Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 9

Chapter 93,615 wordsPublic domain

Wer mit der Lanze nicht umzugehen versteht, ist für die Jagdteilnehmer wie auch für sein Pferd eine ernste Gefahr. Die Lanze besteht aus einem sehr festen (männlichen) Bambusschaft, auf dem eine haarscharfe Stahlspitze aufgesetzt ist, die in eine dünne Nadel ausläuft. Die Länge hängt von der Größe des gerittenen Pferdes ab. Zum Angehen des Ebers eignet sich am besten eine sieben bis acht Fuß lange Lanze, besonders wenn der Eber angreift, während die kurze Lanze, die oberhalb der Stahlspitze mit Blei beschwert ist, mehr dem wohlgezielten Todesstoße dient. Verliert der Reiter die Lanze, oder zerbricht sie im Kampfe, so bleibt ihm nur übrig, sich von den Treibern eine neue zu holen, denn andere Waffen sind nach den Jagdregeln nicht zulässig.

Es erfordert große Ruhe und Geschicklichkeit, in der ganzen Aufregung der bewegten Jagd richtig mit dieser Eberlanze umzugehen. Einmal habe ich erlebt, wie ein Neuling die Lanze zu Boden gesenkt hielt, ehe er überhaupt an den Keiler heran war. Mitten im Galopp prallte er damit gegen einen harten Gegenstand. Der Schaft brach und das Vorderende schoß aufwärts in den Hinterschenkel des Pferdes, den es bis zum Schweif durchbohrte. Glücklicherweise wurde kein Knochen verletzt, so daß das Tier nach einigen Wochen wieder gesund war.

Sind nun die verschiedenen Gruppen von dem Jagdmeister zusammengestellt, so erhalten sie ihre Plätze in Abständen von etwa einem Kilometer hinter hohen Baumbeständen und Gebüsch angewiesen. In ihrem Rücken liegt die Linie der Treiber, die durch die Dschungeln näherkommen, sobald der Jagdmeister das Zeichen zum Beginn gibt.

In Baroda wurde das Treiben meistens von einem Dutzend Elefanten unterstützt, deren Führer auf Trommeln den notwendigen Lärm machten. Zwischen den Elefanten ritten Sowars des Gaekwar und Schikari. Zahllose freiwillige Fußtreiber aus den Bewohnern der Gegend vervollständigten die Treiberkette. Wenn die Jagd gut ist, sind die Jäger gern zu einem Geschenk bereit, und zehn bis zwanzig Rupien -- etwa 15 bis 30 Mark -- waren damals schon ein fürstliches Geschenk in dieser bettelarmen Gegend. Und dies nicht etwa für einen Mann, sondern für ein ganzes Dorf. Es wird dem „Patel“, dem Dorfältesten, übergeben, der es dann verteilt. Unsere „Kitmagar“ -- Diener -- verkauften den Leuten billig die hochgeschätzten leeren Sektflaschen, und in allen Fällen wird ihnen das Fleisch mehrerer erlegter Eber zugestanden. Dann ist der „Riot“ -- der Ackersmann --, auf dem fast ausschließlich die ganze Steuerlast Indiens liegt, froh in seiner Armut und hat auch für den Sahib, den Herrn, nur gute Worte.

Sobald nun die lange Reihe der Treiber mit ohrenbetäubendem Lärm sich in Bewegung gesetzt hat, wird es überall im Dschungel lebendig. Zunächst kommt alles mögliche Getier zum Vorschein und flüchtet über die offene Strecke ins nächste Gebüsch. Zuletzt erscheint der Eber mit seiner Familie. Die Bachen mit den Frischlingen in Rudeln zu dreißig Stück und mehr machen die Spitze. Dann erst folgt der „gewaltige Eber“, manchmal auch eine vereinzelte Sau.

Nach den Jagdregeln darf eine Sau oder Bache nicht angegriffen werden. Doch auf große Entfernung ist es oft schwer, eine einzelne Sau von einem Eber zu unterscheiden. Es ist daher üblich, daß der an der Spitze jeder Gruppe reitende Führer die Lanze senkt, sobald er einen solchen Irrtum bemerkt. Die Gruppe bricht dann die aufgenommene Verfolgung ab und kehrt zu ihrem Standplatz zurück, um das Ausbrechen eines Keilers abzuwarten.

Sind die Treiber näher an den Rand des Dschungels gelangt, so steigt die Erwartung auf das äußerste. Ein Eber taucht auf. Erst hält er Umschau, und glaubt er die Luft rein, trottet er gemächlich über das freie Feld. Die Reiter, die er in ihrem Versteck nicht bemerkt hat, lassen ihm einen Vorsprung von 400 bis 500 Meter, ehe sie die Verfolgung aufnehmen.

Zunächst muß die Taktik des Ebers festgestellt werden, um ihn an einem Durchbruch nach rückwärts zu verhindern. Die Gruppe der Jäger teilt sich daher, und ein jeder galoppiert, ohne den Eber aus dem Auge zu lassen, seinen eigenen Weg. Jeder von ihnen hat den Ehrgeiz, den Eber zuerst anzunehmen. Der Keiler selbst galoppiert jetzt mit höchster Kraft. Es ist schwer, einen Begriff von der Behendigkeit und Schnelligkeit eines indischen Ebers zu geben. Beides kommt einem erst zu Bewußtsein, wenn man selbst zu Pferde in gestrecktem Galopp ihn an Geschwindigkeit zu übertreffen sucht.

Doch der vorderste und schnellste Reiter hat den Sieg noch nicht in der Tasche. Wird er dem Eber zu gefährlich, so beginnt der Keiler ein verzweifeltes Zickzackspiel, um der Lanze auszuweichen, wechselt plötzlich die Richtung, und bevor das mit dem Aufgebot aller Kraft galoppierende Pferd noch herumgeworfen werden kann, hat schon der rückwärts folgende Reiter Gelegenheit, einen ersten Stich abzugeben. Und nun packt den Keiler die Wut. Er wirft alle Hoffnung auf Sicherheit von sich und ist nur noch der Kampfeber, der sein Leben bis zum letzten Atemzug mit mächtigem Grimme verteidigt und nicht müde wird, immer und immer wieder anzugreifen, bis er den Todesstoß erhält. Dann sinkt er ohne einen Laut zusammen.

Aber nicht jeder Eber ergreift die Flucht, wenn er den Galopp des Verfolgers hört. Es gibt unter ihnen alte, gewitzigte Herren, die schon manchen Kampf bestanden und manche Erfahrungen hinter sich haben. Diese eisgrauen Helden -- nach den Jagdregeln darf nie ein Eber unter zwei Fuß Höhe angenommen werden -- verstehen, worauf es ankommt. Sie zeigen wenig Lust zum Galoppieren. Sie kennen die Überlegenheit der flinken Pferde. Daher machen sie halt, sobald sie die Angreifer merken, drehen um und gehen selbst sofort zum Angriff über. Mit voller Wucht wirft sich ein solcher Eber dem Reiter entgegen und sucht ihn zu überraschen, in der Hoffnung, das sichere Dschungelversteck wieder erreichen zu können, aus dem ihn dann kein noch so lauter Lärm der Treiber von neuem vertreiben wird.

Sein Angriff muß daher ohne Zögern aufgenommen werden. Er versteht keinen Spaß, erspäht sofort jedes Schwanken, jede Unentschlossenheit des Neulings und weiß blitzschnell, wohin er sich zu werfen hat, um dem Pferd den Leib aufzuschlitzen oder die Fesseln zu zerschneiden. Wehe dem, der zu Falle kommt. Er ist ihm unrettbar verfallen.

Sollte der erste Stich fehlgegangen sein, so muß der Eber ständig umkreist werden, bis man Gelegenheit zu einem neuen Stoß erhält. Dabei ist die Lanze nicht steif in der Hüfte, wie etwa bei der -- vergangenen -- deutschen Kavallerie, zu halten. Sie wird mit lockerer Schulter und gerecktem Arm geschwungen und mehr wie ein Speer im Abwärtsstoßen gebraucht. Bei der Schnelligkeit, mit der sich ein solcher Zweikampf zwischen Reiter und Keiler abspielt, ist zu einem Zielen nach dem geeigneten Körperteil keine Zeit. Nur Stiche gegen den Kopf müssen vermieden werden, da die Lanze dort abprallen und zersplittern könnte.

So kommt es vor, daß bei dem ersten Angriff die Lanze der Länge nach in die Weichteile des Tieres hineingestoßen wird, dabei im Vorbeigaloppieren der Hand des Reiters entschlüpft und nun zwischen Haut und Fell des Ebers stecken bleibt. Oder der Stoß gelang. Die Lanze steckt fest im Körper des Tieres, das, an dem Reiter vorbei, in entgegengesetzter Richtung davonstürmt. Dabei läßt der Jäger die Lanze nicht aus der Faust. Sie bricht ab, und der Lanzenkopf bleibt in dem verwundeten Keiler stecken.

Die fliehenden Eber sind meist noch nicht ausgewachsene, aber doch über zwei Fuß hohe, muskulöse, sehnige Tiere. Sie galoppieren durch dick und dünn, überspringen schlank meterhohe Kaktushecken, kreuzen Bäche und Kanäle, und, in die Enge getrieben, durchschwimmen sie sogar Flüsse. Doch schnelles Schwimmen ist nur der letzte Ausweg. Sie sind im Wasser zu hastig, greifen mit den Hinterläufen zu weit nach vorn, wobei es geschehen kann, daß sie mit den scharfen Rändern ihrer Hufe sich selbst den Hals auf beiden Seiten aufschlitzen. Sind sie aber einmal durch einen Stich verwundet, dann sucht auch der junge Eber keinen Ausweg zur Flucht mehr, sondern stellt sich zum Kampfe wie ein alter.

So ist der wilde Eber sicherlich der tapferste, zäheste und todesmutigste Gegner, den der beste Reiter sich wünschen kann. Der Kampf mit ihm stellt aber nicht nur die höchsten Anforderungen an den Reiter selbst, sondern ebenso an sein Tier.

Jagdpferde

Das Pferd ist bei der Eberjagd der wichtigste Faktor. Das beste Tier, das ich jemals zu diesem Zwecke besaß, war ein Halbblut, ein australischer Wallach, 15 Hand (1,50 Meter) hoch, ein Abkömmling des sogenannten „Stockhorse“, die von den australischen Viehhirten zum Treiben und Einfangen der großen Herden benutzt werden. Dies erfordert ein hartes, unverwüstliches Tier, legt doch ein solcher Australier -- wie der Hengst „~at last~“ -- bis zu 150 Kilometer am Tage ohne übermäßige Ermüdung zurück. Sie sind jedoch kaum zu kaufen, da ihre Besitzer sie meist selbst viel zu nötig brauchen. Am ehesten kann man sie noch als Zugabe bei einem größeren Pferdekauf erhalten, wie es mir bei meinen öfteren Remonteeinkäufen für die Staatsstallungen glückte.

Das nächstbeste Pferd für diese Jagd ist das englische Vollblut oder ein edles Araber-Blutpferd, da die ersteren sehr teuer sind. Die besten und rassereinsten arabischen Pferde stammen aus dem „Nedsch“ genannten Binnenhochlande der arabischen Halbinsel. Sie werden „Nefadi“ oder „Nedschi“ genannt. Zwar ist die Ausfuhr der wirklichen, hochgezüchteten Araberpferde bei Todesstrafe verboten, und solche kommen auch nur als Geschenk an mohamedanische Fürsten außer Landes. Aber schon unter den gewöhnlichen arabischen Wüstenpferden finden sich ganz prachtvolle Tiere.

Der arabische Vollbluthengst benimmt sich sehr ruhig und zurückhaltend. Einige meiner besten arabischen Deckhengste waren vorzügliche Eberjagdpferde. Wenn sie in Bewegung waren, machten andere Pferde, auch Stuten, keinen Eindruck auf sie. Mit Herz und Huf bei der Sache, waren sie voller Aufregung, losgaloppieren zu können.

Ganz erstaunlich ist die Fußsicherheit des arabischen Pferdes. Selbst im schärfsten Galopp über schwieriges, mit natürlichen Hindernissen bestreutes Gelände ist es wendig und von katzengleicher Sicherheit. Höchstens durch gänzlich versteckte Fallen, wie die von den schweren Fußtritten der Elefanten verursachten, im dichten Grase ganz unsichtbaren Löcher, oder plötzlich auftauchender, unerkannter Sumpfsand können es zum Stürzen bringen. Auf ebener Straße dagegen läßt seine Aufmerksamkeit nach, und es neigt zum Stolpern und stürzt gegebenen Falles. Daher ist es gut, ihm sogleich nach dem Aufsitzen Gelegenheit zu einem harten Galopp zu geben, was es ermuntert und anregt.

Im Stalle ist das arabische Pferd die Sanftmut selbst. Auch zum Scheuen sind sie meistens zu klug. Wenn sie etwas noch nie Gesehenes bemerken, etwa einen Elefanten oder einen Kraftwagen, so treibt sie eher die Neugierde, näher heranzukommen und das Ungewohnte zu besehen, als in wildem Seitensprung auszubrechen.

Es ist bekannt, wie sehr der Araber sein Pferd liebt, das er mehr pflegt als sich selbst. Was mir aber stets besondere Hochachtung abnötigte, war die Beobachtung, daß sie das so empfindliche Maul des Tieres schonend behandeln. Unter meinen arabischen Pferden befand sich keins, das nicht bequem auf Trense zu reiten war.

Die Inder dagegen gebrauchen grausame Gebisse, schon weil sie so ungeschickte Hände haben. Selbst das beste Pferd, das man einem Inder auch nur für kurze Zeit anvertraut, kann durch dessen rohe Zügelhandhabung vollständig verdorben werden. Damit soll nicht gesagt sein, daß der indische Sowar -- Reiter -- nicht vorzüglich zu reiten verstehe. Zum Einbrechen der wilden, bockigen Australier ist er gut geeignet, schon weil er, mit stoischer Ruhe begabt, außerordentliche Geduld besitzt und wie mit dem Pferde verwachsen im Sattel sitzt.

Die indischen Pferde -- ~country bred~ -- sind selten gute Eberjagdpferde, außer sie sind von besonderer Zucht, etwa aus einer Kathiawari-Stute von einem englischen, arabischen oder australischen Hengst. Im allgemeinen aber sind diese Mischlinge zu nervös und brechen im entscheidenden Augenblick vor dem anstürmenden Keiler aus.

Unter meinen eigenen Pferden befand sich ein arabischer Goldfuchs, „Foxy“, der in jeder Hinsicht vollkommen war. Er gelangte durch Zufall in meinen Besitz. Als ich zum Einkauf von Poloponies -- Polo ist ein in Indien sehr beliebtes Rasenball-Spiel für Reiter, in seinen Regeln dem „Hockey“ verwandt -- in Bombay war, machte mich ein mir bekannter englischer Tierarzt auf ein Tier aufmerksam, das, mit einer arabischen Pferdesendung zu Schiff eingetroffen, beim Verladen unglücklich gestürzt war und sich große Abschürfungen an den Knien zugezogen hatte. Ich erwarb Foxy für die Summe von 350 Rupien, etwa 550 Goldmark. Seine Verletzungen heilten bald, und ich ließ ihn vom offiziellen Messer des Poloklubs messen.

Rennpferde

In Indien muß jedes Pony, das in die Polo- oder Rennregister eingetragen werden soll, von dem Beamten des indischen „Turf-Club“ gemessen werden. Ist es nur zwei Jahre alt, so muß die Messung bis zu seinem fünften Jahre jährlich wiederholt werden. Dann gilt es als ausgewachsen. Alles kommt darauf an, daß das Tier nicht höher als 14½ Hand (145 ~cm~) ist. Größere Pferde dürfen nicht mehr an den Rennen und Polowettspielen teilnehmen. Das Maß bestimmt auch die Gewichtsbelastung. Allerhand zum Teil direkt tierquälerische Praktiken werden angewandt, die Pferde so klein wie möglich erscheinen zu lassen. Die Hufe werden bis zur äußersten Grenze beschnitten, so daß das Tier nur unter großen Schmerzen stehen kann. Oder man legt ihnen vor der Messung tagelang schwere Säcke auf oder hindert sie am Schlafen, damit sie, dem Messer vorgeführt, mit eingebogenen Knien stehen und dadurch kleiner erscheinen. Der offizielle Messer ist ebenso unbestechlich wie scharfäugig und kann zur Vergewisserung über die Rennfähigkeit des Ponies einen Probegalopp verlangen. Allzu extreme Täuschungsmittel können also nicht in Anwendung kommen.

Nun maß mein „Foxy“ nur 13½ Hand. Hätte er eine Hand mehr gemessen, wäre seine Belastung im Rennen um 42 (englische) Pfund höher gewesen, was sehr viel ausmacht. Außerdem war Foxy schon fünf Jahre alt, brauchte also dem Messer nicht nochmals vorgeführt zu werden.

Damals, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war einer der großzügigsten und reichsten Rennstallbesitzer Indiens der Maharadscha von Patiala. Selbst einer der besten Herrenreiter und Polospieler, war ihm für ein gutes Pferd kein Preis zu hoch. Er war gleichzeitig mit dem Maharadscha von Kapurthala, in dessen Begleitung ich mich befand, 1899 zu den Rennen nach Simla gekommen, wo ich „Foxy“ für alle Hauptrennen hatte nennen lassen, und in denen auch die Pferde des Maharadscha von Patiala liefen. Jedoch „Foxy“ ging stets als erster durchs Ziel, sehr zum Verdruß des Maharadscha von Patiala und sehr zur Freude des von Kapurthala. In Simla gibt es außer Geldpreisen auch noch wertvolle, vom Vizekönig, irgendeinem Gouverneur, dem Höchstkommandierenden oder einem indischen Fürsten gestiftete Pokale.

Der Maharadscha von Patiala legte nun alles darauf an, weiteren Siegen „Foxys“ über die Pferde seines eigenen Rennstalles vorzubeugen und sandte mir seinen Trainer, Scott, einen Australier, um mit mir über den Verkauf „Foxys“ zu verhandeln. Da es mir nicht erlaubt war, zu meinem eigenen Ruhme Pferde und Ponies laufen zu lassen, machte ich mir diese Gelegenheit zunutze und verlangte 20000 Rupien (über 30000 Mark) für das Pferd, welche Summe mir anstandslos bewilligt wurde, denn zwischen den indischen Fürsten herrscht eine unglaubliche Eifersucht auch in den kleinlichsten Dingen. Dem Maharadscha von Patiala war es, ganz abgesehen von seinem eigenen Rennstall, ein unerträglicher Gedanke, daß ein Beamter des Maharadscha von Kapurthala ein Pferd besitze, dem er nichts Gleichwertiges an die Seite stellen konnte. „Foxy“ lief ein einziges Rennen für den neuen Stall -- um zum erstenmal geschlagen zu werden.

In der folgenden kalten Jahreszeit wurde ich vom Maharadscha von Patiala zur Eberjagd eingeladen. Eigene Pferde brauchte ich nicht mitzubringen. Da ich aus einem anderen Fürstenstaat kam, stand mir die Auswahl unter den hunderten des Maharadscha frei. Ich erbat mir nun kein anderes Pferd als eben „Foxy“, und wir feierten ein frohes Wiedersehen.

Die Eberjagd, zu der der Maharadscha einen schönen Pokal gestiftet hatte, sollte nach den Regeln des „Tent-Club“ abgehalten werden. 64 Jäger, die Höchstzahl, die teilnehmen darf, werden zu 32 Gruppen zusammengegeben. Ein jedes Gruppenpaar jagt einen Eber. Wer zuerst Schweiß an der Lanze ausweisen kann -- mehr braucht der erste Stich nicht zu ergeben --, bleibt in der Jagd, der andere scheidet aus. Der Jagdmeister bestimmt, welches der zusammengelosten Paare den ausbrechenden Eber verfolgt. Ein Schiedsrichter begleitet jede Gruppe. Auch die Art und Weise des Stiches wird durch bestimmte Punktzahlen bewertet. Mit dem ersten Gang scheiden so 32 Bewerber aus; aus dem Rest werden neue Gruppenpaare gebildet und so fort, bis das letzte Paar um den Pokal kämpft.

Der Zufall nun wollte es, daß dieses letzte Paar aus dem Maharadscha selbst und mir bestand. Selbstverständlich ließ ich ihn siegen und damit seinen eigenen Pokal gewinnen, denn wie hätte ich mir erlauben dürfen, über einen Maharadscha zu triumphieren, noch dazu auf seinem eigenen Pferde!

Er mochte wohl meine absichtliche Ungeschicklichkeit bemerkt haben, denn als wir zusammen ins Lager zurückritten, machte er eine Andeutung über meinen Fehlstich, der ihn bei einem so erfahrenen Jäger wie mir erstaune. Zu genau mit den indischen Sitten vertraut, wehrte ich bescheiden ab und rühmte dagegen seine eigene Reitkunst, die ohne allen Zweifel sehr beträchtlich war, und sein Können als Eberjäger.

Da nun der Pokal von ihm selbst gestiftet war, blieb nichts anderes übrig, als ihn mir, dem zweiten Sieger, zuzuerkennen. Ich hielt einen entsprechenden Dankspruch und schloß mit dem Hinweis auf das gute Pferd, das er mir zu reiten erlaubt habe. Der Maharadscha, der das Tier natürlich nicht mit Namen kannte, erwiderte auf indische Art mit großer Geste: „~Dumara ke bas hai~“ -- es ist dein!

So kam „Foxy“ wieder nach Kapurthala. Dem Trainer Scott hatte ich versprochen, das Pferd keine Rennen mehr laufen zu lassen. Im folgenden Jahre kam „Foxy“ dann als Deckhengst nach Australien und damit zur wohlverdienten Ruhe.

Foxy übertraf sogar das berühmte Pony „Mite“ (spr. Mait = Kleinchen), das derselbe Maharadscha von Patiala von dem früheren Militärsekretär des Vizekönigs, Lord William Beresford, für 25000 Rupien gekauft hatte. Der Lord war ein in allen Sätteln gerechter Sportsmann, der auch über die gerade beim Pferdehandel so notwendige Gerissenheit verfügte. „Mite“ mag die vom Maharadscha für ihn gezahlten 25000 Rupien wohl wert gewesen sein, doch Lord William Beresford war billiger zu ihm gekommen.

Ein Parsi-Sportsmann in Poona besaß einen kleinen Rennstall, in den sich einmal ein außergewöhnlich schnelles Pony unbekannter Herkunft verirrte, das Sieg auf Sieg gewann. Daher meldete es der Parsi als „Mite“ für das bedeutendste und meistgewettete Ponyrennen Indiens, für den „Civil Service Cup“, das in Lucknow gelaufen wird. Für das gleiche Rennen hatte Lord William Beresford ein Pferd, „Malice“ genannt, eintragen lassen, das mit viel Geld und Wetten gegen ihn bei den Buchmachern stand. Sollte nun „Mite“ das Rennen machen, so wäre dies der Ausfall einer recht bedeutenden Summe für den edlen Lord gewesen.

Als vorsichtiger Mann bot er daher dem Parsi noch vor dem Rennen an, ihm „Mite“ abzukaufen und zwar für 5000 Rupien, und falls „Mite“ gewönne, ihm die Hälfte des Preises, der 10000 Rupien betrug, zu überlassen. Hochgeehrt über das Anerbieten einer so bekannten Persönlichkeit, wie Lord William Beresford es damals war, nahm der Parsi an. Nun ging aber „Malice“ als erster durchs Ziel, und der Parsi war „Mite“ für nur 5000 Rupien losgeworden. Später gewann er noch zwei Rennen für seinen neuen Herrn, war dann aber zu berühmt geworden, als daß durch Wetten auf ihn noch Geld zu verdienen gewesen wäre. Als Wunderpferd jedoch war er gerade recht, um im Stalle des Maharadscha von Patiala zu glänzen.

Haben Pferderennen in Europa nur noch einen recht losen Zusammenhang mit dem angegebenen Ziele einer Verbesserung der Pferdezucht und dienen sie vornehmlich der Spielsucht und der Wettleidenschaft einer Menge, deren Pferdekenntnis erschöpft ist, wenn sie einen Rappen von einem Schimmel unterscheiden kann, so ist dies in noch viel größerem Ausmaße in Indien der Fall. Dort sind die Rennen nur und einzig eine Gelegenheit, Geld zu verdienen -- oder zu verlieren. Das Gewinnen besorgen dort, wie anderswo, die „des inneren Ringes“, während das Verlieren zu den Vorrechten der Außenstehenden gehört.

So hatte derselbe Lord William Beresford, der „Mite“ auf so billige Weise zu erwerben gewußt hatte, ein gutes Vollblutpony, „Mulberry“, nach Indien gebracht. Es war nicht höher als 13 Hand, entwickelte aber im Galopp eine Schnelligkeit, die nicht zu schlagen war.

Vielbegehrt wanderte es von Stall zu Stall, bis es endlich in die Hände eines Syndikats geriet, das die Pferde stets unter Pseudonymen laufen ließ, so daß man der Ansicht war, es bestände wahrscheinlich aus Buchmachern.

Seitdem nun Mulberry aus Lord William Beresfords Händen war, fiel es stark ab. Ganz gewöhnliche Außenseiter liefen an ihm vorbei, so daß die Rennbehörde alle Rennen, in denen es auftrat, insgeheim scharf überwachen ließ. Bei einem Rennen in Lucknow nun gelang es, festzustellen, daß der australische Jockey, der das Pferd ritt, es stark verhalten hatte, um es durch zu kurze Zügel absichtlich um den Sieg zu bringen. Die Untersuchung ergab den üblichen Tatbestand. Mulberry war im Publikum heftig gewettet worden. Also sollte er nicht gewinnen. Daher wurde, ebenfalls wie üblich, „Mulberry“ disqualifiziert. Der Trainer wurde vorgeladen, doch der Name des Besitzers war nicht zu ermitteln. Das Pferd selbst erhielt vorläufig im Stalle eines pensionierten englischen Obersten in Amballa Unterkunft.

Von dort aus wurde „Mulberry“ zum Verkauf angeboten. Auch ich trat mit dem Oberst in Verbindung, da ich es im Dog-cart gehen lassen wollte. Rennen waren ihm verschlossen und als Wallach kam es für die Zucht nicht in Frage. Ich nahm an, das Tier um wenig Geld erstehen zu können. Während die Verhandlungen noch schwebten, finde ich eines Tages zu meiner Verwunderung in der Kalkuttaer Sportzeitung meinen Namen als Käufer „Mulberrys“ mit einer langen Erklärung, weshalb, wozu und warum ich das Pferd erwerben wolle.

Kurz darauf war ich mit dem Oberst über den Preis handelseinig geworden und wollte einen Stallburschen nach Amballa -- nicht so sehr weit von Kapurthala -- senden, um „Mulberry“ holen zu lassen, als mir gedrahtet wurde, das Pferd sei einem Schlangenbiß erlegen -- ein trauriges Ende für das schnellste Pferd Indiens.

Etwa zwei Monate später war ich in Ägypten und besuchte das Rennen in Alexandrien. Der Sieger im Hauptrennen dort erinnerte mich stark an das so rasch verstorbene Vollblut „Mulberry“, und ich sah mir das Tier etwas genauer an. Ich war sicher, es mit dem toten „Mulberry“ oder aber mit seinem Geist zu tun zu haben.

Als ich nach Indien zurückkam, suchte ich den Herrn Oberst auf. Er wagte zwar meine Behauptung, daß ich „Mulberry“ in Alexandrien gesehen habe, nicht zu bestreiten, versicherte aber, es einem reichen Ägypter verkauft zu haben, mit der ausdrücklichen Bedingung, das Pferd in keinem Rennen laufen zu lassen.