21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Part 15
Die Frage der Acclimatisation hat schon viel Tinte und Papier gekostet, und doch ist dieses Thema noch nicht erschöpfend behandelt, obzwar selbst Virchow schon vor 30 Jahren zu dieser Frage Stellung genommen hat. Die thierische Zelle besitzt im Allgemeinen eine ungeheure Fähigkeit, sich in die extremen Verhältnisse zu schicken. Momentan sind zwei Aerzte auf Java, welche kurz vor ihrer Abreise nach Indien eine Nordpolexpedition mitgemacht haben. Derselbe Maschinist, welcher im Schiffsraume bei dem Ofen steht, verträgt fünf Minuten später den Aufenthalt auf dem Decke, obschon er vielleicht eine Temperatur unter Null dort findet. Pictet und Young (Comptes rendus Bd. 98 S. 747) sahen Bacterien, welche −70° 108 Stunden und −130° 20 Stunden aushielten, während wiederum ±100° Wärme nöthig ist, um sie sicher zu tödten. Aber auch der menschliche Geist erfreut sich einer Elasticität, die oft unglaublich ist. Wie viel tausend und tausende Menschen führen Jahre lang ein Leben voll Schmerz, Verdruss und Elend, ohne ein Opfer des geistigen Todes zu werden. Also muss gesagt werden: Die Acclimatisation ist im Allgemeinen für Jedermann möglich. Wie aber der Maschinist während des Aufenthaltes beim Ofen stark transpirirt und beim Aufenthalt auf dem Deck durch die Kälte leidet, so ist auch für Jedermann die Acclimatisation mit gewissen Beschwerden verbunden. Um aber bei demselben Beispiel zu bleiben: gerade wie der Maschinist vom Ofen weg nicht +sofort+ und in +derselben Toilette+ aufs Deck gehen wird, ebenso ist es für Jedermann nöthig, den Acclimatisationsprocess mit Vorsicht und entsprechend den Lehren der Hygiene zu leiten und unterstützen, d. h. mit andern Worten, der Mensch muss den neuen Verhältnissen entsprechend seine Lebensweise einrichten und zwar entsprechend seiner Constitution und seinen Gewohnheiten.[26]
Bekannt ist es, dass vor ungefähr 23 Jahren zwei englische Naturforscher nach Afrika gingen und dort ein eigenthümliches Leben führten; der Eine nahm sofort das ganze Thun und Lassen der Eingeborenen an, so dass er selbst dieselben, d. h. +keine+ Kleider gebrauchte. Der Andere jedoch behielt soweit seine heimathlichen Gewohnheiten, dass er Abends im Frack zu Tische ging. Der Erstere stützt sich auf die allgemein geäusserte Regel, dass man sich überall in die Sitten und Gebräuche des Landes fügen und schicken müsse. Das ist richtig, aber damit ist noch nicht gesagt, sie kritiklos anzunehmen. Der Erstere hat geradezu unrichtig gehandelt, weil seine Constitution eben eine andere war als die der Eingeborenen; denn, um nur ein Symptom von tausend anderen hervorzuheben, bei einer Temperatur von 37° C. wird der Eingeborene ohne anstrengende Arbeit nicht transpiriren, während der Europäer in Schweiss gebadet sein wird; kommt nun, sagen wir, ein leises Zephyrwehen, so wird der Eingeborene es nicht fühlen, der Europäer jedoch frösteln und vielleicht eine Erkältung von grösserer oder kleinerer Intensität bekommen.
Aber auch der zweite Naturforscher beging eine hygienische Sünde, weil er mit den veränderten klimatischen Verhältnissen nicht rechnete. Dieses ist ja die wichtigste Bedingung, die Acclimatisation ohne bedeutenden Schaden für Körper und Seele zu ermöglichen. Dazu gehört aber auch Zeit, und mit Recht spricht der Volksmund von einem Pikol (= 125 Pfd. = 62½ Kilo) Reis, den man gegessen haben muss, um nicht mehr zu den Orang-Baru (= Neulingen) gerechnet zu werden. Ein Pikol hat 100 Kattie; der Eingeborene isst täglich 1 Kattie Reis, und der Europäer aus besserem Stande, weil er zum Reis noch vieles andere isst, ½ Kattie; der Volksmund fordert also zur vollständigen Acclimatisation 6 Monate Zeit.
Das ist ein Zeitraum, welcher gewiss hinreichend ist, um in die Verhältnisse des Tropenlebens sich einbürgern zu können.
Als ich zum ersten Male nach Singapore kam und dort die englischen Herren und Damen Nachmittags im offenen Wagen herumfahren und Lawn tennis spielen sah, war mir diese Lebensweise unverständlich, weil in Holländisch-Indien Jedermann, dem die Geschäfte dies erlauben, um diese Zeit sein Mittagschläfchen hält, zu diesem Zwecke die Haus- oder Nachttoilette anzieht und darnach ein Bad nimmt, und erst kurz vor Sonnenuntergang spazieren geht. Seitdem sind 16 Jahre verflossen, und die Erfahrung hat meine Ansichten darüber radical verändert Ich bin nämlich zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Bewegung in der freien Luft auch in Indien nicht nur +nicht schädlich+, sondern sogar »gesund« sei. Die Pflanzer sind die gesündesten Menschen auf Java und erreichen das höchste Alter; die Beamten, Handelsleute und jene Officiere, welche ihr Leben nur im Bureau zubringen, sind in der Regel sehr anämisch, haben eine grosse Leber oder Hämorrhoiden oder beides, und sind oft nichts anderes als Treibhauspflanzen, welche bei jedem Windzug sich unwohl fühlen. Ich selbst befand mich am wohlsten zur Zeit, als ich sogenannten Garnisonsdienst hatte, d. h. den ganzen Vormittag von 6 Uhr ab von Caserne zu Caserne und von Haus zu Haus gehen musste. Viele Menschen fürchten den Spaziergang oder die Arbeit in der freien Luft oder unter den »versengenden Strahlen der Tropensonne« wegen des etwaigen Sonnenstiches und -Fiebers. Die »versengenden Sonnenstrahlen« verbrennen aber die Plasmodien, verhindern also das Entstehen von Fieber und sind der grösste Feind der Miasmen der Sümpfe. Aber auch die Gefahr von Sonnenstich ist nicht so gross als allgemein angenommen wird. Wie viel tausende und tausende von Kuli arbeiten auf dem Felde, nur mit einem Strohhut auf dem Kopfe und einer kurzen Hose auf dem Leibe, ohne einen Sonnenstich zu bekommen? Die meisten und besten Militärhygieniker wissen, dass zur Entstehung des Sonnenstiches eine Menge von Factoren zusammen wirken müssen, und geben darum zahlreiche prophylaktische Maassregeln an, welche sich bewährt haben. Schon Robertson Jackson behauptete mit Recht, dass Menschen im heissen Klima ebenso viel arbeiten können, als im gemässigten, womit meine Erfahrung gänzlich übereinstimmt.
Ich habe den Jahresausweis des Sanitätschefs der indischen Armee von 1895 vor mir, und zufolge diesem waren nur vier Soldaten in diesem Jahre am Sonnenstich erkrankt, wovon einer starb; ich habe im Jahre 1887 eine Expedition auf Atjeh mitgemacht, bei welcher ich am 5. April um 4 Uhr ausrücken musste und um 1 Uhr nachmittags nach Hause kam, ohne nur einen Mann verloren zu haben, obwohl der ganze Weg über einen baumlosen Wall sich zog; im Jahre 1895 machte ich in Java die grossen Manöver mit, wobei wir von 6 Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittags manövrirten, und nur 9 Mann waren ausgefallen wegen Retentio urinae, Diarrhoe u. s. w., aber keiner darunter litt an Sonnenstich. Die prophylaktischen Maassregeln, welche genommen wurden, waren folgende: Sofort hinter der Stadt öffneten sich die Reihen, so dass die Soldaten nicht in geschlossenen Gliedern marschirten, sondern frei und ungezwungen sich bewegen konnten. Die Halscravate und Röcke wurden geöffnet, so dass die Circulation des Blutes am Halse nicht behindert wurde; die Soldaten hatten in ihren Feldflaschen Thee mitgenommen, und vor dem Ausrücken wurde Sorge getragen, dass kein Schnaps dafür eingetauscht wurde. Die Temperatur unter dem Helmhute ist auch nicht bedeutend grösser gewesen, als die Aussenluft, weil für Ventilation des Hutes gesorgt war. Bei jedem Rasten konnte die Mannschaft Thee oder Wasser nach Belieben trinken. Die lockere Marschordnung verhinderte, dass »durch das Zusammendrängen vieler Menschen die Wärmeabgabe beschränkt wird, weil dadurch die natürliche Luftbewegung gestört und eine Art von Stagnation einer warmen und feuchten Atmosphäre in der Umgebung der einzelnen Körper begünstigt wird« (Roth und Lex 3. Band S. 407) und eine Anhäufung von Kohlensäure stattfindet. Die häufigsten Hitzschläge kommen ja vor in geschlossenen, schlecht ventilirten Räumen, wo die Luft von der ausgeathmeten Kohlensäure der übergrossen Menschenmenge vergiftet wird.
Niemand braucht sich also zu fürchten, bei Beobachtung einzelner hygienischer Maassregeln in den Tropen einer mässigen Bewegung sich zu befleissigen, seinen Geschäften nachzugehen, und so weit er es in Europa gewöhnt war, dem Sporte zu huldigen, durch welchen er seine Muskelkraft in Uebung erhält, seine Widerstandskraft gegen schädliche Einflüsse erhöht und sein Selbstvertrauen stärkt.
Was das Essen betrifft, muss ich den europäischen Neuling aufmerksam machen, dass die starken Gewürze für ihn überflüssig, ja selbst schädlich sind. Wenn er einen guten Appetit hat, so producirt sein Magen eine hinreichende Menge des sauren Saftes und braucht also zu erhöhter Secretion nicht angeregt zu werden. Stellt sich zeitweilig Appetitmangel ein, dann ist es noch immer Zeit genug, zum Lombok u. s. w. zu greifen. Er wird also auch nicht so leicht in den Fehler verfallen, +zu viel+ zu essen, das, wie wir Seite 67 sahen, eine reichliche Quelle zum Entstehen von Magen-, Leber- und Darmkrankheiten giebt.
Auch der Alcohol stumpft die Acidität des Magensaftes ab, und darum ist es rathsam, aller Alcoholica sich zu enthalten. Kleine Mengen von Wein werden ihm jedoch nicht schaden, weil, um ein Beispiel anzuführen, ¼ Liter Wein ungefähr nur 20 Gramm Alcohol enthält, +der übrigens durch die freie Säure theilweise neutralisirt wird+, während +ein+ Gläschen Cognac oder Rum bei einem Alcoholgehalte von 56-77% (Volumen) schon 36-40 Gramm Alcohol repräsentirt. Wenn ich den Alcohol als Genussmittel anerkenne, das entbehrlich ist und selbst schädlich werden kann (durch zu grosse Mengen), so muss ich noch mehr das Bier als unbedingt schädlich für den Gebrauch in den Tropen zurückweisen, weil es Fett ansetzt und zur Vergrösserung der Leber und zur Retention der Galle Anlass giebt. Nur für ärztliche Zwecke, wie z. B. für milcharme Wöchnerinnen, darf es in den Tropen getrunken werden.
Das Trinkwasser entspreche den auf Seite 21 angedeuteten Anforderungen.
Die Kleidung muss sich immer den zeitlichen Temperaturverhältnissen anpassen. Niemals gebrauche man die weissen Kleider ohne Leibwäsche; es ist gewiss kein ästhetischer Anblick, einen Menschen vor sich zu sehen, dessen Transpiration mit den bekannten Zeichnungen rings um die Schulter, am Rücken und eventuell an anderer Stelle des Körpers markirt zu sehen; aber auch sehr »ungesund« ist es, ohne Flanellhemd (mit oder ohne Aermel, je nach Gewohnheit) sich Erkältungen auszusetzen. Am meisten wird vergessen, der niedrigen Temperatur im Gebirge und auch in der Ebene in den frühen Morgenstunden während der trockenen Zeit Rechnung zu tragen; selbst in Samarang, also an der Küste (Javas) beobachtete ich manchmal des Morgens um 6 Uhr 16° C. Es war eine angenehm erfrischende kühle Temperatur, und doch muss ich es Jedermann anrathen, in solchen Fällen niemals das Schlafzimmer zu verlassen, ohne unter der Nachttoilette auch Strümpfe und Leibwäsche anzulegen; wenn um 7½ oder 8 Uhr die Luft wärmer geworden ist, kann ja von dieser Vorsichtsmaassregel Abstand genommen werden.
Das Baden wurde ebenfalls schon besprochen und zwar Seite 122.
Junge Männer, welche nach Indien gehen, um einen Beruf auszuüben, also dauernd oder für viele Jahre dort zu weilen, mögen sobald als möglich heirathen; das Surrogat der Ehe, d. h. mit einer Haushälterin zu leben, hat in den letzten Jahren glücklicher Weise stark abgenommen, aber es besteht noch, und ist dieses auch ein nothwendiges Uebel, so kann gegenwärtig dem leicht abgeholfen werden. Wenn ich auch den moralischen Standpunkt nicht verleugnen will, weil die Ehe die Basis des gesellschaftlichen Lebens ist, so will ich dennoch mehr die praktische[27] als die sittliche Seite dieser Frage besprechen. Das Concubinat mit einer eingeborenen, oder chinesischen, oder halbeuropäischen Frau demoralisirt die Männer. Wieso dieser Process in Holländisch-Indien zu dem Namen »schwarzer Hund« kam, ist mir nicht bekannt; sollte der »rothe Hund« (Vide Seite 10) eine Beschwerde des Körpers und der »schwarze Hund« die der Seele bedeuten? Die Männer werden durch diese Frauen oft so demoralisirt, dass, wie ich es wiederholt sah, sie in ihrem ganzen Denken und Fühlen auf das Niveau eines rohen, ungebildeten Eingeborenen kamen! Nebstdem besitzen diese Frauen eine aussergewöhnlich hohe Kunst, ihre »Männer« unter den Pantoffel zu bekommen. Jede europäische Frau kann diesbezüglich noch vieles, sehr vieles von einer »Njaih« lernen. Zur Illustration dieser Behauptung will ich nur zwei Fälle aus meiner Erfahrung mittheilen. Lieutenant A. wohnte in einem Fort; seine Wohnung hatte nur eine Aussicht und zwar auf den Fluss. Er durfte niemals bei der Palissade stehen, weil auf dem Flusse das Badehaus und der Abort der Soldaten sich befand. »Es schicke sich nicht, dass der Lieutenant die Soldatenfrauen dahin gehen sehe,« behauptete seine chinesische Haushälterin, und dieser Pantoffelheld hat 1½ Jahr lang in seiner Wohnung nur die vier kahlen Wände aus Bambus gesehen!
In B. war Ball bei dem Resident. In der vorderen Veranda des Residentenhauses tanzten die Officiere und Beamten, während vor derselben die Bedienten dem bunten Treiben zusahen. Unter diesen befand sich so manche Haushälterin, deren Herz in Eifersucht oder in Furcht leidenschaftliche Gluth ins Gesicht jagte. Das Auge der Eifersucht sieht scharf. Die Haushälterin des Lieutenant X. ertrug den Anblick nicht mehr, dass ihr »Mann« die Taille seiner Tänzerin umfasste und mit liebevollen Blicken ihre schön geformte Büste betrachtete; sie eilte nach Hause und kehrte sofort zurück; aber nicht allein; hinter ihr folgte der Bediente mit einem Topfe, der aber nicht leer war. Der Bediente wurde in den Tanzsaal geschickt, um den Lieutenant X. herauszurufen. Er kam und bekam den Inhalt des Topfes auf sein schuldiges Haupt. Auch in Europa schwingen die Frauen manchmal (?) den Pantoffel, der, mit Sammt bekleidet, oft genug ein heilsamer Sporn für einen energielosen, denkfaulen Mann ist; so sehen wir auch in Indien, dass die besten Soldaten jene sind, welche »eine Haushälterin« haben. Im Allgemeinen aber ist der Pantoffel, den eine eingeborene Haushälterin über ihrem »Mann« (lakki M) schwingt, nicht mit Sammt und Seide gefüttert; es ist ein hölzerner Pantoffel, der mitunter selbst mit grossen Nägeln beschlagen ist.
Zur leichten Acclimatisation Maass im Geschlechts-Genusse zu empfehlen, ist selbstverständlich; aber die Gluth der Tropensonne, die Monotonie des täglichen Lebens, die reichliche Gelegenheit, welche Diebe schafft, und das üppige Leben lassen Bacchus mit Venus nicht nur unter den Dajakern, wie wir sahen, sondern auch unter den Europäern einen festen Bund schliessen.
Ich muss es wiederholen, ein verständiges Leben, welches den Anforderungen der Hygiene entspricht, ermöglicht eine leichte und ungefährliche Acclimatisation und eine nicht viel kleinere Lebensdauer in Indien als in Europa. Im Jahre 1895 starben von 17216 europäischen Soldaten 261 Mann, das ist 1·51%.
Im Jahre 1894 starben, wie Stabsarzt Mydracz mittheilt, in der Schweiz 0·2, Deutschland (ohne Bayern) 0·2, Holland 0·29, Oesterreich 0·36, Nordamerika 0·54, Russland 0·55, Spanien 0·82 und in England 0·84 pro Mille der Kopfstärke. Das ist also ein grosser Unterschied in der Mortalität zwischen den indischen und diesen europäischen Armeen. Diese 1·5% Mortalität verliert aber viel von ihrem Schrecken, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt. Im Jahre 1895 erlagen ja viele den Wunden und Erkrankungen vom Kriegsschauplatze Atjeh und Lombok. Aber auch der Unterschied zwischen einer Armee, welche aus Freiwilligen besteht, und einer solchen, welche allgemeine Dienstpflicht hat, macht sich diesbezüglich geltend. Die Assentirung ist nämlich bei Freiwilligen mit grösseren Schwierigkeiten verbunden, als bei jenen, welche der allgemeinen Dienstpflicht unterstehen. Diese simuliren, um von dem Militärdienst befreit zu werden; jene jedoch dissimuliren, um wegen des hohen Handgeldes angenommen zu werden. (Ich sass drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und habe also nach beiden Richtungen hinreichende Erfahrungen.) Wenn der freiwillige Soldat sein Handgeld verprasst hat, dann gefällt ihm oft das militärische Leben nicht mehr; er beginnt also Krankheiten zu simuliren, während er vielleicht bei der Aufnahme diese oder jene Krankheit dissimulirt hat.
Die Sterblichkeit ist gegenwärtig also unter dem Einfluss der verbesserten Hygiene und dem verminderten Missbrauch des Alcohols nicht viel grösser als in Europa, aber auch bedeutend kleiner als in früheren Jahren. Im Jahre 1828 starben (nach van der Burg) von 1000 europäischen Soldaten 294!! und im Jahre 1895 (nach dem officiellen Jahresausweis) 15!!
Eine zweite Frage drängt sich Jedermann auf, welche ebenfalls durch den statistischen Ausweis beantwortet werden +könnte+ und zwar, ob im Allgemeinen die im Gebirge oder in der Ebene gelegenen Garnisonen gesünder seien resp. eine kleinere Sterbeziffer aufzuweisen haben. Die Statistik lässt uns diesbezüglich im Stich. Im Jahre 1895 waren unter den 261 gestorbenen europäischen Soldaten
20 in Weltevreden (Küste) = 1·2% des Standes 47 „ Surabaya (Küste) = 6·9% „ „ 30 „ Kota Radja (Küste) = 2·2% „ „ 29 „ Ampenan (Küste) = 3·9% „ „ 25 „ Magelang (Gebirge) = 1·4% „ „ 14 „ Samarang (Küste) = 2·0% „ „ 16 „ Malang (Gebirge) = 1·2% „ „ 10 „ Padang (Küste) = 2·0% „ „
Wir sehen also aus dieser Statistik, dass der Höhenunterschied keinen bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeit der europäischen Soldaten genommen hat; denn die drei grössten Städte Javas liegen auf der Küste, und zwar auf der Nordküste dieser Insel; und doch zeigen sie untereinander einen so grossen Unterschied in der Sterblichkeit, dass sich noch andere Factoren geltend machen müssen.
Ich will sofort bemerken, dass Surabaya kein artesisches Wasser hat, das die zwei anderen Städte schon seit Decennien besitzen, und dass seit Einführung desselben der Gesundheitszustand in Batavia und Samarang in auffallender Weise sich gebessert habe.
Der Höhenunterschied beeinflusst aber zum grössten Theil alle jene Factoren, welche in ihrer Totalität den Begriff Klima bedingen. Das solare Klima, d. h. das Klima, welches Indien zufolge seiner Lage und geographischen Breite haben +sollte+, kann den Hygieniker weniger interessiren, als das factische oder physische Klima, welches durch die Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, Luftdruck, Regenmenge, Windrichtung, Verunreinigung der Luft durch Staub, Kohle und Miasmen bedingt ist, das sind Factoren, welche nur theilweise von der geographischen Breite abhängen. Zum grossen Theil werden sie auch beeinflusst von der geologischen Art des Bodens von Berg und Wald u. s. w.
Wenn man also von einem Tropenklima -- und zwar mit Recht -- spricht, dann versteht man immer darunter das Klima der Ebene und der Küste; mit der Erhebung über dem Boden sinkt die Temperatur nicht unbedeutend und damit auch jener Factor des Klimas, welcher einerseits den grössten Einfluss auf den Charakter des Klimas nimmt, andererseits aber auch am besten bekannt und studirt ist, weil wir einen festen bequemen Maassstab dafür haben: das Thermometer. Im Jahre 1891 besuchte ich einen Kaffeepflanzer auf dem Berge Lawu (Mittel-Java), ungefähr 1000 Meter über dem Meere; Nachmittags um 5 Uhr wurde es mir zu kalt im Freien, ich musste mich ins Zimmer zurückziehen und die Fenster schliessen lassen.
Also, im Gebirge kann schwer von einem Tropenklima gesprochen werden. (Auf dem Gipfel des Sumbing wurden 5° C. und des Morgens selbst Reif beobachtet.) Auch die Flora verliert im Gebirge ihren tropischen Charakter; Erdäpfel, Kohl, Zwiebeln, javanische Eiche (von denen schon Friedmann 27 Arten kannte), Lorbeerbaum, Sassafras u. s. w. nehmen den Bergen Javas den tropischen Charakter; von den Farrenkräutern kann dasselbe nicht gesagt werden, weil sie ungeheuer gross werden. Ich hatte in Magelang (Mittel-Java) einen »Farrenbaum«, dessen Stengel mehr als zwei Faust dick war und dessen Blätter eine Laube waren, unter welcher man bequem sitzen konnte. Noch will ich aus dieser Höhenregion den Tjemorobaum (Casuariana Junghuniana) erwähnen, weil er, wie die europäische Trauerweide, die passendste Zierpflanze eines Kirchhofes ist. Wenn ich ihn auch nicht, wie andere Schreiber erzählen, bis zu einer Höhe von 30 Metern sah, so fesselte er jedesmal meine Aufmerksamkeit, wenn ich vor einem solchen Baume stand. Seine langen, schlaff herunter hängenden Nadeln, sein schlanker gerader Baum geben ihm einen düsteren Anblick, und wenn der Wind durch die feinen, rauhen, nadelförmigen Zweige streicht, stimmt er uns ebenso viel wie sein Anblick zum Ernst und zur Trauer.
Wenn also bei so veränderter Welt der Fauna und Flora auch die Temperatur, die Regenmenge, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, die Verunreinigung der Luft durch Staub, Kalkpartikelchen und Miasmen sich so ändern, dass von einem Tropenklima nicht mehr gesprochen werden darf, so ergiebt sich daraus die Nothwendigkeit, übereinstimmend mit dieser neuen Welt auch sein tägliches Leben einzurichten. Ich sah nicht nur in Magelang, welches 384 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sondern auch höher im Gebirge (z. B. 1000 Meter), die Eingeborenen keine anderen Kleider gebrauchen, als in Batavia. Sie zogen einfach ihren Sarong über die Brust und legten sich ohne andere Kleidung oder Bettdecke in ihre luftigen Bambushütten auf die Baleh-Baleh schlafen. Aber wir Europäer können, noch mögen dieses thun; unser Organismus ist feiner; er reagirt sofort auf solche schädlichen Einflüsse; wir werden krank. Es ist gewiss anzuempfehlen, dass Malariapatienten sich ins Gebirge flüchten, entweder um in der Reconvalescenz schneller zu Kräften zu kommen und sich zu erholen, oder um von den Fieberanfällen befreit zu werden. Wie oft geschieht es jedoch, dass diese Patienten im Gebirge erschöpfende Diarrhoen bekommen und zurück nach dem warmen Küstenklima verlangen; ich selbst sah in Sindanglaya und Salatiga die Patienten in derselben luftigen Kleidung in der Galerie sitzen oder ins Bad gehen, welche sie in Batavia oder Surabaya trugen, und dabei mit Wollust von der »entzückend herrlichen frischen Luft« dieses Ortes sprechen. Ich selbst konnte in diese Hymne einstimmen, aber trug unter der Nachthose eine Unterhose und zog Strümpfe an. Auch ich genoss von dieser »herrlichen frischen Luft«, dass ich um 11 Uhr einen Spaziergang machen konnte, dass die Transpiration auf ein Minimum reducirt war und dass der rothe Hund mich nicht quälte. Der Appetit wurde besser, man ermüdet nicht so schnell, die Respiration ist freier, man schläft besser, der Gang wird elastischer, man urinirt mehr, mit einem Worte: Die Lebensenergie ist erhöht, und die Lebenslust ist grösser. Wir werden im dritten Theile sehen, dass darum oder wenigstens theilweise aus dieser Ursache die Regierung im Gebirge (zu Malang, Magelang und Tjimahi) die Depots der Truppen verlegte, aber den grossen Fehler beging, den Unterschied zwischen europäischen und eingeborenen Recruten nicht zu berücksichtigen, was die Acclimatisation derselben betrifft.