Auf märkischer Erde

Part 14

Chapter 143,685 wordsPublic domain

Mit weit offenen Augen lag Helene. Nun erst fühlte sie die Abspannung nach der Fahrt, nach dem Gang durch den Schnee und die kalte Starrheit aller Glieder. Manchmal schüttelte der Körper zusammen vor Frost. Aber langsam, allmählich kam doch die wohlige Wärme. Der große, braune Kachelofen sprühte, ab und an gab’s ein heimliches Knastern in den Buchenscheiten. Dann kam Martha zurück, setzte sich aufs Bett: „Natürlich hatte die Köchin keine Brühe, aber ich hab dir schnell ein Warmbier gemacht. Hier -- so -- und nun trinkst du. Still! Nicht reden. Morgen ist auch noch ein Tag.“

„... die Eltern ...“

„Ja doch, laß mich nur sorgen. Vorläufig bist du mal krank. Nein ... ich will gar nichts wissen. Trink noch einmal. Übrigens, Vater liegt auch zu Bett.“

„Vater?“

„Du brauchst nicht zu erschrecken, er ist kerngesund. Aber er sollte doch nach Berlin reisen, zum Jubiläum der Befreiungsveteranen, und das paßt ihm nicht.“

Martha lachte ganz leise, streichelte Helenes Hand und erzählte weiter, wie man einem Kind erzählt, um es auf andere Gedanken zu bringen. „Nämlich, wie Papa die große Einladungskarte bekommt, stutzt er und sagt bloß: ‚Das heißt‘ ... wird ganz rot, steckt die Einladung ein und geht aus dem Zimmer. Den ganzen Tag gestern haben wir ihn kaum zu Gesicht bekommen, und gegen Abend wurde er ‚krank‘ -- ‚das heißt‘, meinte er ‚nach Berlin kann ich nun nicht‘. Wir hatten wirklich etwas Sorge. Aber dann kam der Pastor, und da erfuhren wir’s: unser guter Papa ist nämlich gar nicht Rittmeister. Premierleutnant ist er, und die Einladung war an den Premierleutnant von Hackentin gerichtet, wie das wohl in den Listen steht. Die Leute haben ihn nur zum Rittmeister ernannt, und allmählich hat er’s selber geglaubt. Nun nimmt er’s gewaltig krumm, liegt im Bett, schimpft mit Diana und sagt, wenn einer von uns hereinkommt, immer wieder: ‚Das heißt, nach Berlin kriegt ihr mich nicht. Ich bin krank.‘ Aber das Essen schmeckt ihm, Gott sei Dank.“

„Der arme Papa --“

„Laß nur gut sein. Es ist doch mehr komisch als tragisch. Aber nun will ich mal nach meinen Rangen sehen.“

Sie war schon bis an die Tür, da rief Helene sie zurück. Mit leiser, ängstlicher Stimme. Wie ein Flehen klang’s. Und als sie noch einmal an das Bett trat, richtete Helene sich auf und klammerte sich fest an ihr: „Geh nicht fort ... ich muß mein Herz erleichtern ... ich muß dir alles erzählen ...“

Und so sagte sie’s.

Martha saß bei ihr, hatte ihre beiden Hände genommen, unterbrach nicht, fragte nicht. Und als Helene zu Ende kam, hastend bald, bald stockend, unter heißen Tränen, da küßte sie ihr die von den Wangen. Hielt die Bebende sanft umschlungen und sagte leise: „Es ist kein Menschenherz, dem nicht Kampf beschieden wurde. Auch du wirst darüber hinfortkommen, liebe Lene. Es ist gut, daß du nun heimgekehrt bist.“

„Ich war so leichtgläubig! Ich war so leichtsinnig!“

„Du hast an ihn geglaubt, denn du hast ihn geliebt. Schilt dich nicht, Helene. Deine Liebe entsühnt dich ... Und nun gebe dir der liebe Gott Ruhe für dein armes Herz. Hier im Elternhause!“

Als Helene am nächsten Morgen erwachte, staunte sie: wie hatte sie nur so fest und gut schlafen können!

Wie eine Fremde sah sie sich im Zimmer um. Das war also das enge Zimmerchen, aus dem sie hinausgeflüchtet war, vor drei Monaten erst, in das sie nun wieder zurückflüchtete.

Der große Kachelofen bullerte bereits; ganz leise mußte die Trine in der Frühe geheizt haben. Durch die blaugestärkten steifen Gardinen brach die Morgensonne. Drüben stand der schmale, hohe Kleiderschrank aus Birkenholz, hüben der kleine Waschtisch mit gehäkelten Spitzen und am Fenster ihr winziger, birkener Mädchenschreibtisch mit den geschweiften Füßen. Alles wie ehedem. Gerade, als ob das Zimmerchen nur auf sie gewartet hätte.

Dann glitt ihr Blick die Wand entlang. Und da fiel er drüben auf eine eingerahmte Perlenstickerei. Richtig -- das war ja die Arbeit der verstorbenen Tante Melanie. Merkwürdig, in all den Jahren, in denen sie das Zimmer als ihr kleines, eigenstes Heiligtum betrachtet, hatte sie diese kunstvolle Perlenstickerei eigentlich gar nicht beachtet. Sie wußte nicht einmal mehr, wie der Spruch lautete, der da in bunten Perlen auf weißem Seidengrund stand. Nie hatte sie ihn bewußt gelesen.

Nun las sie:

„Im Lieben wohnt Betrüben Und kann nie anders seyn.“

Und sie wandte sich ab. Die Tränen stiegen ihr in die Augen. --

Es war Sonntag.

Die Kirchenglocke läutete zum ersten Male, als Helene die Treppe hinunterstieg.

Unten am Frühstückstisch saßen nur Martha und Mutter. Gerade mußten sie miteinander gesprochen haben: von ihr. „Lene,“ sagte Mutter und hatte ein Tränchen, „da haben wir dich also wieder. Komm, laß schauen, wie du aussiehst.“ Küßte sie und fuhr fort: „Schmalbäckig bist du geworden, aber ich seh schon, es ist nichts Ernstes. Wir wollen dich schon wieder herausfuttern.“

Dann ging Helene zu Vater hinüber. Der lag wirklich auch heut im Bett, hatte einen Teller mit Reinetten vor sich, schälte sich gerade einen Apfel. „Lene, Kind, ei, sieh mal! Martha hat mir schon erzählt. Ja -- das heißt, eigentlich siehst du gar nicht so elend aus. Ganz gewiß hat die Oschitzen nicht gut für dich gesorgt. Ruhig, Diana ... willst du wohl die Lene in Frieden lassen. Ja, das heißt, ich bin selber krank. Wollte ja auch nach eurem großmächtigen Berlin, ja, das heißt, wollte, aber da hat mir der Hexenschuß ’nen Strich in die Rechnung gemacht.“

Merkwürdig, merkwürdig: die Welt stürzte gar nicht ein darüber, daß Helene Hackentin ins Elternhaus zurückgeflüchtet war. Merkwürdig, merkwürdig: sie lasen ihr nicht vom Gesicht ab, was sie erlebt und erlitten hatte und immer noch litt.

Die Jungens umtollten sie wie früher; der Hauslehrer machte seine verliebten Rollaugen wie früher. Und als es zum zweiten Male läutete, stand Mutter auf der Veranda in ihrem schwarzen Kirchenkleide, mit der schwarzen Seidenhaube auf dem Kopf, das goldgeränderte Gesangbuch in der Hand: „Jetzt müssen wir gehen, Lene. Ich bin nur neugierig, was der Heckstein wieder mal für einen alten Bock schlachten wird.“

Zwischen Mutter und Martha saß sie dann im Herrschaftsgestühl.

Oben vor der Orgel stand der alte Flehr.

Der hatte das gnädige Fräulein gleich gesehen, und während er die Register zog, dachte er bewegt: ‚Wie sie nun wohl singen wird, unser Fräulein Helene, nun sie auf der hohen Schule war. Das wird wie eine ~vox angelica~ klingen.‘

Aber als die erste Strophe aufklang, lauschte und lauschte er vergebens: die große, helle Stimme fehlte im Chor. Und als er sich verstohlen umwandte, sah er, wie Helene starr vor sich hinblickte -- mit festverschlossenen Lippen.

Achtes Kapitel

Wieder lag der Schnee über der Rohlbecker Flur, und die Buchenscheite knatterten in den Kachelöfen. Der alte Rittmeister -- das war er geblieben, wenn er auch in den Listen der Veteranen nur als Premierleutnant figurierte -- der Rittmeister war trotz der schlechten Ernte des letzten Jahres in gehobener Stimmung. Donnerten doch endlich einmal wieder die preußischen Kanonen: gerade vor acht Tagen hatten die Preußen und Österreicher die Dänen aus Schleswig-Holstein herausgeworfen, so daß die nur noch in Düppel und auf Alsen saßen. Man denke: Preußen und Österreicher! Fast wie Anno 1813/14 war das, und wenn der Rittmeister auch manchmal über die Strategie der Bundesgenossen von damals bedenklich den Kopf geschüttelt hatte, auf die österreichische Tapferkeit ließ er nichts kommen. Sogar die alte Gnädige nahm Interesse an den Vorgängen „da oben“. Recht genau verstand sie die Zusammenhänge nicht, aber wenn Vater aus der „Kreuzzeitung“ vorlas, dann klangen auch einzelne Reminiszenzen aus vergangenen Tagen in die Gegenwart hinüber: einen Rittmeister von Gablentz hatte sie im Jahre achtzehnhundertfünfunddreißig, oder war’s sechsunddreißig, oder war’s siebenunddreißig, in Karlsbad kennengelernt, sicher denselben, der „da oben“ nun als Feldmarschalleutnant kommandierte; und dann der alte Wrangel: der hatte ihr ja schon, als sie ein blutjunges Komteßchen war, in die Backe gekniffen -- damals, als er gerade Stabsrittmeister bei den ostpreußischen Kürassieren geworden war.

Wenn der Herr von Hackentin am runden Tisch in der großen Stube, auf dem immer noch keine Petroleumlampe leuchten durfte, aus der ersten Seite der „Kreuzzeitung“ die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz vorlas, dann flammten seine Augen auf und zu den beiden Enkeln hinüber: „Ja, Jungens, die Preußen und die Österreicher! Die Alliierten von dreizehn! Schade, daß ihr nicht dabei seid! Das heißt -- hm! -- es hat ja auch so seine zwei Seiten mit dem Krieg. Aber ’n Lump, der nicht kommt, wenn der König ruft!“ Sobald er jedoch auf die zweite Seite der Zeitung kam, wurde er verdrießlich. „Der Deubel sollte sie holen, diese Demokraten! Das heißt: ich will nicht fluchen. Aber da haben sie im Abgeordnetenhause rundweg die Kriegsanleihe abgelehnt. Natürlich bloß aus Opposition! Und der große Schulze-Delitzsch erklärt feierlichst: ‚Preußen mißbraucht seine Großmachtstellung.‘ Na, natürlich unser roter Kreisrichter wird wohl auch in dasselbe Horn blasen.“ Nur er durfte im Hause noch den Namen des zweiten Sohnes nennen und tat’s stets mit größter Erbitterung: „roter Kreisrichter“ war noch eine sanfte Bezeichnung. Und dann bekam, zum Schluß, immer der Hauslehrer seine Pille: „Na, Herr Doktor, ich hab immer noch nichts von Ihrem Beitritt zu unserem guten Preußischen Volksverein gehört! Sind wohl auch heimlicher Nationalvereinler? Ja, und denken auch so: preußischer Großmachtskitzel. Wie? Das heißt ... natürlich ... haben ja noch kein Pulver gerochen!“

Martha und Helene saßen dazwischen und zupften Scharpie. Kleinen Hügeln gleich bauten sich vor ihnen die weißen losen Fäden auf, und wöchentlich einmal nahm die Botenfrau den Packen mit nach Stellberg, wo in der Apotheke eine Sammelstelle errichtet war. Sobald Vater aber seine Zeitung zusammengefaltet und das Beiblatt mit den Familienanzeigen an Mutter abgegeben hatte, damit die „ihren Honig daraus sauge“, fing er an, Kriegsgeschichten zu erzählen. Dann schoben die Jungens ihre Schmöker beiseite und lauschten. So schön wie Großvater erzählte, so schön stand’s doch nicht in den Büchern.

Manchmal aber, wenn die Posttasche entleert wurde, schob Vater auch Helene einen Brief zu. Neuerdings immer mit einem gewissen Respekt, denn die Briefe trugen den Feldpoststempel „von da oben“.

Bekam Helene solch einen Brief, so tauschte sie mit der Schwägerin einen Blick des Einverständnisses und ging hinauf in ihr Zimmer, um den Brief in der Einsamkeit zu lesen. Vater murrte dann manchmal: „Natürlich wieder vom Harro. Als ob sie die Epistel von dem Jungen nicht auch hier lesen könnte. Das heißt, Junge darf man eigentlich nicht mehr sagen, seit er’s Portepee hat ... der Oschitz.“ Gegen Neujahr war Harro beim vierten Garde-Regiment als Junker eingetreten.

Wenn Helene vor einem der frischen fröhlichen Feldzugsbriefe saß, aus dem so viel junger Mut und so viel Freude am Drauflosgehen sprach, dann dachte sie jedesmal an den ersten Brief zurück, den sie von ihm erhalten hatte. Ein Brief war’s eigentlich nicht gewesen, sondern nur ein doppelter Aufschrei: „Das hier für Dich. Es wurde abgegeben und ich hab’s ergattert, damit’s nicht in unrechte Hände kommt. Schicken mußt ich’s Dir ja wohl. Ach, liebe Helene, ich bin so traurig. Ich habe solche Sehnsucht nach Dir!“

„Das hier“ war ein eingelegter Brief von Alfred Schwarz.

Sie hielt das verschlossene Kuvert lange in der bebenden Hand. Dann ging sie, schwer und langsam, bis zum Ofen und warf den Brief in die Flammen.

Nicht lange darauf war Tante Marie aus Rackow heruntergekommen, unerwartet und unangesagt, zur Kaffeestunde. Hatte unten ein wenig paradiert in ihrem fußfreien perlgrauen Popelinekleide mit der braunroten Tunika darüber und dem Pelzbesatz um den Hals: „Denkt euch, ja, man darf’s endlich wieder zeigen, wenn man ein hübsches Füßchen hat, und die Krinoline wird kleiner und immer kleiner --“; hatte diese kleinen Füßchen in den Lackstiefeln und, unerhört, ein Stückchen eines rotgezwickelten Strumpfes sehen lassen, sowie ihren neuen „Pagenhut“; hatte lachend erzählt, daß Ernst endlich einen guten Käufer für das Vorwerk Grunow gefunden hätte, und hatte dann Helene unter den Arm gefaßt: „Mignonne, Liebes, jetzt komm’ ich auf einen Stipps mit dir hinauf.“

Oben setzte sie sich vor den kleinen Schreibtisch, wippte hin und her, lächelte ein wenig verlegen, ein wenig verschmitzt, sprang wieder auf, küßte in der alten Herzlichkeit Lene auf beide Wangen und fragte dann plötzlich: „Nun, Mignonne, was hast du eigentlich mit unserem Freunde Schwarz gehabt?“

Vom Augenblick an, da der Rackower Schlitten einfuhr, hatte Helene geahnt, was da kommen würde; sie wußte ja, daß die Rackowschen in Berlin gewesen waren.

Nun stand sie doch vor der Tante, wie mit Blut übergossen. Aber auch innerlich gefaßt genug, um antworten zu können: „Sei nicht böse, Tante Marie. Ich muß das mit mir allein abmachen.“

„Ja, doch! Ich bin ja gar nicht so neugierig, Kind. Nur -- der Arme ist so unglücklich. Du hast sein Herz gebrochen, du grausame kleine Person.“

Da lachte Helene auf: „Sein Herz!“

Es klang sehr bitter, und auf Helenes Gesicht lag wohl ein so schmerzlicher Ernst, daß Marie Hackentin verstummte.

Erst nach einer Weile sagte sie mitleidig: „~Pauvre enfant!~ Ja ... die Männer. Ich ahne ...“

Aber gleich war wieder ein Lächeln in dem kleinen, liebenswürdigen, häßlichen Gamingesicht. „Ah, ihr jungen Mädchen von heute, wie nehmt ihr doch alles gleich tragisch. Eine Episode, Mignonne, eine Episode! Was hätte es denn anders sein können? Heiraten konntet ihr euch doch nicht. Eine Hackentin und unser guter Freund Schwarz!“

„Euer guter Freund, Tante Marie --“

„Nun ja. Aber doch nicht mehr.“

Helene schwieg. Was sollte sie antworten?!

Tante Marie hatte sich wieder gesetzt, wippte auf dem Stühlchen, besah sich durch das Lorgnon die Wände. Und Helene stand vor ihr und sah mit brennenden Augen zum Fenster hinaus auf das schneebedeckte Scheunendach.

„Willst du nicht einmal zu uns kommen? Auf ein paar Tage? Dir wird eine Abwechslung gut tun. In nächster Woche haben wir einige Gäste. Auch der nette Neuchateller, weißt du: Merivaux, wird dabei sein.“

„Ich danke dir sehr. Aber -- jetzt -- noch nicht.“

Das Lorgnon sank herab, und Tante Marie fragte, nun wieder ganz mitleidsvoll: „Tat es denn so sehr weh, Mignonne?“

„Es tat wohl weh. Aber ich komme schon darüber hinweg.“

„Ja, man kommt wohl schließlich darüber hinweg ...“, sagte Tante Marie, ganz anders als sie sonst sprach, langsam und schwer. „Wer von uns hätte nicht ähnliches durchgemacht.“ Und dann war sie gegangen.

‚... ja ... man kommt wohl darüber hinweg.‘

Das dachte Helene jetzt noch, nach Jahresfrist, immer aufs neue. Und immer aufs neue ergänzte sie: ‚im Frieden des Elternhauses ... Dank meiner lieben, lieben Martha!‘

Man kommt darüber hinweg. Die Wunde schließt sich. Aber die Narbe bleibt, und von Zeit zu Zeit brechen aus ihr die Schmerzen doch wieder hervor. Nicht mehr brennend und heiß, aber mit leisem, mahnendem Zucken. Gestalten steigen dann auf, und Träume kommen.

Wie hatte doch Martha damals gesagt: „Arbeit, Helene -- Arbeit!“

Es war wirklich wie ein Allheilmittel. Keine schwanke Bootsplanke, an die sich der Ertrinkende in seiner Not anklammert, sondern ein sicherer Port. Immer wieder fühlte Helene das, wenn die Erinnerung heraufschleichen wollte mit all ihrer Süße, mit der verborgenen Sehnsucht, mit dem bitteren Leid.

Und gottlob, es gab zu tun im Hause, in der Wirtschaft. Dafür sorgte Martha, die ja selber nie ruhte noch rastete.

Die Eltern merkten es kaum, wie die Tochter nun mit angriff. Mutter lebte ihr halbes Traumleben, und Vater hatte höchstens einmal ein flüchtiges Wort: „Ei, sieh mal, Lenchen! Das heißt, wirklich, das freut mich!“ Aber an jedem Abend, wenn Helene todmüde lag, empfand sie den befreienden Segen der Arbeit, der Geist und Körper zur Ruhe zwang und die Träume scheuchte. Und manchmal dachte sie ganz verwundert: ‚was hab ich doch früher ein Drohnenleben geführt! Darum erschien mir auch alles so eng und klein, was mir nun eine Welt für sich geworden ist.‘

Aber das eine Allheilmittel, das ihr Martha gegeben, tat es doch nicht allein. Es gab ein stilles Sichverstehen mit der Schwägerin, ein wortloses gegenseitiges Mitleidsempfinden, das ihnen beiden wohl tat und sie immer näher zueinander brachte. Beide trugen sie Bürden. Oft fragte Helene sich, trägt Martha nicht die schwerere? Und wie trägt sie ihre Last und ihren Kummer! Und dann dachte sie an den Bruder, der immer die heiße Liebe zu den Seinen, zu Weib und Kind, zur Heimatsscholle auf den Lippen trug, der ein Tränchen hatte bei jedem Wiedersehen und bei jedem Abschiednehmen, um ein anderer zu sein, sobald eine Wegstrecke von ein paar Stunden zwischen ihm lag und Rohlbeck. „Wilhelm hat mich bei Ewest noch zum Abschied eingeladen am Abend, ehe wir nach Hamburg fuhren“, hatte Harro geschrieben. „Die Champagnerpropfen flogen, es war höchst fidel.“ Die Champagnerpropfen flogen -- und daheim sparte Martha Pfennig zum Pfennig. Der Mann vergaß, sobald ihn die Großstadtluft wieder umwehte; die Frau trug ihre Last und ihre Sehnsucht schweigend und klaglos weiter und sagte sich selber, was sie Helene gesagt hatte: „Arbeit! Arbeit!“

Etwas Wunderbares war es um die Arbeit. Und doch empfand Helene, je weiter die Zeit ins Land ging, eine klaffende Lücke.

Manchmal, wenn sie bei irgendeiner hausfraulichen Tätigkeit neben Martha saß, sprang es jäh in ihr auf: ‚bei aller innigen Liebe, bei allem Verstehen -- wir sind doch ganz verschieden!‘ Manchmal, in stillen Stunden, wenn sie allein war, überrann sie, schmerzlich fast, das Gefühl: ‚Ich trag’s nicht so wie sie. Ich müßte mich wehren! Wehren!‘

Das waren dieselben Stunden, in denen, allmählich, aber stärker und immer stärker, der andere Schmerz in ihr wach wurde: und nun hast du auch deine Kunst zu Grabe getragen ...

In den ersten Wochen nach ihrer Heimkehr war es ihr unmöglich gewesen, zu singen; wurde sie gebeten, so wich sie aus. Unmöglich: denn jeder Ton verwundete ihre Seele.

Dann kamen wohl Tage, an denen sie sich zwang, zwingen konnte, wenn Vater abends bat, wie einst: „Nun Lene, wie ist’s? Das heißt ... wenn du dich disponiert fühlst.“ Sie sang dann eins oder das andere ihrer alten Liedchen. Aber sie war jedesmal mit sich selber unzufrieden, fühlte einen fremden Klang aus ihrem Gesang heraus, etwas Erzwungenes. Und bisweilen meinte Vater selber: „Ich weiß nicht -- ich weiß nicht. Hast du wirklich in Berlin Fortschritte gemacht?“ Einmal nahm sie auch der alte Heckstein ins Gebet: „Hör’ mal, Jungfer Lene, warum singst du nie in der Kirche mit? Man ist doch neugierig, und unser guter Flehr -- gut ist er nämlich, obwohl der Rittmeister in ihm den Demokraten wittert -- unser guter Flehr ist einfach unglücklich.“ Da hatte sie, ohne ihn anzusehen, erwidert: „Ich kann nicht, Onkel Pastor.“ -- „Ich kann nicht! Weißt du, Lene, das ist so die bequeme Ausrede von allen denen, die nicht wollen. Hast du deine Stimme verloren? Nein -- sonst würdest du’s sagen. Also willst du nicht. Kind, in meiner Art liegt’s nicht, mich um ungelegte Eier zu kümmern. Gelegte sind besser. Ich dränge mich auch in niemandes Vertrauen. Aber das kann ich dir sagen: ein bissel Zwang, den der Mensch sich selber auferlegt, ist etwas sehr Gutes. Der brave Zschokke, von dem freilich unsere Heutigen nicht viel wissen wollen, hat mal in seinen Stunden der Andacht gesagt: ‚Der Mensch vermag unglaublich viel über sich, wenn er ernst will.‘ Das solltest du dir auch hinter deine allerliebsten Öhrchen schreiben.“

‚... wenn er ernst will ...‘

Nein, sie wollte nicht. Noch nicht. Sie ging dem Schmerz aus dem Wege, der jedesmal neu brannte, wenn sie sich zwang.

Aber allmählich erwachte doch der Wille, erwachte und erstarkte. Der innere Drang weckte ihn, die große Lücke in ihrem Leben auszufüllen, die bloße körperliche Arbeit nicht schließen konnte; und dann kam die stolze Sehnsucht: geh nicht ganz unter in der Alltäglichkeit. Du brauchst nicht unterzugehen, denn deine Kunst kann dich über sie erheben.

In der Schreibmappe, oben auf dem kleinen Tischchen am Fenster, lag noch der Brief von Frau Harriers-Wippern.

„Wie bedauere ich, daß Sie den Unterricht aufgeben. Gerade Sie, liebes Fräulein, die zu so Großem prädestiniert schienen. Wie ist das nur möglich?“ Und daneben lag der Brouillon der Antwort, zwanzig Male neu begonnen, immer wieder verworfen: „Zwingende äußerliche Ursachen ... leider unüberwindliche Hindernisse.“ Mein Gott, mein Gott, wie armselig -- und wie unwahr!

Wochen und Monate waren vergangen, ehe Wille und Kraft stark genug waren, das neue Ringen aufzunehmen. Ganz langsam waren sie erstarkt, aber plötzlich wurden sie zur Tat. Am ersten Pfingstfeiertage war’s gewesen, daß der alte Flehr verwundert vor seiner Orgel auflauschte: da war sie ja, die ~vox angelica~, süß und schön und stark, die sich in seinen geliebten Chor mischte, ihn trug und über ihm sieghaft emporstieg:

„Schmückt das Fest mit Maien, Lasset Blumen streuen, Zündet Opfer an: Denn der Geist der Gnaden Hat sich eingeladen, Macht ihm die Bahn, Nehmt ihn ein, so wird sein Schein Euch mit Licht und Heil erfüllen Und den Kummer stillen --“

„Ich singe wieder, Harro!“ hatte sie damals geschrieben. „Denk Dir doch, lieber Harro, ich kann wieder singen. Auch das war in mir erstorben und ist nun, zu Pfingsten, auferstanden. Leicht macht’s mich und froh, Du wirst das schon verstehen. Sie sind alle, alle zu mir in der schweren Zeit so rührend gut gewesen. Am rührendsten Martha, Wilhelms Frau, die Du leider noch nicht kennst. Sie hat mich gestützt, mich getragen, mir geholfen in meinen Nöten. Aber schließlich kann jeder Mensch sich ganz nur selber helfen. Siehst Du, Harro, nun weiß ich endlich, wodurch ich mir helfen kann. Meine Kunst ist’s, die mich wieder frei machen wird. Es ist freilich anders wie früher. Ich denke nicht mehr an äußere Erfolge, nicht an den Konzertsaal und den Beifall, von dem ich einst träumte. Für mich und für die, die mich liebhaben, will ich singen, meine Gabe pflegen und weiterbilden. Ich bin so froh, Harro. Ich wollte, Du wärst hier, und ich könnte Dir das zeigen, wie froh ich bin. Hinausgehen würde ich mit Dir aufs Feld, wir beide allein, und mit den Lerchen möcht ich dann um die Wette singen.“

Am zweiten Pfingstfeiertag, nach dem Schluß des Gottesdienstes, lernte Helene Herrn von Holfen kennen, den Käufer des Rackower Vorwerks.

Sie hatte ihn schon in der Kirche bemerkt und sich flüchtig gefragt, wer der junge fremde Mann drüben auf der anderen Empore wäre; ein Forsteleve vielleicht, hatte sie gedacht, und sich nicht weiter in ihrer Aufmerksamkeit stören lassen.

Nun stand er vor der Kirchentür, stellte sich Vater vor, bat, ihn mit den Damen bekannt zu machen, und entschuldigte sich zugleich, daß er in Rohlbeck noch nicht seinen Besuch abgestattet; die Übernahme und die erste Einrichtung hätten ihn völlig in Anspruch genommen. Er sagte das alles sehr ruhig, durchaus weltmännisch, bescheiden und doch sicher.

Der alte Rittmeister, kein Freund besonderer Förmlichkeiten, forderte ihn freundnachbarlich auf, „mit hinüber zukommen zu einem einfachen Frühstück und einem Willkommensglase“. Holfen warf einen fragenden Blick auf die alte Gnädige, und da diese die Aufforderung wiederholte, nahm er an.