Auf märkischer Erde

Part 18

Chapter 183,713 wordsPublic domain

Unsere Eisenbahn: Wilhelms Eisenbahn! In zwei Jahren mochte sich hier ein hoher Damm über das Tal spannen, und die Lokomotive schnob pustend und fauchend darüber hin, hinter ihr drein polterte und ratterte der Zug, und eine endlose graue Rauchwolke zog sich bis drüben zum Waldsaum hin.

„Da wer’n se noch ihre liebe Not mit han“, meinte Marhenke, der Gärtner. „Des is allens Sumpf, man bloß ’n bißken Sand druf. Wenn sie hier Boden ruff karrn, schlingt der Sumpf allens runter. Das geiht so nich, wie se sich dat denken. Dat weeß ich beter.“

Helene lächelte. Sie wußte es erst recht besser: der Ingenieur fand schon Abhilfe. Und wenn der Sumpf wirklich den einen Damm fraß, dann türmte man den zweiten auf ihn; und wenn der unersättliche Grund auch den verschlang, legte die Technik den dritten von Hang zu Hang oder warf eine Eisenbrücke über die Senke. Die Eisenbahn war der Fortschritt, und der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten.

Langsam schlenderte sie zwischen den schmalen Beeten des Gemüsegartens hin. Ihr kam Bruder Fritz, der rote Kreisrichter, in den Sinn. Da hatte sie ja eben dessen Schlagwort nachgebetet: Der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Du lieber Gott, war das nicht am Ende auch nur ein +Wort+? Solch ein Wort, das nur den Weg in ödes Land wies, wenn man es verallgemeinerte. Ein an sich gutes Wort, das zur Phrase geworden war in einem unfruchtbaren Kampf.

Der Bruder tat ihr leid, und Vater erst recht. Zwischen beiden hatte das eine Wort Zwietracht gesät. Da half kein Brückenschlagen. Der große Sumpf, Politik geheißen, verschlang jeden Versuch der Verständigung. Als Martha, die immer versöhnen wollte, gestern von Fritzens Besuch in Berlin erzählte, hatte Vater bloß gesagt: „Laßt mich mit dem roten Kreisrichter zufrieden. Das heißt, die Stunde wird ja wohl noch kommen, wo er sein Unrecht einsieht.“

Die Sonne stand hoch am Himmel. Es mußte fast Mittag sein. Nun hatte wohl auch endlich der lange Wilke das Feld geräumt.

Aber als Helene wieder vor der Veranda stand, saß der gestrenge Beamte, der Schrecken dreier Städtchen und von zehn Dörfern, immer noch auf seinem Stuhl. Saß freilich ganz in sich zusammengesunken, mit vornüber geneigtem roten Kopf, aber immer noch die Hand am Glase.

„Prosit, Wilkechen!“ sagte Onkel Ernst gerade. „Nun noch ein Schlückchen auf die Konstitution. Ich meine natürlich Ihre vortreffliche Konstitution!“

„Jawoll ... Herr Baron ... die Konstitution ...“ Es war nur noch ein Lallen. „Sechstausend vierhundert ...“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke“, meinte Onkel Ernst. „So, Leneken, nun könntest du eigentlich mal zum Großknecht laufen, der Ochsenwagen soll kommen.“ Dabei sah er prüfend unter dem Einglas um die Ecke, diesmal auf Herrn Exekutor Wilke, und lächelte zufrieden. Der hatte jetzt die Augen geschlossen und schnarchte wie das Vollgatter einer Schneidemühle, wenn die Sägen solch recht dicken Knorren im Stamm anfassen.

Dann kam der Leiterwagen, mit zwei Ochsen bespannt. Der Amtmann Schmidhals schritt höchstselbst daneben her und half den Schlafenden aufladen. Wie ein Toter lag er da. Onkel Ernst legte ihm die Mütze und das dicke Taschenbuch auf den Bauch und faltete ihm die Hände darüber, schob ihm auch noch den Kopf recht bequem auf dem Strohbündel zurecht.

„So --“ meinte er dann. „Christian, du fährst hübsch langsam nach Stellberg und ladst Wilken vor seinem Hause ab. Und sagst dem ältesten Jungen, der Vater sollte morgen zu Ephraim Herz gehen, der brächte alles in Ordnung. Pascholl, Christian!“

Und da war plötzlich auch Tante Marie, besah sich von der Veranda aus durch ihr Lorgnon das Schauspiel und lachte über das ganze kleine Gamingesicht. „Eigentlich scheußlich“ sagte sie dabei, „~... un ivrogne! Fi donc!~“ Und lachte wieder.

Die Ochsen zogen an. Schwer rüttelte der Leiterwagen. Das Vollgatter rasselte dazwischen.

Onkel Ernst kam langsam die Treppe hinauf, legte zärtlich seinen dicken Arm um die dünne Taille seiner Frau, die neben ihm wie ein winziges, zierliches Püppchen aussah, und meinte: „Können wir nicht bald essen, Mariechen? Das hat mir Hunger gemacht. Und einen Durst habe ich -- einen Durst! Komm, Leneken ... wir wollen uns ein kleines Erdbeerböwlchen brauen ...“

Am liebsten wäre Helene Hackentin schon am nächsten Tage nach Rohlbeck zurückgefahren. Sie konnte einen leisen Ekel nicht überwinden. Das elegante Rackow übte auch nicht mehr den früheren Reiz auf sie aus. Jetzt, plötzlich, empfand sie, wie schal und inhaltlos doch das Leben hier war, wie ganz auf das Äußere gestellt, ein Leben völlig in den Tag hinein. Und zum erstenmal hatte sie einen Blick hinter die Kulissen getan: der Glanz hier war auch nur Schein, mühsam genug vielleicht aufrechterhalten.

Ganz wunderliche Gedanken kamen ihr, ganz revolutionäre Gedanken. Da waren die Rackower: jetzt wußte sie, schwer verschuldet waren sie, hatten ihren Reichtum vergeudet. Da saßen die Eltern in Rohlbeck: die hatten immer sparsam gelebt und doch so schlecht gewirtschaftet, daß sie nun arm waren wie die Kirchenmäuse, wenn man’s klipp und klar heraussagen wollte. Nicht viel anders stand es wohl, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Grucker, der auf seinem schönen Majorat saß, mit den anderen Verwandten und Nachbaren im Kreise.

Hatte da Bruder Wilhelm nicht recht, wenn er hinausgegangen war von der Klitsche in die Großstadt, um sich neue Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen?! Aber freilich: er hatte das Hackentinsche Blut mit hinübergenommen. Auch er verstand das Zusammenhalten nicht. Das Geld zerrann ihm unter den Händen. Gerade jetzt wieder. Eigentlich trieb er’s mit seinem Gewinn aus der Bahnkonzession auch nicht viel anders, wie es die Eltern getrieben hatten, als ihnen die letzte große Erbschaft ins Haus gebracht worden war und sie die Geldtönnchen unters Bett gestellt und aus ihnen geschöpft hatten, bis das letzte Goldstück fort war.

Das Hackentinsche Blut! Vielleicht, gewiß war’s nicht nur das Hackentinsche. Ganz ähnlich, ganz gleich mochte das Blut in den Adern der anderen Verwandten und Nachbaren rollen. Wer wirtschaftete denn hier im Kreise wirklich erfolgreich? Die einen verschwendeten, die andern darbten fast und kamen doch auf keinen grünen Zweig, zehrten auch nur vom Ererbten und mehrten es nicht.

Einer machte vielleicht eine Ausnahme: Holfen. Aber der gehörte eben schon einer neuen Generation an.

Lag bei dieser neuen Generation wohl die Zukunft?

Helene mußte an die Jungens denken, an Wilhelms Söhne, Hans und Thedi. Und dabei wieder an Martha. Vielleicht schlug in ihnen Marthas Blut durch. Vielleicht erbten sie von ihr die Gabe des Festhaltens, den gesunden, aufs Praktische gerichteten Sinn.

Eigentlich waren ihr die Jungens fremd geblieben. Wie einem wohl oft das Nächste am fremdsten bleibt. Als unartige Bengels, die oft lästig wurden, hatte sie sie meist empfunden. Nun grübelte sie ihnen nach. Der Älteste hatte doch viel von der Mutter, einen nachdenklichen Sinn; ein Bücherwurm war er. Thedi war äußerlich ganz hackentinsch, war auch Vaters Liebling. Glänzend begabt, hieß es; es flog ihm alles zu, was der Hans mühsam erobern mußte. Aber er hielt nichts recht fest. Um ihn konnte man Sorge haben.

Eine ordentliche Sehnsucht nach den Jungens überkam Helene, fast als wäre sie seit Wochen von ihnen getrennt. Auch das zog sie wieder nach Rohlbeck zurück.

Aber aus Rackow kam man nicht so leicht fort. Onkel Ernst und Tante Marie waren von einer Güte und Liebenswürdigkeit, der man gar nicht widerstehen konnte. Mochten sie sonst sein wie sie wollten: sie übten geradezu einen Zauber aus in ihrer grenzenlosen Gastlichkeit.

Jetzt war auch das Haus wieder voll. Die kleine, mollig runde Grete Waldegg wohnte im „Alpenröschen“; Vetter Mollard, der gerade von Florenz zurückgekommen war, wo er zwei Jahre lang Attaché gespielt hatte, war in der „Bleikammer“ einquartiert, und Merivaux, der sich plötzlich angesagt hatte, war gestern abend in den „Pfau“ eingezogen. In der „Nachtigall“ aber hauste Bernhard Rose, ein mittelloser junger Student, der nun schon zum zweiten Male ein paar Sommermonate in Rackow zubringen durfte, um sich ein wenig herauszufüttern. Helene kannte ihn bereits. Im vorigen Sommer war er mit hohlen, blassen Wangen gekommen und wesentlich erholt abgereist. Das war auch etwas, was immer wieder mit Tante Marie versöhnte: ihre Gutherzigkeit war so grenzenlos wie ihre Gastlichkeit -- beide freilich gaben sich oft nach Laune und fragten nicht viel nach wie und warum.

Das junge Volk war sehr fidel, und Onkel Ernst und Tante Marie taten mit. Immer stand etwas Neues auf dem Tagesprogramm. Einmal fuhr die ganze Gesellschaft nach dem Walde hinaus, in die Haselberge, auf zwei mächtigen Leiterwagen, um draußen herumzutollen; ein andermal gab’s eine festliche Krocketpartie, in der die Sieger mit Rosenkränzen belohnt wurden; im Dorfwirtshaus wurde ein Preiskegeln veranstaltet, oder es ging nach Nugow, um den alten Grafen Delkowitz, Edlen von Kastricz, in seiner grauen Johanniterburg zu überfallen, seine Segelboote mit Beschlag zu belegen und ein paar Schläge über den großen Nugower See zu machen.

An den Abenden wurde oft musiziert.

Der kleine, blasse Student war ein ganz tüchtiger Klavierspieler, der sogar vor schwereren Aufgaben nicht zurückzuschrecken brauchte. Aribert Mollard klimperte schlecht und recht die Gitarre, und die rundliche, mollige Grete Waldegg sang dazu mit offenbarem Wohlgefallen, mehr schlecht als recht, irgendwelche Liedchen. Merivaux hatte sein Instrument mitgebracht.

Helene war begierig, ihn zu hören. Geradeso begierig, wie sie überrascht gewesen war, als er ihr davon erzählte, daß er Violine spiele.

Nun: er war kein Meister. Sie hörte es sofort heraus. Aber er war auch kein Stümper, und sein Spiel hatte eine angenehme persönliche Note. Es war so frisch, so natürlich und so anspruchslos, wie sein ganzes Wesen. Sie konnte nicht anders: sie mußte ihm nach seinem Vortrag ein paar freundliche Worte sagen.

Er legte gerade sein Instrument in den Kasten zurück, sah auf, lächelte, fast ein wenig trübe: „Der gute Wille ist das beste an meinem Spiel, glaub ich ...“ und setzte dann rasch hinzu: „Aber ich bin sehr glücklich, wenn es Ihnen wenigstens nicht mißfiel!“

Da wurde Helene gerufen. Fast immer mußte sie ja zum Schluß singen. Onkel Ernst steckte jedesmal eine komisch-feierliche Miene auf, wenn er sie dazu aufforderte: er zwang seinen ungeheuerlichen Körper zu einigen tänzelnden Schritten, machte ihr eine großartige Verbeugung, sprach in seinem weichsten Tonfall von der Gnade, die die erhabene Künstlerin seiner niederen Hütte antue --, und stellte ein fürstliches Honorar in Aussicht. Unter tausend Louisdor tat er es nicht.

Als sie zum erstenmal im roten Damastsalon an den Flügel getreten war, kam ein leises Beben über sie. Die Erinnerung wurde wach an jenen Abend, da sie hier, hier vor Schwarz gesungen hatte. Aber eine kleine Willensanspannung genügte, und sie war darüber hinweg. Und war froh, daß es nicht schwerer gewesen.

Heut sang sie den Schubertschen „Erlkönig“.

Während sie sang, freute sie sich nur des verständnisvollen Begleiters, des kleinen Studenten. Aber auch das und alles andere, das Äußerliche, versank wie immer vor ihrer Seele.

Sie versetzte, versenkte sich ganz in die Dichtung. In die Märchenstimmung. Sie fühlte mit dem Vater, der mit seinem Kinde durch Nacht und Wind reitet; sie empfand die angstvollen Fragen des Kleinen mit. Sie kämpfte mit dem Reiter gegen das Phantom, sie erlebte mit ihm die wilde, rasende Flucht und daß sie umsonst blieb gegen die Naturwelt. Und ihr selbst war’s wunderbar, wie sie nun gelernt hatte, all das im Gesang auszudrücken. Frage und Antwort von Kind und Vater, die Lockungen des Erlkönigs, den ganzen Stimmungsgehalt des Liedes.

Sie dachte, während sie sang, an nichts als an ihre Kunst. Am wenigsten dachte sie an Merivaux.

Aber als sie geendet hatte und sich umsah, sah sie zuerst ihn. Der Zufall wollte, daß er genau an der Stelle stand, wo an jenem Abend Schwarz gestanden: hinter all den fröhlichen Beifallsspendern, allein, an der Tür. Er klatschte auch nicht, wie die anderen. Still stand er, mit leichtgesenktem Kopf. Er kam auch nachher nicht zu ihr, um ihr irgendeine Liebenswürdigkeit zu sagen, ein Wort der Anerkennung.

Ein wenig verdroß es sie doch. Sie wußte ja, daß sie gut gesungen hatte. Gar so schweigsam, gar so zurückhaltend brauchte er auch nicht zu sein.

Recht zur Besinnung darüber kam sie nicht. Denn Onkel Ernst schlug, nachdem „sich der Beifall ausgetost“, wie er meinte, noch einen Mondscheinspaziergang vor. „Und am Brockenhäuschen soll unsere ~Primadonna assoluta~ ihr fürstliches Douceur erhalten.“

Es war herrlich im Park. Der Mond stand hoch am sternhellen Horizont, die Taxushecken, die Baumgruppen warfen lange Schatten auf die bekiesten Wege. Auf den heißen Julitag war die abendliche Abkühlung gefolgt. Ganz im Westen, auf Rohlbeck zu, wetterleuchtete es.

Das junge Volk tollte um das Rackowsche Ehepaar herum, das Arm in Arm, im langsamsten Tempo, den leichten Hang zum Brockenhäuschen hinaufging. Es war ein ewiges leises Kichern, Plaudern, Raunen, Flüstern.

Oben, unter dem Brockenhäuschen, stand Höhne, ein Tablett in der Hand, auf dem ein geheimnisvolles Etwas unter der Serviette lag. Auf dem Tisch neben ihm stand eine Bowle in Eis. Ein paar Windlichter leuchteten. Und Onkel Ernst hielt eine kleine Rede, an deren Schluß er das geheimnisvolle Etwas gleich einem Denkmal enthüllte: „Unserer Primadonna, unserer Rohlbecker Helene!“

Es war eine Torte. Eine große Torte mit Marzipanguß, der einen Kranz von lauter Goldfüchsen darstellte: „Das Süße der Süßesten“, verkündete Onkel Ernst und füllte die Gläser. „Aber nun gleich anschneiden! Vorwärts, Höhne! Die ersten beiden Stücke müssen zwei um die Wette essen: Grete und Aribert! Keinen Widerspruch. Hier, Grete, hier stellst du dich hin, dort, Mollard, du ... und nun soll Lene zählen: eins, zwei, drei!“

Da standen sie nun wirklich, wie zwei gehorsame Kinder, hatten jedes ihr Tellerchen in der Hand mit einem Stück Torte darauf, und Helene zählte: eins -- zwei -- drei --

Aber sie hatten kaum zum erstenmal hineingebissen, so gab es ein ungeheures Spucken, Prusten und Husten. Die mollige Grete ließ den Teller zur Erde fallen, Mollard schluckte verzweifelt und rollte die Augen wie ein Erstickender. Onkel Ernst und Tante Marie wollten sich totlachen.

Die Torte, dies Meisterwerk von Monsieur Bombourdon, war aus Sägespänen gebacken. Aus richtigen holzigen, kienigen, märkischen Sägespänen, die sich wie Harz an die Zähne der unglücklichen Opferlämmer festsetzten, die wie Leimbrocken an Lippen und Zunge klebten. Bis Höhne jedem als Erlösungstrank einen Becher Bowle brachte.

Es war wieder einer jener Momente, in denen Helene nicht recht mitkonnte. Sie sah und hörte, wie alle lachten und kicherten, bald Grete und Aribert am meisten. Aber sie stand ein wenig abseits, ein wenig verlegen. Und plötzlich bemerkte sie, daß auch Merivaux sich abgesondert hatte. Der Neuchateller schien gleich ihr für diesen märkischen Junkerscherz kein rechtes Verständnis zu haben.

Die Bowle war schnell geleert, und wieder unter Plaudern und Lachen ging es durch die Mondscheinnacht dem Schlosse zu. Höhne hatte die Gitarre holen müssen, Mollard sang sinnig-minnig: „Guter Mond -- du goldne Zwiebel --“ und die mollige Grete machte schwärmerische Augen.

Es war wohl Zufall, daß Helene Hackentin und Merivaux ein wenig zurückblieben.

Aber als Helene das fröhliche Kichern und Raunen da vorn hörte, in das sich manchmal Onkel Ernst mit einer seiner, im leisen Hofton vorgebrachten drolligen Bemerkungen mischte, überkam auch sie etwas wie Übermut. Eine jugendliche, unbezwingbare Lust, den Neuchateller ein wenig aus seiner Verschlossenheit herauszuwerfen.

„Sie sind heute wirklich gar nicht nett, Herr von Merivaux --“ sagte sie schmollend.

Er zuckte zusammen, wie aus einem Traum aufgestört.

„Wodurch ’ab ich mir die Ungnad zugezogen?“ fragte er dann.

„Der einzige waren Sie, der mir kein Wort über meinen Gesang gesagt hat ...“

Da sah er sie voll an: „Legten Sie Wert darauf, gnädiges Fräulein?“

Eine leichte Verlegenheit mußte sie doch überwinden: „Ich würde es sonst nicht bemerkt haben ...“ Helene wollte die Worte ein wenig kokett herausbringen, aber es gelang ihr nicht recht. Sie klangen ziemlich ernst. Und sie fügte schnell hinzu: „Schon deshalb muß ich Wert auf Ihr Urteil legen, weil Sie der einzige hier sind, der wirkliches Verständnis für Musik hat.“

„Sie vergessen mindestens unseren kleinen Studenten.“

„Nein, nein! Herr Rose hat, wie wohl alles, auch sein Klavierspiel nur durch eisernen Fleiß errungen. Musik aber muß man fühlen.“

„Und wenn ich nun gerade deshalb nicht in den lauten Beifall einstimmen konnte?“

Helene erschrak. Sie blieb stehen. „Hab ich denn schlecht gesungen?“

Nun blieb auch er stehen. „Nicht doch! ~Au contraire.~ Wie Sie das nur annehmen können. Gerade weil Sie sangen so schön, so wunderschön, gerade deshalb konnt’ ich nicht applaudieren wie die anderen. Ich konnte nicht.“

Er hatte sehr schnell gesprochen: wie dann immer, wieder mit seinem leichten Akzent. Helene freute sich aufrichtig. Hundertmal mehr als über den ganzen Beifall im Damastsalon. Freute sich, und zugleich wurde der Übermut wieder in ihr lebendig. Wieder meinte sie schmollend, ein wenig kokett: „Aber ein freundliches Wort hätten Sie doch für mich haben können. Sie sind doch sonst nicht verlegen um Worte, Herr von Merivaux.“

Wie sie das gesagt hatte, fühlte sie plötzlich, daß sie beide allein waren. Die anderen waren weitergegangen, schon hinter den Taxushecken verschwunden. Ganz leise nur klang noch das Kichern zurück, dann und wann ein schwacher Ton der Gitarre. Ganz allein standen sie im Mondenschein, der so hell leuchtete, daß sie jede Bewegung seines Gesichtes erkennen konnte. Und sie sah, daß es in diesem schönen, offenen Gesicht arbeitete.

„Wir müssen gehen,“ brachte sie beklommen hervor.

Er schüttelte den Kopf. „Bitte -- nein!“ sagte er heiß. „Ich muß Ihnen erklären, Fräulein ’elene, warum ich nicht sprechen konnte vorhin. Erklären, was auf mir gelegen hat seit Jahr und Tag. Warum ich Ihnen ausgewichen bin. Ja, ausgewichen! Bis dann der Zufall mich wieder mit Ihnen zusammenführte. Neulich! ~Une chance heureuse~ -- wer weiß es? -- vielleicht das Unglück meines Lebens.“

„Herr von Merivaux ... bitte ...“

Da stand er vor ihr, die Hände auf der Brust, mit zuckendem Gesicht, sah sie mit seinen großen, ehrlichen Augen an, fragend, forschend, flehend: „Ein paar arme Minuten nur schenken Sie mir ...“

Und sie konnte nicht nein sagen, er zwang sie. Sein Wille zwang sie.

„Wie ich da stand heut abend im Salon, und Sie sangen so wunderschön, da mußt ich denken an einen anderen Abend. Sie ’aben damals gesungen nicht ’alb so vollendet, aber ich hab schon gespürt die Seele in Ihrem Gesang. Vielleicht, weil ich Sie liebte. Damals schon. Aber da war der andere. Und ich fühlte ganz deutlich, daß Ihre Gedanken nur bei ihm waren. All Ihre Gedanken. Und ich muß Sie fragen. Um die Gnade Gottes: Sie liebten ihn?“

Daß sie hätte fliehen können! Weit weg -- weit weg! Aber da stand er vor ihr, mit seinem zuckenden Gesicht und den großen ehrlichen Augen, in denen es feucht schimmerte, hatte die Hände erhoben --

Sie neigte nur leise den Kopf.

Er blickte starr auf sie hin. Fragend, forschend, flehend. Mit zusammengepreßten Lippen. Auf eines Atemzugs Länge.

„Und nun? Nun ist das vorbei?“ stieß er hervor.

„Ja -- ganz vorbei --“ Es war nur ein Hauch. Aber es zwang sie, es zwang sie: sie mußte aufsehen, mußte ihn ansehen.

Und wie sie ihn ansah, im hellen Mondlicht in sein Gesicht sah, da wußte sie mit einem Male: es sind Harros Augen, die dir entgegenleuchteten, Harros ehrliche, offene Augen, die dir sagen: ‚Ich liebe dich!‘

Es war ein jähes Erstaunen in ihr, daß sie die Ähnlichkeit nie vorher bemerkt hatte, ein jähes Erschrecken: wie Merivaux wäre Harro geworden, wenn der Schnitter Tod ihn nicht hinweggerafft hätte -- wie Harro mußte Merivaux gewesen sein, als er ein Kind, ein Jüngling war.

Gleich einem Traumbild war’s, das plötzlich vor ihrer Seele emporstieg, das in ihrem Herzen noch einmal eine Saite aufklingen ließ, die sie für immer zersprungen wähnte.

Sie standen und sahen sich in die Augen.

Die Saite klang und hallte leise, rief wehmütig weiches Empfinden wach. Schmerzliches Erinnern und sanfte Zärtlichkeit. Ein Neues strömte auf sie ein, fremd und doch wohlvertraut. Das Glück vielleicht -- vielleicht --

Und da hatte er sie schon in seine Arme geschlossen, fest und innig ans Herz genommen, küßte sie und küßte sie wieder.

Sie hatte die Augen geschlossen, wehrte ihm nicht, lag an seiner Brust.

Seine Lippen fühlte sie, seine Wange an ihrer Wange, sein Atem ging über ihr Gesicht. Liebesworte hörte sie dicht an ihrem Ohr, zärtlich, flehend. Und ihr Blut pulste und rauschte. Immer enger umschloß sie sein Arm, seine Hand glitt sanft über ihren Nacken, über ihr Haar. Ihr Herz pochte. Pochte lauter und lauter. „Küsse mich!“ bat er. „Küsse mich!“

Und sie küßte ihn. --

Plötzlich schraken sie auseinander.

Laute Stimmen kamen, hastige Schritte, wie im Lauf.

Höhne mit einer Blendlaterne und einem Blatt Papier in der Hand. Unmittelbar hinter ihm Onkel Ernst, keuchend: „Helene! Helene!“

Hand in Hand standen sie. Hand in Hand gingen sie ein paar Schritte ihm entgegen.

Merivaux wollte sprechen, erklären.

Aber Onkel Ernst warf nur einen flüchtigen Blick auf sie. Nun er dicht heran war, sahen sie sein erschrockenes Gesicht.

Er keuchte noch immer. Mühsam nur brachte er es heraus: „Erschrick nicht, Helene ... wo hast du denn den Brief, Höhne ... Helene, liebes Kind -- der alte Rittmeister -- dein guter Vater -- ist plötzlich schwer -- sehr schwer erkrankt --“

Nach Onkel Ernsts Hand griff Helene, griff dann nach dem Brief. Höhne hob die Blendlaterne hoch, leuchtete --

Der kleine Bogen flatterte auf den Kies.

Einmal, ein einziges Mal schluchzte Helene auf und sank in Merivaux’ Arme.

Zehntes Kapitel

Als Helene nach Rohlbeck kam, war Vater bereits seit zwei Stunden verschieden. Ohne schweren Todeskampf war der alte Rittmeister hinübergegangen zu den ewigen Heerscharen. Martha führte die Schwägerin zu ihm. Er lag wie ein Schlafender auf seinem schmalen Bett. Auf dem Nachttisch standen zwei Lichter. Das Fenster des Sterbezimmers war geöffnet, nach altem märkischem Brauch. Die Kerzenflammen flackerten leicht in der Zugluft, und der wechselnde Reflex gab dem stillen Greisengesicht dann und wann den Schein des Lebens.

Helene warf sich am Bett auf die Knie, griff nach Vaters Hand, schrie auf, drückte den Kopf neben Vaters Haupt in das Kissen, schluchzte und weinte. Sie wollte nicht glauben, daß Vater tot wäre. Sie konnte überhaupt keinen Gedanken fassen. Zum erstenmal in ihrem Leben stand das große ewige Rätsel des Vergehens vor ihr, und ihr war’s, als müßten ihr Schmerz und ihr Flehen den Vater erwecken können, als müßte Gott sich erbarmen und ein Wunder tun.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte sie auch dann, als Martha sie mit sanfter Gewalt emporhob, als der alte Heckstein kam und, selber mit tränenden Augen, tief ergriffen, ihr milden Trost zuzusprechen suchte.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte ihre leidenschaftliche Seele, daß es einen Trost geben sollte für solchen Schmerz. Nicht fassen und nicht begreifen auch, wie ruhig und still die anderen waren. Mutter sogar. Die saß zwar am Fußende des Bettes, weinte dann und wann leise vor sich hin, aber sie fand doch Worte. Worte! Fragte, ob Wilhelm und Fritz benachrichtigt wären, ob das Läuten schon bestellt sei. Und Martha schaltete und waltete, dachte an alles, wollte Helene gar nachher drüben an den Kaffeetisch zwingen. Gott im Himmel! Hatten sie alle denn Vater so wenig lieb gehabt?