Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 8

Chapter 83,556 wordsPublic domain

Sofort wies ich den Maharadscha darauf hin. Er war es gewesen, der in so törichter Weise nicht wieder zurückzunehmende Vorwürfe gemacht habe. Er müsse mich entlassen. Doch wiederum ging er nicht auf meinen Vorschlag ein. Alles dies, sagte er, sei nichts als ein Ränkespiel. Er werde schon mit den Rädelsführern fertig werden. Die ganze Sache fing an, ihm auf die Nerven zu fallen. Ich solle unbesorgt sein, er werde schon alles in Ordnung bringen. Ohne mich usw., usw.

Ich konnte dem Maharadscha meine Entlassung nicht abzwingen. Aber ich vertraute ihm wenig. Stand er doch ganz unter dem Einfluß der Rani Umedi! Lag doch unweit von uns die unglückselige Rani Kanari, an deren langsamem Untergang er so große Schuld trug, allein, verlassen, verhöhnt und ohnmächtig, auf ihren schlimmsten Feind, den Alkohol, als einzigen Tröster angewiesen! Und daß die Rani Umedi ihre Macht und ihre Verschlagenheit rücksichtslos gegen mich ausspielen werde, konnte keinem Zweifel unterliegen.

Wohl war ich die Vorsicht selbst. Jede Speise ließ ich vorkosten. Ich bestieg kein Pferd, ohne Gurte und Schnallen genau nachzusehen. Ich trat durch keine Türe, ohne jemanden vorauszusenden, ritt unter keinem Balkon, auf dem Gefahren lauern konnten, legte mich nie schlafen, ohne Bett und Zimmer vorsorglich und gründlich abgesucht zu haben.

Und der ahnungslose Maharadscha äußerte immer wieder vor den Ohren Anitas, daß mein Scheiden von seinem Hofe eine Unmöglichkeit sei!

Als die Rani Kanari gestorben war, ließ auch die Liebenswürdigkeit Anitas gegen Lala Schiv Narain sofort nach und nahm sehr bald ganz andere Formen an, die den Armen so mit Furcht erfüllten, daß er um sein Leben sorgte. Nach ganz kurzer Zeit kam er um seine Entlassung ein und eilte, sich in den Bergen seiner Heimat Kaschmir in Sicherheit zu bringen.

Und Anita siegte. Sie bezog als alleinige Herrscherin das Schloß zu Kapurthala. Die Damen der Zenana mußten das Feld räumen und wurden in der Villa zu Mussoorie untergebracht. Als der Bezirks-Gouverneur dem Maharadscha seinen offiziellen Besuch machte, und die Rani Umedi den Damen der höheren englischen Gesellschaft vorgestellt wurde, gab es nur eine Stimme des Lobes. Ihrem würdigen Benehmen und ihrer distinguierten Haltung nach schien sie für die Stellung einer Prinzessin geboren. Und wenn deshalb der Maharadscha in den Augen seiner englischen Gäste auch weiter nur der „dreckige Neger“ blieb, so erfüllte ihn die Bewunderung, die der Rani Umedi gezollt wurde, doch mit der höchsten Genugtuung, worauf die verschlagene Gitana sicher gerechnet hatte.

Jedoch mich schien unerklärliches Unglück zu verfolgen. Bald hintereinander gingen zwei Rennpferde ein, auf die ich große Hoffnungen gesetzt hatte. Mehrere meiner Lieblingshunde verendeten. Nur Gift konnte die Ursache sein. Nie aber konnte ich entdecken, wessen Hand dabei im Spiele gewesen war. Dann brannten große Heuschober ab, und kurz darauf brach in der Futterkammer des Marstalls Feuer aus.

Alles dies gehörte zu meinem besonderen und Lieblings-Machtbereich. Denn außer der Aufsicht über die Paläste, unterstand mir das Gestüt, der Rennstall, die Jagd und die Elefanten und alles Getier, das zur Jagd in Indien gebraucht wird. Ich verdoppelte meine Wachsamkeit, trotzdem ich wußte, daß ich gegen die Ränke der Rani Umedi, gegen ihre Hindu-Helfershelfer nichts ausrichten konnte.

Erst wenn ich mundtot gemacht, beseitigt war, brauchte sie nicht mehr zu befürchten, daß das Geheimnis ihrer Herkunft und die Einzelheiten ihrer Erwerbung für den Maharadscha bekannt werden könnten.

Und der Maharadscha, der immer wieder darauf hinwies, daß ich ihm in Kapurthala unentbehrlich sei!

Von meinem Morgenritt zurückkommend, der mich über die Rennbahn nach den Gestüten und durch den Marstall führte, war es meine Gewohnheit, ein Glas eisgekühlten, schwarzen Kaffee zu trinken, das stets auf der Veranda meines Bungalow gegen meine Rückkehr bereitstand. Eines Morgens bemerkte ich einen etwas bitteren Geschmack, nachdem ich das Glas durstig in einem Zuge geleert hatte. Der Diener, der mein Reitpferd zu den Ställen führte, verschwand eben um die Hausecke. Ich will zur Schelle gehen, um meinen Kammerdiener zu rufen. Doch ehe ich noch einen Schritt tun kann, finde ich mich hilflos auf dem Boden liegen, vollständig gelähmt, doch ebenso vollständig bei Besinnung.

Ich wußte sofort, daß ich vergiftet worden sei, doch womit? Welche Wirkungen würde das Gift noch auslösen? Würde ich sterben oder nur gelähmt bleiben? Was war schlimmer? Welche Schmerzen standen mir noch bevor? Vor der Hand spürte ich nur immer stärker werdende Krämpfe im Leibe. Doch ich vermochte mich weder zu rühren noch einen Laut hervorzubringen. Wie ein Klotz lag ich auf dem Boden, inmitten der Stühle und Tische, ebenso leblos wie sie. Aber in meinem Gehirn jagten sich die Gedanken.

Endlich kommt mein Kammerdiener, der zum Umkleiden auf mich gewartet hatte und über mein Ausbleiben erstaunt war. Man bringt mich zu Bett und flößt mir sofort eine halbe Flasche Kognak ein, was die Schmerzen linderte und mir einen betäubten Schlaf verschaffte. Endlich erscheint der Staats-Doktor von Kapurthala. Er diagnosierte sehr vorsichtig, daß wohl manches auf eine Vergiftung hindeute, aber ebensowenig sei eine Nierenerkrankung ausgeschlossen, da mein Fall gewisse, dem Schwarzwasserfieber ähnliche Erscheinungen zeigte. Die Brechmittel, die er trotzdem verschrieb, blieben ohne Wirkung.

Doch ich kam mit dem Schrecken davon. Meine außerordentlich kräftige Natur, der Kognak und -- die übergroße Vorsicht meiner Feinde retteten mir das Leben.

Wie sich später herausstellte, mußte man mich mit Dastura[6] vergiftet, aber die Dosis so stark gewählt haben, daß sie als Gegengift zu wirken begann. Zehn Tage lag ich zwischen Tod und Leben. Der Maharadscha erkundigte sich täglich sehr bewegt um mein Befinden. Doch die Rani Umedi ließ sich nicht blicken, noch auch etwas von sich hören.

Als ich besser war, war meine Geduld zu Ende. Ich zögerte nicht länger und gab Dschagatdschit Singh die Erklärung der Unglücksfälle und des Anschlages auf mich. Obgleich er jetzt ganz in der Hand der Gitana war, mußte er mir doch recht geben, daß ich unmöglich länger in seinen Diensten bleiben könne. Er bewilligte meine Entlassung und setzte mir eine Pension aus seiner Privatschatulle aus.

Ich aber beeilte mich, Indien zu verlassen, wo ich zwanzig Jahre meines Lebens in engster Berührung mit zwei der bedeutendsten Fürsten dieses Landes verbracht hatte: der eine arbeitsam, wissensdurstig, allem Geistigen zugetan, der andere gutmütig, schwach allem Sinnlichen erliegend -- und keiner von beiden Sproß eines alten Fürstengeschlechts, sondern Kind des niederen Volkes, hervorgegangen aus den wimmelnden Millionen Indiens --, durch eine sonderbare Laune des Schicksals über ihresgleichen zu ungeheurem Reichtum und fast unbeschränkter Macht emporgehoben.

VII.

Anglo-Indisches

Meine Stellung sowohl in Baroda als in Kapurthala als oberster Aufsichtsbeamter der fürstlichen Paläste brachte es mit sich, daß mir ebenfalls die Obhut der Marställe und Gestüte, sowie der für die vielen an den Höfen gehaltenen, zur Jagd abgerichteten Tiere oblag. Damit verbunden war es meine Aufgabe, die großen Jagdveranstaltungen der Fürsten vorzubereiten und zu leiten. Das gleiche galt für die Rennpferde, deren Ankauf oder Aufzucht und Pflege, sowie Training ich zu überwachen hatte.

Daher habe ich über die jagdlichen Verhältnisse wie auch über den leidenschaftlich betriebenen Rennsport in Indien ziemlich eingehende Kenntnisse sammeln können.

Antilopenjagden

Das zahlreichste Wild in der Umgebung von Baroda stellen die Antilopen dar, die in großen Rudeln bis auf eine Wegstunde an die Stadt herankommen. Da die Eingeborenen keine Erlaubnis haben, andere Feuerwaffen, als ganz veraltete Vorderlader, zu benutzen, und die Mehrzahl der Landbevölkerung der Provinz Gutscherat, in der Baroda liegt, der Kaste der Gusurati angehören, denen ihre Vorschriften und ihr Glauben verbieten, irgendein lebendes Wesen, und sei es eine Schlange, zu töten, so sind die Antilopen gegenüber den auf den Feldern arbeitenden Bauern nur wenig mißtrauisch.

Immerhin pflegen sie sich beim Äsen in der Mitte eines ganz ebenen Feldes zu halten, wo weder Bäume noch Sträucher, noch sonst eine Deckung vorhanden ist, die ein unbemerktes Heranpürschen gestatten würde. Die Herde wird von einer alten Antilopen-Kuh bewacht, die bei dem geringsten Anzeichen, das ihre Furcht erregt, Laut gibt, worauf die Tiere mit ihrer außerordentlichen Schnelligkeit im Nu verschwunden sind. Die Böcke weiden stets etwas abseits von der eigentlichen Herde und sind an ihrem Gehörn, sowie an dem dunkelbraunen Rücken und der weißen Farbe des Bauchfelles leicht erkennbar. Der Erfolg einer Jagd auf Antilopen hängt daher ganz davon ab, daß man sich unbemerkt auf Schußnähe heranpürschen kann und daß man mit dem ersten Schuß sein Tier erlegt. Die anderen sind, noch ehe man ein zweites Ziel suchen könnte, längst außer Schußweite. Und ebenso ist ein verwundetes Tier, selbst wenn ihm nur noch drei Läufe zur Verfügung stehen, kaum noch einzuholen.

Trotz der Häufigkeit der Tiere ist daher die Jagd auf Antilopen in Indien nicht einfach. Um in Schußweite zu kommen, benutzt man ihre verhältnismäßige Sorglosigkeit gegenüber einer Annäherung der ihnen gewöhnten bäuerlichen Wagen, in deren Schutz man hoffen darf, sie zu überlisten. Man bedient sich hierbei entweder des landesüblichen Ochsenkarrens oder man benutzt zwei besonders hierzu abgerichtete Büffel, die, im Joch zusammengespannt, einen belaubten Busch zwischen sich tragen, hinter dem der Jäger und der Führer verborgen bleiben.

Diese gegen Weiße sehr scheuen Büffel müssen von einem ihnen vertrauten Eingeborenen gelenkt werden, denn die Leitung ihrer Bewegung auf die grasende Herde zu verlangt große Geschicklichkeit. Sobald man in Schußweite ist, gibt der Führer hinter dem Joch Raum, und man feuert durch das Laub, wobei die feuerfest dressierten „~bullocks~“, die Ochsen, unerschütterlich stehen bleiben.

Bei der Benutzung des zweirädrigen Ochsenkarrens, der „Tonga“, verbirgt der Jäger sich auf dem Sitz. Der Fahrer, stets ein Eingeborener, hockt auf der Deichselspitze und sucht möglichst ungesehen, nahe an die Herde heranzukommen. Ist es ihm gelungen, bis auf 200 oder 150 Meter heranzulavieren, so führt er die Tonga langsam in dieser Entfernung an der Herde entlang, und der Jäger läßt sich auf einen Wink des Fahrers vorsichtig und leise mit schußfertiger Büchse zur Erde gleiten, während der Wagen ruhig weiterfährt. Ihn behalten die Antilopen etwas im Auge, während es von der Ruhe und Sicherheit des Jägers abhängt, ob sie ihn bemerken und zum Schusse kommen lassen.

Die beste Büchse, die ich für diese Jagd ausprobiert habe, ist die englische Doppelflinte Expreß Point 450, Visier bis 400 Yards (360 Meter). Ein richtigsitzender Schuß aus ihr bringt das Wild unfehlbar zur Strecke, während kleinere Kaliber viel weniger zuverlässig sind.

Diese Pürschjagd wird von den Maharadscha aber nicht ausgeübt. Sie ziehen Treibjagden vor, zu denen ganze Regimenter von Eingeborenen zu Fuß und zu Pferde aufgeboten werden. Die fürstliche Jagdgesellschaft nimmt auf Elefanten Platz und knallt von dort aus das massenhaft aufgescheuchte Wild wahllos nieder, so daß die Jagd zu einer reinen Massenschlächterei wird. Der Gaekwar von Baroda war, seinem ganzen Charakter entsprechend, kein Freund dieser Art von Vergnügungen. Nur wenn die Tiere durch übergroße Vermehrung zur Landplage wurden und unübersehbaren Flurschaden anrichteten, duldete er das Abhalten dieser bluttriefenden Treibjagden.

Andere indische Fürsten haben früher das zusammengetriebene Wild mit Kartätschen zusammenschießen lassen, um das Schauspiel einer solchen Metzelei in besonders kondensierter Form zu genießen.

Eine andere, allerdings sehr kostspielige Art der Jagd auf Antilopen ist die mit „Tschittahs“. Sie kann nur von Fürsten oder reichen Semindaren -- Großgrundbesitzern -- betrieben werden und findet daher selten anders als zur Ehrung persönlicher Freunde oder hoher englischer Beamter statt.

Der „Tschittah“ ähnelt dem Leoparden, er erreicht die Höhe eines ausgewachsenen russischen Barsoj-Hundes, dem er auch im Bau ähnelt, und ist von fabelhafter Schnelligkeit. Fast immer stammt er aus den Dschungeln Zentral-Indiens oder der Provinz Khattiawar, wo er in Fallen gefangen wird. Seine Dressur wird von indischen Jägern -- „Schikari“ -- berufsmäßig betrieben und erfordert außerordentliche Geduld, wie sie eben nur ein Inder aufbringen kann. Der Tschittah muß so zahm wie ein Jagdhund werden, obgleich er zur Familie der Katzen gehört. Sein Erzieher hängt auch mit ganzer Liebe an ihm, läßt ihn in seinem Schlafraum schlafen und führt ihn wie einen Hund in der Stadt spazieren, um ihn an den Anblick von Menschen zu gewöhnen. Wenn er zur Jagd gebracht wird, trägt der Tschittah anstatt eines Maulkorbes eine schwarze Lederkappe über den Augen. Mir standen in Baroda ein gutes Dutzend dieser Tiere zur Verfügung.

Zur Jagd wird der Tschittah entweder auf einem hochachsigen, zweirädrigen Ochsenkarren, wo er auf einer dünnen Matratze sitzt, gefahren, oder ein berittener Schikari nimmt ihn auf das Pferd. Zu diesem Zwecke wird für ihn am Hinterzwiesel des Sattels ein kleines, indisches Bett angebracht. Bei der Eigenschaft der Antilopen, allem Eingeborenen, sei es nun Pferd oder Bauer oder Karren, nur geringe Beachtung zu schenken, unterscheidet sich das Anschleichen mit dem Tschittah in nichts von dem Anpürschen mit der Büchse. Die in einiger Entfernung folgenden berittenen Zuschauer schwenken vorsichtig auf die Herde ein, sobald der Schikari mit dem Tschittah auf etwa 200 Meter an die äsenden Tiere herangekommen ist. Sein Wärter nimmt ihm die Kappe von den Augen, kettet ihn los, und er schlüpft zur Erde. Unter Ausnützung jeder sich ihm bietenden Deckung schleicht der Tschittah, seiner Natur gemäß, katzengleich bis auf etwa 50 Meter an die Herde heran, wählt sich den stärksten Bock zum Opfer, erhebt sich und springt in einigen gewaltigen Sätzen auf das Beutetier los, so daß es wie gelähmt sekundenlang verwirrt stehen bleibt. Gelingt es dem Tschittah nicht, die angegriffene Antilope für diese kurze Zeit unbeweglich zu halten -- was höchst selten vorkommt --, so ist der Bock gerettet. Die anderen sind sofort bei seinem Aufrichten davongejagt und längst über alle Berge. Niemals wird es dem Tschittah gelingen, eine Antilope einzuholen. Er wird auch nie einen Versuch dazu machen, da ihm seine Unterlegenheit im ausdauernden Streckenlauf scheinbar ganz bewußt ist.

Hat er aber den Bock erreicht, so schlägt er ihm mit der Tatze ins Kreuz, so daß das Tier zusammenbricht, und beißt sich sofort an der Kehle fest.

Ein gut dressierter Tschittah wird niemals sich an einer Hindin vergreifen, sondern stets sich einen Bock erwählen, wie es ja in Indien überhaupt für schimpflich gilt, eine Hindin zu schießen, obgleich ihr Fleisch schmackhafter als das der Antilopenböcke ist.

Um den Tschittah von seinem Opfer zu lösen, was stets eine etwas heikle Sache ist, schneidet der Schikari meistens die Schlagader des Bockes unterhalb der Bißstelle durch und fängt das Blut in dem mitgeführten Freßnapf seines Zöglings auf. Der Geruch des frischen Blutes veranlaßt dann den Tschittah, von seiner Beute abzulassen und sich dem Napf zuzuwenden. Er darf das Blut aber nur nehmen, wenn an demselben Tage nicht weiter gejagt wird. Sobald sein Schikari ihm die schwarze Kappe wieder über die Augen gelegt hat, wird er fügsam und folgt ihm willig zu seinem Sitz zurück.

Von den Schikari, die zum Bestande jedes Hofes, wie überhaupt jeder Jagd gehören, ist ein Teil Mohamedaner, ein Teil Hindu. Verschieden wie ihr Glaube ist auch ihre Betätigung. Der gemessene, ruhige, würdevolle Mohamedaner beschäftigt sich vornehmlich mit dem Abrichten der Tschittah, der Liux, des Falken und des Habichts für die Beize. Der Liux, etwas kleiner als der Tschittah, wird selten gefangen, und es kostet unsägliche Mühe, diese starke Katze ihrer Raubtierinstinkte zu entwöhnen. In Baroda waren zwei vorhanden, ohne daß ich sie je zur Jagd hätte verwenden können.

Jagdhunde in Indien

Die Hindu-Schikari, die meistens der Kaste der Bauri angehören, beschäftigen sich vornehmlich mit dem Abrichten der Jagdhunde, wozu der Nepaul- und der Thibethund, auch der wilde Pariahund gebraucht wird. Sie dienen vornehmlich zum Aufstöbern des Wildes, besonders des Wildschweines. Der Versuch, europäische Jagdhunde nach Indien einzuführen, ist stets gescheitert. So schonend sie auch behandelt werden, das Klima zerstört unweigerlich ihren Geruchssinn und ihre Gesundheit. Ich habe als leidenschaftlicher Hundefreund mir die größte Mühe gegeben, europäische Hunde in Indien zu akklimatisieren. Im Sommer sandte ich sie hoch ins Gebirge, in die kühle Bergfrische Mussoorie, um sie vor der glühenden Hitze der Ebene zu bewahren. Am widerstandsfähigsten erwies sich noch der Fox-Terrier und der Bull-Terrier. Letzterer ist vorzuziehen, weil er sich nicht mit jedem Pariahunde herumbeißt, wie dies die Fox-Terrier tun. Da diese Pariahunde fast durchgängig verseucht sind, bringt die kleinste Bißverletzung dem Angreifer die Tollwut. Der Bull-Terrier ist ein stets kampfbereiter Kumpan und, dank seiner Abstammung von der Bulldogge, kräftiger als der Fox-Terrier, aber viel gewandter als die Dogge. Daher behält er im Kampfe leichter die Oberhand, und der Pariahund ist schon erledigt, bevor er überhaupt zum Biß kommen kann. Auch einen deutschen Schnauzerl und zwei belgische Schäferhunde habe ich nach Indien gebracht. Sie lebten fünf Jahre und verendeten dann an Krankheiten, die kein Tierarzt festzustellen vermochte.

Nur Fürsten und die Offizierkorps englischer Kavallerie-Regimenter können sich den Luxus erlauben, in den Ebenen den Schakal, so wie den Fuchs in England, mit einer großen Meute zu jagen. Infolge des starken Abganges in den Meuten ist ein sehr bedeutender Nachschub aus England notwendig. Hunde, die in diesen Meuten in Indien geworfen werden, degenerieren sehr schnell. Kreuzungen zwischen englischen Fuchshunden und indischen Rampurhunden ergeben zähe, angriffslustige Parforce-Jagdhunde, doch ohne besonders gute Witterung. Die Kreuzung ist äußerst wild und bissig. Sogar die Pariahunde nehmen Reißaus, wenn eine Meute solcher Hunde durch das Dorf rast.

Die einheimischen indischen Pariahunde sind zu tausenden auf den Straßen greifbar. Sie sind für jeden Bissen dankbar und folgen jedem freundlichen Blick. Allerdings sind sie zu nicht viel mehr als dem Aufstöbern des Wildes benutzbar, und wenn sie nicht scharf überwacht werden, fressen sie die halbe Beute auf, ehe man noch hinzukommen kann, ganz gleich ob es sich um eine Wachtel oder einen Büffel handelt.

Bei der Jagd auf Wildschweine, zu der diese Hunde vorzugsweise gebraucht werden, ist schon mancher von ihnen den Hauern des Ebers erlegen. Andererseits habe ich selbst beobachtet, wie drei von ihnen einen Eber durchaus weidgerecht niederhielten, bis er den Fangstoß erhielt.

Doch die besten Spürhunde in Indien sind unstreitig die Hindu-Schikari. Sie haben ein wunderbares Auge für jede Gattung Wild, sind untrüglich auf jede Entfernung und besitzen eine Art Witterung für die Tiere. Ihnen gegenüber hilft keine Schutzfarbe, und sie übertreffen den besten Feldstecher. Dazu besitzen sie eine staunenswerte Ausdauer und sind, im Vergleich zu uns, einfach unermüdlich.

Eberjagden

Trotz allen Erzählungen von und über Tigerjagden in den Dschungeln Indiens ist aber die gefährlichste und aufregendste Jagd unstreitig „~Pigsticking~“, auf Deutsch: Schweinestechen. Die Schweine jedoch, um die es sich hier handelt, sind die wilden Warzenschweine, und die Jagd findet zu Pferde mit der Lanze als einziger Waffe statt. Es ist die alt-germanische Jagd auf den „mächtigen Eber“ -- den starken, blitzschnellen, gewandten und tapferen Keiler.

Nichts Herrlicheres kann es geben, als an einem frischen, indischen Morgen auf einem Vollbluthengst, der selbst die Jagd liebt, die Lanze in der Faust, zur Jagd auf den wilden Eber aufzubrechen. Der Ritt hinter dem Keiler, der hartnäckige Kampf mit dem wendigen, gelenken Tiere ist mit irgendeiner Parforce-Jagd überhaupt nicht zu vergleichen. Dort fehlt alle Spannung, jede Gefahr, und der Wettstreit zwischen den Reitern, als Erster zum Lanzenstoß auf den wehrhaften Eber zu kommen.

Doch es ist eine Jagd, die nur wenigen in Indien möglich ist. Nur auf Einladung eines Fürsten oder des Offizierskorps eines der vornehmsten Kavallerieregimenter oder aber als Mitglied des Zelt-Klubs -- des „~tent-club~“ -- kann man Gelegenheit dazu erhalten. Und Mitglied des Zeltklubs zu werden, ist außerordentlich schwer, ganz abgesehen, daß man den Besitz von wenigstens drei guten, ausdauernden Pferden nachweisen muß.

Denn als erstes und wichtigstes für die Jagd kommt das Pferd in Frage. Es muß so fußsicher sein, wie nur möglich. Das Gelände ist überall stark zerklüftet, uneben, mit Fallen und Löchern besät, besonders wenn die Jagd durch Gestrüpp geht. Das gefährlichste sind die Elefantenspuren, von den schweren Tritten dieser Tiere verursachte, im dichten Gras ganz unsichtbare Löcher, die bis zu zwei Fuß Tiefe haben und die die Elefanten im Dschungel hinterlassen, wenn sie während der Regenzeit zum Grasholen ausgeschickt werden.

Die beste Zeit zur Eberjagd ist die Zeit nach der Ernte, die schon in den Anfang der heißen Jahreszeit fällt. Daher muß man ganz früh aufbrechen, denn nach neun Uhr beginnt die Hitze Mensch und Tier zu erschlaffen. Der Gaekwar von Baroda hielt die Hofjagden von Ende Dezember bis Anfang Februar ab. Während dieser sogenannten kalten Jahreszeit ist es schwieriger, den Eber auf das offene Feld zu bringen, da er sich dann mit Vorliebe in den Dschungeln oder den hohen Baumwoll-, Zuckerrohr- und Getreidefeldern aufhält, aus denen er sich ungern vertreiben läßt. Die Grasdschungel sind große, mit mehr denn zwei Meter hohem, dicht verschlungenen, zu Fuß und zu Pferde beinahe undurchdringlichem Gras bestandene Strecken. Zum Treiben hier eignet sich der Elefant am besten.

In Baroda befanden sich die Eberjagdgründe in der Nähe von Dabkar, unweit der Mündung des Mahiflusses in den Golf von Cambay. Das Gelände dort war mit fast manneshohen, dornigen Büschen besetzt, deren dicke Wurzeln in verschlungenem Gewirr den Boden bedeckten. Man muß ihnen sorgfältig aus dem Wege gehen, und selbst der Eber meidet sie, bieten sie doch auch für ihn natürliche Fallen. Dazwischen stehen vereinzelte Kaktushecken, die die Bauern zum Schutze ihrer Felder vor Wildschaden um die Anpflanzungen ziehen. Sie sind oft bis zwei Meter hoch, und man muß sich hüten, sie als Abschluß eines Jagdgalopps zu wählen. Auch ist verschiedentlich Wasser im Gelände: Bäche, Kanalrinnen, Tümpel und Sumpflöcher. Alle diese Hindernisse tauchen ganz plötzlich auf der Eberjagd auf, und nicht so sehr Vorsicht, als schnellste Entschlossenheit sind erforderlich, sie zu überwinden oder zu umgehen, denn der Eber selbst ist nicht wählerisch in seinem Wege. Einmal aus seiner Ruhe im Dickicht aufgejagt, versucht er zunächst durch dick und dünn nach dem mit Gestrüpp bewachsenen Teile des Jagdgrundes durchzubrechen. Gelingt ihm dies nicht, so schlägt er einen Haken, um, wenn möglich, in dem nächsten Zuckerrohr- oder Baumwollfeld zu verschwinden.

Von den Teilnehmern einer Eberjagd, vielleicht zwölf, wird der erfahrenste zum Jagdmeister -- ~master of the Hunt~ -- gewählt. Seinen Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten. Er teilt die Gesellschaft in Gruppen von je drei Mann, von denen wieder einer zum Führer der anderen beiden bestimmt wird.