21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Part 16
Warum ich niemals bis jetzt Ziffern aus der indischen Statistik und nur aus dem militärischen Leben anrührte und es auch weiterhin nicht thun werde, bedarf einiger Worte der Erklärung, wenn nicht auch der Entschuldigung. Sie haben eben gar keinen wissenschaftlichen Werth. In erster Reihe stammen nämlich alle statistischen Mittheilungen aus der Feder eingeborener Schreiber, welche keine Ahnung von der Bedeutung und dem Werth einer statistischen Wissenschaft haben; das kann bei einem europäischen Schreiber auch der Fall sein; aber der eingeborene Beamte vermisst jeden sittlichen Ernst, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Ein Vaccinateur brachte mir die Impfungsergebnisse seines Bezirkes, worin 95% der Picqure sich zu guten Pusteln entwickelt hatten; ich äusserte meine Ueberraschung über diesen günstigen Erfolg; »Pigimana sukah, tuwan Doctor.« Wie es dem Herrn Doctor beliebt, bekam ich zur Antwort. Ich begriff diese Antwort damals nicht und legte die Tabellen auf den Tisch; drei Tage später bekam ich eine »verbesserte Ausgabe« von 25% gelungenen Einimpfungen!! Wenn nicht jede Frage über die Verhältnisse u. s. w. eines Bezirkes an einen Beamten ganz neutral gestellt wird, so wird er immer jene Antwort geben, welche er glaubt, dass der höhere Beamte zu erhalten wünscht.
* * * * *
Die Holländer in Indien und in Europa zeigen vielseitige Unterschiede; die Verhältnisse bestimmen den Menschen, und so beeinflussen die indischen Zustände auch den +Charakter+ der Holländer. Wie weit das +Klima+ darauf Einfluss nimmt, will ich nicht untersuchen, weil es meine Kräfte überschreitet, und weil man so leicht in den Fehler verfällt, post hoc, also propter hoc zu urtheilen.
Der blonde Teint der Europäer färbt sich leicht nach längerem Aufenthalt in den Tropen, während bald die gesunde rothe Hautfarbe einer blassen anämischen weicht. Untersuchungen aus letzter Zeit bewegen sich auf dem Unterschied, ob Blutarmuth, oder nur Mangel an Blutfarbstoff, oder nur ein krankhafter Zustand der peripheren Capillaren die Ursache dieser blassen Hautfarbe sei. Hier muss ich sofort beifügen, dass die Behauptung, die braune Rasse könne nicht erröthen, unrichtig ist, und dass ich Gelegenheit hatte, malayische Frauen aus psychischen Ursachen »roth« werden zu sehen. Es war nicht die starke Röthe des Zornes (bei einer blonden Frau), auch nicht das zarte Erröthen einer schamhaften Jungfrau Albions. Es war ein viel feineres zartes Roth, das sich über das Gesicht, und selbst den Hals, ergoss.
Den Einfluss des Tropenklimas auf das Herz zu studiren, hatte ich keine Gelegenheit, obschon ich drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission sass und alle Soldaten, welche vor ihr erschienen, untersuchte. Denn mir fehlte der Befund des Herzens +vor+ ihrer Erkrankung und vor ihrer Abreise nach Indien. Die so oft behauptete grössere Venosität des Blutes konnte ich direct nicht nachweisen, weil mir die Mittel zur Untersuchung fehlten; aber sie besteht wahrscheinlich in hohem Grade; denn die passiv-congestiven Zustände aller Bauchorgane sind thatsächlich eine häufige Erscheinung.
Die Grösse des Herzens nimmt einen Einfluss auf das Temperament und den Charakter des Menschen; die Biologie liegt auf diesem Gebiete noch brach; aber ich wage mich auf dieses Terrain, weil ich den Unterschied in der Psyche der Europäer in Indien und in Holland auf den Einfluss der gesteigerten Herzthätigkeit zurückführe, welche wiederum die Ursache eines gesteigerten Nervenlebens ist.
Viele sind in Indien nervös, sie sind gejagt, Präcordialangst macht sie scheinbar zu Pessimisten, die gestörte Darmfunction macht sie zum Hypochonder (durch Autoinfection?). Eine Musik von mittelmässiger Kunst regt sie auf; unerwartete Ereignisse treiben ihnen die Thränen ins Auge, geringe körperliche Anstrengung verschnellt ihnen den Puls und lässt sie eine Ermüdung fühlen, welche factisch nicht vorhanden ist; viele ergeben sich mit einem gewissen Fatalismus einer Trägheit, welche sie beschönigen wollen; sie unterwerfen sich bereitwillig dem monotonen Tropenleben als unvermeidliche Folge der grossen Wärme so lange -- +als es ihnen gefällt+. Aber ein Tanzabend lässt Alt und Jung die ganze Nacht Terpsichore huldigen, die Abreise eines Bataillons Soldaten lässt dieselben Menschen einen Marsch von einer Stunde machen, um dann noch 2-3 Stunden lang unter den Strahlen der glühenden Tropensonne auf dem Einschiffsplatz zu stehen; eine bevorstehende Prüfung lässt sie Tage, Wochen und Monate lang neben ihrer Berufsarbeit viele Stunden täglich studiren,[28] und Stunden lang sah ich die zartesten Damen auf die Ankunft des Königs von Siam warten, ohne deswegen denselben Abend den Festlichkeiten zu Ehren dieses Gastes aus dem Wege zu gehen.
Ist der Holländer an und für sich ceremonieller als z. B. der Süddeutsche, noch mehr ist er es in Indien, wo bis vor wenigen Jahren gar kein Mittelstand existirte; da jeder Europäer damals zu der bevorzugten Rasse der »Wolanda« gehörte, fühlte sich ein Jeder als ein »tuwan«, als ein Herr und nahm die Gewohnheiten und Gebräuche der Beamten- und Officierswelt an, deren Kreise ihm häufig in patria verschlossen waren. Dies hat sich, wie schon erwähnt, seit einigen Jahren verändert. Der kleine Kaufmann, der Schuhmacher und Schneider »empfangen« nicht und gehen auch nicht mehr zu den Empfangsabenden der Officiere und Beamten. Dieses »Formelle« im äusseren Auftreten war jedoch von einer Freiheit in der Sprache begleitet, welche an das »Unsittliche« grenzte. Auch dieses hat sich geändert und gebessert; wenn auch in den besten Kreisen anstandslos von Darm- und Uteruskrankheiten gesprochen wird, die ewigen Witze über das sexuelle Leben beschränken sich, wenigstens in den besseren Kreisen, gegenwärtig auf die jungen Männer.
Diese Ungenirtheit in der Conversation ist +eine+ der Ursachen gewesen, dass die Holländer in patria ihre Landsleute »aus dem Osten« für Menschen niederer Kategorie betrachteten. Von dem Spiessbürger, der mit Geringschätzung von der »Indischen« spricht, welche »fingerdick« den Staub auf den Möbeln liegen lassen solle, oder dem Arbeiter, welcher in »dem colonial« per se einen Säufer oder ein verkommenes Individuum sieht, bis zu dem Arzt, welcher seinen Collegen »aus Indien« kaum jemals ebenbürtig oder gleichwerth anerkannt hat, weil er in »de Oost« nur für die Reichsthaler lebe, in allen Kreisen zeigte sich diese Geringschätzung der »indischen« Menschen.
Das Geschlechtsleben ist von Seite der Männer erhöht und von der der Frauenwelt nicht geringer als in der Zone des gemässigten Klimas. Zunächst ist es nicht wahr, dass per se jede europäische Dame an Fluor albus leide. Eine halbeuropäische Dame behauptete sogar, dass »indische« Damen niemals an Fluor albus leiden, es sei, dass er verdächtigen Ursprunges sei. Noch vor dem Erscheinen des Buches »Die Frauen in Java« von Dr. C. H. Stratz drängte sich mir die Erfahrung auf, dass auch in Indien bei den europäischen Frauen der Fluor albus ebenso häufig vorkommt als in Europa, und dass der Verdacht Noggerath’s, in solchen Fällen die Quelle desselben bei der nicht ausgeheilten chronischen Blennorrhoe der Männer zu suchen sei, auch in Indien raison d’être habe. Aber auch Dr. Stratz, welcher ein grösseres gynäkologisches Material unter den Händen hatte, hat unter den europäischen Damen seiner Praxis, welche also krank waren, nur 50% der Fälle an einem Fluor albus leidende gesehen. Da viele europäische Frauen, welche in +Indien+ geboren sind, und da die sogenannten halbeuropäischen Frauen oft Tage, Wochen und manchmal Monate lang kein Mieder anziehen und unter der Kabaya nur ein Unterleibchen (Kutang) tragen und blossfüssig, oder wenigstens ohne Strümpfe sich bewegen, wird weder die Blutcirculation in den Füssen gestört, noch werden die Brustorgane zusammen- und die Bauchorgane nach unten gedrückt, und die Prolapsi uteri sind bei diesen Damen ebenso als bei den eingeborenen Frauen aves rari. (Auch auf die Haltung des Körpers nehmen die indischen Toiletten einen sichtbaren Einfluss; die Füsse sind ideale Füsse; ein so schöner Fuss, wie ich ihn bei manchen eingeborenen oder halbeuropäischen Frauen sah, kommt sehr selten in Europa vor. Die halbeuropäischen Damen haben eine aufrechte Körperhaltung mit hervorstehendem Bauche, und die Arme schlingern, mit nach vorn gehaltenen Händen, wie ein Pendel hin und her.)
Die Menstruation beginnt bei den Mädchen, welche in Indien geboren sind, sehr früh, nach van der Burg in einem Alter von
in Indien in Niederland
10-14 Jahren 53·63%!! 20·88% 15-18 „ 13·15% 54·77% 19 und darüber 2·97% 21·34%.
Die Periodicität unterliegt grösseren Schwankungen als in Europa, weil z. B. oft schon nach 21-22 Tagen die Menses zurückkehren, und ebenso ist die Intensität eine stark abwechselnde; grosse Blutverluste, welche selbst für Abortus gehalten werden, wechseln mit jenen Fällen ab, in welchen kaum einiges Blut in den gebrauchten Tüchern gesehen wird. Diese dürfen nicht, wie in Europa die »Gesundheitslappen«, mit Holzwolle oder Aehnlichem gefüllt sein, oder aus dickem Stoff bestehen, weil durch das starke Transpiriren eine Maceration der Haut stattfindet und einen Pruritus vulvae erregt. Der Einfluss des Klimas auf die Libido bei den Frauen ist nur schwer nachzuweisen, und wird auch in Europa nur nach der persönlichen Erfahrung der einzelnen Gynäkologen beurtheilt. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass die geschlechtliche Erziehung der Mädchen in Indien mit viel grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen hat als in Europa. Der intensive Verkehr mit den eingeborenen Bedienten macht die Mädchen »früh reif« und eröffnet ihnen die Perspective des geschlechtlichen Lebens in einem frühen Alter und füllt einen grossen Theil ihres Denkens und Fühlens mit den Genüssen der Liebe aus, während selbst zahlreiche Fälle bekannt sind, dass die männlichen Bedienten, wenn auch keinen »Gebrauch« von der Unerfahrenheit dieser jungen Mädchen machen, doch mit Worten und Geberden ihre Sinneslust reizen. Wenn in Europa so etwas geschieht, ist sich der Bediente seiner Schuld bewusst, und es geschieht darum nur ausnahmsweise; der javanische oder malayische Bediente jedoch, oder die Zofe oder Köchin dieser Nation sieht darin nur ein +unschuldiges+ Wortspiel u. s. w., weil seine Töchter von dem Tage der Beschneidung an in alle Geheimnisse der Ehe und Liebe eingeweiht werden und immer an den Gesprächen der alten Frauen theilnehmen können. Wenn also die in Indien geborenen Frauen sinnlicher sind als jene, deren Wiege in Europa stand, so muss es erst bewiesen werden, ob das Klima oder die Erziehung daran schuld ist. Soweit +meine+ Erfahrung reicht, möchte ich den grösseren Factor in der Erziehung suchen.
Was die Fruchtbarkeit der europäischen Frauen angeht, dafür kann ich keine Belege bringen. Unrichtig ist jedoch die Behauptung von Dr. van der Burg, dass sie sich in extremen Grenzen bewege, d. h. dass sie entweder steril sind oder sich eines grossen Kindersegens erfreuen (Seite 295).[29] Was »die Neigung zu Abortus« betrifft, so hat dieses auch andere Ursachen, als das Klima.
Auch bei den Männern wird die Geschlechtslust frühzeitig erweckt und genährt; der Säugling, welcher unruhig ist wird von der »babu« masturbiert, um ihn einschlafen zu lassen. Sobald der Knabe sprechen kann, wird er (in zahlreichen Fällen) erst in malayischer Sprache sich ausdrücken; er bleibt unter dem Zwange der Verhältnisse den grössten Theil des Tages in der Gesellschaft der Bedienten, deren beschränkter Ideenkreis nur zwei Themata kennt: das Spiel und die Liebe. Geht der Knabe in die Schule, so eröffnet sich ihm eine neue Welt von Gedanken und Ideen; aber die Welt der Sinneslust wird so früh ihm erschlossen, dass die weitere Erziehung die Sinnlichkeit mildern, aber nicht unterdrücken kann; ob die Onanie häufiger vorkomme als in Europa, will ich bezweifeln, weil dies beinahe unmöglich ist; aber die Gelegenheit zum Coitus ist den jungen Knaben so viel gegeben, dass ich annehmen muss, dass der Onanie in Indien viel früher und viel häufiger eine Grenze gesetzt wird als in Europa.
Thatsache ist es, dass oft halberwachsene Knaben schon den Genuss der freien Liebe kennen, und dass ich, wie manche andere Aerzte, Schüler der Realschule wegen Gonorrhoe zur Behandlung bekam. Von dem Scrotum wird behauptet, dass es in der Regel schlaff herabhänge; aber ich glaube, dass die Altersunterschiede hier wie dort ihren Einfluss nicht verleugnen; das Smegma des Präputialsackes zersetzt sich sehr leicht, und thatsächlich sind die Balanitiden sehr häufig bei den Männern, welche sich nicht gewöhnt haben, den Präputialsack täglich zu reinigen. (Ich habe selbst einen alten Beamten gekannt, welcher einen ringförmigen Stein im Präputium hatte und von der operativen Entfernung desselben nichts wissen wollte.) Ob die Geschlechtslust bei den Männern viel höher sei als in Europa, trotz der »erschlaffenden Wärme«, möchte ich kaum bezweifeln. Peccatur intra et extra muros Trojae, in Indien aber ist die Gelegenheit zu sündigen gross, und nur zu oft hört man von den indischen verheiratheten Don Juans, dass alle Tage Beefsteak zu essen langweilig sei, und dass der Mensch gern Veränderungen habe; und dennoch muss ich behaupten, dass unter den ernsten Männern meiner Bekanntschaft die eheliche Treue ebenso hoch gehalten wurde als ceteris paribus dieses in Europa der Fall ist.
Beiden Geschlechtern ist eine grosse Gewandtheit des Körpers eigen; ob sie »rein« europäisches Blut in sich haben, oder von gemengter Abstammung sind, in beiden Fällen sind die Kinder körperlich besser entwickelt als in Europa. Während meines langen Aufenthaltes habe ich ja nur +eine+ Eingeborene gesehen, welche einen +Buckel+ hatte; unter den europäischen Kindern habe ich kein einziges missgeformtes gesehen, und nur sehr selten sah ich ausgesprochene Skrophulosis. Von Rhachitis habe +ich+ keinen Fall gesehen. Wer gewisse Krankheiten sucht, der findet sie natürlich. So hatte ein dänischer Arzt mit aller Bestimmtheit in einem Falle von Rhachitismus gesprochen, weil ein mageres Kind stark entwickelte Epiphysen der Rippen hatte, während ich darin nur ein Kind mit schwach entwickeltem Fettpolster sehen konnte. Die wichtigsten Factoren zur Entstehung von der englischen Krankheit fehlen ja in Indien: schlechte Volksnahrung und das Zusammenleben in engen, schlecht ventilirten Räumen. Im Gegentheil. Die Kinder leben das ganze Jahr in der freien Luft, und ihre Hauptnahrung ist der Reis. Auch ihre Kleidung ist eine zweckentsprechende und befördert in jeder Hinsicht die freie Entwicklung des Körpers. Die Knaben und Mädchen tragen nämlich ein weisses Gewand, welches, ich möchte sagen, ein Hemd mit Hosenröhre ist; werden die Mädchen grösser, bekommen sie darüber noch ein Hemd; im Hause gehen sie natürlich blossfüssig oder mit Pantoffeln herum, und nur bei besonderer Gelegenheit ziehen sie Schuhe, Strümpfe und einen Hut an. Die Kinder eignen sich dadurch eine solche körperliche Gewandtheit an, dass der Einfluss auf den Charakter sich geltend macht. Abgesehen davon, dass z. B. selbst Mädchen aus dem niedrigsten Stande eine gewisse Freiheit und Eleganz in der Bewegung zeigen, wie sie ihre Altersgenossen in Europa nicht kennen, so ist ihr Selbstvertrauen ein grosses und auch berechtigtes; führt ein solches Mädchen der Zufall in die höchsten Kreise, ist sie nicht verlegen in ihrem Gespräche und nicht in ihren Bewegungen; beim Tanze zeigt sie sich so graziös, als jede Dame aus den höchsten Kreisen es nur wünschen kann, und der Fächer ist in ihren kleinen, wohlgepflegten, zierlichen Händen eine ebenso gefährliche Waffe als in den einer Salondame. Das rabenschwarze, dichte, lange Haar einer Nonna (halbeuropäische Dame), die dunkelbraunen, grossen Augen mit der lichtblauen Sclera, die schneeweissen, regelmässigen Zähne, die wohlgeformte Büste, die breiten Hüften, der kokette, sanft sich schmiegende Gang, die zierlichen, kleinen Füsse und die wohlgepflegten Hände und Nägel, die eleganten Pantoffeln, der eng umschliessende Sarong, welcher deutlich die Formen der stark entwickelten Hüften zeigt, und die mit Spitzen besetzte Kabaya, welche nur theilweise den schön geformten Busen bedeckt, sieh da -- eine indische Venus.
Der indische Don Juan[30] verwendet auch sehr viel Sorgfalt auf seine Toilette und noch mehr Geld. In Batavia z. B. wird er bei dem ersten europäischen Schneider seine weisse Hose und Rock machen lassen, weil dessen Schnitt elegant ist; er bezahlt zwar drei- bis viermal soviel als beim chinesischen oder eingeborenen Schneider; aber es ist wahr, er ist elegant in seiner weissen Kleidung, Lackschuhen und grossen Manschetten. Sein rabenschwarzes Haar, seine dunkeln Augen stehen im angenehmen Contrast zur Weisse seiner Zähne und seiner Toilette. Der Sinjo, so nennt man nämlich den halbeuropäischen Mann, wird auch immer mit mehr Erfolg bei den Nonnas flirten als der europäische Freier.
8. Capitel.
Urbewohner von Borneo -- Eisengewinnung bei den Dajakern -- Eisenbahn auf Borneo -- Landbaucolonien -- Jagd in Borneo -- Im Urwalde verirrt -- Wilde Büffel -- Medicin auf Borneo -- Aetiologie bei den Dajakern -- Taufe bei den Dajakern -- Dukun -- Doctor djawa.
Ueber die Urbewohner Borneos, welche auf der niedrigsten Stufe der menschlichen Civilisation stehen, den Olo-Ott (D), wissen nur wenige Europäer aus Autopsie etwas Positives mitzutheilen. Der Reisende Dr. Bock nennt sie Orang (M) Punang, während Dr. Karl Schwaner, welcher in den Jahren 1843-1847 das Innere Borneos durchkreuzt hatte, auch von den Olo-Ott spricht, welcher Name mir während meines Aufenthaltes in Teweh viel geläufiger war als der des Dr. Bock. Die Berichte der Frau Ida Pfeifer können kaum jemals in Betracht gezogen werden, weil sie nicht nur, wie die meisten Reisenden, nur das Ziel kannte, in möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen, sondern auch, weil sie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Norden Borneos nur einen malayischen Bedienten als Dolmetsch hatte, welcher ein wenig englisch sprach und von keinem der dajakschen Dialekte kaum den Namen kannte. Hin und wieder mag ein »gebildeter« Dajaker einige Worte der malayischen Sprache verstanden haben; ob aber durch solchen Dolmetsch über Religion, Erbrecht, Tradition, Geschichte und Sagen etwas Verlässliches mitgetheilt werden kann, muss unbedingt bezweifelt werden. Auch meine Quelle über das Leben und Treiben der Olo-Ott ist nicht die reinste. Wenn der Fürst von Siang mir gegenüber die Sprache dieser Waldmenschen mit dem Grunzen eines Schweines vergleicht, so tritt schon die Voreingenommenheit deutlich in den Vordergrund. Wie ich schon vor 14 Jahren mittheilte, lebten sie damals und vielleicht heute noch im Walde, ohne jede staatliche, gesellschaftliche Einrichtung, in einzelnen Familien auf den Bäumen oder in aus Laub und Atap geformten Hütten, und zwar nicht allein an den zwei Quellen des Baritu, sondern auch östlich davon, im Gebirge, nahe den Quellen des Lahey, Tohop, Marawy, Tahudja und Ossoh bis an die Grenze des Volkes Pari, welche zwischen den höher stehenden Bewohnern des obern Laufes des Baritu und dem Reiche Kutei leben.
Wie mir der Fürst von Siang weiter mittheilte, sind diese Waldmenschen hell von Farbe und gross von Statur und leben von Pflanzen, Früchten und Weichthieren der Sümpfe, kennen das Feuer, ohne darum Fleisch oder andere Speisen zu kochen, und auch das Familienleben erhebt sie nur ein wenig über die ersten primitivsten Elemente der Civilisation. Aber den Werth des Goldes kennen sie schon sehr gut und gebrauchen es zum Tauschhandel. Der Verkehr mit der Aussenwelt findet in einer eigenthümlichen Weise statt, wenn ich den allgemeinen Mittheilungen im obern Laufe des Baritu Glauben schenken darf. Uebrigens hatte ich in Muarah Teweh einen malayischen Bedienten, welcher nach einem Jahre den Abschied von mir nahm, um, wie er sagte, mit den Olo-Ott Handel zu treiben. Ungefähr 1½ Jahre später kam er mich in Buntok aufsuchen und erzählte mir alles, was er von den Olo-Ott wusste. Es war nichts Neues, aber es bestätigte die Mittheilungen, wie ich sie früher wiederholt gehört hatte.
Nachdem er meinen Dienst verlassen hatte, war er nach Bandjermasing gegangen und hatte dort aus seinen Ersparnissen einen grossen Kahn gekauft, welcher mit einer Decke aus Atap versehen war. Es war ihm genug Geld übrig geblieben, um noch einen Vorrath an Salz zu kaufen, und bunte Glasperlen und billige Leinenwaaren von allen möglichen Farben bekam er auf Credit. Nebstdem miethete er zwei Bekompeyer, welchen er einen Theil seines Gewinns versprach, und so zogen sie stromaufwärts. Viel Lebensmittel brauchte er nicht mitzunehmen; denn bis Teweh konnte er, wenn auch nur in vereinzelten Kampongs, doch immerhin oft genug Gelegenheit finden, seinen Reisvorrath zu ergänzen; in Teweh selbst konnte er von den Soldatenfrauen alle möglichen Lebensmittel erstehen. Uebrigens brauchte er gar keine Entbehrung zu leiden. Hier und da standen am Ufer Palmenbäume, von welchen seine Begleiter die Cocosnüsse holten, welche ihm das Oel für die Nachtlampe und zum Bereiten einzelner Speisen lieferten. Die Klapper[31] (Kalapa S) gab ihnen einen erfrischenden Trank; ihre jungen Blattsprossen sind ein angenehmes Gemüse, besonders wenn sie in Essig eingelegt sind, und von der Arengpalme werden die unreifen Früchte gebraten gern gegessen. Der Strom hat übrigens einen solchen Fischreichthum, dass man es sich kaum vorstellen kann. Er konnte also täglich, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, die herrlichsten Fische, gekocht oder in Klapperöl gebraten, sich verschaffen. Die Früchte für seinen Nachtisch verschaffte er sich auch, ohne sie bezahlen zu müssen; das Brandholz zum Kochen seiner Mahlzeiten holte er sich vom Ufer oder sammelte sich das Treibholz, welches er auf der Decke des Kahnes trocknen liess; also waren die täglichen Bedürfnisse ohne Schwierigkeiten gedeckt. Aber gefährlich war sein Unternehmen, das ihn den Kopf hätte kosten können. Vielleicht war er Fatalist wie jeder Mohammedaner, und ich möchte sagen, wie jeder Bewohner der Tropen; vielleicht calculirte er, dass zur Zeit seines Ausfluges Mangkosari selbst der Kopfjagd entgegentrat, um die Gunst der Regierung zu erwerben (vide Seite 63), mit einem Worte: Er wagte es. Oberhalb Teweh passirte er den Lahey, von welchem Fluss ein Weg nach der Ostküste Borneos führt. Hier, im eigentlichen Gebiete des Dusson (= Baritu) ulu, mit ungefähr 10000 Menschen, war er ausserhalb des schützenden Armes der holländischen Regierung; dann (oberhalb des Stromes Makujong) beginnt das Reich der Fürsten Murong und Siang, welche erst im Jahre 1879 die Souveränität der holländischen Regierung anerkannt haben. Hier wird viel Rottang, Guttapercha, Eisenholz und andere Bauhölzer, von denen 60 Sorten auf Borneo gefunden werden, gewonnen, Eisen und Goldstaub gefunden (Diamanten kommen mehr im östlichen Theile vor); von hier werden Wachs, Honig und Schwalbennester in den Handel gebracht; aber die Industrie ist beinahe Null. Nur Matten, Djukungs (Canoës), Pfeile und Pfeilgift werden hier erzeugt und Eisen aus dem Erze geschmolzen. Der Landbau beschränkt sich auf die nothwendigste Menge des Reis und Pflege der Obstbäume, und im übrigen werden hier -- Feste gefeiert.
So wenig die Industrie wegen ihrer geringen Entwicklung auf die Wohlfahrt des Landes Einfluss nimmt, so sehr verdient mit einigen Worten von ihrer Eisen-Industrie gesprochen zu werden, weil die Dajaker mit den primitivsten Mitteln Eisen und Stahl gewinnen, welches dem besten Material von Europa nicht nur gleichkommt, sondern es sogar übertrifft.
Auf meiner Fahrt nach Surabaya zeigte mir der Schiffscapitän eine sogenannte »Negaraklinge« (Negara ist ein Nebenfluss des Baritu, welcher sich ins linke Ufer gegenüber Marabahan in diesen Strom ergiesst), und schlug mit ihr in einen gusseisernen Pfeiler des Schiffes eine Scharte, welche vielleicht einen Centimeter tief war!