Part 20
Wohl eine Viertelstunde mußte sie in dem kleinen Raum warten, den Vater als sein eigentliches Heiligtum betrachtet hatte. Die Kinder, die Enkel hatten ihn selten betreten dürfen. In ihrer Stimmung aber empfand Helene doppelt eindringlich das Persönliche in diesem Zimmer. Die fast spartanische Einfachheit seiner Ausstattung, die vom Dorftischler gefertigten birkenen Stühle, das steife Roßhaarsofa, der gewaltige Schreibtisch, den Vater seiner Größe halber immer die „Kossätenscheune“ genannt hatte: das alles erinnerte sie an ihn, stimmte sie wehmütig. An der Wand hingen ein paar Familienbilder. Einmal, als sie noch ein Kind war, hatte er ihr die erklärt: „Das da war mein Herr Vater, Helene -- das heißt, wir mußten ja damals zu unseren Eltern Sie sagen und Herr Vater und Frau Mutter. War auch ein gestrenger Herr, gegen uns Kinder, gegen alle Leute. Ich hab’s noch mitansehen müssen, daß er einen Knecht peitschen ließ, bis der ganze Rücken blutig war, und uns hat er auch oft genug mit der Karbatsche gezüchtigt. Ein gestrenger, ein harter Herr -- das heißt, mit allem Respekt zu sagen. Aber es ist doch besser, wenn der Mensch ein weiches Herz hat. Man soll seinem Mitmenschen nichts zuleide tun, wenn man es vermeiden kann. Man soll auch mal ein Opfer bringen können deshalb. Merke dir das, mein Kind.“ Und da hing auch die Silhouette der schönen Tante Charlotte, die sie in der Familie das Bild ohne Gnade hießen -- Tante Charlotte Hackentin, die um die Wende des Jahrhunderts Hofdame bei der Prinzessin Wilhelm gewesen war und von der die Sage ging, daß sich ihrethalben der Graf Hoym erschossen hätte.
Eine Weile stand Helene vor den Bildern.
Dann wandte sie sich ab und schüttelte den Kopf. Nein -- es war töricht, Vergleiche und Folgerungen ziehen zu wollen. Töricht, kindisch war’s. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Das war es, nichts anderes.
Und da trat auch schon Merivaux ins Zimmer, kam auf sie zu, faßte ihre beiden Hände, sah ihr tief in die Augen: „Liebe ’elene, liebe Helene,“ sagte er, „wie schwer hast du gelitten! Ich hab immerzu -- immerzu nur an dich gedacht. Liebe Helene --“
Er küßte ihre Hände. Er wollte sie an sich ziehen.
Da bog sie sich weit zurück.
„Helene“, rief er. Erstaunt, erschrocken. Aber dann kam ein Lächeln auf sein Gesicht, ein kleines, zärtliches, schmerzliches Lächeln. Er küßte ihr noch einmal die Hand. „Arme, liebe ’elene“, sagte er wieder. „Oh, ich weiß, wenn ich meinen alten Papa hätte begraben müssen, ich würde auch nicht zu trösten gewesen sein ...“
Er suchte ihren Blick. Sie wandte das Gesicht zur Seite.
„... aber wenn dein Papa auf uns herabsieht ... ganz gewiß, Helene ... er würde uns segnen.“ Und nach einer Weile: „Sieh mich doch nur einmal an. Ich hab solch eine große Sehnsucht gehabt nach dir ... solch eine Sehnsucht. Ich hab dich ja so lieb!“
Immer noch hielt er ihre beiden Hände.
Zuerst hatte er Deutsch gesprochen. Nun strömten ihm, unbewußt wohl, die Laute seiner Muttersprache über die Lippen. „Manchmal denk ich, wie ich nur hab leben können ohne dich? All die Zeit, diese langen zwei Jahre! Lange, schwere Jahre, Helene! Und dann, endlich, endlich, neulich das Glück. Kaum getraut hab ich mich noch zu hoffen. Aber da war es mit einem Male, ein Geschenk des Himmels, dein Geschenk, Helene. Das Glück, das Glück, -- deine Liebe!“
Und mit einem Male sprach er wieder Deutsch. „Sag’ einmal, einmal nur: ich hab dich lieb, Gaston ... Gaston ... hörst du ... Gaston, ich hab dich lieb ...“
Was hatte sie ihm nicht alles sagen wollen?! Wie hatte sie sich das alles überlegt! Ruhig, verständig: ‚Es war ein Rausch, Herr von Merivaux, der Rausch eines Augenblicks. So sehr ich mich schäme, ich muß es Ihnen gestehen. Um Ihretwillen; ich bin es Ihnen schuldig. Ich habe eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen, aber nicht mehr. Das langt nicht für das Leben. Wenn Sie mir zürnen, muß ich es tragen als die Schuldige. Nur verachten Sie mich nicht.‘ Das alles hatte sie ihm sagen wollen, und noch viel mehr. Ruhig, verständig, gewissenhaft. Ganz scharf hatte sie es sich überlegt und erwogen.
Und nun brachte sie kein Wort über die Lippen.
Seine zartfühlende Art lähmte sie. Die innige Liebe, die aus seinen Worten, aus seinem Wesen sprach, lähmte sie. Ihr Wille schmolz dahin. Und sie dachte nur das eine: ‚Mein Gott, wie soll das werden?‘ Dachte in tiefster Herzensangst: ‚Du kannst ja nicht nein sagen! Du hast ja nicht die Kraft, ihm diesen Schmerz zuzufügen.‘
Dann hörte sie wieder: „Ansehen sollst du mich, liebe Helene. Nur einmal ansehen!“
‚... Du hast nicht die Kraft, du hast wohl auch nicht das Recht! Was kommt es denn auf dich an? Denke nicht an dich, denke an ihn! An seine große Liebe!‘
„Sag’ einmal: Gaston, ich ’ab dich lieb ...“
Es klang so rührend, es klang so gut! Und sie war doch nun einmal die Schuldige, die Schuldige geworden vor fünf Tagen, oben im Rackower Park, im Mondenschein. Damals hätte sie sich wehren müssen, fliehen, flüchten. Nun war es zu spät. Nein sagen, jetzt: es wäre eine Unbarmherzigkeit gewesen und ein Unrecht. Er hätte sie verachten müssen -- oder es hätte ihn in die Verzweiflung gestürzt. Aus Mitleid mit ihm schon durfte sie nicht nein sagen ...
„Einmal nur: Gaston, ich ’ab dich lieb ...“
Ganz langsam wandte sie ihm ihr Gesicht zu.
Und stammelnd, wie ein Kind, sprach sie: „Ich, ich hab dich lieb ...“
„Sag’: Gaston!“
„... Gaston ...“
Da nahm er sie in die Arme und küßte ihr die Tränen aus den Augen.
Acht Wochen später gingen die Verlobungsanzeigen ins Land.
Wilhelms waren nun längst wieder in Berlin, Omama und Helene mit ihnen.
Man hatte sich etwas stark einschachteln müssen in der Wohnung. Helene mußte mit der Mutter ein Zimmer teilen; der Flügel war in Wilhelms Arbeitszimmer untergebracht worden. Eng war es, aber Martha wußte für alles Rat. Sie freute sich der Omama wie eines lieben Vermächtnisses, betreute und verhätschelte sie und wurde nur, dann und wann, ein wenig ungnädig, wenn sie die Jungens gar zu sehr verzog, ihnen zur unrechten Stunde eines ihrer unzähligen Hausmittelchen eindoktern wollte, oder wenn Omama sich an ihrer Nähmaschine zu tun machte. Denn diese Nähmaschine, die ihr Wilhelm kürzlich geschenkt hatte, war ihr etwas wie ein Heiligtum. Sie kostete freilich auch fast genau hundert Taler, und alle bekannten Damen kamen, um das neue Wunder anzustaunen, das die Singer-Kompanie gerade erst in Preußen einzuführen begonnen hatte. Omama konnte wohl ein Viertelstündchen dem Spiel des blanken Schiffchens zusehen; dann aber ging sie meist, kopfschüttelnd, zu ihrem Sorgenstuhl an das andere Fenster und schaute auf den Platz vor der Halleschen Brücke hinaus; wenn dort zwei Omnibusse hielten, drei Torwagen ihres Wegs zogen und ein halbes Dutzend Menschlein hasteten, dann sagte sie: „Liebes Kind, welch eine Cohue! Welch eine Cohue!“ Und sie schüttelte dabei die ewig kohlschwarzen, an jedem Morgen mit dem Tolleisen gebrannten Locken, die zu zwei und zwei rechts und links an ihren Schläfen wie Perpendikel hin und her schwangen.
* * *
Einige Tage nach der Ankunft in Berlin war der alte Herr von Merivaux gekommen, um die Braut seines Sohnes zu begrüßen. Ein stattlicher, vornehmer Herr, mit einem rosigen Gesicht, langem, weißem Schnurrbart und weißem Henriquatre; im Knopfloch seines schwarzen Gehrocks trug er ostentativ das Bändchen des Roten Adlerordens.
Er war herzlich zu Helene, ein wenig zurückhaltend Wilhelms gegenüber. Helene hatte die Empfindung, als ob er bisweilen seine Augen etwas erstaunt, etwas enttäuscht über die einfache Einrichtung schweifen ließe, und sie straffte sofort den Nacken: sollte ich ihm vielleicht nicht gut genug sein, hat er eine reiche Schwiegertochter erwartet? Aber sie mußte bald erkennen, daß sie sich getäuscht hatte. Der alte Herr entwickelte eine herzgewinnende natürliche Liebenswürdigkeit. Er sagte ihr die reizendsten Artigkeiten, erklärte, daß er sehr erfreut wäre, eine preußische Aristokratin, eine Tochter aus so alter märkischer Familie, zur Schwiegertochter zu erhalten -- fügte lächelnd hinzu: „Daß mein neues Töchterchen +so+ schön ist, konnte ich freilich trotz Gastons Enthusiasmus nicht ahnen.“ Und dann kam die Frage, die sie gefürchtet hatte. Wieder mit einem leichten Lächeln: „Junge Leute haben es immer eilig, und sie haben recht. Man kann nicht früh genug ganz glücklich werden. So darf ich gewiß fragen, ob Sie schon den Termin der Hochzeit festgesetzt haben?“
Sie schöpfte tief Atem. „Keinesfalls -- vor Ablauf des Trauerjahres“, sprach sie dann rasch und entschieden. Im gleichen Augenblick sah sie, wie Gaston errötete, daß Wilhelm, der der französisch geführten Unterhaltung nur mühsam folgen konnte, wie abwehrend die Hand hob.
Aber da verbeugte der alte Herr sich schon gegen sie: „Pardon ... ich muß wirklich sehr um Verzeihung bitten. Ihr Entschluß ehrt Ihre Gesinnung, liebe Tochter. Eine gute Tochter wird stets auch eine gute Frau. Sie haben durchaus recht. Gaston wird sich bescheiden müssen, so schwer das seiner Liebe gewiß ist.“
Gaston mußte sich bescheiden --
Er mußte sich überhaupt bescheiden: Helene war eine sehr spröde, eine herbe Braut. Sie war zu verständig, seiner Zärtlichkeit zu wehren, aber sie erwiderte sie nicht. Ein Dulden war’s, nie ein Geben. Und dann und wann kamen Stunden, in denen sie sich ihm ganz zu entziehen suchte, wo ihre Herbheit zur Härte wurde, ihre Kühle zur eisigen Kälte.
Einmal sagte ihr Martha: „Nimm mir’s nicht übel, Lene, aber ich muß dir die Leviten lesen. Du bist eine merkwürdige Braut! Hast du denn Fischblut in den Adern? Oder ist es ein kokettes Spiel, das du mit Gaston treibst? Ich an seiner Stelle ... ich ließe mir das einfach nicht gefallen.“
Merivaux hatte den Abend bei Wilhelm zugebracht. Als er aufbrach, geleitete Helene ihn gerade bis an die Zimmertür. Er stand wartend, ihre Hand in der seinen, mit einem bittenden Lächeln: „Nun ... du kommst doch noch einen Moment mit hinaus, ’elene?“ Da hatte sie den Kopf geschüttelt: „Geh nur! Gute Nacht!“
Jetzt saß sie in dem alten Ohrenwangenstuhl, der von Rohlbeck aus mitgewandert war, den Kopf ganz in die eine Ecke gedrückt, und Martha stand vor ihr, im sonst so ruhigen Gesicht den ehrlichen Zorn.
„Nein, ich ließe es mir wahrhaftig nicht gefallen! Ein so lieber Mensch ist Gaston. Immer gleich artig, immer aufmerksam. Und immer aufs neue sieht man, wie er dich liebt. Und du -- wenn ich’s nicht besser wüßte, möchte ich sagen: ein Eisblock bist du. Wenn er nur mal ordentlich aufbrausen wollte! Dir deinen Kopf zurechtsetzen! Ich gönnte es dir!“
Ganz fest drückte Helene den Kopf gegen das harte Polster. Die Augen hatte sie geschlossen.
„Manchmal möchte man wahrhaftig glauben, du hättest Gaston nicht lieb!“
Die beiden Hände preßte Helene auf die Armlehne. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.
Und dann stand sie plötzlich auf, legte ihre Hände auf Marthas Schultern: „Quäle mich nicht! Ich bin so müde!“ sagte sie. „Schlaf wohl -- wenn du kannst!“ und ging hinaus. Ging in ihr Zimmer, das sie mit Omama teilen mußte. Die lag schon im Bett, konnte aber nie einschlafen, ehe die Tochter kam, und redete dann immer noch allerlei. Halb waren’s Monologe, halb war’s an Helene gerichtet.
„Dein Gaston ... ja ... dein Gaston! Anno dreißig oder einunddreißig war ich in Karlsbad. Da lernte ich einen jungen Grafen Meerwedt kennen. Auch so chevaleresk wie dein lieber Gaston. Da haben wir einmal eine Partie in den Wald gemacht. Der Herr von Auerswald hatte die entrepreniert ...“ Dann kam ein halblautes Lachen ... „und da war eine junge Komteß Adelau, und mit einem Male war der Meerwedt und sie verschwunden, und dann fanden wir sie, gerade als er sie embrassierte ... Ja, die Jugend!“
Nun hatte sie schon Mutter gute Nacht gesagt und das Licht gelöscht. Da fing Omama noch einmal an, kicherte ein wenig und sagte: „Hörst du noch, Lenchen? Ich wollt nur sagen: vor dem guten Papa durft ich ja nie davon reden. Der war ja immer so komisch, wenn ich von Körner erzählte. Ja, wie war das doch nur? Ich find’s wohl nicht mehr recht zusammen. Wie war das doch nur?“
Ein Weilchen schwieg Omama. „Richtig, Lene, jetzt hab ich’s. Hörst du? Es ist so hübsch, was der Theodor sagt: Drum leb’, wer das Küssen und Lieben erdacht ... ja ... wer das Küssen erdacht ... Ich war auch einmal jung ... Küßt du ihn gern, deinen lieben Gaston?“
Ein leises Kichern wieder, ein halblautes: „Ja ... die Jugend ...“ Bald kamen die tiefen, ruhigen Atemzüge. Omama schlief. Gewiß lag auf ihrem guten Antlitz zwischen all den Runzeln und Fältchen ein Lächeln der Erinnerung.
Aber Helene fand und fand keinen Schlaf, bis der Morgen graute. Auf ihr lastete die Gegenwart, und sie fürchtete sich vor der Zukunft.
Wie sie alles jetzt hinausschob, hinauszögerte, als erwartete sie, daß irgendein kommender Tag ihr eine Befreiung bringen könnte, so hatte sie auch die nötigsten Besuche hinausgeschoben. Schließlich sah sie selber ein, es mußte der Pflicht genügt werden.
Es waren der Besuche ja auch nicht viel zu erledigen. Von den Kameraden Merivaux’ waren nur wenige verheiratet.
Aber auch Tante Marianne Oschitz stand auf der kleinen Liste. Es herbstete schon stark, als das Brautpaar vor der einsamen Insel vorfuhr; und als Helene am Arm Merivaux’ durch den Vorgarten schritt, dachte sie unwillkürlich: ‚nun sind es drei Jahre, seit du hier einzogst. Erst drei Jahre -- schon drei Jahre! Die dir mehr Erleben gebracht haben, mehr als alle anderen. Und kein Glück ...‘
Sie dachte noch daran, als sie vor Tante Marianne stand. Es mochte wohl nicht so glücküberströmend klingen, wie das gleiche Wort aus anderem Mädchenmunde: „Mein Bräutigam, liebe Tante.“
Die kleine alte Frau machte einen hinfälligen Eindruck. Sie hatte sich bei dem Eintritt der beiden mühsam erhoben, kam ihnen auf dem Stock mit schwerer Elfenbeinkrücke gestützt entgegen, sagte freundlich mit ihrer leisen, sanften Stimme: „Ich freue mich herzlich. Der Segen Gottes möge mit eurem Bunde sein --“, und dann stutzte sie plötzlich.
Es war nur auf einen Moment, sie nötigte gleich zum Sitzen. Immerhin war es so auffallend, daß es Helene nicht entging. Sie sah auf Merivaux, wie eine Erklärung suchend. Aber der stand gerade aufgerichtet, nach seiner Gewohnheit Tante Marianne mit seinen großen, blauen Augen hell ansehend. Immer sah er allen Leuten so ins Gesicht, so offen und zuversichtlich.
Tante Marianne war heut sehr weich und gütig, zeigte ein lebhafteres Interesse, als sonst ihre Art war, erkundigte sich nach Merivaux’ Heimat, nach seinen Plänen für die Zukunft; schien sich zu freuen, als er frisch und fröhlich antwortete: „Ich ’ab nur einen Plan für die Zukunft, meine Frau recht glücklich zu machen.“ Sie lächelte, nickte und hatte gleich eines ihrer alten Sprüchlein: „Wer glücklich ist, kann immer glücklich machen! ... Sie haben so zuversichtlich glückliche Augen, lieber Herr von Merivaux.“
„Ich ... glückliche Augen, gnädige Frau?“
„Jawohl, glückliche Augen. Sorge nur, Helene, daß ihnen jeder trübe Schatten erspart bleibt.“
Sie sprachen noch dies und das. Dann war es Zeit, aufzubrechen. Aber als sie sich schon empfohlen hatten, hielt Tante Marianne Helene noch einmal zurück. Ihre Stimme bebte ein wenig, und in ihrem kleinen, blassen Gesicht lag ein Zug des Ergriffenseins. „Ist dir das auch schon aufgefallen,“ flüsterte sie hastig, „daß dein lieber Gaston die Augen von meinem Harro hat? Ganz Harros Augen.“ Und sie hob sich plötzlich auf den Zehenspitzen und küßte die Nichte zärtlich: „Lang mögen sie dir leuchten ... lang ...“
Draußen, im Vorgarten, fragte Merivaux: „Was hatte deine Frau Tante dir noch anzuvertrauen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts Besonderes, Gaston --“ und ging mit gesenktem Kopf neben ihm weiter bis zum Wagen. ‚Ja, Harros Augen‘, dachte sie. ‚Seine Augen, Harros Augen ... die haben es mir damals angetan, im Rackower Park ... --‘
Eine verhaltene Bitterkeit, fast etwas wie ein Vorwurf, lag in dem Gedanken. Sie fühlte es selber, empfand es als ein Unrecht. Fühlte sich ihm gegenüber ja so oft im Unrecht. Als sie im Wagen saßen, war es ihr, als müßte sie etwas gutmachen ihm gegenüber. Sie zwang sich, auf seine lebhafte Unterhaltung einzugehen, mit ihm zu plaudern. Und sie fand plötzlich, daß das gar nicht so schwer war. Er erzählte so anregend, er hatte so viele Interessen.
Einmal sagte sie, ein wenig nachdenklich: „Ich finde eigentlich, Gaston, daß du dich in den letzten Jahren recht verändert hast.“
„~Mon Dieu~ ...“ gab er halb im Scherz, halb wirklich erschrocken zurück ... „Zu meinem Nachteil?“
„Nein, Gaston. Als ich dich kennen lernte, konnte ich in dir nicht mehr sehen als einen flotten, jungen Offizier.“
„Und nun?“
„Jetzt bin ich bisweilen erstaunt, wieviel du weißt. Daß dich Literatur und Kunst so stark interessieren.“
Er scherzte wieder: „Also gewiß ... du hast mich damals unterschätzt.“ Dann wurde er ernst: „Es liegen drei Jahre dazwischen, Helene. Drei Jahre bedeuten viel im Menschenleben. Oder richtiger, sie können viel bedeuten. Mir haben sie jedenfalls manch innere Wandlung gebracht. Aber ich könnte dir zurückgeben, was du mir sagst. Als ich dich kennen lernte, warst du auch nur ein wunderschönes charmantes Mädchen, dem eine gütige Fee die herrliche Stimme geschenkt hatte -- eine Zufallsgabe schließlich. In den drei Jahren bist du eine andere geworden --“
Da hielt der Wagen. Sie mußten aussteigen, um bei Frau von Gélieu die Karten abzugeben und zu erfahren, daß die gnädige Frau ausgegangen wäre.
Als sie dann wieder im Wagen saßen, war Helene es, die den abgerissenen Faden der Unterhaltung neu aufnahm.
„Du sagtest, ich wäre eine andere geworden. Ich wünschte dir, ich wäre das junge Mädchen geblieben, das ich damals war.“
„Helene!“ rief er.
„Du würdest glücklicher sein.“
Es war ein Zwang in ihr, ihn anzusehen, als sie das sagte. Aber sie sah in so leuchtende Augen, daß sie den Blick senken mußte.
„Ich kann nur noch glücklicher werden!“ sagte er dann heiß. Schwieg einen Moment, schöpfte tief Atem und fuhr fort, nun sehr ernst. „Es ist wirklich nicht anders, liebe Helene: ich kann nur noch glücklicher werden. Ich weiß, daß wir es beide werden. Da du davon angefangen hast, will ich es dir gestehen: ich leide gewiß oft unter deinem harten Wesen. Wie könnte es anders sein! Aber sieh: mein Vater ist ein sehr kluger Mann. Als wir drei neulich zum letztenmal beisammen waren, ging ich mit ihm den weiten Weg bis zu seinem Hotel. Wir sprachen natürlich von dir -- nur von dir. Er ist sehr empfänglich für Frauenschönheit. So war er bezaubert von deiner Erscheinung. Dann schwieg er eine ganze Weile und sagte endlich: ‚Weißt du auch, Gaston, daß du dir deine Braut erst erobern mußt? Ihre Seele ist noch nicht bei dir.‘ Die Hand hab ich ihm gegeben: ‚Ich weiß es, Papa. Aber ich werde um sie werben, nimmer müde, bis sie ganz mein ist. Denn ich habe sie lieb über alles in der Welt.‘“
Sie saß wieder mit gesenktem Kopf, sprach kein Wort.
Mit einem Male hörte sie neben sich sein frisches, fröhliches Lachen, das so seltsam klang nach seinen ernsten Worten und doch in diesem Augenblick so wohltuend und befreiend war.
Er deutete zum Fenster hinaus: „Hier wohnte einst mein Landsmann Merveilleux. Kennst du seine Geschichte mit dem Droschkenkutscher? Also wir Schützen sind doch nun mal lebenslustige Leutchen. Zwei von uns, Merveilleux und Pfuel, waren es ganz besonders. Abend für Abend tollten sie in Berlin herum, und oft graute der Morgen, ehe sie daran dachten, in unser Quartier, hier weit draußen, an der Köpenicker Landstraße, zurückzukehren. So waren sie der Schrecken der biederen Droschkenkutscher geworden. Die fürchteten die Fahrt nach der Kaserne wie das höllische Feuer. Geht eines Abends Pfuel allein aus. Es wird wieder peinlich spät oder früh, ist außerdem ein schreckliches Wetter -- ~gressillement~, wie wir’s nennen. Mein Pfuel will also fahren, erwischt auch eine ~voiture~. Kaum aber sieht ihn der Droschkenkutscher -- sie kannten ihn alle -- so haut er auf sein Pferd ein und ruft nur noch: ‚Adieu, Pfuel, ... grüßen Sie Murmeljahn!‘ Fort war er. Und jetzt sind wir bei unserer Kommandeuse --“
Seine ernsten Worte -- sein frohes Lachen tönten in ihr nach. Sie fühlte sich frischer und freier. ‚Man muß ihn gern haben‘, dachte sie. ‚Ich müßte ihn liebhaben.‘ Und sie dachte weiter: ‚Vielleicht -- vielleicht werde ich ihn liebhaben.‘
In dieser Stimmung ging sie auch endlich zu Frau Harriers-Wippern. Nicht zuletzt auch auf seinen Wunsch. Er hatte schon so oft gebeten, daß sie den Unterricht wieder aufnehmen sollte.
Die Lehrerin kam ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Ich hab ja schon gratuliert, aber ich möchte meinen Glückwunsch gern noch einmal mündlich und recht innig wiederholen. Ich habe mich so sehr gefreut, liebes Fräulein Helene! Nicht zuletzt, weil unser Merivaux der Glückliche ist.“
‚Unser Merivaux‘ ... es klang Helene Hackentin ganz eigen.
Sie saßen wieder beieinander in dem kleinen Gartenzimmer der Sängerin, und Helene hörte, doch mit einiger Verwunderung, wie beliebt und geschätzt ihr Bräutigam in den engeren musikalischen Kreisen war. „Es ist merkwürdig, wie viele Offiziere gerade in Berlin wirklich verständnisvolle Musikfreunde sind. Aber unser Merivaux steht da in erster Reihe. Ich meine natürlich nicht als ausübender Künstler -- darauf kommt es ja auch gar nicht an. Aber er hat die rechte Liebe, hat Verständnis, hat Urteil ... und hat seine besondere, so unendlich liebenswürdige Gabe, das alles zum Ausdruck zu bringen.“ Frau Harriers hielt immer noch Helenes Hand und drückte sie herzlich: „Mein erster Gedanke, als ich die Anzeige las, war ein Gedanke der Freude: sie beide passen so trefflich zueinander. Eine kleine Spur Selbstsucht war auch dabei, daß ich’s nur gestehe: so geht Helenens Kunst doch nicht verloren!“
Helene war wortkarg, war in tiefem Sinnen. Sie hatte in den letzten drei Monaten so wenig an ihren Gesang gedacht. Manchmal, wenn Merivaux bat, wenn er sie zum Flügel führen wollte, hatte sie abgewehrt -- wie sie immer abwehrte. Ein-, zweimal hatte er seine Geige mitgebracht: sie hatte auch ihn nicht gebeten, zu musizieren. Nun fühlte sie auch hier ein Unrecht. Und empfand seinen Zartsinn, der nie ungeduldig wurde, nie drängte, nie einen Vorwurf hatte, als besondere Güte.
„Ich hoffe, Fräulein Helene, Sie bringen mir ihn bald. Vielleicht musizieren wir dann einmal zusammen. Wie aber steht’s mit uns beiden? Sie nehmen doch die Stunden wieder auf?“ Frau Harriers schrak ein wenig zusammen, sie bemerkte wohl erst jetzt, daß die Braut ganz in Schwarz gekleidet war. „Ja so, Sie armes Kind! Aber ich meine, Musik, gute edle Musik eint sich auch mit der tiefsten Trauer. Sie trägt uns ja himmelan, über alles Irdische hinweg.“
„Die ‚Elsa‘ möchte ich jetzt ruhen lassen ...“ sagte Helene gepreßt. „Ich kann nicht ...“
„Das verstehe ich. Lassen Sie mich nur sorgen. Wir halten unsere alte Zeiteinteilung fest -- nicht wahr? Und grüßen Sie mir Ihren lieben Gardeschützen, der so gut in Ihr Herz zu treffen wußte.“
Daß er nur besser in das Herz getroffen hätte ...
Daß dies herbe spröde Herz sich gar nicht regen wollte ...
Überall, wo Helene hinkam, hörte sie Merivaux rühmen, hörte sie sein Lob. In den verschiedensten Schattierungen. Wilhelms liebten ihn schon jetzt wie einen Bruder; er hatte Tante Mariannens so schwer zu erringendes Wohlgefallen gewonnen; die Frauen der verheirateten Kameraden hatten sie ein wenig geneckt, daß sie den charmantesten aller Junggesellen im Bataillon in Amors Fesseln geschlagen; der Kommandeur hatte Wilhelm gegenüber Merivaux einen der begabtesten Offiziere genannt und einen unübertrefflichen Kameraden.