Part 12
„Ja, die Sehnsucht! Glaubst du denn, Helene, ich hätte nicht unter der Sehnsucht gelitten?“ Er legte den Arm um sie, zog sie an sich. „Aber ich weiß wohl, wir Männer kommen leichter darüber hinweg als ihr Frauen. Schon durch den Beruf. Was war das wieder für eine abscheuliche, anstrengende Sache, dieses ganze Gastspiel! Schon allein die Fahrt bei dieser Kälte. Man ist in Deutschland doch noch um ein Jahrzehnt zurück oder länger. Gerade daß immer alle fünf Stationen eine Fußflasche mit heißem Wasser ins Coupé geschoben wird, während es selbst in Rußland schon ordentlich geheizte Wagen gibt. Ridikül ist’s. Und der ungemütliche Aufenthalt im Frankfurter Hotel, und diese jammervollen Theaterverhältnisse in der lobesamen Freien Reichsstadt!“
„Warst du am Großen Hirschgraben?“
„Wo?“
„Am Großen Hirschgraben ... wo der junge Goethe gewohnt hat.“
Er lachte. „Ach, du liebe, liebe Närrin. Was ist mir der junge Goethe! Hat der am Großen Hirschgraben gewohnt? Ich weiß nicht einmal, wo der liegt. Aber den Tannhäuser hab ich gesungen: das war wenigstens ein Erfolg, der wohltun konnte.“ Und er erzählte von der Aufführung -- lang und breit --
Sie wußte selbst nicht, warum es ihr weh tat, daß er vom jungen Goethe nichts wußte, nichts wissen wollte. Es war ja auch ungerecht, daß sie’s mit einer leisen Bitterkeit empfand, sie gestand es sich ein. Und ungerechter noch, daß sie nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit zuhören konnte. Aber sie mußte sich geradezu anstrengen, ihm zu folgen.
Nicht einmal fragte er: wie ist es dir denn ergangen in diesen langen, langen Tagen? Freilich, ein Mann hatte eben seinen Beruf, und es war wohl in der Ordnung, daß er ganz in ihm aufging. Aber weh tat es doch. Nun -- auch sie würde ja einmal ihren Beruf haben. --
Und wonnig, beseligend war es doch schon, ihn wieder zu haben. Seine Nähe zu fühlen, seine Hand zu halten. Was wollte sie denn mehr: er liebte sie -- er liebte sie! Er sah ihr in die Augen, tief, tief, er suchte ihre Lippen --
Was wollte sie mehr? Was wollte sie mehr! Nichts -- nichts -- nichts!
Dann zog er ihr kleines Weihnachtsgeschenk heraus: „Das ist mein treuer Begleiter gewesen“, sagte er.
Nun hatte sie ihm längst die Kunst abgelernt, zwischen spitzen Fingern eine Zigarette zu drehen. Er lachte jedesmal, wenn sie ihm die hinhielt, daß er sie anfeuchte. „Nein, daß mußt du tun -- schmeckt besser so!“ Und sie lachte wieder, ließ die Zunge vorsichtig über den Papierrand gehen. „Jetzt rauche auch du ein paar Züge!“ Das konnte sie nicht, das lernte sie nicht. Versuchte es, ihm zuliebe, und erstickte fast. „Kleine Deutsche -- du!“ spöttelte er. „Da waren meine russischen Freundinnen erfahrener.“ Sie zog ein Gesichtchen. „Aber Lene! ~Tempi passati!~ Du bist doch nicht eifersüchtig?“ -- „Rasend eifersüchtig könnte ich sein.“ -- „Ach geh! Das ist ja immer eine Dummheit.“
Ein paar Augenblicke sah sie wortlos vor sich hin. Dann schlang sie jäh die Arme um seinen Hals und küßte, küßte ihn.
Fast täglich sahen sie sich nun. Aber meist nur wie im Fluge, auf karge Minuten. Seine Zeit war sehr knapp, er studierte ein paar neue Rollen, hatte mancherlei gesellige Verpflichtungen. Auch ging er nicht mehr so gern wie ehedem in die kleine Konditorei; er behauptete, das gute Kuchenfräulein fiele ihm auf die Nerven und der süße Dunst in dem winzigen Lokal wäre schier unerträglich jetzt im Winter, wo nie gelüftet würde.
„Warum kommst du nicht endlich einmal zu mir? Ich habe dich so oft gebeten. Nachgerade -- weißt du, Helene -- empfinde ich es fast wie einen Mangel an Vertrauen.“
Ein paar Male sagte er das. Aber sie antwortete nie. Immer straffte sich dann ihr Nacken, und sie bog den Kopf zurück mit dem ablehnenden, abwehrenden, eigensinnigen Ausdruck, den er schon kannte.
Einmal hatten sie sich im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern verabredet. Er mußte ein wenig warten, die Unterrichtsstunde schien sich auszudehnen. Als Helene herauskam, sah er, daß sie geweint hatte. „Nun?“ fragte er. „Was hast du denn?“
Erst wollte sie nicht recht mit der Sprache heraus. Endlich gestand sie, daß Frau Harriers mit ihr nicht mehr so zufrieden wäre wie früher, ihr leise Vorwürfe gemacht hätte: sie sei nicht aufmerksam genug, übe auch wohl nicht mehr so fleißig wie ehedem. Es schien Helene sehr nahegegangen zu sein.
„Ach -- bah!“ machte er. „Jeder Lehrer muß gelegentlich tadeln. Aber wenn sie schon recht hat: warum hat denn dein Eifer nachgelassen?“
Sie sah ihn an: mußte er sich denn nicht selber sagen, woran das lag? Daß sie nur an ihn, nur an ihn denken konnte.
Eine Antwort wartete er nicht ab. „Übrigens, Helene, hab ich dir längst gesagt, daß die gute Harriers nicht mehr die rechte Lehrerin für dich ist.“ Er wurde eifriger. „Ich will dir einen Vorschlag machen: entschließe dich kurz und schnell und fahre zur Viardot!“
„Aber du weißt doch, daß das nicht geht.“
„Nicht geht? Warum denn nicht? Um des elenden Mammons willen? Ich hab genug verdient in den letzten Jahren. Ein Wort von dir, und wir sitzen morgen früh in der Bahn -- wir beide, ganz allein, Helene --“
Sie waren aus dem Hause getreten, gingen langsam die Viktoriastraße hinunter, dem Tiergarten zu.
„Sei nicht so klein, Helene! Du bist doch Künstlerin. Du willst eines Künstlers Frau werden. Wir haben das Recht, freier, größer zu denken als andere Menschen. Wirf endlich einmal dein Philistertum hinter dich. Helene, Geliebte -- wir beide, allein --“
Wieder straffte sich ihr Nacken. Aber dann ließ sie den Kopf sinken. Glühend heiß stieg es in ihr empor.
Sein leises Raunen klang so einschmeichelnd in ihr Ohr. „Wenn du mich wirklich lieb hast, Helene, wirst du ja sagen. Liebe muß Vertrauen haben, Liebe soll doch auch Opfer bringen können. Opfer? Ich will ja gar kein Opfer. Laß dir sagen, Helene: wir fahren nicht gleich nach Baden-Baden. Wir fahren erst nach Helgoland. Nach dem freien Stück englischen Bodens. In drei Tagen sind wir Mann und Frau. Helene, Geliebte, so kann es nicht weitergehen.“
Ihre Hände krampften sich in der kleinen Muff zusammen. ‚Mann und Frau!‘ dachte sie. ‚Großer guter Gott, wäre denn das möglich?‘ Ein unsagbares Glücksempfinden war in ihr und eine herzbeklemmende Angst. ‚Lieber Gott, hab Erbarmen --‘
Da sah sie drüben, auf der anderen Seite der Straße, Harro gehen. Er kam aus der Schule, hatte die schwarze Mappe mit seinen Büchern unter dem Arm, ging hart an den Vorgärten entlang und spähte mit finsterer Miene zu ihnen herüber. Sie sah es deutlich: seinen trotzigen Mund und das Faltengewirr auf der Stirn.
Mit einem Male rief sie laut: „Harro! Harro!“
Es war der Entschluß eines Augenblicks. Ein Entschluß, der über sie gekommen war, sie wußte selbst nicht wie. Ein Hilfeschrei vor sich selber vielleicht. Stehen blieb sie, als ob plötzlich Bleilasten an ihren Füßen hingen. Und kaum hatte sie gerufen, so brach es wie ein herzzerreißender Jammer über sie herein: ‚Du hast ja Alfred tödlich beleidigt. Das wird er dir nie verzeihen.‘
Der Vetter kam mit hastigen Schritten quer über die Straße.
Aber nun sah sie nicht mehr hin, nun sah sie nur Alfred. Sah erst das Schürzen seiner Lippen, dann das Auffunkeln in seinen Augen. Niederknien hätte sie mögen vor ihm: ‚Vergib mir, vergib! Bis ans Ende der Welt gehe ich mit dir ... allein mit dir ...‘
Plötzlich dachte sie: ‚jetzt schlägt er dich, schlägt dich nieder. Und auch das wäre Seligkeit ...‘
Und dann sah sie plötzlich, wie er sein Gesicht zwang. Ganz ruhig, ein wenig spöttisch sagte er: „Das ist ja wohl Ihr Herr Vetter, gnädiges Fräulein? Guten Tag, Herr von Oschitz.“
Weiter gingen sie, nun zu dritt. Nein, sie ging nicht, sie schleppte sich vorwärts. Ketten hingen ihr an den Gliedern, Ketten umschnürten ihre Seele. Kaum zu atmen vermochte sie.
Harro sprach kein Wort. Er hatte flüchtig seine Pelzkappe berührt, dann wieder beide Hände in die Manteltaschen gesteckt, ganz tief und zu Fäusten geballt. Rechts schritt er neben Helene her, den Kopf im Nacken.
Aber Alfred sprach. Völlig beherrscht, angeregt sogar, heiter, etwas überlegen. Daß es doch ein glücklicher Zufall gewesen wäre, wie man sich bei der Harriers getroffen; vom Winterwetter und der Eisbahn; von seiner Schulbankzeit und wie erleichtert er aufgeatmet hätte, als er den Ranzen hinter sich geworfen.
Bis zur einsamen Insel ging er mit. „Hat mich sehr gefreut, Herr von Oschitz. Bitte, legen Sie mich der Frau Mama zu Füßen. -- Addio, gnädiges Fräulein ...“ Und dann noch, ganz flüchtig scheinbar, nur ihr verständlich: „Ja so ... wir wurden vorher unterbrochen ... vielleicht überlegen Sie sich doch meinen Vorschlag. Die Viardot ist nun einmal die erste Lehrerin Europas. ~Au revoir!~“
Die eiserne Gartentür flog lautschallend ins Schloß, von Harro geschleudert.
Nun noch der kleine Weg durch den Vorgarten.
Da tat Harro endlich den Mund auf, fragte: „Warum hast du mich gerufen?“
Sie hatte die Frage erwartet und erschrak doch vor ihr. Hatte sich die Antwort zurechtgelegt und brachte sie doch nur mühsam heraus: „Ich ... sah dich dort ... drüben ...“
„So? So! Es war also nur eine Begrüßung, quer über die Straße. Es klang auch ganz so ... so wie eine Begrüßung.“
Die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war so matt, so zerschlagen, so widerstandslos.
„Quäl’ mich nicht, Harro!“ bat sie.
Er war stehengeblieben, sah zu Boden, sah dann wieder sie an. Der Trotz wich aus seinem Gesicht, aber die Bitterkeit blieb in seiner Stimme: „Nein, ich will dich nicht quälen. Ich hab dich zu lieb dazu. Ich seh ja auch, dich ... dich quält anderes genug.“
„Es wird schon wieder besser werden. Es ist nur, weißt du -- du hast doch gewiß auch oft Verdruß in den Stunden.“
Sie war eine so schlechte Lügnerin, schämte sich so, daß sie gerade vor Harro lügen mußte. Das Blut schoß ihr ins Gesicht.
„In den Stunden also --“
„Quäl’ mich nicht, Harro!“
Da ging er weiter. Die Haustür glitt ins Schloß, ganz sanft drückte Harro sie zu. Schweigend schritten sie nebeneinander die breiten Eichenstufen hinan. Erst vor ihrer Tür, oben im halbdunklen Korridor, blieb er noch einmal stehen. Tief schöpfte er Atem, es war, als ringe er mit sich. Dann sprach er dringend, heiß: „Du hast neulich nichts von mir wissen wollen, Helene. Aber ich muß es dir doch noch einmal sagen, wie gern ich dir helfen möchte. Wenn ... wenn er nur deiner wert ist ...“
Ganz leise hatte er das letzte geflüstert in seiner verhaltenen dunklen Jungensstimme. Verschämt fast und doch so innig. Sie hörte es mit geschlossenen Augen, gegen die Wand gelehnt.
Als sie die Augen öffnete, war Harro fort. Und sie ging in ihr Zimmer und weinte sich aus.
* * *
Am Nachmittag kam Bruder Wilhelm. Helene wurde heruntergerufen, ließ aber um Entschuldigung bitten: sie hätte schreckliche Kopfschmerzen. Die Wahrheit war’s und doch nicht die ganze Wahrheit, sondern eine Ausrede. Nur niemand sehen, niemand hören wollte sie.
Da kam aber Wilhelm selbst heraufgepoltert, sah in das dunkle Zimmer, holte vom Korridor die Lampe: „Aber Lene, was machst du? Tante Marianne klagte auch, du sähst miserabel aus. Laß doch mal zusehen. Wo fehlt’s denn?“
Die Augen taten ihr weh in dem plötzlichen grellen Licht. Sie hielt die Hand vor, auch deshalb: wozu brauchte er die Tränenspuren zu sehen! Ein Lächeln zwang sie heraus, indem sie ihm die Hand gab: „Kopfweh, Wilhelm, weiter nichts. Morgen ist alles wieder gut.“
Der große Optimist war leicht beruhigt, schob die Lampe beiseite, setzte sich: „Na ja, so leicht sind wir Hackentiner nicht unterzukriegen. Ja ... und ich möcht dir doch noch Prost Neujahr sagen. Eine ganze Hucke Grüße und Wünsche bring ich dir aus unserm lieben alten Rohlbeck mit.“
„Ach ... Rohlbeck ... ja, unser altes liebes Rohlbeck ...“ Wie sie das sagte, hatte sie eine ganz unbestimmte Empfindung: dies Rohlbeck mußte weit, weit abliegen. Unermeßlich weit.
Wilhelm machte sich’s behaglich und begann zu erzählen. Natürlich zuerst von Martha und seinen Schlingels; mit dem üblichen kleinen Seufzer: ja, wer es so gut hätte und immer bei ihnen sein könnte. Von Vater und Mutter dann und von ganz Rohlbeck, mit dem alten Heckstein an der Spitze, der am ersten Feiertag prächtig gepredigt, aber am zweiten dafür wieder mal einen uralten Bock abgeschlachtet hätte -- „na, freilich hatten wir am Abend bis Glock eins Whist gedroschen.“ Vom Weihnachtsfest erzählte Wilhelm: wie sie alle in der großen Stube um den Christbaum gestanden hätten. Vater hätte gemeint: „Sehr schön, sehr schön, das heißt, schöner wär’s, wenn die Lene hier wäre“, und Mutter hatte etwas wie Tränen in der Stimme gehabt. Mutter wurde recht alt.
Anfangs hörte Helene nur mit halbem Ohr zu. Aber allmählich, mehr und mehr, gewannen die lieben Gestalten, von denen Wilhelm sprach, doch Leben vor ihrer Seele. Gerade, weil die so matt und flügellahm war. Ihr war’s, als wehte der Duft der großen Kiefer, um die sie alle gestanden, noch heut zu ihr; der großen Kiefer, die Vater in jedem Jahr mit dem Großknecht selber im Walde aussuchen ging. Etwas wie leises, leises Heimweh überkam sie; jetzt, plötzlich, nachdem sie so lange fast gar nicht an die Heimat gedacht hatte.
Ganz anders klang es wie vorhin, als sie nun noch einmal sagte: „Ja ... ja, unser liebes altes Rohlbeck!“
Sie schwiegen ein Weilchen. Dann fragte er, wie sie über das Fest fortgekommen wäre. „Pläsierlich wird’s ja nicht gewesen sein, taxier ich. So mit Tante Oschitz ... ich kenn das. Du hättest doch lieber mitkommen sollen, Lene. Na, übrigens, Vater wird ja jedenfalls zum 3. Februar herkommen.“
„Vater -- herkommen?“
„Ihr lebt aber hier, scheint’s, wirklich auf der berühmten einsamen Insel. Lest ihr denn keine Zeitungen? Zum großen Veteranenfest! Kinder, seid ihr komisch. Zur Enthüllung des Denkmals des hochseligen Königs sollen doch möglichst all die alten Krieger von Achtzehnhundertdreizehn, aus den Freiheitskriegen, nach Berlin kommen. Hast du denn nicht einmal vom König gelesen, wie er das Programm abgeändert hat? Da hatten die Hofschranzen fein säuberlich geschrieben: ‚Alle Krüppel werden dem Veteranenzuge in Wagen aus dem königlichen Marstall folgen.‘ Dick streicht’s unser allergnädigster Herr aus und schreibt eigenhändig dafür hin: ‚Diejenigen, welche infolge ihrer bei der Landesverteidigung erhaltenen ehrenvollen Wunden gelähmt sind ...‘ und so weiter. Fein, nicht wahr? Und schön! Ja, also, ich denk’, Vater wird bestimmt kommen.“
Helene schwieg. In ihr arbeitete es: Vater würde kommen, und Vaters Jägeraugen waren scharf. Er las gewiß in ihrem Gesicht, was sie erlebt. Und wenn er dann fragte! War’s doch überhaupt wie ein Wunder, daß bisher alle blind gewesen waren -- bis auf das eine Paar heller Jungensaugen! Wenn Vater kam und sie ansah und fragte -- -- --
„Gerade redselig bist du nicht, Lene.“
„Wilhelm, mein armer Kopf.“
„Ja so ...“ und er erzählte weiter. Von den Rackowern, die diesmal den Winter daheim bleiben wollten. Sie müßten sparen, hatte der dicke Ernst gesagt. „Na, Lene, die Rackowschen und sparen! Schaden könnt’s ja nicht, denn man munkelt, Ernst sitze bei Ephraim Hirsch feste in der Kreide. Aber die und sparen. Tante Marie hat zu Weihnachten einen Kaschmirschal geschenkt bekommen, der seine tausend Taler unter Brüdern kostet.“ Übrigens hätten sie sehr nach Helene gefragt.
„Wann bist du denn zurückgekommen?“ Sie sagte es eigentlich nur, um etwas zu sagen.
„Gestern nachmittag. Ich wär schon gestern zu dir gekommen, aber meine englischen Freunde hatten mich auf acht Uhr zu Ewest eingeladen. Da traf ich übrigens auch den Russen, wie du ihn ja wohl immer nanntest, Herrn Schwarz. In einer höchst fidelen Gesellschaft.“
Ganz weit lehnte sie sich zurück und deckte die Hand noch fester über die Augen.
„Theatervölkchen, weißt du. Wir haben noch ein paar Flaschen Cliquot zusammen getrunken. Meinen Engländern machte das einen Heidenspaß. Der eine, Mister Forster, hätte am liebsten angebändelt. Es war da eine bildschöne Person darunter, aus Frankfurt, die gefiel dem edlen Briten über die Maßen -- doch die war in festen Händen. Aber was red’ ich da ... das ist ja nichts für Mädchenohren.“
Er schämte sich ein wenig und lachte verlegen. Sah nicht, wie die Schwester ganz hintenübersank, wie sie sich dann wieder aufrichtete, starr und steif. Hörte nicht, wie ihre Brust sich hob, ihr Atem schneller ging und immer schneller.
Er sah und hörte nichts. Er sprach schon wieder von Rohlbeck. Es ging so doch nicht mehr lange mit dem ewigen Hin- und Herkutschieren. Wenn endlich die Konzession für die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen hinaus wäre -- und er hätte sie sicher in der Tasche, und das gäbe einen ordentlichen Batzen Geld --, dann müßten sie ganz nach Berlin ziehen. Schon der Jungens wegen, damit die in eine ordentliche Schule kämen.
„Na, Lene, und nun Gott befohlen. Soll ich die Lampe mit herausnehmen? Bist wohl lieber im Dunkeln? Ja, solche verdeubelten Kopfschmerzen. Kenn’ ich, hab ich auch manchmal; wenn auch von anderer Art. Adieu, Lene, gib mir die Hand. Donnerwetter, was hast du für eiskalte Hände. Soll ich dir ’n Doktor schicken? Gute Besserung liebe Lene --“
Nun war er endlich gegangen.
Helene hatte ihr Taschentuch herausgezerrt und biß auf das Leinen. Sonst hätte sie aufschreien müssen. Aufschreien, daß es durch das ganze Haus gellte.
Ihm nachschreien: das ist gelogen! Wie kannst du es wagen, vor meinen Ohren Alfred so zu verleumden! Weißt du denn nicht, daß er mich liebt? Mich -- nur mich!
Gelogen! Gelogen! Gelogen!
Immer wieder sprach sie es in Gedanken vor sich hin. Es tat ihr körperlich weh, es war, als ob das Wort jedesmal einer spitzen Nadel gleich ihr ins Gehirn stoße. Aber sie wiederholte, wiederholte: gelogen -- gelogen -- gelogen --
Eine Stunde wohl saß sie so, ohne sich zu rühren. Ohne einen einzigen anderen Gedanken fassen zu können. Nur, daß ihr wohl ein Wort durch den Sinn schoß, das er neulich gesprochen hatte, lachend: „Du bist doch nicht eifersüchtig?“ Aber es war nur wie eine unklare Erinnerung. Eifersüchtig?! Wie sollte sie eifersüchtig sein? Es war doch alles gelogen -- gelogen -- gelogen --
Einmal steckte Tante Oschitz den Kopf durch die Türspalt: „Immer noch Kopfschmerzen? Armes Kind! Mach dir doch einen ordentlichen Umschlag von Eau de Cologne.“
„Ja, liebe Tante.“
„Ich muß zu Madame Sandern. Willst du das Abendbrot auf dein Zimmer?“
„Wie du befiehlst, liebe Tante.“
O Gott, daß auch diese sanfte Stimme schmerzen konnte.
„Soll dir das Mädchen die Lampe bringen?“
„Bitte nein, liebe Tante.“
„Recht gute Besserung, Kind. Ich stelle dir unten das Akonit hin. Zehn Tropfen, hörst du.“
„Ja, liebe Tante.“
Langsam schloß sich die Tür wieder. Tante Marianne hatte so geräuschlose Sohlen. Aber heut hörte Helene jeden, jeden ihrer Schritte auf der Treppe, bis zur letzten Stufe, und jeder dieser sanften schleifenden Tritte schmerzte.
Wieder saß sie im tiefen Dunkel. Saß regungslos. Und dachte immer wieder: gelogen -- gelogen -- gelogen --
Und dachte nun doch zurück an den heutigen Vormittag. Gerade weil sie ja wußte, was der Bruder da leichthin geredet hatte, war gelogen. Selbstverständlich gelogen. Alfred, der ihr heute -- heute -- ins Ohr geflüstert hatte: „Mann und Frau“ ... „wir allein, ganz allein“: Alfred sollte gestern abend ...
... sollte überhaupt! Ach, diese schlechten, schlechten Menschen!
Lachen müßte man -- wenn man nur könnte --
Aber sie selber: sie selber war auch schlecht gewesen. Denn schlecht war es, daß sie kein volles Vertrauen zu ihm fassen konnte. Wie kam das überhaupt? Wenn man jemand liebt, muß man volles Vertrauen haben. Unbedingtes, grenzenloses Vertrauen. Muß Opfer bringen können. Ja, hätte sie denn nicht für ihn sterben mögen ... sterben mit tausend Freuden!
Sie aber ... sie hatte nach Harro gerufen. Wie um Hilfe. Nach dem dummen Jungen, der seines Weges kam, schlendernd, mit der Mappe unter dem Arm. Die Fäuste in den Manteltaschen. In den Augen dieses argwöhnische Überwachen. Was fiel dem Jungen ein!
Mit Verachtung hätte Alfred sie strafen müssen. Aber er war der Großmütigere gewesen, der Überlegene, der Verzeihende.
Und immer -- immer war sie klein gewesen, klein und kleinlich ...
Und nun gar eifersüchtig. Nein, nein! Das nicht! Es war ja alles erlogen -- erlogen -- erlogen --
Wieder saß sie eine Weile ganz still, regungslos.
Dann sprang sie plötzlich jäh auf. Sie tastete im Dunkeln nach ihrem Schrank, riß ihren Mantel heraus und den Pelzhut. Alles im Dunkeln, ohne zu wählen; warf den Mantel um. Mit hastenden, unsicheren Händen. Der Hut wollte und wollte nicht sitzen. Ihr Haar hatte sich wohl gelockert. Sie griff hinein, preßte es gewaltsam unter die Hutform, schürzte die Bänder unter dem Kinn.
Aber als sie die Türklinke in der Hand hatte, wandte sie sich noch einmal um. Nun brauchte sie doch Licht. Strich das Schwefelholz an, entzündete die Kerze, kniete vor der Kommode nieder. Da lag, ganz unten versteckt, die Brosche mit den Topasen. Die mußte sie doch anstecken -- heute.
Das ging nur vor dem Spiegel. ‚Mein Gott, wie siehst du aus!‘ dachte sie erschrocken. Auf einen Augenblick kam ihr die Besinnung zurück. Soweit wenigstens, daß sie sich das Haar glatt strich. ‚Nein, häßlich darf er dich nicht finden.‘ So weit wenigstens, daß sie die Knöpfe des Mantels richtig schloß, den Hut gerade rückte.
Die Topasen schimmerten und glänzten, wie sie so bei dem matten Schein der Kerze die Brosche vor sich hin hielt. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. Darüber wird er sich gewiß freuen, daß du die angesteckt hast. Heute --
Nun war sie fertig, war ruhig. Wirklich, glaubte sie, ‚ich bin nun ganz ruhig‘. Es war ja nur der Entschluß, der so schwer war.
Sie löschte die Kerze. Sie huschte die Treppe herunter und über den Flur. Leise, vorsichtig, öffnete sie die Haustür. An Harros scharfe Ohren dachte sie dabei. Leise, vorsichtig drückte sie die Tür wieder zu. Es war doch ein Glücksfall, daß Tante Oschitz gerade heut abend aus war. Bei der alten Madame Sandern. Da saßen sie jetzt und strickten Missionsstrümpfe. Komisch eigentlich: um die Neger da hinten, da unten in Afrika sorgte sich Tante Oschitz.
Draußen war es schneidend kalt. Aber die Kälte tat Helene wohl. Sie atmete tief auf. Der Kopfschmerz war verschwunden. Wie fortgezaubert. Durch die Kälte vielleicht, durch den Entschluß vielleicht. Durch einen großen, guten Entschluß! Der das Herz so leicht macht und so froh.
Schnellen Schrittes ging sie die Tiergartenstraße entlang, dann durch die Lennéstraße. Es war sehr leer auf den Straßen bei der starken Kälte. Im Rauhreif standen links die Bäume des Tiergartens, winkten rechts die des Radziwillparks über die alte Stadtmauer. Sogar auf dem Pariser Platz war es still. Der Posten an der Brandenburger Torwache lief in schwerem Mantel hinter dem Gitter herum, um sich warm zu halten. ‚Das ist der Weg, den wir am ersten Tage in Berlin gegangen sind‘, dachte Helene. ‚Und nun gehe ich zu ihm -- zu ihm!‘
Das kurze Stück Unter den Linden, die Wilhelmstraße. ‚Ja, zu ihm! Was er wohl für Augen machen wird? ‚Du, Helene?!‘ Ans Herz wird er mich nehmen, und ich will ihm abbitten, alle meine Zweifel, all meine häßlichen kleinen, kleinlichen Gedanken.‘
Jetzt kam die lange Behrenstraße. Ganz am Ende wohnte er, fast gegenüber dem Opernhause. Oft genug war sie ja vorübergegangen, hatte zu seinen Fenstern emporgesehen mit pochendem, sehnsüchtigem Herzen.
Plötzlich kam ihr der Gedanke: wenn er nun nicht zu Hause ist? Aber das war ja unmöglich. Er +mußte+ zu Hause sein, heute: das wollte das Schicksal.
Sie war sehr schnell gegangen, zuletzt fast gelaufen.
Nun, plötzlich, als sie auf der anderen Straßenseite die erleuchteten Fenster des Ewestschen Restaurants sah, stockte ihr der Atem. Dort also hatte er gesessen, in lustiger Gesellschaft, gestern abend -- in solcher Gesellschaft. Was hatte Wilhelm erzählt? Doch das war ja gelogen -- gelogen -- gelogen --