Auf märkischer Erde

Part 22

Chapter 223,836 wordsPublic domain

In all ihrer Verzweiflung stand ihr eins klar vor der Seele: daß Gaston sie nicht ohne Kampf aufgeben würde. Sie wußte, er kam gewiß. Sie wartete darauf mit angstvollem Herzen, suchte ihre armen schwachen Waffen der Abwehr zu schmieden. Rechnete sich aus: in aller Frühe hat er deinen Brief; der Dienst wird ihn noch ein paar Stunden festhalten, aber dann -- dann kommt er -- und er wird vor dir stehen und Rechenschaft fordern.

Er kam. Noch früher, als sie erwartet, schon gegen zehn Uhr.

Sie hörte die Flurschelle, hörte seine Stimme. Er sprach mit Martha: „Wo ist Helene?“ -- „Guten Morgen, lieber Gaston. Entschuldige meine Toilette. Helene? Drinnen bei Omama --“ Dann kamen seine festen Tritte durch das Wohnzimmer, dann ging die Tür --

Helene saß neben ihrer Mutter am Fenster, zum erstenmal wohl im Leben wie bei Omama Schutz suchend. Saß mit dem Rücken gegen die Tür, wagte nicht aufzustehen, nicht aufzusehen.

Er kam gerade auf beide los, küßte Omama die Hand, sagte: „Ich muß Helene allein sprechen. Du erlaubst wohl.“ Nahm Helene an der Hand, zwang sie mit sanftem Druck. Willenlos folgte sie. In das Nebenzimmer führte er sie, bis zum Sofa. Und als sie dann saß, faßte er wieder ihre Hand und sagte: „Meine liebe arme Helene!“

Sie bebte, und die Tränen kamen ihr, als sie seine warme Stimme hörte, den zärtlichen Druck seiner Hände fühlte.

„Wollen wir deinen Brief nicht als ungeschrieben betrachten?“ fragte er. „Du hast das in der Erregung geschrieben, unter irgendeinem fremden Einfluß. Es ist am besten, Helene, wir vergessen es beide.“

Sie schüttelte nur langsam den Kopf.

„Liebe Helene, du bist sehr sensibel, läßt dich von Stimmungen beeinflussen. So war es sicher auch gestern. Ich glaube nicht, daß du mit Überlegung geschrieben hast. Vielleicht weißt du heut gar nicht mehr, was du schriebst. Sag’ mir, daß es dir leid tut. Ein Wort von dir, und es ist alles wieder gut.“

Er sprach ganz ruhig. Aber sie fühlte aus dem Unterton seiner Stimme, wie traurig er war.

Wieder konnte sie nur den Kopf schütteln. Doch dann machte sie plötzlich ihre Hand frei, hob sie vor die Brust und bat mit einer letzten starken Willensanspannung: „Ich bitte dich ... laß mich frei!“

Es war ein Schweigen zwischen ihnen.

„Wenn ich dich nicht so heiß liebte, Helene,“ sagte er dann, „würde ich nun gehen. Wenn ich dich nicht so sehr liebte, wäre ich gar nicht gekommen. So aber ... Du mußt mich hören. Gerade in der letzten Zeit fühlte ich deutlich, daß alles anders, besser zwischen uns wurde. Ich war so beglückt darüber. Und nun ... nun dein jäher Entschluß.“

Er wartete. Aber sie schwieg, hatte immer noch beide Hände vor die Brust gedrückt, sah starr zu Boden.

„Helene, das weißt du: du hast in mir den treusten Freund.“

Sie nickte ein paar Male, schluchzte leise auf.

„Würde es dein armes wundes Herz nicht erleichtern, wenn du dem treuen Freunde Vertrauen schenktest? Vielleicht kann er dich trösten, vielleicht könnte er dir raten und helfen.“

Da sah sie auf und ihn an. Wie durch einen Flor von Tränen sah sie sein trauriges Gesicht und seine gütigen Augen.

Er nahm wieder ihre eiskalten Hände in die seinen.

„Sprich dich aus, Helene“, bat er. „Du wirst Verständnis bei mir finden. Denn das, was du schreibst: ich mag es gar nicht wiederholen -- das ist ja alles nur Traum und Selbstquälerei. Sprich nur, Helene, sag’ mir alles ...“

Da begann sie.

Aber sie stockte gleich wieder. Hub wieder an --, sagte ganz leise: „Ich kann nicht, Gaston ...“

„Versuche es nur. Nicht um meinetwillen ... denk’ nur immer daran: hier sitzt dein bester Freund, der dir gern beistehen möchte in deiner Not.“

So sagte sie ihm alles. Ihr jubelndes Glück und ihr tiefstes Leid und wie sie sich langsam aufgerichtet hätte und gestern, gestern noch froh und glücklich gewesen wäre, bis sie ihm begegnet war. Ihm! Wie da alles wieder in ihr aufgelebt wäre, plötzlich, in tausend Schmerzen --

In kleinen Bruchstücken nur kam es über ihre Lippen. Sie mußte sich oft zwingen. Sie weinte leise. Fand wieder ein paar Worte, mühsam, hastete dann in ihrer Rede wie im Fieber. Ihre Hände zitterten in den seinen, krampften sich zusammen, streckten sich wieder --

Und endlich schloß sie: „Ich bin sehr schlecht gewesen zu dir. Ich hab dich belogen und betrogen, damals im Park ... und immer ... immer. Ich kann ja nicht vergessen ... es ist ja gar nicht aus in mir ... es wird ewig leben ... und nun geh, lieber Gaston, geh ... vergiß du mich ... wenn du kannst, verachte mich nicht ...“

Sie konnte nicht weiter. Tief sank der Kopf auf die Brust. Schluchzen erstickte die letzten Worte und ward zum stillen Weinen.

Aber in diesem Weinen keimte allmählich ein Verwundern in ihr auf: warum hält er immer noch meine Hände? Und warum tut mir das so wohl ...

Dazwischen hörte sie seine Stimme: „Weine dich nur aus, Helene“, und nach einer Weile: „Kannst du mich jetzt hören?“

„Ich danke dir viel, vielmal für dein Vertrauen, Helene“, begann er dann. „Nichts ist, als daß deine Nerven dir einen bösen Streich gespielt haben. Still, Helene, höre nur weiter. Niemand von uns vergißt wohl je ganz eine große Freude, ein großes Leid. Das mag tief untertauchen im Gedächtnis, aber plötzlich ist es wieder auf der Oberfläche. Vergessen können wir alle nicht, wir können nur überwinden. Darauf kommt es an. Du aber hast ja längst überwunden.“

Sie schüttelte wieder schwer den Kopf.

„Du hast es, glaub’ es mir. Die Erschütterung riß nur den Schmerz wieder auf. Laß einige Tage dahingehen, und auch das ist überwunden. Seh ich aus wie einer, der sich betrogen und belogen fühlt. Sieh doch: ich lächele schon wieder.“

Sie sah immer noch wie durch einen Schleier von Tränen. Aber sie sah, daß er wirklich lächelte, ihr wie ermutigend zulächelte aus seinen guten Augen. Und lächelnd fuhr er fort:

„Ja, Helene, sieh mich nur an! Mit deinen lieben, zagen, zweifelnden Augen. Es wird nicht in Trümmer gehen, ich halte es, mein Glück! Ich lasse dich nicht, Helene! Ich halte dich, ich zwinge dich. Man zwingt nicht nur mit Gewalt: Liebe und Geduld, Geduld und Liebe sind meine Waffen. Und ich werde siegen!“

Elftes Kapitel

Martha und Merivaux saßen im Wohnzimmer sich gegenüber.

Es war Ende März, und draußen meldete sich der erste Frühling. Zag noch, wie verschämt, aber ausnahmsweise kalendermäßig. Auch die Truppen hatten bereits Frühling gemacht, zogen fleißig auf den Kreuzberg, früher als sonst; es lag ja außer dem milden Frühlingswehen auch allerlei Unruhe in der Luft. Österreich, hieß es, mobilisierte insgeheim. Man erzählte wieder einmal von scharfen diplomatischen Noten über die Regelung der Verhältnisse in Schleswig-Holstein, über die Erbansprüche des Augustenburgers, denen Bismarck im Interesse Preußens widerstrebte; man erzählte, wie hinter diesen Noten das Verlangen nach einer neuen Ordnung des deutschen Bundes stehe.

Darüber sprachen auch Martha und Gaston.

Er war von einer Truppenübung gekommen, hatte am Halleschen Tor sein Pferd dem Burschen übergeben und war heraufgesprungen, um Helene guten Morgen zu sagen. Aber sie war ausgegangen. Martha meinte, sie müsse bald heimkehren. Da bat er um ein Butterbrot.

Und so saßen sie sich gegenüber; er frühstückte und erzählte allerlei, was die Zeitungen in den letzten Tagen gebracht und was er sonst erfahren hatte. Er sprach sehr lebhaft und war sehr entrüstet über die laue Stimmung in Berlin.

Martha hörte lächelnd zu, bis er plötzlich schwieg und, nun auch lächelnd, meinte: „Ich glaube, beste aller Schwägerinnen, du lachst ganz veritabel über deinen untertänigsten Diener.“

„Das nun gerade nicht, Gaston. Eigentlich freu ich mich nur über dich. Aber, weißt du, merkwürdig kommt’s mir schon vor, wie du dich verändert hast.“

„Ich? Wieso denn?“

„Ja, so leicht ist das nicht zu sagen. Einmal rein äußerlich. Wenn ich so denke, wie du radebrechtest, fast radebrechtest, als ich dich kennen lernte, und wie gut du jetzt unsre swere Sprak’ sprichst -- das ist doch schon erstaunlich. Sogar über das H kommst du ganz glatt hinweg.“

„Das macht die Übung, Martha. Gerade des H! Denk’ doch nur, wenn man alle Augenblicke Helene sagen möchte, wenn man sogar Helene laut denkt, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten --“

„Sei so gut und laß wenigstens die Sekunden aus. Obwohl ich dir das auch zutrauen würde. Die Sprache ist doch nur ein Äußerliches. Du hast dich aber in den letzten Jahren auch zum Preußen umgedacht.“

„Umgedacht -- das ist ein neues Wort, das ich mir merken werde. -- Ich bin doch Offizier Seiner Majestät des Königs von Preußen.“

Sie schob ihm den Teller mit den Brötchen näher und schenkte ihm sein Glas wieder voll.

„Das warst du früher auch. Aber du warst es, sozusagen, als Neuchateller. Jetzt aber merke ich, daß du ganz Preuße geworden bist. Fast möchte ich sagen: Märker. Wie du vorhin auf die Demokraten geschimpft hast, mußte ich an meinen guten seligen Schwiegerpapa denken. Viel besser konnte das der alte Rittmeister auch nicht.“

Martha hatte bisweilen im Gesicht einen Ausdruck von Schelmerei, der ihr allerliebst stand. So auch jetzt. Gaston machte ihr eine kleine Verbeugung: „Ich muß dich öfter zum Lächeln bringen,“ meinte er, „du hast dann zwei Grübchen in der Wange, die ganz reizend sind. Pardon für die Abschweifung. Ja ... du hast recht,“ fuhr er fort, „als ich eintrat, war mir Preußen eigentlich völlig Nebensache. Aber es ist wohl so: wenn man mit Leib und Seele Soldat ist, schließt man sich eben an das große Ganze immer enger an. Und dies Preußen hat überhaupt eine merkwürdige Assimilationskraft. Eure Mark noch besonders. Erst hab ich riesengroße Sehnsucht nach meinen Bergen gehabt und euren Sand fast gehaßt. Nun lieb ich ihn.“

„Es blüht freilich ein gewisses schönes Röslein auf diesem Sande -- ein schönes Röslein, wenn es auch Dornen hat.“

„Laß nur die Dornen, ~ma belle-sœur~ -- Die sind gar nicht so bös mehr ... Aber es scheint, da kommt Helene --“

Er war, als die Flurglocke klang, sofort aufgesprungen und ging seiner Braut entgegen. Die Tür blieb offen. Martha konnte von ihrem Platz aus gerade sehen, wie sie sich begrüßten. Sie lächelte wieder, aber diesmal fehlte die Schelmerei in ihrem Gesicht. Sie wunderte sich nur, sie ärgerte sich ein wenig, und sie dachte daran, wie sie einst ihrem Wilhelm bei jedem Wiedersehen, und wenn es nach einer Trennung von wenigen Stunden gewesen, an den Hals geflogen war.

Diese beiden da blieben ewig und immer zeremoniös. Gaston küßte Helene die Hand, sie hielt ihm, wenn es hoch kam, die Wange hin; dann schüttelten sie sich die Hände wie zwei gute Freunde; er nahm ihr den Mantel ab, und sie sprachen miteinander wieder wie gute Kameraden. Sie hörte es: „Du hier, Gaston!“ -- „Ja, Helene, auf einen Sprung, gerade vom Kreuzberg. Verzeih den Dienstanzug.“ -- „Aber ich bitt dich.“ -- „Wo warst du denn, wenn ich fragen darf?“ -- „Bei Frau Harriers.“ -- „Das freut mich --“

Früher, vor zwei, drei Monaten noch, war zwischen den beiden dort häufig etwas wie ein Kampfzustand gewesen, ein heimliches Ringen, das auch dem Unbeteiligten nicht verborgen bleiben konnte. Jetzt schienen sie sich in einem schönen Gleichmaß gefunden zu haben. Schön? War dies Gleichmaß wirklich schön? Ja ... wenn man nicht beiden doch immer angemerkt hätte, daß es nur auf ein Beherrschen herauskam. Wenn man nicht das starke Temperament gekannt hätte, das in den beiden steckte. Auch in der Lene. Gerade in der Lene! Man brauchte ja nur zurückzudenken --

Sie kamen herein. Helene nickte der Schwägerin zu. „Kann ich von Gastons Frühstück mit profitieren?“

„Du wirst dem hungrigen Kriegsmann doch nicht seine paar kümmerlichen Brötchen fortessen. Wart’, ich hol’ dir was.“

Hinaus war sie. Aber hinter der Tür blieb sie stehen. ‚Die Welt wird nicht umstürzen, wenn ich einmal lausche. Ob sie sich jetzt wenigstens einen ordentlichen Kuß gaben?‘

Sie horchte vergeblich. Die da drinnen sprachen wie zwei gute Freunde. Von Musik natürlich wieder. Musik ist ja eine schöne Sache -- ohne Zweifel. Aber ein Brautpaar hat doch eigentlich etwas Besseres zu tun. „Wir haben die Elsa wieder aufgenommen ...“ „Ich hätte mir den Schritt vom belcanto zu Wagner doch nicht so schwer gedacht ...“ „Alles kommt darauf an, den Charakter herauszuarbeiten, der Persönlichkeit gerecht zu werden.“ ‚Du mein Gott, werdet euch doch selber gerecht, ihr beiden lieben Narren. Wenn ihr wüßtet, wie kurz selbst eine lange Brautzeit ist und daß sie so nie wiederkehrt. Ihr Narren -- ihr Narren!‘

Ärgerlich gab sie den Lauscherposten auf, ging in die Küche, machte eigenhändig eine Schrippe zurecht, benutzte die Gelegenheit, ihrer Minna nach bewährtem Rohlbecker Rezept gründlich den Kopf zu waschen, weil gestern abend ein baumlanger Grenadier vor der Küchentür gestanden hatte -- „anständige Mädchen sind nicht so verliebt wie du dumme Trine!“ -- und ging ins Wohnzimmer zurück.

Da saßen die beiden immer noch in ansehnlicher Distanz und sprachen immer noch kluge Worte. Diesmal hatten sie die Literatur beim Wickel. Natürlich -- Lene schmökerte ja neuerdings in jeder freien Stunde, anstatt mal in der Küche nach dem Rechten zu sehen, was für eine angehende Hausfrau jedenfalls wichtiger wäre. Und wovon schnackten sie? Von dem neuen Roman, von dem jetzt alle Welt redete, der „Ägyptischen Königstochter“. Hilf, Himmel ... wann spielte die Geschichte? Im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt? Wenn es noch der herrliche Roman gewesen wäre, der jetzt gerade in der „Gartenlaube“ erschien: „Goldelse“ hieß er ja wohl. Aber das alte Ägypten!

Da saßen sie und redeten Bücher, und die Schrippe rührte Helene auch nicht an. Redeten und redeten -- und machten sich selber nur was vor. Man brauchte sie ja nur anzusehen: Gaston sprach ganz ruhig, in seinem allerschönsten Deutsch, aber in seinen Augen lohte das verhaltene Feuer. Die Marlitt, oder wie die Verfasserin des Romans in der „Gartenlaube“ hieß, hätte leidenschaftliche Augen nicht besser beschreiben können, als man sie hier sah. Und Lene saß da, sprach ebenso ruhig, sah aber gar nicht auf. Nun, man kannte ja ihre Augen. In denen lag jetzt immer ein eigner feuchter Schimmer. Man kannte sie -- aber klug wurde man aus ihnen nicht und aus Helene überhaupt nicht. Nur daß das Gesicht immer blasser und immer schmaler wurde, das sah man, aber dabei wurde das Mädel auch immer hübscher. Zum Verwundern war’s.

Endlich schien sich Gaston an Marthas Anwesenheit zu erinnern.

„Wo ist Wilhelm eigentlich, liebe Martha?“

„In Warschau. Es schwebt da ein Projekt wegen der Verlängerung der Bahn über die russische Grenze hinaus.“

„Der gute Wilhelm muß viel auf der Eisenbahn liegen.“

„Ja -- leider --“

Dann sprachen die beiden schon wieder miteinander. „Wir müssen nächstens in die Ausstellung am Kantianplatz, Helene. Es ist ein wunderschöner Richter dort.“

‚Wofür die sich auch alles interessierten? Musik -- Literatur -- Malerei -- und waren Braut und Bräutigam und saßen da wie die Ölgötzen.

Mochten sie! Was hatte Gaston gesagt? Der gute Wilhelm! Ja ... leicht hatte er’s ja nicht. Aber man hatte es auch nicht leicht, so viel allein mit den großen Jungens, die Vaters Hand noch so sehr bedurften. So viel allein! Beinahe so viel allein, wie früher in Rohlbeck. Aber es ging wohl nicht anders. Zuerst war der Verdienst an der Bahnkonzession wie unerschöpflich erschienen. Du mein Gott! Nachher war er zum größten Teil vorgegessenes Brot gewesen. Als Tante Marianne bezahlt war und die vielen Wechsel eingelöst waren, da blieb nicht arg viel. Sparen konnte Wilhelm ja nicht -- leider --‘

‚Leider --‘

Und da ging die Tür, und Omama kam herein, auf ihren Stock gestützt. Die schwarzen Locken pendelten rechts und links von den Schläfen, und sie hatte wieder nur auf einer Wange Rouge aufgelegt. Aber sie lachte vergnügt: „Ich muß doch einmal nach unserem lieben Brautpärchen sehen ... Was das Lenchen heut wieder für verliebte Augen macht ...“ -- --

Gaston hätte wohl vor Glück gejauchzt, wenn aus Helenes Augen ihm einmal die Liebe entgegengeleuchtet haben würde. Aber sie blieb gemessen und kühl. Sie wehrte sich nicht mehr, sie trotzte nicht mehr, sie weinte nicht mehr. Sie schien ganz ruhig geworden nach dem einen letzten großen Sturm um die Jahreswende.

Er wartete.

Es gab wohl Stunden, in denen er verzweifeln wollte, in denen er meinte: es geht so nicht weiter, du trägst es nicht mehr! Du pochst gegen einen Stein, der nie Funken sprühen wird.

Aber er zwang sich immer wieder.

Sie waren wirklich gute Freunde geworden. Martha sah ganz recht.

Manchmal dachte Helene: es ist ja nicht anders als früher, wir waren ja immer gute Kameraden. Manchmal dachte sie: wir werden immer gute Freunde bleiben, ohne Streit und Zwist; was könnte ich mir Besseres wünschen; wie viele Ehen mögen selbst dieser Freundschaft entbehren. Aber oft, oft, in einsamen Stunden schrie es auch in ihr: soll es nun immer, immer so weitergehen! Und wenn du’s erträgst, kann er es denn ertragen, soll er darben ein ganzes langes Leben hindurch! Denn sie fühlte, daß hinter seinem beherrschten Wesen die Leidenschaft wachte, daß er wartete von Tag zu Tag. Und je vertrauter sie miteinander wurden, desto mehr litt sie um ihn, und konnte ihm doch nicht helfen.

‚Gib mich frei!‘ hatte sie ihn noch einmal gebeten. Er hatte nur den Kopf geschüttelt. In seinem Gesicht aber stand dabei ein fast fanatischer Ausdruck, wie sie ihn einst auf alten Märtyrerbildern gesehen hatte: ein Ausdruck des Leidens und des Glücks im Leiden. Dann war das Gesicht weich geworden. ‚Niemals!‘ hatte er gesagt. ‚Du kannst mir verbieten, dich zu sehen. Dich zu lieben kannst du mir nicht verbieten.‘

Oft dachte sie an seine Worte: ‚Wir alle können nicht vergessen, aber wir können überwinden. Und du hast längst überwunden.‘

Sie hatte nicht daran geglaubt, damals, als die Begegnung mit Schwarz ihr das Herz zerrissen. Nun wußte sie, daß er doch recht gehabt.

Wenige Tage später sprach Frau Harriers-Wippern plötzlich von Schwarz. Achselzuckend, mitleidig: „Sie kannten ihn ja. Er war immer ein Bruder Leichtsinn, der seine Gaben verschleuderte wie sein Geld. Jetzt war er hier, ohne Engagement. Zu mir ist er nicht gekommen, er schämte sich wohl. Aber ich hörte, daß es ihm schlecht geht, und daß er sehr unglücklich mit seiner Frau lebt. Röder hat ihnen beiden schließlich ein Engagement nach Odessa besorgt, aber mit einer Gage, die wohl gerade nur das Leben fristet.“ Sie seufzte leise. „Einer von vielen. Wer in unserem Beruf nicht Charakter hat und starken Willen, der leidet leicht Schiffbruch.“

Sie hatte es geahnt, und das Mitleid preßte ihre Seele, als sie es nun hörte. Die heiße Erregung jedoch, welche die Begegnung in ihr jäh wachgerufen, zitterte nicht mehr in ihr. Es war so, wie Gaston gesagt: überwunden hatte sie. Nur das Mitleid blieb. Und vielleicht nur ein dumpfes Weh: Die Leidenschaft für ihn hat all deine Kraft zur Liebe so ausgeschöpft, daß dein Herz arm geworden ist und arm bleiben wird für immer.

Gaston sprach zu ihr nie von dem Termin der Hochzeit.

Aber sie hörte, daß er mit den Geschwistern davon gesprochen, daß er den Frühherbst in Aussicht genommen hatte. Dann und wann kam auch die praktische Martha mit einer Anfrage wegen der Aussteuer. Sie hatte schon Leinen eingekauft und die Näherin im Hause, als könnte es gar nicht anders sein. Als ganz selbstverständlich, als Pflicht nahm sie es an, daß sie für Mutter eintrat.

Zuerst war Helene zusammengezuckt, als Martha von all dem sprach. Aber dann hatte sie lächeln können. „Du ordnest das gewiß am besten -- ich danke dir.“ Und sie wunderte sich selber: ihr graute nicht vor der Entscheidung, ganz ruhig nahm sie sie hin. Wieder mit dem Empfinden: wie wenigen Mädchen mag die Erfüllung der höchsten Wünsche vergönnt sein, wie unendlich viele müssen sich bescheiden. Du hast es immer noch gut: Du hast Gaston sehr gern, du schätzt ihn, ihr seid eins in so vielem, so vielem. Unglücklich mit ihm kannst du nie werden. Nur ob du ihn glücklich machen wirst ...?

Sie war ruhig und gefaßt.

„Meine liebe Hackentin“, sagte einmal Frau Harriers etwas unzufrieden. „Sie sind ein wunderliches Menschenkind. Ich habe bei meinen Schülerinnen doch schon so manches erlebt, aber solche Wandlungen noch nie wie bei Ihnen.“

Helene wurde rot. Sie hatte immer noch diesen jähen Farbenwechsel, ja er war wohl noch auffallender, seit ihr Gesicht blaß und durchsichtig geworden war. „Was hab ich denn verbrochen?“ fragte sie etwas kleinlaut.

„Gar nichts. Sie schreiten in der Technik unaufhaltsam fort, ich werde Ihnen bald nichts mehr zu geben wissen. Aber die Technik ist doch nicht alles. Du lieber Gott! Das Organ gab Ihnen die gütige Natur, und wer die Stimme hat, kann schließlich bei dem nötigen Fleiß all das dazu lernen, was die Kunst zu lehren vermag. An Fleiß fehlt’s bei Ihnen auch nicht. Aber ich habe mit Ihnen Zeiten von so schwankender Stimmung durchgemacht, daß ich manchmal vor Rätseln stehe. Wie oft hab ich zügeln müssen, wenn das Temperament mit Ihnen durchgehen wollte --“

Sie standen vor dem Flügel. Die Stunde war beendet, im Vorzimmer wartete wohl schon eine andere Schülerin, oder der Herr Baumeister, der Gatte der Sängerin, wartete gar mit dem Mittagessen. Frau Harriers war ein wenig ungeduldig. Sie schloß den Flügel.

„Ja ... und soll ich Ihnen sagen, wie jetzt Ihre Stimme klingt? Apathisch klingt sie. Nach Resignation klingt sie! Alles schön, rund, tadellos, ein wahrer Genuß, diese Atemökonomie! Aber manchmal singen Sie ... wie drück’ ich’s nur aus? ... nun, wie aus Pflichtgefühl, aus einem müden Pflichtgefühl heraus. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie ein glückliches Bräutchen sind und einen der besten Männer bekommen, würde ich mir allerlei Gedanken machen. So -- nun ist’s heraus, und nun machen Sie, daß Sie fort kommen. Merivaux steht doch schon drüben und wartet auf Sie.“

... aus Pflichtgefühl ...

So also sang sie? Handelte sie auch so? Nur aus Pflichtgefühl? Und würde sie, nur aus Pflichtgefühl, Gaston eine gute Gattin werden? Alles nur aus armseligem Pflichtgefühl! Als ob sie sich treiben ließ auf einem der großen Bettelsuppenströme des Lebens!

Der Gedanke empörte sie. Denn sie hatte Gaston doch gern! Sehr gern sogar!

Ihr war es, als müßte sie sich selber aufrütteln. Sich herausreißen aus dem Sich-gehen-lassen, aus dem stumpfen Gleichmaß. Kämpfen gegen sich selber.

Unten, drüben auf dem Trottoir, ging wirklich Gaston auf und ab.

Ein paar Augenblicke blieb sie im Hausflur stehen, sah zu ihm hinüber. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.

Dann schritt sie schnell über die Straße, nickte, lächelte, hing sich in seinen Arm.

„Guten Morgen, lieber Gaston. Ich freue mich, daß du kommen konntest. Hast du Zeit? Können wir einen kleinen Bummel durch den Tiergarten machen?“

Er bejahte eifrig, sichtlich erfreut. Und sie gingen die Querallee hinauf, bogen zum Goldfischteich ein.

In den ersten Maitagen war es. Der Tiergarten stand im duftigen jungen Grün. Die Lenzsonne lag warm auf Weg und Steg. In den dichten Büschen zwitscherten die Amseln. Die Welt war schön geworden, fast über Nacht, denn plötzlich war der Frühling in die Mark gekommen.

Um diese Stunde war der Tiergarten wenig belebt. Am Rande der Wege ein paar Kinderwagen, aus denen rosige Babygesichter zur Sonne lachten; einige Spreewälderinnen in ihren bunten Röcken, dann und wann eine Matrone, die einsam Luft schöpfen ging, ein pensionierter alter Herr, der seinen Gesundheitsmarsch machte. Es verlor sich in der Weite.

Sie plauderten dies und das, wie gute Freunde plaudern, bunt durcheinander: von Marthas Wirtschaftlichkeit, von Wilhelms nie rastenden Plänen, von der Omama; von der Charlotte Wolter, der großen jungen Tragödin, von der Erhardt, der schönen Künstlerin des Schauspielhauses, und von der Lucca, die jüngst als Julia unerhört gefeiert worden war; und daß der Krollsche Garten nächstens wieder eröffnet werden würde, in noch feenhafterer Beleuchtung als je zuvor.