Auf märkischer Erde

Part 13

Chapter 133,777 wordsPublic domain

Sie wiederholte es sich immer wieder, immer eindringlicher. Aber das würgende Gefühl in der Brust wurde sie nicht los, die atembeklemmende Enge. Mühsam nur kam sie vorwärts, und jetzt erst fühlte sie die schneidende Kälte, den scharfen Wind, der die Straße entlang jagte, ihr gerade ins Gesicht. Sie schauerte zusammen. An der Rückfront des Palais mußte sie einen Augenblick stehen bleiben. Und da schoß ihr plötzlich der Gedanke durch den Sinn: ‚Hier wohnt der alte König, und Vater kommt als sein Gast. Vater!‘

‚Vater --‘

‚Was Vater wohl dazu sagen würde, wenn er dich hier fände, auf diesem Wege?!‘

Sooft hatte er ihr den Nacken gesteift, hatte sie den Kopf zurückwerfen lassen, der Hackentinsche Stolz. Halb unbewußt beides: Familienstolz und Mädchenstolz. Heut hatte sie das beides weit hinter sich geworfen. Aber nun war’s doch, als hörte sie Vaters Stimme: „Mädel, wo hast du deinen Stolz?“

Sie biß die Zähne aufeinander, stand noch einen Moment mit geschlossenen Augen. ‚Mein Stolz? Ja, mein Stolz! Was ist mein Stolz gegen meine Liebe!‘ Und weiter ging sie, an den kümmerlichen Büschen des Opernplatzes entlang, jetzt schon seine Fenster suchend.

Die Fenster waren dunkel. Er war nicht daheim.

Aber er mußte ja zu Hause sein. Er hatte gewiß auch ein Zimmer nach dem Hofe hinaus.

Wieder stand sie ein paar Minuten, nach den Fenstern dort drüben hinüberspähend, als ob im nächsten Augenblick hinter den Rouleaus ein Lichtschein aufflammen müßte.

Dann wollte sie über die Straße. Sie mußte ja doch über die Straße. In dies Haus drüben, die zwei Treppen hinauf. Sie +mußte+ ja doch ...

Aber es war wie eine Lähmung in ihr. Die Füße wollten sie nicht hinübertragen. Der Mädchenstolz, der Hackentinsche Stolz war mit einem Male wieder da: Helene Hackentin geht in später Abendstunde zu ihrem Geliebten!

Als ob ihr das jemand ins Ohr raunte. Wie häßlich das war, wie gemein das klang!

Dabei wiederholte sie schwer, langsam die Worte. Triumphierend wollte sie es sich selber zurufen: ‚Ja doch! Ja doch! Gerade das: zu ihrem Geliebten!‘ Aber es ging nicht, der häßliche Klang blieb und blieb.

Einmal sah sie sich wirr um. War es denn überhaupt schon so spät? Sie hatte keine Uhr befragt. Die Straße, der Platz waren menschenleer; doch die Häuser waren noch nicht geschlossen; das Opernhaus war noch erleuchtet. Aber das tat ja alles gar nichts, bedeutete ja gar nichts. Und wenn es zur Mitternachtsstunde gewesen wäre --

Ganz menschenleer war die Straße.

Plötzlich hörte sie Stimmen. Und sie sah drüben, dicht an den Häusern entlang, ein Paar gehen. Einen Mann und eine Frau, Arm in Arm --

... Alfred ...

Starr aufgerichtet stand sie, starr, wie versteint. Ihre Augen spähten durch die Dunkelheit. Nun traten die beiden in den kümmerlichen Lichtkreis der nächsten Laterne. Nun klangen noch einmal ihre Stimmen herüber, ein Scherzwort, ein kurzes Auflachen. Jetzt waren sie drüben am Hause, stiegen die paar Stufen zur Tür hinauf. Die Tür knarrte, ging auf, schloß sich wieder hinter den beiden.

Starr aufgerichtet stand Helene, starr, wie versteint. Den Kopf weit vorgestreckt, die Augen auf die Tür gerichtet, hinter der die beiden verschwunden waren: Alfred ... und die Frau! Jetzt hatten sie wohl die zweite Treppe erreicht, jetzt standen sie vor seiner Wohnung, jetzt zog er den Schlüssel aus der Tasche.

Mit einem Male flammte es hinter den Rouleaus auf. In einem dämmrigen Schein, wie wenn jemand ein Schwefelholz entzündet. Ein leuchtender Punkt zuerst, dann das ganze Fenster füllend, daß ein breiter Lichtstreif durch die blaue Stoffgardine auf die Straße hinaus fiel. Und hinter dem blauen Vorhang silhouettenhaft, scharf umrissen, zwei Gestalten --

Noch immer stand Helene starr aufgerichtet, wie zu Stein erstarrt, mit weit vorgestrecktem Kopf, die schmerzenden Augen nach drüben gerichtet, die Hände gegen die keuchende Brust gepreßt. Noch immer konnte sie das Unfaßbare nicht begreifen. Aber es bohrte sich ihr wie mit tausend spitzen Nadeln ins Hirn, es schnürte ihr den Atem ein, es legte sich mit Zentnerlasten auf sie: das Unfaßbare, das Unbegreifbare, das Fürchterliche ... die Erkenntnis!

Dann kam endlich ein einzelner Ton des Jammers aus ihrer Brust, ein einziger Wehlaut nur. Die Starrheit wich. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Und dann rannte sie quer durch die kümmerlichen Büsche des öden Platzes, als ob sie dem Entsetzen entfliehen wollte, das noch mit ihr ging und das sie nie, nie verlassen konnte.

Sie jagte über den Platz, als ob sie gehetzt würde, als ob der Schimpf und die Schande hinter ihr drein wären.

Mit einem Male aber waren ihre Kräfte am Ende. Auf die ungeheure seelische Anspannung folgte jäh der Rückschlag. Sie taumelte, raffte sich noch einmal auf. Stand, sah sich wirr um, tat noch ein paar mühsame Schritte vorwärts --

Da fühlte sie eine sanfte, starke Hand an ihrem Arm. Hörte eine Stimme: „Liebe Helene ... ich bin’s ... ich, Harro! Komm ... erlaube, daß ich dich stütze ... liebe Helene ...“

Klar bewußt wurde ihr all das nicht. Aber in ihrer ohnmächtigen Hilflosigkeit empfand sie die hilfreiche Hand, empfand sie den zärtlichen, mitleidsvollen Ton der Stimme. Sie lehnte sich auf den Arm, ließ sich willenlos halten und stützen. Wie von fern her hörte sie wieder: „Nicht durch die vielen Menschen, Helene, nicht wahr? Die Oper ist eben aus. Drüben bekommen wir gewiß einen Wagen.“

Er führte sie, langsam, sorglich, wie man eine Kranke führt. Hob sie in die Droschke, setzte sich still neben sie, fragte nicht, hielt nur ihre Hand mit einem weichen, gleichmäßigen Druck.

Ganz zusammengesunken saß sie in ihrer Ecke. Manchmal ging ein Schauern über sie hin, sie zuckte zusammen wie in einem schrecklichen Traum, schluchzte weh auf. Manchmal faßte ihre freie Hand nach dem Halse, als suchte sie etwas, das sie einengte, ihr den Odem abschnürte.

Die Droschke trottete und trottete über das Pflaster. Es tat so weh, so weh ...

Einmal fuhr Helene auf, rief wie erwachend, fast feindselig: „Wohin bringst du mich!“

Da war wieder die liebe, zärtliche, mitleidsvolle Stimme: „Ängstige dich nicht, Helene ... nach Hause ...“ Ganz seltsam klang die Stimme, so ruhig, so zuversichtlich. War das wirklich Harros Stimme, war das Harros Hand, die die ihre hielt? Merkwürdig ... Harros Hand ... und tat so wohl ...

Wieder kauerte sie sich zusammen, ganz tief in ihre Ecke. Schreckte von neuem auf: „Wo kommst du denn her?“

„So laß doch, Helene. Ich kam ganz zufällig über den Opernplatz.“

Ob er wohl log? Gewiß log er. Das fühlte sie. Aber weiter konnte sie nicht denken. Nur daß er gut zu ihr war, wußte sie.

Weiter und weiter rasselte der Wagen, immer im gleichmäßigen langsamen Trotteltrab. Jeden Hufschlag empfand sie. Es klang fast wie: ‚Wie soll das nun werden? Wie ... soll ... das ... nun ... werden?‘ Aber auch dem konnte sie nicht nachdenken. Es war alles so verworren, so unklar. Nur ein großer, großer Schmerz war da.

Endlich hielt der Wagen.

„Mama ist nicht zu Hause. Johann auch nicht, nur Luise“, hörte sie wieder. „Ich bring dich hinauf. So ... komm ... gib mir deine Hand.“

Das war also doch Harro. Wie verständig der Harro war! Der Junge!

Und dann lag sie auf dem Sofa oben in ihrem Zimmer. Die Lampe brannte, aber Harro hatte den Schirm vorgezogen, das Licht blendete nicht. Es war schön warm; draußen war es doch eisig kalt gewesen. Und die alte Luise war da, brachte heißen Tee, zog ihr die Stiefel aus, rieb ihr die Füße. Und als sie gegangen, kam Harro noch einmal herein, setzte sich zu ihr, streichelte ihr die Hand.

Was war denn das?

Der große Junge hatte ja dicke Tränen in den Wimpern.

Sie sah ihn an, richtete sich mühsam hoch, sah ihn wieder an, mit erwachenden Augen. Sank zurück, schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte -- schluchzte bitterlich.

Mit einem Male stand nun alles wieder vor ihrer Seele -- durchlebte sie all ihr Unglück noch einmal, rang mit der Verzweiflung, bäumte sich auf, brach völlig zusammen. Nun hörte sie nicht mehr, was Harro ihr zusprach, fühlte nicht mehr den leisen, mitleidsvollen Druck seiner Hand. Fühlte nur eins: es ist aus und zu Ende ... dein Glück liegt in Trümmern und Scherben ...

Eine endlose, endlose Nacht.

Tante Marianne war gekommen, aufs heftigste erschrocken. „Wir hatten noch einen Spaziergang gemacht, Helene und ich“, hatte Harro erklärt. „Da ist sie plötzlich ohnmächtig geworden. Sie war ja schon in den letzten Tagen nicht wohl. Erinnere dich nur, Mama.“

Der Arzt wurde gerufen, Tante brachte Helene zu Bett. Willenlos ließ sie alles mit sich geschehen, sprach nicht, lag mit geschlossenen Augen. Der Medizinalrat machte ein bedenkliches Gesicht -- „Ein Nervenfieber im Anzug“ -- verschrieb ein Rezept, wollte am nächsten Morgen wiederkommen.

Nicht von Helenens Bett wich die Tante. Ein paar Male kam Harro auf den Fußspitzen, öffnete eine Türspalte, schlich wieder zurück. Die Medizin wurde gebracht. „Du mußt einnehmen, liebes Kind!“ Gehorsam richtete sich Helene auf. „Du bist so gut zu mir, liebe Tante --“ sank wieder zurück, lag mit geschlossenen Augen, endlose, endlose Stunden. Manchmal dachte Tante Marianne: es scheint doch, sie schläft. Aber dann sah sie wieder, wie die Hände auf der Bettdecke leise hin und her gingen, immer, als suchten sie nach etwas Verlorenem. Wie bei einer Fiebernden, und doch war der Puls ganz regelmäßig und die Stirn eher kühl als heiß.

Als der Morgen dämmerte, wurden die Hände ruhiger. Manchmal bewegte Helene die Lippen, als wollte sie etwas sagen oder als spräche sie mit sich selber. Tante Marianne sah das alles, sah auch, wie sich zwischen den Brauen ein paar Fältchen eingruben. Wie bei Harro, dachte sie; es muß doch etwas wie eine Familienähnlichkeit sein. Es schien nun wirklich, als schliefe Helene fest. Auch ihre Lippen waren jetzt ruhig, seltsam zusammengepreßt nur, ganz schmal und blutlos.

Durch die tiefen Fensternischen brach das Tageslicht. Ein erster schmaler Sonnenstrahl legte sich quer über die Bettdecke. Tante Marianne wollte aufstehen, den Vorhang zuziehen. Da schlug Helene die Augen auf. Sie haschte nach der Hand der Tante und sagte matt, aber ganz klar: „Daß ich dir soviel Mühe mache, Tante.“ Sie zog die Hand an ihre Lippen. „Ich werde euch allen das nie danken können. Ich bin wohl überhaupt eine recht undankbare Kreatur.“

Tante Marianne war sehr glücklich. Wer so sprach, konnte nicht ernstlich krank sein! In aufwallender Herzlichkeit beugte sie sich über die Nichte, küßte sie: „Du liebes böses Kind! Wir haben uns wirklich geängstigt. Was für Geschichten machst du nur!“

In Helenes Augen lag immer noch etwas Starres. „Ja ... was für Geschichten ...“ sagte sie langsam. Und dann gleich: „Aber ängstigen braucht ihr euch nicht. Es muß wie ein plötzlicher Anfall gewesen sein. Jetzt bin ich ganz wohl. Und du hast die ganze Nacht hier gewacht. Ich schäme mich, Tante ...“

„Aber, Helene! Und ganz wohl: das glaube nur nicht. Da müssen wir erst den Doktor hören.“

Helene saß aufrecht in ihrem Bett. Sie fühlte, daß ihr Haar sich gelöst hatte, griff nach der einen schweren Flechte, die ihr wie ein Goldband über der Brust hing. Ein flüchtiges Rot ging über ihre Wangen, während sie die hochsteckte. „Ganz wohl? Ganz gesund hätte ich sagen sollen“, sprach sie wieder in ihrem schweren fremden Tonfall.

„Aber Kind, das ist doch dasselbe --“

Sie antwortete nicht, ließ sich zurückfallen, schloß die Augen, sah wieder auf. Etwas unsicher und zaghaft. Griff von neuem nach der Hand der Tante, sagte langsam, als ob ihr doch jedes Wort schwer fiel: „Liebe Tante ... ich habe eine sehr große Bitte ... ich möchte so schnell als möglich nach Hause ... nach Rohlbeck ...“

Dabei blieb sie. Immer wiederholte sie es. Der Tante, dem Arzt, auch Wilhelm gegenüber, der gerufen worden war.

Sie schien auch wirklich ganz gesund. Der Medizinalrat machte zwar einige Einwendungen, sprach dann von einem Nervenchock, gab jedoch zu, daß sie durchaus reisefähig wäre. So gab man ihrem Wunsche schließlich nach. Tante Marianne war vielleicht ein wenig pikiert über die Hast, mit der Helene ihre kleinen Vorbereitungen traf; sie schüttelte den Kopf, konnte sich in den plötzlichen Entschluß nicht hineindenken; die offenbare Veränderung im Wesen der Nichte verwirrte, versöhnte sie aber auch einigermaßen. Eine fremde, stille Schweigsamkeit war in Helene, eine fast wortlose, aber innige Dankbarkeit sprach aus ihr.

Wilhelm wollte die Schwester am nächsten Tage wenigstens bis Frankfurt bringen. Am Abend kam er noch einmal, um sich als unabkömmlich zu entschuldigen. Nun sollte Harro für ihn einspringen. Ob er wohl die Klasse auf einen Tag ohne Schaden versäumen könnte? Er wurde rot, dann erklärte er sein „Selbstverständlich“. Tante Marianne ging hinauf, um Helene Mitteilung zu machen. Sie kniete vor ihrem Köfferchen, sah auf wie erschrocken, sagte dann hastig: „Aber ich kann doch wahrhaftig allein reisen!“ Als die Tante ihr zusprach: „zu unserer Beruhigung, Kind! Wenigstens, daß wir wissen, du bist gut in der Post untergekommen --“ senkte sie den Kopf. Es war also abgemacht.

In ganz früher Morgenstunde mußte sie aus dem Hause, denn der Zug ging schon um acht Uhr, und man gebrauchte bis zum Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof fast eine Stunde.

So elend und übernächtigt sah sie aus, als sie herunterkam, daß die Tante erschrak. Aber Helene schien ganz ruhig. Sie sagte jedem einzelnen Dienstboten Lebewohl; dann umarmte sie die Tante, dankte ihr noch einmal.

„Liebes Kind, du kommst ja bald wieder. Nimm’s nicht so feierlich.“

„Wenn ich wirklich wiederkomme --“

„Aber, Helene!“

Sie stand einen Moment mit hängendem Kopf, wie tief in Gedanken versunken, griff dann nach der Hand der Tante, zog sie an die Lippen. Es war wie eine Abbitte. Und sie sagte auch wirklich nach einer kleinen Pause: „Verzeih mir, Tante Marianne. Ich hätte wohl manchmal anders sein können. Behalt mich ein wenig lieb ...“

Schweigsam saßen die beiden Reisenden nebeneinander.

Bisweilen sah Harro verstohlen auf Helene, bisweilen wollte er irgendeine kleine Unterhaltung anfangen. Immer wieder verstummte er. Aber er umgab sie mit schonendster Sorglichkeit.

Einmal, kurz vor Frankfurt, sprach Helene wie aus einer langen Gedankenkette heraus: „Ich muß dich noch um etwas bitten --“

„Gewiß, Helene! Sag’s nur!“

„Bitte, geh zu Frau Harriers-Wippern und entschuldige mich. Sag’, daß ich plötzlich hätte abreisen müssen. Ich würde ihr von Rohlbeck aus schreiben.“

„Ich gehe gleich morgen.“ Und dann sagte er fast dasselbe wie seine Mutter: „Helene, du kommst doch bald wieder!“

Da sah sie ihn an, eigentlich zum erstenmal heute, und sie schüttelte langsam den Kopf.

„Helene --“

Es war, als suchte er nach Worten. Über das junge Gesicht strömte wieder das Rot. Er mußte erst eine Scheu überwinden.

„Helene ... du hast doch deine Kunst!“ kam es dann plötzlich heraus. Es klang fast wie vorwurfsvoll und tröstend zugleich.

Sie hatte die Hände im Schoß geschlossen. Sie drückten sich noch fester ineinander. Ihr Blick wich wieder seinem Auge aus. Und dann sagte sie, auch wie in einer inneren Scheu, ganz leise: „Harro ... mir ist’s, als sei auch die zerbrochen ...“

Erst als sie schon am Wagen stand, in dem schmalen Posthof, unmittelbar vor dem Einsteigen, sprach sie noch einmal zu ihm. Ganz kurz nur: „Du bist gestern sehr gut zu mir gewesen, Harro. Ich danke dir vielmals. Und wenn du kannst, Harro ... denke nicht schlecht von mir.“

Er schluckte ein paar Male, als ob er mit Tränen kämpfte. Dabei hatte er die Hände wieder in den Manteltaschen, zu Fäusten geballt. Ruckweise nur erwiderte er: „Schlecht von dir! Ach ... Helene ... nie ... niemals. Ich ... du weißt es ... ich hab dich ja so lieb. Manchmal denk ich, du müßtest eigentlich meine Schwester sein ... manchmal ...“ Plötzlich riß er die Hände aus den Taschen und griff nach ihrer Hand. Das Blut kam und ging in seinem Gesicht. „Nimm’s dir doch nicht so zu Herzen, Helene! Das ist ja alles dummes Zeug ... das ...“

Der Postillion blies. Der Kondukteur drängte. Über Harro schien etwas wie innere Wut zu kommen, er mußte sich irgendwie Luft machen. Mit einem Ellbogenstoß schob er einen dicken Wollhändler zur Seite, schrie ihn an: „Was machen Sie sich hier mausig. Sehen Sie nicht, daß die Dame einsteigen will!“ -- Dann hob er Helene in den Wagen, deckte ihr die Reisedecke über die Knie, drückte noch einmal ihre Hände. „Adieu, Helene ... auf Wiedersehen ...“ Da war seine Stimme schon wieder knabenhaft weich geworden. „Bleib gesund ...“

Und dann stand er, die Mütze in der Hand, neben dem hohen Wagen. Der Wind spielte mit seinem blonden Haar. „Adieu ... liebe, liebe Helene ...“

Trotz allem: Helene fühlte sich erleichtert, als sie allein war unter fremden Menschen.

In den endlosen Stunden der Nacht, während sie gelegen hatte, wach mit geschlossenen Augen, mit der Verzweiflung ringend, war, langsam und allmählich, ein neues Gefühl in ihr erwacht. Während der ganzen Fahrt heute war es gewachsen und gewachsen. Nun sie allein war unter den fremden Passagieren, sann und sann sie ihm nach. Es war ein Empfinden, das ihr unsagbare Schmerzen brachte und an das sie sich doch klammerte wie der Ertrinkende an die schmalste Bootsplanke. Es war der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?!

Gestern abend -- deutlich stand der Moment vor ihrer Seele -- gestern abend, am Palais, war einer Warnung gleich in letzter Minute der Weckruf in ihr erklungen: was Vater wohl sagen würde? ‚Mädel, wo hast du deinen Stolz?‘

Gestern abend hatte die Leidenschaft sie darüber hinweggepeitscht. Nun klang er immer wieder auf, der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?

Es war ja freilich nur wie eine schmale Bootsplanke --

Wie sie so saß und sann und grübelte, rann es ihr immer wieder siedend heiß durch die Adern. ‚Und wenn er heut käme und umfaßte dich und du hörtest seine Stimme: wo bliebe dein Stolz? Wie Schnee in der Sonne wäre er.‘ Aber wenn sie so dachte, dann bäumte sich jetzt ihr ganzes Inneres dagegen auf. Die Scham überflutete sie: ‚Nein! Nein! Und wenn er käme! Eine andere war ich gestern -- eine andere bin ich heute! Ein Leben liegt zwischen gestern und heut.‘

Auch das fragte sie sich immer wieder: warum fliehst du vor ihm?

Plötzlich in der Nacht, aus der Verzweiflung geboren, war ihr der Entschluß gekommen, und sie hatte nach ihm gegriffen: auch wie der Ertrinkende nach der schmalen Bootsplanke. Nun war ihr Stolz wach geworden und schrie ihr zu: warum fliehst du vor ihm! Aber da war auch die Scheu vor dem Kampf und die übergroße Müdigkeit. Da war die Furcht vor den forschenden Blicken -- auch vor Harros wissenden Augen. Da war die Sehnsucht nach Ruhe, nach der Enge und Stille des Landes, nach dem Frieden des Elternhauses.

In ewig gleichem Trabe zog die Post ihres Weges, zwischen den ewig gleichen Pappelreihen entlang, durch die ewig gleichen Schneeflächen, die sich rechts und links breiteten, schier endlos.

Gleichgültig saßen die drei anderen Fahrgäste in ihren Ecken. Fremde Leute -- gottlob. Dann und wann blies der Postillion ein kurzes Lied, immer, wenn der Wagen durch ein Dorf ratterte. Ein paar Stimmen dann am Wege, ein Hundegekläff, ein Peitschenknall -- und wieder die weite, weite Schneeebene.

Als sie hinausgefahren war aus der Heimat, hatten die Wiesen noch im Grün gestanden. Nun war es Winter geworden. Winter --

Die Gegend wurde bekannter; hier ging der Weg nach Sodelzig ab; dann klangen die Hufschläge scharf auf dem berühmten Pflaster von Stellberg. An der Apotheke fuhr die Post vorbei -- hinter jenem Fenster dort hatte sie ihn zum ersten Male gesprochen.

Die drei Hügel kamen, die Mutter Hoffnung, Liebe, Glaube getauft hatte: vom ersten aus sollte man hoffend die Kirchturmspitze von Rohlbeck suchen; beim zweiten sich in der Liebe beglückt fühlen, die in der Heimat wartete; das dritte brachte die nahe Gewißheit des Wiedersehens. Glaube war für Mutter Gewißheit.

Aber je näher die Heimat kam, desto banger wurde Helene.

Warum war sie aus Berlin geflohen? Trug sie die Unruhe nicht in sich, mit sich, in den Frieden der Heimat hinein? Mußte sie nicht auch hier fragenden, forschenden Augen begegnen? Würde man nicht auch im Elternhause um Auskunft drängen?

Sie sah das nun alles ganz, ganz anders vor sich, als in der vergangenen Nacht, wo die schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat sie ergriffen hatte. Sie hörte das Fragen, sie fühlte das Forschen der Ihren und wußte, daß keine Antwort sie befriedigen würde. Wem konnte, sollte sie sagen: ich bin geflohen -- vor ihm!

Eine: eine war vielleicht im Elternhause, die sie ganz verstehen konnte. Vielleicht?

Nun schimmerte schon der rote, hohe Schornstein der Dampfmühle über das Schneefeld. Und wie sie das sah, da fiel ihr noch ein rein Äußerliches auf die Seele. Sie sah im Geiste auch das ganz deutlich: die Jungen an der Chaussee, die Posttasche abzuholen, den Hauslehrer dabei --

Mit einem plötzlichen Entschluß sprang sie auf und pochte vorn an die kleine Wagenscheibe. Der Kondukteur sah sich um, öffnete, fragte. Sie wolle hier aussteigen. Jawohl -- hier! Und das Gepäck? Das Gepäck sollte in Rohlbeck abgegeben werden, bei denen, die die Posttasche für das Dominium holten.

Die Chaise hielt. Der dicke Wollhändler wachte auf und machte brummend Platz, so wenig, als zum Aussteigen gerade unumgänglich nötig war. Der Kondukteur war abgestiegen, stand am Schlag: „Es ist aber tiefer Schnee --“

Aus ihrem kleinen Portemonnaie holte Helene das letzte Zehngroschenstück für ihn hervor.

Und dann bog sie in den Feldweg ein, der von der Dampfmühle nach dem Gutshof führte.

Es war wirklich tiefer Schnee und kein Fußweg ausgetreten. Anfangs hastete Helene, dann wurde ihr das Ausschreiten schwer und immer schwerer. Sie fühlte, daß ihr der Schweiß ausbrach vor körperlicher Anstrengung, und dabei schüttelte sie der Frost.

Schwerer und schwerer wurde der Weg -- und schwerer und schwerer wurde ihr das Herz.

Welch ein Wiedersehen!

Nun war sie am Kreuzweg, dicht hinter dem Garten. Wie ein phantastischer Gedankenblitz fuhr ihr durch den Sinn: vor diesem Kreuzweg hatte sie sich als Kind immer gefürchtet; die alte Beate, die Kindermuhme, erzählte so gruselige Geschichten vom Kreuzweg zur Nachtzeit.

Und jetzt kannte sie den anderen Kreuzweg; den Kreuzweg des Lebens, der in die Nacht führte ...

Das Dach des Elternhauses leuchtete über die kahlen Baumgipfel.

Da flog Helene, die letzten Kräfte anspannend, durch den Garten. Zum Seiteneingang hin, zu den Wirtschaftsräumen im Souterrain. Auch die Bettler pochten hier an -- auch die Bettler.

Hochaufatmend stand sie unten im kalten, halbdunklen Flur. Die Tür zur Leuteküche war nicht ganz geschlossen, ein dichter, heißer Brodem kroch aus ihr hervor.

Hochaufatmend stand sie, vom schnellen Lauf erschöpft. Die Hände preßte sie gegen die Brust: ‚Lieber Gott, gib mir eine gnädige Aufnahme --‘

Mit einem Male ging ganz hinten im Flur die Tür zur Milchkammer.

Helene stürzte vorwärts, umklammerte die Schwägerin, legte den Kopf an ihre Brust, bat nur immer wieder: „Martha ... Martha ... hilf mir!“

Und Martha half in ihrer stillen, schlichten, resoluten Weise. Ohne viel Worte, ohne Fragen und Drängen, ohne forschende Augen.

„Wie sich das gut trifft“, sagte sie. „Dein Zimmer ist geheizt. Wir erwarteten nämlich Margaret Zieldorf. Komme nur --“ Und wie eine, die alles errät, fügte sie hinzu: „Den Eltern bring ich’s nachher bei, damit sie nicht erschrecken.“ Fragte auch gleich nach dem Gepäck, rief eine Magd. „Gut, daß die Jungens Arbeitsstunde haben.“ An alles dachte sie.

Oben brachte sie Helene zu Bett. „Nun ruh dich nur. Ich besorg dir gleich etwas Warmes. Still! Erst ruhen und eine warme Tasse Brühe.“ Zog die Decke fest um Helene, beugte sich herab, küßte sie auf beide Wangen.