Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 2
Doch der Gaekwar von Baroda war in Europa gewesen. Die Sitten dieses gelobten Landes gedachte er auch seinen teuren Untertanen, wenn nicht aufzupfropfen, so doch in angenehm eingehender Form vor Augen zu führen. Nach vermutlich langem Nachdenken beschloß er den Anfang damit zu machen, daß er die Herren der Hofgesellschaft zunächst an die Gerichte der europäischen Küche und, damit verbunden, an die Eßgepflogenheiten der so außerordentlich zivilisierten Länder des Westens, die die Weltherrschaft unter sich teilen, gewöhnen wollte.
Mit Suppe und Braten, mit Fisch und Geflügel, mit Eis und Früchten sollte begonnen werden; doch mehr als Belohnung für die schwere Arbeit des Lernens, Messer und Löffel von Gabeln zu unterscheiden, Eis möglichst wenig durch Fischmesser zu zerlegen und Geflügelpasteten nicht nur mit Kaffeelöffeln und Messerbänkchen zu Leibe zu gehen.
Erfreut über seinen Gedanken ließ er mich kommen. Gründlich wie alle Inder wollte er aber am Anfang aller Gelage beginnen, nämlich in der Küche. Damit seine Hofgesellschaft sich an den Gebrauch von Mundtüchern gewöhne, war es vor allen Dingen erforderlich, eine vollständig ausgestattete europäische Kücheneinrichtung für das „Schloß des Glückes“ zu beschaffen, mit Herd und kupfernen Kasserolen, mit Wasserbad und Tellervorwärmer und all den Künsten einer kulinarischen Technik, wie sie sich in Europa entwickelt hat.
Ich erhielt also Befehl, alle diese Dinge kommen zu lassen und die Aufstellung zu überwachen. An Köchen und Küchenjungen, an Spülmädchen und Waschfrauen war kein Mangel. Sie gingen und kamen und wunderten sich. Hin und wieder ließ sich eins oder das andere dieser Mitglieder des Kochheeres herab, einen Handgriff zu tun. Da aber das Heer so groß war, konnte die Arbeit des einzelnen entsprechend klein sein, solange nur genug zu essen vorhanden blieb. Und daran mangelte es in der Küche des Gaekwar von Baroda nie.
Nun sollte ich, der erste und einzige Europäer, der jemals am Hofe des Gaekwar gewesen war, auch die Zubereitung!, die Zubereitung der europäischen Speisen! auf europäische Art -- der Fürst legte, wie schon gesagt, Wert auf Gründlichkeit, und daß jedes Ding von Anfang an auch richtig angefaßt werde -- überwachen.
Ich war schon dabei, mir zu überlegen, wie ich, um ganz gründlich zu verfahren, mir ein authentisches, europäisches Oberkoch-Küchenchef-Gewand beschaffen könne, als meine damals noch recht geringen Kenntnisse der indischen Sitten und Gebräuche und vor allem der komplizierten Kastenvorurteile schnell und eindringlich bereichert wurden.
So sehr der Gaekwar auch bereit war, Europäisches einzuführen, so war er trotz allem doch gezwungen, die Meinung seiner Religionsgenossen zu berücksichtigen. Dazu stand er stark unter dem Einfluß seiner Gemahlin, der Maharani, die wiederum ganz dem Drucke der gewissenlosen und hinterlistigen Brahminenpriester verfallen war.
Selbstverständlich beabsichtigten diese auf ihren Einfluß eifersüchtigen Brahminen von allem Anfang an ihr Möglichstes zu tun, um mir, dem ersten Weißen, der in die inneren Kreise des streng abgeschlossenen indischen Fürstenhofes Zutritt erlangt hatte, zu schaden.
Für sie war der Befehl des Gaekwar, ich solle die Zubereitung der Speisen für seine Europäisierungsgelage überwachen, anscheinend eine Ungeheuerlichkeit, gegen die der Untergang der Welt als nebensächliches Ereignis verblassen würde.
Als ich der erhaltenen Anordnung nachkommen wollte, trat mir der Oberhofmarschall an der Spitze sämtlicher Maharatten und Brahminen-Oberköche entgegen und bedeutete mir, unter allen Zeichen der tiefsten Erregung, daß ich die so schöne europäische Küche nicht betreten dürfe, denn dies würde gegen die Kasten-Skrupeln des Maharadscha und seiner Angehörigen, sowie der Gäste verstoßen. Die Speisen zu berühren oder zu kosten wäre gleichfalls ein Sakrilegium schlimmster Art und würde sie einfach ungenießbar machen.
Also die Küche, die ich leiten sollte, durfte ich nicht betreten, denn in Punkten des religiösen Zeremoniells war der Gaekwar ebenso machtlos wie etwa ich selbst.
Doch ich wollte versuchen, wenigstens im Speisesaal nach dem -- europäisch -- Rechten zu sehen, und mich, nachdem die Gäste von den Speisen gegessen hätten, durch Kosten von der richtigen Zubereitung überzeugen, um gegebenenfalls beim nächsten Male Übelstände abstellen zu können. Doch auch dies erwies sich als undurchführbar, da ich auch den Speisesaal nicht betreten durfte, ehe nicht alles abgedeckt war.
Folglich hatten meine Bemühungen, den Plänen des Gaekwar entgegenzukommen, wenig Aussicht auf Erfolg. Und ich sah auch sehr bald, daß den Herren der Hofgesellschaft der Gedanke ihres Gebieters keine rechte Freude bereitete.
Die ganze „Esserei“, um nicht von „Vielfresserei“ zu sprechen, hatte mit Europa kaum die Namen der Speisen gemein. Sie wurde am Anfang zweimal wöchentlich abgehalten. Doch keiner der Gäste fühlte sich glücklich, Messer und Gabel zu handhaben. Weiße wurden nie dazu eingeladen. Erst wenn der neue Gang, das unvermeidliche Nationalgericht „Curry mit Reis“, auf den Tisch kam, begannen die Gesichter der Geladenen aufzuleuchten. Jetzt konnten sie doch wenigstens sich mit Suppenlöffeln ordentliche Mengen zuführen, was ihrer Gewohnheit, sich den Mund mit den Fingern vollzustopfen, doch etwas näher kam, als die mühevolle Arbeit mit Messer und Gabel!
Doch schon das Zusammenessen an sich der verschiedenen Herren dieses Hofes bereitete die größten Schwierigkeiten. Mit dem Gaekwar zusammen saßen nur die Maharatten und Radschputen, Angehörige der Kriegerkaste. Die Parsi und die Mohamedaner saßen getrennt für sich an besonderen Tischen, die aber nicht auf demselben Teppich stehen durften. Wurden einheimische Christen eingeladen (Goanesische Staatsbeamte), so mußte auch für diese ein besonderer Tisch aufgestellt werden. Doch alle diese Letzteren durften nicht in dem gleichen Raume mit dem Gaekwar sitzen. Dies war nur den Angehörigen höherer Kasten, sowie Brahminen gestattet, die aber, auf ihre Würde bedacht, es mit allen Zeichen des Abscheus ablehnten, auf diese Weise zu speisen.
Mancher von ihnen jedoch, der mich in meinem Hause besuchte, nahm dort keinen Anstoß, in derselben Weise mit mir zu Tisch zu sitzen, die er im „Schloß des Glückes“ entsetzt ablehnte!
Während des Essens wurde gegessen. Dies war der augenscheinliche und nächstliegende Zweck. Zum Unterhalten hatte man noch immer Zeit. Und die nützliche Beschäftigung des Speisenverschlingens wurde nur durch die unangenehme Mühe behindert, die ein Jeder aufwenden mußte, um die anderen in der Handhabung der Bestecke zu beobachten, denn in Gegenwart des Gaekwar wollte sich keiner eines Verstoßes gegen die von dem Herrscher so hochgeachteten Gebräuche des fernen Europa zu schulden kommen lassen. Auch entschädigte ja die gute und reichliche Mahlzeit, die er ihnen als freigebiger Erzieher vorsetzen ließ, für seine sonst ziemlich unverständliche Eigentümlichkeit.
Daher lag über diesen halbwöchentlichen Erziehungsschmausereien eine sachgemäße Stille. Nur das Grunzen oder Rülpsen der Zufriedenheit des einen oder des anderen der Höflinge, der damit die baldigen Grenzen der Leistungsfähigkeit seines inneren Menschen andeuten wollte, unterbrach das laute, eintönige Schmatzen, mit dem die Minister, die hohen Staatsbeamten und Offiziere des Gaekwar von Baroda ihren vertilgerischen Lernpflichten nachkamen.
Getränke wurden bei diesen Mahlzeiten nicht gereicht, nicht einmal Wasser. Erst nach Tisch begaben sich die Gäste in den Hof des Palastes, wo die „Bisti“ -- Wasserträger -- ihnen am Brunnen Gelegenheit boten, sich den Mund zu spülen, was unter ohrenbetäubendem Lärm vor sich ging.
Nach einiger Zeit sah denn auch der damals noch junge Maharadscha ein, daß seine Bemühungen, durch Vermittlung seiner Hofgesellschaft europäische Begriffe unter seinen Untertanen zu verbreiten, nur zu einer Verbreiterung des Leibesumfanges der einzelnen führte, ihren Geist aber nicht zu erleuchten geeignet war. Daher stellte er diese kostspieligen Lehrfütterungen ein und setzte sich nur im Kreise vertrauter Freunde in europäischer Weise zu Tisch.
Mir machte er keine Vorwürfe, denn er begriff, daß ich ebensowenig wie er selbst etwas gegen die Macht der Brahminen ausrichten konnte. Ich hatte auch genug mit der Einrichtung von „Luxmi Vilas“ und der Unterbringung und Verpflegung der zahlreichen Staatsgäste, die sich in Baroda in ständiger Folge ablösten, zu tun.
Dadurch wurde mir aber Gelegenheit geboten, mich in umfassender Weise sportlich zu betätigen. Nicht nur nahm ich stets an den oft großartigen Jagden teil, deren Anordnung und Beaufsichtigung mit zu meinen Pflichten gehörte, sondern als Mitglied des ‚Baroda Polo Team‘, der einer der besten im westlichen Indien war, gelangte ich in diesem ebenso aufregenden wie höchstes Reitgeschick erfordernden Spiele bald zu großer Fertigkeit.
Doch dies waren nur die ersten oberflächlichen Eindrücke eines Neulings am Hofe des Maharadscha Siyadschi Rao von Baroda. Einige der Erfahrungen, die ich in den fünf Jahren meines dortigen Aufenthaltes sammeln konnte, werde ich in den folgenden Kapiteln erzählen. Heiteres, Ernstes, Trauriges, Verheißungsvolles und Trübes wird sich in knappen Bildern entrollen; alles aber auf dem Boden ruhiger objektiver Beobachtung, geschärft vielleicht und deutsch beleuchtet von dem sich durch immer wachsende Erfahrung allmählich an das harte, grelle Licht der indischen Sonne gewöhnenden Blicke eines Deutschen.
Zum Verständnis aber der Verhältnisse sollen die folgenden Seiten zunächst auch einen Überblick über die sonderbaren Geschicke der beiden Fürsten selbst geben, mit denen die Laune des Zufalls mich während so langer Jahre in enge Berührung brachte: dem feinsinnigen, stolzen, gewissenhaften Gaekwar von Baroda, Maharadscha Siyadschi Rao, und der phantastischen Gestalt des starrköpfigen, sehr menschlichen Menschen, Dschagatdschit Singh, Maharadscha von Kapurthala.
III.
Die Gaekwar von Baroda
Baroda, zu dessen Fürstenhofe ich damals gehörte, ist unter den fast fünfhundert Vasallenstaaten des britisch-indischen Kaiserreiches einer der größten und wichtigsten. Es liegt an der Westküste Indiens, in der Provinz Gutscherat und wird von den Gaekwari, die zu den in der indischen Geschichte berühmten Maharattenfürsten gehören, beherrscht.
Gaekwar bedeutet „Hüter der Kuh“, und schon der Name weist auf das große Ansehen der Familie hin. Ist doch die Kuh dem Hindu das heiligste aller Tiere, denn von ihrer Milch können Säuglinge genährt werden. Wie schon erwähnt, steht auf das Töten einer Kuh die Todesstrafe. Ihr Fleisch darf kein Hindu anrühren. Sogar Schuhe aus Rindleder darf kein Hindu wissentlich tragen. So sind die „Hüter der Kuh“ die vor allen anderen von den Göttern Auserlesenen. Als besonderer Stamm sind sie über das ganze Land verstreut. Ihrem ehrenvollen Namen entsprechend sind sie fast ausschließlich Viehzüchter und landbesitzende Bauern und Krieger.
Die Maharattendynastie, der die Gaekwari von Baroda angehören, wurde von dem Fürsten Sewagi gegründet, der ein Abkömmling des Radscha von Tschittore war, der ältesten Herrscherfamilie im Westen von Indien. Er legte als Radscha von Satarah den Grundstein des großen Maharattenreiches, das sich unter ihm von Ahmedabad bis nach dem heute portugiesischen Goa, die Westküste Vorderindiens entlang, erstreckte und im Innern an die Reiche der Fürsten von Mysore, von Haiderabad und an die Gebiete des Großmogul grenzte.
Der erste Minister Sewagis war ein Brahmine, der den Rang eines obersten Magistrats bekleidete und als solcher den Titel „Peischwa“ führte. Rang und Titel sind noch heute in vielen indischen Staaten erblich.
Dieser erste Peischwa erhob sich nach Sewagis Tode gegen dessen Sohn, den er im Stammschloß seines Vaters, in Satarah, als Gefangenen hielt und von allen Regierungsgeschäften ausschloß. In der Folge blieb die Herrschaft der Familie der Peischwa als eine Art Brahminen-Priesterherrschaft bis zum Niedergang der Maharatten-Dynastie im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ungestört bestehen.
Einer dieser Peischwa, genannt Bajett Rao, war sogar in dem grausamen Indien durch seine Grausamkeit berüchtigt. Die von ihm am liebsten verhängte Todesstrafe war die „am Bambus“. Es wird dazu eine mit sehr schnell wachsenden, nadelscharfen Sprossen versehene Bambusart gebraucht, auf die der zum Tode Verurteilte so befestigt ist, daß die in einer Nacht um über Fingerlänge treibenden, eisenharten Spitzen der Zweige in qualvoller Langsamkeit, aber unaufhaltsam, seinen Körper durchbohren.
Auch der berühmte Nana Sahib, der Führer des Sipahi-Aufstandes von 1857, entstammte der Peischwa-Familie, unter die alle Fürsten der Maharatten sich beugten, wie der Maharadscha Holkar von Indore, Scindia von Gwalior im Inneren Indiens, der Gaekwar von Baroda, und kleinere, wie der Radscha von Kolapur und einige der Radschputfürsten in der Provinz Kathiawar. Heute sind sie alle Vasallen des britisch-indischen Kaiserreiches, das die Eingeborenen mit „Sirkar“ bezeichnen.
Als 1802 die Ostindische Kompagnie, die „John-Kompagnie“, unter der Leitung des Generals Wellesley, des späteren Herzogs von Wellington, ihre Besitzungen von Kalkutta aus weiter nach Westen auszudehnen suchte, gelang es ihr, in dem damaligen Gaekwar von Baroda einen kräftigen, in den Eigenschaften der Falschheit, Treulosigkeit und Selbstsucht nicht zu übertreffenden Bundesgenossen zu finden.
Gegen das Versprechen der Engländer, ihn als selbständigen Herrscher über die Gebiete, die er für die Peischwa-Familie verwaltete, anzuerkennen, verriet er ihnen seine Maharattenbundesfürsten, den Scindia von Gwalior, den Holkar von Indore und den Radscha von Berar, wodurch der Sturz auch der Brahminenfamilie der Peischwa unvermeidlich wurde. Dieses Abkommen hat England stets auf das genaueste gehalten. Auch heute noch genießt der Staat Baroda viele Privilegien. Er braucht keinen Tribut zu entrichten und kein Truppenkontingent zum Dienste in die anglo-indische Armee zu stellen.
Baroda beteiligte sich auch nicht an dem Aufstande der Sipahi. Es wurde zu jener Zeit von dem charaktervollen, strengen und gerechten Maharadscha Khanda Rao Gaekwar regiert, der als tapfer im Kriege und unerschrocken auf der Jagd bekannt war. Von ihm wird erzählt, daß er den gefährlichen Leoparden und den wilden Eber zu Pferde zu jagen gewöhnt war und vom Sattel aus beide mit dem „Tulwar“, dem krummen Maharattenschwert, zu erlegen vermochte. Nur wer weiß, welche Fertigkeit und Übung dazu gehört, diese Tiere beritten mit der Lanze anzugehen, kann ermessen, wie gewandt und kräftig dieser Gaekwar von Baroda gewesen sein muß.
Als er starb, ohne Kinder zu hinterlassen, folgte ihm sein Neffe, Malar Rao. Grausam, despotisch, habsüchtig, begann er seine Regierung damit, den eigenen Bruder als Staatsgefangenen in einen eisernen Käfig zu sperren, der mitten in der Stadt an einem Wachtturm angebracht wurde. Der Sold der Soldaten wurde einbehalten. Die Gehälter der Beamten wurden nicht ausgezahlt. Dafür stand es beiden Klassen frei, sich durch Bedrückung, durch Raub und Erpressung der Einwohner schadlos zu halten. Wer es wagte, sich bei dem Maharadscha zu beklagen, dem ließ er nicht viel Zeit, diesen voreiligen Schritt zu bereuen.
Selbstverständlich kamen diese Tatsachen sehr schnell auch zu den Ohren des englischen Residenten, der als Vertreter des Vizekönigs jedem bedeutenderen indischen Fürsten zwecks Vermittlung zwischen dem Vasallenstaat und der britisch-indischen Regierung beigegeben wird. Es ist natürlich seine geheime Aufgabe, die Loyalität der Fürsten und ihrer Minister zu überwachen, sowie stets daran zu erinnern, daß der britisch-indischen Regierung das Wohlergehen des ganzen Landes am Herzen liege, und daß sie nicht tatenlos zusehen könne, wenn durch die Schuld der heimischen Verwaltung die Bevölkerung Schaden leide.
Die Stellung eines Residenten ist nicht nur wegen der damit verbundenen Machtfülle unter den englischen Beamten und Offizieren sehr begehrt. Alle diese Posten beziehen ein sehr hohes Einkommen, und stets steht ein fürstlich ausgestattetes, oft schloßartiges Landhaus als Dienstwohnung zu ihrer Verfügung. Die Hauptarbeit liegt im „Augen-offen-halten“. Die einzige Anstrengung ist Sport. Dazu kommt das Ansehen als Vertreter des „Bara-Lord-Sahib“ von Indien, des Vizekönigs, dem die Fähigkeit, bei allen Gelegenheiten eindrucksvoll und überlegen, unerschütterlich und erhaben aufzutreten, Rechnung tragen muß. Jedoch, ein Resident wird umso besser sein, desto geräuschloser und selbstverständlicher er den Fürsten und ihren Ministern stets und immer die absolute Allmacht des britischen Radsch -- des britischen Kaiserreiches -- einprägen und vor Augen halten kann.
In vielen Angelegenheiten nun braucht aber jeder indische Fürst die Zustimmung des Vizekönigs, die oft wieder von der Ansicht des Residenten bestimmt wird. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Fürsten sich oft bemühen, ihn durch Geschenke für sich zu gewinnen. Dies erfordert aber einen ganzen Apparat. Zunächst muß ein besonders beredsamer und geschickter Vertrauter, von denen die indischen Fürsten sich meistens mehrere halten und die den Titel „Wakil“ führen, mit dem Haushalte des Residenten Berührung suchen, um dort jemanden zu gewinnen, der, auch wenn er nicht das Ohr des Residenten besitzt, doch in der Lage ist, mit seiner Frau in Verbindung zu treten.
An allen indischen Fürstenhöfen ist es Brauch, der Gemahlin des Residenten tagtäglich durch einen „Jamadar Mali“, einen Obersten der fürstlichen Gärten, mehrere Körbe mit Früchten, Gemüse und Blumen zu übersenden, was als Ausdruck der Ergebenheit des Herrschers gelten soll.
Wenn ein Maharadscha wünscht, die Gattin des Residenten durch ein „Nusser“, ein Geschenk, dazu zu bestimmen, sich zugunsten eines seiner Wünsche bei ihrem Gemahl zu verwenden, so wird zwischen den Früchten des einen Korbes ein Geschenk versteckt, und der zungenfertige Wakil des Fürsten erscheint zur gleichen Zeit wie die Sendung auf der Bildfläche. Mit Hilfe eines Dieners aus dem Haushalte des Residenten, dessen er sich vorher versichert hat, wird dann der betreffende Korb als besonders schön unter großem Wortschwall der Gattin des Residenten gebracht, die nicht so ahnungslos ist, nicht zu wissen, worum es sich handelt. Untersucht sie den Korb in ihrem Zimmer, so findet sie, sei es ein Schmuckstück, sei es einen Leinenbeutel mit Goldmohuren zwischen den Blumen und Früchten.
Sollte der Wakil des Maharadscha zur Rede gestellt werden, so gibt er unverlegen den Zweck des Geschenkes zu und stellt weitere in Aussicht, wenn es nur möglich sei, die Bitte seines Herrn mit einer kleinen Fürsprache bei dem Residenten zu unterstützen. Sonst muß die von dem Wakil gewonnene Vertrauensperson im Hause des Residenten die nötigen Aufklärungen geben, sollte die Herrin nicht selbst schon, wie gewöhnlich, wissen, worum es sich handelt.
Das Versprechen einer Fürsprache verpflichtet einem „~damned nigger~“, einem „dreckigen Neger“, gegenüber doch zu nichts, und der Erfolg der Fürsprache ist zum Schluß auch nicht die Sache der Geschenkempfängerin, die sich so ohne Gewissensbisse auf Kosten des Fürsten bereichert.
Dieses Spiel versuchte nun auch Malar Rao, als der Resident zu Baroda ihn auf die Folgen der Mißwirtschaft hinwies, die seine Minister sich erlaubten. Eine Beeinflussung des betreffenden Residenten erwies sich aber nicht als durchführbar, schon weil die maßlosen Bedrückungen, die der Maharadscha sich zuschulden kommen ließ, überall bekannt waren, also auch dem Vizekönig zu Ohren kommen mußten. Malar Rao beschwerte sich daher kurzer Hand selbst bei dem Vizekönig und verlangte die Absetzung des Residenten, was die Klugheit der Regierung ohne weiteres bewilligte. Bei seinem Nachfolger wiederholte sich dasselbe Spiel. Wiederum beschwerte sich der Maharadscha und wiederum beeilte sich die anglo-indische Regierung, den Residenten abzurufen, um diesmal einen Offizier, Oberst Phayre mit Namen, an dessen Stelle zu entsenden.
Dieser machte den Maharadscha darauf aufmerksam, daß er entweder zu geordneten Zuständen zurückkehren müsse, oder aber der „Sirkar“ werde die Zügel der Regierung selbst in die Hand nehmen. Auf die erneuten Proteste des Fürsten blieb die Regierung zunächst stumm. Endlich traf eine Mitteilung des Vizekönigs ein, in der dieser den Maharadscha darauf aufmerksam machte, daß der Resident sein vollstes Vertrauen besitze und besonderen Auftrag habe, genaue Berichte über die Verhältnisse in Baroda zu senden.
Dies versetzte Malar Rao in maßlose Wut, die er zuerst an seinen Untertanen ausließ, bis er beschloß, den Residenten zu vergiften. Zu seiner Beseitigung sollte ihm mit seinem Morgentrunk fein geriebener Diamantenstaub gegeben werden. Es ist dies ein absolut sicheres Tötungsmittel; nicht nur kann es nicht geschmeckt werden; es ist auch völlig geruchlos und ist selbst in klarem Wasser nicht erkennbar. Im Innern des Körpers verursacht es unheilbare Entzündungen, die langsam aber sicher zum Tode führen. Ein Diener des Residenten wurde bestochen, den Anschlag auszuführen. Herr Phayre war jedoch nicht umsonst schon lange in Indien gewesen und wußte sehr wohl, welche Gefahren ihn am Hofe des Maharadscha von Baroda umgaben. So genügte eine Unvorsichtigkeit in den Vorbereitungen, die Verschwörung aufzudecken.
Als Malar Rao das Mißlingen seines Anschlages erfuhr, glaubte er, daß auch dem Residenten Geiz und Habsucht das Höchste seien, und sandte ihm drei Ochsenkarren mit Säcken von Rupien, um ihn zum Verschweigen des „unliebsamen Vorfalls“ zu bestimmen. Der Resident aber behielt die Karren, so wie er sie erhalten hatte, als Beweisstück für die Schuld des Maharadscha an dem Verbrechen.
Auf Befehl des Sirkar mußte der Fürst sich nun zunächst auf sein Sommerschloß Makapura zurückziehen, wo er unter strenger Bewachung stand, bis der gegen ihn anhängig gemachte Prozeß entschieden war.
Bei dem noch nie dagewesenen Ereignis verfuhr die englische Regierung mit einer mehr als bedenklichen Loyalität und Gerechtigkeit gegen den Maharadscha Malar Rao, um in ihrer diplomatischen Art jeder unangenehmen Rückwirkung der Behandlung des vornehmen Gaekwar von Baroda auf die anderen Vasallen vorzubeugen. Drei der angesehensten Fürsten, der Maharadscha von Dschaipur, ein Radschput, der von Indore und der von Gwalior, die beide Maharatten waren, wurden vom Vizekönig gebeten, dem Urteil als Schiedsrichter beizuwohnen. Die Verteidigung des Gaekwar wurde den besten Anwälten Indiens und Englands anvertraut, darunter auch dem damals wohl berühmtesten Londoner Rechtsanwalt Sergeant Ballantine.
Der Mordversuch gegen den Residenten wurde in den Verhandlungen überhaupt nicht erwähnt. Im Urteil wurde Malar Rao der Regierung unfähig befunden, abgesetzt und nach der Provinz Madras verbannt, wo ihm in Arkonum ein Palast und ein bedeutendes Einkommen aus den Steuererträgnissen des Staates Baroda zugebilligt wurden. Seine Minister dagegen wurden nach der Sträflingskolonie auf den abgelegenen Andamaninseln deportiert.
Bemerkenswert ist an dieser Episode die hervorragende Einfühlung der indischen Regierung in die Anschauungen der Vasallenfürsten, die jeden Eingriff in den Rest ihres Scheinkönigtums auf das bitterste empfinden. Um sie nicht zu verletzen, gab die englische Regierung trotz der offensichtlichen Mißwirtschaft in Baroda zweimal dem Ansuchen auf Abberufung ihres Residenten nach. Auch die vollständige Vernachlässigung des Mordanschlages auf Herrn Phayre beruhte auf ähnlichen Erwägungen, da bei einem Verfahren in dieser Angelegenheit der Urteilsspruch nur auf „Tod durch den Strang“ hätte lauten können, dessen Ausführung oder Nichtausführung gleich schwierige Fragen aufgerollt haben würde.