Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 10

Chapter 103,607 wordsPublic domain

Nun gilt Disqualifizierung durch den ~Kalkutta Turf Club~ ebenso wie in Indien auch in Australien und in Ägypten. Um sie zu umgehen, war der Verkauf an mich mit allen Einzelheiten veröffentlicht worden. Dann kam der so glaubhafte Schlangenbiß, der durch meine, eines völlig Unbeteiligten, Vermittlung unter meinen vielen Turf-Bekannten auf völlig unauffällige Weise verbreitet wurde. Der Weg war frei, und der tote „Mulberry“ konnte für den „inneren Ring“ wieder auferstehen, um nach einigen überlegenen Siegen durch Zügelverhalten und ähnliche Leistungen die Taschen seiner unauffindbaren und unbekannten Besitzer zu füllen. Ob der englische Oberst außer Dienst zu ihnen gehörte, konnte ich nicht entscheiden. Und ob ich seine Geschichte glaubte oder nicht, war meine Sache. Aber ändern ließ sich an der Schiebung nichts, es sei denn, ich setzte ganz Indien in Bewegung. „Mulberry“ wäre dann möglicherweise zum zweiten Male gestorben und hätte mir als einziges Beweisstück für meine Behauptung recht gefehlt.

Jockeys

Für alle solche Sachen sind die indischen Jockeys nur allzu leicht zu haben. Englische Berufsjockeys verirren sich recht selten jenseits Suez. Die australischen Bundesbrüder und Berufsgenossen sind zu wenig entgegenkommend. Um ihre eigenen Kreise nicht stören zu lassen, dulden sie nur Australier auf den indischen Rennplätzen. Sie wissen, daß sie sich auf ihre Landsleute aus Australien in allen dunklen Renn-Machenschaften verlassen können! Sollte jemals ein nicht australischer Jockey es wagen, in Indien in den Sattel zu steigen, so scheuen die Braven aus Australien auch nicht vor einem Mord zurück. Im Flachrennen drängten sie einen englischen Berufsgenossen, der es gewagt hatte, nach Indien zu kommen, so an den Hang, daß er mit seinem Pferde zu Tode stürzte. Natürlich konnte man den Übeltätern nichts beweisen.

Eher gestatteten sie noch indische Jockeys als Mitreiter, denn mit ihnen ist immer eine Verständigung möglich. Auch sind sie keine Spielverderber, wenn es sich um einen Gewinn handelt. Dabei machen die Inder keine großen Ansprüche und sind im schlimmsten Falle unschwer einzuschüchtern.

In Bombay und Poona sind von arabischen und indischen Rennstallbesitzern Inder als Jockeys angestellt, meistens Mohamedaner, für arabische Pferde. Doch der Turf-Klub hat stets große Bedenken, einem Inder das Patent als Rennjockey auszustellen. Sie sind stets bestechlich und immer für unlautere Tricks zu haben. Außerdem sind sie Stümper. Sie haben weder den Verstand noch die feinen Nerven, die unerläßlich für einen Rennreiter sind. Vor allem aber haben sie kein Handgelenk. Ihre harte Faust reißt den Pferden viel zu sehr ins Maul.

So ist das indische Rennleben, von welcher Seite man auch mit ihm in Berührung kommen mag, eine recht indische Angelegenheit, erfüllt mit Lug und Trug, mit Intrigen und Geldgier. Mögen sich nun vizekönigliche Sekretäre mit Renngeschäften befassen oder mögen unwissende Inder als gelehrige Schüler bei den durch und durch verrohten Abkömmlingen früher nach Australien deportierter englischer Diebe, Mörder und Totschläger in die Schule gehen.

Nur die Pferde bleiben stets dieselben. Treu und anhänglich dem, der sie gut behandelt und ihnen mit Verstand und Freundlichkeit entgegenkommt, ob sie nun in Indien geboren sind oder aus England stammen, oder ob die freie Wüste Arabiens die Heimat ihrer Jugendjahre war. Allein die aus Australien eingeführten Tiere geben durch ihr Benehmen von der hohen Kultur seiner Bewohner Zeugnis, und es dauert stets lange, ehe sie begreifen lernen, daß es auch andere Menschen als ihre heimatlichen Rohlinge auf Erden gibt.

VIII.

Hindu-Indisches

Diesen mehr von Europäern gepflegten sportlichen Betätigungen, Jagden auf Antilopen, Eberjagden und Pferderennen stellen sich mannigfache Jagdgelegenheiten rein indischen Charakters zur Seite. Eine der interessantesten ist die Falkenbeize auf Enten.

Wildenten

Obgleich zur kalten Jahreszeit große Züge Wildenten, besonders in den Nordwest-Provinzen Indiens einfallen, so ist es doch nicht leicht, zum Schuß auf sie zu kommen. Mit großer Vorsicht suchen sie die Mitte der Gewässer auf oder die Nähe von Ufern, die von jedem Gebüsch entblößt sind. Bei der geringsten Gefahr steigen sie auf und gehen schnell so hoch, daß sie auch für ein Rohr Nr. 4[7] nicht mehr erreichbar sind. Lockvögel, die ich aus Europa kommen ließ, verfehlten ihren Zweck. Die Wildente in Indien schien ihnen nicht zu trauen. Vielleicht auch, weil sie in so großer Zahl zusammenbleiben.

Die einzige Möglichkeit, mit der Aussicht auf eine größere Strecke auf sie zum Schuß zu kommen, bietet der indische Treibfalke. Nachdem die Jäger sich um das Gewässer verteilt haben, läßt der eingeborene Jagdgehilfe einen oder zwei Falken steigen. Sobald die Enten -- seltener findet man, und nur auf den großen Flüssen, Gänse -- den Raubvogel bemerken, fliegen sie auf und umkreisen in geringer Höhe die Wasserfläche. Bevor nun der Falke sich sein Opfer gewählt hat und darauf niedergestoßen ist, werden die über dem Wasser unruhig durcheinanderfliegenden Tiere von den Jägern beschossen. Während dieser kurzen Zeit können bei der großen Zahl der Züge hunderte von Enten erlegt werden.

Hat der Falke sein Opfer in den Fängen und bereitet sich vor, es zu verzehren, so eilt der Wärter auch schon herbei und streift ihm die Augenkappe über. Manchmal verfehlt der Falke sein Ziel, in welchem Falle er nicht wieder in die Höhe steigt, sondern sich beschämt auf einem benachbarten Felde niederläßt, von wo ihn sein Wärter durch Rufe und unter dem Schwenken eines an einem Strick befestigten Entenflügels herbeilockt. Nur selten geschieht es, daß er diesem Rufe nicht folgt. In diesem Falle muß er eingefangen werden, wobei man die Stelle, an der er sich befindet, an dem Tönen einer kleinen Schelle erkennt, die ihm angeschnallt ist.

Die Kaste der Bauri und ebenso die Bhils, eine arme, verachtete Klasse der Landarbeiter, jagen Enten auf eine einfachere Art. Da in der kalten Jahreszeit die meisten Gewässer nur wenig Wasser haben, macht der Bauri oder der Bhil sich auf, sie mit der Hand zu fangen. Nachdem er die Stelle erkundet hat, wo ein größerer Zug Wildenten eingefallen ist, bewaffnet er sich mit einem großen, irdenen Topf, dessen Seiten von Löchern durchbrochen sind, und befestigt einen Sack an seinem Gürtel. Am Wasserrande angelangt, stülpt er sich den Topf über den Kopf und watet, bis an die Schultern sich im Wasser haltend, langsam und vorsichtig auf die Entenschar zu. Durch Behutsamkeit und Erfahrung gelingt es ihm, mitten unter sie zu gelangen. Dann ergreift er eine nach der andern bei den Füßen, zieht sie mit raschem Griff unter die Oberfläche und erstickt sie lautlos, um sie in den Sack an seinem Gürtel zu stecken. Auf den Märkten der Nordwest-Provinzen erhält er nicht mehr als 2 Anna oder 30 Pfennig für die so gefangene Ente, weil auf diese Art erlegtes Geflügel in Indien nicht besonders geschätzt wird.

Wachteln

Die den Eingeborenen liebste Art, Vögel zu fangen, ist das Fallenstellen. Wachteln werden in großen Scharen durch Lockhähne unter Netzen gefangen. Die Wachteln, die auf indische Art, mit „Curry und Reis“ zubereitet, ganz besonders wohlschmeckend sind, wenn man sie nur nicht zu oft vorgesetzt erhielte, waren so zahlreich, daß man für 5 Rupien oder etwa 7,50 Mark ein ganzes Hundert lebendig kaufen konnte. In einem dunklen Raum bleiben sie lange Zeit am Leben. Der Boden wird leicht mit feinem Sand bedeckt, und die Wachteln werden nur gelegentlich in einen im Freien stehenden Drahtgitterkäfig zum Laufen herausgelassen.

Die Zeit des Wachtelfanges ist der März, wenn das Korn reift. Am Vorabend des Fanges werden in den betreffenden Feldern etwa sechs verhüllte Käfige mit Wachtelhähnen an verschiedenen Bäumen aufgehängt. Bis zum Morgen haben sich mit Sicherheit große Scharen von Wachteln, von dem Schlagen der Hähne in den Käfigen angelockt, versammelt. Zwei bis drei gute Schützen schießen in einigen Stunden mit Leichtigkeit vierzig bis sechzig Paar.

Rebhühner dagegen sind in Indien selten. Dafür gibt es die „~sand grouse~“; die echte „~grouse~“ lebt nur im schottischen Hochlande. Ihr indischer Vetter findet sich besonders zahlreich in sandiger Gegend und bietet dem geduldigen Jäger eine ebenso schmackhafte wie zufriedenstellende Beute.

Wilde Elefanten

Das für Indien besonders bezeichnende Tier ist unzweifelhaft der Elefant. Stolz thront sein Ansehen über dem aller anderen Lebewesen. An keinem Fürstenhofe darf er fehlen. Bei allen Paraden und Prunkvorstellungen spielt er die erste Rolle. Auf seinem Rücken reitet der Herrscher unbeweglich, stolz und würdevoll durch die Menge seiner Untertanen, und in einigen Tempeln Hinter-Indiens wird dem Dickhäuter sogar göttliche Ehre erwiesen.

Mir unterstanden in Baroda über dreißig ausgewählte prächtige Tiere. Der Maharadscha von Kapurthala dagegen hatte nur etwa zwölf Elefanten in seinen Ställen.

Zu Besuch bei dem Maharadscha von Rewa im Gebiete Teraj an den Grenzen von Nepaul hatte ich einmal Gelegenheit, am Einfangen von wilden Elefanten mit Hilfe zahmer Jagdelefanten teilzunehmen. Trotzdem ich an Jagdstrapazen aller Art gewöhnt war und gern jede sportliche Möglichkeit benutzte, so würde ich es mir sehr überlegen, diese besondere Art von Jagd nochmals zu unternehmen.

Durch Treiber war eine Herde wilder Elefanten ermittelt worden. Es kam nun darauf an, ein besonders starkes, mit vollen Stoßzähnen versehenes Tier von der Herde zu trennen. Sechs von „Mahout“ -- Elefantenführern -- geführte zahme Tiere stehen bereit, den von seinen Gefährten abgetrennten wilden Elefanten einzuholen und einzukreisen. Es muß gelingen, ihn von allen Seiten so einzuschließen, daß er zwischen den Leibern und Stirnen der anderen wie eingemauert steht und trotz allen Widerstandes dorthin gebracht werden kann, wo man ihn haben will.

Auf dem Rücken der zahmen Elefanten liegt nur eine dünne Matte, notdürftig mit ein paar Seilen befestigt. Mehr hängend als sitzend befinden sich je zwei der Jäger, denen ich mich zugesellt hatte, auf jedem Elefanten und führen als einziges Jagdwerkzeug Ketten und Stricke mit.

Das Tier, auf dem ich voller Spannung Platz genommen hatte, war eins der besten und schnellsten aus dem Stalle des Maharadscha von Rewa. Das durch die Treiber von der Herde abgesonderte Tier wurde von unseren sechs zahmen Elefanten in weitem Abstande umstellt. Und nun begann die Jagd. Der wilde Elefant bot alle seine Schnelligkeit auf, die die eines galoppierenden Pferdes übertrifft, und raste davon. Gebüsch, Bäume, Sträucher knickten wie Streichhölzer vor ihm zusammen. Ohne jedes Besinnen brach er sich durch das Dschungel Bahn. Unsere Tiere, aufgeregt und voll Eifer, jagten in gleichem Rasen hinter ihm her, suchten ihm den Weg abzuschneiden, stürmten durch peitschende Zweige, abgerissene Äste, splitternde Bäume dem wilden Bruder nach.

Wie von der brausenden Hand des Sturmes gepackt, schwankten wir auf dem Rücken unseres Tieres durch das Dschungel, über offene Stellen, durch Gebüsch und Baumbestand. Von Sitzen oder Liegen ist keine Rede. Mühsam, mit dem Aufgebot aller Energie, hielt ich mich krampfhaft an irgendeinem der dicken Stricke geklammert, welche die Matte auf dem Rücken des galoppierenden zahmen Elefanten befestigten. Im Freien, in „höchster Fahrt“ schwankte er wie ein Fischkutter im Nordseesturm. Nur nicht loslassen! Bald wurde der Körper nach oben geworfen, wenn man an irgendeinem Baume einen Ast streifte, bald fiel man in plötzlichem Sturze an der Seite des Elefanten hinab, um im nächsten Augenblick wieder nach oben geworfen zu werden. Jetzt verfing sich ein Zweig unter dem Kinn und riß einem fast den Kopf ab. Dann wieder schwamm man, nur die Hände an dem Strick festgeklammert, in einem grünen Blättermeer, das einen über den Rücken des Elefanten hob, um irgendwie wieder darauf zurückzufallen. Und ständig schwebte mir dabei die Gefahr vor Augen, an irgendeiner abgebrochenen Astspitze aufgespießt, zwischen dem Leibe des mächtigen Tieres und einem Baumstamm wie eine Fliege zerquetscht oder bei irgendeiner Wendung ganz oder teilweise zerschmettert zu werden.

Und diese Hetzjagd auf den wilden Elefanten dauerte über eine Stunde; eine Stunde, wohl die längste meines irdischen Daseins, in der ich zu jeder Sekunde, ohne daß der dahinstürmende zahme Elefant es auch nur bemerkt haben würde, das Leben verlieren konnte, und das auf Arten, die selbst den überzeugtesten Selbstmordkandidaten einiges Bedenken einflößen dürften.

Endlich waren wir an den wilden Elefanten herangekommen. Wie auf Kommando lenkten die zahmen auf ihn ein, umringten ihn von allen Seiten und drängten ihre Leiber hart an den seinen. Starr und gewaltig wie Felsen schlossen die sechs riesigen Tiere des Maharadscha von Rewa ihren nicht minder mächtigen Bruder ein. Die eingeborenen Jagdgehilfen glitten zur Erde. Hin und her schwankte der Block der sieben Elefantenleiber. Wie sehr auch der Eingeschlossene drängte, sich zu befreien, die Zahmen hielten unerschütterlich stand. Zwischen den Beinen der Tiere arbeiteten die Gehilfen mit Ketten und Stricken, um die Füße des wilden Elefanten zu binden. Als dies geschehen war, wurde er langsam bis nach dem „Kedah“ -- der Umzäunung -- geschoben und dort bis zu seiner völligen Unterwerfung an einen starken Baum gefesselt.

Diese Stunde Elefantenhetze werde ich nie vergessen. Mein Anzug war selbstverständlich nur noch eine Erinnerung. Die Haut hing mir in Fetzen vom Gesicht, von Händen und Armen, und ich weiß nicht, von wieviel anderen Körperstellen. Ich blutete aus allen möglichen Rissen und Schrammen, und die blaue Oberfläche des Restes meines Körpers ließ nur an einzelnen Stellen erkennen, daß ich noch immer der weißen Rasse angehörte. Doch ich hatte festgehalten! Daß im wilden Dahinstürmen mir manchmal die Arme fast aus den Schultern gerissen worden waren, war mir gar nicht zu Bewußtsein gekommen. Ich hatte festgehalten! und fragte mich voller Freude, wieviel Weiße wohl jemals eine solche Urwaldfahrt mitgemacht haben mochten?

Die eingeborenen Jäger hatten wohl auch Verletzungen, Risse und Schrammen erhalten, doch viel weniger als ich. Ihre größere Geschicklichkeit, sich den Bewegungen des Elefantenkörpers anzupassen, gestattete ihnen, den Zweigen und Ästen leichter aus dem Wege zu gehen, indem sie sich, dicht an den Hals und Rücken des Dickhäuters geschmiegt, fest an ihn klammerten.

Zahme Elefanten

Der gezähmte Elefant im Stalle ist dagegen im normalen Zustande, das heißt, wenn er nicht krank oder in Aufregung ist, das ruhigste und friedlichste Tier, das man sich denken kann. Die den Elefantenwärtern, den „Mahout“, zugeteilten Jungen treiben die ganze Elefantenherde der Stallungen mühelos auf die Weide, wo sie die Tiere meistens sich selbst überlassen und ihre Zeit mit Spielen und Schlafen verbringen, bis die Herde abends wieder zurück in die Ställe muß.

Die Elefanten, die große Liebhaber von Zuckerrohr sind, beobachten die ganze Zeit über verstohlen ihre jugendlichen Hüter, um sich, sobald sie glauben, dies unbemerkt tun zu können, einer nach dem anderen vorsichtig „seitwärts in die Zuckerrohrbüsche“ zu schlagen. Sie sind aber viel zu klug, um dort zu bleiben, sondern fassen mit dem Rüssel nur so viel Zuckerrohrpflanzen, wie sie erraffen können, und beeilen sich, wieder mit der unschuldigsten Miene auf die Weide zurückzukehren. Wenn einer der Jungen den Elefanten auf seinem verbotenen Ausflug abfaßt, so läuft er mit viel Geschrei hinter ihm her, ruft ihm aus der in den indischen Sprachen so ausgebildeten Schimpfwörtersammlung die schönsten zu und schwingt weiter nichts als eine kleine Gerte, deren Hieb das Tier überhaupt nicht fühlen würde. Schuldbewußt macht der riesige Dickhäuter kehrt und eilt, seinen Platz auf der Weide wieder einzunehmen, von dem neben ihm winzigen Hütejungen angetrieben, den er, wenn er wollte, wie ein Insekt zertreten könnte.

Wenn nun auch der zahme Elefant im allgemeinen das gutmütigste und folgsamste Tier ist, so wird er unter gewissen Umständen doch zur rachsüchtigsten und gefährlichsten Bestie der Welt. Auch den in zu hohem Alter eingefangenen Elefanten ist nicht immer zu trauen, und es gibt selbst nach jahrelanger Abrichtung und Eingewöhnung bösartige und faule unter ihnen. Manche haben auch auf der Jagd eine unheilbare Verletzung erlitten, die sie dauernd in einer hochgradigen Reizbarkeit hält und zu jeder Beschäftigung unbrauchbar macht. Ich hatte im Staatsstall zu Baroda einen Elefanten, dem ein Tiger auf der Jagd das Ende des Rüssels abgebissen hatte. Seitdem war er nicht mehr zu benutzen. Jahraus, jahrein blieb er angekettet. Das Futter wurde ihm an einer langen Stange ins Maul geschoben, sonst wäre er verhungert. Doch trotz seiner Verstümmelung war er stets zum Kämpfen bereit und war an Gestalt und Kraft eins der stärksten Tiere des Stalles, das zu meiner Zeit kein Gegner in den Zweikämpfen bezwingen konnte, die an indischen Höfen zwischen Elefanten veranstaltet werden.

Dem gesunden Tiere kommt die Lust zum Kampfe nur in der Paarungszeit, die nicht vor dem vierzigsten Jahre eintritt. Man erkennt das Herannahen dieses Zustandes an einer wässerigen Flüssigkeit, die aus einem kleinen Riß zwischen Ohr und Auge zu sickern beginnt. Sobald dies bemerkt wird, muß der Elefant aus dem Stalle entfernt, muß in „Schutzhaft“ genommen werden, denn es überkommt ihn dann eine Art von Raserei, die man bei dem sonst so klugen und ruhigen Tiere fast als temporären Irrsinn ansprechen könnte. Der Elefant erkennt dann seinen eigenen Wärter nicht mehr. Zur Verhütung von Unfällen muß er fest angeschlossen werden, und sein Futter wird ihm auf einer langen Gabel gereicht. Von selbst nimmt er nichts zu sich.

In einem so großen Stalle, wie dem zu Baroda, tritt es öfter ein, daß mehrere Tiere zu gleicher Zeit „~mousty~“ werden, wie der Inder diesen Zustand nennt. Um sie für das Schauspiel eines Elefantenzweikampfes zur Hand zu haben, werden sie an einen der großen Bamiabäume, die überall gepflegt werden, in der Nähe der für diese Schaustellungen bestimmten Arena gefesselt.

Soll ein solcher Zweikampf zwischen den Tieren stattfinden, so werden sie mit gelockerten Ketten, die es ihnen gestatten, mit Vorder- und Hinterfüßen kurze Schritte zu machen, in die Arena getrieben, wobei der Wärter in respektvoller Entfernung von dem Rüssel bleibt. Die hölzernen Riegel der Tore werden vorgeschoben und, an die Mauer gelehnt, stehen sich die Gegner auf etwa 200 Schritt gegenüber. Schmale Öffnungen in der aus starken Holzplanken bestehenden Umzäunung, durch die ein Mann gerade noch schlüpfen kann, gestatten, sie von den letzten Fesseln zu befreien. Sobald die Tiere dies fühlen, stürzen sie zum Angriff. Mit lautem Krachen prallt Stirn gegen Stirn. Und schon ist über die Kräfteverteilung entschieden. Der Besiegte sinkt halbbetäubt in die Vorderknie. Kurze Zeit liegt er so unbeweglich, während der Sieger sich bemüht, ihm die Stoßzähne in die Seite zu bohren. Schwer verletzen kann er ihn nicht, denn die Spitzen der Zähne sind abgesägt.

Und ehe er in seiner blinden Kampfwut wirklichen Schaden anrichten kann, springen die Wärter mit ihren Gehilfen -- jeder Elefant hat einen Mahout und etwa acht bis zwölf Diener -- auf das Kampfpaar zu, schießen an lange Bambusstöcke befestigte Raketen vor ihren Köpfen ab und trennen so den Sieger von seinem unterlegenen Gegner. Die behendesten schlüpfen ihm zwischen die Beine und lähmen seine Bewegungen durch das Anlegen von breiten Ringen, die innen mit scharfen Eisenspitzen versehen sind, bis es gelingt, die Hinterfüße in Ketten zu legen.

Damit ist der Kampf beendet und meistens auch der „~mousty~“-Zustand des Tieres. Kurze Zeit darauf zeigt der Elefant wieder sein gewöhnliches Gebaren, ist wieder ruhig, phlegmatisch und fügsam, so daß nichts mehr an ihm an den wilden Berserker der Kampfarena erinnert.

In Baroda ereignete es sich, daß einmal ein Elefant, wohl in der Erinnerung an die bitteren Erfahrungen einer früheren Niederlage, sich weigerte, den Kampf aufzunehmen. Ohne den Angriff seines Gegners abzuwarten, stürzte er furchterfaßt auf die mit schweren Balken verschlossene Toröffnung zu und sprang mit den Vorderfüßen auf den obersten Riegel. Da erreichte ihn der andere. Im wuchtigen Anprall versetzte er ihm einen solchen Stoß, daß er mitsamt den geborstenen Balken ins Freie flog. Nun konnte nichts mehr die beiden wutentbrannten Tiere halten, die, blind vor Erregung, der Stadt zustürmten. In den engen Straßen entstand eine unbeschreibliche Verwirrung, als die beiden gewaltigen Tiere durch die dichte Menge der Menschen rasten, hier einen Hindu mit dem Rüssel in die Höhe warfen und dort andere mit den Füßen zerstampften. Trümmer, Fetzen und formlose, zu einer unkenntlichen Masse zertretene Körper bezeichneten den Weg der beiden Ausgebrochenen. Erst nach Tagen gelang es, sie mit Hilfe anderer Elefanten wie in einer Jagd auf wilde wieder einzufangen.

Doch nicht nur eine Jagd +auf+ Elefanten, auch eine Jagd +mit+ Elefanten bietet Aufregung genug. In Kapurthala war mir gemeldet worden, daß sich ein Panther in die Nähe der Stadt verirrt habe. Sofort ließ ich vier der standhaftesten Jagdelefanten satteln, und lud zwei Freunde zur Jagd auf dieses doch immerhin seltene Raubtier ein.

Der Panther war in einem von ziemlich hohem Getreide bestandenen Felde aufgespürt worden. Als wir den Rand des Feldes erreicht hatten, erblickte ich von meinem hohen Sitz auf dem Rücken „Luxmis“, des weiblichen Elefanten, den ich ritt, die Schultern des Panthers in der Mitte des Getreidefeldes. Er glich an Größe einem Tiger. Die Entfernung war etwa 50 Meter. Ich legte sofort an und feuerte aus meiner .450 Expreßbüchse, dem Mahout bedeutend, auf die Stelle, wo der Panther liegen mußte, zuzuhalten.

Doch ehe ich meine Worte noch zu Ende gesprochen hatte, sprang der Panther vor uns auf und erreichte in gewaltigem Satz den Kopf meines Elefanten, beide Vorderpranken tief in die Ohren „Luxmis“ verkrallend. Entsetzt fiel der Mahout von seinem Sitz. Der Elefant war ohne Führer. Hundert andere Elefanten hätten sofort kehrt gemacht, und wären davongestürmt. Doch ich kannte „Luxmi“ und sie mich. Ich rief ihren Namen, um sie zu beruhigen, und spornte sie mit „Samalo“[8] und „Karero“[9] zur Tapferkeit an. Ihre Haltung war prachtvoll. Kein erschrecktes Zittern durchlief ihren schweren Körper. Mit aller Heftigkeit ihren Kopf schüttelnd, gelang es ihr, den Panther abzuwerfen, trotz der Risse, die die Krallen des Raubtieres dabei ihren Ohren zufügten. Kaum lag der Panther am Boden, als ich erneut zum Schuß kam und ihn durch eine Kugel in den Hals tot niederstreckte.

Abgestiegen, sah ich mir die Beute an und fand, daß mein erster Schuß fehlgegangen war. Ganz gegen jede Erfahrung hatte der Panther darauf uns angegriffen, denn Tiger sowohl wie Panther, die freies Feld zum Entweichen haben, ziehen fast stets vor, zu fliehen, sobald sie sich entdeckt sehen.

Luxmi, die sich bei dem fürchterlichen und überraschenden Angriff der gewaltigen Katze so überaus tapfer gehalten hatte, sah voller Genugtuung auf den toten Feind herab. Mit schrillem Trompetenton verkündete sie ihren Triumph, und es kostete Mühe, ihren Vorderfuß davon abzuhalten, den toten Panther zu zerstampfen. Trotz ihrer blutenden und in Fetzen gerissenen Ohren richtete sie sich zufrieden auf, als die erlegte Beute auf ihren Rücken gelegt wurde, und zog, den Panther allen sichtbar tragend, stolz durch die Straßen der Stadt Kapurthala, mit hocherhobenem Kopfe und sieghaften Schritten jedermann auf ihre Heldentat aufmerksam machend.