur Faust geballt, trotzend in die Manteltaschen, ließ den Kopf tief hängen, und unter der Pelzkappe zog sich das krause Faltengewirr über die Stirn. Einmal kam etwas wie ein bitterer Lachton zwischen den geschlossenen Lippen hervor.

‚Nun ist er doch wieder ganz der törichte Junge‘, dachte sie. ‚Gottlob! Töricht und dabei so lieb, so lieb!‘

Und da waren sie auch schon dicht an der Tiergartenstraße. Durch die Bäume schimmerte grau die einsame Insel mit dem roten Ziegeldach darüber.

‚Ein gutes Wort mußt du ihm doch noch sagen ...‘

Die Hand streckte sie ihm hin. „Schlag ein, Harro! Also auf gute Freundschaft!“

Er sah auf. Ganz dicht standen seine Brauen aneinander. Er zögerte, rang mit sich. Die Fäuste kämpften in den Manteltaschen: sollen wir oder sollen wir nicht? Die Oberzähne nagten an der Lippe.

Plötzlich stieß er heraus: „Ja -- du --!“ Machte kurz kehrte und rannte in den Tiergarten zurück. -- --

Nun aber, nun war Alfred endlich in Berlin. Sie sah ihn wieder, hörte seine Stimme, hielt seine Hand in der ihren, saß neben ihm in der lieben, kleinen Konditorei auf dem alten Sofa und bat ihm im geheimen all ihr Zagen und Sorgen, all ihren Kleinmut ab. Nicht im geheimen nur. Ganz offen, ganz ehrlich: „Ich war so töricht, Fred ... ich habe mich so geängstigt ... so hoffnungslos war ich. Ach, Fred, du darfst mich nicht so lange allein lassen. Ich ertrage das nicht. Die Sehnsucht ist zu groß.“