Auf märkischer Erde

Part 23

Chapter 233,767 wordsPublic domain

Es war wie immer zwischen ihnen. Und doch anders. Er empfand es, wie lebhafter heute Helene war, angeregter, daß ihr Ton wärmer war. Manchmal fühlte er den leichten Druck ihrer Hand auf seinem Arm. Federnden Schrittes ging sie an seiner Seite, und einmal sagte sie: „Ist das schön heut! Ich möchte stundenlang so gehen. Womöglich ganz allein mit dir durch einen weiten, weiten Wald.“

Er sah sie an, und auf ihrem Gesicht war ein Lächeln.

Sie nickte ihm zu, ganz leise nur. „Der Frühling --“

Da sagte er schnell: „Und bald kommt der Sommer, und dann -- dann reisen wir beide nach meiner Heimat.“

Nebeneinander standen sie am Teich. Lustig huschten die goldschuppigen Fische, die grünen Wipfel spiegelten sich im Wasser. Weit und breit war kein Mensch außer ihnen.

Immer noch sah er ihr in das liebe schöne Gesicht, in dem langsam ein feines Rot emporstieg. Seine Hand hatte er um ihren Gürtel gelegt. „Ich freue mich ja so darauf, dir meine Heimat zu zeigen, unseren herrlichen See, unsere Berge. Anfang August, denk ich, reisen wir -- gleich nach unserer Hochzeit.“

Ein leichtes Beben ging durch ihre Glieder. Aber sie nickte wieder.

„Es ist dir recht so?“

„Ja, Gaston.“

Dann gingen sie langsam weiter und um das Wasser herum. Mit dem leichten Plaudern war’s freilich vorbei. Er hatte ihre Hand wieder in seinen Arm gezogen, sprach von seinem alten Vater, sprach dann davon, daß er nun eine Wohnung mieten wollte. „Ich hab immer noch gezögert, denn man hat mir angedeutet, daß ich Adjutant bei der Inspektion werden soll. Dann brauchten wir nicht so weit hinaus zu ziehen, in die häßlichste Gegend Berlins. Ich möchte dich so gern in ein recht, recht hübsches Heim führen, Helene.“

Plötzlich blieb sie wieder stehen, sah zu Boden, sah dann auf: „Du bist ein rechter Wagehals?“

„Wieso denn?“

„Daß du es mit mir wirklich versuchen willst. So unliebenswürdig wie ich bin, so apathisch oft ...“

Er lachte. „Ach geh doch! Was sind denn das für Dummheiten. Laß nur den Sommer kommen. Laß uns nur erst auf meiner lieben kleinen Terrasse am See sitzen, wir beide ganz allein. Oder im Boot auf der blauen Flut. Oder in die Berge fahren, höher, immer höher! Wenn ich dich nur erst ganz für mich habe! Ich will dir schon die Falte da aus der Stirn küssen -- die da!“

Und mit einem Male hatte er sie umfaßt, die Hutkrempe weit zurückgebogen und küßte sie wirklich gerade zwischen die Brauen. Ganz wenig nur wehrte sie sich, gar nicht fast. Da küßte er sie auch auf die Lippen, und heut hielt sie still. „Der Frühling --“, sagte er und lachte ihr in die Augen.

Wieder gingen sie weiter, den schmalen Fußweg zur Rousseauinsel.

„Also Anfang August!“ meinte er froh. „Dann müssen wir in den ersten Septembertagen zurück sein. Das Manöver schenkt der König von Preußen auch den glücklichsten Leuten nicht. Alles freilich nur, wenn es nicht Krieg gibt.“

„Krieg ... was ihr alle immer von Krieg redet. Wilhelm hat auch weiter nichts im Sinn.“

„Bedenklich genug sieht’s aus, Helene. Gestern hieß es bei uns schon, die Reserven sollten eingezogen werden. Nachher war’s nur ein Gerücht.“

„Krieg mit Österreich --“

„Vielleicht nicht nur das. In der „Kreuzzeitung“ stand, daß Sachsen und Hannover auch schon rüsten.“

„Sind wir Preußen denn so böse, daß man uns durchaus an den Kragen will?“

„Du Kind! Aber ich bin nicht viel besser als du, höchstens daß ich weiß: die Preußinnen können reizend sein! Ist mir auch wichtiger als die ganze Politik. Und nun laß gut sein. Ich bin so froh heut, so froh -- --“

Als Helene daheim die Treppe hinaufstieg, tönte es in ihr, wie ferner, ferner Glockenklang: Du hast heut einen lieben Menschen sehr, sehr glücklich gemacht! Und sie war froh darüber.

Sie war so froh, daß sie oben Martha umarmte, dann zur alten Mutter lief, die am geöffneten Fenster in den Frühling hinausträumte, sie leise umfaßte: „Ich muß es dir doch sagen, Mama, Anfang August ist unsere Hochzeit.“

Omama sah auf, schüttelte verwundert den Kopf, nickte dann: „So ... so! Ja! Ja! Anfang August. Wir haben auch im August geheiratet. Ja ... warte einmal, Lenchen ... und Grucker auch. Damals ... also den lieben Gaston ... ich weiß ja ... ich weiß alles. Aber so blaß darfst du zur Hochzeit nicht aussehen, Lenchen ... und wir trugen damals den Brautschleier hinten fest in die Coiffüre gesteckt und ~par devant~ ein ganz schmales Myrtenkränzchen ...“ Sie kicherte leise und sang mit ihrer matten Stimme vor sich hin: „Wir winden dir den Jungfernkranz -- mit veilchenblauer Seide! Ja, ja, mein Lenchen ... wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide ...“

Da kamen die Jungens hereingestürmt, erregt, mit roten Gesichtern. Sie schrien durcheinander, wollten sich nicht zu Worte kommen lassen. „Wißt ihr’s schon? Wie wir aus der Schule kamen, wurden die Extrablätter ausgerufen. Auf Bismarck ist geschossen worden! Unter den Linden. Er soll tot sein. Nein, schwer verwundet. Den Mörder haben sie gleich aufgeknüpft. Nein, Bismarck hat ihm selber noch die Pistole aus der Hand geschlagen --“

Es ging wirr durcheinander. Und dann war plötzlich Wilhelm da, auch er mit rotem Kopf. Er wußte alles ganz genau, hatte gerade bei Hiller gefrühstückt, nicht weit vom Schauplatz des Attentats. Nein, gottlob, Bismarck war nicht einmal verwundet, trotzdem der Mörder -- Blind sollte er heißen und ein fanatischer Demokrat sein -- aus nächster Nähe fünf Schüsse auf ihn abgefeuert hatte. Auf dem Wege zum König war Bismarck gewesen, zum Vortrag bei Seiner Majestät.

Wilhelm lief kreuz und quer durch die Stube, fast wie Vater es getan hatte, wenn er sehr erregt war. „Was für Zeiten, Martha, was für Zeiten! Heut morgen erst die Nachrichten aus Österreich und Italien. Überall Rüstungen, Mobilmachung. Dann die Börse -- reine Kriegspanik. Was für Zeiten! Man mag es gar nicht ausdenken: wir dicht vor einem Kriege mit Österreich. Stellt euch das nur vor: mit Österreich, unserem Bundesgenossen seit achtzehnhundertdreizehn! Womöglich noch Krieg mit Sachsen, Hannover, Bayern, mit all den anderen deutschen Staaten! Wir allein! Dabei den Hader im Innern. Die Demokraten auf Bismarck spinnefeind -- weg mit Bismarck, heißt’s hier, diesem Ministerium keinen Groschen! heißt’s da. Und unsere guten Konservativen -- nun, weiß Gott, zum Verwundern ist’s nicht, daß sie den Bruch mit der österreichischen Freundschaft bitter beklagen. Wenn wir wirklich Krieg bekommen, ist’s ein schrecklicher Bruderkrieg. Wenn das Vater erlebt hätte! Unser armes Preußen!“

Nun stand er in der Mitte des Zimmers: „Jungens, glotzt mich nicht so dumm an. Wenn ihr älter seid, werdet ihr’s begreifen, was das heißt, Deutsche gegen Deutsche! Das Herz könnte sich einem im Leibe umdrehen. Und dabei geht’s um die Existenz, einfach um Sein oder Nichtsein. Wenn wir geschlagen werden -- und wer kann im voraus wissen, wie die Würfel fallen -- wenn wir geschlagen werden, hat Preußen aufgehört, eine Großmacht zu sein. Sie wollen uns ja längst den Großmachtkitzel austreiben. Lieber Gott, wie mag unserem König zumute sein vor der Entscheidung!“

Helene war noch immer bei der Mutter am geöffneten Fenster, durch das die milde Frühlingsluft hereinströmte.

Sie verstand das alles nur halb, was der Bruder in seiner Erregung heraussprudelte. Verstand es so wenig, wie sie früher Vaters politische Erörterungen verstanden hatte. Nur das eine verstand sie: Krieg -- Deutsche gegen Deutsche! Und sie schauerte leise zusammen. Krieg -- da zog dann auch Gaston hinaus --

„Aber Wilhelm, du sprichst ja, als ob das schon so gewiß wäre -- das mit dem Krieg“, sagte Martha zag dazwischen.

„Sicher? Wer weiß das. Man hofft ja immer noch auf Frieden. Hofft? Heut war der Prinz Hohenlohe bei Hiller. Der hat Verwandte in der österreichischen Armee -- die brennen alle auf unsere Demütigung. Freunde haben wir nirgendwo. Was heißt da hoffen? Zu Kreuze kriechen wir Preußen nicht. Wenn’s nicht anders sein kann, muß eben das Schwert entscheiden!“

Mit einem Male hob Omama wieder an: „Ja ... ja. Das Schwert ...“ Und sie sang leise vor sich hin: „Nun laßt das Liebchen singen -- daß helle Funken springen -- Der Hochzeitsmorgen graut --“

Da fielen die Jungens ein, wie auf Kommando: „Der Hochzeitsmorgen graut -- Hurra, du Eisenbraut!“

Wenn in den nächsten Tagen Wilhelm nach Haus kam, war’s jedesmal mit umwölkter Stirn. Immer wieder stöhnte er: „Die Zeiten! Die Zeiten!“ Immer neue Nachrichten brachte er mit: Der König hatte nach langem Zögern die Mobilmachung von vier Armeekorps befohlen; Napoleon mischte sich in den Streit ein, bot seine Vermittlung an -- natürlich um im Trüben zu fischen. Dann wußte er von Friedenspetitionen zu erzählen, die aus einzelnen Provinzen an Seine Majestät abgegangen wären, von schmachvollen Äußerungen einzelner demokratischer Führer: ‚Lieber die Kroaten in Berlin, als Bismarck noch länger am Staatsruder!‘ Dann wieder von patriotischen Regungen, wie wacker sich die zunächst bedrohten Schlesier hielten: ‚Wir wollen keinen schlechten Frieden!‘ hieß es gerade in ihrer Adresse. Aber immer waren seine letzten Worte: „Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“

Merivaux konnte nicht so viel kommen wie bisher. Der Dienst nahm ihn stark in Anspruch. Aber jedesmal, wenn er kam, war’s, als ob ein paar Sonnenstrahlen ins Haus glitten. Die Jungens, in denen eine gewaltige romantische Kriegslust erwacht war, jubelten ihm entgegen, Omama wachte, sobald er ins Zimmer trat, aus ihrem Traumleben auf, mit Martha und Wilhelm tauschte er Neuigkeiten. Und immer war er selber froh, heiter, zuversichtlich. Es lag etwas eigen Beruhigendes in seiner männlichen Frische, das auch auf Helene wirkte. Solange er bei ihr war, blieb sie ruhig. Sobald er gegangen, klang immer wieder in ihr auf: der Krieg -- der Krieg! Einst hatte sie nur an Harros Tod gedacht, wenn vom Kriege die Rede war: nun bebte sie in Sorge um den lieben Freund, dessen Ring sie am Finger trug.

„Unruhige Zeiten! Schlechte Zeiten!“ Heut der Schimmer einer Friedenshoffnung. Morgen die sichere Erwartung: der Krieg ist unvermeidlich. Auf den Straßen die eingezogenen Rekruten und Landwehrleute in langen Zügen. An jedem Morgen endlose Kolonnen, die mit schmetternder Musik die Bellealliancestraße hinaufzogen zum Kreuzberg. Dann regelmäßig der König, der hinausfuhr, seine Garden noch einmal zu besichtigen.

Es war doch merkwürdig, es fiel auch Helene auf, wenn sie vom Eckfenster aus den schlichten Wagen des greisen Kriegsherrn schon von weitem sah: von Tag zu Tag fast steigerte sich der Jubel, der ihn umrauschte. Manchmal ging ihr durch den Sinn, wie sie ihn zuerst gesehen hatte, am Brandenburger Tor, vor nun drei Jahren, daß ihn damals nur wenige grüßten. Und heut standen die Bürgersteige voll wartender Menschen, vom Belleallianceplatz her hob es an und pflanzte sich fort, das dröhnende Hurra! Es war, als ob die Preußenherzen erwachten. Wenn das Vater erlebt hätte!

Dann war eines Tages Fritz da, der rote Kreisrichter. Ganz plötzlich und unerwartet, in aller Morgenfrühe, als unten gerade die Alexandriner mit klingendem Spiel vorüberzogen.

„Wilhelm, ich trag’s nicht länger. Ich habe aus lauterer Überzeugung gehandelt. Ich kann auch jetzt noch nicht mit Bismarck gehen, ich verurteile seine Stellung gegen den Augustenburger. Aber ich fühl’s, daß nun der innere Zwist schweigen muß. Wenn Preußen in Gefahr ist, müssen wir alle einig sein. Daß du’s nur weißt: ich bin gestern auf dem Generalkommando gewesen und hab mich zum Diensteintritt gemeldet.“

Wenn das Vater erlebt hätte! Wenn das Vater erlebt hätte!

Unruhige Zeiten! Das Abgeordnetenhaus, das jede Kriegsanleihe verweigert hätte, aufgelöst; Darlehnskassenscheine mußten ausgegeben werden, um die nötigsten Millionen zu schaffen, und konnten oft nur schwer untergebracht werden. Heut hieß es: die Österreicher rücken unter Benedeck in Schlesien ein. Morgen verlautete, Preußen hätte mit Italien einen Bündnisvertrag geschlossen, und in Venetien seien schon die ersten Kanonenschüsse gefallen. Noch nie seit fünfzig Jahren war der Kurs der preußischen Staatspapiere so tief gesunken wie in diesen Tagen.

Nun hatte auch Wilhelm die Uniform wieder angezogen, führte eine Ersatzkompagnie beim Franz-Regiment und war nicht wenig stolz im Schmuck der Waffen, war wieder ganz Soldat. Jetzt sprach er plötzlich nicht mehr von den „Schlechten Zeiten!“ Er sprach nur noch von +seiner+ Kompagnie, von +seinen+ Offizieren, von +seinem+ Feldwebel. Und wenn er in den Dienst ging, bürstete Martha an ihm herum und sah ihm verliebt nach.

Eines Morgens hatte Helene eine kleine Besorgung am Belleallianceplatz gemacht. Als sie zurückkam, stand auf der Halleschen Brücke ein baumlanger Bauer, zog seine graue Kappe und greinte über das ganze braune Gesicht.

„Metschke! Metschke, wie kommen Sie denn hierher?“

„Jo, gnä’ Frölen, mei Willem steht doch bei de Franzer. Un ik wollt ihm doch noch mal sehn tun, e’ er ’n Krieg muß. Von wegen, deß ich ihm sag: tu du deine Schuldigkeit, mein Sohn, daß werr keene Schande an der ha’n. Na, gnä’ Frölen, er hätt’s jo och so getan, der Willem.“

„Das glaub ich, Metschke. Wollen Sie nicht mit heraufkommen? Da drüben an der Ecke wohnen wir.“

„Nee, gnä’ Frölen, ich wart hier, bis der oll König ’rückkommt. ’s isch man jutt, daß der oll klug König die Suldaten nich abgeschafft hätt. Un denn muß ick widder zur Kaserne. Morjen rücken se aus, die Franzer. Aberscht scheen Gruß soll ick vertellen vom Herrn Kantohr und von Herrn Pastohr. Min Jott, sein dis Zeiten! Aberscht passen Se uff, gnä’ Frölen, wie wer se vertobacken wer’n, wir Preußen! Wenn dat der gnä’je Herr Rittmeister erlebt hätt!“

Die blauen Märkeraugen glänzten, wie der Metschke das sagte.

Oben saß Gaston schon am Fenster und wartete.

Sie sah’s ihm gleich an, heut war auch er erregt.

„Helene, morgen rücken wir aus. Erschrick nicht: zunächst nur in Kantonnements bei Kottbus.“

Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen. „Morgen --“ sagte sie tonlos. Aber er nahm ihre beiden Hände: „Ich habe mit dir zu sprechen. Eine große, große Bitte hab ich.“ Sie sah ihn an, sah ihm in die Augen, und wußte nur ein: ‚um was er auch bitten mag, ich werde nicht nein sagen‘.

„Immer wieder ist mir in diesen unruhigen Tagen durch die Seele gegangen, wie du nun allein zurückbleibst. Ich denke nicht an den Tod. Gott bewahr’ mich. Aber niemand kann wissen, was der Krieg bringt. Helene, der Gedanke quält mich, daß ich nicht für dich sorgen kann -- auf alle Fälle. Ich würde keinen Moment Ruhe haben -- draußen. Und dann ... ich habe Sehnsucht, dich mein zu wissen. Ich bitte dich: laß übermorgen unseren Hochzeitstag sein.“

Sie bebte. Immer größer waren ihre Augen geworden. Das Herzblut stockte, dann pulste es aufwärts, daß ihr die Sinne schwinden wollten.

Sie fühlte den Druck seiner Hände, und sie sah die fiebrige Erregung in seinem Gesicht, die heiße, sehnsuchtsvolle Erwartung.

So sagte sie: „Ja ... Gaston ... ja!“

Dann kam ihr jäh, irgendwoher aus dem Untergrund der Seele, der Gedanke eines Ausweichens noch in letzter Minute. „Gaston, der Konsens ... so schnell kannst du den Konsens des Königs doch nicht erhalten.“ Indem sie es aussprach, überflutete sie die Scham: ‚Wünscht du denn wirklich eine Verzögerung? Kannst du ihm das antun?‘

Er aber fand den Einwand nur begreiflich: „Für solche Zeiten gelten Ausnahmebestimmungen. Laß das nur meine Sorge sein.“ Sein Gesicht strahlte vor Freude und Dankbarkeit. „In drei Tagen, Helene! In drei Tagen! Ich kann’s noch gar nicht fassen. In drei Tagen bist du mein!“ Etwas wie toller Übermut packte ihn. Er legte den Arm um Helene, er wirbelte mit ihr, eh sie sich’s versah, im Walzertakt durch das Zimmer: „In drei Tagen, Helene, in drei Tagen --“

Es war wohl gut, daß die drängenden Vorbereitungen Helene so wenig Zeit zur Besinnung ließen. Daß in die Unruhe der Zeit sich die Unruhe im Hause mischte. Martha schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Wie soll denn das gemacht werden? Wo willst du denn ein Brautkleid herbekommen? Wie denkt sich Merivaux das alles!“ Und dann war sie es doch, die für alles Rat schaffte, zu allem Rat wußte. Die freilich auch Helene in einen großen Trubel des Überlegens, der Besorgungen mit hineinriß.

Es war gut so. Die Stunden gingen im Fluge. Helene kam kaum zu klarem Überlegen. Am späten Abend, abgehetzt, todmüde, dachte sie nur: es muß wohl eine Fügung sein. Und es war dann wie erlösender Friede in ihr.

In der Nacht zum Mittwoch, ihrem Hochzeitstage, aber fuhr sie aus dem Schlafe auf. Der Junimorgen dämmerte schon durch die Fenster. Sie konnte sich in den ersten Augenblicken gar nicht zurechtfinden. Das Herz pochte jäh, sie richtete sich empor, eine rätselhafte Angst schüttelte sie. Ja so ... da schlief Mutter und atmete ruhig ... und das dort war die Tür zum Nebenzimmer ... und da lag ausgebreitet ihr Brautstaat. Geträumt mußte sie haben, irgend etwas Furchtbares, Unfaßbares. Was war es nur gewesen? Gaston hatte vor ihr gestanden, mit einem Gesicht wie von Stein, und hatte sie an den Schultern gepackt: „Du liebst mich ja nicht! Du liebst mich ja nicht!“

Jetzt sah sie das Traumbild wieder deutlich vor sich, sah sein schmerzverzerrtes Gesicht, hörte seinen gellenden Ruf. Wußte, es war nur ein Traum gewesen, und durchlebte ihn noch einmal wie Wirklichkeit. Frostschauer überrann sie und dann glühende Hitze, eine beklemmende Angst, als ob sie aufspringen müßte, drüben an Mutters Bett hinknien, flehen: ‚Hilf mir doch! Hilf mir doch! Ich kann nicht mit einer Lüge vor den Altar treten!‘

Aber ihr konnte ja niemand helfen. Mutter nicht. Und wenn sie sich vor Wilhelm und Martha hinwerfen wollte, sie würden nur den Kopf schütteln und sie nicht verstehen.

Gaston -- --

Wenn sie jetzt noch seine Füße umklammerte: ‚Ich kann nicht! Erbarme dich meiner!‘

Aber Gaston war bei seiner Truppe, kam erst morgen, eine Stunde vor der Trauung, aus dem Kantonnement zurück. Kam glückstrahlend, mit seiner hoffenden Liebe, mit jubelnder Seele, in seiner glaubensstarken festen Zuversicht -- kam, um sie zum Altar zu führen, und dann hinauszugehen in den Krieg -- -- --

Nein! Nein! Und wenn sie es heute beschloß und stünde morgen vor ihm ... sie würde es nicht über die Lippen bringen.

Fröstelnd hüllte sie sich in ihre Decke und starrte durch das Fenster auf den grauen Morgen.

Noch einmal zogen in dieser schweren Stunde die inneren Erlebnisse der letzten Jahre durch ihre Seele. Wie ein Phantom tauchte Alfred auf, tauchte empor und verschwand. Harro kam mit seinen jungen leuchtenden Augen. Sie sah sich noch einmal im Park von Rackow beim Mondenlicht, fühlte noch einmal den ersten Kuß von Gastons heißen Lippen: Da hatte die Lüge angefangen! Die Lüge! Lieber Gott im Himmel ... war es denn eine Lüge gewesen, eine Lüge, die so harte Strafe verdiente! Und wie hatte sie gekämpft und war doch nicht freigekommen! Aus Schwäche .... ja, aus feiger Schwäche. Und aus Mitleid ... ja, aus Mitleid. Aus dem Empfinden heraus, ihm nicht den einen großen Schmerz antun zu wollen. Und dann, weil sie ihn gern hatte ... weil ein unnennbares Gefühl sie immer wieder zu ihm zog ...

Aber aus all dem Schwankenden, Unklaren ließ sich doch keine Brücke bauen.

Und nun gab es keine Flucht mehr und kein Entrinnen --

... als den Tod ...

Ihr Tod -- was hätte er ihm genützt! Ihr Tod hätte ihm den größten Schmerz des Lebens zugefügt, und nie würde er ihn überwinden können.

Aufrecht saß Helene, mit pochenden Pulsen, die Augen starr auf das Fenster gerichtet. Langsam aus der Dämmerung erhob sich der Tag. Ihr Hochzeitstag.

Der Tod! Nein -- dagegen schrie doch auch ihre blühende Jugend, ihr gesundes Blut empörte sich. Wenn du eine Schuld auf dich geladen hast, so trage sie bis zum Ende!

Und sie sah ihn wieder im Geiste vor sich, wie sie ihn morgen sehen würde. Mit den glücklichen Augen, aus denen die Liebe lachte. Sie hörte seine Stimme, die so männlich und so zärtlich klang: ‚Meine Helene! Meine Helene!‘

Es war eine Fügung. Alles ist Fügung, muß als Fügung genommen werden.

Das Herz wurde ruhiger. Eine stille Ergebung kam über sie. Leise sprach sie vor sich hin: ‚Ich hab ihn gern ... ich möchte ihn recht liebhaben. Ich will immer gut zu ihm sein. Immer gut und dankbar für seine große Liebe ...‘

Sie sah geradeaus zum Fenster, hinter dem es nun hell geworden war. Ein einzelner Sonnenstrahl kam. Schmal nur, aber goldig leuchtend glitt er ins Zimmer, bis zu ihr hin, wie der erste Gruß des jungen Tages. Ihres Hochzeitstages.

Nur ein kleiner Kreis war bei der Feier zugegen. Gastons Vater war durch die Sperrung der süddeutschen Bahnen am Kommen verhindert. Er war nur bis Basel gelangt und konnte nur von dort aus telegraphisch seine Glück- und Segenswünsche senden. Aber daß ein anderer sich unter den wenigen Gästen befand, rührte Helene tief. Der alte Heckstein war von Frankfurt aus mit der Extrapost gekommen. Sie sah ihn erst, als sie am Arm ihres Mannes aus der Kirche schritt. Unter Tränen lächelte er ihr zu: „Leneken, ich mußte dir doch für unser ganzes Rohlbeck die Glückwünsche bringen. Gottes Segen sei mit dir und mit deinem Mann.“

Eine stille blasse Braut war sie. Doch laut und fest hatte ihr Ja durch das Gotteshaus geklungen.

Als sie aus der Kirche traten, sah Gaston sie glücklich an: „Meine Helene! Wie danke ich dir.“

Und als der kleine Kreis dann bei dem einfachen Festmahl saß, das Martha gerüstet hatte, sagte Tante Oschitz leise zu Wilhelm: „Daß Helene schön ist, hab ich immer gewußt. Daß sie so schön aussehen könnte wie heut mit dem Myrtenkranz -- das hätt’ ich doch nicht geglaubt. Wenn mein armer lieber Harro sie so gesehen hätte.“

Ruhig und rührend sanft erschien Helene.

Nur als Gaston ihr ein leises Zeichen gab, zuckte sie ein wenig zusammen. Aber sie erhob sich sofort.

Gaston hatte das mit Wilhelms besprochen: „Ich muß heut abend in das Kantonnement zurück. Laßt sie mir ein paar kurze Stunden und macht kein Aufhebens, wenn wir aufbrechen.“

So nahmen sich alle zusammen. Selbst die Jungens. Die lauschten freilich gerade auf den lebhaften Disput, der sich zwischen Tante Marianne und dem Onkel Pastor angeknüpft hatte über die Gottlosigkeit des Krieges. Onkel Pastor war doch ein streitbarer Mann.

Martha ging mit dem jungen Paar hinaus, half Helene beim Umkleiden. Und dann kam Omama noch auf einen Augenblick auf den Flur, küßte die Tochter, tätschelte mit ihrer welken Hand Gastons Wange: „Seid gut miteinander ... und kommt recht gesund von der Hochzeitsreise zurück, ihr Kinder.“ Sie hatte längst vergessen, daß Merivaux in den Krieg ging, hatte es wohl nie recht begriffen. --

Es war spät am Abend, als Helene heimkam.

Bis vor die Tür hatte sie Gaston gebracht. Im Hausflur umarmte er sie noch einmal, küßte sie leidenschaftlich. „Meine geliebte Frau!“ Ein paar Augenblicke ruhte sie weinend an seiner Brust. „Gott schütze dich, Gaston!“

Dann riß er sich los.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf; schloß die Tür auf.

Martha, die an alles dachte, alles überlegte, hatte auch das so gewollt: es sollte niemand auf die junge Frau warten. Sie hatte es auch eingerichtet, daß Helene nun ihr Zimmer für sich bewohnte.

Auf dem Flur brannte die Lampe. Sie nahm sie, ging in ihr Zimmer, stellte sie beiseite.

Da lag noch ihr Brautkleid und all der bräutliche Schmuck.

Lange stand sie davor, in tiefem Sinnen, mit gefalteten Händen. Es war ihr alles wie ein Traum.

Sie nahm den Myrtenkranz, ließ ihn langsam, zärtlich durch die Finger gleiten. Leise sprach sie ihren Hochzeitsspruch vor sich hin: „... und hättet der Liebe nicht.“ -- „Gott schütze dich, Gaston.“

Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!