Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 4

Chapter 43,466 wordsPublic domain

Blutige Schweißtropfen hat mich oft diese unmögliche Einbildung gekostet. Immer wieder mußte ich die zerbrochenen Porzellanschalen umsichtig und geräuschlos außer Sicht kehren, immer von neuem die gordischen Knoten, die seine Abenteuer um ihn schürzten, mit oder ohne Hilfe des neuzeitlichen Schwertes, des Scheckbuches, lösen.

Den Auftakt zu dieser endlosen Kette seiner vor allen Dingen ehrgeizigen Unternehmungen bildete seine Heirat. Als Dschagatdschit Singh neunzehn Jahre alt war und die Regierung selbst übernehmen sollte, wurde beschlossen, mit der Thronbesteigung die Hochzeit des jungen Fürsten zu verbinden. Gegen die in Indien übliche Kinderheirat hatte der Resident Einspruch erhoben, und man suchte nun nach einem Mädchen, das der hohen Ehre, die Maharani von Kapurthala zu werden, würdig war. Als regierender und reicher Maharadscha konnte man ihm eine Frau aus einer höheren Kaste als seiner eigenen verschaffen[4]. Die Wahl fiel auf ein Mädchen aus einer der hochangesehenen Radschputfamilien, die im Kulu-Tal des Himalaja ansässig war, und dessen Vater nicht die Mittel gehabt hatte, seine vier Töchter noch in jungen Jahren entsprechend zu verheiraten. Die Hochzeit wurde mit dem üblichen Pomp im Beisein einer großen Menge von Gästen aus der hohen anglo-indischen Gesellschaft gefeiert, und der junge Maharadscha lebte, beraten und geführt von seinem englischen Residenten, zwischen den indischen Gebräuchen und Sitten im Innern seines Palastes, den Zenanagemächern seines Haushaltes und den freien Vergnügungen seiner englischen Freunde, welche die mit dem Reichtum des Fürsten verbundenen Annehmlichkeiten wohl zu schätzen wußten.

Doch die Erzählungen seiner europäischen Umgebung, die Beschreibungen der durchreisenden Weltbummler, die gern an dem gastlichen Hofe von Kapurthala haltmachten, steigerten immer mehr seinen Wunsch, die Wunderländer Europas und Amerikas kennenzulernen und in den glänzenden Städten des Westens, in Paris und London, eine seinem Ehrgeiz entsprechende Rolle zu spielen. Mit großem Eifer lernte Dschagatdschit Singh aus eigenem Antriebe sowohl Englisch wie Französisch und war bald imstande, sprachbegabt wie es alle Inder sind, sich in beiden Sprachen mit absoluter Vollkommenheit auszudrücken.

Als er diese Vorstufe zu seinen Reiseplänen hinter sich hatte, beschäftigte er sich mit den Einzelheiten ihrer Ausführung. Sein Wunsch war, daß die Maharani, die ihm in der Zwischenzeit einen Sohn geschenkt hatte, ihn begleite. Sie aber hielt mit starrem Eigensinn an den alten Sitten und Gebräuchen ihrer eigenen Kaste fest, die es ihr unbedingt verboten, mit kastenlosen Europäern, die sich ohne jede Rücksicht auf den Stand ihrer Diener einfach und wahllos von ihnen bedienen lassen, in enge Berührung zu kommen, mit fremden, unbekannten Menschen das große Meer zu kreuzen und Indien zu verlassen. Wer sollte ihr die Speisen bereiten? Wie sollte man sicher sein, daß nicht Unreines mit ihnen in Berührung gekommen war? Wie sollte man es vermeiden, inmitten der ungebildeten Bevölkerung Europas, durch ihre Nähe, ihr Anstarren, ihre Handreichungen beschmutzt zu werden? Wo sollte man die Zeit und das heilige Wasser hernehmen, um durch religiöse Waschungen sich wieder von so viel Unrat zu reinigen? Nein, die Maharani konnte unmöglich sich solchen Gefahren aussetzen. Sie blieb unter allen Umständen in Indien.

Vor der Hand schickte sich Dschagatdschit Singh in Geduld ... und lernte Tanzen. Daß er damit die Entrüstung selbst der liberalsten Hindu erregte, kümmerte ihn nicht weiter.

Für den Hindu, wie überhaupt den Orientalen, ist das Zusammentanzen der Geschlechter ein Greuel. Tanzen ist eine bezahlte Kunstfertigkeit, die von dazu erzogenen Mädchen, den „Nautsch-Mädchen“, den Bajaderen gegen Entgelt ausgeübt wird. Daß diese es dabei zu großem Reichtum bringen können, und daß sie ganz allgemein große Achtung und besondere Vorrechte genießen, hat mit dem Tanzen an sich nichts zu tun. Von einem Manne zum Vergnügen und unter den Augen anderer ausgeübt, wird es dadurch nicht weniger verächtlich.

Doch da die Maharani auf ihrer Weigerung beharrte, ihn nach Europa zu begleiten, nahm der Maharadscha kurz hintereinander drei andere Frauen, die er zu seinen „Rani“ machte. Der Titel „Maharani“ kommt nur der ersten Frau und Mutter des Thronfolgers zu. Doch sie alle enttäuschten. Keine der drei wollte sich herbeilassen, europäische Sitten anzunehmen und vor allem auch noch so glänzende Pariser Toiletten oder gar die europäischen Spitzen und Unterkleidung zu tragen, für die der Maharadscha eine ganz ausgesprochene Vorliebe und Bewunderung an den Tag legte. Alle fürchteten, die Heiligkeit ihrer Kaste dadurch zu verletzen.

V.

Die Rani Kanari

Und doch, ohne „Rani“ nach Europa zu gehen, schien dem Maharadscha ebenfalls unmöglich. Nach allen Seiten sandte er Beauftragte, um ihm die zu suchen, die seinen Enthusiasmus für Europa zu teilen und gleich ihm alles Indische abzustreifen bereit war. Jedoch vergeblich. Endlich entschloß er sich, sein Glück selbst zu versuchen und nach einer geeigneten Rani Umschau zu halten.

Dschagatdschit Singh hatte die Erlaubnis des Vizekönigs erhalten, auf vierzehn Tage das ihm selbst in Simla, dem Sommersitz der anglo-indischen Regierung im Himalaja, gehörende Haus bewohnen zu dürfen. Der Aufenthalt dort ist aus Gründen der Rücksicht auf die Engländer Indiens für die Fürsten Indiens beschränkt. Sie vermehren durch den endlosen Troß ihrer Bedienung die sehr fühlbare Wohnungsnot dieser für die Gesundheit der Beamten unentbehrlichen Bergfrische und treiben durch protzenhafte Verschwendung die Preise in die Höhe. Es muß also jedesmal eine besondere Erlaubnis zum Besuche des Ortes erwirkt werden. Nur ausgewählte Günstlinge der Regierung, wie der Scindia von Gwalior oder das Haupt der Radschputen, der Maharadscha von Bikanir, die zu persönlichen Adjutanten des Königs von England und Kaisers von Indien ernannt worden sind, dürfen jederzeit den geheiligten Boden betreten.

Unweit von Simla findet alljährlich ein großer Markt, „Sibi-Markt“, statt, wohin Eltern ihre unverheirateten Töchter bringen, um sie heiratslustigen Männern zur Wahl vorzustellen. Es ist dies keineswegs entehrend. Achtbare Bauernfamilien, Semindare, Landbesitzer und höhere Kasten machen von dieser Gelegenheit, ihre unversorgten Töchter zu verheiraten, Gebrauch. Witwer oder kinderlose Ehemänner suchen sich dort eine neue Gattin zu kaufen. Zwar stimmen die so an den Mann gebrachten Mädchen nicht immer mit dem von den Eltern abgeschlossenen Handel überein, sei es, daß dem Mädchen der Käufer zu alt oder sonst nicht annehmbar erscheint. In solchem Falle verflüchtigen sie sich noch vor der festgesetzten Abreise. Der Bräutigam hat das Nachsehen und ist sein Geld an die Eltern losgeworden. Allzu bindend sind diese Kontrakte nicht, die von den Gerichtshöfen nicht ernst genommen werden.

Der Maharadscha von Kapurthala benutzte nun den Aufenthalt in Simla, um den Sibi-Heiratsmarkt zu besuchen. Dort sah er ein junges, sechzehnjähriges Mädchen, schlank, mit klugem Gesicht, in der Hautfarbe nicht dunkler als eine Italienerin; denn dies war für Dschagatdschit Singh die Hauptsache. Er selbst war zwar braun wie eine Ratte, hielt aber seine Gesichtsfarbe für rosig. Für diese Vorliebe hatte er gute Gründe. Die Verachtung der Engländer für „~niggers~“ gibt sich überall im Osten und in Australien in der auffälligsten und beleidigendsten Weise kund, und wird natürlich stets zunächst von der Gesichtsfarbe des Betreffenden ausgelöst. Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Maharadscha in seinem Bestreben, möglichst europäisch zu wirken, auf recht hellen Teint größtes Gewicht legte. Das junge Mädchen, das Kanari hieß, wurde nun für die Summe von dreihundert Rupien oder etwa 450 damaligen Mark sein Eigentum. Unter der Etikette einer Kammerzofe der Maharani kam sie nach Kapurthala. Es dauerte nicht lange, und sie hatte die Lage vollkommen verstanden, fanden sich doch genügend Leute, sie über die Anschauungen und Absichten des Maharadscha aufzuklären.

Doch noch zögerte Dschagatdschit Singh, den entscheidenden Schritt zu tun. Zwar war auch ihm nicht unbekannt, daß Kanari bereit war, ihm in seinen europäischen Ansichten bis zur Grenze des Möglichen entgegenzukommen. Aber der Schritt, in so ausgesprochener Weise mit allen Anschauungen seiner Umgebung zu brechen, bereitete ihm doch noch Kopfzerbrechen. Da entschied ein indisch-ehelicher Zwischenfall über die Zukunft des klugen Mädchens.

Der Hof von Kapurthala war nach Dharamsala im Gebirge übergesiedelt, und dort überraschte der Maharadscha eines Tages die Rani Luxmi, seine zweite Frau, beim vertrautesten Zusammensein mit einem seiner Kammerdiener. Dieser Schlag traf den unwiderstehlichen Don Juan an seiner empfindlichsten Stelle. Er verlor sein sonst so ausgeprägtes Gleichgewicht, seine stoische Ruhe. Mit eigener Hand verprügelte er den Diener, und fast hätte er sich auch an der Rani Luxmi vergriffen.

Dieser Vorfall bewirkte, daß er nicht länger zögerte, Kanari zu seiner Rani zu machen. Nach Kapurthala zurückgekehrt, vollzog er unter großen Festlichkeiten die Erhebung des schönen Mädchens zu seiner fünften Gemahlin und Lieblingsfrau. Die Zenanaräume, in denen die Frauen des Maharadscha wohnten, lagen im zweiten Stock des Palastes, wo nun auch Rani Kanari ihre Zimmer erhielt. Bis zu ihrer Ankunft hatten die Damen es stets für unvereinbar mit ihrer Würde als Radschputen gehalten, mit dem Maharadscha, der aus einer niederen Kaste stammte, zusammen zu speisen. Denn wenn sie auch nichts dagegen hatten, seine Frauen zu sein, so ist die Zeremonie des Essens doch von bedeutend größerer Wichtigkeit. Als sie aber gewahr wurden, daß die Rani Kanari keinen Anstoß nahm, mit dem Maharadscha sogar auf europäische Weise zu Tisch zu sitzen, ließen sie sich herbei, den Maharadscha einmal wöchentlich zu ihren gemeinsamen Mahlzeiten zu bitten; vielleicht auch, um über der neuen Gemahlin nicht ganz vergessen zu werden.

Eine Gouvernante mußte der Rani Kanari französischen Unterricht erteilen. Die blendendsten Kleider, die prächtigste Unterwäsche traf für sie aus Paris ein, die ihrer schlanken, biegsamen Gestalt entzückend standen. Schon träumte der Maharadscha davon, die große Welt Europas zu den Füßen seiner Rani liegen zu sehen. Sie sollte Weltdame in höchster Vollendung werden, und sein Ehrgeiz war, zu zeigen, daß eine reine Inderin es fast in jeder Hinsicht mit den Damen der europäischen Völker aufzunehmen vermöge.

So anerkennenswert auch dieses Bestreben unter gewissen Gesichtspunkten sein mag, und so gut sich auch die von ihrer Heimat im Gebirge her nicht so kastenstreng und orthodox erzogene Rani Kanari dazu eignete, eins übersah Dschagatdschit Singh und mußte es übersehen -- denn Psychologie war ihm von seinen englischen Lehrern nicht ausreichend nahe gebracht worden. Der gegenüber seiner eigenen robusten Natur feiner und reizbarer geschaffene Organismus des jungen Mädchens verfiel viel zu schnell den Einflüssen europäischer Genußmittel. Die Anregung, die Weine, Sekt und Liköre auf sie ausübten, wurde ihr bald zum Bedürfnis, und sie fand nur zu viele Helfer, die ihr bereitwillig auch in ihre Gemächer Kognak und ähnliche starke Spirituosen zusteckten.

Dem Maharadscha, dem dies nicht verborgen blieb, ging diese Neigung des schönen, jungen Mädchens sehr nahe, war er doch selbst bei aller Wertschätzung, die er einem Glase Wein oder Champagner entgegenbrachte, stets mäßig geblieben. Er hoffte, daß die so lange geplante Reise nach Europa, die er nun bald anzutreten beabsichtigte, die Rani Kanari von ihrer fatalen Angewohnheit heilen würde.

Solche Reisen der Vasallenfürsten Indiens unterliegen aber der Genehmigung der anglo-indischen Regierung, die in jedem einzelnen Falle besonders eingeholt werden muß. Im Prinzip besteht eine starke Abneigung, die Erlaubnis zu erteilen, was seine guten Gründe hat. Es hat sich stets gezeigt, daß die Behandlung, die in Europa den indischen Fürsten zuteil wird, nur zu geeignet ist, ihr Selbstbewußtsein zu stärken. Nicht nur behandelt man sie dort ganz allgemein als gleichberechtigt, wirbt um ihre Gunst als Kunden und Gäste und ergeht sich in Ehrenbezeugungen, sondern in London wurden Maharadschas als Ehrengäste an der königlichen Tafel empfangen; auf Dampfern und in den Bahnzügen konnten sie sich die besten Plätze mit ihrem Gelde kaufen, und die teuersten Zimmerfluchten standen ihnen in den besten Gasthäusern auf Wunsch anstandslos zur Verfügung.

In Indien jedoch, wie in allen englischen Besitzungen des Ostens, ist das anders. Überall macht die Unterkunft in den Gasthöfen Schwierigkeiten und muß sehr teuer bezahlt werden. Die besten Zimmer zu erhalten, ist ganz ausgeschlossen. Die Gäste englischer Abstammung wenden sich sowieso sofort an die Hotelleitung mit Beschwerden über die Anwesenheit eines „dreckigen Negers“ im Hause, drohen mit dem Boykott oder mit Veröffentlichung der Tatsache, die nur zu geeignet ist, die betreffenden Häuser bei den reisenden Engländern in schlechten Ruf zu bringen. Daß man jemals einen indischen Fürsten, sei er auch noch so reich, zu irgendwelchen Geselligkeiten der englischen Gesellschaft an den besuchten Plätzen einlüde, ist eine vollständige Unmöglichkeit.

Wenn dies seinen Grund auch zunächst in der allgemeinen Überheblichkeit und Unwissenheit des Europäers, und ganz besonders des Engländers, über die wirklichen Grundlagen der verschiedenen asiatischen Kulturen hat, deren, von der seinen so ganz verschiedenen, Aufbau und Entwicklung er verständnislos gegenübersteht, so spielen doch ebenfalls auch sehr praktische Fragen mit, diesen Standpunkt überall und weitestgehend durchzuführen. Im Verhältnis zwischen besonders Engländern und Asiaten -- von afrikanischen Negern ganz zu schweigen -- ist alles auf schärfste Betonung der Gegensätze zwischen Weißen und Farbigen angelegt. Nicht zum wenigsten dadurch, daß man immer und überall ohne jeden Unterschied der Bildung, der Stellung, der Würde, des Vermögens jeden Farbigen sich mit hochmütiger Geste vom Leibe hält und ihn vollständig von der Teilnahme am inner-gesellschaftlichen Leben ausschließt, hat man es erreicht, daß das ungeheuere Land Indien mit seinen weit über dreihundert Millionen Einwohnern sich einer Handvoll Engländern so viele Jahrzehnte hindurch willenlos gebeugt hat.

Dies hindert jedoch keinen der weißen Herren und Damen, ihrerseits die Gastfreundschaft eines reichen indischen Fürsten so viel wie nur immer möglich in Anspruch zu nehmen, seine Feste mitzufeiern, seine Pferde zu reiten, seine Jagden mit ihrer Gegenwart zu beehren, seine Geschenke anzunehmen, -- und mögen über die Zustände an irgendeinem großen indischen Fürstenhofe noch so skandalöse Klatschereien im Umlauf sein, und Klatsch ist das Öl in den Rädern des anglo-indischen Gesellschaftslebens, -- keiner der so hochmoralischen englischen Damen würde es einfallen, sich dadurch von einer Eintragung in das Besuchsbuch eines indischen Fürsten abhalten zu lassen.

Selbstverständlich waren diese Zusammenhänge auch Dschagatdschit Singh bekannt, und wie alle Inder, die in ihrer Eitelkeit äußerst empfindlich sind, fühlte er scharf und bitter das Zurücksetzende und Beleidigende dieser Behandlung. Daher auch seine Sehnsucht nach Europa und seine Vorliebe für den Westen, die sein erster Besuch nur um so fester gründen sollte.

Mit der Rani Kanari als zukünftige europäische Modedame zur Seite, drängte er darauf, die vizekönigliche Erlaubnis zu erhalten, die ihm 1893 auch zum ersten Male erteilt wurde. Sofort begannen die praktischen Vorbereitungen, die besonders hinsichtlich der nach Hindu-Begriffen unmöglichen Mitnahme der Rani Schwierigkeiten machten. Doch es wurde ein Ausweg gefunden. Die Rani reiste als Jüngling verkleidet, und wenn sie als solcher auch überall wegen ihrer Schönheit das größte Aufsehen erregte, so war dies doch immer noch nicht so schlimm, als sie in ihrer wirklichen Rolle als Rani des Maharadschas die Überfahrt von Indien nach Europa machen zu lassen[5].

Je näher Dschagatdschit Singh nun endlich dem Ziele seiner jahrelangen Sehnsucht, Paris, kam, desto höher stieg seine Erwartung. Er sollte auch nicht enttäuscht werden. Damals gehörten authentische indische Maharadschas noch zu den Seltenheiten, und man überhäufte ihn mit Einladungen.

Doch der Ehrgeiz des Fürsten stand nach anderem. Er wollte gleich dem späteren König Eduard VII. eine Rolle in der Welt, in der man sich nicht langweilt, spielen. Geld genug stand ihm zur Verfügung. Er war also im siebenten oder achten Himmel, als ihm eines Tages bei einem von ihm gegebenen Essen im Café de Paris durch irgendeinen der tönend betitelten französischen Rastas -- sie stammen meistens aus der Walachei und ihre Titel bestenfalls vom Papste -- die damals gefeiertste Schönheit der Pariser Lebewelt, Liane de Pougy, vorgestellt wurde. Sie war die geschiedene Frau eines französischen Marineoffiziers und lebte, dank der Freigebigkeit eines russischen Großfürsten, auf sehr großem Fuße, besaß einen selten schönen Juwelenschatz und war nicht zum wenigsten auch wegen ihrer prachtvollen Perlen berühmt.

Diese kleinen Nebendinge entgingen dem indischen Krösus, der sich stets mehr auf seine schönen Körpergaben als Adonis einzubilden liebte, als von seinen mehr praktischen Eigenschaften Gebrauch zu machen. Daher zweifelte er auch nicht daran, den russischen Großfürsten in den Gefühlen der schönen Frau ersetzen zu können und war begeistert, auf diese Weise Indien gegen Rußland in der glanzvollen Pariser Gesellschaft zum Siege zu verhelfen.

Liane de Pougy aber sah sich schon im Besitz eines neuen Prunkstückes für ihre Juwelensammlung und lud huldvollst den strahlenden Maharadscha zum Tee in ihre Wohnung in der Avenue du Bois de Boulogne. Um sich seiner Meinung nach würdig einzuführen, verlor Dschagatdschit Singh keine Zeit, sondern erstand promptest für zwölftausend Franken ein Armband bei seinem Hofjuwelier in der Rue de la Paix, der ihm sehr wahrscheinlich auch noch indische Preise machte, und sandte dieses Angebinde mit wohlgesetzten Worten der Schönen, die er Rußland zu entreißen gedachte.

Als er nun allein und ohne Adjutanten zu seinem Besuch in der Wohnung der gefeierten Liane eintraf und mit ihr am Teetisch saß, bemerkte er zu seinem Entsetzen, daß das ihn bedienende Mädchen mit spöttischem Lächeln ihm das ihrer Herrin gesandte Armband am eigenen Arm bei jeder Handreichung vor die Augen hielt.

Immerhin war er taktvoll genug, den ihm angetanen Affront ohne Erwähnung zu lassen, und auch Liane de Pougy, die ein Schmuckstück von märchenhaftem Wert aus der indischen Schatzkammer des Maharadscha erwartet hatte, ließ kein Wort über die Angelegenheit fallen. Anscheinend erschien ihr der indische Adonis zu sehr Othello, ein Gedanke, der allerdings Seiner Hoheit dem Maharadscha von Kapurthala niemals gekommen wäre.

Tief bedrückt von dem schmählichen Ausgang dieses ersten Abenteuers, das ich mir alle Mühe geben mußte, nicht ruchbar werden zu lassen, kam er zurück. Doch in seiner angeborenen Freundlichkeit lehnte er später nicht ab, der Hochzeit Liane de Pougys mit dem Zigeunerprinzen Ghika den Glanz seiner Anwesenheit zu leihen.

Die Rani Kanari vergnügte sich unterdessen auf ihre eigene Weise. Sie kostete alle Schnäpse und gab sich einem eingehenden Studium der verschiedenen Champagnermarken und Weinsorten hin. Dabei vernachlässigte sie aber ihre äußere Erscheinung nicht und erfüllte alle Wünsche des Maharadscha, indem sie in immer neuen und blendenden Toiletten die Rennplätze besuchte, wo sie mit mehr Glück als Verständnis wettete. Als man sie gar eines Tages in Auteuil für Cleo de Merode hielt und daraufhin ansprach, fühlte Dschagatdschit Singh sich für alle seine Mühe mit ihr reichlich belohnt. Was konnte ihm mehr schmeicheln, als daß seine Rani der damals auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes als Weltdame stehenden Geliebten Leopolds, des Königs der Belgier, zum Verwechseln ähnlich sah?

Von Paris ging die Reise nach London, um der Königin von England Besuch zu machen, worauf die Weiterreise zur Weltausstellung in Chikago erfolgte. Dort machte der Maharadscha die Bekanntschaft der Familie Leiter, deren drei bildschöne Töchter ihn durch ihr ungezwungenes Benehmen auf das höchste begeisterten. Damals ahnte er noch nicht, wie teuer ihm die Bekanntschaft mit ihnen zu stehen kommen sollte, als die eine von ihnen Lord Curzon, den späteren Vizekönig von Indien, geheiratet hatte.

Der Aufenthalt in den Staaten dagegen gefiel ihm weniger. Man behandelte ihn mehr wie eine Kuriosität, ein sensationelles Ereignis, denn als tonangebenden Pariser Weltmann, und trug, trotz seiner Einladungen, die man sich gern gefallen ließ, die amerikanische Geringschätzung und Abneigung gegen jeden „Neger“ offen zur Schau. Enttäuscht fuhr er daher über England nach Indien zurück.

Das Diamant-Jubiläum der Königin Victoria sah uns wieder in Europa. Nach kurzem Aufenthalt in Paris rief die Pflicht. Wir mußten in das Hotel Cecil in London übersiedeln, und kurz darauf wurde der Maharadscha nach Windsor befohlen.

Die Königin Victoria zeigte in ihren letzten Lebensjahren gesteigertes Interesse für Indien und war soweit gegangen, selbst Hindostani zu lernen. Ihr Lehrer war ein Mohamedaner, Munschi Hafis, aus Agra, der am Hofe von St. James für einen gewissenlosen, geldgierigen, ränkevollen Emporkömmling galt. Daß ihm zur Ausübung solcher Eigenschaften genug Möglichkeiten zu Gebote standen, lag in dem Umstande, daß die Königin sich mehr und mehr mit eingeborenen indischen Dienern umgab und sich mit Vorliebe von ihnen im Park von Windsor spazieren fahren ließ. Bei diesen Gelegenheiten übte sie sich mit ihnen in Hindostani, wobei ihr nach indischer Art vornehmlich Klatschgeschichten vorgetragen wurden, deren Kenntnis sie dann wieder zu recht unangenehmen Maßnahmen für die Betreffenden veranlaßte. Da nach und nach die Königin niemals ohne indische Dienerschaft um sich zu haben war, konnte kein Weißer sie sprechen, ohne daß Munschi Hafis davon Kenntnis erhielt, denn die Inder verstanden alle genügend Englisch, um den geführten Gesprächen zu folgen.

Dabei waren diese Leute von einer unausstehlichen Hochmütigkeit und Überhebung, so daß das Leben des Hauspersonals der Königin während deren letzter Lebensjahre wenig friedlich verlief. König Eduard verlor keine Zeit, den intriganten Munschi Hafis an die Luft zu setzen.

In Windsor eingetroffen, wohin der Maharadscha zur Tafel befohlen war, machten wir einen Spaziergang im Schloßgarten. Dort traf der Maharadscha einige dieser Diener, die er in seiner freundlichen Art in ihrer Muttersprache anredete. Doch als auserwählte Lieblinge der weißen Königin behandelten sie ihn kaum als ihresgleichen, bis einige Goldstücke ihren Stolz schmelzen ließen und sie zu untertänigster Haltung veranlaßten.

Aus irgendeinem Grunde wurde von dem Haushofmeister der Königin übersehen, mir mitzuteilen, wo ich während meines Aufenthaltes im Schloß meine Mahlzeiten einnehmen sollte. Als daher der Maharadscha, dessen Zimmer an die meinigen stießen, von dem indischen Günstling der Königin, Munschi Hafis, der in indischer Tracht, mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, erschien, zur Tafel abgeholt wurde und man unsere beiden Kammerdiener ebenfalls irgendwohin zum Essen führte, machte ich mich auf, um in dem dem Schloß gegenüberliegenden Gasthaus „Zum weißen Hirsch“ zu Abend zu essen.

Als ich abends zurückkam, fand ich den Maharadscha, von indischen Dienern umringt, im Salon unserer Wohnräume, freudestrahlend in die Betrachtung des Ordens versunken, den ihm die Königin eigenhändig überreicht hatte, wobei ich gesprächsweise erwähnte, wo ich meinerseits den Abend zugebracht hatte.