Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 7

Chapter 73,586 wordsPublic domain

Der Grund der Abwesenheit des Maharadscha bei der Ankunft war ein Fest, das der Prinz de Broglie ihm zu Ehren gab und wo er nicht gut durch Abwesenheit glänzen konnte. Doch damals war Anita das Triftige dieser Abhaltung noch ganz unverständlich. Ihre Entrüstung und ihre Verzweiflung waren so ernst, daß ich dem Maharadscha sofort Nachricht zukommen ließ, der, eine plötzliche Erkrankung der Maharani vorschützend, umgehend das Fest verließ und nach dem Hotel Ritz, wo er wohnte, zurückkehrte. Dort möge, ließ er mir mitteilen, Anita ihn im Salon erwarten. Nur mit Schwierigkeit gelang es endlich der Mutter, die um ihre 25000 Pesetas besorgt war, Anita zu bewegen, mir in das Hotel Ritz zu folgen. Der Maharadscha erwartete sie, angetan mit allen seinen Orden, vom Kapurthala-Hausorden bis zum Stern von Indien, und am Turban ein großes Diamanten-Diadem, um Anita von seiner Würde zu überzeugen.

Doch auf die schöne Gitana machte das alles keinen Eindruck. Stolz, hochmütig warf sie dem Maharadscha einen vernichtenden Blick zu und begann dann, sich auf das heftigste über die Rücksichtslosigkeit und Nachlässigkeit des Empfanges zu beklagen. In seiner Verlegenheit zog der Maharadscha einen Diamantring vom Finger und überreichte ihn ihr. Ohne ein Wort des Dankes steckte sie ihn an und setzte sich dem Maharadscha gegenüber.

Mit den wenigen Brocken Spanisch, die ich mir angeeignet hatte, und den noch geringeren französischen Kenntnissen Anitas war es schwer, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Am nächsten Tage sollte sie in das Ritzhotel übersiedeln, und ihrer Mutter sollte der übereingekommene Kaufpreis ausgezahlt werden.

Ihre Schwester Vittoria hatte sie begleitet. Als ich nach einer von Anitas Seite noch immer recht kühlen Verabschiedung von dem Maharadscha mit den beiden Mädchen das Hotel verlassen wollte, trafen wir zufälligerweise mit dem amerikanischen Multimillionär Thaw und seinem Freunde Wynands zusammen. Von der Schönheit der beiden Gitanas überrascht, traten sie auf mich, der ich sie oberflächlich kannte, zu, und baten vorgestellt zu werden.

Am nächsten Morgen erschien Mama Delgado in Begleitung ihrer beiden Töchter, von mir abgeholt, im Hotel. Der Maharadscha saß in seiner ganzen Würde in einem Klubsessel und hielt einen dicken Briefumschlag mit den 25000 Pesetas, gleich 20700 Franken, in der Rechten. Der Adjutant hatte, der indischen Sitte gemäß, ein Dokument aufgesetzt, das in der Übersetzung besagte:

„Ich bestätige, von Seiner Hoheit dem Maharadscha von Kapurthala die Summe von 20700 Franken erhalten zu haben und erkläre gleichzeitig, daß ich keine weiteren Ansprüche irgendwelcher Art mehr stellen werde.

Cardelassia Bajosse, Señora Delgado.

Paris, am 16. Juni 1906.

Während der Zeit, daß meine Tochter Anita bei Seiner Hoheit bleibt, wird sie monatlich 2000 Pesetas für ihre persönlichen Ausgaben erhalten.“

Mach tränenvollem Abschied verschwanden die Señora Delgado und Señorita Vittoria, die eine, um mit dem Kaufgeld nach Madrid zurückzukehren, die andere, um ihre Laufbahn als Tänzerin in Paris zu beginnen, wo ich ihr auf einer bekannten Bühne durch deren mir befreundeten Direktor eine Stellung verschafft hatte. Dort traf sie der ihr von mir vorgestellte Amerikaner Wynands, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als sie zu heiraten. Zwar enterbte ihn promptest sein millionenreicher Vater in Baltimore. Doch ein Oheim des jungen Mannes in London nahm sich seiner an. In der Folgezeit gelang es auch dem bescheidenen und liebenswürdigen Wesen der jungen Frau, das Herz ihres Schwiegervaters zu gewinnen und so die in Hast und Zorn getroffene Enterbung rückgängig zu machen.

Anita bezog ihre Wohnung im Ritzhotel, die an unsere Zimmer stieß. Die nächsten Tage vergingen mit Einkäufen. Trotz aller Mahnung zur Sparsamkeit überhäufte Dschagatdschit Singh sie, seine „Lotosblume“, mit Geschenken. Sie selbst aber war und blieb vorsichtig und äußerst zurückhaltend. Noch am Tage des Kaufabschlusses suchte sie einen Juwelier auf, um sich überzeugen zu lassen, daß der ihr am Abend vorher geschenkte Ring auch echt sei, trotzdem ich ihr versichert hatte, er sei wenigstens fünftausend Franken wert.

Bald nach dem Ende der Pariser Saison mußte der Maharadscha nach London, um dort seine Staatsbesuche zu machen. Die Maharani und die Rani Barbotti sollten zunächst über die Existenz Anitas nichts erfahren, was natürlich nicht durchführbar war, denn die Söhne kamen ständig von ihren Schulen zu kurzen Besuchen nach Paris und liebten es, ihren Vater zu überraschen. Dabei traf denn auch eines Tages der junge Tika Sahib, der Sohn der Maharani und Thronfolger, mit Anita zusammen, wodurch die ganze Angelegenheit an den Tag kam.

Nach kurzem Aufenthalt in London siedelte der Haushalt des Maharadscha nach Puys in der Nähe von Dieppe über, während Dschagatdschit Singh mit Anita in Dieppe selbst Wohnung nahm. Trotz allen Sträubens der Maharani und der Rani Barbotti ruhte der Maharadscha nicht, bis er Anita ihnen vorstellen konnte. Mit Tika Sahib wurde sie bald gut Freund. Ihr Besuch bei den beiden Damen der Zenana war für Anita mit ganz bestimmten Absichten verbunden, wie sie denn nichts ohne reifliche Überlegung tat und ohne sicher zu sein, daß ein jeder solcher Schritt auch für ihre Zukunft von Bedeutung war.

Noch vor der Abreise nach Kapurthala konnte sie dem Maharadscha mitteilen, daß sie ihm ein Kind schenken werde. Sie war stolz und glücklich, die Mutter eines „Prinzen“ zu werden, und er glücklich und stolz, einen „weißen“ Sohn erhoffen zu dürfen. Natürlich war jetzt nicht mehr daran zu denken, daß sie Dschagatdschit Singh in diesem Jahre nach Kapurthala begleiten könne.

Nach einem schönen, in Baden-Baden verlebten Herbste wurde Anita bei dem Pariser Agenten des Maharadscha einquartiert, und Dschagatdschit Singh trat schweren Herzens die Heimreise nach Indien an.

In Kapurthala war die ganze Angelegenheit schon bei unserer Ankunft Bazargespräch. Durch ihren Sohn, der in Rouen zur Schule ging, war die Rani Kanari auf das Genaueste unterrichtet. Alle Zenanadamen schlossen sich zu einer Intriguenfront zusammen, um die Weiße zu verdrängen. Doch nichts konnte den Maharadscha seiner geliebten Lotosblume abtrünnig machen. Selbst wenn es ihm Rang und Titel kosten sollte, von ihr würde er sich niemals trennen!, erklärte er mir bestimmt.

Und der Einfluß Anitas, der schon in Dieppe und in Baden-Baden sein äußeres Benehmen europäischer gemacht hatte, was sich besonders in seinen Tischmanieren zeigte, die früher noch recht indisch gewesen waren, hielt sogar in Kapurthala vor. Die herrlichen Wintermonate gingen ohne die sonst üblichen rauschenden Festlichkeiten vorüber. Kaum daß er hin und wieder einige Einladungen versandte. Und von der früher so hochgeschätzten Aristokratie mochte in Bombay landen, wer wollte; er trug kein Verlangen, sich in seinem Schloß Kapurthala stören zu lassen. Seine einzige Sorge war der pünktliche Eingang der wöchentlichen Post aus Europa und die Nachrichten, die er über Anitas Befinden erhielt. Endlich kam die Mitteilung, daß ihn ein -- wohl nahezu weißer -- Sohn in Paris erwarte -- und sofort war er von neuem nach dort unterwegs.

Diesmal stellte er sogar mich zur Disposition. Ich erhielt sechs Monate Urlaub, in dessen Verlauf ich ihn in Paris besuchte. Anita empfing mich so freudestrahlend, daß der Maharadscha sich zurückgesetzt fühlte und bemerkte, sie scheine sich mehr zu freuen, mich wiederzusehen, als ihn selbst. Auch zu dem Jungen konnte ich beide nur beglückwünschen, denn er war wirklich von einer auffallend hellen Hautfarbe.

Immerhin, ich kürzte meinen Besuch soviel wie möglich ab und traf auch an den anderen Orten, wo sie sich späterhin aufhielten, nur vorübergehend ein.

Dabei fiel mir auf, daß der Maharadscha Anita als Rani von Kapurthala betitelte, und ich begann zu fürchten, daß er die Absicht habe, sie tatsächlich nach Indien mitzunehmen. Mit dem Aufwande meiner ganzen Beredsamkeit suchte ich ihn davon abzubringen, denn die möglichen Folgen erschienen mir zu unheimlich. Ganz abgesehen von der Haltung der Regierung gegenüber einem solchen Schritte, würde die Bevölkerung ihn ebenfalls nicht mit Freude begrüßt haben, und wenn auch nicht ihm, dem Maharadscha, so doch Anita Unannehmlichkeiten bereiten. Außerdem war, wie ich wohl wußte, die Haltung der anderen Zenanadamen so feindselig wie nur möglich, und ich fürchtete, der Haß der indischen Frauen gegen die Weiße möchte sich zu Taten hinreißen lassen, die nicht wieder gutzumachen sein würden. Im Dunkel der zahllosen Gänge und Gemächer der weitläufigen Paläste ist ein Fall mit tödlichem Ausgang leicht geschehen. Gift, schnelles und schleichendes, ist nicht so schwer zu beschaffen und noch leichter beizubringen; in den weiten Gärten sind Unfälle keine Unmöglichkeit -- kurz, all die Tatsachen und die Gewißheit, daß absolut keine, außer rein äußerliche, Gründe die Familienfeindinnen Anitas davon abhalten würden, gegen sie vorzugehen, ließen mich nur mit den schwersten Bedenken den Gedanken einer Überführung der Gitana nach Indien überhaupt in Erwägung ziehen.

Doch selbst wenn aus irgendwelchen Gründen diese letzten Mittel nicht ergriffen werden sollten, so gab es an einem indischen Hofe noch tausend andere Möglichkeiten der Intrigen und geheimen Nachstellungen von so unglaublich schmutziger Art, daß ihnen ein soeben aus Europa eintreffendes weibliches Wesen unmöglich zu begegnen wissen konnte.

Anscheinend fügte sich schließlich der Maharadscha auch meinen Einwendungen, und es wurde bestimmt, daß Anita unter der Obhut meiner eigenen Frau in Europa bleiben solle. Wir reisten zurück nach Indien, und außer den Berichten meiner Frau und den Nachrichten, die der Maharadscha mir hin und wieder gab, hörte ich nichts über die Gitana, bis eines Tages Dschagatdschit Singh mir mitteilte, Anita werde in Begleitung meiner Frau mit dem Dampfer „Nera“ in einigen Tagen in Bombay eintreffen. Ich möge mich doch bereit halten, die Damen dort abzuholen!

Ich war regelrecht überrumpelt worden!

Als ich meinem Erstaunen und meinem Unwillen Ausdruck gab, beschwichtigte der Maharadscha meine Bedenken mit dem Hinweis, daß er vor der Stadt in der Villa „Buena Vista“ mit Anita wohnen werde. Auch sollten einige indische, in der Eingeborenensprache erscheinende Zeitungen gekauft werden, um in der Bevölkerung für Anita Stimmung zu machen. Mit der anglo-indischen Regierung würde sich schon ein ~modus vivendi~ finden lassen, wenn erst einmal die schöne Spanierin in Berührung mit den anglo-indischen Kreisen gekommen wäre. Ich solle, angeblich zum Ankauf von Pferden, nach Bombay reisen und die Damen dann nach Kapurthala bringen. Hinter meinem Rücken war also schon alles geplant und abgemacht worden! Und im übrigen: niemand könne diese schwierige Sache besser als ich durchführen, er rechne auf mich und so weiter, schloß der Maharadscha seine Beschwörung.

Doch was würden die Zenanadamen dazu sagen? Was würden sie tun? Besonders die Rani Kanari?! --

„Nichts, denn wir werden in der Villa wohnen“, antwortete der Maharadscha auf alle Einwendungen, als ob das irgendein Hemmnis für die möglichen Anschläge gewesen wäre.

Nein, ich fürchtete die unausbleiblichen Folgen, die schlimmsten Überraschungen, und bat den Maharadscha um meine Entlassung. Den Intrigen, die jetzt sicher einsetzen würden, sah ich mich nicht gewachsen. In Europa würde ich gern jederzeit zu seiner Verfügung stehen. Doch auf alles, was ich vorbrachte, antwortete er nur, daß, solange er regiere, an meinen Abschied nicht zu denken sei.

Das nahm mir meine Sorgen nicht, und mit sehr gemischten Gefühlen ging ich daran, meinen Auftrag auszuführen.

Ich fuhr nach Bombay und nahm Anita, von meiner Frau begleitet, in Empfang. Als die Damen wieder festen Boden unter den Füßen fühlten, waren sie sehr zufrieden. Doch das dauerte nicht lange. Ich hatte, um Aufsehen zu vermeiden, Zimmer im Apollo-Hotel genommen. Das erste Hotel in Bombay aber ist das Tadsch-Mahal-Hotel. Das war sofort ein Grund zu Klagen. Für Anita gab es kein größeres Vergehen, als ihre Schönheit zu verdecken, um so mehr als sie sich jetzt schon als Prinzessin fühlte.

Die Tage des Aufenthalts in Bombay wurden mit der Besichtigung der großen Kaufläden ausgefüllt, und trotz der langen, ständig eintreffenden Telegramme des Maharadscha ließ sich Anita nicht bewegen, eher abzureisen, als bis sie alles besichtigt hatte, was Bombay an Damenausstattungsgeschäften besitzt. Endlich reiste man ab. Nicht im Kapurthala-Staats-Salonwagen -- aus guten Gründen --, sondern einfach in einem Spezial-Salonwagen erster Klasse. Zweite Entrüstung!

Das Gesicht, mit dem sie den zum Bahnhof Kapurthalas, Kartapur, ihr entgegengeeilten Maharadscha empfing, war auch danach. Sie begann sofort, ihm alles vorzuwerfen, was sie auf der Reise erduldet hatte.

Nachdem sie den begleitenden Adjutanten Lala Schiv Narain sehr scharf gemustert hatte, nahm sie in dem Kraftwagen Platz, der sie nach der Villa „Buena Vista“ brachte.

Mit welcher Sorge sah ich der Zukunft entgegen! Und doch, wie hatte ich mich getäuscht! Zwanzig Jahre Indien, zwanzig Jahre, die ständig in dem Ränkespiel eines indischen Hinduhofes verbracht worden waren, hatten meinen Blick für die gleichen Eigenschaften einer spanischen Gitana getrübt. Für mich war sie die Vertreterin europäischer Grundbegriffe, europäischer Moral, europäischer Ethik, welche gegen die Hinterlist, Tücke und die Skrupellosigkeit, wie sie in den verborgenen Gemächern der Zenana in höchster Vollendung sich auslebt, waffenlos war. Ich hatte eins übersehen: daß Anita als Gitana, als Zigeunerin, trotz ihres Geburtsortes Malaga, indische Instinkte besitzen mochte, stammen doch die Zigeuner aus dem Lande des Ganges. Sie zeigte sich ihren Widersachern mehr als gewachsen und verlor keine Sekunde, zum Angriff überzugehen.

Sie hatte es verstanden, sich vor ihrer Ankunft auf das Genaueste mit den Verhältnissen in Kapurthala vertraut zu machen. So war ihr auch mitgeteilt worden, daß die Rani Kanari in den Armen eines Adjutanten des Maharadscha Trost für die Vernachlässigung seitens ihres Herrn und Gebieters suche. Dieser Adjutant war ihr nach Gesicht und Ansehen genau beschrieben worden, und in Lala Schiv Narain, der mit Dschagatdschit Singh zu ihrem Empfang auf dem Bahnhof erschienen war, erkannte sie sofort den angeblichen Liebhaber der Rani Kanari. Während der Fahrt nach der Villa machte sie daher schon dem Maharadscha die heftigsten Vorwürfe, daß er gewagt habe, sie in Begleitung des Geliebten seiner Frau zu empfangen, und verlangte kategorisch, daß er sich vollständig von der Rani Kanari zurückzöge, was der im Besitz seiner „Lotosblume“ froh erregte Dschagatdschit Singh ohne weiteres zusagte.

Um nun ihre Stellung der Außenwelt gegenüber so fest wie möglich zu machen, kam dem Maharadscha der Gedanke, Anita zu überreden, zum Hinduglauben überzutreten.

Er hatte erwartet, großen Widerstand zu finden. Aber Anita übersah blitzschnell die Lage und die Vorteile, die ihr dies hinsichtlich der Zenanadamen bot. Ohne Besinnen willigte sie ein.

An und für sich ist ein Übertritt vom Christentum zum Heidentum des Hinduismus nicht möglich. Doch Dschagatdschit Singh als Maharadscha und unbeschränkter Gebieter konnte in einem so außergewöhnlichen Falle die Zeremonien von einem willfährigen Priester durchführen lassen.

Das Verhalten Anitas war mir ein Rätsel. Wo hinaus konnten ihre Pläne zielen? Welche Absichten verfolgte sie? Daß sie viel verschlagener war, als ich früher angenommen hatte, schien mir sicher. Ihr Entschluß, als spanische Katholikin zum Heidentum überzutreten, veranlaßte selbst meine Frau, die soweit stets zu ihr gehalten hatte und streng der allein seligmachenden Kirche anhing, sich von ihr zu lösen, wozu auch der Druck beitrug, den die anderen Zenanafrauen auf sie ausübten, und die von ihr eine Entscheidung forderten, entweder zu ihnen zu halten oder bei der Fremden zu bleiben und die Folgen zu tragen.

Die Vorbereitungen zu dem Übertritt, der hochoffiziell und mit einem Fest verbunden vor sich gehen sollte, wurden in die Wege geleitet. Doch Anita war auf ihrer Hut und unterließ nichts, ihre Stellung zu festigen. So gelang es ihr sogar, den erst als Liebhaber der Rani Kanari verdächtigten Lala Schiv Narain auf ihre Seite zu ziehen und ihn zum willfährigen Sklaven ihrer Befehle zu machen.

Um auch bei den englischen Besuchern Eindruck zu erwecken, nannte sie sich mit Zustimmung des Maharadscha „geb. Baronin Anita Del Gado de Malaga“ und gab vor, von einer Familie zu stammen, die in den Kreuzzügen und Maurenkriegen ihre Besitztümer verloren hatte. Der Kursaal von Madrid war ihrem Gedächtnis ganz entschwunden. Nur eins vergaß sie nicht: daß nämlich außer dem Maharadscha auch ich von den näheren Umständen Kenntnis hatte, die sie mit Dschagatdschit Singh zusammengebracht hatten. Dies mußte auch der Grund sein, weshalb sie mir immer schärfer entgegentrat. Ich verhielt mich trotzdem vollständig zurückhaltend, ohne aber zu verfehlen, ihr in jeder Weise, auch in den kleinen Dingen, zu Diensten zu sein, ihr stets tadellose Pferde, beflissene Diener zu stellen und all die Angelegenheiten in ihrem Interesse zu ordnen, in die an einem indischen Hofe so viel Möglichkeiten zu Verdruß, zu Ärger, ja zu persönlichen Gefahren von einer geschickten Hand gemischt werden können. Doch all dies schien ihr zu entgehen. Ich beschloß daher, mich auf das äußerste zusammenzunehmen. Hier in Indien haben nicht nur die Wände und Türen, sondern die Luft und jeder, selbst der harmloseste Gegenstand, Augen und Ohren.

Immer näher kam der Tag des Übertritts. Immer augenfälliger wurde Lala Schiv Narain ihr ergebener Diener, und selbst Tschatterdschie, der bengalische Leutnant, der den Kaufvertrag mit ihrer Mutter aufgesetzt hatte, begann ganz auf ihrer Seite zu stehen.

Die Rani Kanari schloß sich in ihre Gemächer ein und brütete über Racheplänen. Doch ein Werkzeug nach dem anderen schien ihr zu entgleiten, um sich der Nebenbuhlerin gegenüber behaupten zu können. Sicherlich wollte sie Anita verderben, durch Gift oder Unfall beseitigen. Aber ihr Sturz nahm ihr alle Freunde und muß sie so einsam gemacht haben, daß sie rein praktisch den Racheakt nicht mehr auszuführen vermochte. Vielleicht hatte ihre Trunksucht auch ihren Willen so geschwächt, daß sie über dem Ersinnen ihrer Vernichtungspläne nicht mehr die Kraft zur Durchführung aufbrachte. Immer mehr und zum Schluß ganz schrankenlos ergab das unglückliche Wesen sich dem Kognak, so daß ihr einst so schöner Körper die verbitterte, vereinsamte, verzweifelte Seele nicht mehr zu halten vermochte. Nach kurzen Monaten erlöste sie der Tod, und ihre Asche wurde den schmutzigen Wellen des heiligen Ganges übergeben.

Mit den kostbarsten Saris -- Seidenschals -- und anderen Bekleidungsstücken aus der Garderobe der damals noch lebenden Rani Kanari wurde, ohne Rücksicht auf die Gefühle der einstigen Lieblingsfrau, Anita zur Feier ihres Übertrittes zum Heidentum bekleidet.

Zahlloses Publikum, Neugierige, Bekannte und eingeladene Freunde waren herzugeeilt. Ein ähnliches Ereignis hatte das Kaiserreich Indien noch nicht gesehen.

Die eigentliche Zeremonie fand in einem kleinen Zeltlager statt, das nahe der Villa aufgeschlagen worden war. Der Maharadscha erschien in seiner Nationaltracht, um dem Fest den höchsten Glanz der Würde zu verleihen. Anita war in Schals und Schleier gehüllt, die die graziösen Bewegungen ihrer Figur nur noch eindrucksvoller, gefälliger machten.

Der Altar des amtierenden Priesters war in der Schamiana, einem viereckigen Zelt mit flachem Dach, errichtet und war nicht mehr als ein kleines niederes Pult, hinter das ein großes, weißes Kissen für den Pandit Guru, den hohen Sikhpriester, der die Handlung vornahm, gelegt war. Zwei andere Kissen für den Maharadscha und Anita befanden sich ebenfalls dort. Den ganzen Boden bedeckte ein völlig weißer Teppich.

Als Dschagatdschit Sing und die Gitana mit untergeschlagenen Beinen vor dem Altar Platz genommen hatten, murmelte der Priester, von einem anderen assistiert, einige Sprüche. Sodann schlug er aufs Geratewohl ein etwa faustdickes Buch, die Guru-Bibel, auf und verkündete aus ihr den Sikhnamen: „Umedi“, den Anita fernerhin tragen sollte. Aufstehend tauchte er den Zeigefinger in eine Schale mit rötlicher Flüssigkeit und malte ihr ein Zeichen auf die Stirn, wobei er laut ausrief, daß sie nun der unvergleichlichen Kaste der Kahlsa Sikh angehöre.

Anita zeigte keine Spur von irgendwelcher Erregung. Sie schien niemals etwas anderes erwartet zu haben. Mich aber bedrückte die Frage, weshalb sie wohl auf diese ganze Komödie eingegangen sei?

Nachdem der Guru sich wieder auf sein Kissen niedergelassen hatte, schlug er eine neue Seite des Buches auf und fand, was notwendig war, um die Rani Umedi auch nach Sikhrecht zur Gemahlin des Maharadscha zu machen. Gefolgt von seinem Assistenten, umwand er beide mit einem langen Jasminblütenband, worauf der zweite Priester sie von dieser leichten Fessel wieder befreite, was die Erreichung der höchsten Gnade der Hindugötter andeuten sollte.

Damit war die Feier vorüber, und der Maharadscha mit der neuen Hindu-Rani Umedi verließ mit den Gästen das Zelt. Ein paar Reden, einige Glückwünsche, und der offizielle Teil der Feier war beendet.

Als ich mich am nächsten Tage meiner Gewohnheit gemäß zum Maharadscha begab, fand ich ihn mit Anita beim Frühstück. Beide außergewöhnlich verstimmt. In verbissener Schweigsamkeit saßen sie sich gegenüber. Als die Rani Umedi mich gewahr wurde, stand sie auf und verließ das Zimmer, die Türe hinter sich ins Schloß werfend. Fragend sah ich den Maharadscha an. Er bat mich in sein Arbeitszimmer. Gespannt auf das, was ich hören würde, und was mir vielleicht den Schlüssel zu Anitas eigentümlichem Verhalten mir gegenüber geben konnte, folgte ich ihm. Kaum eingetreten, schloß der Maharadscha die Tür und erzählte mir mit allen Zeichen der heftigsten Erregung, daß die Rani Umedi geradezu Unmögliches verlange.

Sie habe ihm erklärt, daß, da sie jetzt auch nach den Lehren der Hindu und den Kastenvorschriften der Sikh seine rechtmäßige Gattin sei, sie darauf bestände, sofort in den Palast zu Kapurthala überzusiedeln. Aber allein wünsche sie dort zu sein! Die Maharani und die anderen Rani wären umgehend zu entfernen. Ganz besonders schnell die Rani Kanari. Von jetzt ab gäbe es nur eine gesetzmäßige Gemahlin und Königin von Kapurthala, und das sei sie selbst!

Als er ihr klarzumachen versucht habe, daß ihr Verlangen Unmögliches fordere, habe sie zu immer heftigeren Ausdrücken gegriffen, so daß zuletzt ein Wortwechsel entstanden sei, der seinen Zorn so weit gesteigert habe, daß er ihr vorwarf: sie habe wohl die Erinnerung an ihre Herkunft vergessen!; ob sie nicht mehr wisse, für welch lächerliche Summe er sie von ihrer Mutter erstanden habe? Obgleich der „~capitano~“ freie Hand bis zu hunderttausend Pesetas gehabt habe, seien ihre Eltern froh gewesen, sie für 25000 loszuwerden.

Dieses dem Maharadscha entschlüpfte Geheimnis, daß ich nur den vierten Teil für Anita bezahlt hatte, den er auszulegen bereit gewesen wäre, und dies nicht zu meinem eigenen, sondern zum Vorteil Dschagatdschit Singhs, mußte, das wurde mir sofort klar, den äußersten Haß der Gitana herausfordern. Schon war ich ihr ein Dorn im Auge wegen meiner Kenntnis ihrer Herkunft überhaupt. Jetzt noch zu wissen, daß ich das Interesse der Börse des Fürsten ihrem eigenen vorangestellt hatte und dies gegebenenfalls auch verraten könne, würde sie zu den gewagtesten Schritten verleiten, um mich zu entfernen. Wenn ich so auf der einen Seite mit der unversöhnlichen Feindschaft der Rani Umedi zu rechnen hatte, so standen auf der anderen auch alle Zenanadamen geschlossen gegen mich. Die Lage war unhaltbar.