Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 5
Im nächsten Jahre waren wir wiederum in England, und der Maharadscha wurde von neuem von der Königin eingeladen, nach Windsor zu kommen. Ich hatte noch nicht die Handschuhe abgestreift, als der oberste Hausverwalter, der „Chief Stewart“ der Königin, vor mir stand und mir die bittersten Vorwürfe machte. Zuerst verstand ich den Sinn der langen Rede durchaus nicht, bis mir klar wurde, daß meine vorjährige Bemerkung dem Maharadscha gegenüber hinsichtlich meines abendlichen Besuches des „Weißen Hirschen“ von den indischen Dienern gehört und der Königin überbracht worden war. Sie hatte dann den unglückseligen Vorstand der Hofverwaltung zur Rede gestellt, der selbstverständlich über den unerhörten Vorfall, daß Gäste ihrer britischen Majestät sich mühsam ihr Abendbrot in einem, sei es auch noch so nahen Gasthofe beschaffen mußten, entsetzt gewesen war, ganz abgesehen von dem Verweis, den er sich dank der indischen Zwischenträgerei zugezogen hatte.
Als ich ihm sagte, daß man doch nicht erwarten könne, ich werde, um meinen Hunger stillen zu können, in dem Riesenbau des Schlosses zu Windsor aufs Geratewohl umherirren, versprach er, mich dieses Mal selbst abzuholen, wodurch mir Gelegenheit geboten wurde, mit den hohen Dienern der hohen englischen Hofgesellschaft zu essen.
Nachdem ich dem Maharadscha sein Turban-Diadem und sein großes Perlenhalsband ausgehändigt hatte -- die Verwahrung der Millionenwerte an Schmucksachen, die er mit sich führte, hatte ich übernommen, denn die Unerfahrenheit eines Inders wäre nur zu leicht von der Schlauheit irgendeines europäischen Liebhabers solcher Gegenstände ausgenutzt worden --, erschien dann auch der oberste aller oberen Diener der Königin, befrackt und besternt, und führte mich in das Speisezimmer der „unteren“ Hofgesellschaft. Dort fand ich die Stewarts und Kammerzofen der Elite der oberen englischen Zehntausend versammelt, alle in großer Toilette und von einer Haltung, die der der Herzöge, Lords und Barone an der „oberen“ Hoftafel nichts nachgab. Da war der Post- und Telegraphenverwalter, der Obergärtner, der Chef der Palastpolizei, die Vorsteherinnen der königlichen Wäschekammern, die der Kleiderschränke und was sonst noch Rang und Würde im königlichen Haushalt hatte. Ich selbst saß neben dem Großmogul dieser unmittelbaren Trabanten der Person ihrer großbritannischen Majestät, dem Chief-Stewart.
Auf der weißen Tafel lief ein zierliches Schienengleis ringsum, das in einem silbernen Behälter alle Sorten von Getränken enthielt, von denen ein jeder sich nach Belieben bedienen konnte. Jedoch dies Belieben unterlag einem leichten Zwange, indem nach jedem Gang -- und ihre Zahl gab der der „oberen“ königlichen Tafel kaum nach -- der Chief Stewart sich erhob und der Reihe nach das Wohl der Königin, das des Prinzen von Wales und absteigend der weiterfolgenden Mitglieder des königlichen Hauses ausbrachte, was jedesmal stehend unter Leerung der Gläser getrunken wurde. Diese „~libationes ad majestatem~“ brachten die Herrschaften sehr bald in eine etwas angeregte Stimmung. Als ich aber nach Aufhebung der Tafel und dem Abmarsch der Damen nach englischer Sitte in den anstoßenden Salons bat, mir ein Glas von dem berühmten alten Whisky des Schlosses zu geben, sah mich -- fast hätte ich gesagt, Seine Hoheit -- der Chief Stewart erstaunt an und erklärte mir, daß jeglicher Likör ebenso wie das Rauchen in den Schlössern ihrer Majestät verboten seien. Doch der Postverwalter erbarmte sich meiner und lud mich ein, das Ende des Abends bei ihm zu verbringen, wo, wohl wegen der Wahrung des Postgeheimnisses, die Überwachung der Befehle der Königin auf gewisse nur ihm bekannte Schwierigkeiten stieß.
Der Maharadscha war von seiner Abendunterhaltung weniger befriedigt als ich. Er hatte auf die nächsthöhere Klasse des ihm im vergangenen Jahre verliehenen Sternes von Indien gehofft, aber nur ein, wenn auch annehmbares Abendessen erhalten.
Am nächsten Morgen saß ich vor acht Uhr, noch im Schlafanzuge, in dem Wohnraume unserer Zimmerflucht, als plötzlich ein Herr gemeldet wurde, Lord Strafford, der Oberhofmarschall der Königin, der dem meldenden Diener auf dem Fuße folgte. Mit liebenswürdiger Handbewegung schnitt er meine Entschuldigung über meinen unvollkommenen Anzug ab, und sagte, er müßte unbedingt und sofort den Maharadscha sehen, der, da er nie vor elf Uhr aufstand, natürlich noch zu Bett lag. Ich entschloß mich aber, den Fürsten zu wecken.
Vergeblich zerbrach sich der Maharadscha den Kopf, wo, wie und wann er wohl gegen die Hofetikette verstoßen haben könne und war entsetzt, als er hörte, daß ich mit dem Oberhofmarschall im Nachtanzug gesprochen habe. Zum Schluß sollte ich versuchen, festzustellen, was denn die Ursache dieses ungewöhnlichen und frühen Besuches sei, während er sich ankleidete.
Doch als ich hörte, daß es sich für den Maharadscha nur darum handele, sich in das Gästebuch einzutragen, war ich ganz damit einverstanden, daß dieser hochwichtige Akt sehr wohl von Dschagatdschit Singh im Bett vollzogen werden könne, und wir verfügten uns daher in das Schlafzimmer des Maharadscha, der immer noch darüber grübelte, welche Missetat er wohl begangen haben möge. Erleichtert atmete er auf, als der Oberhofmarschall ihm Buch und Feder reichte, um seinen Namen einzutragen, aber noch lange nachher war er tief entrüstet über die Unhöflichkeit, Gäste wegen einer solchen Kleinigkeit mitten in der Nacht im Schlafe zu stören. In Indien wäre man sicherlich mehr auf die Bequemlichkeit und das Wohl seiner Gäste bedacht, worin er unzweifelhaft recht hatte.
Überhaupt hatte der Aufenthalt im Schlosse zu Windsor wenig Angenehmes. Schon die Bedienung ließ zu wünschen übrig. An den altmodischen Schellen konnte man sich zum Glöckner ausbilden, ehe ein dienstbarer Geist sich zum Erscheinen bequemte; doch zum Empfang der Trinkgelder waren sie alle vollzählig und pünktlich zur Stelle.
Wir waren daher froh, wieder unsere Zimmer im Hotel Cecil in London beziehen zu können, wo der Aufenthalt zwar nicht so historisch-majestätisch, dafür aber mehr modern-menschlich war.
Immer auf der Jagd, seinen Ehrgeiz als Don Juan der großen Welt zu stillen und Indien auf seine Weise in Europa zur Geltung zu bringen, war es dem Maharadscha irgendwie gelungen, die berühmte Cavalieri kennenzulernen. Sie war als Blumenmädchen irgend jemandem aufgefallen, der sie für das Theater ausbilden ließ, wofür sie ihn mit einem Jungen beschenkte. Eine große, hoheitsvolle und doch anmutige Gestalt, war die berühmte Italienerin eine der ersten Schönheiten jener Jahre.
Aus irgendeinem Grunde suchte ich den Maharadscha an jenem Abend der Cavalieri in seinem Privatspeisezimmer nochmals auf und fand den Tisch für zwei Personen gedeckt. Da er die Rani Kanari auf das Land zu Bekannten gesandt hatte und er selbst meistenteils abends auswärts aß, fragte ich, wen er wohl erwarte. Freudestrahlend weihte er mich in das Geheimnis ein.
Er, der indische Maharadscha, sei von einer Dame auserwählt, die selbst von europäischen Fürsten umworben werde. Er war sichtlich ganz begeistert über seinen Erfolg, und ich war gespannt, ob sie, +die+ Cavalieri, wohl überhaupt erscheinen werde. Und sie kam.
„~Comment ça va, Maharadja!~“ begrüßte sie ihn herablassend in ihrem italienischen Französisch.
Ich beglückwünschte ihn noch auf hindostanisch und warnte ihn vor unüberlegten Ausgaben, denn ich fürchtete neue Komplikationen.
Als ich gegen elf Uhr zurückkam, war der Wagen der Cavalieri verschwunden, und ich hörte, daß sie, ganz Liebenswürdigkeit und Anmut, kurz vorher das Hotel verlassen habe.
Am nächsten Morgen suchte ich Dschagatdschit Singh auf und fand zu meinem Erstaunen im Wohnzimmer sein persönliches Scheckbuch offen auf dem Tisch liegen. Von bösen Ahnungen erfaßt, sah ich mir die letzte Seite an, wo ein Scheck über tausend Pfund an L. C. -- L. Cavalieri -- verzeichnet stand. Ich legte das Buch vorsichtshalber in eine Schublade und wartete ab, was ich wohl hören würde. Augenscheinlich war der Fürst nicht ganz so entzückt von seiner Eroberung wie am Abend vorher. Er teilte mir aber mit, ich möchte die Zimmerflucht neben der seinen bei der Hotelverwaltung für ihn belegen lassen, denn gegen vier Uhr würde die Cavalieri eintreffen, die ihre Wohnung im Savoy-Hotel aufgäbe, um ins Cecil überzusiedeln.
Obgleich die fraglichen Zimmer von einem deutschen Prinzen bestellt waren, gab die Hotelverwaltung doch dem Maharadscha den Vorzug. Dschagatdschit Singh beabsichtigte nach dem Tee mit der Cavalieri im Hyde-Park aller Welt seine Überlegenheit als Herzensbezwinger vor Augen zu führen. Im Hofe wartete sein offener Landauer mit den indischen Dienern. Der Teekessel summte. Die Brötchen lagen bereit. Doch keine Cavalieri kam. Mir ahnte Böses.
Endlich wurde ein Groom in das nahegelegene Savoyhotel gesandt, der mit der Nachricht zurückkam: Madame Cavalieri sei um elf Uhr früh mit dem Nordexpreß nach Petersburg abgereist!
Wie ich einige Tage darauf von dem mir gut bekannten Leiter des Savoy-Hotels, dem berühmten Hotelier Ritz, erfuhr, hatte sie ihre langausstehende Rechnung mit einem Scheck des Maharadscha von Kapurthala über tausend Pfund beglichen und sich den überschießenden Betrag auszahlen lassen.
Dschagatdschit Singh war tief unglücklich. Nur die Rani Kanari, die selbstverständlich davon erfuhr, freute sich.
Möglicherweise trug diese Enttäuschung zu einem der für Dschagatdschit Singh sicherlich schwierigsten Entschlüsse bei, den er je durchgeführt hat: sich die Haare schneiden zu lassen. Es geschah dies in Ostende, und auf die Nachricht, daß Felix Faure eine offizielle Reise an den Hof von St. Petersburg machen würde, beschloß der Maharadscha, ebenfalls dorthin aufzubrechen. Vor dem Antritt dieser Reise vollzog sich nun dieses unerhörte Ereignis des Haareschneidens.
Dschagatdschit Singh gehörte der Kaste der Sikh an, deren Kastenabzeichen gerade das ungeschnittene Haar ist. Sie tragen es zu einem Knäuel geschlungen unter dem Turban, und es ist Todsünde, es mit der Schere zu berühren. Jedoch die langen Haare sind äußerst lästig, denn sie müssen oft gewaschen werden, und das Trocknen nimmt viel Zeit in Anspruch. Dazu bedingen sie das ständige Tragen eines Turban, und den Turban wieder muß ein Jeder kunstgerecht sich selbst binden, da es eine außerordentliche Kunstfertigkeit und Übung erfordert. Nur der Träger kann ihn so um den Kopf legen, daß er gut Halt hat und kleidsam wirkt. Jedoch mit dem Turban angetan war der Maharadscha auf einen Kilometer als Inder kenntlich. Den Turban aber ablegen und die Haare behalten war ebenfalls unmöglich, also ließ er sich, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen, die verräterischen und lästigen Haare abschneiden. Und erschien im Hut!
Sein indisches Gefolge war entsetzt, bestürzt, ganz verstört, fürchteten sie doch alle von dem Sikh Guru, dem Priester, zu schwerer Rechenschaft gezogen zu werden. Doch der Maharadscha blieb gleichmütig; wie man die Sache in der Heimat vertuschen werde, würde sich schon finden.
Zunächst ging es nach St. Petersburg. Die erste Person, die er dort im Hotel Europa trifft, ist die Cavalieri. Sie stand unter dem Schutze des Prinzen Baratinski, der als vorzüglicher Pistolenschütze bekannt war und sehr eifersüchtig sein sollte.
Ein Duell zwischen ihm und dem Maharadscha um einer treulosen Neapolitanerin willen war keine Aussicht, die mich mit irgendwelcher Freude erfüllen konnte. Ich gab mir also redlich Mühe, den Maharadscha zu beruhigen, und es gelang mir auch, daß er seine Begegnungen mit der Dame in den Grenzen strikter Höflichkeit hielt.
Petersburg jedoch vermochte Dschagatdschit Singh nicht lange zu fesseln. Wohl wurde er zu einem Empfang im Winterpalast und zu einer Truppenschau in Krasnoje Selo geladen, im übrigen aber ziemlich gleichgültig behandelt. Auch erregte seine große Gestalt, trotz aller Orden und Edelsteine, unter den reichen Uniformen und den nicht minder kräftig gebauten russischen Offizieren kein besonderes Aufsehen. Dann war er als englandfreundlicher Fürst bekannt, und die Völker des nahen Ostens waren England wegen seiner Politik an den Grenzen Indien-Afghanistans nicht zugetan. Dazu noch die peinliche Nähe der Cavalieri!
Kurz, der Maharadscha schüttelte bald den Staub der russischen Residenz und Hauptstadt von seinen Füßen und begab sich über Kiew -- wo zu seiner Ehre Galavorstellungen im Theater, Bälle und Festessen gegeben wurden, und wo die polnischen Damen seiner Adoniseinbildung in jeder Weise und mit Hingabe entgegenkamen -- zunächst nach Odessa und von dort nach Konstantinopel.
Obgleich der Sultan ihn durch einen seiner Adjutanten, den Generalleutnant Ali Khan, im Hotel begrüßen ließ, der sich ihm während seines Aufenthaltes in der osmanischen Hauptstadt zur Verfügung stellte, war dennoch die Abneigung zu spüren, welche die Türken gegen alle empfanden, die einen nicht-mohamedanischen Turban tragen. Auch war es bekannt, daß gerade Kapurthala-Truppenkontingente gegen die mohamedanischen Afridis gekämpft und dabei schwere Verluste erlitten hatten.
Daher war es auch nicht verwunderlich, daß man dem Wunsch des Maharadscha, vier prachtvolle Araberpferde zu erwerben, die ihm bei einem Besuche des kaiserlichen Marstalles in Konstantinopel aufgefallen waren, nicht stattgab. Mich betrübte dies sehr, doch man gab uns unzweideutig zu verstehen, daß man nicht die Absicht habe, so wertvolles Material Ungläubigen zu überlassen.
All dieses, sowie die ganze Atmosphäre von Mißgunst und Mißtrauen, die uns hier umgab, bewogen den Maharadscha, Konstantinopel bald zu verlassen. Über Wien und München, von wo aus wir noch die den Maharadscha höchlichst interessierenden Schlösser König Ludwigs II. von Bayern besuchten, kehrten wir nach Paris zurück, um im Grand-Hotel wiederum Wand an Wand mit der anscheinend unvermeidbaren Cavalieri zu wohnen. Schon wollte der Maharadscha das Hotel wechseln, als eines Tages die schöne Neapolitanerin verschwunden war; sie war nach Amerika abgereist.
Bald darauf traf auch die Rani Kanari in Paris ein, und die Familie des Maharadscha kehrte für die kalte Jahreszeit nach Indien zurück. Diesmal für lange!
Denn als Dschagatdschit Singh im folgenden Jahre um die Erlaubnis, nach Europa reisen zu dürfen, einkam, wurde sie ihm verweigert.
Die anglo-indische Regierung wußte sehr wohl, daß der Maharadscha von Kapurthala seine Zeit in den Ländern des Westens nicht mit Studien verbrachte, durch die er irgendwelche Verhältnisse in seinem Staate oder auf seinen Besitzungen in Oudh verbessern könne. Gewiß, man erkannte gern an, daß er sich stets englandfreundlich bewies und sich seine Ideale aus Europa holte. Doch diese Ideale waren der Regierung zu persönlicher Art, und man wußte nur zu genau, daß jeder Inder, der europäische Sitten und Gebräuche annimmt -- wobei zu beachten ist: ohne daß er sich zum Christentum bekehrt --, sogleich und vor allen Dingen die Laster der Weißen sich angewöhnt, ohne auf die ihm angeborenen indischen zu verzichten. Daher ist die Regierung den loyalen einheimischen Fürsten, die fest an den Überlieferungen und Gesetzen ihrer Vorfahren und ihres Landes halten, viel mehr gewogen. Denn dies Verhalten übt auch seinen Einfluß auf die Bevölkerung aus, und ein indischer Inder ist leichter zu beherrschen, als einer, der durch europäische Erfahrungen zu Vergleichen, zu Wünschen und Bestrebungen angeregt wird, welche die ungestörte englische Herrschaft über Indien nicht zu festigen geeignet sind.
Die außerordentliche Ungerechtigkeit dieser Behandlung liegt aber vor allem darin, daß die jungen indischen Fürsten, die unter die direkte Obhut Englands fallen, wie dies bei Siyadschi Rao und ebenso bei Dschagatdschit Singh der Fall war, zunächst vollständig auf englischer Grundlage erzogen und ihnen ausschließlich europäische Wissens- und Bildungsgrundlagen beigebracht werden, und daß so die englischen Lehrer den jungen, stets sehr geweckten und aufnahmefähigen Geist des Inders mit rein europäischen Anschauungen füllen. Bei erlangter Volljährigkeit wird er seiner indischen, in indischen Begriffen erzogenen und aufgewachsenen Umgebung vorbehaltlos zurückgegeben. Man zieht sich ganz von ihm zurück und behandelt ihn gesellschaftlich als „~damned nigger~“, als „dreckigen Neger“.
Welche politischen und Opportunitätsgründe man auch hierfür ins Treffen führen mag, der ganze Charakter eines so unglücklich gestellten Menschen muß notwendig darunter leiden. Die ganze Behandlung ist, individuell gesehen, ein grobes Verbrechen an vollständig wehrlosen Kindern ~ad majorem~, wenn auch nicht ~gloriam~, so doch ~utilitatem Britanniae~.
Nur ein im Innersten so gutmütiger und freundlicher Mensch wie Dschagatdschit Singh konnte, ohne bis ins Tiefste verbittert zu werden, diese ihm aufgezwungene innere Zwiespältigkeit ertragen. Bei anderen, wie dem Maharadscha Siyadschi Rao, führte sie bis zu den äußersten Grenzen der Auflehnung, bis zu denen die Herrscher überhaupt wagen dürfen zu gehen.
Doch die Weigerung des Vizekönigs, Dschagatdschit Singh die Reise nach Europa zu erlauben, hatte einen tieferen, weniger abstrakten oder politischen Grund. Lord Curzon, der damalige Vertreter des englischen Königs in Indien, stand vor seiner Abberufung. Er brauchte daher nicht mehr allzusehr auf persönliche Feindschaften, die er sich zuziehen mochte, Rücksicht zunehmen. Der Grund, der ihm den Maharadscha von Kapurthala besonders verhaßt machte, lag in etwas, an dem der indische Fürst selbst vollständig unschuldig war.
Wie schon erwähnt, hatte Dschagatdschit Singh auf seiner ersten Reise die Bekanntschaft der Familie Leiter in Chikago gemacht, deren Töchter durch ihre Ungebundenheit Gegenstand seiner besonderen Bewunderung geworden waren. Nun hatte Lord Curzon die älteste dieser Leiter-Töchter geheiratet, und als die Krönungsfeierlichkeiten des Königs Eduard zum Kaisar-i-Hind durch den damaligen Vizekönig, eben diesen Lord Curzon, in Delhi abgehalten werden sollten, eilte Frau Leiter mit ihren beiden jüngeren Töchtern herbei, um die älteste und den hohen Schwiegersohn im Glanze des Kaiserthrones in der Hauptstadt Indiens zu bewundern. Alle indischen Fürsten, außer dem Gaekwar von Baroda, waren erschienen, und unter den fast fünfhundert Maharadschas, Nisams, Radschas, Maharanis, Begums, Nawabs und sonstigen Großen verschwand der Maharadscha von Kapurthala.
Wenn er nun auch nicht wagen konnte, der Gemahlin des „Bara-Lord-Sahib“, des Vizekönigs, sich zu nahen, so kam ihm doch der Gedanke, daß deren Mutter und Schwestern im Grunde Privatpersonen seien, gegenüber denen es wohl möglich wäre, die ihm früher in Amerika erwiesene Gastfreundschaft durch eine Einladung zu erwidern.
Er sandte also einen seiner höchstgestellten Beamten mit einer ebenso würdevollen wie freundlich gehaltenen Einladung an die jungen Damen Leiter -- die Mutter war in Kalkutta zurückgeblieben --, als sie unter der Obhut des Generals Sir Bindon Blood und seiner Gattin zufällig in der Nähe von Kapurthala auf der Jagd waren. Die Einladung wurde in liebenswürdiger Form angenommen und eine baldige Ankunft in Aussicht gestellt.
Sofort gab der Maharadscha die nötigen Befehle, seine Gäste auf das beste zu empfangen, und überzeugte sich persönlich, daß in den Bungalows, die der Gesellschaft der Damen Leiter zur Verfügung gestellt werden sollten, auch nicht das Geringste für ihre Bequemlichkeit vergessen sei.
Zur Feier des Ereignisses ergingen unzählige Einladungen nach allen Ecken und Enden Indiens, um möglichst viele Bekannte und Freunde von der vollendeten Lebensart und dem europäischen Takte Dschagatdschit Singhs zu überzeugen. Spiele, Jagden, Bälle wurden in Szene gesetzt, und die ganze Bevölkerung Kapurthalas war glücklich über die glanzvolle Prachtentfaltung, mit der ihr Maharadscha den fremden Gästen, den Schwestern der Gemahlin des Vizekönigs, die hohe Bedeutung und die Zivilisation ihres Staates vor Augen führte.
Kaum aber hörte der Vizekönig von dem Besuche seiner Schwägerinnen bei dem in den geheimen Konduitenlisten der Regierung als schwersten Schwerenöter geführten Maharadscha von Kapurthala, als er umgehendst eine höchsteigene Staatsdepesche sandte, in der er den sofortigen Abbruch des Besuches anbefahl.
Jedoch die jungen Damen waren ja nicht mit Lord Curzon, dem Vizekönig seiner britischen Majestät, verheiratet und lachten über die ängstliche Besorgtheit ihres lieben Schwagers Georg. Sie dachten gar nicht daran, sich all die Vergnügungen entgehen zu lassen, die sie in Kapurthala so verschwenderisch vor sich ausgebreitet liegen sahen, und blieben.
Darauf erschien in fliegender Hast ein vizeköniglicher Adjutant, um sie zu bewegen, sofort den unziemlichen Ort zu verlassen. Doch auch jetzt ließen sie sich nicht beeinflussen, sondern nahmen von dem freundlichen und behaglichen Kapurthala trotzig erst dann Abschied, als ihre Reisepläne sie nach anderen Orten führten.
Diese Angelegenheit, in der der Maharadscha, sicherlich nicht unbeeinflußt von seiner Eitelkeit, mit großer Freundlichkeit und in aller Unschuld durchaus korrekt gehandelt hatte, als er sich bemühte, Gastfreundschaft mit Gastfreundschaft zu vergelten, erregte den heftigsten Zorn des Vizekönigs, der dadurch noch gesteigert wurde, daß seine Schwägerinnen seinen hochmögenden Anordnungen nicht sofort Folge geleistet hatten. Dschagatdschit Singh mußte nun unter diesem Unwillen leiden. Lord Curzon sperrte ihm die Ausreiseerlaubnis, so daß für den indischen Fürsten keine Möglichkeit bestand, sein geliebtes Europa in den nächsten Jahren wiederzusehen.
In der Zwischenzeit wurden die verschiedenen Bergfrischen im Himalaja aufgesucht, sowie eine Reise nach China und Japan unternommen. Auch der Bau eines Palastes in Mussoorie im Stile Ludwigs XIV. brachte Abwechslung, bis endlich Lord Minto, der bis dahin die britische Majestät in Kanada vertreten hatte, Lord Curzon in Indien ablöste. Bald darauf traf auch die langersehnte Erlaubnis, nach Europa reisen zu dürfen, ganz unerwartet nach fünfjähriger Unterbrechung ein.
Sofort wurden die nötigen Anweisungen gegeben. Seine vier Söhne, die ihm drei verschiedene Mütter geboren hatten, sollten vorausreisen, denn ihr Gezank und Gezeter untereinander hatte nichts besonders Beruhigendes an sich, obgleich Dschagatdschit Singh sie sehr liebte und sie sehr gleichmäßig und ohne Begünstigung behandelte.
Seine Begleiterin sollte die Rani Kanari sein, in die der Maharadscha damals viel Vertrauen setzte. Übrigens zog er es vor, allen häuslichen Unannehmlichkeiten weit aus dem Wege zu gehen, indem er einfach beide Augen zumachte. „~Life is short and one is dead a very long time~“ -- kurz ist das Leben, und man liegt recht lange im Grabe --, pflegte er zu sagen, wenn er sich mit unangenehmen Dingen beschäftigen sollte.
Zudem hatte die Rani Kanari bei einer von ihr unternommenen Wallfahrt nach Hartwar zum Baden im heiligen Fluß, im Ganges, geschworen, kein berauschendes Getränk mehr über die Lippen zu bringen. Wenn der Maharadscha selbst auch der heiligen Handlung keine Bedeutung beimaß, so war er doch überzeugt, daß sie für die Rani volle Gültigkeit habe und daß sie den ihren Göttern geleisteten Schwur auch halten werde. Seine durch ihre Unmäßigkeit erschütterte Zuneigung zu ihr erwachte zu neuem Leben und damit sein Vertrauen in sie.