Part 16
Aber dafür seine frohen, übermütigen Briefe von „da oben“ her. Und Vater beorderte dann und wann Helene ans Klavier, daß sie ihm das Chemnitzsche Lied sänge:
„Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht, Wahre treu, was schwer errungen, Bis ein schön’rer Morgen tagt! Schleswig-Holstein, stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland!“
Manchmal mußte Helene auch aus Harros Briefen vorlesen. Die Garde stand jetzt schon oben auf jütischem Boden, bei Kolding. Ein wenig neidisch schrieb der tatendurstige Junker von den Kameraden, denen vor den Düppeler Schanzen größere Lorbeeren winkten. Aber kleinere Gefechte gab’s bei ihnen auch, und lustige Geschichtchen wußte er immer zu erzählen. Gestern hatte „Einer von meinem Regiment“ einen flüchtenden Dänen angeschossen, ihn dann eingeholt, triumphierend zurückgebracht: „Das ist +mein Däne+!“ und ihn durchaus selber gesund pflegen wollen. Vater schmunzelte oder lachte auch hell auf. Als Harro beschrieb, wie wunderschön drollig jetzt die Posten aussähen: im großen weißen neugelieferten Schafpelz mit dem Helm dazu auf dem Kopfe, meinte er: „So sahen unsere Kerle im Winter Anno achtzehnhundertundzwölf auch aus, oben in Kurland, beim alten Yorck. Das heißt, geliefert waren uns die Pelze nicht. Die hatten wir -- gestohlen. Aber Helme hatten wir noch nicht, und unsere alten Hüte waren immer so steifgefroren, daß man Suppe draus hätte löffeln können.“
Dann, Ende März, kam ein förmlicher Jubelruf: „Hurra, nun kommen wir doch noch vor Düppel. Unsere neuformierten Garde-Regimenter sollen beweisen, daß sie hinter den alten nicht zurückstehen. Wir wollen’s den Dannemanns schon zeigen! Und wenn der „Rolf Krake“ angeschwommen kommt, dann stecken wir den mitsamt seinen dicken Panzerplatten in die Tasche. Halt mir den Daumen, liebe, liebe Lene! Wenn alles gut geht und ich kann mich ein bissel auszeichnen, bin ich vielleicht in vier Wochen Offizier.“
Helene mußte lächeln. Hinter Harros Zeilen stand immer noch etwas Besonderes, etwas Heimliches, nur für sie Bestimmtes. Er schrieb nie von seiner anbetenden Liebe. Manchmal hatte sie geglaubt, daß er die mit der Schulmappe und der Jungensmütze abgestreift, daß sie sich ihm und ihr wirklich in gute Kameradschaft gewandelt hätte. Aber dann kamen wieder Wendungen, die sie anders deuten mußte. „Wir haben gestern nacht die dritte Parallele ausgehoben. Ganz dicht vor den Schanzen. Sternenklar war die Nacht. Da hab ich hinaufgeschaut zu den blitzenden Sternen, und ich hab immerfort an Dich denken müssen.“
Vater war sehr unruhig in diesen Tagen. Nie konnte er die Posttasche erwarten. Und wenn er aus der „Kreuzzeitung“ das Neueste vom Kriegsschauplatz vorlas, dann kramte er aus dem kleinen Schatz seiner kriegsgeschichtlichen Erinnerungen allerlei Ergänzungen, Erläuterungen hervor. Der Sturm auf die Düppeler Schanzen stand ja bevor. „Wird viel Blut kosten, das heißt, die Artillerie hat natürlich mächtig vorgearbeitet. Aber so ein sturmfreies Werk, mit Graben und Bastionen -- keine Kleinigkeit das!“ Ganz aus dem Häuschen waren die Jungens. Papier und Bleistift schleppten sie heran, Großvater mußte ihnen aufzeichnen, wie das eigentlich war: ein sturmfreies Werk und Parallelen und Laufgräben. Eine ganz wunderliche Zeichnung kam dabei heraus. Am Sonntag betete Heckstein von der Kanzel für unsere Tapferen in Schleswig-Holstein.
Und Helene betete herzinnig mit. Nicht daß sie sich um Harro sorgte. Wie hätte dem frischen lieben Harro etwas geschehen sollen? Das schien ihr ganz ausgeschlossen, sie dachte gar nicht daran. Aber die Hände schloß sie doch und bat um Sieg und flocht auch Harro dabei im stillen einen Lorbeerkranz.
Am 18., in der Dämmerstunde, ritt eine Estafette in Rohlbeck ein, ein Stellberger Postillion. Artenau hatte einmal eine vernünftige Idee gehabt und an den ungeduldigen alten Rittmeister gedacht, sich’s zwei blanke Taler kosten lassen.
Mit zitternden Händen riß Vater die Depesche auf. Sie umdrängten ihn alle auf der Veranda, sogar Mutter war herausgekommen, als der Postillion am Tor ins Horn gestoßen hatte.
„Düppel heut vormittag glorreich erstürmt. Schwere Verluste. General Raven tödlich verwundet.“
Der alte Rittmeister hatte sein Käppchen abgenommen.
Sie sahen alle zu ihm empor. Er las noch einmal. Und dann setzte er hinzu, mit bebender Stimme: „Unsere brave Armee! Endlich wieder einmal ein preußischer General für König und Vaterland geblutet. Der erste nach fünfzig Jahren. Jungens, nun lauft! Zum Kantor. Läuten soll er -- läuten!“
Eine Stunde später war die Posttasche da. Die „Kreuzzeitung“ wußte noch nichts. Und auch die vom nächsten Tage brachte nur die erste Siegesdepesche und einen einzigen Zusatz: siebzig Offiziere tot und verwundet, gegen tausend Mann. Aber ein kurzer Brief Wilhelms an Martha war dabei: „Ich komme morgen. Lauter gute Nachrichten. Berlin schwimmt in Begeisterung und Jubel.“
Mit Extrapost kam er, ein paar Stunden früher, als erwartet. Die Jungens hatten oben von ihrem Fenster aus mit ihren Luchsaugen die Postchaise schon erspäht, als sie noch bei der Dampfmühle war, und hatten das ganze Haus alarmiert. Wieder standen alle auf der Veranda.
Als er aus dem Wagen sprang, rief er: „Martha, Vater -- ich hab die Konzession. Die Eisenbahn ist durch!“
Er stürmte die Stufen hinauf, umhalste einen nach dem andern, sagte, rief immer wieder: „Ich hab die Konzession. Es ist alles in Ordnung. Vater, ich hab vierzigtausend Taler dabei verdient. So freut euch doch! Freut euch doch!“
Sie freuten sich ja auch alle. Aber die große Spannung war in so ganz anderer Weise gelöst, als sie es erwartet hatten. Er mußte es endlich merken. Er lachte: „Ja, so -- natürlich, ihr habt alle Düppel im Kopf! Ihr wißt wohl gar nichts Näheres? Großartig! Berlin hättet ihr vorgestern abend sehen sollen. Wie toll zogen die Massen durch die Straßen. Alle Häuser waren illuminiert. Da haben die Berliner nun auf die Soldateska geschimpft und geschimpft, und jetzt sind sie auf einmal Feuer und Flamme. Der König bekam die Depesche von der Erstürmung der ersten sechs Schanzen auf dem Tempelhofer Felde, als er gerade die Franzer besichtigte. Er fuhr gleich nach dem Palais. Da standen schon Hunderte und Tausende und sangen das Preußenlied. Er soll Tränen in den Augen gehabt haben.“
Wilhelm hatte sehr schnell gesprochen. Nun holte er Atem und fuhr langsam fort: „Freilich -- schwere Verluste. Daß General von Raven schwer verwundet ist, wißt ihr wohl schon. Ja, und unsere arme Tante Oschitz ... Harro ist vor Schanze VI gefallen --“
Da schrie Helene auf.
Neuntes Kapitel
Die alten Herrschaften saßen allein auf Rohlbeck.
Wilhelm hatte gleich erklärt: jetzt müßte es ein Ende haben mit der ewigen Trennung. Er sehne sich, Weib und Kind bei sich zu haben. Die Jungens sollten auch aufs Gymnasium. Das letztere war vielleicht für Martha das Ausschlaggebende. Denn sie schied schmerzenden Herzens von der Scholle, die ihr so lieb geworden war, als hätte ihre eigene Wiege darauf gestanden. Und sie fürchtete sich vor Berlin.
Helene war mit Wilhelms im Herbst übergesiedelt. Zuerst nur, um bei dem Umzug und bei der Neueinrichtung zu helfen. Dann blieb sie, auf Vaters ausdrücklichen Wunsch. Sie war so still und ohne rechte Frische gewesen in all der letzten Zeit; seit der Nachricht von Harros Tode, hätte man beinahe sagen können. Ein wunderliches Mädel, fand der alte Rittmeister. Ja, ja doch, es war ja sehr traurig. Aber, du mein Gott, der Junge hatte doch einen so herrlichen Tod gehabt, für König und Vaterland. Und ohne Schmerzen, gleich dahin. Daß Lene das so naheging! Das heißt, sie hatte wirklich immer an dem Harro gehangen, fast wie eine Schwester. Aber nun das schmale, blasse Gesichtchen. Nun, sie mußte mal ordentlich heraus. Sollte auch wieder Unterricht nehmen, daß sie auf andere Gedanken käme. Nicht einen Ton hatte sie gesungen seit dem letzten Male in der Kirche, wo Heckstein der toten Sieger gedachte.
Sie wollte nicht nach Berlin. Wollte nicht -- wollte auch die alten Eltern nicht allein lassen. Da sprach der Rittmeister ein Machtwort. „Und überhaupt, das heißt, so alt sind wir denn doch noch nicht! Das bißchen Wirtschaften hier! Für immer und ewig brauchst du ja nicht fortzubleiben, und wenn erst die Eisenbahn fertig ist, dann ist das ja nur ein Katzensprung.“
Wilhelm hatte vor dem Halleschen Tor gemietet. In einem ganz neuen Hause, das die spottsüchtigen Berliner „Neu-Amerika“ getauft hatten, weil es so weit draußen lag und weil es so sehr groß war. Ein Riesenkasten, aber schön gelegen. Von der Vorderfront sah man über die Kanalbrücke auf den Belleallianceplatz mit der Rauchschen Viktoria; die andere Front der Wohnung ging nach der breiten Bellealliancestraße hinaus, und jenseits lag das große Rothersche Stift inmitten eines gewaltigen Gartens. So hatte man doch den Blick auf grüne Bäume. Und die Jungens jubelten: fast an jedem Morgen wurden sie durch lustige Militärmusik mit Piefkes Düppelmarsch geweckt, und wenn sie dann ans Fenster stürzten, dann sahen sie unten die langen, bunten Kolonnen, die durch die Bellealliancestraße dem Kreuzberg zuzogen.
Martha lebte sich anfangs sehr schwer ein. Die Wohnung war gewiß für Berliner Verhältnisse recht geräumig, aber sie empfand überall ihre Enge gegenüber dem Rohlbecker Hause; litt überhaupt unter der Enge der großen Stadt nach den langen Jahren des Landlebens, fand sich auch nicht leicht in die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, hatte für ihre emsigen Hände zu wenig zu tun. Aber sie war doch glücklich, mit ihrem Manne vereint zu sein. Und allmählich gewöhnte sie sich mehr und mehr, hatte ihr kleines Vergnügen an einem Bummel durch die Leipziger Straße, suchte überall nach den billigsten Quellen und kam jedesmal stolz vom Wochenmarkt auf dem Belleallianceplatz zurück; besonders stolz, wenn sie in einem kleinen Preisdisput mit einem der groben Marktweiber glorreich obgesiegt hatte. Allmählich gewann sie Berlin fast lieb.
Auf Helene wirkte dies Berlin ganz anders als vor zwei Jahren. Sie war gleichgültig geworden gegen die große Stadt. Es interessierte sie nichts mehr, es reizte sie nichts mehr: nichts zum Staunen, nichts zur Bewunderung, nichts zum Widerspruch. Und auch die Erinnerungen glitten nun, wenn sie kamen, an ihr ab wie etwas Fremdgewordenes. Mit Ausnahme der einen, um die der Tod frischen Lorbeer gewunden hatte.
Ihr erster Gang hatte der einsamen Insel gegolten. Sie fand die Tante merkwürdig gefaßt. Ganz schmal und durchsichtig zart war das kleine Gesicht unter der Trauerhaube, aber aufrecht und ruhig: „Der Herr hatte ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen,“ sagte sie fast wie Hiob, „der Name des Herrn sei gelobt.“ Es lag etwas Tiefergreifendes in ihrer Ergebenheit. In Helene lebte der Schmerz anders; sie hätte ihn klagend gen Himmel schreien mögen.
In sein kleines Stübchen führte Tante Marianne sie. Da stand und lag noch alles, wie er es verlassen. An dem letzten Tage vor dem Ausmarsch war er noch darin gewesen.
Tante Marianne setzte sich vor seinen Schreibtisch, ließ die Bücher, die auf dem Tisch lagen, langsam durch ihre Hände gleiten, rückte an dem Tintenfaß. Helene hatte sich ein Korbsesselchen herangezogen, stützte den Kopf in beide Hände und weinte. Sprechen konnte sie nicht.
Auch die Tante saß lange schweigend, nun mit gefalteten Händen auf der Schreibmappe.
Dann sagte sie ganz langsam: „Er hat dich sehr lieb gehabt, Helene. Mehr vielleicht, als er sollte. Ich hab das auch erst gemerkt, als du fort warst.“
‚Mehr vielleicht, als er sollte.‘ Helene hörte eigentlich nur das. Konnte man denn einen Menschen mehr liebhaben, als man sollte?
Aber sie durfte ja nicht mit der Mutter rechten. Und Tante Marianne würde auch nimmer verstanden haben, wenn sie ihr von dieser reinen und heißen Jünglingsliebe gesprochen hätte und von dem, was ihr Harro gewesen und geworden war in der Zeit ihrer Not. Vielleicht meinte Tante Marianne auch nur ‚Er hat dich sehr liebgehabt -- mehr als mich.‘
Nur eins mußte sie sagen. Und es mochte wohl wie ein Auftrotzen klingen: „Ich hab ihn auch sehr liebgehabt.“ Wie ein Auftrotzen, und war doch großer Schmerz.
Tante Marianne sah auf und senkte den Kopf wieder. Vielleicht hatte sie auch das nicht recht verstanden, daß man jemand liebhaben kann in reinster Freundschaft. Vielleicht lebte auch in ihren Gedanken ihr Harro nur noch als Knabe; vielleicht hatte sie nie ganz begriffen, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, mit all der Lust und all dem Leid des Jünglingsherzens.
Sie stiegen wieder herunter und saßen im düsteren Wohnzimmer einander gegenüber.
Die Tante fragte nach Rohlbeck, nach den Eltern, nach Wilhelms. Helene gab Antwort. Und beider Gedanken waren doch nur bei ihm. Er stand für sie drüben an der Tür, er saß für sie in der tiefen Fensternische, er ging draußen vorüber unter den blühenden Kastanien.
Plötzlich sagte Tante Marianne, und nun klang doch der ganze Schmerz des Mutterherzens durch all ihre Ergebung hindurch: „Warum mußte er Soldat werden! Ich wollte es nicht. Fast auf den Knien hab ich ihn gebeten --“
Und wieder saß Helene wortlos. Was sollte sie sagen? Auch das würde Tante Marianne nicht verstehen: daß der Tod auf dem Schlachtfelde der schönste Tod ist und daß mit Harro Hunderte und aber Hunderte, arm und reich, hoch und gering, in den Tod gegangen waren -- mit Gott, für König und Vaterland.
Mit Gott! Den Kopf hätte Tante Marianne geschüttelt: ‚Du sollst nicht töten!‘
Und dabei fühlte sie, wie wieder der fragende, vorwurfsvolle Blick auf ihr ruhte. Fast als ob er zu ihr spräche: Du bist schuld daran, daß er so früh eintrat! Daß er ein Mann sein wollte, wo er noch ein Knabe war!
Es fröstelte sie in dem düsteren Zimmer.
Schwer stand sie auf. Küßte der Tante die Hand. „Ich muß nun wohl gehen --“
Tante Marianne blieb auf dem steiflehnigen Sofa sitzen, sagte nur müde: „Grüße Wilhelm und Martha.“
Aber dann plötzlich, als Helene schon an der Tür war, kam die Tante hinter ihr drein, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und rief unter Schluchzen: „Er hat dich so liebgehabt. Er hat dich ja so liebgehabt!“
Und da weinten sie beide, Wange an Wange. Weinten um den, der in ihren Herzen nie sterben würde: um den Knaben, um den Jüngling, um den jungen Helden, der mit einem Lächeln in den Tod gegangen war.
Seitdem ging Helene häufig nach der einsamen Insel. Mehr und mehr lernte sie Tante Marianne verstehen und schätzen. Auch lieben. Aber diese Liebe rankte sich doch fast nur um die Erinnerung an Harro. Bei allem Verstehen und aller Verehrung, auch in aller Zuneigung blieb etwas Fremdes. Und manchmal dachte Helene: ‚Es ist nicht anders wie in deinem Verhältnis zu Martha. Wir haben uns gefunden, und sind doch nicht ganz eins geworden.‘
Bisweilen, wenn sie von der einsamen Insel kam, ging sie auch an der kleinen Konditorei in der Bendlerstraße vorüber. Einmal stand sogar das alte Kuchenfräulein vor der Tür und sah in den lachenden Frühling hinaus, knixte und machte große Augen. Da grüßte Helene mit einem leichten Kopfneigen und lächelte, indem sie weiterschritt. Wirklich, sie konnte lächeln. Wunderte sich selber darüber, wie fern ihr nun diese Episode lag, und daß sie ihr aus einem großen Erleben zu einer Episode hatte werden können. Aber sie wußte auch: die emsige Arbeit und ihre Kunst hatten das erste und vielleicht das Beste an ihr getan, und doch nicht alles; es mußte die Zeit helfen, sie das Überwinden zu lehren, und es mußte Harros Tod kommen, um das Überwinden zur Tat werden zu lassen. Wie denn der eine Schmerz so oft den andern löst.
Monat auf Monat war verstrichen, und der Sommer stand schon vor der Tür, da raffte sich Helene endlich auch zu dem Besuch bei Frau Harriers-Wippern auf. Immer wieder hatte sie ihn hinausgeschoben. Nun drängten Vaters Briefe; es drängte auch das eigene Gewissen. Denn sie wußte, Mitte Juni ging die Sängerin meist in die Ferien.
Das Herz klopfte ihr doch, als sie die teppichbelegten Stufen zur Wohnung hinaufstieg und die Klingel zog. Sie fühlte sich schuldbewußt der gütigen Meisterin, schuldbewußt auch ihrer eigenen Kunst gegenüber. Die Worte klangen in ihr auf, die die Lehrerin nach der ersten Prüfung gesprochen hatte: von der Heiligkeit der Gabe, die ihr verliehen, und wie man sie hegen und pflegen müsse. Sie aber kam ja eigentlich auch jetzt nicht, um sich in ganzer Hingebung wieder der Kunst zu widmen. Fast gezwungen kam sie, unlustig, wie sie in all diesen Wochen gewesen war.
Sie mußte ein wenig warten. Es war alles wie früher. Unter den großen Blattgewächsen saß sie im Salon, die wohlbekannten Bilder blickten von den Wänden auf sie herab. Aus dem Zimmer nebenan klangen halblaute Worte, dann einzelne Töne, eine Halbkadenz, ein paar Anschläge auf dem Flügel. Wie sie das alles kannte! Frau Harriers sang mit halblauter Stimme. Glockenhell aber. Nun die Schülerin. Hilf Himmel -- meine arme Lehrerin! Solch eine Stümperei! Wie gequält, wie mühsam -- schlecht, einfach schlecht. Was sollte das sein? Heiliger Mozart, wie man sich so an dir versündigen kann! Wenn das unser alter, guter Kantor hören müßte --
Seit Wochen, seit zwei Monaten hatte Helene nicht gesungen, keine Musik gehört. Nun, ganz plötzlich, regte es sich wieder in ihr. Waren es Erinnerungen, war’s die Atmosphäre dieses Hauses, waren es die Töne, die, gedämpft durch Tür und Vorhang, zu ihr drangen? Das Blut wallte. Sie sprang auf, hastete ein paar Male durch das Zimmer, blieb wieder stehen, horchte, lauschte.
Dann ging die Tür. Ein schmächtiges junges Ding, elegant, im lichten Sommerkleid mit ungeheuerlichen Pagodeärmeln, huschte vorüber. Aber gleich hinter ihr trat Frau Harriers-Wippern in den Salon. Blieb an der Schwelle stehen, schlug die Hände zusammen: „Fräulein von Hackentin!“ -- kam dann auf Helene zu, faßte sie um den Gürtel: „Sind Sie’s, oder ist’s Ihr Geist?“ -- lachte ihr altes, helles Lachen: „Nein, ich fühl’s, sie ist es selber, die Ungetreue, Ungetreueste! Die einzige Ungetreue, der ich je nachtrauerte! Helene Hackentin! Wie ich mich freue! Wie ich mich freue!“
Es stand ihr auf dem schönen Gesicht geschrieben, daß sie sich wirklich freute. Das war nicht mehr die ernste, gemessene Lehrerin, als die Helene sie kannte; fast übermütig war sie: „Da muß man sich nun mit solch einer Demoiselle Stern quälen, die keine Stimme hat, kein Talent, nicht einmal Gehör, nichts, nichts, als einen reichen Vater, muß sich quälen und ärgern und läßt eine Helene Hackentin warten! Warum haben Sie’s mich nicht wissen lassen, daß Sie’s sind -- hinausgeworfen hätt’ ich das Modepüppchen aus dem Tempel! Aber nun lassen Sie sich mal ordentlich anschauen --“
Dann wurde sie doch ernst, las wohl in Helenens Zügen das Leid. Sie schob die Hand vertraulich unter ihren Arm: „Kommen Sie fort aus dieser kalten Pracht. Ich hab hinten, nach den Gärten hinaus, ein Privatzimmerchen, in dem wir gemütlicher plaudern können.“
So saßen sie denn in dem kleinen Raum, in den die grünen Baumwipfel hineinwinkten und durch dessen weitgeöffnetes Fenster die laue Sommerluft wehte. Saßen nebeneinander auf der winzigen Couchette wie zwei gute Freundinnen. Doch das Plaudern wollte nicht recht gelingen. Luise Harriers mochte nicht fragen, und Helene Hackentin waren die Lippen geschlossen. Auch in ihr war herzliche Freude über den Empfang. Aber sie konnte doch nicht sprechen über das, was sie erlebt hatte, von dem sie zu niemand gesprochen hatte, außer in den Stunden ihrer größten Herzensangst zu Martha. Nur Harros Tod berührte sie kurz. Und dann war da noch etwas, was ihr die Lippen schloß. Frau Harriers hatte gleich anfangs gesagt, leichthin: „Sie waren ja wohl mit Alfred Schwarz bekannt? Wissen Sie, daß er sich im Winter mit der Theresa Carena verheiratet hat?“
Es schmerzte ja nicht --
Schmerzte es wirklich nicht? Ein dumpfes Wehgefühl hob es aus, eine jähe Leere, als ob das Blut stockte im Kreislauf, auf einen Augenblick im Herzen stehen blieb, nicht mehr zum Gehirn emporsteigen wollte. Auf einen Augenblick nur. Dann konnte Helene ruhig entgegnen: „Ich wußte nichts davon.“
„Er war wieder in Petersburg. Wie ich neulich hörte, soll er jetzt in Paris leben. Er ist ja immer einer von den unsteten Kollegen gewesen, die nirgendwo festen Fuß fassen können oder wollen.“
Helene saß still, mit geneigtem Kopf. Sie mußte doch nachsinnen: ja, ein Unsteter, der nirgend festen Fuß fassen kann. Auch nicht will. Therese Carena? Noch nie hatte sie den Namen gehört. Fragen mochte sie nicht. Es war ja auch gleichgültig. Nur -- nur -- ob er wohl glücklich war?
Die Unterhaltung versiegte.
Bis dann Frau Harriers, frisch zugreifend, fragte: „Aber Sie, Fräulein von Hackentin? Ich kann doch nicht länger damit hinter dem Berge halten: was macht die Kunst?“
Da raffte sich Helene auf.
Stockend, ein wenig verlegen begann sie. Mit der kleinen Münze der Erklärungen, Entschuldigungen, die sie sich vorher zurechtgelegt hatte.
„War denn alles still in Ihnen? Ich kann’s nicht glauben. Wem ein Gott Gaben lieh, wie Ihnen, dem ist Musik ja der Wundertröster in der Not, die helle Sonne im Glück.“
„Sie war mir beides, Sonne und Trost. Dann ist eine Zeit gekommen, in der nichts mehr in mir klang.“
„Das sind Unglücksstunden, armes Kind, über die der Wille hinwegtragen muß. Wer hätte solche Stunden, Tage, Wochen nicht? Ich kenne sie auch. Doch dann modle ich mir den Goethevers auf meine Art um. ‚Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandiert die Poesie!‘ Das heißt -- ich singe. Ich singe mich frei. Aber nun lassen Sie einmal hören, was haben Sie getrieben, was haben Sie studiert, ehe diese bösen Stunden kamen.“
Da berichtete denn Helene. Zagend erst, lebhafter dann. Das Wachwerden, das vorhin im Salon über sie gekommen war, ganz jäh und unerwartet, kam ihr in den Sinn. Sie erzählte von ihrem vergeblichen Gang ins Kantorhaus, wie der alte Flehr über die Elsa-Partie den grauen Kopf geschüttelt hatte. Frau Harriers fand das entzückend: der Kantor, die lange Pfeife im Munde, auf seinem Spinett sich abmühend über die Wagnerschen Noten, zu Zerlinens Lied übergehend, die blauen Augen verzückt gen Himmel gerichtet: „Das ist doch noch Musik!“
„Den Braven möcht ich kennen lernen. Aber Ihnen möchte ich helfen, Fräulein Helene! Doppelt helfen -- Sie verstehen mich schon. Ich bleibe zum Glück noch ein paar Wochen hier und hab wenig zu tun. Von morgen an kommen Sie zu mir. Wir studieren die Elsa. Hier meine Hand -- schlagen Sie ein!“
Vielleicht war es zuerst ein wenig Zwang. Blieb noch eine Weile Selbstzucht. Aber dann wachte die Freude wieder auf in dem starken Streben, im Ringen und im Gelingen. Denn es war ein Ringen und es war ein Gelingen an der neuen großen Aufgabe. Langsam nur, aber stetig ging es bergauf. Eins kam zum andern. Zu den Stunden bei Frau Harriers kam italienischer Unterricht bei Signora Marchesi, der kleinen, quirligen Toskanerin, die für die neue Freiheit ihres Vaterlandes schwärmte und die Namen Vittore Emanuele und Cavour in jeden dritten Satz einzuflechten suchte; die die Österreicher so wundervoll haßte, über den Heiligen Vater so köstlich lächelte, die Priester ihrer Kirche ironisierte, aber jeden Morgen zur Messe nach der Hedwigskirche ging.
Tötend langsam waren die ersten Wochen in Berlin hingeflossen, nun flogen die Tage.