Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 6

Chapter 63,511 wordsPublic domain

Doch die schöne Rani Kanari war rettungslos dem Trunkteufel verfallen. Unwohlsein vorschützend, zog sie sich in ihre Gemächer zurück und verbot jedermann, auch dem Maharadscha, ihre Türe, was nach Hindusitte nichts Ungewöhnliches hat. Doch sie benutzte diesen Vorwand nur, um sich halbe Wochen lang dem stillen Trunke hinzugeben. Als nun eine solche Periode sich länger als gewöhnlich hinzog, wurde der Maharadscha besorgt und befahl, nach dem Arzte zu senden, da er irgendeine Gefahr befürchtete, die seiner Rani drohen konnte. Er besprach die Sache mit mir und bat mich, das Erforderliche zu veranlassen, als sich sein anwesender Leibdiener einmischte und Zweifel an der Krankheit äußerte. Er wisse, die Rani könne noch immer flaschenweise Kognak trinken. Ein anderer Diener, der mit der Aya, der Kammerzofe der Rani Kanari, unter einer Decke stecke, habe ihr noch am Morgen vier Flaschen Hennessy gebracht, von denen zwei schon leer seien. Die beiden anderen stünden noch unberührt im Wandschrank.

Der Maharadscha war so entsetzt, daß er die Sprache verlor. Die Beschuldigung des Dieners gegen seine Lieblingsfrau traf ihn, nach allem, was sie versprochen hatte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Endlich sprang er auf, um, allen Sitten und Gebräuchen zum Trotz, sich Zutritt zu den Gemächern der Rani zu erzwingen. Mir winkte er zu folgen. Mit wenig angenehmen Gefühlen kam ich seinem Wunsche nach und hoffte nur, daß es mir gelingen möge, allzuweit gehende Maßregeln zu verhüten.

Entsetzt fuhr die Rani Kanari von ihrem Bett in dem halbdunklen, kühlen Gemach, das sie als Schlafzimmer benutzte, in die Höhe, als der Maharadscha unangemeldet eintrat. Der Fluß der Räubergeschichten, welche die am Fußende des Bettes hockende Aya eintönig erzählte, brach jäh ab. Mit dem Aufgebot aller Willenskraft sammelte die arme Frau ihre halbbetäubten Geisteskräfte, und es gelang ihr auch, mit überzeugender Treue die Schwerkranke zu spielen. Flasche und Glas, die sie soeben noch benutzt hatte, waren unter der Bettdecke verschwunden.

Doch der Duft des Kognaks, der das Zimmer erfüllte, ließ sich durch keine Schauspielerkünste aus der Welt schaffen. Ohne ein Wort zu sagen, geht der Maharadscha zu dem Wandschrank, öffnet ihn und findet dort allerdings nur noch eine Flasche des scharfen Getränkes. Das war zu viel. Unter heftigen Vorwürfen über ihren Treubruch und über ihren Meineid vor den Göttern gießt er ihr den Inhalt der Flasche über den Kopf.

Weinend und mit den echtesten Zeichen tiefster Reue stürzt die Rani ihm zu Füßen und bittet um Verzeihung. Doch er bleibt unerbittlich. Anstatt mit ihm nach Europa zu reisen, soll sie den Sommer in ihrem gottverlassenen kleinen Heimatsort Dschubul im Gebirge in Verbannung verbringen.

Ohne sich umzusehen, geht er aufgeregt in sein Arbeitszimmer zurück, wo er mir ein Telegramm diktiert, in dem er die schon für die Rani bestellten Dampferplätze wieder frei gibt. Doch wie sollte der Maharadscha ohne seine ihm doch unentbehrliche Rani Kanari reisen? Alle Fehler, die sie zweifellos hatte, waren zum Schluß doch nur die Fehler oder wenigstens die Folgen ihrer Tugenden. Ich mußte suchen, die Verbannung nach Dschubul rückgängig zu machen. Die Rani mußte an der Europareise teilnehmen. Mein Plan war schnell gemacht. In aller Eile sandte ich das Telegramm wegen der Abbestellung der Dampferplätze ab.

In all den Jahren, die ich im Dienste des Maharadscha zugebracht hatte, war es zur Gewohnheit geworden, daß ich mich morgens beim Frühstück als erster zu seiner Begrüßung einstellte. Er hatte es gern, mich zu sehen. Die Frische meiner Gesichtsfarbe und meines Auftretens bringe ihm Glück den ganzen Tag über, meinte er oft.

Diese Gelegenheit benutzte ich, mich in seinem eigenen Interesse für die Rani Kanari zu verwenden. Wohl wies er mich zunächst ab, aber als ich immer und immer wieder darauf zurückkam und ihm auseinandersetzte, wie zum Schluß er selbst doch den Keim zu der unglückseligen Neigung in die Rani gelegt habe, siegte seine angeborene Gutmütigkeit. Ihm zuliebe habe sie sich an die ihr fremden Spirituosen gewöhnt, und es sei doch nicht ihre Schuld, daß ihr um so viel schwächerer Körper, als der seine, den Folgen des Trinkens nicht widerstehen könne; auch habe sie, um ihm zu gefallen, alle Vorschriften ihrer Kaste als Radschputin verletzt. Endlich willigte er ein, daß auf der „Arabia“, die vierzehn Tage nach seiner, des Maharadscha, festgesetzten Abreise Bombay verließ, Kabinen für die Rani Kanari bestellt würden. Ich aber sollte sie begleiten und dafür sorgen, daß sie an Bord nicht wieder in ihre alte Schwäche zurückfalle.

Mit zwei indischen Kammerzofen und einer englischen Beamtenwitwe als Gesellschafterin schifften wir uns zwei Wochen nach dem Maharadscha auf der „Arabia“ ein. Kurz vor seiner Abreise hatte er ihr noch persönlich seine Verzeihung ausgesprochen. Er glaubte sie jetzt gründlich und für immer von ihrem Leiden geheilt. Die Rani selbst war aber nicht sonderlich erfreut. Sie liebte Europa nicht, und es war ein Irrtum des Maharadscha, anzunehmen, daß jeder mit denselben Glücksgefühlen in den schönen Städten des Westens spazieren ginge, wie er selbst.

In Port Said kam zufällig die Ex-Kaiserin Eugenie an Bord, welche die „Arabia“ zur Rückfahrt nach Marseille benutzte. Ihre Kabinen waren denen der Rani benachbart. Wenn es der Rani Kanari gelang, in Berührung mit der Kaiserin zu kommen, so konnte sie sicher sein, daß der Maharadscha sie mit offenen Armen empfangen würde. Ich sprach daher mit ihr und empfahl ihr, das größte Entgegenkommen zu zeigen.

Wie vorauszusehen, kam auch noch am Tage der Abfahrt von Port Said der Adjutant der Kaiserin und bat mich, ihn der Rani vorzustellen, um sie bei der Ex-Kaiserin einführen zu können. Nach Port Said trafen sich die beiden Damen des öfteren im Salon der Kaiserin, die sehr anziehend war. Schon damals ging sie am Stock. Die Rani zeigte sich so gewinnend, daß sie noch vor Ankunft des Dampfers in Marseille von der Ex-Kaiserin zum Besuch auf ihre Villa in Cap Martin, in der Nähe von Monte Carlo, eingeladen wurde. Von Marseille drahtete ich erfreut an den Maharadscha und erbat seine Einwilligung, die umgehend eintraf. Freudestrahlend eilte er sogar seiner Rani entgegen und begrüßte sie aufs herzlichste bei der Durchfahrt auf dem Bahnhofe in Monte Carlo.

Nach zweitägigem Aufenthalt nahmen wir Abschied von der Ex-Kaiserin. Die Gesellschaft einer älteren Dame war nicht nach dem Geschmack der Rani, und für die Eitelkeit des Maharadscha hatte sie ihrer Meinung nach genug getan. Auch fehlten ihr die Kenntnisse, eine Unterhaltung zu führen in der in Cap Martin üblichen Art.

In Paris trafen wir dann mit dem Maharadscha zusammen, der glücklich war, seine Rani wiederzusehen. Doch dies Glück sollte sich bald verflüchtigen.

Trotz aller Beteuerungen und Versprechungen konnte die Rani Kanari ihrer traurigen Neigung nicht widerstehen. Und soviel Mühe ich mir auch gab, die Anfälle zu vertuschen und sie nicht zur Kenntnis des Maharadscha gelangen zu lassen, immer ließ es sich nicht vermeiden. Damit verlor er immer mehr auch den letzten Halt, der ihn mit seiner indischen Familie verband, und er wandte sich mit unzerstörbarem Eigensinn von neuem seinen westlichen Idealen nur umso stärker zu.

VI.

Die Rani Umedi

Da der Grundzug der Regierung des neuen Vizekönigs von Indien, Lord Minto, Liberalität und Entgegenkommen, besonders den einheimischen Fürsten gegenüber, war, so machte es 1906 keine Schwierigkeiten, die notwendige Reiseerlaubnis zu erhalten, um zum fünften Male Europa aufzusuchen.

Doch die Ausgaben für die Palastbauten in Mussoorie und in Kapurthala, sowie die Kosten der Erziehung seiner Söhne erforderten große Summen. Daher sollte diesmal das Gefolge auf das Notwendigste beschränkt werden. Die sich ständig wiederholenden „Anfälle“ der Rani Kanari bestimmten ihn, von ihrer Begleitung abzusehen und dafür zwei andere seiner Zenanafrauen, die Maharani -- die erste der Zenanafrauen -- und die Rani Barbotti, deren Söhne sich in einer Schule bei Paris befanden, mitzunehmen.

Mit den Jahren und wohl auch infolge des Beispieles der Rani Kanari hatten sich ihre starren Kastenvorurteile etwas gemildert, und sie waren bereit, auf den Wunsch des Maharadscha, ihn zu begleiten, einzugehen. Dschagatdschit Singh hoffte, daß sie, fern der Heimat und der ständigen Überwachung ihrer indischen Umgebung entrückt, auch von ihren Skrupeln etwas aufgeben würden. Doch das Gegenteil trat ein. Sie legten es scheinbar darauf an, die Vorschriften ihrer Religion noch strenger als gewöhnlich zu beachten, schon weil sie durch ihre Reise über das „Kali Pani“, das Schwarze Meer, sich verunreinigt glaubten. Unermüdlich bestürmten sie den Maharadscha mit ihren Klagen über verletzte Kastengesetze, so daß er sich zum Schluß nicht anders zu helfen wußte, als sie möglichst weit von seinem eigenen Hotel unterzubringen.

Sicherlich kennt man in Indien weder Eifersucht noch wahre Liebe, und die Seele ist für den Inder nur eine Erfindung Europas. Der Maharadscha versorgte seine Frauen mit allen Bequemlichkeiten, erfüllte ihre tausend kindlichen Wünsche und ließ es ihnen an nichts fehlen. Wohl erhoben sie manchmal ein großes Jammern über seine Seitensprünge, doch zum Schlusse jammerten sie in der gleichen Weise über alles Mögliche, was sie zufälligerweise und vorübergehend unangenehm berührte. Die Untreue des Maharadscha entsprang vor allem seiner Erziehung, seiner Sehnsucht nach dem -- doch immer unerreichbaren -- Ideal einer europäischen Lebensführung, dem Suchen nach einer europäisch verstehenden Gefährtin, dem die unglückliche Rani Kanari immer noch am nächsten gekommen war, bis er sich auch von ihr enttäuscht sah.

Um soviel wie möglich den ständigen Szenen, die ihm von seinen Zenanafrauen aus allen möglichen und unmöglichen Gründen gemacht wurden, zu entgehen, und um seiner Eitelkeit einen neuen Rahmen zu geben, benutzte er die Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs Alfons XIII. von Spanien und begab sich nach Madrid. Er war zwar nicht eingeladen, hoffte aber, es eher zu werden, wenn er am Platze sei. Doch bei dem unvermeidlichen Ordensregen, der aus dem spanischen Hochzeitshimmel auf die teilnehmenden Gäste herabregnen würde, mußte auch der Maharadscha als Hochzeitsgast mit einem der stolzen spanischen Ehrenzeichen bedacht werden. Nun aber sieht es die indische Regierung nicht gern, wenn der Glanz ihrer eigenen Auszeichnungen auf der Brust der Träger durch die Pracht fremder Sterne und Kreuze überstrahlt wird. Daher unternahm die englische Botschaft in Madrid die notwendigen Schritte, um die Einladung zu hintertreiben.

Dafür wurde Madrid selbst um so gründlicher in Augenschein genommen. Kein Theater, kein Kasino, keine Stierkampf-Arena wurde ausgelassen. Im Verfolge dieser anstrengenden Beschäftigung landeten wir so eines Abends in dem „Kursaal-Varieté“, einer Bühne recht sehr zweiten Ranges. Die Darbietungen waren so mittelmäßig, daß wir schon im Begriff standen, wieder aufzubrechen, als zwei spanische Tänzerinnen, zwei Gitanas, erschienen, die etwa 16 und 17 Jahre alt sein mochten. Sie hatten kaum einige Schritte getanzt, als der Maharadscha mit allen Zeichen der höchsten Spannung die Bühne ins Auge faßte. Und in der Tat, die beiden Mädchen waren von ganz auffallender Schönheit. Kaum daß der Tanz beendet war, als Dschagatdschit Singh sich mit dem ganzen Selbstbewußtsein eines indischen Herrschers mir zuwendete und sagte:

„Dies ist die Erfüllung des Wunsches meiner Träume! Sie ist für mich geschaffen!“

Welche der beiden tanzenden Gitanas für ihn geschaffen sein sollte, war mir nicht klar. Und noch weniger konnte ich damals ahnen, daß nicht nur das Leben des Maharadscha, sondern auch mein eigenes, ja das aller Bewohner des ganzen Palastes im fernen Kapurthala Indiens von diesem Augenblick an den seltsamsten Veränderungen entgegengehen sollte.

Auf Wunsch des Maharadscha wurden die beiden Tänzerinnen zum Souper eingeladen, wobei die Mädchen in Begleitung ihrer Eltern, eines Servierkellners des Theaters als Vater und einer Logenschließerin als Mutter, erschienen. Da niemand von der Familie etwas anderes als Spanisch sprach, was weder der Maharadscha noch ich beherrschten, mußte unser Fremdenführer, ein Schweizer, dolmetschen.

Und die Schönheit der Mädchen verlor auch bei näherer Bekanntschaft nichts von ihrer Wirkung. Die für den Maharadscha „Geschaffene“ war die ältere und hieß Anita; der Name der jüngeren war Vittoria, und die Familie nannte sich Delgado.

So europäisch Dschagatdschit Singh sich auch in seinem Auftreten und in seinen Idealen zu geben bemühte, im Innern waren ihm europäische Anschauungen doch vollständig fremd. Als er mir daher mitteilte, daß er, genau wie er die Rani Kanari auf dem Sibi-Markte bei Simla gekauft habe, nun auch Anita kaufen wolle, und daß ich diesen Handel sofort in die Wege leiten und durchführen sollte, war ich weniger erstaunt als entsetzt.

Ich hatte noch vor der Abreise besondere Andeutungen seitens der anglo-indischen Regierung erhalten, nach jeder Richtung hin über das Verhalten des Maharadscha zu wachen, insoweit es seine Stellung und sein Ansehen in seinem Staate berührte. Was aber konnte in dieser Richtung gefährlicher wirken als eine weiße Rani, die nicht nur von der Meinung seiner Untertanen verworfen würde, sondern die auch in jeder Weise alle Anschauungen der Regierung selbst gegen sich haben mußte?

Doch trotz langer Auseinandersetzungen blieb der Maharadscha auf seinem mehr Befehl als Wunsch bestehen: Anita Delgado sollte gekauft werden! Umsonst wies ich ihn darauf hin, daß in Europa der Frauenkauf nicht möglich sei. Mit einer Handbewegung, wie sie der Sohn Massinissas, Jugurtha, der Numidier, gehabt haben mag, als er Rom mit dem Ausrufe verließ: „~O Roma venerabilis, si emptorem invenerit!~“, wiederholte er dem Sinne nach dieselben Worte: „Hier ist alles käuflich!“

Wie sollte ich ihm das, europäischem Denken so stark Zuwiderlaufende seiner Absicht klarmachen? Er verstand mich nicht, konnte mich aus seinen Anschauungen heraus auch nicht verstehen, -- und wie die Entwicklung später zeigte, hatte +er+ recht, nicht ich. Sowohl die Eltern Delgado, wie auch die Töchter waren ohne weiteres bereit, auf den Handel einzugehen.

Schweren Herzens entschloß ich mich zum Schluß, die Aufgabe in die Hand zu nehmen, denn ich wußte, daß er sonst ohne mich Mittel und Wege finden würde, die Angelegenheit durchzuführen, war er doch ebenso eigensinnig wie gutmütig, wenn es sich um etwas handelte, an das er sein Herz gehängt hatte. Und fremde Unterhändler würden sicher nicht verfehlt haben, das Ganze so oder so zu einem ungeheueren Skandal auszugestalten, was unter allen Umständen vermieden werden mußte. Das ewige Lavieren zwischen dem starrköpfigen Maharadscha und der nicht weniger dickköpfigen Regierung in Kalkutta erforderte oftmals mehr als Geduld und kluge Biegsamkeit.

Ich eröffnete also an einem der nächsten Tage die Verhandlungen mit den Eltern. Der Schweizer Fremdenführer hatte anscheinend schon vorgearbeitet und den guten Leuten den Reichtum des Maharadscha als unermeßlich, unfaßbar geschildert.

Ich war daher innerlich hocherfreut, als Papa Delgado mit fester Stimme als Grundlage jeder Verhandlung die für ihn sicherlich unvorstellbare Summe von zweimal hunderttausend Pesetas verlangte. Mama Delgado stimmte stürmisch zu, und die beiden Mädchen starrten mit glänzenden und erwartungsvollen Augen mir auf den Mund.

„Zweihunderttausend Pesetas! ~Docientas mil pesetas!~“ wiederholten die Eltern, sich gegenseitig anfeuernd.

Nun war es bei der Finanzlage des Maharadscha und bei den großen Auslagen, die er zurzeit hatte und noch längere Zeit hindurch haben würde, ganz ausgeschlossen, daß diese Summe gezahlt werden konnte. Daher meine Freude. Mit aller Diplomatie suchte ich zwar „den Preis zu drücken“, wobei ich aber vorsichtig war, nicht zu weit zu gehen, denn mir lag gerade daran, daß die Leute hartnäckig bei ihrer Forderung blieben. Darin unterstützte sie der Schweizer Fremdenführer auf das eifrigste und ein dritter Mann, Carlo, der sich als Bräutigam Anitas einführte und plötzlich auf der Bildfläche erschien, komplizierte die Sache noch mehr, indem er mit rachedrohenden, feurigen Blicken dem Maharadscha Schrecken einjagte. Diese Verhandlungen nämlich zogen sich lange hin, wurden an den unmöglichsten Orten, im Kaffeehaus, im Kursaal-Varieté, im Restaurant geführt. Stets war Anita zugegen, und ihr Anblick stachelte immer aufs neue die Leidenschaft Dschagatdschit Singhs an. Ihre Blicke verrieten nur zu deutlich, wie gern sie „die Lieblingsfrau des Maharadscha“ geworden wäre.

Doch, ~docientas mil pesetas~! Unmöglich!

Unter dem Zwange dieses Unmöglich und auch etwas infolge der drohenden Blicke des heißblütigen Carlo wurden endlich zu meiner großen Erleichterung die Verhandlungen abgebrochen, und wir kehrten nach Paris zurück.

Doch Anitas Bild verließ Dschagatdschit Singh nicht. Nichts als „sie, die Einzige“, sie, die die Wünsche seiner Träume oder die Träume seiner Wünsche erfüllte, wie er ständig wiederholte, gab es noch auf dieser Erde!

Umsonst kam ich immer wieder auf meine Darlegungen der politischen Seite der Angelegenheit zurück; umsonst wies ich auf die mißliche Lage der Finanzen hin; umsonst auf die Unmöglichkeit, sich mit einer nur spanisch sprechenden Tänzerin zu verständigen, -- nichts half. Anita mußte gekauft werden, aber wie? von was? woher die ~docientas mil pesetas~ nehmen?! Selbst zur Beschaffung der Hälfte der Summe mußte ich einige Geschäfte durchführen, an die ich nur mit dem größten Unwillen herangehen mochte. Und ich wußte auch, wie die Regierung dachte.

Entweder konnte ich einige Liegenschaften auf britischem Gebiet verkaufen, oder einen Teil der alten Staatsjuwelen der „Toscha Kana“. Für die letzteren lag schon ein Angebot der Firma Hamilton & Co. in Kalkutta vor, die mir mitgeteilt hatte, daß sie eine ziemlich bedeutende Summe zu zahlen bereit sei. Ob sie dabei ein gutes Geschäft machen würde, war ihre Sache. Die „Toscha Kana“ von Kapurthala war nicht die von Baroda, und ich wußte, daß unter den Gegenständen, die die Schatzkammer füllten, manches Unechte und Minderwertige sich befand, und daß selbst von den großen Smaragden nur sehr wenige fehlerfrei waren. Doch immerhin, das Geld war gut und konnte den finanziellen Horizont etwas klären.

Bei den Liegenschaften handelte es sich in erster Linie um zwei Gebäude von historischer Bedeutung. Das eine war ein Haus in Lucknow, das schon mehr Schloß genannt zu werden verdiente. Es war früher ein Gartenpalast der Könige von Oudh gewesen und hieß „Luxmi Bagh“, Garten des Glückes.

Um dieses Gebäude hatte der Kampf der englischen Truppen mit den Aufständischen 1857/58 am heftigsten getobt. Als die Generale Havelock und Cutram zum Entsatz von Lucknow herbeieilten, war es ihr erstes gewesen, diesen starken Stützpunkt zu stürmen. Hierbei hatte sich der Großvater Dschagatdschit Singhs, der Radscha Ranghir Singh, mit seinem Truppenkontingent besonders hervorgetan, wofür ihm die anglo-indische Regierung das Schloß schenkte.

Das andere Haus lag in Lahaur. Sein Garten umschloß das Grabdenkmal des französischen Generals Lacroix, der die Sikh-Armee, die unter dem berühmten Maharadscha Radschit Singh, dem „Löwen des Pundschab“, kämpfte, ausgebildet hat. Es war dem Urgroßvater Dschagatdschit Singhs, dem Sirdar Nehal Singh, von dem damaligen König des Pundschab geschenkt worden und hieß „Kuschi Bagh“, Garten der Zufriedenheit.

Käufer für diese verschiedenen Häuser zu finden, wäre nicht schwer gewesen, doch der britische Sirkar hätte dabei erwartet, als Ausdruck der Ergebenheit des Maharadscha ebenfalls mit einem Gebäude, das als Kaserne, als Krankenhaus oder als Beamtenwohnung dienen konnte, bedacht zu werden. Sehr wahrscheinlich aber hätte die Regierung diese Häuser nicht aus dem Auge und der Hand gelassen, so daß nicht viel mehr herausgesprungen wäre, als die Zuerkennung von einer erhöhten Zahl Kanonenschüsse im Salut, die den indischen Fürsten je nach ihrem Range zustehen und die der Zahl nach von dem britischen Vizekönig verliehen werden.

Alle diese Dinge waren auch dem Maharadscha bekannt. Doch seine Sehnsucht nach Anita verzehrte ihn zu heftig, als daß er meinen Bedenken Gehör geschenkt hätte. Dann kam ein französisch abgefaßter Brief der Gitana. Sie teilte darin mit: der Maharadscha solle sich nicht um die Äußerungen des Vaters Delgado kümmern. Sie werde mit ihm, ebenso wie mit Carlo, der kein Recht habe, sich ihren Bräutigam zu nennen, fertig werden. Nur solle der Schweizer Fremdenführer aufhören, ihren Eltern den Kopf zu verdrehen. Wenn Seine Hoheit sich ihrer annehmen wolle, so möge er am besten den europäischen „~capitano~“ senden, der sicher der Mann sei, die Angelegenheit zu einem guten Ende zu führen. Mit dem „~capitano~“ meinte sie mich.

Nun gab es für den Maharadscha kein Halten mehr. Kein Hinweis, keine Bitten, keine Drohung mit der Mißgunst der Regierung halfen. Ohne seine „Lotosblume“ könne er nicht weiter leben, und ich mußte mich von neuem auf den Weg nach Madrid machen, die schöne Gitana zu „erwerben“.

Mit heller Freude wurde ich von den Schwestern und der Mutter begrüßt, als ich sie in ihrer Wohnung in einem der abgelegenen Viertel der Stadt aufsuchte. Der Vater war nicht anwesend. Nur Carlo warf mir wütende Blicke zu.

Der Maharadscha hatte mir bis zu hunderttausend Pesetas freie Hand gelassen. Doch auch das war mir viel zu viel. Wir brauchten das Geld nötiger für andere Zwecke. Ich hörte die Klagen der Mutter, die stürmischen Bitten der Schwestern und die schon jetzt auf Entschädigung zielenden Äußerungen Carlos geduldig mit an und bot am vierten Tage -- fünfundzwanzigtausend Pesetas, die überwiesen werden sollten, sobald Anita in Paris eingetroffen sei.

Ich hatte auf eine glatte Ablehnung gehofft. Doch der Sturm der Klagen und Bitten verstummte. Mama Delgado war einverstanden. Sie machte nur zwei Bedingungen: erstens müsse Vittoria ihre Schwester begleiten und zweitens müsse man sie selbst mit nach Paris nehmen. Denn als liebende Mutter der teuren Töchter wolle sie sich überzeugen, wie sie untergebracht würden.

Auf meine Mitteilung dieses „Abschlusses“ gab der Maharadscha, der in den Tagen der Verhandlungen Anita mit Telegrammen bestürmt hatte, umgehend und telegraphisch seine Zustimmung, und ich reiste, begleitet von den drei Damen, nicht ohne sie vorher noch in entsprechende Gewandung gesteckt zu haben, mit dem Süd-Expreß nach Paris.

Hätte ich damals gewußt, wie Anita sich entwickeln und welch guten Einfluß sie auf den Maharadscha ausüben werde, mir wären viele Sorgen und manche schlaflose Nacht erspart geblieben!

Auf dem Orleans-Bahnhof in der französischen Hauptstadt empfing uns der persönliche Adjutant des Maharadscha, Leutnant Tschatterdschie, allein, ohne Dschagatdschit Singh! Anita tobte vor Entrüstung. Kaum konnte ich sie zum Verlassen des Bahnsteiges überreden. In einem Hotel dritten Ranges waren Zimmer für die Damen Delgado genommen. Dies steigerte den Zorn der schönen Gitana ins Maßlose. Sie brach in Tränen aus, verwünschte sich, mich, den Maharadscha und die ganze Welt und erklärte, lieber ginge sie zu Fuß nach Madrid zurück als hier zu bleiben.