Auf märkischer Erde

Part 17

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Ein herrlicher Frühsommer war es, fruchtbar und reich. Vater schrieb immer wieder, wie prächtig die Ernteaussichten, „das heißt, mehr Regen könnten wir brauchen. Für unseren märkischen Sand ist bis Johanni jeder Regenschauer ein Säckchen Dukaten wert.“ Wenn solch ein Brief, meist an sie gerichtet, kam, so faßte Martha immer die Sehnsucht nach Rohlbeck, nach grüner Wiese, nach duftendem Flieder, nach einem Kirschbaum im Blütenschnee. Ganz plötzlich sagte sie dann bei Tisch: „Jungens, wann kommt ihr heut aus der Schule zurück? Um halb fünf. Gut -- wir müssen ins Freie. Du auch, Lene.“ Und sie packte ein Körbchen mit Butterbroten und zog mit ihnen hinaus, die Bellealliancestraße hinauf zum Kreuzberg, und lagerte sich mit ihrer Schar irgendwo in der kleinen Wildnis um das ragende Denkmal; oder es ging noch weiter hinaus auf der Chaussee, quer über den riesigen, sonnigen Exerzierplatz bis nach Tempelhof, in den schattigen Garten von Kreideweiß. Manchmal, selten, hatte auch Wilhelm ein Gelüste nach etwas Familiensimpelei. Dann schlug er aber eine etwas höhere Nüance an. Er lud die Seinen -- „Jungens, wascht euch die Pfoten!“ -- zu Kaffee und Stippe bei Mielenz an der Potsdamer Brücke ein, wo der elegante Spießer auf schön getürmten Terrassen saß, oder führte sie gar am Abend nach dem „Albrechtshof“ oder nach „Moritzhof“ am Tiergarten. Das war ein besonderer Jubeltag für die Söhne. Denn erstens bekam jeder ein richtiges Seidel bayerisches Bier und eine Schinkenstulle, und dann konzertierte der alte Generalmusikdirektor Wiepprecht dort. Am Schluß stieg der jedesmal auf einen Tisch und dirigierte ein grandioses Schlachtenfurioso mit großem Trommel- und Paukengetöse. Die Jungens und auch Martha fanden das über alle Beschreibung schön. Helene freilich hielt sich lachend die Ohren zu.

Einmal, im Juni, kam Bruder Fritz angereist und logierte bei Wilhelms. Der „rote Kreisrichter“ war ein wenig bedrückt. Der Zwist mit dem Vater lag ihm auf dem guten Herzen, er fühlte sich auch mehr und mehr isoliert in Stellberg, und dann hatte er dienstlich Unannehmlichkeiten. Der neue Justizminister Graf Lippe zog schärfere Saiten gegen die fortschrittlich gesinnten Beamten auf. Es gab gleich am ersten Vormittag eine lange Beratung zwischen den Brüdern, ohne daß viel dabei herauskam. Denn Wilhelm sprach als ein Mann der Kompromisse emsig zum Guten, fürchtete auch persönlich Unbequemlichkeiten für seine geschäftlichen Beziehungen. Fritz aber redete sich schnell wieder in seine „Überzeugungstreue“ hinein, wollte lieber gemaßregelt sein, als nachgeben. Schließlich brach in beiden die Hackentinsche Art durch, sie lagen sich, nach scharfen Worten, versöhnt in den Armen und schwatzten davon, wie man sich am besten in Berlin amüsieren könnte.

„Ohne daß es viel kostet --“ meinte der Stellberger, aber Wilhelm erklärte: „Ach was! Man sieht sich so selten. Ich lade dich zu Hiller ein. Die Weiber kommen auch mit. Und am Abend gehen wir zu Kroll. Martha, Lene -- macht euch so schön, als es möglich ist. Ehre wollen wir mit euch einlegen.“

Er konnte zufrieden sein, und er schmunzelte auch, als der kleine Karl Hiller, der frühere Oberkellner von Ewest, der erst vor kurzem das eigene Geschäft Unter den Linden eröffnet hatte, ihn zu dem reservierten Tisch geführt hatte: Martha und Helene sahen vorzüglich aus. Martha in ihrer schlichten Frauenhaftigkeit, die Schwester rassig, eigenartig -- „Donnerwetter, Mädel, als ob du alles Lackzeug frisch gestrichen hättest.“ Rosigster Stimmung war er: er hatte gleich gemerkt, wie sich in dem trotz des Sommers überfüllten Lokal, das rasch in Mode gekommen war, alle Augen auf die schönen Frauenerscheinungen richteten. Auch mit den Toiletten war er zufrieden: etwas übertrieben einfach, aber sie kamen mit, die beiden. Wirklich, sie kamen mit, fand er. Besonders Helene in ihrem Batistkleidchen mit der rosa Tunika über dem Rock. Zum Erstaunen! Das Mädel wußte aus nichts etwas zu machen. Und dann ihr wundervolles Haar, vorn in leichten Wellen gescheitelt, im Nacken der neumodische Chignon, der die rostbraune Flut kaum bändigen konnte.

Rosigster Stimmung war er. An jedem dritten Tisch im Saal hatte er Bekannte, grüßte, nickte, winkte, nannte für die Seinen die Namen: „Da der Prinz von Schwarzburg! ... Graf Dönhoff ... drüben der große Theateragent Röder mit seiner schönen Tochter Mila ... in der Ecke sitzt Strousberg ... siehst du ihn, den kleinen Juden ... und da sitzt der Oberstleutnant Prinz Hohenlohe, Flügeladjutant des Königs ... Du, Martha, da kannst du auch die göttliche Anna Schramm sehen mit dem Rittmeister von Brescius ... und am Nebentisch der schmächtige Zietenhusar, das ist Graf Haeseler ...“

Er grüßte, winkte, bestellte seine Lieblingsmarke, Ruinart, spöttelte mit dem Bruder, der ein wenig steifleinen zwischen Schwester und Schwägerin saß, aß wie ein Gourmet, schlürfte den Champagner mit Kennermiene: „Aber die nächste Bouteille, mein lieber Hiller, etwas kälter.“

Helene war zuerst ein wenig befangen. Dann taute auch sie auf, plauderte drauflos, neckte Martha, die, wie sie behauptete, neuerdings eine kleine Passion für die Berliner Weiße hätte und die Berliner Schrippe und frische Blut- und Leberwurst; die überhaupt auf dem besten Wege wäre, richtig zu verberlinern. Dann saß sie wieder ein Weilchen stumm, dachte reuig: ‚Was bist du doch für ein Weltkind!‘ trank hastig ein Spitzglas Champagner, lachte sich über die veränderte Stimmung fort: ‚Gott, man ist doch nur einmal jung!‘ -- fühlte, wie diese Atmosphäre von Luxus und Wohlleben ihr wohltat, diese Spiegelwände, die weichen, roten Teppiche, der glänzend weiße Damast, die Kristallschalen, das diskrete Plaudern und Lachen, der leise, leichte Duft von Parfüm, Speisen, Zigarrenrauch.

Plötzlich rief Wilhelm: „Merivaux ... suchen Sie einen Platz? Kommen Sie hierher. Wir rücken ein wenig zusammen.“

Da erst sah Helene den Gardeschützen, der mitten im Saal stand, mit dem Oberkellner unterhandelte. Jetzt stutzte er, zögerte einen Augenblick, trat dann an den Tisch heran. „~Bonjour, mes dames et messieurs!~ Sehr freundlich, Herr von ’ackentin. Wenn Sie erlauben --“

Er sprach noch immer mit leichtem Akzent, kämpfte noch immer ein wenig mit dem H, mischte noch immer dann und wann einen französischen Brocken ein. Aber zugelernt hatte er entschieden „in die swere Sprack“ während der zwei Jahre. Wahrhaftig, länger als zwei Jahre hatte Helene den Neuchateller nicht gesehen! Und indem sie das mit leisem Staunen konstatierte, glitt durch ihre Erinnerung doch auch jener Spaziergang, im Rackower Park, die Begegnung mit Alfred Schwarz, ihr Gesang im Salon von Tante Marie --

Merivaux widmete sich zuerst fast ausschließlich Martha, sprach mit den Herren, erzählte, daß er im Winter vierundsechzig -- „da wir ja leider nicht mobil wurden“ -- auf einige Wochen in der Heimat gewesen wäre: „Schlechte Zeiten für meine Eltern, für unseren ganzen Adel.“ Die Demokraten obenauf, die Royalisten ganz, ganz unten; und allmählich werde auch so mancher von den Guten untreu. Im Vaterhause aber erhebe der alte Herr immer noch sein Glas, gefüllt mit blutrotem Cortaillard: „~Vive le roi!~“ Und am 22. März hätte auch diesmal die schwarzweiße Hohenzollernfahne über Schloß Merivaux geflattert.

Helene hörte gerne zu, wie er so sprach. Ein romantischer Zug klang daraus, der Widerklang in ihr fand. Dies treue Ausharren auf verlorenem Posten, dieser trotzige Sinn der alten Royalisten im fernen Lande: das war wirklich einmal etwas Eigenes in der Alltäglichkeit des Lebens. Es lag fast greifbar deutlich vor ihr; das altersgraue Schloß mit dem dräuenden Turm und der Zollernflagge, und tief unten der blaue Neuchateller See, wie Merivaux ihn einst ihr geschildert, von grünen Wiesenhalden umkränzt und blütenreichen Hängen, die schneebedeckten Alpenhäupter im Hintergrunde.

Einmal mußte sie unwillkürlich zu Merivaux hinübersehen. Und da begegneten sich ihre Augen. Sie wunderte sich: es war etwas Träumerisches in seinem Blick -- etwas Fremdes -- und doch wieder etwas seltsam Vertrautes.

Dann wandte er sich gleich an seinen Tischnachbar. Das Gespräch ging weiter. Fritz konnte sich eine etwas unpassende Bemerkung nicht versagen, daß Neuchatel doch eben nur seinen natürlichen Anschluß an die anderen Schweizer Kantone gefunden hätte, wurde aber von Merivaux ziemlich scharf zurückgewiesen. Dann, um weiterer Peinlichkeit zu entgehen, fragte Wilhelm recht unvermittelt nach dem neuen Modell der Jägerbüchse, das die Gardeschützen führten. Und Merivaux sang das Lob der Zündnadel -- „sie schösse töter als tot“. Er war zur Abnahme in Sömmerda kommandiert gewesen und hatte den alten Dreyse kennen gelernt, den der König kürzlich geadelt, der aber noch immer wie ein richtiger Schlossermeister von Werkstatt zu Werkstatt ginge, um allenthalben nach dem Rechten zu sehen. Wilhelm erzählte dagegen wieder von dem alten Krupp in Essen und den gezogenen Gußstahlgeschützen und was sich die Herren von der Bombe davon versprächen. Wozu der rote Landrichter gähnte. Eigentlich ärgerte sich Helene über Bruder Fritz: der hatte doch auch einmal des Königs Rock getragen, und nun war ihm das gleichgültig, was selbst sie und Martha interessierte: wie „da oben“ bei Lundby die Zündnadel die erste Ernstprobe auf ihre Brauchbarkeit abgelegt hätte.

Endlich brach man auf. Merivaux ging mit hinaus zu Kroll.

Es dämmerte schon leicht, und der Krollsche Garten glänzte in seiner neuen feenhaften Beleuchtung durch Zehntausende von bunten Gasflämmchen, die alle Rabatten und Bosketts umsäumten, überall aus den grünen Büschen herausschimmerten, von hohen Kandelabern herunterstrahlten. „Etwas Ähnliches gibt es nur noch in Paris, in den Champs Elysées“, behauptete Wilhelm. „Aber was die Pariser nicht haben, ist unser Engel.“ Dieser Engel stand vor seinem Orchester, ein kleines altes Männchen mit kohlschwarzer Perücke, dirigierte ‚mit die Hände und die Füß’‘ und hatte dabei noch Zeit, jede vorüberwandelnde hübsche Frauengestalt mit verliebten Blicken zu verfolgen. An hübschen Frauen aber fehlte es im Krollschen Etablissement nie. Und außer Herrn Engel, fand Helene, gab es recht viele Herren hier, die unverschämte Augen machten.

Man promenierte langsam zwischen den Beeten auf und ab, die so wunderlich von bunten Blechblumen, mit Gasflämmchen in den Kelchen, eingefaßt waren. Und da schob sich Merivaux neben Helene.

Er fragte nach ihrem Gesang, und sie gab ein wenig spitz zurück: „Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie dafür Interesse haben ...“

„Dann irrten Sie, gnädiges Fräulein“, meinte er.

Sie behielt noch immer ihren etwas ironischen Ton bei: „Also muß ich mich bedanken, daß Sie sich so gütig für mein bißchen Kunst interessieren?“

„O nein -- warum bedanken?“ Er blieb ganz ruhig. „Aber ich darf gewiß sagen, daß ich sehr, sehr oft daran dachte, wie schön Sie in Rackow sangen. Ich ’ab es nicht vergessen: ‚... auf der Welle blinken -- tausend schwebende Sterne ...‘ Vielleicht glauben Sie es mir nicht: ich liebe die Musik überhaupt sehr.“

Es klang ihr so naiv, so furchtbar naiv. Sie mußte lächeln, und das sah gewiß wieder ein wenig überlegen, ein wenig spöttisch aus.

„Da haben wir’s! Sie lachen mich einfach aus.“

„Aber, Herr von Merivaux ...“

„Ich nehm es ja gar nicht übel. Wie soll ich? Ich weiß ja doch, Sie können kaum anders, und, gewiß, es scheint vielleicht eine seltene Sache, daß sich ein Offizier stark für Kunst, gerade für Musik interessiert. Aber es kommt doch vor. ~Par exemple~: wir haben hier in Berlin einen Offizier-Musik-Verein, und ich spiele die zweite Violine.“

Sie machten gerade kehrt, fügten sich von neuem in die Reihen der Promenierenden ein. Dabei konnte sie ihm unauffällig ins Gesicht sehen. Ein wenig im Glauben, er habe den Spieß umgedreht und scherze nun seinerseits. Aber er blickte ganz ernst. Es mußte doch wahr sein, was er sagte.

Und er sprach schon weiter: „Sie sind wieder Schülerin von Frau Harriers-Wippern?“

Da mußte sie doch erstaunt zurücksagen: „Woher wissen Sie das?“

‚„~Mon Dieu~ ... Berlin ist so klein. Ich verkehre bei Professor Taubert, und zu den näheren Freunden des ’auses gehört auch Frau Harriers. Sie sprach bisweilen von Ihnen, gnädiges Fräulein, und ’at sehr geklagt, daß Sie gegangen sind auf und davon. Damals! Und weil sie wußte, daß ich die Ehre ’ab, Sie zu kennen, erzählte sie mir neulich, sehr froh, von Ihrem Wiederkommen.“

„Aber davon ahnte ich ja gar nichts.“

Er lachte. „Man kann doch nicht alles ahnen.“

„Weshalb haben Sie mit mir in Rackow nie von Ihrer Liebe zur Musik gesprochen?“ Fast vorwurfsvoll, ein wenig schmollend, sagte sie es.

„Ja -- weshalb nicht? Vielleicht ist mein Interesse erst später recht erwacht.“ Merivaux ging einige Schritte schweigend weiter. „Vielleicht sprach ich auch aus Trotz nicht. Ich weiß nicht recht.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Vielleicht ... nun, vielleicht wollte der Dilettant die Konkurrenz mit dem ... wie sagt man doch -- mit dem Mann von Beruf nicht aufnehmen.“

Er hatte das letzte zögernd gesprochen, fast wie widerwillig. Und es schien ihm sofort leid zu tun. Denn er sah wohl, wie Helene Hackentin ablehnend den Nacken straffte, daß sie starr geradeaus blickte und ihren Schritt beschleunigte.

Sie ärgerte sich. Eigentlich traf’s ja doch den Kern der Sache, war’s ganz richtig, was Merivaux eben gesagt hatte: der Dilettant tritt immer vor dem Berufskünstler zurück.

Nun war er wieder an ihrer Seite.

„Was studieren Sie jetzt mit Frau Harriers, wenn ich fragen darf?“

Noch immer konnte sie sich nicht ganz überwinden. Ganz kurz gab sie zurück: „Die Partie der Elsa ...“

„Eine schöne ... eine sehr schwere Aufgabe. Schwer wie fast alles von diesem Maestro Wagner. Man muß sich ganz in ihn hineinleben, wenn man ihn recht verstehen will. Ich ’ab es versucht, aber es will nicht ganz glücken. Vielleicht muß man ganz ein Deutscher sein dazu?“

„Warum das, Herr von Merivaux? Die Musik, die Kunst überhaupt ist doch wohl international?“

„O nein! Nein doch, gnädiges Fräulein. Das sagt man wohl so, das ist aber nicht wahr. Man empfindet wohl nach, aber man empfindet nicht ganz. Es gibt Differenzen. Man kann Mozart überall verstehen und kann Auber überall verstehen. Aber Wagner nicht. Oder doch nicht gleich. Gerade weil er so ganz deutsch ist.“

„Aber Wagner hat doch auch in Paris viele Bewunderer.“

„Wenige, glaub ich. Man wollte ihn in Mode bringen, aber es ist nicht geglückt, trotz der Fürstin Metternich. Sie sollten nur sehen, wie sich die Karikatur über ihn lustig macht. Gavarni und Cham und Noël. Wie man spottet ...“

„Das ist sehr häßlich.“

„~Sans doute.~ Aber der Pariser liebt das so. Und das ’indert nicht, daß Wagner sich vielleicht doch Bahn machen wird, langsam, langsam --“

Da waren sie wieder am Ende der Promenade angelangt, und Wilhelm unterbrach ihr Gespräch. Er hatte einen freien Tisch unter einer der Hallen erspäht und behauptete, einen unendlichen Durst zu haben.

Man kam sehr spät nach Hause. Weit nach Mitternacht. Aber Helene lag noch lange, ohne Schlaf finden zu können. Eigentlich klang immer nur das eine Wort, das Merivaux gesprochen, in ihr nach, das Wort von dem Dilettanten und dem „Mann des Berufs“ -- dem Künstler, hätte er sagen sollen. Ja, dem Künstler! Die Gestalt Alfreds stieg wieder auf, aber es war nur noch ein Schatten. Nur daß sie daran dachte: merkwürdig, daß er in all den Stunden, die wir zusammen waren, fast nie ernst über seine, über unsere Kunst gesprochen hat. Immer glitt er darüber hin, berührte höchstens das Persönliche, soweit es ihn und vielleicht noch mich anging ... nie gab er mehr ...

Es war ja auch nichts Tiefgründiges, was sie mit Merivaux gesprochen hatte. Gewiß nicht. Aber es war ihr so überraschend gekommen, weil sie den Neuchateller so ganz anders eingeschätzt hatte, lediglich als den lustigen, flotten Leutnant. Wie man sich doch im Menschen irren kann, dachte sie. Und dachte auch flüchtig an Holfen. Auch bei ihm hatte sie Interessen gefunden, die sie nicht erwartete. Aber es war doch wieder ein Unterschied dabei: Holfen war gewiß ein gescheiter, liebenswürdiger Mann, aber er hatte kein Temperament. Und bei Merivaux verriet sich das überall und immer. Merkwürdig, auch in Äußerlichkeiten. Er war anders als die meisten. Wie eigen er ihr beim Abschied die Hand gedrückt hatte, so gar nicht konventionell. Sehr frei und frank, und doch sehr ehrerbietig.

Am nächsten Morgen dachte sie nicht mehr an ihn. --

Eine Woche später begannen für die Jungens die Großen Ferien, und es ging nach Rohlbeck; nur Wilhelm blieb, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, zurück.

Und wieder eine Woche später fuhr Helene, einer dringenden Einladung von Tante Marie folgend, auf einige Tage nach Rackow.

Als sie, in ziemlich früher Vormittagsstunde, durch das Parktor bog, sah sie dicht vor ihrem Wagen, fast schon an der Veranda, einen im ganzen Kreise wohlbekannten und gefürchteten Mann: Herrn Wilke aus Stellberg. Sie hatte zwar seine persönliche Bekanntschaft noch nicht gemacht, aber ihn doch schon, auch in Rohlbeck, gesehen, wenn er bei einem der Kleinbauern oder bei dem Krämer sich als unwillkommenster aller Gäste einfand. Und sie dachte verwundert: ‚Mann des Gesetzes, wie kommst du hierher?‘

Aber da stand schon Onkel Ernst, vergnügt lachend, neben seinem diskret grinsenden Höhne auf der Veranda und begrüßte sie beide fast gleichzeitig: „Tag, Leneken! Herzlich willkommen. Nimm die Sachen vom gnädigen Fräulein, Höhne. Tante ist im Gartensalon, Kind ... Ja, und da sind Sie ja mal wieder, lieber Wilke. Freut mich, Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Aber Sie sollen doch nicht mit der Dienstmütze auf den Hof kommen! Das macht einen schlechten Eindruck, mein Lieber.“

Der lange Labammel stand militärisch stramm: „Vorschrift, Herr Baron.“

„Ach was, Vorschrift! Na, spazieren Sie nur herauf. Was gibt es denn Schönes?“

„Sechstausend vierhundert Taler, Herrn Baron zu dienen, und einhundert achtundsechzig Taler fünf Groschen Kosten.“

„I, sieh mal einer an. Ja, wissen Sie, Wilke, da gehen Sie nur morgen mit der Chose zu Ephraim Herz. Der wird’s bezahlen.“

„Unmöglich, Herr Baron. Wie der Lateiner sagt: ~Hinc Rhodus, hinc saltus!~“

„Ihr Latein ist schwach, Wilke. So, nun setzen Sie sich erst mal. Höllisch heiß heut. Was? Erst ’ne kleine Stärkung. Höhne, besorgen Sie ein Frühstück und eine Flasche Burgunder. Unser Herr Wilke ist ein Kenner. Bringen Sie aber auch einen guten Korn mit herauf. Na, so setzen Sie sich doch, Wilke.“

Der lange Mann stand noch immer, hatte das rote Schnupftuch herausgezogen, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und von der großen roten Nase, die es mit der berühmten Koralle des Doktor Tiburtius aufnehmen konnte. Er zögerte sichtlich. „Gnädigster Herr Baron,“ meinte er, „so geht das nicht. Erst der Dienst. ~Officinum ante omnia.~ Ja, Herr Baron, das vom vorigen Male -- das passiert mir nicht wieder. Da können der Herr Baron Gift drauf nehmen.“

„Aber wo werd ich denn, Wilke. So, hier setzen Sie sich, alter Freund und Bogenschütze, und heben Sie erst einen Kleinen. Alles der Reihe nach.“

Helene hatte das wunderliche Gespräch, etwas neugierig, etwas ängstlich, aus dem halbdunklen kühlen Korridor mit angehört. Dann war sie zu Tante Marie geflitzt, die in einem hellblauen Batistkleide, das über und über mit weißen Spitzen besäumt war, im Gartensalon auf der Chaiselongue lag und in dem neuen Roman von Fanny Lewald blätterte; hatte Grüße von den Eltern gebracht, war auf ihrem Stübchen, diesmal der „Bärenhöhle“, gewesen, hatte sich ein wenig eingerichtet. Als sie wieder herunterkam und auf die Veranda hinauslugte, saß da immer noch Onkel Ernst, und ihm gegenüber saß Herr Wilke; zwischen ihnen standen die Reste eines stattlichen Frühstücks und einige dickbäuchige Flaschen. Onkel Ernsts Vollmond glänzte eitel Wonne, und Wilkes Nase glänzte in dem alten Unteroffiziersgesicht wie Purpur.

„Ja, ja, mein lieber alter Wilke, man hat seine Not“, klang Onkel Ernsts sanfte, einschmeichelnde Stimme. „Aber man muß sich die Laune nicht verderben lassen. Erst noch ein Schlückchen Burgunder. Das ist 1848er Romané, mein Bester, so was kriegen Sie nicht alle Tage. He?“

„Hab ich mein Leblang noch nicht getrunken, Herr Baron. ~Nullum vinum nisit franciscum.~ Aber man soll des Guten nicht zu viel tun. Der Dienst, gnädigster Herr Baron --“ Er knöpfte an seinem Rock und zerrte eine dicke Brieftasche heraus. „Sechstausend vierhundert --“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst noch ein Gläschen. Prosit! -- Ach, da bist du ja, Leneken. Komm, setz dich ein bissel zu uns. Wilke, Sie kennen doch das Rohlbecker gnädige Fräulein?“

„Wo werd ich denn nich?“ Herr Wilke erhob sich etwas schwer und umständlich, schwenkte ein weniges mit dem langen Oberkörper. „Ich war schon mal beim gnädigen Herrn in Rohlbeck, als das gnädige Fräulein noch in die Windeln lagen, mit Respektus zu melden.“

„Ja, Ihr segensreiches Wirken, mein lieber Wilke, geht durch Generationen. Wir wissen es. Immer im Dienst voran. Immer die Pflicht über alles. Der Mensch braucht Stärkung, um für Dienst und Pflicht die rechte Kraft zu finden. Prost, mein lieber alter Wilke.“

„Danke, Herr Baron, danke untertänigst. Ein wunderbares Weinchen, das der Herr Baron im Kellerchen haben. Ist ja auch berühmt, der Rackower Keller. Aber nu müssen wir doch wohl --“

„Nachher, lieber Wilke. Alles zu seiner Zeit. Erst das Vergnügen und dann die Pflicht. Ja, alter Wilke, wie lange kennen wir uns eigentlich? Aber so trinken Sie doch. Das ist ja geradezu beleidigend, Sie so sitzen zu sehen, so trocken.“

„Na, gnädigster Herr Baron, das wird woll sohner Jahre zwanzig her sein. Vor dem Einzug von der gnädigsten Frau. Damals liefen immer die Wechsel von Hartwich Stern aus Frankfurt!“

„Sieh mal einer an, was Sie für ein Gedächtnis haben. Den wackeren Geschäftsfreund deckt nun auch schon die kühle Erde. Aber wir beide wollen auf sein Gedächtnis mal gleich ein stilles Glas trinken.“

Helene Hackentin saß an der Querseite des Tisches und wußte nicht recht, ob sie sich schämen oder ob sie lachen sollte. Doch wohl lieber lachen. Um etwas Wichtiges konnte es sich ja nicht handeln. Onkel Ernst lachte ja auch sein ganz leises, fast unhörbares Lachen, bei dem sich die beiden Mundwinkel so seltsam nach unten zogen. Dann und wann sah er unter seinem Einglas, das wie angemauert vor dem Auge lag, „um die Ecke“ und nickte Lene zu.

Sicher: das Ganze war ein Witz. Sonst wäre Tante Marie ja auch nicht so ruhig gewesen. Sie hatte vorhin sogar zu Höhne gesagt: „Sorgt nur dafür, daß der alte Wilke sein ordentliches Maß bekommt.“

Und jetzt gab Onkel Ernst dem Höhne ein geheimnisvolles Zeichen. Der stellte neue Gläser und eine Flasche Champagner auf den Tisch. Worauf Herr Wilke die Hände spreizte: „~Apage Satanum!~ Nee, Herr Baron, das geht wirklich nicht. Über allem der Dienst. Sechstausend vierhundert --“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst werden wir mal dieser Pulle nähertreten. Leneken, du trinkst auch ein Schlückchen mit.“ Der Korken fuhr gegen das Verandadach. „Veuve Cliquot, braver Wilke. Die edelste aller Witwen soll leben! Na, Witwe? Da haben Sie’s anders gemacht -- was? Seit wann sind Sie denn Witwer?“

„Seit acht Jahren, Herrn Baron zu dienen.“

„Also, das nächste stille Glas der teuren Verewigten. Schlimm, was? -- So als einsamer Witmann.“

„Es geht, Herr Baron, es geht. Man muß sich trösten.“

„Da haben Sie ganz recht, guter Wilke. Und ein stattlicher Mann wie Sie findet schon Trost. Darauf müssen Sie mal trinken.“

Es wurde allmählich Helene zu bunt. Sie schlich sich fort, ging hinunter zu den Beeten am See, wo Tante Marie vom Mai bis in den Herbst hinein Erdbeeren zur Reife zu bringen wußte. Es gab da heut etwas Besonderes zu sehen. Quer über die Senke hinweg steckten Arbeiter mit langen Stangen eine schnurgerade Linie ab; drüben am Hang stand eine kleine Gruppe Männer um ein dreibeiniges Gestell, das ein Etwas, fast wie ein Fernrohr, trug. „Unse Isenbahn!“ erklärte der alte Gärtner mit Stolz.