Part 24
Der Conte war in Berlin, Graf Grucker. Kam auch zu Wilhelms oder eigentlich zu der jungen Frau, die immer sein Liebling gewesen war. In Johanniteruniform, gestiefelt und gespornt, feldzugsgemäß, aber mit einem Riesenstrauß in der Rechten und einer massigen silbernen Bowle unter dem linken Arm. „Meine Hochachtung, Leneken. Da, nimm mal erst. Und nu’n Schmatz. Hast du brav gemacht. Na, wer war nur der Prophete? Wer hat dir gesagt: Leneken, der Neuchateller! Besinn dich man: zwischen der Schnapstheke und Madame Hufnagel. Da ... die Blumen vor’s Herz un den Kübel für’n Hausstand. Der Artenau, der Stickereimajor, die Dusche, kann euch die Rezepte dazu geben.“
Schwer ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Sind das Zeiten! Was, Wilhelm? Da ist der Manteuffel in Holstein eingerückt, und der Gablentz hat mit seinen Österreichern das Feld geräumt. Na, schön ... aber weißt du’s Neueste? Österreich hat gestern die Bundesexekution gegen Preußen beantragt. Scheußliche Geschichte! Wenn man so denkt, der janze deutsche Bund gegen Preußen! Bruderkrieg! Bruderkrieg!“
Weit streckte er die Riesenstiefel von sich: „Und, Wilhelm, unsre Alliance mit den italienischen Revolutionären von Mazzinis Gnaden ... brrr ... ’s geht einem doch höllisch ~contre cœur~. Da hat man nu fünfzig Jahre und so die Fahne hochgehalten gegen den Umsturz ... ja ... und nu soll man sich mit ’n Male umkrempeln. Immer hat man’s mit Österreich gehalten, auch wenn se uns mal schlecht behandelt haben -- das haben se manchmal -- und nu heißt’s: linksum kehrt! Wenn das der alte Rittmeister erlebt hätte!“
Mit einem Male stand er wieder auf den Beinen, straff, zog den Uniformrock herunter. „Der König hat’s befohlen. Wird wohl nicht anders gegangen sein. Und gut ist’s schon, daß die Schwadronneure ’mal ’s Maul halten müssen. Ich sage euch, draußen in der Mark gilt wieder der alte Preußenruf: Mit Gott, für König und Vaterland! Na, Leneken, Mädel ... pardon! ... junge Frau, was machst du denn für’n ernstes Gesicht?“
„Ach -- Onkel Grucker --“
„Paperlapapp! Warst doch immer ’n tapferes Frauenzimmerchen. Jede Kugel, die trifft ja nicht. Un was so’n richtiges märkisches Mädel ist, das beißt die Zähne zusammen, wenn der Herzallerliebste in’n Krieg muß. Pflicht -- einfach Pflicht! Ich muß ja auch auf’n Kriegsschauplatz. Na wart ’mal, wenn ich deinem Mann begegne, werd’ ich ’n grüßen. Weißt du, was ich ’m sage: ~Monsieur de Merivaux.~ Sie sein ein janz verfluchtigter Schwerenöter. Aber Sie haben einen janz exzellenten Geschmack! Hol mich dieser und jener -- meine Hochachtung!“ -- --
Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!
‚Was geht mich die Politik an? Was geht mich die Zeitung an?‘ hatte Helene sonst gedacht. Nun harrte und wartete sie, mit den Jungens, die ganz rabiat geworden waren, um die Wette auf die alte verhuzelte Zeitungsfrau, kämpfte mit Hans und Thede jedesmal einen kleinen Kampf um das erste Blatt.
Die Preußen in Hannover. Die Preußen in Dresden. Der alte deutsche Bund nach Preußens Erklärung aufgelöst. Und dann der herrliche Aufruf des Königs „An mein Volk“ -- ganz wie Vater so oft von Anno dreizehn erzählt hatte -- mit den verheißungsvollen Schlußworten: „Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der Tat nach zusammenhielt, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern!“
Spärlich kamen die Nachrichten von Gaston. Er hatte es vorausgesagt: „Ich werde so oft schreiben, wie ich kann. Aber sorge dich nicht, wenn einmal die Briefe ausbleiben.“
Spärlich kamen die Briefe, und sie waren kurz. Aber immer wieder stand es in ihnen: „Meine geliebte Frau!“
Als sie das zum ersten Male las, war ihr das Blut jäh in die Wangen gestiegen. Und jedesmal, wenn wieder ein Brief kam, flüchtete sie in irgendeine stille Ecke der Wohnung, daß niemand sie beobachten konnte. Und jedesmal sann und sann sie, lange, über dem Brief -- und über sich selber.
Zum Altar war sie geschritten mit mühsam errungener Selbstbeherrschung; aufrecht gehalten durch den Gedanken an seine große, geduldige, nachsichtige Liebe, und doch mit quälendem Vorwurf im Herzen.
Nun war das alles ganz anders --
Der Sturmesrausch, den sie einst erträumt, der freilich war nicht gekommen. Nicht das Gefühl höchster Seligkeit, nicht die Wonne und Glut der Leidenschaft. Aber eine sanfte dankbare Zärtlichkeit füllte ihr Herz.
Hans und Thede hatten eine große Karte des Kriegsschauplatzes mitgebracht. Da verfolgten sie zu dritt nach den Zeitungsnachrichten und auch nach Gastons Briefen die Stellung der Truppen, so gut es eben ging, und nicht zuletzt suchten die Jungens nach jedem Quartier der Gardeschützen.
Sein letzter Brief kam aus Haindorf, dicht an der böhmischen Grenze: „Heut ritt der Kronprinz an uns vorüber. Die Schützen jubelten ihm zu. Übermorgen geht’s, hoffen wir, nach Österreich hinein. Sorge Dich nicht, meine geliebte Frau. Gott wird mich schützen. ~Vive le roi!~“
Mit der Morgenpost war der Brief gekommen. Gegen Mittag stürzte Wilhelm die Treppe hinauf. Er hatte die Wache aufziehen lassen, war in Paradeuniform. Kaum im Zimmer, riß er die Schärpe herunter: „Martha, wir haben eine große Schlacht verloren!“ Die hellen Tränen liefen ihm über die Wangen. „Man weiß noch nichts Näheres. Aber es ist Tatsache. Eine große Schlacht! Die arme Armee! Der arme König!“
Er war in völliger Verzweiflung, aufgelöst, fast besinnungslos. Rannte im Zimmer auf und ab. „Eine große Schlacht verloren! Wie wird das nun werden! Wenn das Vater erlebt hätte.“ Vergeblich suchte Martha ihn zu beruhigen. „Gut, daß die Jungens noch nicht größer sind. Daß sie noch nicht ganz verstehen können, was wir verspielt haben.“
Auf Helene achteten sie nicht.
Sie stand an der Wand, mußte sich fest anlehnen, hatte die Hände vor die Brust gepreßt, und alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
Sie dachte nicht an die verlorene Schlacht, sie hörte nicht mehr, was der Bruder in seiner maßlosen Erregung sagte. Nur an Gaston dachte sie. Und plötzlich kam aus Angst und Sorge die Sehnsucht über sie.
Sie sah ihn vor sich in Not und Gefahr. Sie meinte ihn stürzen zu sehen, von Blut überströmt -- die Feinde brachen über ihn herein, er lag unter Rossehufen --
Da schrie sie jäh auf: „Gaston!“ -- --
Es war ein böser Abend, der Abend des 28. Juni. Wilhelm ging noch einmal in die Stadt, um Nachrichten einzuholen. Aber niemand wußte etwas Bestimmtes. Nur unklare Gerüchte schwirrten. Vergeblich umlagerte die Masse die Zeitungsredaktionen. Im Kriegsministerium zuckte man die Achseln. Ein höherer Offizier, den Wilhelm traf, lachte ihn aus: „Unsinn! Wir haben die besten Nachrichten. Der Kronprinz hat die böhmischen Pässe schon überschritten.“ Ein anderer sprach von einem unentschiedenen Gefecht gegen die hannöversche Armee, die sich nach dem Süden durchschlagen wollte.
Als er endlich heimkam, war Helene ruhiger geworden. Aber ihre Augen schienen von seinen Lippen ablesen zu wollen, was er für Nachricht brächte. Er hatte sich nun schon selber bezwungen, ärgerte sich über sein hitziges Temperament, das ihn immer alles pechschwarz oder rosenrot sehen ließ, versuchte zu scherzen. Aber da bat sie, mit erhobenen Händen: „Bitte -- bitte -- nein!“
* * *
Am nächsten Vormittag lachte die Siegessonne über Berlin. Die Glocken läuteten. Die Jungens kamen glückstrahlend heim: die Schule war geschlossen worden auf die Siegeskunde von allen Seiten: von Nachod und Soor und Alt-Rognitz und Königinhof. Genug des Triumphes, um die übertriebenen Gerüchte von gestern, die die Schläge von Trautenau und Langensalza zu schweren Niederlagen gestempelt, vergessen zu machen.
Die Siegessonne lachte über Berlin.
Helene stand am Fenster und sah, wie auf allen Häusern die schwarzweißen Fahnen aufstiegen. Drüben am Rotherschen Stift vor der Anschlagsäule drängte sich das Volk um die Depeschen. An der Brücke stand ein langer Tisch, ein paar Bürger dahinter, mit großen schwarzweißen Kokarden an den Zylinderhüten und Sammelbüchsen in den Händen: „Für unsere tapferen Krieger.“
Die Siegessonne leuchtete über Berlin. Wie Jauchzen und Jubeln klang es von fern her. Und dann und wann, wenn wieder ein Packen Extrablätter unter die Masse vor der Litfaßsäule flog, brach dort ein brausendes Hurrarufen aus.
Die Siegessonne lachte über ganz Preußen. Auch über die Hunderttausende, die sich um Vater, Mann oder Kind härmten.
An Vater dachte Helene, an den alten Rittmeister, und was der ihr wohl gesagt hätte: ‚... das heißt, mein Lenchen, in solchen Stunden kann die Frau erst zeigen, was sie wert ist. Fünf Brüder gingen wir Anno dreizehn ins Feld, zwei kamen wir nur zurück. Aber meine Mutter hat nicht gejammert und geflennt. Wenn sie von den Brüdern sprach, hat sie immer nur gesagt: Sie starben für König und Vaterland den Heldentod.‘ -- --
Unruhige Zeiten! Glückliche Zeiten!
Wieder klangen die Glocken. Die hannöversche Armee war zur Kapitulation gezwungen, und während der König auf den Kriegsschauplatz eilte, brach Prinz Friedrich Karl den heldenmütigen Widerstand der Österreicher und Sachsen bei Gitschin.
Wieder jubelte Berlin. Und wieder harrten und härmten sich Hunderttausende um Väter, Gatten, Brüder, Söhne.
Eine kurze Zeile nur hatte Helene erhalten, mit Bleistift beim Biwakfeuer geschrieben: „Bin gesund und denke Dein in Liebe und Sehnsucht. Gaston.“ In unaussprechlichem Dankgefühl schlossen sich ihre Hände um das kleine Blatt. -- -- --
„Der Gouverneur soll Viktoria schießen.“
Die Schlacht bei Königgrätz war geschlagen. Das tapfere österreichische Heer im vollen Rückzug.
Und fast zugleich trafen die ersten Verlustlisten ein. Vereinzelte Zeitungsnachrichten zuerst, vereinzelte Anzeigen der Regimenter, und dann, dann die große Liste, Truppenteil an Truppenteil, Name an Name gereiht. Lang, endlos lang war sie und trug die Trauer über das jubelnde Land.
Auf den Bahnhöfen kamen die ersten Verwundeten an. In die hellen Sommerkleider auf den Straßen mischte sich das Schwarz. Neben die siegesfrohen Gesichter traten die tränendurchfurchten.
Wieder wie achtzehnhundertvierundsechzig ging Martha an den Leinenschrank, saß und zupfte Scharpie, Fädchen auf Fädchen. Und Helene saß dabei, die Linnenstreifen in der untätigen Hand, zwang sich, geduldig zu scheinen und ruhig, und bebte doch in harrender Erregung. Dann brachten die Jungens Zeitungsblätter, und sie durchflog Spalte um Spalte mit fiebrigen Augen. Wilhelm kam von vergeblichen Erkundigungsgängen heim, war selber beunruhigt; auch um Fritz, der bei den Fünfunddreißigern mitgekämpft hatte. Schlecht und ungeschickt verbarg er die eigene Sorge.
Es konnte ja nur ein gutes Anzeichen sein, daß keine Nachricht da war. Ja, doch! Ja, doch! Es konnte --
Man muß Geduld haben. Es geht Zehntausenden nicht anders als uns. Ja, doch! Ja, doch! Aber sie härmen sich auch wie wir --
„Du mußt bedenken, liebe Helene, wie schlecht die Verbindungen in solchen Tagen sind.“ -- „Ja, doch -- ja, doch --“
Dann schellte es draußen im Flur. Der Briefträger --
Und wieder, wieder brachte er keine Nachricht. Drucksachen, Umschläge mit gleichgültigen Geschäftsadressen -- keinen Feldpostbrief!
Der dritte, der vierte Tag, nachdem die Geschütze mit donnerndem Salut den großen Sieg gekündet -- und keine Nachricht!
‚Ich will eine tapfere Soldatenfrau sein!‘ rief Helene sich immer wieder zu. Aber dann versagte plötzlich die Kraft, der Kopf sank vornüber, sie schluchzte auf.
Martha legte den Leinwandstreifen zur Seite, beugte sich zärtlich über sie, strich sanft über das rostbraune Haar: „Mein Schwesterchen! Morgen! Morgen gewiß! Nur Gottvertrauen und Mut! ... Siehst du, wie lieb du deinen Gaston hast!“
Mit todtraurigen Augen schaute Helene auf: „Vielleicht liegt er hilflos irgendwo ... in einer elenden Hütte ... und ich kann nicht bei ihm sein ... kann ihm nichts sein! Die erbarmungslose Untätigkeit! Martha, ich ertrag’s nicht!“
Und Martha nahm ihre Hände, sprach ihr gut zu, fühlte, wie vergeblich Worte waren, und dachte doch immer: ‚wie lieb sie ihn nun hat ... wie lieb sie ihn nun hat ...‘
Am Abend saß Omama an ihrem Traumfenster, sah auf den mondüberströmten Rotherschen Garten hinaus und sprach sich mit ihrer zittrigen Stimme ein Lied von Anno dreizehn vor, wie sie nun eins nach dem andern in diesen Tagen in ihr aufstiegen: „... wie glühen dann die Herzen -- so froh und stark und weich! Wer fällt, der kann’s verschmerzen -- Der hat das Himmelreich!“
Plötzlich kniete Helene neben ihr, umklammerte ihre Knie, bat: „Hör auf, Mutter, hör’ auf!“
Die Greisin schüttelte verwundert den Kopf. „Aber Kind ... es ist doch ein sehr schönes, gutes Gedicht ... ‚Der hat das Himmelreich!‘“
„Ach, Mutter --“ und Helene warf den Kopf in Omamas Schoß. „Ich kann’s nicht hören!“
Endlos die bangen Nächte.
Helene lag und rang die Hände: „Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“ Übersann, wieder und wieder, jede Stunde des Zusammenseins mit ihm: wie gut, wie geduldig er immer gewesen, wie er nimmer ermüdend um ihre Liebe geworben. Sie sah seine traurigen Augen, sah seine Augen im Glück, fühlte seine Lippen auf ihrem Munde.
„Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“
An jene Nacht vor der Hochzeit dachte sie zurück, an ihre Kämpfe, an ihre Verzweiflung. Und nun stand das alles vor ihr, als ob sie schlecht gewesen wäre. Undankbar gegen ihn und ungerecht! Gefallsüchtig heut -- kalt und herzlos morgen! Gespielt hatte sie mit ihm! Nicht Vertrauen mit Vertrauen vergolten!
„Allmächtiger Gott, erbarm dich, laß ihn mir! Daß ich gut machen kann!“ -- -- --
Wieder kam der Tag.
Da stürmte plötzlich Hans herauf, jubelte, schwenkte einen Brief in der Hand: „Tante Helene! Tante Helene!“
Das Herz wollte ihr stillstehen. Ein einziger Laut rang sich von ihren Lippen.
Und sie riß den Brief an sich, barg ihn zwischen den Händen, küßte ihn unter heißen Glückstränen.
Der große Junge stand daneben, wischte sich die Augen, wartete eine lange Weile, wehrte sich gegen die eigene Rührung, ließ dann die Tränen kullern, wie sie wollten, räusperte sich. Bis er endlich doch bat: „So lies doch, Tante Helene.“
Da sah sie ihn an mit feuchten Augen, schlang den Arm um ihn, küßte ihn zärtlich --
... und dann las sie.
Wie ein Kind fast, zusammengekauert, saß sie auf dem Sessel, hielt den einen Briefbogen zwischen den Händen, die noch immer bebten, hatte den zweiten auf dem Schoß. Las mit fliegender Hast und überlas dann jede Seite gleich noch einmal. Das Blut kam und ging in dem schönen Gesicht.
Einmal gleich im Anfang sagte sie, hochaufatmend, aber ohne aufzusehen, sehr eilig: „Gesund, Hans --“ Las wieder ein paar der eng mit Bleistift beschriebenen Seiten weiter, blätterte zurück: „Am 3. abends -- Herr Gott, wie langsam der Brief ging!“ Sah auf einen kurzen Moment auf, nickte Hans mit glückstrahlenden Augen zu, nahm den zweiten Bogen auf.
„Das muß ich dir aber doch vorlesen, Hans --“
„... wir wollten -- so gegen vier Uhr -- die jenseits Leipa eroberte Batterie verlassen, da kam der König mit seiner Suite angeritten, Bismarck und Moltke waren auch dabei. Alles brach in lauten Jubel aus, unsere Schützen waren gar nicht mehr zu halten. Wir stürzten auf den König los, wer zunächst war, faßte seine Hand und küßte sie. Stell Dir das vor, ~ma chérie~, noch mitten im Kanonendonner, unter Hurrarufen, das gar nicht enden wollte. Seine Majestät sahen sehr ernst aus, aber so mild, so gütig. Und denk’ Dir, plötzlich erkannte er mich. Er winkte mir zu und grüßte: „~Bonjour~, Merivaux.“ Da hab ich in den Kanonendonner hinein, recht aus voller Brust, gejubelt: „~Vive le roi! Vive le roi!~“ Wie ich’s als Kind von meinem Vater gelernt hatte. Da lächelte der König ...“
Weiter las sie, blätterte zurück, las wieder.
Las dann noch einmal halblaut: „Jetzt liegen wir im ~bivouac~. Ich schreib dies schon in der Dämmerung. Gerade klang die Retraite über das Schlachtfeld und der Choral ‚Nun danket alle Gott‘. Wir alle haben mitgesungen.“
Und dann verstummte sie. Das brauchte der Junge doch nicht zu hören, all die Zärtlichkeit, die Liebesworte der letzten Zeilen, all die Sehnsucht, die ihr entgegenklang -- -- --
Aber sie sprang auf, lief durch die ganze Wohnung. Nun sollten es alle wissen. Von einem lief sie zum andern, küßte Omama, umhalste Martha. Immer wie ein jubelndes Kind und immer mit Glückstränen in den Wimpern.
Am Nachmittag ließ sich Frau Harriers-Wippern melden.
Mit ausgebreiteten Armen kam sie auf Helene zu: „Ich brauch’ ja nicht zu fragen! Das Glück steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben, Frau von Merivaux. Aber gratulieren will ich -- recht von Herzen! Sie haben sicher die besten Nachrichten.“ Und sie küßte Helene auf beide Wangen.
Dann wurde sie rot: „Übrigens muß ich gestehen, ich komme eigentlich nicht nur, um zu gratulieren. Ich komme mit einer Bitte ... Was Sie immer für sonderbare Augen machen können, Frau von Merivaux! Ganz andere Augen als andere Menschen. Ja, also, um mit der Tür ins Haus zu fallen: Sie sollen mit mir in einem Konzert singen.“
Helene erschrak. Aber Frau Harriers ließ sie gar nicht zu Worte kommen: „In einem Konzert zum Besten unserer Tapfern, unserer Verwundeten! Da können Sie doch gar nicht nein sagen! ... Aber da stehen in Ihren Augen schon wieder alle möglichen Fragen -- immer kann man’s in Ihren Augen lesen, was Sie denken. Warum ich gerade zu Ihnen komme? Erstens weil ich so ziemlich die einzige Sängerin von einigem Renommee bin, die in Berlin geblieben ist, die sogenannten ersten Kräfte also mangeln. Hauptsächlich aber -- werden Sie nur ganz nach Belieben rot! -- weil ich Sie wenigstens einmal herausbringen möchte. Also aus reiner elender Lehrerinneneitelkeit.“ Sie lachte fröhlich. „Nun?“
„Es ist ... es kommt so plötzlich ...“
„Das Gute kommt meist plötzlich. Übrigens hab ich alles vorbedacht. Wir haben acht Tage Zeit. Ihre Hand, liebe Helene, was zögern Sie? Nicht wahr, Sie wollen?“
Da sagte Helene rasch: „Ja, ich will!“
Nachher gereute es sie ein wenig. Hatte sie nicht zu schnell zugesagt? Ob es Gaston auch recht sein würde? Es war ja für die Verwundeten! Ob sie’s auch gut machen würde?
Aber all die Bedenken gingen unter in dem großen Glücksempfinden, das sie heut erfüllte.
Das Konzert -- nun dachte sie kaum noch an das Konzert und an ihre Zusage. Sie saß und schrieb einen langen Brief an Gaston. Ganz anders, als sie bisher an ihn geschrieben. Ohne die Worte zu überlegen, ohne zu wägen. Nur wissen sollte er, wie selig sie war, wissen, wie sie sich nach ihm sehnte, wissen -- wissen, daß sie ihn liebte!
Selbst trug sie den Brief zur Post. ‚Nein! Ich trag ihn lieber zum Anhalter Bahnhof -- dann kommt er schneller in Gastons Hände.‘ Und sie ging zum ersten Male seit Tagen durch die Straßen, die noch im Siegesschmuck lagen. Immer hatte sie ja zu Haus gesessen -- gewartet -- gewartet --
Alles sah sie erst jetzt. Die Fahnen und die Girlanden. An der altersgrauen Stadtmauer ging sie entlang und mußte lachen. Da hatten die Berliner Rangen winzig kleine Löcher durch die zermürbten Steine gestoßen, und darum stand: „Hier zieht Benedeck in Berlin ein!!!“ Stand in Kreideschrift im Halbkreis herum mit drei Ausrufungszeichen dahinter.
Plötzlich fiel ihr ein: ‚Tante Oschitz! Jetzt gehst du noch zu Tante Marianne. Die muß doch Nachricht haben.‘ Aller Welt hätte sie zujubeln mögen, wie glücklich sie war.
Und sie ging weiter, über den Potsdamer Platz, durch die Bellevuestraße, am Tiergartensaum entlang. Dachte: da drüben am Goldfischteich hat Gaston zum erstenmal von unserem Hochzeitstag gesprochen. Lachte in sich hinein, wie hilflos sie damals gewesen. Lief wie ein Kind durch den Vorgarten der Stillen Insel, fiel Tante Marianne um den Hals: „Ich hab einen Brief. Mein Gaston ist gesund!“ War glücklich, daß die Greisin sich mit ihr freute. Weinte wie Kinder weinen, als Tante Marianne sie vor das große Bild Harros führte, das sie von Professor Richter hatte malen lassen. „Ach, Harro -- unser guter lieber Harro!“ Und hatte, als sie die Stille Insel verlassen, doch nur wieder das eine Glücksgefühl im Herzen und nur den einen Gedanken an Gaston.
* * *
Das Konzert fand in der Singakademie statt. Frau Harriers-Wippern hatte nachträglich noch zwei, trotz der Ferien zufällig in Berlin anwesende Mitglieder des Königlichen Opernhauses gewonnen, den Bassisten Salomon und Fräulein Horina. Für Helene waren drei Nummern reserviert.
Ein wenig befangen war Helene doch.
Als am Morgen die Jungens jubelten: „Tante Helene steht an den Litfaßsäulen! Tante Helene steht in der ‚Kreuzzeitung‘!“ war sie rot wie ein Schulmädchen geworden. Und als sie mit Martha zur Singakademie fuhr, hatte sie eine unheimliche Empfindung im Kehlkopf: ‚Du wirst ja keinen Ton herausbringen können.‘ Auch der Zuspruch von Frau Harriers half nicht viel. Einmal lugte sie in den überfüllten Zuschauerraum: sie sah nur eine Masse Menschen die wie ins Dunkle getaucht schien.
Schon klang die Ouvertüre zu „Struensee“ auf.
Im Konversationszimmer stand der Baumeister Harriers neben Helene, hatte eine halbe Flasche Champagner in der Hand und sagte gutmütig lächelnd: „Ich kenn’ das von meiner Frau. Die hat heut noch manchmal Lampenfieber. Dann hilft nur ein Glas Champagner.“ Sie wehrte wortlos ab -- und dann stürzte sie doch ein Glas herunter.
Draußen sang gerade Fräulein Horina ...
Dann hieß es: „Die vierte Nummer! Frau von Merivaux -- bitte!“
Helene stand auf dem Podium. Im hellen Licht.
Sie mußte überraschend schön wirken in ihrem Brautkleid, zu dem sie ein paar mattblaue Schleifen genommen hatte und einen Kranz von weißen Rosen in das rostbraune Haar. Vielleicht hatte es sich herumgesprochen, daß die neue Erscheinung, die Schülerin der gefeierten Frau Harriers, die jungvermählte Gattin eines Offiziers sei, der im Felde stand. Vielleicht war’s auch nur Neugier. Es ging ein leises Rauschen durch den Zuschauerraum.
Einen Moment stand sie noch in Verwirrung. Verneigte sich tief.
Nun klangen die ersten Akkorde --
Da war ihre Befangenheit plötzlich verschwunden, mit einem Male. Sie setzte ein.
Das Uhlandsche Lied sang sie, nach der Komposition von Franz Schubert:
„Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht --“
Es war merkwürdig, sie staunte selbst. Noch nie vielleicht war sie so gut disponiert gewesen wie im diesen Augenblicken. Sie fühlte, wie sie ihr Organ meisterte, wie es sich ihrem Willen fügte gleich einem gehorsamen Instrument. Fühlte, wie sie von Atemzug zu Atemzug freier wurde, wie ihre Stimme sich immer weiter entfaltete --
„Es blüht das tiefste, tiefste Tal, Nun armes Herz vergiß der Qual, Nun muß sich alles, alles wenden.“
Rauschender Beifall tönte herauf, als sie geendet. Und plötzlich, während sie sich verneigte, kam wieder die große Verwirrung über sie. Keine Angst, aber etwas Beschämung.
Noch immer wollte der Beifall nicht aufhören. Noch einmal mußte sie sich verneigen.
Aber als sie sich nun wieder aufrichtete und sich zurückziehen wollte, unterschied sie zum ersten Male in der vordersten Reihe ein paar bekannte Gesichter. Omama neben Wilhelm -- Martha --
Aber wer war denn das? Zwischen Mutter und der Schwägerin?
Kantor Flehr saß da mit den gefalteten Händen im Schoß, die blauen Augen leuchteten aus dem lederfarbenen Gesicht wie in Entzückung zu ihr hinüber --
Das war sicher Marthas Werk! Keine größere Freude hätte sie ihr an diesem Abend bereiten können! Und sie neigte sich zum drittenmal und nickte ihm zu, nur ihm unter all den Hunderten.
„Das haben Sie brav gemacht, Helene“, meinte dann Frau Harriers. „Brav ist eigentlich zu wenig. Es soll auch nur den Zoll für Ihre Tapferkeit ausdrücken. Wenn ich so an mein erstes Debüt zurückdenke -- wie eine Heldin haben Sie sich benommen! Aber sagen Sie, wer ist denn der alte wunderliche Mann neben Ihrer Frau Schwägerin, der Sie angestaunt hat wie ein Wunder --“
„Mein erster Lehrer --“