Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen

Part 11

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Glücklicherweise gelang es, ihre Verwundungen schnell und gründlich zu reinigen. Denn da sich zwischen den Krallen der großen Katze oft faulende Fleischreste eines früheren Opfers und andere Verunreinigungen finden, sind auch leichte Wunden, die sie verursachen, nicht ungefährlich. In dem heißen Klima Indiens ist eine Infektion des Blutes von besonders schweren Folgen und führt fast stets zum Tode.

Die Tollwut in Indien

Mangelhafte Reinlichkeit ist auch mit der Grund, weshalb trotz der englischen sanitären Vorschriften es nie möglich gewesen ist, und bei der erschreckenden Indolenz der Bevölkerung auch wohl nie möglich sein wird, die jährlich unzählige Opfer fordernde Tollwut in Indien auszurotten.

Ihre Hauptträger sind überall die herrenlosen Pariahunde, die in unzähligen Mengen die Straßen jeder Stadt und jedes Dorfes bevölkern. Außer den Bauris, der verachteten Kaste, aus der die Hindu-Schikari stammen, und den kastenlosen Straßenfegern, tötet kein Hindu einen von Tollwut befallenen Hund.

Die Tiere infizieren sich an dem Unrat, den sie fressen, oder sie werden von Schakalen gebissen, unter denen diese Krankheit wohl deshalb so verbreitet ist, weil sie sich fast ausschließlich von Aas nähren.

Im April, dem Beginn der heißen Jahreszeit, tritt die Krankheit am stärksten auf. Die erkrankten, um sich schnappenden Tiere laufen durch die Menge der nur dünn bekleideten Eingeborenen und beißen naturgemäß eine ganze Anzahl. Da der Biß oft nur eine leichte, kaum schmerzhafte Rißwunde hinterläßt, beachtet die unglaubliche Stumpfsinnigkeit des Inders ihn nicht weiter, bis nach einiger Zeit die Krankheit zum Ausbruch kommt. Die britische Regierung hat wohl seit verschiedenen Jahren schon Anstalten für das Pasteursche Heilverfahren in Indien errichtet, doch die Inder, besonders die abseits der Städte wohnenden glaubens- und kastenstrengen Landbewohner, suchen sie selten auf. Schon einen Kranken ins Krankenhaus zu bringen ist schwer. Er schreckt vor den unbekannten Gefahren der Eisenbahnfahrt zurück. Seine Familie und Kastengenossen raten ab. Die Priester sind dagegen. Jeder fürchtet das Teufelswerk der Einspritzungen. Auch gibt es ja den „Garun ke Hakim“ -- den Dorfdoktor --, der alles weiß! Er ist dagegen. Er weiß sicherlich, was zu tun ist. Und da er keine große Meinung von der Kunst der weißen Ärzte hat -- und dies aus guten und für ihn sehr wichtigen Gründen --, so weiß er die Kranke zu bestimmen, sich seiner Geschicklichkeit anzuvertrauen. Soll man an der Tollwut sterben, so ist es eben so bestimmt. Weshalb sich gegen das Schicksal auflehnen?!

Unbekümmert über die religiösen Anschauungen seines Volkes, wenn es sich um seine eigene Person handelte, gab mir der Maharadscha von Kapurthala, der sehr große Angst vor der Hydrophobia, der Tollwut, hatte, unbeschränkte Schießerlaubnis gegen die Pariahunde innerhalb und außerhalb der Stadt. Auch erteilte er mir den Auftrag, durch die Bauri möglichst stark unter den Pariahunden in Kapurthala aufräumen zu lassen, ganz gleich, ob toll oder nicht. Sie wurden mit Knüppeln totgeschlagen, und für jede eingelieferte Schwanzspitze wurden zwei Anna, oder 30 Pfennig, gezahlt, so viel, wie für eine unter Wasser erstickte Ente.

Doch man konnte noch so viele töten. Die Schwanzspitzen der erschlagenen Köter konnten sich zu Haufen türmen, der Hunde in Kapurthala wurden nicht weniger. Ihre Vettern vom Lande strömten, die Gefahr nicht achtend, in Scharen herbei, um die Lücken in der Menge der Stadthunde aufzufüllen.

Dazu kam die Unredlichkeit und die vollständige Verständnislosigkeit des mit der Rechnungsführung betrauten Beamten, der auch die Prämien auszahlte. Obgleich er ein orthodoxer Hindu war, denen das Töten jedes lebendigen Wesens verboten ist, nahm er keinen Anstand, sich an dem Hundemord in Kapurthala, den der Maharadscha befohlen hatte, „gesund zu machen“.

Auch einer meiner „Tschaprassi“ -- Torhüter -- wurde im Schlafe vor seiner Türe von einem tollen Hunde gebissen. Ich versuchte alles, ihn zu bewegen, nach der nächsten Pasteurstelle in Dalhousie im Himalaja zu gehen. Er weigerte sich aber hartnäckig, seinen Posten zu verlassen, der zwar von keiner großen Bedeutung war und ihm viel Zeit zum Schlafen ließ, den er aber seit Jahren zu meiner Zufriedenheit ausgefüllt hatte. Da er der Kaste der Brahminen angehörte, einer höheren Kaste, ließ er sich von seinem „Hakim“ behandeln mit dem selbstverständlichen Erfolge, daß er eines Morgens zu mir kam -- die kleine Bißwunde war längst verheilt -- und mir sagte, er habe ständig einen unwiderstehlichen Drang zum Beißen, und bitte mich, sich auf sein Bett legen zu dürfen. Als ich ihm dies gestattet hatte und ihn, vielleicht eine Stunde später, aufsuchte, fand ich ihn, von seinen Kameraden, die wohl ahnen mochten, was bevorstand, so auf seinem Bett festgebunden, daß er sich nicht bewegen konnte. Als ich zu ihm trat, war die Tollwut eben ausgebrochen, Schaum stand ihm vor dem Munde. Er gab kurze, bellende und knurrende Laute von sich, fletschte mit den Zähnen, kurz, bot einen grausigen Anblick.

Von Zeit zu Zeit kehrte das Bewußtsein zurück, und er erkannte mich. In einer solchen Pause bat er mich um irgendeinen Gegenstand zum Hineinbeißen, und ich ließ ihm ein Säckchen mit Kokosfasern zwischen die Kiefern schieben, in das er sich festbiß. Gegend Abend war er tot.

Und wie er, sterben jährlich viele Tausende in Indien; aus Stumpfsinn, Unwissenheit und, für uns, lächerlichen Vorurteilen. Nichts vermag diese Leute zu rationellen Heilmethoden, die ihnen auf allen Seiten zu ganz geringen Sätzen, oft sogar umsonst, von der anglo-indischen Regierung geboten werden, zu bekehren.

Als die Beulenpest Indien mehr als dezimierte, gab es unter den über dreihundert Millionen Eingeborenen sicherlich kein halbes Prozent, das sich impfen oder von weißen Ärzten behandeln ließ.

Hungersnot

Ebenso wie mit den Epidemien, verhält es sich auch mit den Hungersnöten, die Millionen dahinraffen. Wenn der Inder wollte, brauchte die durch das Ausbleiben des Monsunregens verursachte Dürre nicht stets die Form einer ausgesprochenen Hungersnot anzunehmen. Er will aber nicht. Lieber als auch nur eins seiner Kastenvorurteile aufzugeben, läßt er die Felder ohne Bewässerung; lieber sieht er sein Vieh auf den trockenen Weiden vor Durst und Hunger umkommen, als daß er es tötete, um von seinem Fleisch zu leben. Gegen den Fatalismus des Hindu -- der nicht mit dem des Mohamedaners verwechselt werden darf --, gegen seinen bösen Willen, sich jeder Vernunft zu verschließen, ist auch der allmächtige „Sirkar“ ohnmächtig.

Die Regen hängen von dem Wechsel der „Monsun“ genannten stetigen Winde ab und werden in Indien durchschnittlich zur Mitte des Juni erwartet, hier etwas früher, dort etwas später. Überall aber ist die Zeit des Regenbeginns ziemlich genau infolge der Erfahrung bekannt. Für die Insel Ceylon liegt sie am frühesten, um, nach Norden fortschreitend, einen Teil Vorderindiens nach dem anderen zu erquicken.

Sollte der erwartete Regen auch nur vierzehn Tage ausbleiben, so wird die Lage des von der Hand in den Mund lebenden bettelarmen Inders, worunter wohl neunundneunzig Prozent der Landbevölkerung gerechnet werden müssen, äußerst kritisch, und zwar ganz besonders in Gegenden, die von der Bahn entfernt liegen und wo die Heranschaffung von Lebensmitteln mühevoll und zeitraubend ist.

Sicherlich tut die anglo-indische Regierung in solchen Fällen ihr Äußerstes, und sie ist stets darauf bedacht, den notleidenden Eingeborenen Hilfe zu bringen, indem sie die Bewohner der von der Dürre betroffenen Gebiete zu bewegen sucht, an den zu ihrer Unterstützung in die Wege geleiteten Notstandsarbeiten -- ~Famine relief works~ -- zu arbeiten, die zum überwiegenden Teil in der Anlegung von Bewässerungskanälen und Staubecken bestehen.

Doch der kastengläubige Hindu trennt sich nur äußerst schwer von seiner Scholle. Die Vorurteile seiner Religion stehen dem schroff entgegen, und manche ziehen es vor, buchstäblich Hungers zu sterben, als daß sie die Vorurteile ihres Glaubens opfern.

Dann aber kommt für die kastenlosen und gewissenlosen „Bania“ und „Schroff“ -- die Getreidehändler und Geldverleiher -- die Zeit der Ernte. Meistens sind sie beides in einer Person. Sie schließen ihre Lager und warten mit dem Verkauf des Getreides, bis der Preis um das zehnfache gestiegen ist. Als man einen von ihnen fragte, wann er denn seine Speicher den Hungernden öffnen werde, antwortete er unbewegt: „Erst, wenn sie anfangen, sich gegenseitig aufzufressen.“

Als nun dieser Zeitpunkt eintrat und er sich bereithielt, sein Getreide gegen Gold einzutauschen, waren die geschlossen gehaltenen Speicherräume leer. Die Ratten hatten sich schon das letzte Getreidekorn ohne Bezahlung angeeignet.

Wenn die anglo-indische Regierung sich bemüht, diesen Notständen entgegenzuarbeiten, so zeigen die einheimischen Vasallenfürsten wenig Verständnis für solche Maßnahmen. Sie lieben es nicht, überhaupt etwas davon zu hören. Und die einheimischen Beamten sorgen gern und mit Hingebung dafür, daß der Maharadscha keinen Einblick in diese für die Masse der Armen unerträglichen Zustände erhält. Auch ist die Bevölkerung viel zu unwissend, als in dem von allen Sorgen leiblicher Not vollständig unberührten Herrscher etwas anderes, denn den von den Göttern Auserkorenen zu erblicken und die Berechtigung seiner vollkommenen Gleichgültigkeit ihnen gegenüber irgendwie anzuzweifeln.

Als 1896 und 1900 die Hungersnot auch Kapurthala heimsuchte, begab sich der Maharadscha auf Anraten seiner Minister schleunigst auf Reisen. Es war doch auch viel wichtiger, bei der Weltausstellung in Paris anwesend zu sein, als sich mit Regierungsgeschäften zu langweilen. Daraufhin mischte sich die anglo-indische Regierung ein, um den einheimischen Fürsten und Beamten nachdrücklich vor Augen zu führen, wohin ihr nachlässiges Tun und Treiben sie führe. Ein englischer Beamter übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte in Kapurthala unter völliger Ausschaltung sowohl des Maharadscha, wie seiner Minister und Beamten während eines vollen Jahres, was natürlich für die letzteren einen recht beträchtlichen Einnahmeausfall ergab und auch noch allerhand Unannehmlichkeiten mit sich brachte.

Eine Reise durch eine von Hungersnot betroffene Gegend ist für jeden Weißen mehr als eine Tortur. Die zum Gerippe abgemagerten Menschen schwanken wie bewußtlose Schatten in dem heißen, hellen Sonnenlicht oder liegen teilnahmslos in irgendeiner Ecke, am Rande der Straßen, im Schatten der Häuser, und doch ist es nicht möglich, ihnen zu helfen. Viele von ihnen gehen lieber zugrunde, als ein Stück Brot aus der Hand eines kastenlosen Europäers anzunehmen, da ihre Kastenvorschriften es ihnen verbieten, Nahrung zu genießen, die Menschen außerhalb der Kastengemeinschaft berührt haben.

Mag dieser Charakter des Inders auch noch so sehr durch die Umstände seines Landes bestimmt und durch die Geschichte in seiner ganzen Unzulänglichkeit verstärkt worden sein, die Lasten, die er beklagt, hat er selbst geschaffen. Die Leiden, unter denen er seufzt, sind von seinen eigenen Händen sorgsam und liebevoll mit sonderbaren Verzierungen und verschlungenem Rankenwerk hergestellt worden. Und wer einmal Einblick in die geistige Beschränktheit, die nackte Selbstsucht und Gewinngier der großen Masse in Indien getan hat, kann der von den Engländern überall den Indern gegenüber zur Schau getragenen Überhebung, nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern ganz objektiv durchaus nicht eine gewisse Berechtigung absprechen.

Pferdeschau

Wie Selbstsucht und Gewinngier von oben bis unten in allen Schichten der Bevölkerung vorhanden sind, konnte ich wie in einem Brennpunkt in Kapurthala beobachten.

Alljährlich fand dort eine landwirtschaftliche Ausstellung statt, bei der unter anderen auch den Besitzern des besten Pferdematerials Prämien zuerkannt wurden, die der Maharadscha in höchsteigener Person nicht zu verteilen, sondern äußerst würdevoll den ihm genannten Preisträgern in einem Leinewandsäckchen vor die Füße zu werfen pflegte.

Am Anfang meiner Tätigkeit gehörte ich, sowie zwei englische Tierärzte, zu dem Preisrichterkollegium dieser Pferdeschau. Jedoch, wir mußten uns sehr bald überzeugen, daß die Prämien niemals den Besitzern der von uns prämiierten Pferde übergeben wurden, sondern stets irgendeinem Anverwandten der Beamten des Maharadscha. Sie verstanden es, ohne daß wir es zu hindern vermochten, ihre Leute, die oft überhaupt kein Tier besaßen, dem Maharadscha im Augenblick der Verteilung vorzuführen, der das Geld, ohne die Empfänger auch nur anzusehen, ihnen zuwarf.

Trotz entschiedener Vorstellungen, die ich bei Dschagatdschit Singh erhob, und die ihn auch dazu brachten, mir bessere Beachtung unserer Preisurteile zuzusichern, spielte sich dieselbe Szene jedes Jahr in aller Lächerlichkeit ab. Der Maharadscha glaubte, sich durch die wegwerfende Behandlung seiner Untertanen in den Augen der anwesenden europäischen Gäste, die ihn auf seinem Zeltsessel, im Glanze seines indischen Herrschertums, bewunderten, ganz besonders eindrucksvoll zu benehmen. Zum Schluß hielten die englischen Tierärzte es für unter ihrer Würde, diese Komödie weiter mitzuspielen, und blieben der Schau fern. Ich als Deutscher sah keinen Grund, trotzdem ich Beamter des Maharadscha war, ihrem Beispiel nicht zu folgen.

Selbstverständlich verursachte dieses unser Nichterscheinen endlosen Klatsch unter der klatschlustigen Bevölkerung des Städtchens, was den anderen Beamten des Maharadscha, die nun allein mit ihren Kenntnissen Preisrichter spielen mußten, aus vielen naheliegenden Gründen wenig lieb war. Daher verfiel man auf einen kleinen, echt indischen Streich, mit dem man mich bei Dschagatdschit Singh unmöglich zu machen gedachte.

Ich war während der Tage der sogenannten Pferdeschau von Kapurthala nach Amballa zum Rennen gefahren. Diese Gelegenheit wurde benutzt, um zwei meiner eigenen Pferde den Richtern vorzuführen. Da sie natürlich an Rasse und Pflege die Tiere der armen Landbevölkerung weit überboten, wurden ihnen die höchsten Preise zuerkannt.

Seiner Gewohnheit getreu, nur auf seine orientalische Potentatenwürde zu achten, bemerkte der Maharadscha nicht, wer den Preis einheimste und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wem er die ihm überreichten Leinwandsäckchen zuwarf. So konnte ein Bengale, ein Babu, der als Beamter in meinen Diensten stand, sich der Preise bemächtigen. Man beabsichtigte, dem Maharadscha die Angelegenheit so darzustellen, als ob ich selbst, um der Preise willen, meine Pferde ausgestellt habe und mich aus diesem Grunde nicht als Preisrichter blicken ließe. Zum Glück erhielt ich gleich nach meiner Rückkehr aus Amballa Kenntnis von dem Anschlag und konnte mich bei dem Maharadscha über die Angelegenheit beklagen, ehe noch die ehrenwerten Preisrichter Gelegenheit hatten, den wohleingefädelten Plan zu vollenden und ihre Darstellung des Vorfalles dem Fürsten glaubhaft zu machen.

Um einiger Rupien willen wurde so der ganze Staatsapparat von Kapurthala in Bewegung gesetzt; alle, vom Maharadscha in seiner pomphaften Würdesucht bis zu den niedrigsten Stallburschen, waren mittelbar oder unmittelbar daran beteiligt, eine in ihren wirklichen Zwecken durchaus nützliche und richtige Angelegenheit, wie die Pferdeschau, in ihr gerades Gegenteil zu verkehren. Echt indisch muß alles der Geldgier und der Eitelkeit dienen, ohne jede Rücksicht oder Verständnis für die wirklichen Erfordernisse des Landes.

Die Prämien, die den armen und bedrückten Bauern zugute kommen sollten, und die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Höhe für diese Leute ganz bedeutende Summen vorstellten, wurden irgendeinem nichtsnutzigen faulen Beamten in die Hände gespielt.

Heilige Tiere

Inwieweit die unglaubliche Unwissenheit der Inder und ihr jeder rationellen Vernunft entbehrender Charakter -- an Verstand, um die Ziele ihrer eigenen kleinen Selbstsucht mit Schlauheit und Gerissenheit zu verfolgen, fehlt es ihnen nicht -- mit der dem Europäer ganz unverständlichen Tierverehrung zusammenhängt, habe ich, abgesehen von dem Glauben an die Seelenwanderung, nie ergründen können. Oft zwar schien es mir, als sei das eine von dem anderen bedingt.

Von der Heiligkeit der Kuh und allem Rindvieh überhaupt habe ich schon gesprochen, und mein Unverständnis mag entschuldbar scheinen, wenn die Verehrung dieser Tiere soweit geht, daß die Hindufrauen einer auf der Straße ihr Wasser lassenden Kuh von allen Seiten zueilen, um sich in dem heiligen Naß Gesicht und Hände zu waschen.

Kurz nach meiner Ankunft in Baroda war ich eines Morgens nicht wenig erstaunt, den stolzen und selbstbewußten Gaekwar in zeremonieller Gewandung seine Gemächer verlassen zu sehen, um mit tiefen Kultverbeugungen vier, auf dem Innenhofe des Palastes wartende Brahminen der Dschain-Sekte zu begrüßen. Jeder dieser Priester trug einen wenigstens zwölf Pfund schweren Sack mit Streuzucker in den Händen.

Unter dem Gemurmel einiger Sprüche berührte der Maharadscha jeden der Säcke mit der Hand, worauf die vier Brahminen in die vier Richtungen der Windrose aufbrachen, um den Zucker überall dort auf ihrem Wege zu verstreuen -- wo sie auf Ameisen trafen.

In Baroda gab es auch eine Menge heiliger Affen. Eine gewisse Kaste hält sie für ebenso verehrungswürdig wie die Kuh. Diese, der Hulmanart angehörenden Affen bevölkerten in großen Herden den Palastpark, wo sie auf den vielen, schönen, großen Tamarindenbäumen lebten.

Der von mir damals bewohnte Bungalow stand mitten im Park, und als Neuling in Indien fand ich an dem Treiben der Tiere reges Gefallen. Ich begann, auf meiner Veranda sitzend, die Affen mit Brot zu füttern. Bald wurden sie zutraulich und fraßen mir aus der Hand. Nur ein altes, großes Tier, anscheinend der Anführer, wurde unmanierlich und versuchte ständig, die anderen kleineren Affen durch Kratzen und Beißen zu verdrängen. Eines Tages wurde er so frech, mir einen halben Laib Brot aus der Hand zu reißen und mich zähnefletschend anzugrinsen. Um die anderen nicht zu verscheuchen, wollte ich ihn nicht schlagen, beschloß aber ihn zu bestrafen und ihm eine Lehre zu geben, ohne daß die anderen es merkten.

Zu diesem Zwecke legte ich am nächsten Tage meine Luftbüchse unter meinen Sitz, so daß sie nicht auffiel, und als der Herr Ober-Affe wieder in seiner unverschämten Art zudringlich wurde, berührte ich den Abzug, um ihm mit der kleinen Kugel einen gehörigen Schrecken einzujagen. Doch anscheinend ist das Fell dieser Tiere sehr dünn, denn die Kugel mußte ihm in die Brust gedrungen sein und das Herz verletzt haben. Er griff nach der Stelle des Einschlages, schwankte dann mühsam die Stufen der Veranda hinab, gefolgt von der ganzen Schar der anderen. Es gelang ihm noch, einen der Bäume in der Nähe zu erklettern, doch nach wenigen Minuten fiel er herunter.

Die anderen hockten sich im Kreise um ihn herum, ohne einen Laut von sich zu geben. Nach einigen Zuckungen war das so unglücklich getroffene Tier tot. Nun kamen die anderen alle, einer nach dem anderen, und befühlten den Toten. Man hätte meinen können, daß sich in ihren Mienen und ihrem Gebahren Betrübnis ausdrücke. Zum Schluß zog sich einer der größeren Affen, wohl der, der ihm in der Anführerschaft folgte, zurück, und die ganze Schar schloß sich ihm an, ohne sich um den Toten weiter zu bekümmern, der von den Gartenwärtern am nächsten Morgen mit ausgekehrt und fortgeschafft wurde.

Trotz meiner damaligen Unerfahrenheit war mir die Angelegenheit sehr unangenehm, denn ich wußte wohl, was diese Affenherden für die Eingeborenen bedeuteten. Glücklicherweise aber waren nur mein „Boy“, mein Dienerjunge, und mein Koch Zeugen des Vorfalls gewesen. Ihre Angst war noch größer als meine Besorgnis vor möglichen Unannehmlichkeiten.

Da von der Angelegenheit aber nicht gesprochen wurde, hielt ich sie für erledigt, bis einige Wochen später der Gaekwar mich fragte, ob es wahr sei, daß ich einen heiligen Affen getötet habe. Ich schilderte ihm den ganzen Vorgang, und er versicherte mir, ihm als Maharatten würde es nur angenehm sein, wenn das ganze Affengesindel aus dem Parke verschwände. Doch da er selbst Rücksicht auf die Gefühle der Eingeborenen in Baroda nehmen müsse, warne er mich, etwas gegen diese Tiere zu unternehmen.

Irgendwie mußten die heimtückischen Brahminen, die den Maharadscha und seine Gemahlin so ziemlich in der Hand hatten, die Todesursache des Affen in Erfahrung gebracht haben und bei dem Fürsten vorstellig geworden sein.

Das eigentümlichste aber war das Verhalten der Affen selbst, die sich seit jenem Tage, während der fünf Jahre meines Aufenthaltes in Baroda, nie mehr in der Nähe meines Bungalows blicken ließen, dafür aber des Nachts auf dem Dache des Hauses den größten Lärm vollführten und möglichst viele Ziegeln loszubrechen suchten, um die Stücke auf den Weg zu werfen. Wenn ich irgendwo im Park spazieren ging und sie mich bemerkten, eilten sie von allen Seiten herbei und begleiteten mich, von Baum zu Baum kletternd, unter großem Geschrei.

Wie weit in Indien das Vorurteil, kein Tier zu töten, geht, brachte mir eine Begebenheit zum Bewußtsein, die von meinen brahminischen Feinden am Hofe zunächst in jeder Weise gegen mich zu verwerten versucht wurde.

Bei einem Spazierritt fand ich in einem Straßengraben einen Esel liegen, der das Bein gebrochen hatte und dort seinem langsamen Tod achtlos überlassen worden war. Obgleich er noch lebte, waren schon die Aasgeier und Krähen an der Arbeit, dem wehrlosen Tiere die Augen auszuhacken. Ich stieg vom Pferde und erlöste den armen Esel durch einen Schuß von seinen Leiden.

Die Brahminen aber klagten mich an und beschuldigten mich, das Tier aus Freude am Töten ermordet zu haben. Ein anwesender Buddhist ging so weit, mir vorzuhalten, daß ich so vielleicht einen Mord an meinem eigenen Großvater begangen habe. Erst als ich ihm antwortete, daß ich genau wisse, mein Großvater habe genügend Verstand besessen, um mir in einer solchen Lage, wie die, in der ich den Esel fand, nur herzlich für meine Tat zu danken, und daß ich bei den hohen Geistesgaben der Anwesenden nur annehmen könne, auch ihre verehrten Großväter wären nicht weniger verständig als der meine gewesen, gaben sie, in dieser Sache wenigstens, Ruhe.

Auch Schlangen werden als heilige Tiere verehrt. In Baroda werden an bestimmten Festtagen der Hindufrauen zwei bis drei Körbe mit Brillenschlangen -- Kobras -- in einen Saal des Tempels gestellt, wo die Frauen, hinter durchsichtigen Vorhängen versteckt, dem Schauspiel zusehen. Inmitten des Raumes stehen große, flache Schalen mit Milch, zwischen denen die Körbe Platz finden und geöffnet werden. Während die Schlangen hervorkriechen und von der Milch trinken, rufen die Frauen ihre Götter an, die der Anblick der Schlangen besonders günstig stimmen soll.

Den priesterlichen Schlangenbeschwörern ist es ein leichtes Spiel, die dick mit Milch vollgepumpten Tiere wieder in ihre Körbe zurückzubringen. Eigentlich sollen sie, gemäß den Vorschriften der heiligen Bücher, nach beendeter Feier wieder in Freiheit gesetzt werden, doch für die Brahminen ist es einträglicher, sie an herumziehende Gaukler zu verkaufen, die dem Volke ihre Schlangenbeschwörerkünste zeigen.

Gaukler