Part 14
§ 89. Ehe wir von dem gebirgischen Landmann sammt seinem Thun und Treiben scheiden, müssen wir noch der sogenannten +Bauerregeln+ gedenken, da diese auf sein Leben, namentlich auf die Anordnung seiner wirthschaftlichen Arbeiten, nicht ohne Einfluß sind. Wir stellen hier die zusammen, die auf einer gewissen Naturbeobachtung beruhen, da wir diejenigen, welche ein abergläubisches Gepräge an sich tragen, bereits im ersten Abschnitt erledigt haben. Dabei beschränken wir uns auf die, welche aus dem Munde der gegenwärtigen Bevölkerung gesammelt sind, also mehr oder weniger noch jetzt gläubige Anhänger und gehorsame Befolger haben. Der Naturwissenschaft aber überlassen wir es den wirklichen Gehalt derselben zu prüfen. Vgl.: +Böbel+, Haus- und Feldweisheit des Landwirths, Berlin 1854.
§ 90. ~A.~ +Nach der Zeit geordnet.+ ~a.~ +Die Monate des Jahres. Januar.+ 698. Sind im Jenner die Flüsse klein, giebt’s vielen und guten Wein (Marienberg). -- 699. Januar warm, daß Gott erbarm (allg.). -- 700. Ein schöner Januar bringt ein gutes Jahr (Annaberg). -- 701. Wie der Januar, so der Juli (Grünstädtel). -- 702. Wenn Gras wächst im Januar, wächst es schlecht im ganzen Jahr (Grünstädtel). -- 703. Giebt’s im Januar viel Regen, bringt’s den Früchten keinen Segen (Grünstädtel). -- 704. Tanzen im Januar die Mucken [Mücken], muß der Bauer nach dem Futter gucken (Marienberg). -- 705. Wenn der Januar gelind ist, so folgt ein rauher Frühling und ein heißer Sommer (Geier).
+Februar+ mit +Lichtmeß+, +Fastnacht+ etc. 706. Wie der Februar, so der August (Grünstädtel). -- 707. Spielen die Mücken im Februar, friert Schaf und Bien’ durch’s ganze Jahr (Lößnitz). -- 708. Wenn im Hornung die Mücken schwärmen, muß man im März den Ofen wärmen (Annaberg). -- 709. Wenn im Februar die Lerchen singen, wird’s uns Frost und Kälte bringen (Zwönitz). -- 710. Wenn’s der Hornung gnädig macht, bringen März und April den Frost bei Nacht (Grünstädtel). -- 711. Die weiße Gans [Schnee] im Februar, brütet Segen für’s ganze Jahr (Lößnitz). -- 712. Rollt im Februar der Donner, rollt’s noch mehr im ganzen Sommer (Aue). -- 713. Donnert es über den kahlen Busch, so kommen viel Gewitter (Marienberg). -- 714. Dunkle +Lichtmessen+ [2. Februar] bringt reichlich Essen; Lichtmeß helle, bringt Mangel zur Stelle (Grünstädtel). -- 715. Wenn an Lichtmeß die Sonne scheint, dauert der Winter noch lang (allg.). -- 716. Wenn es zu Lichtmeß trüb ist, so kann der Schäfer vier Wochen eher austreiben, scheint aber die Sonne, so muß er vier Wochen länger zu Hause bleiben (Raschau). -- 717. Der Schäfer sieht Lichtmeß lieber den Wolf im Stall, als den Sonnenschein (Zöblitz). -- 718. Sonnt sich der Dachs in der Lichtmeßwoch, geht er vier Wochen wieder zu Loch (Grünstädtel). -- 719. Lichtmeß im Klee, Ostern im Schnee (Raschau). -- 720. Wenn es zu +Alphonsus+ oder +Desiderius+ [11. Febr.] regnet, hören die Fröste auf (Ehrenfriedersdorf). -- 721. +Petri Stuhlfeier+ [22. Febr.] kalt, die Kälte noch anhalt (Geier). -- 722. Matthis [Matthäus, 24. Febr.] bricht’s Eis; find’ er keins, so macht er eins (Stollberg). -- 723. Trockne +Fasten+, gutes Jahr (Grünstädtel). -- 724. Wenn zu Fastnacht die Sonne Vormittags scheint, so säe man den Flachs zeitig, scheint sie aber Nachmittags, später (Marienberg), vgl. 85.
+März und Frühling.+ 725. Märzschnee thut der Saat weh (Marienberg). -- 726. Hält der März den Pflug beim Sterz [d. h. kann man im März pflügen], hält April ihn wieder still (Grünstädtel). -- 727. Märzenstaub bringt Gras und Laub (Raschau). -- 728. Märzenlaub wird gern vom Frost verzehrt (Lauter). -- 729. März nicht zu trocken, nicht zu naß, füllt dem Bauer Kisten und Faß (Annaberg). -- 730. Wenn im März der Schnee zerfließt, kommt viel Hagelwetter im Sommer (Raschau). -- 731. Wer im +Frühling+ den Pflug trocken hinausführt, bringt ihn im Herbst wieder naß herein (Sehma). -- 732. Jeder Märznebel kommt nach hundert Tagen als Regen wieder (allg.).
§ 91. +April und Ostern.+ 733. April kalt und naß, füllt Scheuer und Faß (allg.). -- 734. Regnet’s warm im April, so erntet der Bauer in Füll’ (Marienberg). -- 735. Sei der April noch so gut, er schickt dem Schäfer den Schnee auf den Hut (Annaberg). -- 736. St. +Georg+ und St. +Markus+ [24. 25. April] drohen oft viel Arges (Lößnitz). -- 737. Wenn es +Charfreitag+ regnet, wird ein trockner Sommer (Raschau). -- 738. Charfreitag- und +Osterregen+ bringen schlechte Erntesegen (Annaberg). -- 739. Regnet’s in die Ostern hinein, wird zu Wasser auch der Wein (Marienberg), vgl. 109 u. 128.
+Mai und Pfingsten.+ 740. Donner im Mai, Sturm in’s Heu (Grünstädtel). -- 741. Abenthau und Kühl’ im Mai bringt viel Wein und Heu (Annaberg, Lößnitz). -- 742. Mai kühl, Juni naß, füllt Scheuer und Faß (Marienberg). -- 743. Nach +Pankraz+ und +Servaz+ [12. u. 13. Mai] schaden die Nachtfröste den Früchten nicht mehr (Raschau). -- 744. Ist es schön auf +Petronell+ [31. Mai], meßt den Flachs ihr mit der Ell’ (Marienberg). -- 745. +Pfingstregen+ bringt reichen Erntesegen (Lößnitz). Vgl. auch 144.
+Juni, Sommer+ etc. 746. Wer nicht geht mit Sichel und Rechen auf’s Feld, wenn Bienen und Bremsen stechen, der muß gehen mit dem Strohseil und fragen, wer hat Heu feil (Marienberg). -- 747. Brachmonat naß, leert Scheuer und Faß (Marienberg). -- 748. Wenn kalt und naß der Juni war, verdirbt er meist das ganze Jahr (Annaberg). -- 749. Durch den Juniwind aus Norden ist noch nichts verdorben worden (Marienberg). -- 750. Das Kraut ist vor +Johanni+ [24. Juni] zu stecken (Frohnau), vgl. 151 u. 152. -- 751. Der Brachmonat muß die Weiberlaunen haben (Marienberg). -- 752. Wenn es am +Siebenschläfer+ [27. Juni] regnet, so regnet es sieben Wochen lang (allg.), vgl. 156.
§ 92. +Juli, Hundstage+ etc. 753. Wind im Juli vom Niedergang [Westen] ist des Regens Anfang (Lößnitz). -- 754. Viel Fliegen, viel Korn (Marienberg). -- 755. Wenn es zum +Medardus+ [8. Juli] regnet, regnet es 30 Tage lang (Marienberg). -- 756. +Hundstage+ [vom 24. Juli bis 24. Aug.] hell und klar, zeugen ein gutes Jahr (allg.). -- 757. Treten die Hundstage gut ein, so wird vier Wochen gutes, treten sie schlecht ein, vier Wochen schlechtes Wetter (Geier). -- 758. Wenn die Hundstage gut eintreten, treten sie schlecht aus (Geier). -- 759. +Jakobi+ [25. Juli] darf’s nicht regnen; regnet es, so regnet es den Weibern in den Backtrog (Markneukirchen). -- 760. Zu Jakobi werden die neuen Erdäpfel probirt (Lauter), vgl. Aug. -- 761. +St. Paulus+ (29. Juli) klar, ein gutes Jahr (Marienberg).
+August.+ 762. Was im August nicht bäckt, wird im September nicht braten (Marienberg). -- 763. Giebt’s im August Sonnenschein, so wird die Ernte besser sein (Mildenau). -- 764. Die Nächte kühl, die Tage schwühl, dann wird der Ernte viel (Marienberg). -- 765. +Laurentius+ [10 Aug.] werden zum erstenmal Kartoffeln geschüttelt, d. i. probirt (Markneukirchen). -- 766. Um St. Laurenti Sonnenschein, bedeutet ein gut Jahr von Wein (Lößnitz). -- 767. +Himmelfahrt Mariä+ [15. Aug.] hell und rein, bringt guten Wein (Grünstädtel). -- 768. +Bartholomä+ [24. Aug.] Bauer sä. Oder genauer: Bartholomä Korn sä, Grummt mäh (Markneukirchen). -- 769. Wenn zu Bartholomä der Himmel voller Wolken ist, bekommen wir viel Schnee (Raschau). -- 770. Bartholomä werden die Kartoffeln geschüttelt (Annaberg). -- 771. Bartholomä sch.... der Teufel die schwarzen [Heidel-] Beere (Annaberg).
+September+ und +Herbst+. 772. Septemberregen ist der Saat gelegen (Annaberg). -- 773. Wenn die Blätter im Herbste spät abfallen, so deutet dies auf einen harten Winter (Lößnitz). -- 774. Sitzt das Laub lange an den Bäumen, wird der Winter auch nicht säumen (Annaberg). -- 775. +Egide+ [1. Sept.] Sonnenschein, tritt ein schöner Herbst ein (Raschau). -- 776. Auf +Mariä Geburt+ [8. Sept.] zieht die Schwalbe fort (Annaberg). -- 777. Wenn der +Michaelistag+ [29. Sept.] in den zunehmenden Mond fällt, so wächst im nächsten Jahre viel Futter (Raschau), vgl. 157.
§ 93. +Oktober.+ 778. Viele Nebel im Oktober geben viel Schnee im Winter (Marienberg). -- 779. Wie die Witterung im Oktober ist, wird sie auch im März sein (Lößnitz). -- 780. Im Oktober sind die Pferde pober (Zschopau). -- 781. Zu +St. Gall+ (16. Okt.) bleibt die Kuh im Stall (Voigtsdorf). -- 782. St. Gallen läßt den Schnee fallen (Annaberg). -- 783. +Urschel+ [Ursula; 21. Okt.] fei, hackt’s Kraut rei (Frohnau). -- 784. +Simon+ und +Judith+ [28. Okt.] bringen den Winter mit (Annaberg).
+November.+ 785. Geht die Gans zu +Martini+ [11. Nov.] auf dem Eise, so geht sie zu Weihnachten auf dem Dreck (allg.) -- 786. Geht die Gans zu Martini auf Dreck, so geht sie zu Weihnachten auf Eis (Lößnitz). -- 787. Heut ist der Märts [Martini], nun kommt er [der Winter] gepärzt [schnell gerannt] (Annaberg). -- 788. +Andreas+schnee [30. Nov.] treibt die Preise in die Höh’ (Marienberg).
+December, Winter, Weihnachten+: 789. Kommt die Feldmaus in’s Haus, ist der gelinde Winter aus (Marienberg). -- 790. Große Windwehen, große Heuschober (Raschau). -- 96. Neuer Schnee, neue Kälte (allg.). -- 791. Grün +Weihnacht’+, weiß Ostern; weiß Weihnacht’, grün Ostern (allg.) -- 792. Wenn es zu Weihnachten sieht wie Klee, hängen die Palmen [die Bäume am Palmsonntage] voller Schnee (Raschau). -- 793. Wenn es in der Christnacht schneit, geräth der Hopfen (Lößnitz), vgl. 20-24.
§ 94. ~b.~ +Andere Zeitbestimmungen. Der Quatember+: 794. Wie das Wetter am Quatember ist, so bleibt es in dem folgenden Vierteljahre (allg.). -- 795. Wenn es zum Quatember regnet, so regnet es noch hundert Stunden, dann wird schönes Wetter (Ehrenfriedersdorf). -- 796. Wo die Luft in der hundertsten Stunde nach dem Quatember herkommt, kommt sie das ganze Jahr her (Ehrenfriedersdorf). +Bestimmte Wochentage+: 797. Wenn es am 1. Sonntag im Neumond regnet, regnet es alle vier Sonntage (Raschau), vgl. § 18. -- 798. Was der Sonntag will, bringt der Freitag (Marienberg), oder: wie der Freitag, so der Sonntag (Schneeberg).
+Tageszeiten+: 799. Morgenroth bringt Wind oder Koth (allg.). Dagegen: Abendrieth [Abendröthe] bringt schi [schönes] Wätter mit, oder: Abendroth ist ä guter Wetterbot (allg.). -- 800. Wenn es in der Mittagsstunde zu regnen oder zu donnern anfängt, regnet es an dem Tage fort (Sosa).
§ 95. ~B.~ +Erscheinungen an Naturdingen.+ ~a.~ +Wolken, Regen, Thau+ etc.: 801. Spitze +Wolken+ verkünden Regen. -- 802. Wenn die +Sonne+ Wasser zieht, kommt am folgenden Tage Regen (Raschau). -- 803. Scheint die Sonne auf ’n nassen Busch, kommt bald ein anderer Husch [Regenschauer] (Schneeberg). -- 804. Wenn ein +Regenbogen+ entsteht, regnet es den anderen Tag wieder (Schwarzenberg). -- 805. Wenn es, während ein Regenbogen am Himmel steht, regnet, so regnet es noch drei Tage hintereinander (Raschau). -- 806. Kleiner +Regen+ mag großen Wind legen (Annaberg). -- 807. Ist der Regen wie Staub so fein, soll der Bote guten Wetters sein (Annaberg). -- 808. Wenn es regnet und die einzelnen Tropfen bleiben an den Fensterscheiben hängen, so regnet es eine Zeitlang fort (Ehrenfriedersdorf). -- 809. Wenn die Regentropfen, die in einen Teich oder überhaupt in stehendes Wasser fallen, Blasen bilden, so regnet es eine Zeitlang fort (Raschau). -- 810. Der Regen, der bei Sonnenschein fällt, wird Mühlthau [Mehlthau] genannt und ist giftig; er schadet den Blüthen (Zschopau). -- 811. Hat es über Nacht stark +gethaut+, so wird schönes Wetter (allg.).
§ 96. ~b.~ +Thiere+ und +Pflanzen+: 812. Wenn sich der +Hund+ auf dem Rücken herumwälzt, so folgt schlechtes Wetter (Raschau, Geiersdorf), vgl. § 21 ~a.~ -- 813. Wenn der Hund oder die +Katze+ Gras frißt, wird schlechtes Wetter (allg.). -- 814. Wenn die Katze an den Stühlen kratzt, wird anderes Wetter (Raschau), vgl. § 21 ~d~. -- 815. Wenn die +Kühe+ im Herbste viel in die Höhe schnaufen, so schneit es bald (Sosa). -- 816. Wenn die +Gänse+ sich früh baden, wird schönes Wetter, baden sie sich Nachmittags, schlechtes Wetter (Raschau). -- 817. Wenn es regnet und die Gänse halten die Köpfe in die Höh’, so hört es bald wieder auf (Sosa). -- 818. Wenn die +Hühner+ hoch, d. i. auf Bäume oder Dächer fliegen, wird schlechtes Wetter (Raschau), vgl. § 22 ~h~. -- 819. Wenn es regnet und die Hühner treten unter, so regnet es fort, bleiben sie aber im Freien, so hört es bald wieder auf (Sosa). -- 820. Wenn der +Hahn+ auf den Gartenzaun fliegt, wird schönes Wetter (Breitenbrunn). -- 821. Wenn die Hähne oft krähen, wird anderes Wetter (Raschau). -- 822. Wenn der Hahn früh um 3 Uhr und Nachmittags kräht, so wird schönes Wetter, kräht er aber Vormittags, schlechtes (Raschau). -- 823. Wenn sich die +Tauben+ baden, wird schlechtes Wetter (Zschopau). -- 824. Wenn die +Schwalbe+ hoch fliegt, wird gutes Wetter, fliegt sie aber niedrig, auf der Erde oder auf dem Wasser hin, wird schlechtes Wetter (allg.), vgl. § 22 ~i~. -- 825. Wenn die +Krähen+ über die Stadt oder das Dorf fliegen, wird schlechtes Wetter (Sosa). -- 826. Wenn sich die +Dohlen+ paaren, ändert sich das Wetter (Marienberg), vgl. § 22 ~f~. -- 827. Wenn die +Fledermaus+ fliegt, wird gutes Wetter (Zöblitz). -- 828. Wenn sich die +Sperlinge+ im Staube baden, wird schlechtes Wetter (Schneeberg). -- 829. Wenn die +Frösche+ naß sind, regnet es nicht, wenn sie aber trocken sind, kommt Regen (Raschau, Sosa). -- 830. Wenn die +Spinne+ in ihr Netz geht, so wird schönes Wetter, zieht sie sich aber in ihren Schlupfwinkel zurück, so wird schlechtes Wetter (allg.), vgl. § 22 ~l~. -- 831. Wenn die +Mücken+ säulenförmig spielen, wird schlechtes Wetter (Schneeberg).
832. Blüht der +Weißdorn+, so wird es warm, blüht der später blühende +Schwarzdorn+, so wird es kalt (Zschopau). -- 833. Viel +Kratzbeeren+ [Brombeeren], harter Winter (Lengefeld). -- 834. Wenn das +Haidekraut+ viel blüht, wird ein strenger Winter (Marienberg). -- 835. Der +Rettig+ früh Gift, Abends Arzenei (Raschau). Vgl. auch § 23.
[2] Diese § 82-88 enthaltene, genaue und bis in das Einzelne gehende Auseinandersetzung über Kleidung, Wohnung, Kost etc. des Landmannes im Obergebirge wählten wir, um, abgesehen von der kulturhistorischen Bedeutung gerade dieses Standes, dem +Fernstehenden+ ein wahres und vollständiges Bild von dem „gebirgischen Bauer“ zu geben. Da derselbe bezüglich seines Lebens und seiner Einrichtungen in Wort und Schrift (so selbst in dem sonst trefflichen Buche von +Sigismund+, s. bei § 70) noch immer entschieden zu ungünstig beurtheilt wird.
III. Haus und Familie.
§ 97. Hausbau und Hochzeit, Taufe und Begräbniß sind, abgesehen von den dabei stattfindenden Schmausereien, mit mancherlei Gebräuchen und Sitten ausgestattet. Vgl. § 44-46.
1. +Hausbau.+ 836. Ist der Dachstuhl aufgesetzt, so wird das Haus gehoben. Der Besitzer ladet Freunde, Nachbarn u. s. w. ein, ihm das Haus heben zu helfen. Die Bauleute schmücken ein Tannen- oder Birkenbäumchen mit bunten Tüchern und Sträußen und befestigen dasselbe an der Giebelspitze des Daches. Hierauf versammeln sie sich in sonntäglichem Anzuge sammt den Gästen des Bauherrn. Der Baumeister oder der Obergeselle besteigt den First und hält von der Höhe herab eine kurze Ansprache. Am Schlusse derselben trinkt er auf das Wohl des Besitzers und seiner Familie und wirft das geleerte Glas herunter. Zerbricht es, so ist es ein günstiges Anzeichen, bleibt es ganz, so bedeutet es Brand- oder anderes Unglück (vgl. 229 u. 887). Die ganze Versammlung singt hierauf das Lied: Nun danket Alle Gott. Mahl (der „Hebeschmaus“) und Tanz beschließt die Festlichkeit.
2. +Hochzeit.+ 837. Die Brautleute werden von Verwandten und Freunden mit Geschenken, mit einem Hausrath, bedacht (allg.). -- 838. Der Kutscher, der das Brautpaar zur Kirche führt, bekommt ein buntes Tuch an den Rock gesteckt (Mildenau). -- 839. Während das Brautpaar auf dem Weg zur Kirche ist, sowie bei der Rückkehr aus derselben, wird mit Pistolen, Böllern u. s. w. geschossen (Geiersdorf, Schwarzbach). -- 840. Auf dem Wege zur Kirche wird das Brautpaar mit getheerten Stricken angehalten und muß sich mit Geld lösen (Zschopau). -- 841. Bei dem Hochzeitsschmaus darf die Brautsuppe nicht fehlen (Grünstädtel) und nur Ein Glas wird auf den Tisch gesetzt (Mildenau). -- 842. Während des Tanzes suchen die junge Burschen die Braut zu „rauben“: gelingt es, so wird der unachtsame Bräutigam durch Hohngelächter gestraft (Schneeberg). -- 843. Der Brautkranz wird der Braut unter Scherzreden abgenommen und sie statt dessen mit einer Haube geschmückt, während der Bräutigam hie und da mit einer Zipfelmütze beglückt wird. -- 844. Nachdem der Braut der Kranz abgenommen ist, werden ihr die Augen verbunden und ihr der Kranz in die Hand gegeben. Hierauf bilden ihre Freundinnen einen Kreis und tanzen um sie herum. Welchem Mädchen die Braut mit verbundenen Augen den Kranz hinreicht, dieses ist die nächste Braut (Schneeberg). -- 845. Wenn das junge Ehepaar auf dem sogenannten Kammerwagen, der die Ausstattung der Braut enthält, aus dem Dorfe fährt, so werden sie aufgehalten, indem man zwei Rechen zusammenbindet und über den Weg hält (Zschopau), oder ein buntes Band in der Mitte mit einem Herzchen verziert (Schwarzbach), davor zieht. Die Gehemmten müssen sich mit einem Geldstück lösen. -- 846. Noch gedenken wir eines Gebrauchs in +Annaberg+, der seit der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Wegfall gekommen ist: Vor dem Hochzeitshaus wurde gegen eine Abgabe von 1 Thlr. 14 Ggr. an die städtische Kasse, die „Hochzeitsküche“, eine Art Bude, in der die Speisen zubereitet wurden, aufgeschlagen. Diese Abgabe mußte bezahlt werden, auch wenn diese Küche nicht beansprucht wurde.
§ 98. 3. +Taufe.+ 847. Sind die Pathen in der Kirche angelangt, oder mit dem Täufling wieder daheim angekommen, so stecken sie dem Kinde den „Pathenbrief“ mit einer Denkmünze oder einem Geldstück in das Einbindebett (vgl. 888). -- 848. Wenn die Gevattern aus der Kirche in das Haus zurückkehren, so kommt ihnen der Kindtaufsvater mit der Branntweinflasche entgegen und „schenkt“ Jedem einmal (Schwarzbach). -- 849. Bei dem Kindtaufsessen sitzen die Gevattern oben an. -- 850. +Das „Liebereigeben“ in Ehrenfriedersdorf+: Wenn die Gäste beim Kindtaufsschmause sitzen, wobei die beiden Gevattersbursche die Gevattersjungfrau in der Mitte haben (wenn das Kind ein Knabe ist; ist das Kind ein Mädchen, so sitzt der Gevattersbursche obenan und zu seinen Seiten die beiden Gevatterinnen), so nehmen jene, nach einer kurzen einleitenden Ansprache der Hebamme, die zugleich den Ceremonienmeister macht, je ein gefülltes Bierglas, welches mit einem Teller bedeckt ist und trinken ihrer Mitgevatterin mit den Worten zu: „Prost auf die Lieberei.“ Diese antwortet: „Wohl bekomm’s auf die Lieberei.“ Die Wechselreden auf die „Lieberei“ werden nun eine Zeitlang unter Witz und Scherz fortgesetzt, bis endlich unversehens das Mädchen ein Geschenk (z. B. eine Porzellanfigur oder dergl.) auf einen Teller legt. Dies befriedigt jedoch die jungen Leute nicht, und daher wird der Wettstreit fortgesetzt, bis die Gevatterin ein Geschenk bietet, das den Erwartungen entspricht, z. B. eine Tasse. Als Gegengeschenk empfängt die Gebende eine Zuckerdüte. -- 851. Während der Taufmahlzeit geben die weiblichen Pathen dem Mitgevatter ein Geschenk, z. B. eine seidene Weste. Dafür bezahlt dieser die „Auflage“ (d. h. einen Beitrag zur Schulkasse oder zu anderen Zwecken, der gewöhnlich mittelst eines herumgehenden Tellers einkassirt wird) für seine Gevatterinnen (Schwarzbach). -- 852. Die Taufe wird bei Familien der höheren Stände meist im Hause vollzogen, bei bürgerlichen Familien geschieht dies jedoch nur im Nothfall. -- 853. Wir lassen die Beschreibung eines +Tauffestes+, wie es etwa in einer Bürgerfamilie Annabergs vor ohngefähr 30 Jahren gehalten wurde, folgen. Der Hauptsache nach herrschen auch jetzt noch dieselben Gebräuche. Gewöhnlich wurde gleich im Gevatterbrief, welchen jedesmal die Hebamme oder „Wehfrau“ brachte, zum Essen eingeladen und man bemaß darnach die Eingebinde und Geschenke. Nach beendigtem Nachmittagsgottesdienst, oder in der Woche um 3 Uhr, wurden die zwei Nebengevattern in die Kirche gefahren, der oder die Pathe aber zur Abholung des Täuflings in das Kindtaufshaus. Nach beendigter Taufe fuhren alle mit dem Täufling nach Hause, wo zunächst Kaffee und Kuchen servirt wurden. Dieser Kuchen war sehr gut und drei bis vier Finger hoch, weshalb er „dicker Kuchen“ genannt wurde. Während des Kaffee’s wurden die Kinder der Pathen und der übrigen Gäste, die sogenannten „Zupfgäste“, spazieren gefahren. Nach deren Zurückkunft fuhr man die weiblichen Gevattern nach Hause, um sich umzukleiden, während die männlichen im Taufhause blieben und sich bei Bier und Tabak (letzterer lag auf einem zinnernen Teller und wurde aus Thonpfeifen geraucht) unterhielten. Nach der Rückkehr der Frauen und Jungfrauen blieb die Gesellschaft beisammen und vertrieb sich die Zeit bis zum Abendessen auf mannichfaltige Weise. Neuerdings ist es Sitte, nach dem Kaffee durch die gemeinsame Fahrt nach einem der Dorfwirthshäuser wo Tanz ist, namentlich nach Sehma, die Zeit sich zu verkürzen. Das Abendessen bestand entweder in gebratener Schweinskeule mit Sauerkraut, oder in gekochten Schinken mit Pflaumen, Preiselsbeeren, Hagebutten mit Rosinen, oder mit Salat; auch Karpfen mit Krautsalat oder Rindfleisch mit gedämpfter Brühe, Rosinen und Mandeln waren gebräuchlich. Als Zukost gab man Semmeln oder Brodchen, die man wohl auch aushöhlte und mit Hagebutten, Rosinen oder gebackenen Pflaumen sammt der Brühe füllte und an die kleinen Zupfgäste vertheilte. Nach dem Essen wurden Pfänder- oder andere Gesellschaftsspiele vorgenommen und nach Mitternacht wieder Kaffee und Kuchen aufgetragen. -- Am Tage nach der Kindtaufe erhielt jeder Gevatter ein Viertel „dicken Kuchens“ in das Haus geschickt. Sehr gewöhnlich war es, daß die Gevattern am nächsten Sonntag einen Wochenbesuch machten, wo wieder Kuchen und Kaffee und gegen Abend Butterbrod mit kalter Küche vorgesetzt wurde.
854. Bei der Taufe, als dem Feste der Namensgebung, gedenken wir noch der sehr verbreiteten Sitte der sogenannten „+Spitznamen+.“ Es wird bei diesem meist der Taufname (natürlich im Volksdialekt) dem Familiennamen angehängt, z. B. „Richterlieb“ (Gottlieb Richter). Hat nun dieser Richterlieb einen Sohn Karl, so heißt dieser „Richterliebkarl“ und dessen Sohn Gottfried wird nun „Richterliebkarlfried“ oder mit Hinweglassung des großväterlichen Taufnamens „Richterkarlfried“ genannt. Andere Beispiele sind: „Hansenfritzenkarlfried“, „Bachfritzkarl“, „Bauerhanscordel“, vgl. 858 u. 859. -- Andere Spitznamen leiten sich von dem Stande oder dem Namen der Wohnung ab. Z. B. es wohnt Jemand in einer Mühle, die „Sorge“ genannt, so wird er der „Sorgenmüller“ genannt, auch wenn er gar nicht Müller heißt, oder bestimmter, wenn sein Taufname Karl ist, der „Sorgenmüllerkarl“. Sein Sohn, der vielleicht August heißt, wird als „Sorgenmüllerkarlgust“ bezeichnet, auch wenn er einen andern Beruf, als sein Vater gewählt hat. -- „Schneiderliebgust“ ist der Sohn August des Schneiders Gottlieb N. N. -- Auch von anderen Umständen und Verhältnissen wird der Spitzname entnommen, z. B. hat Jemand die Gewohnheit nur fuchsfarbige Pferde zu halten, so nennt man ihn selbst Fuchs und hängt den Taufnamen dazu, also „Fuchsdavid“, seine Tochter Auguste heißt „Fuchsdavidguste“ u. s. w.