Part 21
Manchmal hatte sie gedacht, sich zum schwachen Troste: ja doch ... er ist ein liebenswürdiger Charmeur! Nun hörte und erkannte sie selber alle Tage mehr, daß das doch nur die Außenseite seines Wesens war. Daß die glänzende Hülle auch einen schönen edlen Kern barg. Daß er gut, vornehm denkend, daran hatte sie nie gezweifelt. Jetzt aber wußte sie, daß er auch ein grundgescheiter, ein vielseitig gebildeter Mann war. Und vor allem sah und fühlte sie immer tiefer, wie innig und heiß er sie liebte.
Immer wieder sagte sie sich: man muß ihn gern haben ... ich müßte ihn liebhaben ...
Nur: ihr Herz wußte nichts von ihm.
Es kamen Augenblicke, Stunden, in denen es in ihr schrie: wenn er dich doch einmal recht schlecht behandeln wollte! Wenn er dich doch einmal fühlen lassen wollte, wie kalt und schlecht du gegen ihn bist! Vielleicht verlangt die Hackentinsche Brut die Peitsche, anstatt des Zuckerbrots!
Aber er blieb immer der Geduldige, Nachsichtige, Rücksichtvolle; dankbar für die geringste Freundlichkeit, für das kleinste Entgegenkommen, für ein gutes Wort, für ein Lächeln.
Dabei fühlte sie hinter all der Geduld und Nachsicht sein heißes Blut, sein starkes Temperament, sein Begehren, fühlte, wie er sich zwang und wie er litt. Sie fühlte es, sie sah es. Es war ihr eine eigene Qual, wenn er manchmal, auf kurze Momente, die Lider sinken ließ, verstummte. Nur um sie gleich wieder mit hellen, guten Augen anzusehen, wie ein Bittender. Wie einer, der da weiß: ich werde um sie werben, nimmer müde, bis sie mein ist.
Und dann empörte sie wieder diese Zuversicht, dies Vertrauen und Selbstvertrauen. Empörte sie gleich einem Zwang: als ob er ihren Willen beugen, sie knechten wollte in alle Zukunft hinein. Scharf wurde sie dann und bitter. Bis sie sich doch wieder sagte, es ist ja nur seine große, große Liebe, die auf Gegenliebe hofft und wartet.
Wenn er litt, ohne zu klagen, so litt sie nicht minder, und auch sie hatte niemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Ganz genau wußte sie: es würde sie niemand verstehen.
Es gab Tage, in denen eine wehrlose, wohltuende Müdigkeit über ihr lag. Dann war sie sanft, nachgiebig auch zu ihm; duldete seine Zärtlichkeit, hatte sogar eine leise Freude, einen stillen Genuß manchmal an einem guten Gespräch mit ihm; hörte ihn spielen, ging vielleicht selbst an den Flügel, sang irgendein schwermütiges Lied. Aber gerade der Moment war meist der Gipfelpunkt. Wenn sie ihn dann hinter sich stehend wußte, seinen Atem fühlte, seine Hand sah, wie sie sich nach dem Notenblatt ausstreckte, um es zu wenden, kam der Rückschlag. Sie brach jäh ab, sprang auf -- und es kamen Augenblicke, in denen es ihr eine boshafte Freude war, ihm wehe zu tun. Eine Freude, die sie tiefste Qualen und schmerzhafteste Scham kostete.
Das waren die Augenblicke, in denen sie darauf wartete: jetzt muß er doch gehen, um nie wiederzukommen. Und doch erschauerte: wenn er aber nie wiederkäme? Das waren dieselben Augenblicke, in denen sie vom wehsten Mitleid erfüllt war für ihn und in denen sie sich selber ganz als Schuldige fühlte. Frau Harriers war wenig zufrieden mit ihrer Schülerin in diesem Winter.
Wilhelm kümmerte sich fast gar nicht um das Brautpaar; Martha sah schließlich doch nur die Oberfläche, dachte höchstens, sagte es vielleicht: „Du bist eine recht unausstehliche Braut.“ Mutter führte ihr Traumleben weiter, verschmolz sich Gegenwart und Vergangenheit, verwechselte Merivaux gelegentlich mit einem ihrer Söhne und legte neuerdings Rouge auf. Wohl Berlin zu Ehren. Wobei es vorkam, daß nur die eine Wange rosig leuchtete, die andere vergaß sie.
Ganz verlassen und vereinsamt fühlte sich Helene oft. Grenzenlos unnütz dabei. Den Haushalt in der Stadtwohnung hielt Martha allein wie am Schnürchen. So war sie zur Untätigkeit verurteilt, spürte auch so wenig Neigung, sich wirtschaftlich zu betätigen. Und selbst ihre Kunst dünkte sie oft ein Zwang.
Nur mit den Jungens beschäftigte sie sich mehr als früher.
Den äußeren Anlaß gab, daß Hans ein paar Male mit einem französischen ~exercice~ hilfesuchend zu ihr kam: „Hilf, Tante Helene. Du hast ja einen Bräutigam, der solch halber Gallier ist.“ Da sie in der Tat fertig Französisch sprach und schrieb, konnte sie helfen. Und sie half so gern -- es war ihr eine wahre Wohltat, irgend jemand helfen zu können. Bald kam auch Thede mit dem einen oder dem anderen Anliegen. Richtiger: wenn der Ältere bat, forderte der Jüngere. Aber er tat’s mit einer so drollig unverschämten Miene, daß man ihm nicht böse sein konnte.
Manchmal war es ihr, als lernte sie die beiden Neffen erst jetzt recht kennen. Und auch dann hatte sie wieder ihre stille Freude. Hans war nun fast sechzehn Jahre, ein langaufgeschossener, ein wenig ungelenker Jüngling, der seine junge Sekundanerwürde mit einigem Selbstbewußtsein trug; ein Bücherwurm und Grundtoffel, fleißig und hübsch besinnlich. Thede war viel lebhafter, renommierte gern einmal ein wenig, lernte spielend, was der Ältere sich mühsamer erobern mußte. Bisweilen malte Helene sich im stillen den Lebenslauf der beiden aus, horchte sie wohl auch daraufhin aus. Hans wollte Architekt werden oder Techniker, Eisenbahningenieur, Maschinenkonstrukteur; Thede schwärmte für den bunten Rock, den ja alle Hackentins getragen hatten. Aber er hatte auch seine besonderen Gedanken dabei: die junge preußische Flotte reizte ihn, Kapitän Jachmann von der „Arcona“, der den Dänen bei Jasmund so wacker die Zähne gezeigt, war sein Held und Vorbild.
Das war sicher: die Jungens gingen einmal andere Wege, als die Hackentins bisher, Generation auf Generation, gegangen waren. In ihnen war noch genug von dem feurigen guten Blut des alten Geschlechts, aber das Blut der Mutter hatte sich eingemischt, drang kräftig durch; mehr noch bei dem Älteren, aber doch auch bei Thede. Sie fanden sich gewiß einmal gut mit dem Leben ab und in ihm zurecht. Wurden vielleicht endlich einmal wieder Mehrer, nicht Verzehrer.
Helene dachte oft: die Hackentins können es brauchen! Gerade in diesem Winter kam ihr das recht klar zum Bewußtsein.
Daß es in Rackow kriselte, hatte sie schon im Sommer erkannt. Einmal erzählte Wilhelm, Ernst sei nur mit vieler List an der Schuldhaft vorbeigekommen. Nun erfuhr man, daß die Gläubiger das Sequester eingeleitet hatten. Dann kam Onkel Ernst nach Berlin. Aber wenn Helene gemeint hätte, daß er niedergeschlagen sein müsse, so hatte sie sich getäuscht. „Ja, ja, meine liebe Martha,“ meinte er mit seinem leisen behaglichen Lachen, „wir wären also glücklich pleite. Klingt sehr häßlich, nicht wahr? Ist aber gar nicht so schlimm. Ein paar Jahre, und wir sind wieder obenauf. Außerdem aber -- wozu hat man seine hübschen kleinen Konnexionen -- außerdem hab ich für die Karenzzeit ein Pöstchen als Kurdirektor in Ems erobert. Man kann auch so leben, meine Lieben.“ Dabei sah er unter seinem Einglas um die Ecke auf Tante Marie hin. Deren kleines Gamingesichtchen war freilich ein wenig spitzer geworden, aber sie trug den Nacken noch steifer als sonst. „~Enfin~, ich freue mich auf Ems. In der Saison haben wir da die Creme der ganzen europäischen Gesellschaft. Lauer hat gesagt, Majestät müßten im Sommer unbedingt hin. Mignonne, ich lade dich ein, wir wollen ein bissel Staat mit dir machen. Aber dann bist du wohl schon ein glückliches kleines Frauchen, und Merivaux wird sich nicht von dir trennen wollen.“
Als sie gegangen waren, lachte Wilhelm hinter ihnen her: „Ernst ist wie eine Katze, er fällt schließlich immer wieder auf die Füße. Vielleicht haben wir Hackentins alle etwas von der glücklichen Eigenschaft. Manchmal denk ich, unser Leichtsinn ist wie ein Schwimmgürtel, der in der Gefahr die besten Dienste tut ... Martha, ich bitt’ dich, mach’ nicht solch mechantes Gesicht. Und du, Lene ... na, du siehst ja jetzt oft aus wie eine betrübte Lohgerberswitwe, der alle Felle fortgeschwommen sind ... komisches Mädel ... nur daß dir auch das gut steht!“
Ja, es mußte ihr wohl gut stehen, daß ihr Gesicht so viel schmaler, daß sein Ausdruck so viel ernster geworden war.
Sie war nicht eitel, aber sie war doch ein junges Mädchen und ging dem Spiegel nicht aus dem Wege. Und wenn er es ihr nicht gesagt hätte, würden es ihr die Männeraugen verraten haben, die ihr überall folgten, bis zur Peinlichkeit.
Einmal sagte sie zu Merivaux: „Ich hab heute nacht geträumt, daß ich die Pocken bekommen hätte. Furchtbar häßlich war ich geworden, und als du kamst, hast du dich mit Abscheu von mir gewendet.“
„Aber, Helene, wie kann man nur solch törichtes Zeug träumen?“
„Es ist gar nicht so töricht. Im Gegenteil, es beschäftigt mich sehr. Nimm einmal an, der Traum wäre Wahrheit, ich wäre plötzlich sehr häßlich geworden. Dann würde deine Liebe zu mir sehr schnell zerstieben. Das ist mir ganz sicher. Gib’s nur ehrlich zu -- ich nehme es dir nicht übel.“
Sie sah ihm scharf in die Augen, wartete ungeduldig. Denn das wußte sie, er sprach immer die Wahrheit.
Da wurde er ernst. „Es tut mir weh, daß du so klein von mir denkst.“
„Ich denke gar nicht klein von dir. Es wäre ja nur natürlich, wenn du mich dann nicht mehr liebtest.“
„Nein: es wäre sehr unnatürlich, Helene. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: vielleicht würde ich mich in Helene Hackentin nicht verliebt haben, wenn sie nicht so wunderschön wäre. Aber verliebt sein und lieben ist doch zweierlei. Jetzt liebe ich dich! Und wahrhaftig: ich liebe doch nicht nur deine Schönheit, ich liebe dich um all deiner Eigenschaften willen. Ich lieb deine Stimme, ich lieb dein Herz und deine Seele, ich lieb dich, wenn du sonnig dreinschaust, und ich lieb dich, wenn die Schatten über deinen schönen Augen liegen. Glaub’ es mir nur: und wenn du heut häßlich würdest wie die Nacht, ich würde dich lieben, lieben -- lieben!“
Er hatte seinen Arm um sie gelegt, er zog sie sanft an sich, enger dann, immer fester. Ihren Kopf bog er sacht zu sich, bis ihr Widerstand nachgab: „Ich liebe dich! Deine Seele liebe ich!“ Und er küßte sie auf die geschlossenen Lider, er küßte die geschlossenen Lippen. -- --
Das waren wieder Augenblicke, in denen es in ihr Herz einzog, wie träumendes Glücksempfinden: „Ich werde ihn lieben ... ich liebe ihn schon ... vielleicht ... vielleicht lieb ich ihn wirklich ...“
Dann folgten Stunden, Tage, in denen sie ruhiger wurde, glauben lernte, sich zurecht fand, sich zwang und besiegte. Um das Weihnachtsfest spann sich solche Zeit freieren, froheren Aufatmens für sie. Ein wohliges Gefühl des Zusammengehörens überkam sie, eigentlich zum ersten Male. Sie gingen miteinander durch die menschenüberfüllten Straßen, ihre kleinen Einkäufe zu besorgen. Mit den frohlockenden Jungens zogen sie im rieselnden Schnee auf den Weihnachtsmarkt, der rund um das alte Zollernschloß an der Spree aufgebaut war, traktierten sie bei Josty an der Stechbahn, dem großen Süßigkeitsmann, mit Schokolade und Pfannkuchen; Helene erzählte von Onkel Grucker und Tante Hufnagel, und Gaston erzählte, wie er in Berlin erst den Christbaum kennen gelernt und deutsches Weihnachten. Gemeinsam mit Martha schmückten sie die Tanne. Dann kam der heilige Abend selber mit seinem heimeligen Zauber, mit Fichtennadelduft und Kerzenweihrauch. So liebevoll hatte Gaston an sie und an alle gedacht, so herzlich freute er sich über ihre kleinen Gaben. Von einem zum andern ging er, küßte der Omama die Hand, ließ sich von ihr streicheln, wie ein Kind; stand dann mit der Braut unter dem leuchtenden Christbaum, sah sie mit seinen blauen zärtlichen Augen an, fragte leise, bittend: „Hast du mich lieb?“ Da drückte sie ihm die Hand und sagte hochaufatmend: „Ich hab dich lieb, Gaston.“ Sagte es, wie befreit, und war gewiß, daß sie die Wahrheit sprach.
Durch die ganze frohe Festzeit hielt die schöne Stimmung an. Am Silvesterabend hatte Wilhelm nach den polnischen Karpfen einen Punsch gebraut. Rechte Fröhlichkeit wollte freilich nicht aufkommen; eine leise Wehmut lag auf dem kleinen Kreise, die Erinnerung an Vater, der am letzten Abend des Jahres immer seine kleinen Scherze getrieben hatte mit Schiffchenschwimmen und Bleigießen und groß gewesen war im Ausdeuten mit seinem „das heißt“. Unwillkürlich knüpfte sich manch anderer Rückblick auf das schwindende Jahr an. Wilhelm stöhnte ein wenig: es war geschäftlich ein schlechtes Jahr gewesen; der Zwist zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus wollte nicht enden, und haarscharf nur war Preußen am Zerwürfnis mit seinem Bundesgenossen von Schleswig-Holstein her, mit Österreich, vorübergekommen. „Wie Blei lastet die Politik auf jeder Unternehmungslust“, meinte er. „Wer mag denn sein Geld riskieren, wenn vielleicht schon die nächsten Monate Krieg bringen können. Krieg mit Österreich -- es ist gar nicht auszudenken. Wenn Vater das erlebt hätte, der immer auf Österreich geschworen hat!“
„Wir Soldaten -- wir sehnen natürlich solch frischen fröhlichen Krieg herbei“, warf Gaston dazwischen.
Da schrak Helene zusammen: „Sag’ das nicht!“ bat sie leise. „Sag’ das nicht!“
„Ich wär ein schlechter Soldat, wollt’ ich’s nicht sagen. Als Offizier Seiner Majestät ... nun ja, und es regt sich wohl auch das Landsknechtsblut meiner Ahnen. Damit mußt du dich schon abfinden, Helene.“
„Krieg -- es ist etwas Schreckliches um den Krieg.“
Omama saß am anderen Ende des Tisches, hatte ein kleines Nickerchen gemacht, aber die letzten Worte doch verstanden: „Kind,“ sagte sie, „es kann auch etwas Heiliges sein. Anno achtzehnhundertdreizehn ... ja ... und da haben die armen Frauen, die nichts anderes hatten, ihre goldenen Trauringe gegen eiserne vertauscht ...“
„Leicht würde unser allergnädigster Herr gewiß den Mobilmachungsbefehl nicht unterschreiben“, meinte Wilhelm. „Krieg gegen Österreich -- und mit Österreich vielleicht ganz Deutschland gegen uns ... es bleibt ein Wagnis. Ich hoffe immer noch, Bismarck findet einen anderen Ausweg, obwohl oft behauptet wird, er triebe uns dem Kriege zu.“
„... ja ... und Fräulein von Schmettau ließ sich ihr schönes Haar abschneiden ... hat’s an den Coiffeur verkauft und das Geld fürs Vaterland hingegeben ...“
„Daß der Herr von Bismarck den Krieg will, glaube ich nicht. Aber er weiß wohl, daß der Krieg oft eine Notwendigkeit ist, um aus verrotteten Zuständen herauszukommen, und er kennt keine Furcht. Solche Politik treibt er sicher nicht, wie die, die uns arme treue Neuchateller elend im Stich ließ.“
„... ja ... und da hielt ich das kleine Bändchen von Körner in der Hand ... ‚Leyer und Schwert‘ stand darauf ...“
Ganz still saß Helene.
Sie dachte eigentlich nicht an Gaston, daß der mit hinausziehen müßte ins Feld. Es war nur eine unklare, unheimliche Angst in ihr. Harro tauchte vor ihr auf, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte: die Primanermütze keck auf dem lockigen Blondhaar. Und Tante Marianne in den schwarzen Trauerkleidern, mit dem blassen Gesicht, das kleiner und immer kleiner zu werden schien. Wie unzählige trauerten gleich ihr, und wie kurz war der Feldzug gegen Dänemark gewesen, wie gewaltig mußte ein Krieg gegen das mächtige Österreich werden. Wie gewaltig, wie blutig.
Plötzlich brausten von der Straße her die lauten Neujahrsrufe. Die Glocken klangen.
„Auf ein glückliches neues Jahr!“ rief Wilhelm. Merivaux stand vor seiner Braut, sah ihr in die Augen. „Ein glückliches neues Jahr, ’elene,“ sagte auch er, und sie wußte, wie er das meinte und verstand. Beide Hände streckte sie ihm hin: „Viel Glück wünsch ich dir, Gaston -- all das reiche Glück, das du verdienst!“
Da kamen auch schon die Jungens hereingesprungen, halb angezogen nur, trotz des Verbots. Thede brüllte sein „Prosit Neujahr!“, Hans ging reihherum, seinen Glückwunsch zu sagen. Ganz zuletzt kam er zu Helene und Merivaux, machte ein etwas verlegenes Gesicht und einen etwas linkischen Kratzfuß und begann:
„Das alte Jahr ist nun verschwunden, In dem ihr beide euch gefunden. +Du+ kamst aus stolzem Bergesland, +Du+ stammtest aus dem märkischen Sand: Es gibt der Berg und Talesgrund Ganz sicher einen guten Bund!“
„Hallo!“ rief Wilhelm lachend. „Das sind ja Verse -- es reimt sich wenigstens.“
Hans wurde rot wie ein Puter, aber er fuhr tapfer fort:
„So lang ihr lebt, wird dieses Jahr Euch immer scheinen wunderbar. Und seid ihr alt wie Omama, Sagt sicher ihr: wie schön war’s da! Doch wünschen wir, die hier vereint, Daß euch die Sonn’ noch heller scheint, Daß ihr seid wieder übers Jahr Ein glückumstrahltes Ehepaar!“
„Der Junge, der Junge!“ Wilhelm hatte sich in einen Sessel fallen lassen und klatschte in die Hände: „Was sagst du dazu, Martha? Na, Mamachen, das hat er sicher von dir!“
Gaston hatte Hans rechts und links einen festen Kuß auf die roten Wangen gedrückt. Er war gerührt und wiederholte immer aufs neue: „Scharmant -- scharmant! Nicht wahr, Helene? Scharmant: ‚Daß ihr seid übers Jahr -- ein glückumstrahltes Ehepaar.‘“
„Ja, Gaston“, sagte Helene leise. Und nahm Hansens Kopf zwischen ihre beiden Hände: „Du guter Junge ... ich danke dir ...“
Omama hatte, während Hans sein Poem deklamierte, aufgemerkt, und, die Lippen bewegend, still mitskandiert; einmal den Kopf geschüttelt, dann so lebhaft zustimmend genickt, daß die schwarzen Schläfenlocken weit vornüberfielen. Nun wollte sie aufstehen. Martha sprang hinzu, stützte sie. So ging sie langsam um den Tisch herum, legte dem Enkel ihre Hand auf den Scheitel, machte vor dem Brautpaar einen kleinen graziösen Knix, und es schien, als wollte auch sie irgendein eigenes Verslein sprechen. Aber sie fand wohl die Worte nicht, murmelte ein Weniges, was niemand recht verstehen konnte, und sagte dann endlich: „Ja ... ja ... ihr Kinder ... übers Jahr ... ein glückumstrahltes Ehepaar ...“ -- --
Am Neujahrstag war Helene in der Garnisonkirche gewesen, auf Merivaux’ besonderen Wunsch, denn sonst ging sie meist mit Martha zu Büchsel in die Matthäikirche. Aber Gaston wollte, daß sie einmal Strauß predigen hören sollte -- und Gaston selber war heut in die Garnisonkirche kommandiert. Sie hatten sich freilich nur flüchtig begrüßen können. Aber er hatte ihr doch nach dem Gottesdienst vor der Tür die Hand geküßt, und sie hatte ihm dann noch nachgeschaut, während er seine Gardeschützen die Alte Friedrichstraße heraufführte, zurück zur Kaserne.
So herrlich hatte Strauß gesprochen. Über die Unruhe der Zeit und den Frieden im eigenen Herzen. Der alte König hatte in der Loge gesessen, mitten unter seinen Kriegern, ehrwürdig und sichtlich ergriffen.
An die Predigt dachte Helene und an den königlichen Greis, während sie langsam über die Spreebrücke schritt, am Museum vorbei, durch den Lustgarten. An die Unruhe der Zeit und den inneren Frieden, den Frieden des Herzens. Auch ihre Zeit war voll Unruhe gewesen, aber nun zog allmählich der Friede in ihr Herz. „Wir müssen um ihn kämpfen, auf daß er uns gegeben werde!“ hatte der Prediger gesagt. Auch sie hatte um ihn gerungen, nach ihren Kräften, und nun fühlte sie ihn in ihrer Brust. Nicht freilich als ein berauschendes Glück. Aber der Friede nach dem Kampf war wohl nimmer solch ein ganzes, volles Glück, denn das Weh der Kämpfe mußte noch lange, lange nachklingen. Und doch ein Glück! Eine wohlige Ruhe, ein friedvoller Ausblick aus der Gegenwart in die Zukunft -- das war es!
Über die Schloßbrücke ging Helene, am Kronprinzenpalais und dem Opernhaus vorüber; blieb ein paar Augenblicke am Denkmal des Großen Friedrich stehen, sah zu dem Eckfenster des Palais empor, an dem sich, wie sie gehört hatte, der König häufig zeigte, wenn die Wache aufzog. Aber es war wohl noch zu früh. Langsam ging sie weiter, die Linden entlang.
Gerade wollte sie die Charlottenstraße überschreiten, da erschrak sie heftig. Es war wie ein Schlag. Das Herzblut stand ihr still ...
Drüben, vom Gendarmenmarkt her, kam ein Paar.
Eine elegante, nein -- eine aufgeputzte Dame, sehr groß, sehr robust, mit flatternden Hutbändern um das volle Gesicht, das gewiß einst schön gewesen war --
Und neben ihr -- neben ihr -- Alfred Schwarz --
Fliehen wollte Helene, fliehen. Aber ihr Fuß stand wie gebannt.
Mühsam trat sie endlich ein paar Schritte zurück, trat in einen Hauseingang. Er sollte sie nicht sehen, durfte sie nicht erkennen.
Doch dann fühlte sie: er erkannte sie nimmer.
Alles sah sie, nichts entging ihr, während sie tief in den Hauseingang gedrückt stand und das ungleiche Paar drüben vorüberging, so nah, daß sie die laute Stimme der Frau hören konnte. Nicht die einzelnen Worte, aber den unfreundlichen, schneidenden Ton.
Alles sah sie. Er war noch immer sehr elegant angezogen, aber die Kleider schlotterten um seine Glieder. Die Frau -- seine Frau sprach auf ihn ein. Da kam ein spöttisches Lächeln in seine Züge. Dann schlich er weiter. Sein Stock stieß schwer auf die Steine. Jetzt bogen sie in die Linden ein -- -- --
Helene stand noch immer in der Flurnische und rührte sich nicht. Sie starrte auf die Stelle, wo er soeben drüben Halt gemacht hatte, um Atem zu schöpfen, wo er spöttisch gelächelt hatte, wie jemand lächelt, der da denkt: was verschlägt’s?! Der Vorhang fällt, die Komödie ist aus -- --
Das Herz krampfte sich ihr zusammen.
Das also war die Frau, um derentwillen er sie betrogen hatte und gedemütigt! Kaum zweihundert Schritte von hier, damals, als sie in der Winternacht vor seinen Fenstern stand, als hinter den blauen Vorhängen die Lichter aufflammten und die Silhouetten sich scharf abzeichneten: er und sie --
Wie die Erinnerungen kamen! Da hatte man geglaubt, sie seien eingesargt für immer. Und nun stiegen sie empor, lebten ein neues Leben, bohrten sich ins Herz.
Die Erinnerungen kamen und der Zorn und die Scham. Und dann über alles hinweg das große, große Mitleid.
Es war nicht mehr Liebe. Aber es war doch das Mitleid, das aus der Liebe geboren war. Die war tot, war tot -- und lebte doch weiter in diesem alles durchdringenden Mitleid. Sie lebte weiter in den Erinnerungen, die längst eingesargt waren, und die doch wieder auferstanden, wühlten und schmerzten. Die immer wieder auferstehen würden, über die nichts hinwegtrug -- nichts --
Und alles andere war Betrug und Selbstbetrug. Betrug war und Einbildung der erkämpfte Frieden. Betrug war, daß dies Herz je, jemals einen anderen lieben könnte. Betrug war jeder Kuß, den diese Lippen gaben, Betrug jedes Wort der Zärtlichkeit, Betrug jede Hoffnung auf ein zukünftiges Glück. -- --
Zu Hause waren sie im Festtagskleide und in Festtagsstimmung. „Schade nur, schade, daß der gute Gaston heut nicht kommen konnte, daß er Kasernendienst hatte. Gerade heute, armes Bräutchen ...“ meinte Wilhelm. „Bissel elend sieht die Helene aus. Hat wohl ein kleines Silvesterkäterchen.“
Sie scherzten und lachten. Sie konnten scherzen und lachen und das neue Jahr in Gedanken und Wünschen mit Rosengirlanden umwinden -- -- --
Dann saß Helene in der Enge ihres Zimmers und schrieb, während Omama dicht neben ihr auf dem Kanapee träumte, Bogen auf Bogen an Gaston; zerriß Bogen auf Bogen, kämpfte ihre Tränen und ihr Schluchzen herunter, daß Omama nichts merke, setzte wieder an, fand nicht Anfang und nicht Ende.
Was sollte sie schreiben?!
Bis sie dann endlich, in angstvoller Verzweiflung, ein paar Worte fand:
„Ich flehe Dich an, Gaston, gib mich frei. Wenn Du mich lieb hast, und ich weiß, Du hast mich sehr lieb, so gib mich frei. Ich bin sehr schlecht. Ich habe Dich betrogen und belogen. Ich kann nicht vergessen, und von Dir weiß mein Herz nichts. Sei Du barmherzig zu mir, wie Du immer gütig warst: gib mich frei. Deine unglückliche Helene.“
Sie überlas gar nicht, was sie geschrieben hatte, kuvertierte, schrieb die Adresse, huschte die Treppe hinunter zum nächsten Briefkasten, warf den Brief ein. Und wäre fast zusammengebrochen, als der kleine Deckel mit leisem Rascheln zuschlug -- hinter dem Briefe, der ihr Schicksal barg.
In fliegender Hast, wie gepeitscht, war sie auf die Straße geeilt. Schwer und langsam stieg sie die Treppe hinauf. Und suchte sich einen stillen Winkel, um sich auszuweinen. Zu weinen um den einen und um den anderen. -- --