Auf märkischer Erde

Part 25

Chapter 251,852 wordsPublic domain

„Der alte Kantor, von dem Sie mir so oft erzählt haben? Den muß ich kennen lernen. Den bringen Sie mir morgen, und ich will ihm ganz allein alles aus seinem geliebten Mozart vorsingen, was er nur hören mag.“

Es war eine seltsam frohe Stimmung über Helene gekommen, seit sie den Alten gesehen und erkannt hatte. Wie ein lieber Grußbringer aus der märkischen Heimat erschien er ihr. Sie dachte zurück an ihre ersten Versuche bei ihm, dachte dankbar zurück an die entscheidende Stunde, in der er, der Schüchterne, so tapfer vor Vater um ihre Kunst gestritten hatte.

Und dann flogen ihre Gedanken wieder weit weg, nach dem Kriegsschauplatz, zu Gaston. Daß der heut hier fehlte! Wenn er unten gesessen hätte, sie gehört und den Beifall! Sie gehört und gesehen in dem weißen Kleide, das sie nun zum zweiten Male trug, mit so ganz, ganz anderen Empfindungen im Herzen, als damals -- als damals --

„Frau von Merivaux!“

Sie sang das Lied der Prascovia aus Meyerbeers „Feldlager“. Wieder tönte der Beifall. Und ein großes Blumenarrangement stand plötzlich vor ihr auf dem Podium, ein mächtiger Korb mit Rosen, den die Kameraden von der Ersatzkompagnie der Gardeschützen geschickt hatten. Nun sah sie auch die wohlbekannten Uniformen unter den Zuschauern, und wieder dachte sie an den fernen Geliebten.

Noch einmal mußte sie auf das Podium.

Frau Harriers hatte darauf bestanden, daß sie das Mignonlied singen sollte. Sie hatte sich ein wenig gesträubt.

Jetzt, während sie das Lied sang, kam ihr die beseligende Empfindung: ‚Du singst es ja für Gaston‘ --

„Dahin! Dahin! Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen. Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg ...“

Ihr war’s, als zöge sie mit ihm in sein Heimatland. Und ihre Stimme gewann, ihr ganz unbewußt, noch einen besonderen Klang, einen schwermutsvollen süßen Zauber.

Sie mußte das Lied wiederholen --

„Kennst du des Land, wo die Zitronen blühn, Im dunklen Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl! Dahin! Dahin! Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen!“

Dann stand draußen, während im Saal die Eroica-Sinfonie aufklang, die kleine Künstlerschar und umringte Helene. Frau Harriers schloß sie in die Arme: „Ich habe eben Taubert gesprochen. Er ist ganz hingerissen. Liebe Helene -- vergessen Sie die Kunst nicht in Ihrem Glück.“

Fast dasselbe aber sagte nachher in seiner schüchternen, schlichten und doch ein wenig überschwenglichen Art der alte Kantor. Er faßte beide Hände Helenens, hielt sie andächtig in den seinen: „Daß ich das erlebe! Liebe, liebe gnädige Frau ... Wenn Sie so recht glücklich sind, dann denken Sie immer daran, daß Ihre Kunst das schönste Glück erhöhen und krönen kann ...“

* * *

Eine Woche noch, und es tauchten Gerüchte auf, daß im Hauptquartier des Königs, in Nikolsburg, über den Frieden verhandelt würde.

Gerade an dem Tage, an dem Helene die erste Zeitungsnotiz darüber las, schrieb Gaston aus Holleschin: „Auf dem Marsch gegen Wien.“ Es war die Antwort auf Helenes Brief. Er rechnete noch fest auf die Fortsetzung des Feldzuges, aber er schrieb kaum von Gefahren und Strapazen: immer wieder nur schrieb er von der Seligkeit, die Helenes Brief in ihm erweckt: „Das ist mein schönster Siegespreis!“

Friede!

Helene hatte bis zur letzten Minute nicht fest an ihn zu glauben gewagt. Sie hatte ihn erhofft, jede Nachricht mit zitternder Spannung verfolgt und doch immer wieder gezagt. Nun jauchzte ihr Herz.

Manchmal in diesen Tagen kam sie sich als recht schlechte Patriotin vor --

Bruder Fritz war bei Königgrätz leicht verwundet und als Rekonvaleszent zurückgekehrt, mußte noch liegen, hatte sich bei Wilhelms einquartiert, um seine völlige Herstellung abzuwarten. Denn dem groben Doktor Tiburtius in Stellberg traute er keine besonderen chirurgischen Künste zu.

Die Brüder saßen viel zusammen. Wilhelm war ein wenig stolz auf den verwundeten Bruder, klagte, daß er selbst beim Ersatz geblieben war, tat sich etwas darauf zugute, Fritz bei sich zu pflegen und zu hegen; ihm das Beste vorzusetzen, was der Keller hergab, und für seine Unterhaltung zu sorgen. Bis zur Stunde, wo Wilhelm aus dem Dienst kam, las Fritz sämtliche Berliner Zeitungen und war dann vollgesogen wie ein Schwamm. Sein sonnengebräuntes Gesicht lachte, wenn er Wilhelm und möglichst die ganze Familie an seinem Schmerzenslager versammelt sah.

Da hörte denn auch Helene, was Großes geschehen, welch Größeres in Aussicht stand für Preußen, für das deutsche Vaterland.

Fritz war noch immer der Mann der Politik. Aber der ‚rote Kreisrichter‘ war er nicht mehr. „Wir haben uns geirrt. Die besten von uns gestehen es offen ein. Wir haben vor allem Bismarck unrecht getan -- und dem König. Wir haben uns geirrt -- im ehrlichen Glauben. Aber nun heißt’s für uns, auch ehrlich die dargebotene Hand zu ergreifen. Der Konflikt muß begraben sein. Gottlob!“

Und er sprach weiter vom neuen Norddeutschen Bunde, und wie der nur die Vorstufe sei zu einem einigen Deutschland. Er sprach wehmütig vom Ausscheiden Österreichs aus dem Kreise der deutschen Staaten und von Bismarcks politischer Weisheit, die dem Donaustaat allzu schwere Opfer erspare; wohl in der Hoffnung, daß es dereinst auch mit ihm zu einer Versöhnung kommen möge. „Denn wir sind und bleiben deutsche Brüder!“ Und er sprach stolz von Preußens Machtzuwachs, daß nun die beiden Hälften der Monarchie verbunden seien, das Preußen mit Schleswig-Holstein den besten deutschen Kriegshafen gewonnen habe.

Helene hörte das alles: Sie freute sich auch darüber. Zumal, wenn es immer wieder hieß: „Wenn doch unser guter Vater das erlebt hätte!“

Aber sie schämte sich auch. Nein, eine gute Patriotin war sie nicht! Ihr Herz war so voll von dem einen, daß sich für alles andere nur wenig Raum fand. Beim besten Willen: der Norddeutsche Bund und die deutsche Einheit, die ließen sie im letzten Grunde gleichgültig. Sie hörte das alles, und sie dachte doch nur an Gaston.

Dann legte wohl Martha den Arm um den Nacken der jungen Frau und küßte sie wortlos auf die Stirn. Oder die alte Omama kam auf ihren Krückstock gestützt vom Fensterplatz herüber, schüttelte den Kopf, daß die schwarzen Schläfenlocken pendelten, und meinte: „Unsre Lene war eben immer ein kurioses Menschenkind ... ja ... aber ihr müßt wissen ... ~C’est l’amour! C’est l’amour!~ Ja, der Flehr ... übrigens etwas deplaciert kam ich mir doch neben ihm vor, neulich im Konzert ... ja, der Kantor hat auch gesagt: gelernt hätt’ die Lene wohl unglaublich viel, aber das allein tät’s doch nicht.“ Ganz leise kicherte sie noch einmal vor sich hin: „~C’est l’amour! C’est l’amour.~“ Und Helene wurde rot wie ein junges Mädchen. -- -- --

Wilhelm schmiedete schon neue Geschäftspläne. Er wollte mit einem Konsortium die Waffen der früheren hannöverschen und hessischen Truppen kaufen. „Ich stehe in Unterhandlung mit chilenischen und argentinischen Emissären -- für Südamerika sind die alten Flinten noch wunderbar schön.“ Dabei rechnete er auf Heller und Pfennig heraus, daß er den Seinen ein riesiges Vermögen bei dem Geschäft gewinnen müsse. „Sobald ich entlassen bin, geh ich nach London, um abzuschließen!“

‚Arme Martha! Er ist und bleibt der unverbesserliche Phantast und Optimist.‘ Aber wenn Helene ihm in sein schönes, immer heiteres Gesicht sah, sein liebenswürdiges Lachen hörte, sagte sie sich wieder: ‚Bös kann man ihm doch nicht sein. Auch Martha nicht, wenn sie auch manchmal nicht leicht trägt. Im Grunde: die beiden passen trefflich zueinander.‘

Dann träumte sie weiter: ‚Wie werden wir beide wohl miteinander sein?‘ Und sie preßte die Hände aneinander, als ob sie etwas recht, recht fest halten wollte.

Oft dachte sie zurück an ihr innerstes Erleben. Nichts hätte sie missen mögen. Sie wußte nun: Durch Schmerz und Leid führte mein Weg zum Glück! Und sie wußte auch: ein Schößling, der schnell aufschießt, hält der Zeit selten stand; der langsam wachsende Baum aber wird stark und kräftig. So war ihre Liebe -- -- --

Berlin rüstete sich zum Empfang der Sieger.

Die Einzugsstraße Unter den Linden schmückten als schönste Zier die zweihundertneun eroberten Geschütze, von Viktorien unterbrochen, die auf goldenen Schildern die Namen der Schlachten und Gefechte trugen. Viktorien leiteten zur Schloßbrücke. Auf dem Lustgarten erhob sich der Altar mit der riesenhaften Borussia dahinter, umgeben von den Statuen der Hohenzollernherrscher. Flatternde Fahnen, Girlanden, Blumenschmuck allerorten --

Wilhelm hatte einige Fensterplätze im Zeughaus erhalten.

Hier stand Helene und sah über die wogenden Massen hinüber, auf die breite freie Straße, die die Sieger vom Brandenburger Tor her kommen mußten.

Von fernher klang der Jubel der Hunderttausende, kam näher, schwoll, wie Sturmesbrausen.

Der Zug nahte. Vorn die Generale, Bismarck und Moltke.

Der König dann, mit ihm der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, die Heerführer.

Drüben am Palais nahm der König Aufstellung, um seine Tapferen an sich vorüberziehen zu lassen.

Hochaufgerichtet saß der Kriegsherr im Sattel.

Und wie Helene ihn so sah, umbraust von Jubel, der sich immer und immer erneute, der nicht enden wollte und nicht enden konnte, da tauchte noch einmal ein seltsames Erinnerungsbild vor ihrer Seele auf.

Vor vier Jahren hatte sie ihn zum ersten Male gesehen, den greisen König, im Wagen, am Brandenburger Tor. Fast die einzige war sie damals gewesen, die sich vor ihm zum Gruß beugte. Als ob er die Liebe seines Volkes verloren hätte. Ernst hatte sein gütiges Auge über alle hinweggesehen, ernst und milde. Ja, auch er hatte sich die Liebe erobern müssen, in schwerem Ringen! Aber nun hielt er dort drüben, bei seinem großen Ahn, Friedrich dem Einzigen, und ein dankbares Volk jubelte ihm zu. Nun hatte er dieses Volkes Liebe für alle Zeiten --

Das Herz pochte, und in ihr war der große Jubel: Heil, König dir!

Mit einem Male, plötzlich, war sie wieder ganz die Tochter des alten Rittmeisters, die echte Märkerin, die leidenschaftliche Patriotin: ‚Heil, König dir!‘

Unten zogen die eroberten Fahnen durch die Ruhmesstraße.

Dann folgten, im endlos langen Zuge, die siegreichen Truppen. Die Musikchöre spielten. Immer aufs neue setzte der Jubel ein. Im Feldanzug kamen die Regimenter, mit Blumen bekränzt die Gewehre, die zerschossenen Helme. Im festen Tritt marschierten sie an dem Kriegsherrn vorüber --

Und nun spähte Helene mit Falkenblick. Schon von weitem sah sie die schwarzen Käppis der Schützen. Sah dann vor seinem Zuge ihn, Gaston. Sah ihn vor dem Könige salutierend den Degen senken, sah, wie sein Blick sich wandte, suchend, forschend, bis er sie fand. Und da erst dachte sie daran, daß neben ihr ein alter Herr stand, mit dem Roten Adlerorden im Aufschlag des schwarzen Rockes, ein alter Herr, der von weither gekommen war, den Sohn an diesem Tage zu grüßen und dem König sein „~Vive le roi!~“ zuzujubeln. Sie faßte seine Hand und sagte: „Vater -- sieh -- Gaston --“

Unten zogen die Truppen weiter. Regiment auf Regiment, Schwadron auf Schwadron, Batterie auf Batterie. Zogen über die Schloßbrücke zum Altar, der zu Füßen der Borussia errichtet war.

„Ein anderer wird morgen die Kompagnie zur Kaserne führen“, hatte Gaston gestern geschrieben. Aus dem letzten Quartier.

So wußte Helene, daß er kommen und sie finden würde.

Sie trat zurück vom Fenster, aus der Enge der Zuschauer, in den Saal. Niemand achtete auf sie. Unten zogen noch immer die Regimenter vorüber. Triumphmusik klang herauf und der brausende Jubel der Menge.

Sie wartete --

Und ihr Herz wurde weit. In ihr tönte der Text ihres Brautspruches wieder, und es war wie ein glückseliger Sphärenklang ... „Und hättet der Liebe nicht ...“

Am Eingang des Saales stand er, seine Augen suchten sie.

Da ging sie ihm entgegen -- -- --

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