Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 3
Die Verbannung der Minister nach den Andamaninseln dagegen war für sie eine härtere Strafe als selbst der Tod, ist doch der Inder mit allen Fasern seines Wesens mit dem Lande seiner Geburt verbunden.
Die Frage der Nachfolge des abgesetzten Maharadscha schien zunächst äußerst schwierig, denn Malar Rao hatte weder Kinder noch Verwandte, die man auf seinen Thron hätte setzen können. Trotzdem sah die anglo-indische Regierung klugerweise davon ab, den Staat Baroda den unmittelbaren britischen Besitzungen in Indien einzuverleiben, obgleich die Privilegien Barodas von Malar Rao schamlos zum Nachteile der Landesregierung ausgenutzt worden waren.
Doch die Witwe des verstorbenen Maharadscha Khandao-Rao, die Maharani Dschamnabai, war noch am Leben.
Zu ihr begab sich der englische Resident von Baroda, um im Namen des Vizekönigs ihren Rat in dieser Frage der Nachfolgerschaft zu hören. Die Unterredung fand in einem Zimmer statt, das durch einen Vorhang in zwei Teile geteilt war, von denen die Maharani den einen benutzte, während der andere für den Residenten bestimmt war. Beide konnten sich so verständigen, doch ohne daß die Maharani sich den Blicken des kastenlosen Europäers auszusetzen brauchte, was sie verunreinigt haben würde.
Im Laufe der durch den Vorhang hindurch geführten Unterhaltung erklärte nun die Maharani dem englischen Residenten, daß sich in Baroda kein geeigneter Anwärter auf den Thron des Gaekwar befinde. Auf ihrer letzten Pilgerfahrt jedoch, nach Dabkar am Flusse Narbuda, habe sie ihr Lager eines Tages in der Nähe einer Semindarfamilie, einer Bauernfamilie, aufgeschlagen, die ebenfalls dem Stamme der Gaekwar angehöre. Von den drei Söhnen dieser Familie habe sie einen zu adoptieren versprochen. Wenn man diese Kinder nach Baroda bringen wolle, so würde sie den auswählen, der Nachfolger des abgesetzten Maharadscha werden solle.
Dieser Ausweg kam der englisch-indischen Regierung sehr gelegen, die auf diese Weise die Möglichkeit erhielt, die Erziehung des Knaben nach ihren Plänen zu gestalten. Daher wurde der Rat der Maharani sogleich angenommen. Noch am selben Tage erhielt der Polizeihauptmann des Distriktes, John Pollen, den Auftrag, die drei Kinder herbeizuschaffen, die er in der Nähe von Dabkar, gemäß ihrem Stande als Gaekwar, als Hütejungen auf der Viehweide fand.
Nach Baroda gebracht und der Maharani vorgeführt, bestimmte sie den mittleren der Knaben zum Nachfolger des Maharadscha Malar Rao. Das Kind war damals etwa 9 Jahre alt; genaue Altersangaben sind in Indien nur sehr selten möglich, da keine Register geführt werden und den einzelnen der Zeitbegriff fehlt. Dieses damals von der Maharani Dschamnabai ausgewählte Kind ist der heutige Gaekwar von Baroda, der Maharadscha Siyadschi Rao, nach dem Nisam von Haiderabad der vornehmste Fürst Indiens.
Sobald die Maharani ihre Wahl getroffen hatte, schritt man dazu, die Ankunft des jungen Maharadscha mit allem Pomp zu feiern. In reiche Gewandung gehüllt, mit Gold und Juwelen geschmückt, hielt Seine Hoheit der junge Gaekwar von Baroda in einer kostbaren „Howdah“ auf dem Rücken des mächtigsten Elefanten der fürstlichen Ställe seinen prunkvollen Einzug in die Hauptstadt seines Landes. Aus dem einfachen Kuhhirten, der noch vor drei Tagen auf der Weide seines Dorfes spielte, war über Nacht einer der reichsten Fürsten des britischen Kaiserreiches Indien geworden.
Und die Maharani hatte klug gewählt. Siyadschi Rao erwies sich als ein eifriger und aufgeweckter Knabe. Er ist heute an Wissen und Bildung einer der höchststehenden Fürsten Indiens, der sein Land zu großem Ansehen gebracht hat. Dem britischen „Sirkar“ ist er wenig zugetan, und die Streitigkeiten nehmen kein Ende, was auch damit zusammenhängen mag, daß viele seiner Besitzungen als Enklaven im britischen Gebiet liegen.
Unter ihm hat Baroda eine erstklassige Universität und viele Schulen erhalten, besonders Gewerbeschulen, wo vor dem Kriege, sehr zum Leidwesen der Engländer, deutsche Lehrer wirkten. Als einziger Fürst Indiens hat er in Baroda den Schulzwang eingeführt. Das Straßen- und Bewässerungswesen ist ausgebaut und eine Eisenbahn angelegt worden. Die Mittel hierzu, ebenso wie die zum Bau des prächtigen „Luxmi Vilas“ fand er bei seiner Thronbesteigung vor. Sir Madava Rao und der englische Resident, die den Staat während seiner Minderjährigkeit geleitet und die Staatseinkünfte verwaltet hatten, waren beide besorgt gewesen, ihm eine gefüllte Schatzkammer zu hinterlassen.
Siyadschi Rao ist sogar gegen die abträglichen Seiten der Landessitten eingeschritten; so ist er gegen die Kinderheiraten vorgegangen und hat die Ausartungen des höheren Kastenwesens bekämpft, obgleich er ein orthodoxer Hindu geblieben ist. Seine Reisen nach Europa und Amerika haben stets seiner Ausbildung und damit seinem Lande gedient. Auch ist er einer der wenigen Fürsten Indiens, der nur eine einzige Gemahlin besitzt und keine Nebenfrauen hält.
Seinen jüngeren Bruder machte er zum „Diwan“, Minister, von Baroda, und der ältere wurde „Senepati“ oder Oberbefehlshaber der Armee.
Wohl besteht die Armee nur aus wenigen Truppenteilen, da der Maharadscha genau weiß, daß er doch nie Krieg wird führen können. Sie ist daher mehr ein Repräsentationsinstrument, für das Siyadschi Rao nicht gern viel Geld ausgibt, da ihm produktive, kulturelle Aufgaben näher am Herzen liegen.
Die berittenen Truppen, genannt „Dschawug Sowar“, dienen vornehmlich zu Eskorten der alten Maharani und der hohen Staatswürdenträger, die alle ständig auf der Straße je nach ihrem Range von einer bestimmten Anzahl solcher Reiter umgeben sind.
Wenn die Maharani, umringt von vierzig, fünfzig dieser Krieger, angefahren kommt, so ist das wirkliches, von Europa unberührtes, altes Indien. Wohl vor tausend Jahren mögen die gleichen Waffen, die gleiche Kleidung von Reitern getragen worden sein, die in gleichen Sätteln in derselben Weise die Wagen der Maharani jener Tage in wilder Jagd umschwärmten. Vorn der „Killadaur“, der Oberst, dem ein Paukenschläger folgt, der seinen „Nagara“ mit hageldichten Schlägen das lauteste an Tönen entlockt, was menschliche Ohren noch ertragen können, und daneben ein Trompeter, der aus einer Art Waldhorn ein Geräusch hervorzaubert, das jenseits aller Möglichkeiten europäischer Musikbegriffe liegt. Und neben dem Wagen reitet ein Herold, der mit gewaltiger Stimme die Pauken und die Trompete zu überbieten sucht, um all und jedem den Namen und die Tugenden der Insassin der Karosse zu verkünden. --
Die Artillerie Siyadschi Raos ist ein Teil der „Toscha Kana“, der Schatzkammer, denn sie besteht nur aus zwei massiv goldenen und zwei ebensolchen silbernen Kanonen, die als prunkvolle Erbstücke den Stolz der ganzen Einwohnerschaft bilden, wie überhaupt jede indische Bevölkerung den Glanz und die Prachtentfaltung ihres Herrschers mit Genugtuung als ihre eigene Ehre und Würde erhöhend empfindet und in dem Maharadscha den sichtbaren Ausdruck ihrer eigenen Macht erblickt. Eine wundervolle Sammlung von Smaragden und Diamanten, von denen der berühmte „Südstern“ nur bei großen Staatshandlungen von dem Gaekwar angelegt wird, bildet wie an allen indischen Fürstenhöfen auch in der Schatzkammer zu Baroda den Kern der Kostbarkeiten, unter denen hier aber als ein wohl auf Erden einzigartiges Schmuckstück ein Vorhang hervorgehoben zu werden verdient, der zwei Meter hoch und anderthalb Meter breit vollständig aus dichtaufgereihten Perlen besteht.
So ist der Maharadscha Siyadschi Rao, Gaekwar von Baroda, wohl einer der mächtigsten Vasallen des indischen Kaiserreiches -- doch eben nur Vasall, Höriger einer höheren Gewalt, der er nichts als seinen Stolz und sein Selbstbewußtsein entgegenzusetzen vermag. Immerhin, auch die Macht der anglo-indischen Regierung muß mit den Verhältnissen rechnen, so wie sie dies bei Malar Raos Missetaten tat, mit der Meinung von vielen Millionen Menschen, eingeteilt in hunderte von kleineren und größeren Staaten, mit den Anschauungen der vielen verschiedenen Religionsgemeinschaften, die in der Zahl ihrer Anhänger und deren fast bedingungslosem Gehorsam jederzeit zu einer Gefahr werden können, der nur durch kostspielige Veranstaltungen politischer und militärischer Art zu begegnen ist. Und Indien soll doch nichts kosten, sondern vor allen Dingen Geld in den englischen Beutel bringen!
Für beide Tatsachen, die Hörigkeit der Vasallen und die Zurückhaltung der anglo-indischen Regierung, sind die folgenden Tatsachen bezeichnend:
Als der spätere Zar Nikolaus II., derselbe, der mit seiner ganzen Familie in Jekaterinburg durch die Bolschewisten ermordet worden ist, als Thronfolger, zusammen mit dem späteren König von Griechenland, auf seiner Weltreise Indien besuchte, wurde auch der Gaekwar von Baroda zur Ehre, ihn bewirten zu dürfen, befohlen. Doch die anglo-indische Regierung war eifrig bemüht, den russischen Thronfolger von jeder Berührung mit den einheimischen Fürsten fern zu halten. Folglich legte man auch dem Maharadscha Siyadschi Rao nahe, daß er wohl die Kosten des Besuches tragen dürfe, aber davon Abstand nehmen möge, Seine Kaiserliche Hoheit zu sehen. Der Gaekwar fügte sich und wurde rechtzeitig krank.
Trotzdem aber führte man den russischen Thronfolger nicht in die Stadt, sondern auf die vorbereitete Jagd. Ich hatte das große Empfangszelt aus der „Faraschkana“, der Jagdkammer, in aller Eile aufstellen lassen, wozu hunderte von Dienern notwendig waren.
Etwas ängstlich erschien endlich der Zarewitsch mit seinem russischen und englischen Gefolge und nahm ohne besondere Begeisterung an der Jagd, einem Lanzenreiten gegen Wildschweine, „~pigsticking~“, teil. Nach etwa einer Stunde wünschte er zurückzukehren, und ich, der ich die Verantwortung für die ganze Vorführung trug, ritt allein mit ihm nach dem Empfangszelt, ohne daß die englischen Beamten, darunter Oberst Cyrill Rhodes, der Bruder des Rhodesiers, Cecil Rhodes, dies bemerkten. Froh, der ihm wenig zusagenden Jagd entronnen zu sein, saß der Zarewitsch mit mir im Zelte und trank Moselwein mit Apollinaris. Zuerst unterhielt er sich mit mir auf englisch, fuhr dann französisch fort, um zum Schluß fließend deutsch zu sprechen.
Als die englischen Herren mich bei ihrer Rückkehr in vertraulichem Gespräch mit dem gefährlichen Besucher sahen, machten sie entgeisterte Gesichter und bestürmten mich mit bestürzten Fragen, was denn zwischen uns besprochen worden sei? Ihr ganzes Benehmen gegen den harmlosen Prinzen war einfach lächerlich, taten sie doch, als ob dieser unschuldigste und unwissendste unter allen Fürstlichkeiten, mit denen ich jemals zusammengekommen bin, sich auf einem Raubzuge gegen das britisch-indische Kaiserreich befände!
Nur +die+ Vasallen wurden ihm vorgestellt, deren Loyalität außer allem Zweifel stand, und von ihnen auch nur die, welche der englischen Sprache nicht mächtig waren. Die Nordwest-Provinzen -- am oberen Ganges und Indus bis nach Kaschmir -- ließ man ihn überhaupt nicht betreten, und, wie erwähnt, sein Gastgeber in Baroda, der Maharadscha Siyadschi Rao, mußte während seines Besuches sich krank stellen.
Wie sehr dieser Zwang des Gehorchens, unter dem der Gaekwar trotz aller Selbständigkeit im Innern seines Staates gegenüber der anglo-indischen Regierung lebt, seinen Stolz bedrückt und verletzt, zeigte er in einer Unterhaltung mit dem Maharadscha von Kapurthala, der ich beiwohnte.
Es war im Frühjahr 1905, und ich befand mich mit dem letztgenannten Fürsten, dessen Privatsekretär ich in der Zwischenzeit geworden war, in Paris, wo wir im Hotel Jena mit Siyadschi Rao zusammentrafen. In jenem Jahre sollte der Prinz von Wales, der spätere König Georg IV., Indien besuchen. Als die Unterhaltung hierauf kam, sprach der Gaekwar von Baroda ganz offen aus, daß er, um nicht mit diesem Herrn zusammentreffen zu müssen, bis nach dem Besuche des englischen Prinzen in Indien in Europa bleiben würde, denn er habe keine Lust, Staatsgelder auszugeben, um die Ehre zu haben, sich vor dem zukünftigen englischen Herrscher zu verbeugen. Da man ihn als Gastgeber des russischen Thronfolgers, der seinen Gast nicht einmal sehen durfte, lächerlich gemacht habe, werde er es jetzt ablehnen, den britischen Thronfolger bei sich zu empfangen.
Doch nicht nur im sicheren Paris machte Siyadschi Rao kein Hehl aus seiner Abneigung gegen die Engländer. Auch in Indien selbst ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, den englischen Beamten seine Bildung, besonders in allen Fragen der Staatsverwaltung, fühlen zu lassen. Von seiner Erziehung unter guten englischen Lehrern hatte er eifrig Gebrauch gemacht, und auf der so erworbenen Grundlage war er nach Erreichung seiner Volljährigkeit mit Erfolg weitergeschritten, so daß er über eine erstaunliche, rein wissenschaftliche Bildung verfügte. Daher konnte es nicht ausbleiben, daß er sehr schnell das oft recht minderwertige und unvollständige Wissen auch der hohen anglo-indischen Beamten durchschaute. Seine Achtung vor dem britischen Löwen wurde dadurch nicht gesteigert, und als Lord Curzon zur Zeit der Thronbesteigung des Königs Eduard VII. diesen in Delhi vertrat und zu Ehren des Ereignisses ein großes Fest gab, weigerte er sich, zu erscheinen, indem er Krankheit vorschützte.
Dies war ihm jedoch nicht möglich, als nach dem Tode Eduards VII. Georg IV. in höchsteigener Person nach Indien kam, um dort sich und seine Gemahlin zu Kaiser und Kaiserin von „Hind“ -- von Indien -- krönen zu lassen.
Angetan mit allen Zeichen der Macht, umringt von sämtlichen Würdenträgern des britischen Hofes, hatten Georg IV. und seine Gemahlin auf dem kaiserlichen „Gadi“ -- Thron --, zu dem eine Reihe Stufen hinaufführten, Platz genommen. In dem mit echt indisch-englischer Pracht ausgestatteten Raum war Jeder und Jede der Anwesenden auf das reichste gekleidet. Gold, Diamanten, die seltensten Edelsteine blitzten und funkelten auf allen Seiten. Die Uniformen der Offiziere und Höflinge bildeten einen leuchtenden Rahmen, in dem der Glanz aller indischen Fürstenhöfe nur um so eindrucksvoller strahlte.
Inmitten dieser prunkvollen Versammlung nun sollte die Huldigung der Vasallenfürsten mit allem Zeremoniell des Westens und des Ostens vor sich gehen. Es war vorgeschrieben, daß die Fürsten im Schmucke ihrer Staatsgewänder sich über die freie Mitte des Raumes den Stufen des kaiserlichen Thrones nahen sollten. Zur Plattform vor den Sesseln des Kaiserpaares hinaufsteigend, würden sie sich dann als Ausdruck der Ergebenheit verbeugen, um, rückwärts schreitend, die Thronstufen hinabzugehen, wo ein Adjutant des Königs ihnen das Zeichen zum Umwenden und Weitergehen zu geben hatte.
Als Erster erschien der im Range am höchsten stehende Nisam von Haiderabad, ein mohamedanischer Fürst, der die übereingekommene Huldigungsform mit der ganzen Würde des Moslem erfüllte. Ihm folgte sofort der Gaekwar von Baroda, der Maharadscha Siyadschi Rao.
Ein Murmeln des Entsetzens lief bei seinem Erscheinen durch die erlauchte Versammlung. Eiligen Schrittes, einen Spazierstock nachlässig in der Hand schwingend, kam er auf die Stufen des Thrones zu, sprang sie schnell hinauf, nickte dem Kaiser und König des britischen Weltreiches kaum merklich zu, und, ihm sofort den Rücken kehrend, ging er hastig und wie mit ganz anderen Gedanken beschäftigt die teppichbelegten Stufen wieder hinab, an dem starr und ratlos stehenden königlichen Adjutanten vorbei, und verließ den Raum.
Daß ihm diese öffentliche, beabsichtigte Brüskierung Seiner Majestät des Kaisers von Indien und Königs von Großbritannien und Irland seinen Thron kosten konnte, wußte der Sohn des Bauern von Dabkar sehr wohl. Doch der britische Sirkar übersah die dem Kaiser und König angetane Schmach. Die Zeit war zu nahe, wo man Indien nötig brauchen würde, wo man keinen Mann würde entbehren können, um den dreihundert Millionen seiner Bewohner die Macht des britischen Reiches besonders vor Augen zu führen! Ist doch der Weltkrieg, nach englischer Darstellung, einzig und allein vom frevelhaften Übermut des bösen deutschen Kaisers plötzlich und grundlos dem armen unschuldigen England und der ebenso ahnungslosen übrigen Welt aufgezwungen worden!
Dem Maharadscha Siyadschi Rao, Gaekwar von Baroda, ist daher aus seinem wenig höflichen Benehmen auf dem Durbar zu Delhi 1912 kein irgendwie bemerkenswerter Schaden erwachsen[1]. Sofort nach Verlassen des Krönungsraumes war er in sein Land zurückgefahren.
IV.
Der Maharadscha von Kapurthala
Der Maharadscha von Kapurthala, in dessen Dienst ich nach Ablauf meines Vertrages mit dem Gaekwar von Baroda als Aufsichtsbeamter über alle Paläste, Marställe und Gestüte, sowie als Privatsekretär für seinen persönlichen Verkehr mit Europäern trat, war das ganze Gegenstück zu Siyadschi Rao, obgleich auch er nur durch einen Zufall auf den Thron seines Reiches gelangt war.
Sein voller Titel lautet: Sir Dschagatdschid Singh, Bahadur, Ahluwalia, Radscha-i-Radschan, Großkommandeur des Sterns von Indien, Maharadscha von Kapurthala; es bedeuten die indischen Worte etwa: Oberkriegsherr, aus dem Geschlecht der Ahluwalia, Fürst der Fürsten, Oberherrscher von Kapurthala.
Der indische Vasallenstaat Kapurthala liegt in der Nähe von Lahaur, dem englischen Lahore. Lahaur war früher die Hauptstadt der kriegerischen Sikh. Auch die mohamedanischen Eroberer Nord-Indiens schlugen dort ihre Residenz auf, erst die Ghasnawiden, denen die Goriden folgten, bis es 1225 von Dschalal-ud-Din und 1397 von einem Heerführer Tamerlans, des großen Timur leng der Mongolen, geplündert wurde. 1525 nahm es Sultan Babar, seit welcher Zeit es zum Reiche des Großmogul gehörte und an Pracht und Glanz mit der Hauptstadt Nord-Indiens, mit Delhi, wetteiferte. 1846 besetzten die Engländer Stadt und Land, bemächtigten sich des letzten Sikhfürsten, Dalip Singh, eines elfjährigen Knaben, den sie nach England führten, wo er nach verschiedenen fehlgeschlagenen Versuchen, den Thron der Sikh wieder zu besteigen, 1893 starb.
Schon einige Jahre vor der Besitzergreifung Lahaurs durch die Engländer hatten sie, 1841, Hand auf das Zweistromland Dschalandhar gelegt, das den Staat Kapurthala umfaßt. Die dort herrschende Ahaluwalia-Dynastie hatte es vorgezogen, durch eine Tributzahlung an die Engländer sich ihren Besitz zu sichern, wenn auch die Briten die Verwaltung übernahmen. Bei dem großen indischen Aufstand 1857/58 unterstützte der damalige Maharadscha von Kapurthala, Ranghir Singh, die Engländer, wofür er durch die Übertragung großer Ländereien in Oudh[2] belohnt wurde. Ihm folgte 1870 sein Sohn Karag Singh.
Der Staat Kapurthala zählte etwa eine halbe Million Einwohner, während die in der Nähe der Bahnstation Kartarpur liegende Hauptstadt Kapurthala rund 20000 Einwohner hat.
Karag Singh führte ein allen Leidenschaften frönendes Dasein; viel Sekt, viel Kognak, viel Opium sind besonders in dem heißen Indien nicht geeignet, das Leben zu verlängern. Er kam also in jungen Jahren zum Sterben. Da er keine Kinder hatte, war der nächste Erbberechtigte sein Bruder, Harnam Singh. Doch Harnam Singh hatte eine indische Christin geheiratet und war selbst zum Christentum übergetreten.
Die, wenn es das Geschäft mit sich bringt, so gern ihr Christentum betonenden Engländer fanden es aber in diesem Falle nicht einträglich genug, „~the spreading of the Gospel of our Lord and Saviour Jesus Christ~“ -- die Ausbreitung des Evangeliums unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus --, wie die pomphafte Redewendung im Englischen heißt, dadurch zu unterstützen, daß sie einem Christen die Besteigung des ihm rechtmäßig zustehenden Thrones eines indischen Fürstentums gestatteten.
Man beriet sich also mit dem Ministerpräsidenten des Staates Kapurthala, der ein offenes Herz für seine Hindu-Glaubensgenossen und sicherlich eine nicht minder offene Hand für christliche englische Goldstücke hatte, mit dem Ergebnis, daß, ehe noch der sterbende Maharadscha Karag Singh seine letzte Opiumpfeife zu Ende geraucht hatte, ihm plötzlich ein Sohn geboren war. Bevor er den vielen Freuden seines Genußlebens das Bewußtsein von Vaterfreuden zufügen konnte, drehte er sein Antlitz zur Wand und starb.
Der zu so geeigneter Zeit geborene Thronfolger war das Kind des Steueraufsehers Lala Harkischen Lal aus der Kaste der Tschatry[3]. Unter dem Namen Dschagatdschit Singh wurde er der Nachfolger seines Pseudo-Vaters, des Maharadscha Karag Singh. Der wegen seines Christentums von den Engländern von der Thronfolge ausgeschlossene Harnam Singh wurde, zum Trost über den erlittenen Verlust, zum Mitgliede des vizeköniglichen Staatsrates in Kalkutta ernannt.
Die Erziehung des jungen Dschagatdschit Singh lag vollständig in den Händen des englischen Residenten, und er entwickelte sich ganz nach dem Vorbilde seines Lehrers. Dieser Resident, ein Irländer von Geburt, großer Sportliebhaber und Lebemann, verbrachte seine Zeit mit Festlichkeiten, Jagden, sportlichen Veranstaltungen und glänzender Repräsentation, ohne daß die Verwaltung des Landes Schaden litt. Es wurde sparsam und umsichtig gewirtschaftet, und der Resident verstand sich meisterhaft auf die Behandlung der schwierigen indischen Charaktere.
Doch durch die ausschließliche Erziehung im englischen Sinne wurde in dem jungen Maharadscha schon früh der Keim zu seiner Vorliebe für alles Europäische, alles Westliche gelegt. Dschagatdschit Singh war, wie die meisten Inder, äußerst begabt, dabei ein offener und gutherziger Mensch, was unter Indern eine große Seltenheit ist, aber vielleicht auch auf Rechnung seiner Erziehung gesetzt werden darf. Er besaß ein unerschütterliches seelisches Gleichgewicht, das ihn auch in den unangenehmsten Augenblicken nicht verließ. Gegen seine Untergebenen war er herablassend und freundlich, konnte aber ebenso bei Verfehlungen sehr streng sein. Höchstens, daß er dazu neigte, die Grenzen zwischen rücksichtsvoller Teilnahme und kameradschaftlicher Anbiederung zu vergessen.
Von Gestalt ein starker, wuchtiger Mann, verstand er es ausgezeichnet, sich in der ganzen Würde eines indischen Fürsten zu geben. Er neigte zur Korpulenz, trotzdem er als Tennisspieler und Scharfschütze seinesgleichen suchte. Nur das Reiten, das er, wie es seine Stellung erforderte, wenigstens zweimal in der Woche ausüben mußte, machte ihm kein Vergnügen. Bei seinem kräftigen Körperbau war dies auch nicht verwunderlich. Es kostete mich stets die größte Mühe, für den schweren und im Sattel unbeholfenen Mann ein entsprechend starkes und doch ruhiges, repräsentatives Pferd zu finden. Glücklicherweise war die Auswahl in den prachtvollen Marställen des Fürsten groß, und in Einkauf und Aufzucht wurde mir vollständig freie Hand gelassen. Für den Maharadscha war das fetteste Pferd das schönste.
Im Trinken war er sehr mäßig. Sekt, Wein und Alkohol im allgemeinen, obgleich er seinem Körper entsprechend davon trank, hatten keine Anziehungskraft für ihn. Dafür aber war er einer der stärksten Esser, der mir je begegnet ist. Besonders von seinem und ganz Indiens Leibgericht „Curry mit Reis“ konnte er ganz außerordentliche Mengen vertilgen.
Doch er hatte eine große Schwäche, eine Schwäche, die, von seiner Erziehung genährt, wohl ebenfalls mit der starken physischen Entwicklung seines Körpers zusammenhing und in seinem westlich gerichteten Ehrgeiz ihn zu den unglaublichsten Streichen verführte. Er hielt sich für den geborenen „Lady-killer“, den hervorragendsten Don Juan beider Hemisphären. Keine noch so bittere Enttäuschung, keine Lächerlichkeit konnte ihm diesen Glauben rauben. Stets strebte er nach neuen Lorbeeren, aber sie mußten westlich orientiert sein, oder noch besser, durch westliche, europäische Schönheiten ihm zufallen.