Part 19
Die Jungens standen scheu, verstört, mit roten Augen. Sie riß sie an sich -- die mußten doch mit ihr fühlen! Ja, die Tränen saßen ihnen locker. Aber nachher schlichen sie auf den Zehenspitzen zu ihren Kaffeetassen. Und drüben lag Vater, Großvater, der sie so sehr geliebt hatte!
„Martha! Martha, wie ist es denn nur möglich! Wie ist’s denn nur gekommen?“
„Du mußt ruhiger sein, Lene. Ehre Gottes Willen! Er hat unserem lieben Vater doch ein so langes Leben und einen so sanften Tod geschenkt!“
„Vater war so rüstig! Vater hätte noch zehn, zwanzig Jahre leben können. Martha, wie ist es gekommen?“
Da sagte es Martha.
Vater war ganz munter gewesen, hatte noch mit beiden Jungens selber die Posttasche geholt. Dann hatten sie um den runden Tisch gesessen, Vater bei der Zeitung --
Martha stockte ein wenig. Aber es war nur wie ein zögerndes Atemholen. „Vater hat sich vielleicht über etwas in der Zeitung geärgert, hat auch geschimpft. Aber dann ist er aufgestanden und ist auf und ab gegangen -- du weißt ja, wie alle Tage. Mutter hatte die Familiennachrichten vor sich. Ich häkelte. Siehst du -- und da kommt Vater mit einem Male zu Mamachen, beugt sich ein wenig über sie und sagt: ‚Ich weiß nicht, Elisabeth, ich weiß nicht, mir ist so komisch, das heißt --‘ und da fällt er auch schon vornüber. Grad, daß ich ihn noch auffangen konnte. Wir haben ihn gleich zu Bett gebracht. Der Hans ist zum Pastor gelaufen. Vater hat noch ein paar undeutliche Worte gesprochen, lag dann still. Da schrieb ich schnell an dich und hab an Wilhelm depeschiert und einen reitenden Boten nach Stellberg geschickt zu Fritz und zum Doktor --“
„Ja -- ja -- du hast an alles gedacht!“
„Das mußte ich doch, Helene. Wer sollte es denn sonst? Und dann ist Papa sanft hinübergeschlafen. Ich war zuletzt allein bei ihm und hab ihm die Lider zugedrückt.“
Helene hatte keine Träne mehr. Heiß brannten ihre Augen, aber der Tränenquell war versiegt. Sie starrte vor sich hin. Ja, sie waren alle so ruhig, waren alle so überlegt, so gefaßt. Als ob nur gerade ein Licht ausgelöscht wäre. Als ob nicht eine Lücke gerissen wäre in ihrer aller Leben, die sich nie, nie wieder füllen konnte. Nie -- nie -- nie --
In den nächsten Tagen, bis zur Beerdigung, ging sie umher wie eine Träumende. Und nur wie durch einen Schleier sah sie alles, was um sie her geschah.
Die Brüder kamen, standen mit gefalteten Händen an Vaters Bahre, hatten Tränen in den Augen, sprachen leise und gedämpft, saßen beieinander, küßten Mutter, beredeten allerlei mit Martha und Heckstein und Flehr. Martha brachte ein Trauerkleid: „Helene, du mußt verständig sein. Man darf sich auch dem tiefsten Schmerz nicht so leidenschaftlich hingeben.“
Onkel Ernst kam und mit ihm Merivaux. Er drückte ihr die Hände, sprach sanft und lieb, wollte sie küssen. Sie schrak zusammen und entwand sich ihm. Sah ihn an fast wie einen Fremden, neigte dann den Kopf, ließ es sich gefallen, daß er ihre Hände hielt --
Sie sah einen Wagen vorfahren, sah, wie der schwarze, florbespannte Sarg heruntergehoben wurde, und lief hinauf in ihr Zimmerchen, lief in dem hin und her, von einer Wand zur anderen, wohl eine Stunde lang.
So fand sie Wilhelm. Er fragte, ob sie denn Vater nicht noch einmal sehen wollte, ehe der Sarg geschlossen würde.
‚... ehe der Sarg geschlossen wird ...‘, klang es in ihr nach. Schrill und schneidend. Aber sie nickte, und da nahm sie der Bruder unter den Arm, stützte sie, sagte auch wie Martha: „Helene, du mußt verständig sein. Wir trauern doch alle um unseren guten Papa. Aber das Leben fordert seine Rechte. Man muß darüber hinfortzukommen suchen, und wenn es noch so schwer ist.“
Sie nickte wieder, aber verstanden hatte sie kaum, was Wilhelm sagte.
Dann, als sie draußen an der Treppe standen, begann er noch einmal, leise: „Sei gut zu Fritz. Der trägt’s am schwersten.“
Verständnislos sah sie ihn an, bewegte die Lippen. Er mochte es für eine Frage nehmen.
„Nun -- er muß doch denken, daß Vater sich so aufgeregt hat, weil er sich bei der Ersatzwahl für den Kreis als fortschrittlicher Kandidat hat aufstellen lassen. Das hat Vater zuletzt in der Zeitung gelesen. Sei gut zu dem armen Fritz --“
Sie hauchte ein Ja, aber recht verstanden hatte sie das auch nicht. Vater! Vater! Sie haben ja alle nichts als Worte.
Und dann stand sie am offenen Sarge. Wie versteint zuerst. Sah auf das stille Greisengesicht, das ganz klein geworden schien, sah auf die weißen Locken, sah auf die wachsweißen Hände, zwischen die Martha ein Kreuzchen und einen kleinen Strauß blauer Vergißmeinnicht gelegt hatte.
Sah dann langsam im Kreise herum, auf die Ihren, die um den Sarg standen. Und sie sah zum ersten Male in all den Gesichtern den heiligen Ernst und den tiefen Schmerz, erkannte zum erstenmal, daß sie alle von der selben Trauer erfüllt waren, wie sie.
Ganz sacht ging sie zur Mutter hinüber, legte den Arm um ihre Schulter, küßte ihre Stirn. Trat an den Sarg -- und da endlich kamen die Tränen. Sie lösten sich sanft, und sie konnte leise ein stilles Gebet sprechen.
Auch Heckstein stand am Sarge seines alten Freundes.
Als sie hinausgingen, lag Diana vor der Tür und winselte. Der Pfarrer beugte sich und klopfte dem Tier leise auf den Kopf, fast zärtlich: „Da reden die klugen dummen Menschen von der unverständigen Kreatur“, meinte er wehmütig und streichelte den Hund. „Kusch, Diana. Er hat dich auch lieb gehabt.“
Dann schob er seine Hand unter Helenes Arm: „Komm, Kind, wir wollen einmal durch den Garten gehen.“
Schweigend gingen sie bis zu den großen Kastanien, unter deren Schatten er mit dem alten Rittmeister so oft gewandelt war. Da bog er ein, drückte Helenes Arm: „Kind, sie haben mir erzählt, daß du wie von Sinnen bist. Das ist nicht recht von dir. Sieh mal, ich will dir nicht mit billigen Trostworten kommen und auch nicht mit Vorwürfen. Aber ich hab dich getauft und konfirmiert, da hab ich schon ein Recht, mit dir ein paar ernste Worte zu sprechen. Die Juden stellten Klageweiber an und zerrissen ihr Gewand und streuten Asche auf ihre Häupter. Wir Christen müssen und sollen den Tod anders anschauen. Er darf keinen Schrecken für uns haben. Uns ist er ja nichts als der Übergang aus der Weltlichkeit in die Ewigkeit. Und was könnten wir Schöneres wissen von einem geliebten Toten, denn: ihm ist wohl.“
Sie schritt neben ihm, mit tief gesenktem Kopf.
„Ich kenne dich ja, Helene“, sprach er weiter. „So warst du von klein auf: immer kochte es bei dir über, in der Freude und im Schmerz. Das Leben aber fordert ein Maßhalten. Du mußt dich beherrschen, auch grade jetzt. Denk’ nur daran, Kind, daß dein guter Vater nun nicht mehr ist. Denk’ mehr daran, wie lieb er dich gehabt hat. Ich kann’s dir sagen: du warst sein besonderer Liebling. Noch in den letzten Tagen hat er mit mir so manches über dich gesprochen, in Zärtlichkeit und auch in Sorgen. Aber die Sorgen hab ich ihm ausgeredet, und dann leuchteten seine schönen blauen Augen: ‚Mein Spätling!‘ sagte er.“
Ihre Hand bebte auf seinem Arm. „Onkel Pastor“, sagte sie ganz leise. „Ich hab Vater ja so sehr, so sehr liebgehabt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr. Aber nun quält mich der Vorwurf: ich bin nicht gut genug gegen ihn gewesen, ich bin nicht dankbar genug gewesen, ich -- ich hab auch nicht das volle rechte Vertrauen zu ihm gehabt.“
„Kind, so mußt du nicht denken. Denk’ nur daran, daß du ihn liebgehabt hast. Das ist genug und ist alles. Das andere: liebes Kind, es ist wohl aller Eltern Los, daß ihnen ihre Liebe nie ganz vergolten wird. Ein Kind +kann+ vielleicht Elternliebe und Elternsorgen nicht ganz vergelten, denn beide sind zu groß und zu unendlich. Aber danach fragen Elternherzen gar nicht. Die wollen nur wissen und fühlen, daß die Kinder sie liebhaben und gut tun in ihrem Sinn.“
Wieder sagte sie: „Ich hätte doch mehr Vertrauen zu Vater haben sollen.“
„Wenn Kinder groß werden, Helene, so gehen sie ihre eigenen Wege. Das ist nicht anders in der Welt und so vom lieben Gott gefügt. Es ist nicht nötig, daß sie dann jedesmal zu den Eltern kommen und fragen: bin ich auf dem rechten Pfad. Die Hauptsache ist, daß es vor ihrem eigenen Gewissen der rechte Weg ist.“
Schweigend gingen sie ein Stück weiter, wandten sich und schritten langsam zurück. Da begann Heckstein wieder: „Der Rackower war gestern bei mir, Helene. Deinetwegen. Du weißt schon, weshalb?“
„Ja, Onkel Pastor“, gab sie leise zurück.
„Es ist jetzt eigentlich nicht die Stunde, um dir Glück zu wünschen, mein Töchterchen. Aber ich denke, ich kann’s doch. Gerade in Vaters Sinn, denn er hat sich nichts sehnlicher für dich ersehnt, als einen guten braven Mann. Daß er’s erlebt hätte! Du hast ihn gewiß sehr lieb, deinen Neuchateller!“
Da blieb Helene stehen. Sie sah zu Boden. Zwischen ihren Brauen grub sich die kleine schmale Falte ein.
„Onkel Heckstein --“ sagte sie dann zögernd. „Ich weiß es nicht --“
„Aber, liebe Helene!“
In diesen letzten zwei Tagen war die Erinnerung an Merivaux, die Erinnerung an jene flüchtigen Minuten im Rackower Park wohl bisweilen durch ihren Sinn geglitten. Aber sie hatte das abgewehrt, wie sie sich ihm selber entzogen hatte. Nicht einmal abgewehrt vielleicht; es war aufgetaucht und untergegangen in ihrem leidenschaftlichen Schmerz, wie einzelne Regentropfen in einem Seespiegel verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.
„Aber, Helene!“ wiederholte Heckstein.
Da richtete sie den Kopf hoch und sah ihn an. Ganz tief eingeschnitten stand die Falte zwischen den Brauen in dem gequälten, übernächtigten Gesicht. Aber in ihrer müden Stimme lag doch etwas wie Trotz.
„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte sie noch einmal. „Laßt mir Zeit.“ Und sie schluchzte kurz auf. Nur einmal. Dann kämpfte sie es herunter, griff nach den beiden Händen Hecksteins, drückte sie krampfhaft: „Dank, Onkel Pastor. Du hast mir doch wohlgetan! Dank!“
*
Das märkische Kirchlein, der kleine Friedhof hatte eine solche Trauerversammlung noch nicht aufgenommen. Nun erst erwies es sich, wieviel Liebe der alte Rittmeister, der schlichte Mann, im ganzen Kreise und darüber hinaus besessen hatte. Heckstein hatte recht, wenn er in seiner einfachen Rede betonte: er ist heimgegangen zum ewigen Frieden und hinterläßt auf Erden keinen Feind.
Von weit her kam der Landadel. Aber es kamen auch die Bauern und Kossäten aus den nächsten Dörfern mit Weib und Kind. An diesem Tage ließen sie die Arbeit allenthalben ruhen, um dem Herrn auf Rohlbeck die letzte Ehre zu erweisen. Und aus den kleinen Städten kam von den Beamten und den Gewerbetreibenden, wer immer mit den Hackentins in Verbindung gestanden hatte.
In der Mitte der Kirche stand, von dem reichen Segen der sommerlichen Gärten verhüllt, der schwarze Sarg. Obenauf lagen die wenigen Orden. Die kostbarsten obenan: das Eiserne Kreuz und das russische St. Georgskreuz, das Hackentin sich bei Kulm Anno dreizehn erkämpft hatte.
Kurz und kernig sprach der Pfarrer, die eigene Ergriffenheit niederringend, vom Altar aus. Er zeichnete das Charakterbild des Verewigten: ein rechter und echter märkischer Edelmann, getreu seinem König, treu der Scholle, die ihn trug; herzensgut und hilfsbereit, ein guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Patron, seinen Leuten allezeit ein guter Herr; tapfer im Kriege, bescheiden im Frieden. Gott vor Augen und im Herzen. „Manche werden vielleicht sagen und sprechen: es war kein reiches Leben. Die Toren! Gewiß, es war kein Leben, erfüllt mit äußeren Ehren. Es war kein Leben, emporgetragen durch großes Streben. Es war kein Leben voll Prunk und Glanz. Klein war der Kreis, in dem er wirkte, er, den ich durch nun fünfunddreißig Jahre meinen liebsten Freund nennen durfte. Aber er füllte diesen engen kleinen Kreis durch die Liebe seines großen, grundgütigen Herzens. Darum trauern wir alle so tief um ihn, darum will uns die Lücke, die Gottes unerforschlicher Ratschluß riß, als nimmer ausfüllbar erscheinen. Ich sage euch: es war ein reiches, gesegnetes Leben, und in reichem Segen bleibt uns sein Gedächtnis. Unser Herr und Gott, der dem lieben Verewigten dies Leben schenkte bis in das Greisenalter hinein, ohne daß des Alters Beschwerden an ihn herantraten, gab ihm auch einen gnädigen schnellen Tod sonder Schmerzen, und er hat ihn in Gnaden aufgenommen in sein himmlisches Reich. Amen.“
Die Orgel setzte ein. Und über den heut hundertstimmigen Chor hinaus sang die Tochter dem Vater das Lied von Ernst Moritz Arndt, das er sich schon vor Jahren von seinem Freunde Heckstein für diesen Tag erbeten hatte:
„Geht nun hin und grabt mein Grab, Denn ich bin des Wanderns müde. Von der Erde schied ich ab, Denn mir ruft des Himmels Friede, Denn mir ruft die süße Ruh’ Von den Engeln droben zu --“
Dann segnete der Pfarrer den Sarg ein. Sechs alte Soldaten, märkische Bauern, trugen ihn hinaus unter den breitästigen Maulbeerbaum, der einst auf Befehl Friedrichs des Einzigen gepflanzt worden war, hinaus zu der langen Reihe der Gräber, die sich um das kleine uralte Erbbegräbnis scharten.
Nur wenige Worte konnte Heckstein hier sprechen. Dann brach ihm, der sich so tapfer gehalten, die Stimme. Langsam sank der Sarg in die Gruft.
Wie eine schwarze Mauer stand dichtgedrängt die Masse der Leidtragenden. Ein kurzes Schluchzen, ein verhaltenes Weinen und wieder tiefe, tiefe, ehrfurchtsvolle Stille.
Als Erste dann wankte die gebeugte Greisin am Arm des ältesten Sohnes an das offene Grab, warf drei Hände Heimaterde in die Gruft. Und sie folgten alle -- alle -- zum letzten Abschiedsgruß.
Bis dann die Landwehrmänner, einer noch mit dem Kreuz von Eisen, drei mit dem Düppelkreuz auf den langen schwarzen Bauernröcken, herantraten, die Jagdflinte in der Hand, und dem Kameraden die drei Ehrensalven über das Grab schossen.
Als die letzte Salve verhallt war, sprach Graf Grucker, der neben dem Pfarrer stand und ihm liebevoll die Hand gereicht hatte: „Mir ist’s, als hätten wir mit unserem guten Hackentin die alte Zeit begraben. Nun kommt wohl eine neue herauf. Daß sie nur gut wird -- meine Hochachtung -- die neue Zeit!“
Heckstein sah zu ihm empor mit schimmernden Augen: „Das walte Gott!“
*
Helene hatte ihre eigene Schwäche gefürchtet und die Leidenschaft ihres Schmerzes. Daß sie zusammenbrechen würde oder aufschreien, mitten im Gotteshause, an der offenen Gruft. Und doch war sie ganz gefaßt, ganz ruhig gewesen unter der Heiligkeit von Ort und Stunde. Der wehe Schmerz war zur sanften Trauer gewandelt, und als sie in das kleine Kirchlein trat, hob sie die Weihe des Augenblicks über alles Irdische empor. Die Orgel klang, und fest setzte ihre Stimme ein, dem geliebten Vater zur letzten Ehre.
Es tat ihr wohl, daß sie alle gekommen waren, unendlich wohl die Liebe und Verehrung, die ihm galt. Eine stille wehmutsvolle Freude war in ihr, daß durch die Kirchenfenster die strahlend helle Sonne leuchtete. Als ob Gott es mit Vater noch heut besonders gut meinte.
Ganz ruhig, ganz gefaßt war sie in all ihrer Ergriffenheit.
Einmal nur wollte ihre Kraft schwinden. Als der Sarg langsam in die Gruft glitt. Vielleicht sah man’s ihr an, vielleicht schwankte sie. In dem Augenblick suchte eine feste Hand die ihre, und sie war wie eine gute Stütze. Nur ganz dunkel empfand sie, daß Merivaux neben ihr stand, mitten unter ihren Nächsten, daß er es war, der ihre Hand ergriffen wie mit wortlosem Zuspruch. Aber sie ließ sie ihm, trat mit ihm an die Gruft, und so gaben sie gemeinschaftlich dem Vater den letzten Erdengruß.
Während sie langsam, inmitten der Trauerversammlung, über den Dorfanger schritten, drückte er noch einmal innig ihre Hand, und dankbar empfand sie, daß er nicht zu ihr sprach. Daß er nicht unter denen blieb, die von weit her gekommen waren und nun nach ländlichem Brauch mit hinübergingen in das Elternhaus.
Weit denen voraus floh sie in ihr kleines Zimmer unter dem Dach -- --
Und nun war alles vorüber, das Leben pochte wieder an die Tür mit seinen alltäglichen Forderungen und seinen Rechten.
Es gab vielerlei zu ordnen und zu besprechen, wie immer, wenn der Tod das Haupt einer Familie abberufen hat. Die beiden Brüder saßen zusammen über Büchern und Papieren, rechneten und rechneten mit heißen Köpfen. Dann wurden Martha und Helene hinzugezogen. Das Resultat war bedrückend. Von Jahr zu Jahr waren die Erträge von Rohlbeck geringer geworden; wenn man die Hypothekenschuld abzog, blieb nur ein kleiner Überschuß. Der sollte, dafür hatte vor allem Fritz gesorgt, für Helene gesichert werden. Nicht viel mehr war’s, als einmal eine knappe Ausstattung.
Rohlbeck war kein Lehngut. Deshalb hatte Wilhelm dafür gesprochen, den Besitz zu verkaufen. Aber da war es wieder Fritz, der sich dagegen ereiferte. Merkwürdigerweise.
In all den Tagen seit Vaters Tod war der Kreisrichter sehr still und in sich gekehrt gewesen. Er mochte nicht loskommen können von der schmerzlichen Empfindung, daß sein politisches Auftreten Vater in dessen letzten Stunden zum mindesten sehr stark erregt hatte. Zwar sprach niemand mit ihm, und auch er sprach mit niemand darüber. Aber in seinem Herzen lebte wohl die starke Empfindung, daß er gegen die Geschwister doppelt gut sein müßte.
So verzichtete er sofort auf jedes Erbteil und auch auf die kleine Zulage, die er bisher von Vater erhalten hatte. Als Wilhelm dann die Frage des Verkaufs aufs Tapet brachte, erklärte er sich dagegen: „Ich weiß ja, ihr werdet erstaunt sein. Ich weiß ja, wie ihr über meine politische Richtung denkt, daß ihr mich bisweilen vielleicht als einen Renegaten, als ein verlorenes Glied der Familie Hackentin angesehen habt. Still -- Wilhelm, wir wollen daran nicht weiter rühren. Aber das sage ich euch: in mir lebt ein starker Familiensinn, und in mir lebt auch die Treue zur Heimaterde. Mit meiner Zustimmung wird Rohlbeck nicht verkauft, sondern für euren Ältesten erhalten.“
Martha war zu Tränen gerührt. Ganz in ihrem Sinne hatte Fritz gesprochen. Sie streckte dem Schwager die Hand hin: „Dank, Fritz, vielen, vielen Dank!“
Also nicht verkaufen, aber verpachten: das allein blieb schließlich übrig. Und Omama sollte mit Wilhelms nach Berlin ziehen.
Die alte Gnädige saß nun längst wieder auf ihrem Traumplatz am Fenster der großen Stube. Man merkte ihr vielleicht am wenigsten an, welches Leid über dies Haus gekommen war. Manchmal schien sie ganz interesselos, murmelte undeutlich vor sich hin; dann schien es, als ob sie nur Sinn für Äußerliches hätte: „Also Adolf Grucker war da? Und der Landrat? Artenaus auch -- so -- haben sie denn auch alle ordentlich zu essen bekommen, liebe Martha?“ Oder: „Heckstein wird recht alt. Er hätte wirklich mehr von Papachens Kriegstaten einflechten sollen, Anno dreizehn und so.“ Oder: „Helene steht die Trauer recht gut. Hatte Mariechen eigentlich Crêpe de Chine an?“ Manchmal aber rief sie plötzlich Diana zu sich ans Fenster und sprach mit dem Hunde fast wie mit einem Menschen. „Ja, Diana, das Herrchen! Ich weiß ja, manchmal war er hart zu dir. Zu mir auch. Aber geliebt haben wir ihn beide. Nicht wahr?“ Dann saß Diana dicht am Nähtisch, hatte den klugen Kopf weit vorgestreckt und winselte leise.
Sie hatten sich alle davor gefürchtet, Omama das Resultat ihrer Beratungen mitzuteilen; kam es ihnen doch wie ein Wagnis vor, dies Verpflanzen der Greisin nach Berlin. Merkwürdigerweise nahm sie alles ganz gelassen auf. „Tut nur, was notwendig ist. Auf mich nehmt keine Rücksicht“, sagte sie zuerst. Aber ein paar Stunden später winkte sie Martha zu sich und begann von Berlin zu sprechen. Von dem Berlin vor vierzig Jahren freilich: von König Friedrich Wilhelm dem Dritten und von seiner schönen Schwester Charlotte, der Kaiserin von Rußland. Ob man mit der Post bis zur Königstraße führe? Ob Jagor noch das erste Restaurant sei? Damals hätten sie immer im „Roten Adler“ in der Kurstraße gewohnt. Und ob Spontini noch lebte -- das müßte Helene doch wissen. Den hätte sie einmal seinen „Nurmahal“ dirigieren sehen ... Helene mußte wirklich kommen, und Mutter redete von Iffland und von der Stich und dann von der Henriette Sonntag -- immer fast, als ob sie gestern die gesehen hätte, und ob Kotzebues „Johanna von Montfaucon“ noch gegeben würde? Fast, als wäre die Gegenwart ausgelöscht in ihrem Gedächtnis, und als lebte sie nur noch der Erinnerung an längst vergangene Tage.
Wilhelm fühlte sich jetzt ein wenig als Haupt der Familie.
Als solcher sprach er auch mit der Schwester über Merivaux.
Zum ersten Male bei der Erörterung über ihr Erbteil. Ganz nebenbei: „Gottlob, daß dein Bräutigam in einer so guten Assiette ist, Helene.“ Da war sie hochgefahren, das Blut schoß ihr in das Gesicht, und sie sagte nur, scharf und knapp: „Das, bitte, laßt jetzt!“
Aber ein paar Stunden darauf kam Wilhelm auf ihr Zimmer. Etwas feierlich, etwas väterlich und ein wenig verlegen: „Ich muß doch mit dir reden, liebe Helene. Möchte dir vor allem, ganz im stillen, herzlich gratulieren. Merivaux ist ein Prachtmensch, ich hab ihn immer sehr gern gehabt. Nun -- und ich kann’s ja wohl sagen -- früher hatten wir auch so manchmal heimlich gedacht -- ja! -- die Rackower hatten uns so Andeutungen gemacht. Wir hatten’s dann aufgegeben. Desto besser, daß es nun doch wahr geworden ist. Es ist ja ein trauriges Zusammentreffen mit Papas Tod -- zu traurig für euch beide. Aber überlegt muß das doch nun werden, ob eure Verlobung jetzt offiziell werden soll.“
Sie stand am Fenster und sah auf den Wirtschaftshof hinaus und das Winkelchen Garten, das sich rechts anschloß. Wandte dem Bruder das Gesicht nicht zu -- wozu sollte er sehen, wie das Blut darin kam und ging! -- und antwortete nicht.
Er sprach auch gleich weiter: „Ich weiß selber nicht recht, ob es nicht taktvoller wäre, wenn ihr damit mindestens ein paar Wochen wartet? Ist es dir recht, wenn ich mit Merivaux darüber spreche? Er hat sich zu heut nachmittag bei mir ansagen lassen.“
Da schrak sie zusammen und entgegnete fast heftig: „Bitte -- nein! Ich muß selber mit -- mit ihm sprechen.“
Wilhelm lachte leise: „Wie aufgeregt du bist! Natürlich sollst du selber mit ihm sprechen. Wer sollte dir denn das wehren?“ Und nach einer Weile: „Du bist doch ein wunderliches Menschenkind, Lene. Läßt mich hier stehen und reden und siehst mich nicht an. Ich könnte fast glauben, du hast etwas gegen mich.“
Nun endlich wandte sie sich langsam um, immer noch wortlos. Und da trat er dicht zu ihr, legte seine Hände auf ihre Schultern: „Aber wie siehst du denn aus, Lene? Sieht so eine glückliche Braut aus!“
„Glücklich --“, sagte sie schwer.
Er verstand es falsch. „Ja, freilich! Armes Kind! Sei nicht böse. Man vergißt manchmal auf Momente ...“
Dann war er gegangen.
Und Helene begann wieder ihre stumme Wanderung durch das kleine Zimmer, von einer Wand zur anderen. Immer tiefer grub sich dabei die Falte zwischen ihre Brauen ein. Immer trüber und schmerzlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichts. Aber auch immer entschlossener.
Bis sie hinunter ging, um Merivaux zu empfangen.
Sie bat Martha, es so einzurichten, daß sie ihn gleich allein sprechen könnte. Die Schwägerin sah ihr erschrocken ins Gesicht. „Aber ... Helene ...“ Da sagte sie: „Bitte, liebe Martha, quäle mich nicht. Ich habe schwer genug zu leiden.“ Und der Ton ihrer Worte war wohl so bestimmt, daß Martha nur leise aufseufzte: „Ich meinte es gut. Geh in Vaters Zimmer. Ich werde Merivaux zu dir führen.“