Part 13
680. Wir verlassen das Wohnhaus und wenden uns nach der auf der anderen Seite des Gehöftes gelegenen +Scheune+, die in ihrem unteren Theil (etwa 3 Fuß hoch) entweder von Bruchsteinen oder von Fachwerk erbaut ist, im oberen meist blos aus Breterwand besteht und mit Stroh gedeckt ist. An dem großen Thore ist gewöhnlich ein erlegter Raubvogel mit ausgebreiteten Flügeln angenagelt, „um die Hühner von dem Getreide abzuhalten“ (vgl. 412). Der Fußboden der +Tenne+ besteht entweder aus Pfosten oder seltener aus festgetretenem Lehm. An den Wänden hängen oder lehnen die Sense, der Dreschflegel, der Rechen, die Stroh- und Schüttelgabel, die Wurfschaufeln, die „Schwingmultern“ (eine Mulde, in der das Getreide geschwungen und dadurch gereinigt wird), das Sieb und dergl. Auf der Tenne liegen „Knotten“ (Samenkapseln des Flachses), Strohseile etc. Rechts und links von der Tenne sind zwei Ellen hohe Breterwände mit sich entsprechenden Oeffnungen zur Befestigung der „Riffelbank“, die zum Abstreifen der Knotten des Flachses dient. Jenseits dieser Breterwände ist je ein Panzen, auch „die Pansel“ oder „der Panze“ genannt, wo Korn-, Waizen- und Hafergarben, sowie Wicken- und Erbsenbündel, Strohschütten u. s. w. liegen. Ueber der Tenne öffnet sich in der Decke das Loch zum Boden, um die in die Tenne gefahrenen Getreidegarben unmittelbar hinaufzureichen. Eben dahin führt auch eine Holztreppe aus einem der Panzen. Außer den unausgedroschenen Getreidevorräthen ist gewöhnlich auch ein Theil des Scheunenbodens mit Heu gefüllt.
681. Der +Schuppen+, der in seinem oberen Theile öfters durch einen verdeckten Bretergang unmittelbar mit der Scheune zusammenhängt, ist meist blos aus Balken und Bretern erbaut. Unter dem Dache hängen große Leitern und das geöffnete Thor zeigt uns im Innern die Leiter- und Truh- (Kasten-) wagen, daneben wohl die zierliche Chaise oder das blaue Planwägelchen des Landmanns, nebst dem grünangestrichenen „Butterwagen“ der Bauersfrau. Im Hintergrunde stehen die verschiedenen Schlitten, wenn man sie nicht auf in der Höhe angebrachte Balken gehoben hat. Eine verschließbare Abtheilung enthält allerlei Heizungsmaterial: gespaltenes Holz, Torf, „Reißigbüschel“ (Reißigbündel). Andere Abtheilungen oder auch ein abgesonderter kleiner Schuppen, „Schöppel“ genannt, dient als Aufbewahrungsort der verschiedenen landwirthschaftlichen Geräthschaften, als da sind: Pflug und Egge, der „Krimel“ (ein Ackergeräth, ähnlich der Egge), Schiebbock und Schubkarren, Walze, Winde, Hacken und Schaufeln, das Grabscheit u. s. w. Dort steht das Tengelzeug und der Schleifstein, hier liegen die „Jauchenzober“ oder Jauchenfässer. Eine angrenzende Kammer enthält allerlei Werkzeug, eine Schnitz- und eine Hobelbank, wohl auch eine Drehbank, daneben Axt und Säge, Hammer und Meisel, Bohrer, Feilen u. s. w. In dem Schuppen steht auch gewöhnlich die Häckerlingslade, auch Gehackbank, Häckermaschine genannt; auch hat er Raum für allerlei „Gerümpel“ und unbrauchbar gewordene Geräthe. In Wirthschaften, die Flachsbau treiben, fehlt auch die Hechelkammer nicht mit der Brechmaschine und anderen zur Flachsbereitung erforderlichen Gegenständen. Hier sind wohl auch „Kluhmen“, die gehechelten „Flachsbündel“ aufgehäuft, während in einem Winkel „Brechenden“, die beim Brechen des Flachses abfallenden Hülsen, welche zum Anfeuern benutzt werden, liegen. Unterhalb des Schuppens befindet sich zuweilen ein besonderer Kartoffelkeller, in den man die geerntete Frucht durch das Kellerloch mittelst eingesetzter „Röhren“ hinabrollen läßt.
§ 85. ~d.~ +Der Garten und das Feld.+ 682. Der an das Gut anstoßende Blumen- und Gemüse+garten+ wird zum Unterschiede von dem umfangreicheren Grasgarten gewöhnlich das „Gärtel“ oder der „klane“ (kleine) Garten genannt und ist die Freude der Bauerfrau. Die Beete sind meist mit Buchsbaum, der unter der Scheere gehalten wird, eingefaßt. Von Blumen liebt man besonders Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Narcissen, Nelken, Aurikel, Veilchen, Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Reseda, weiße und rothe Lilien, Päonien, Betunien, Georginen, Astern, Sonnenblumen, Studentenblumen, Strohblumen u. s. w. Von Gemüsen finden sich am häufigsten Bohnen, Schoten, Möhren, Kohl, Salat, Kolerabi, Rettig, Radieschen, Sellerie, Petersilie, Zwiebeln; von Fruchtsträuchern Johannis-, Stachel- und Himbeeren. -- In dem angrenzenden Obstgarten stehen Aepfel- und Birnbäume, Kirsch- und Pflaumenbäume. In einem Winkel versteckt findet sich gewöhnlich ein Hollunderbaum (~sambucus nigra~), vgl. § 23 ~n~.
683. Auf seinen +Feldern+ baut der gebirgische Bauer besonders Roggen und Hafer, seltener Gerste und Waizen; häufig Flachs, seltener Hanf, Wicken, seltener Schoten, ferner Klee und namentlich viel Kartoffeln. Die wohlgepflegten und günstig gelegenen +Wiesen+ liefern reichliches Heu.
~e.~ +Beschäftigung.+ 684. An Beschäftigung fehlt es das ganze Jahr nicht. Das Frühjahr, theilweise auch der Herbst, wird durch das Düngerfahren (den Knecht, der Dünger ladet, nennt man wohl auch scherzweise „Ladendiener“) und Ausbreiten desselben, sowie die Bestellung der Felder in Anspruch genommen. Im Sommer, nach Johanni, folgt die Heuernte, im August die Getreideernte. Der beginnende Herbst bringt die Grummternte, der sich die Kartoffel- und Obsternte anschließt, bis endlich das Abschneiden des Krautes den Beschluß macht. (Ueber das Viehhüten vgl. 642.) Die rauhere Jahreszeit wird mit dem Dreschen, mit Spinnen, Klöppeln und Federschließen verbracht. -- Bei diesen Arbeiten überwacht der Bauer das Ganze, besorgt den Ein- und Verkauf des Viehes und legt, wo es Noth ist, selbst thätig Hand an. Die Frau führt das gesammte Hauswesen, besorgt das Kochen, den Milchkram u. s. w. Den Knechten ist namentlich der Dienst bei den Pferden und deren Arbeit übergeben, während die Mägde das Melkvieh und deren Versorgung unter sich haben. -- +Bienenzucht+ findet sich nur in den milder gelegenen Thälern.
~f.~ +Kost.+ 685. Die Kost ist einfach, aber ausreichend. Im Sommer wird um ½5, im Winter ½6 Uhr aufgestanden. Gegen 7 oder 8 Uhr wird Kaffee getrunken, der allerdings mehr aus Surrogaten (Möhren, Wurzeln ~cichorium intibus~, Gerste, Korn etc.) als aus arabischen Bohnen gebraut ist. Jeder trinkt gegen 5 „Schälchen“ (Untertassen) und verzehrt dazu einige bis eine Mandel Kartoffeln, oder etliche „Keile“ oder „Fitzen“ Brot, das aus Roggen, Gerste oder Hafer, oft auch aus einem Gemenge dieser Getreidearten gebacken wird. Um 9 oder um 10 Uhr hilft ein zweites Frühstück, in einem umfangreichen Butterbrod oder in Milch- oder Mehlsuppe bestehend, nach. Um 12 Uhr folgt das Mittagsessen, welches an dem weißgedeckten Tisch eingenommen wird. Es wird mit Gebet eröffnet und geschlossen und besteht entweder in einem Fleischgericht mit Gemüse oder in einer Milch- oder Kartoffelspeise. Sonn- und Festtags kommt Braten, gewöhnlich Kälberbraten mit gebackenen Pflaumen, oder mindestens gekochtes Fleisch. Die Wochentagsgerichte sind: Pökelfleisch oder Schwarzfleisch (d. i. geräuchertes Fleisch) und Klöse oder Sauerkraut, Wurst und Kartoffelbrei oder Preißelsbeeren, Schweinefleisch und Erbsen oder Linsen, Rindfleisch mit Reis, Häring und Kartoffelsalat, Reisbrei, Griesbrei, Milchbrei, Hafergrütze etc.; häufig ist auch ein verschiedenartig bereitetes Gebäck aus geriebenen Kartoffeln, Mehl und Milch, das auch entsprechend verschiedene Namen führt, als: Bröselgötzen, Pfannenzudel, Rauhemahd, Röhrenkloß, Lockerkloß, Bambes, Stamper, Polst, Stopper und dergl. Es werden wohl auch blos Kaffee und Kartoffeln aufgetischt. Um 4 oder 5 Uhr ist Vesperzeit, wo man sich durch Kaffee und Butterbrod stärkt, bis endlich Abends 7 Uhr Kartoffeln und Suppe oder Kaffee, im Sommer wohl auch Semmelmilch, den Schluß bilden. -- 686. Das gewöhnliche Getränk ist Wasser, daneben Milch, in der Erntezeit und Sonntags Bier. Der Branntweingenuß ist mäßig. Dagegen wird viel Kaffee getrunken, meist täglich fünfmal, je 5 und etliche Tassen. Ein „Kaffeekoch“, d. h. das Kochen eines Kaffee’s kommt unter allen Verhältnissen erwünscht.
~g.~ +Charakter+ etc. 687. Der gebirgische Landmann ist religiös, bieder und schlicht, fest, zuweilen starrköpfig, schweigsam und arbeitsam, „er macht seine Arbeit still weg, mitunter ein Sturm.“ Er liebt Neuerungen nicht, auch ist ihm die Einsamkeit zuwider, daher gränzen die Güter meist an einander. Reinlichkeit und Sauberkeit findet man fast allgemein und es ist der Stolz der Hausfrau, durch blankgescheuerte Geräthe, durch ein wohlgehegtes Blumengärtchen und durch blendendweiße Wäsche sich auszuzeichnen. (Zu den hohen Festen z. B. wird was nur möglich gewaschen und gescheuert: Stühle und Schemel, Fußbänke und „Hitschen,“ Tische und Bänke, selbst die Holzgewände der Stuben und Kammern). -- 688. Die gewöhnlichen +Grüße+ und Gegengrüße der Bauern sind: guten Morgen, guten Tag, guten Abend, gute Nacht, schlaf’ wohl. Grüß’ Gott, Gott grüß dich, Hatje [Adieu], leb wohl, bleib gesund, behüt’ dich Gott; willkommen; schönen Dank.
~h.~ +Erholung.+ 689. Am Abend kommen die Nachbarn zusammen, oder der Vater liest aus dem Kalender, aus einer Zeitung (z. B. Dorfbarbier, erzgebirgischer Volksfreund etc.) oder einer Monatsschrift (z. B. Gartenlaube, erzgebirgische Hausblätter etc.), aus einem vom Pastor oder Schulmeister geliehenem Buche (namentlich Bücher aus dem zwickauer Volksschriftenverein) vor. Dann und wann wird die Schenke besucht. Die Glanzpunkte aber im Leben des Bauern bilden die ländlichen Feste.
§ 86. Obgleich durch die Ungunst des Bodens und des Klima’s die Lage des obergebirgischen Landmannes eine minder glückliche ist, als die des Bauers im Niederlande, so feiert er doch seine Feste, vielleicht eben deshalb, mit umso größerer Freude und innigerer Betheiligung. Dieselben sind zunächst als Ruhepunkte nach Vollendung einer der Hauptarbeiten in seinem Arbeitskreise zu betrachten.
~a.~ +Der Laubtanz.+ 690. Ein Fest in der Pfingstzeit, das regelmäßig auf einen Sonntag fällt und ungeduldig von den jungen Leuten erwartet wird. Schon einige Tage vorher pflückt man Laub, windet Kränze und Guirlanden und schmückt damit den Saal der Schenke in- und auswendig. Am Nachmittag des Festtages werden die Mädchen, welche Kränze mit Bandschleifen am Arme tragen, aus dem elterlichen Hause unter Musik geholt und mit „Gejauchze“ zieht man in den Saal, wo eine wohlbesetzte Tafel gerüstet ist. Nachdem die Mädchen ihre Kränze aufgehängt haben, setzt man sich und schmaust vergnügt. Nach dem Essen beginnt der Tanz, der bis in die späte Nacht hinein dauert (Sehma).
~b.~ +Das Gemeindebier.+ 691. Das Abhalten desselben ist nicht streng an eine Jahreszeit gebunden, doch geschieht es meistens im Sommer. Wer ein Grundstück gekauft hat, giebt seinen neuen Gemeindegenossen Bier zum Besten, und zwar hat er ein Gut gekauft zwei Tonnen, ein Haus eine Tonne. Das Bier wird in der Schenke von den Bauern und Häuslern, die mit ihren Frauen dahin zusammenkommen, vertrunken. Unter Tanz und Scherz wird der Abend heiter verbracht.
§ 87. ~c.~ +Erntefeste.+ Vgl.: „Deutsche Erntegebräuche“, Aufsatz in den Grenzboten, 1860, Nr. 34. -- 692. Hat der Hausvater auf seinem prüfenden Gang durch die Felder gefunden, daß das Getreide reif zur Ernte sei, so beginnen die Vorbereitungen zur morgenden Arbeit. Die Sensen werden hervorgeholt und die Tengelzeuge herbeigesucht. Am obern Theil des Sensenbaumes wird der Bügel aus Weiden-, Buchen- oder Birkenholz befestigt und „die Sense angeschlagen.“ Dort rüstet man den großen Erntewagen, indem die langen Leiterbäume aufgesetzt werden, hier werden Tenne und Böden von dem noch umherliegenden Stroh gesäubert, um der neuen Frucht eine ausreichende Stätte zu bereiten. Die Knechte setzen sich mit Tengelstock und Hammer unter die alte, schattenreiche Linde hinter dem Hofe und bald tönen die taktmäßigen Hammertöne des Tengelns weithin durch die abendliche Stille. Beim Grauen des nächsten Tages wird Leben im Hause, und nachdem die Arbeiten im Stalle besorgt und die große, braune Kaffeekanne am gemeinsamen Frühstückstisch zweimal geleert worden ist, zieht man hinaus auf das Feld. Die Schnitter die Sense auf der Schulter und die „Wetzkitze“ mit dem Wetzstein an dem Mähergürtel, die Schnitterinnen den Rechen tragend. Ist man zum Ziele gelangt, so werden die Sensen herabgenommen, noch einmal mit dem nassen Wetzstein die Schneide derselben gestrichen und mit einem „das walte Gott“ vollzieht der Hausvater den ersten Schnitterhieb. Indem er weiter mäht, rafft eine Schnitterin ihm noch die gefallenen „Schwaden“ auf und legt sie in Haufen auf die Stoppeln. Diesem Paare folgen die anderen. Gegen 9 Uhr erscheint die Hausfrau mit schwerbepacktem Korbe und Alles lagert sich an dem blumigen Feldrain, um an Butterbrod, Bier und Schnaps sich zu erquicken. Von Neuem geht man zur Arbeit, die man bis Mittag fortsetzt, wo man in das Gehöfte zurückkehrt. Eine dampfende Biersuppe, kräftiges Rindfleisch mit Reis, und kühlende Semmelmilch labt die müden Arbeiter. Am Nachmittag zieht man zur Vollendung des Werkes hinaus, das zur Vesperzeit durch eine im Freien aus Krügen verzehrte „Biermerthe“ unterbrochen wird. Zuletzt wird das gemähte Getreide in Garben gebunden und gepuppt, worauf man heim zum Abendbrode eilt und endlich von des Tages Last und Hitze ausruht. -- Soll nun das geerntete Getreide eingefahren werden, so ist man abermals früh auf. Bis zum 2. Frühstück werden die Getreidepuppen aus einander genommen und die Garben auf das Feld geschlichtet. Nun erscheint der Erntewagen, auf dem der „Wiesbaum,“ die Garbengabel, Stricke und Seile liegen. Die Garben werden mittelst der Gabel auf den Wagen gereicht und der obenstehende Knecht schichtet sie regelrecht bis hoch über die Leiterbäume zu beiden Seiten. Langherüber wird hierauf der Wiesbaum über das volle Fuder gelegt und befestigt. „Schwer herein schwankt der Wagen kornbeladen.“
693. Ist die Getreideernte beendigt, weht der Wind über die Stoppeln, so giebt der Hausherr seinen Leuten gewöhnlich am nächsten Sonntag oder auch am Abend des letzten Erntetages ein kleines Fest, welches +Stoppelhahn+ genannt wird. Die Hausfrau muß für Kuchen und Hefenklöse, aus dem neuen Waizen gebacken, sorgen, der „Kuhprinz“ muß ein Fäßchen Bier und eine ansehnliche Flasche „Branntewei“ aus der nächsten Stadt holen, die Räucherkammer liefert geräuchertes Fleisch und Küche und Keller das übrige. Ist die Mittagszeit herangerückt, so wird ein schneeweißes Tuch über den großen Eßtisch gebreitet, das bessere Geschirr aufgesetzt und alsbald erscheinen nun Knechte und Mägde, sowie die bei der Ernte thätig gewesenen Tagelöhner und Gehilfen. Steht endlich die dampfende Schüssel mit „Schwarzfleesch“ und „Artöppel Klies“ auf dem Tisch, so tritt auch der Bauer mit Frau und Kindern an die gerüstete Tafel. Ein längeres Tischgebet, von dem gewöhnlich jeder der Anwesenden ein Stück aufsagt, wird gesprochen und man setzt sich nun vor die lockenden Gerichte. Es wird tüchtig eingehauen und dabei dem umher gereichten Gläschen mit einem feurigen „Pfeffermünz“ oder Kümmel tapfer Bescheid gethan. Nachdem das Schlußgebet gesprochen, folgt Kaffee mit Kartoffel-, Zimmt-, Pflaumen-, und anderen Kuchen. Da öffnet sich die Thüre und die bestellten Musikanten, mit Ziehharmonika und Flöte, Geige und Klarinette treten herein. Schnell werden Stühle und Bänke auf die Seite geschafft, der Tisch in die Ecke geschoben und der Tanz beginnt. Der Hausvater in Hemdärmeln und die Hausmutter mit blendendweißer Schürze eröffnen den Reigen, ihnen folgen die Knechte und Mägde, die Tagelöhner mit ihren Frauen, die Kühjungen mit den Töchtern des Hauses und bald ist Alles voll Lust und Leben. Die Knechte stampfen auf den Boden, schnalzen mit der Zunge, jauchzen und schreien. Dazu kreist die Schnapsflasche und das Bierglas, auch an consistenterer Nahrung fehlt es nicht. Jeder vergnügt sich nach seinem Geschmack bis der „Kehraus“ gespielt wird. Mit Händedruck und Dank verabschiedet sich jedes von dem Gastgeber, wobei die Tagelöhner gewöhnlich noch mit einem Viertels- oder halben Kuchen für ihre Kinder daheim beschenkt werden.
694. Haben alle Güter einer Gemeinde geerntet, so folgt am nächsten Sonntage das +Erntefest+. Kirche und Haus werden mit Kränzen von Aehren und Blumen geschmückt. Wer nur irgend abkommen kann, geht in das Gotteshaus, wo die Erntepredigt gewöhnlich Nachmittags 1 Uhr gehalten wird. Im Hause fehlt es nicht an leiblichen Genüssen und am Abend wird die Schenke besucht, um bei Tanz und Spiel sich zu erfreuen und zu vergnügen.
695. Laut tönen nun wieder die Schläge des Dreschflegels aus allen Scheunen durch das Dorf. Man kommt an die letzten Garben und endlich wird auch das sogenannte „Gebrecht“, das Getreide, welches nach der Ernte auf der Stoppel zusammengerecht worden ist, gedroschen. Auf einmal schweigt in jener Scheune der Drescherschlag und lautes Gelächter schallt herüber. „Du hast den +Panzelhahn+ geschlagen“ ruft Einer, „Schnaps her, Schnaps her“ der Andere. Der Schnaps wird durch den jüngsten Drescher geholt und nach der anstrengenden Arbeit folgt ein fröhliches Gelag. Der Drescher, der den letzten Schlag gethan, muß den Branntwein bezahlen, dem der Hausherr mitunter einen kleinen Imbiß (die „Flegelmoolzet,“ d. i. Flegelmahlzeit) hinzufügt. Das ist der sogenannte Panzelhahn.
§ 88. ~d.~ Die +Kirmeß+. 696. Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest des Landmanns, die Kirmeß. Es setzt schon lange voraus, Herzen und Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann und die Botenfrau muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie den Rahm gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben und bereitet nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker, um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. -- Aber noch andere Opfer sind nöthig. Ein Schwein soll geschlachtet („Sauleed“ oder „Krumbeh“ gehalten) werden. Der Fleischer ist bestellt, der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennmaterial schon am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch gemangelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht das todte Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird getheilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich ertönt der Ruf: „das Wurstfleisch ist fertig“ und Alles eilt herbei, um an dem leckern Genuß sich zu laben. Nun folgt das Bereiten und Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein tüchtiges Bratstück ist zur Kirmeß ausgesucht und der Abend schließt mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmeßsonntag ist da. Beim Aufgang der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. „Die gute Kaffeekanne“ dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Thürmen von Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag, ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche, deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge. Jeder seiner Wohnung zu. -- Welche Freude giebt es bei der Heimkunft. Der Vetter, aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbst erbautem Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten Kartoffelklöse und Sauerkraut, weißes Brod und Bier, vielleicht auch eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im silberweißen Haar rückt seinen alterthümlichen Lehnstuhl heran und von seinem wirthlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet. Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige „Kuchenteller“ bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen „ihre Lust“, wo auf Wegen und Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neusten Geschichten. Die rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch und Genuß, vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen Skat oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich zugerüstet ist. Alt und Jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und bald ist Alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, dann Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein, selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo nun auch die Verheirateten am Tanz sich betheiligen, bald einen Walzer, bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die Kirmeßlust beschlossen und mit Kuchenpaketen beladen ziehen die Gäste dankend heim. -- Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich an der Mittwoch Haus und Arbeit allmälig wieder in das ruhigere Gleiß einlenken. -- Am nächsten Sonntag verhallen in der „Klein-Kirmeß“ die letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch und die Hoffnung, „daß nächstes Jahr wieder Kirmeß ist“. Vgl. auch 879-886.
697. An manchen Orten (Dittersdorf) halten die Musikanten am Kirmeßnachmittag einen Umzug, wobei sie mit Kuchen beschenkt werden. Einer von ihnen ist als sogenanntes +Kirmeßweib+ verkleidet. Ein Strohhut mit rothen, flatternden Bändern, berußtes Gesicht und dicht gedrehte Werglocken, auf dem Rücken einen Tragkorb zur Bergung des empfangenen Kuchens, in der rechten Hand ein langer Stab, in der linken eine brennende Laterne bilden, nebst buntscheckiger Weibertracht sein Kostüm. Von den übrigen Musikern begleitet geht der Zug bei dem Schall der Instrumente, und unter mancherlei Scherz und Schabernack, gefolgt von der Dorfjugend, von Gehöfte zu Gehöfte, und lenkt endlich wieder in die Schenke ein, wo man sich an der erblasenen Sammlung ein Gütliches thut.[2]