Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 12
Diese gewöhnlichen Schlangenbeschwörer unterliegen aber bei ihren Künsten größeren Gefahren, als ihre priesterlichen Berufsgenossen. So hatte einst ein alter, sehr bewährter Mann dieser Sippe im Garten des Maharadscha von Baroda eine große Kobra gefangen. Er bat, dem Fürsten und seinem Gefolge die Kunst zeigen zu dürfen, mit einem so giftigen und gefährlichen Tier ohne jede Dressur umzugehen. Als wir uns alle eingefunden hatten, handhabte er die Schlange in der verschiedensten Weise. Plötzlich aber erhielt er von dem Tier einen Biß in den Unterarm. Er schleuderte die Kobra zu Boden, wo sie schnell von den Umstehenden zertreten wurde. Er selbst jedoch bat flehentlich, der Maharadscha möge doch einem der Leibwächter gestatten, ihm mit seinem scharfen Krummsäbel den Arm am Ellbogen abzuschlagen. Der Gaekwar nickte, und eine Sekunde später lag der Unterarm des Mannes auf dem Teppich, das einzige Mittel, dem unvorsichtigen Schlangenbeschwörer das Leben zu retten.
Pythonschlange
Mit dem früheren Emir von Afghanistan, Jakub Khan, der eine sichere Pension der anglo-indischen Regierung dem unsicheren Throne in Kabul vorgezogen hatte, dessen Inhaber, ob gut oder schlecht, ob grausam oder wohlwollend, durchgängig ermordet enden, war ich eines Tages auf einem Jagdausflug in den Dschungeln von Dehra Dun, am Fuße des Himalajagebirges, begriffen, als plötzlich unser Mahout entsetzt rief: „~Eh Schaitan utter hai!~ -- Dort ist der Teufel!“
Der Emir und ich saßen zusammen in einer Jagd-Howdah auf dem Rücken eines Elefanten. In dem Dämmerlicht, unter dem dichten Laubbestand der Bäume, konnten wir nicht sogleich feststellen, was den Schrecken des Führers, der vor uns auf dem Nacken des Dickhäuters saß, veranlaßt hatte. Den Mann mit guten Worten beruhigend, damit er in seiner Furcht vor dem Teufel nicht seinen Sitz verließe und uns so ziemlich hilflos den Launen eines führerlosen Elefanten ausliefere, gelang es uns endlich, zwischen den Baumstämmen die Ursache seines Ausrufes zu entdecken.
Von einem schräg ragenden starken Ast hing ein ungeheuer dickes, geschwollenes Etwas herab, das sich mit einer zweiteiligen braunen Kralle an dem Baume festhielt und in den wunderbarsten Schwingungen und Verrenkungen einen lautlosen Tanz in der Luft vollführte. Sonderbar glänzende Schatten, gelbbraun, schwarz und dunkelgrün, liefen über die lange, runde Form der gliedlosen Gestalt.
Wir ließen den Elefanten vorsichtig näherschreiten, der, den erhobenen Rüssel aufgeregt hin und her bewegend, leise Töne des Unbehagens ausstieß. Plötzlich sah ich, daß das, was uns als Kralle erschienen war, verzweifelte Ähnlichkeit mit dem gekrümmten Gehörn eines Antilopenbockes hatte, und gleichzeitig bemerkte ich, daß dies Gehörn, mit einem Teil des dazugehörenden Kopfes, aus dem Rachen einer Schlange ragte. Es war eine „Python“, eine Riesenschlange, die beim Verschlingen des Antilopenbockes bis zu dem Kopf ihres Opfers gelangt war und nun, wegen des großen Gehörnes, die Beute sich nicht weiter einzuverleiben vermochte. Sie war daher auf einen Baum gekrochen, hatte die hakenförmigen Hörner der Antilope zwischen zwei starke Äste geklemmt und sich mit ihrer ganzen Last herunterfallen lassen, um die Hörner, die sie am restlosen Verschlingen der Beute hinderten, abzubrechen oder doch soweit zu lockern, daß sie sie im Rachen vom Kopfe des Tieres abbrechen konnte.
Ein Kopfschuß ließ die Schlange sich aufbäumen, und mit dem Gehörn im Rachen fiel sie tot zu Boden. Sie war über fünf Meter lang und bot, mit dem bis zum Hals verschlungenen Antilopenbock im Leibe, sicherlich einen furchterweckenden Anblick, der im ersten Augenblick so unerklärlich erschien, daß der Ausruf unseres Mahout wohl berechtigt war. Wenn der Teufel so aussieht, wie diese Antilopenhörner tragende Pythonschlange, muß er allerdings ein recht wenig angenehmer Geselle sein!
IX.
Indische Menschen
Als der berühmte amerikanische Schriftsteller Mark Twain Indien besuchte, traf ich mit ihm in Gwalior zusammen. Auf den humorvollen Spott, der seine Bücher besonders charakterisiert, anspielend, fragte ich ihn im Laufe unserer Unterhaltung, wie er wohl glaube, den indischen Verhältnissen und den indischen Menschen in dieser seiner besonderen Weise gerecht werden zu können; denn trotz meiner langjährigen Anwesenheit in Indien und meines ständigen Verkehrs mit Indern wäre mir noch nie irgend etwas, das mit Humor auch nur verwechselt werden könne, zur Kenntnis gekommen.
Mark Twain überlegte meine Worte in seiner ruhigen Art und gab mir dann zu, daß er selbst noch keinen Weg sehe, die indische Welt irgendwie in humorvollen Darstellungen dem europäischen oder amerikanischen Verständnis näher zu bringen. Aus den Erzählungen von Leuten, die wie ich viele Jahre in Indien gelebt hätten, und aus den Beobachtungen seines eigenen Aufenthaltes habe er so viel Unergründliches gesehen und wahrgenommen, daß er es nicht wagen würde, die so sonderbaren Umstände und die von der unseren so ganz verschiedene Auffassung und Denkweise auf seine Art zu schildern. Ihm selbst beginne klar zu werden, daß, je länger man in Indien lebe und je enger man mit der eingeborenen Bevölkerung in Berührung komme, man destomehr begreifen lernen müsse, wie auch in dem seltsamsten Tun und Treiben dieser Menschen, von ihrem eigenen Standpunkte aus, sicherlich nichts Außergewöhnliches zu finden sei. Alles Sonderbare dort, was unserem Gefühl und unserer Ansicht nach oft kaum noch mit dem Maßstab gesunder Vernunft gemessen werden könne, werde, im Winkel indischer Verhältnisse gesehen, wenn auch nicht für uns natürlich, so doch verständlich, da die ganzen Grundlagen des indischen Lebens uns beständig neue, fremdartige und unbegreifliche Ausblicke erschlössen.
Allgemeines
Ich bin trotz meiner zwanzig Jahre in Indien, die mir Einblicke in das einheimische Leben und in die Verhältnisse von Land und Leuten gestatteten, wie sie wohl nur wenigen Europäern vor mir möglich waren, nicht in der Lage, ein irgendwie abschließendes Urteil oder auch nur eine vollständig objektive, wahrheitsgetreue Darstellung dieser Dinge zu geben. Auch bei den sonderbarsten Vorfällen, über deren Ursprung, Verlauf und Ende mir alle Einzelheiten bekannt waren, mußte ich immer wieder sehen, daß letzten Grundes stets wieder eine Tatsache, eine Anschauung, ein Begriff, ein Glaube mitspielte, deren Vorhandensein mir unbekannt geblieben war. Dieses Unergründliche der tausendfachen Verschlingungen und Verästelungen des indischen Lebens, die heterogene Mannigfaltigkeit des Daseins dieser Hunderte von Millionen Menschen, ihre vieltausendjährige, unbekannte und in der seltsamsten Weise verwischte Geschichte, die außerordentliche Verschiedenheit der geographischen Bedingungen, unter denen sie leben und deren Auswirkungen in der unverständlichsten Weise sich kreuzen, durcheinanderlaufen oder sich überlagern, machen das Leben der einheimischen Inder zu einem dem Europäer vollständig unentwirrbaren Irrgarten. Nur Einzelbilder, Ausschnitte können gegeben werden und auch diese Schilderungen bleiben stets unvollständig, weil ihre wirklichen Ursachen und ebenso ihre mittelbaren Folgen im Dunkel des Unbekannten sich verlieren.
Es ist mir daher stets unbegreiflich geblieben, wie so viele Weltreisende, die sechs oder zwölf Monate auf das „Studium“ Indiens verwenden oder das Land zum Vergnügen durchquert haben, in den Schilderungen ihrer Reiseerlebnisse gewissenhaft auch die Sitten und Gebräuche, die Moral und Ethik seiner Bewohner ausführlich behandeln. Selbst so berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kipling oder die vielgelesene Marion Crawford geben in ihren Büchern oft genug schiefe Bilder auch der Einzelheiten des indischen Lebens.
So erwähnt zum Beispiel Kipling in seinem Buche „Kim“, wie ein gewisser, von ihm Surkan Sahib genannter Mann, auf den ich später noch zurückkommen werde, der indischen Regierung als Geheimagent die größten Dienste geleistet habe. Dieselbe Person hat Marion Crawford zum Vorbild des herrischen Helden ihres Buches „Mister Isaacs“ genommen. In Wirklichkeit war dieser Mann, den ich selbst gekannt habe, ein armenischer Eunuch aus Konstantinopel, ebenso häßlich wie habsüchtig, dessen Gerissenheit in Indien nicht ausreichte, ihn davor zu schützen, von der Höhe eines ergaunerten Reichtums wieder zurück in das tiefste Elend zu sinken.
Wenn ich daher im folgenden einige Erzählungen aus dem Leben indischer Menschen gebe, so sind die sich daraus ergebenden Rückschlüsse eines Europäers niemals die, die ein Inder aus ihnen ziehen würde. Was uns lächerlich, abstoßend, oft auch wohl direkt dumm und kindisch erscheint, hat für den Inder nichts Auffälliges, da es sich für ihn als natürliche Folge ganz selbstverständlicher Umstände ergibt. Ja, in gewissen Fällen ist das, was uns wie ein mehr oder weniger guter Witz berührt, dem Inder höchste Tragik.
Alle Vorkommnisse in Indien sind enger oder weiter stets mit dem komplizierten Kastenwesen verbunden. Selbst mir nun, der ich als Beamter in den Vasallenstaaten gezwungen war, mich so eingehend wie nur durchführbar damit vertraut zu machen, um die religiösen Begriffe der mich umgebenden Menschen, Vorgesetzte, wie Diener und Untergebene, nicht zu verletzen, ist es nicht möglich, auch nur einigermaßen verständliche Überblicke über diese verwickelten Verhältnisse zu geben. Nur eins kann ich sagen: von allem, was ich in Indien gesehen habe, haben mir die Kastenvorschriften den Inder am verächtlichsten gemacht. Dies nicht so sehr deshalb, weil ich als Christ Vorschriften ablehnend gegenüberstehe, die aus der Gleichheit aller Menschenkinder vor den grundlegenden Pflichten des inneren Selbst eine Phantasmagorie der unmöglichsten zwischen-menschlichen Beziehungen machen, sondern besonders deshalb, weil sie meiner Überzeugung nach nur berechnete und berechnende Heuchelei sind, um die Armen, die Unwissenden und die Ungebildeten bis aufs Blut auszusaugen. Vielleicht mag ich Unrecht haben, doch meine vieljährige Erfahrung hat mir die Meinung aufgezwungen, daß der Hinduglaube dem Durchschnitt seiner Anhänger jedes Gefühl für Ehre, für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit raubt und ihn in Heuchelei, Lüge und Falschheit versinken läßt.
Kriegerische Inder
Die Inder, die mir durch Mut und Frische noch am meisten Achtung abgezwungen haben, sind die Radschputen, die Sikh, und die den Radschputen am nächsten stehenden Dogra; dann die Maharatten, allerdings nur im Sport, und vor allem die Mohamedaner. Unter den Letzteren wieder zeichnen sich besonders die Rohilla, die Afghanen, die verschiedenen Stämme der Nordwestprovinzen, die Afridis, die Tschitrali und einige Belutschi durch männliche Eigenschaften aus. Die Gurkha, von den Indern „Goralog“ -- Soldateska -- genannt, sind keine eigentlichen Inder. Sie sind Buddhisten und ähneln in den Gesichtszügen und der Gestalt mehr den Tataren. Ihre Heimat ist Nepaul, von wo sie entgegen dem Willen ihres Herrschers, des Maharadscha Schamser Yang, über die Grenze nach Indien wandern, um sich in der britisch-indischen Armee anwerben zu lassen. Die englisch-indischen Militärbehörden stellen diese unerschrockenen, tapferen Leute gern in die besonders gebildeten Gurkharegimenter ein. Ohne die Hilfe dieser Truppen wäre es den Engländern oft schlecht ergangen. Schon bei dem so weit zurückliegenden großen indischen Aufstand 1857/58 und während der verschiedenen afghanischen Kriegszüge bildeten die Gurkharegimenter den festen Kern der Eingeborenentruppen.
Diese Tatsache ist den Gurkhakriegern wohlbekannt, und sie beanspruchen, den weißen, englischen Soldaten gleichgestellt zu werden. Daher ist der englische Generalstab darauf bedacht, sie der Führung von nur ausgesucht tüchtigen englischen Offizieren zu unterstellen, gehört doch viel Takt und Erfahrung dazu, mit ihnen auf die richtige Art und Weise umzugehen. Da die Gurkha ebenfalls aus dem Hochgebirge stammen, machen sie Anspruch darauf, mit den schottischen Hochländern, die als englische Elitetruppe gelten, gleichgestellt zu werden. Deshalb ist die Armeeleitung stets darauf bedacht, in den ständigen Grenzkriegen mit den fanatischen, mohamedanischen Stämmen, die in der Gegend des Kyberpasses wohnen, die Gurkharegimenter stets Seite an Seite mit Abteilungen der schottischen Hochländer anzusetzen, um die gegenseitige Eifersucht der beiden auszunützen, die sich in draufgängerischer Tapferkeit zu überbieten suchen.
Die Lieblingswaffe der Gurkha ist der „Kukri“, ein schweres, großes, krummes Messer, das sie meisterhaft zu handhaben verstehen, um dem Gegner den Leib aufzuschlitzen.
Brahminen
Unter den schlauen, skrupellosen und geriebenen Indern ist der schlaueste, skrupelloseste und geriebenste sicherlich der der höchsten Priesterkaste angehörende Brahmine. Außer dem einträglichen Geschäft eines Hindupriesters stehen den Angehörigen dieser Kaste auch die höchsten Staatsämter offen. In den Vasallenstaaten sind die meisten Minister Brahminen. Und auch in den, der britischen Verwaltung unterstehenden Gebieten wissen sie es oft zu der Stellung von Richtern und Steuerkommissaren zu bringen, die ihrer Habsucht ebenfalls gute Aussichten bieten. Auch unter den eingeborenen Lehrern und den Angestellten der großen Handelshäuser findet man nicht selten Brahminen.
Sie verachten jede Handarbeit als gemein. Jedoch das ebenfalls recht einträgliche Geschäft des Bettelns ist ihnen nicht verwehrt. Wer würde es auch wagen, den von den Göttern geliebten Angehörigen der hohen Brahminenkaste eine Gabe zu verweigern? Ihr Fluch würde den Frevler sehr bald erreichen.
Ein Brahmine darf nichts essen, was Leben gehabt hat.[10] Seine Mahlzeiten muß er zu bestimmten Zeiten einnehmen, und kein Angehöriger einer anderen Kaste darf zugegen sein. Die Speisen selbst darf nur jemand der eigenen Kaste zubereitet haben, und er darf Wasser nur aus solchen Brunnen trinken, die für seine Kastengenossen bestimmt sind und aus denen es von solchen geschöpft worden ist. Hierzu aber treten noch eine große Menge ähnlicher Vorschriften, die sich in gleicher Sorgfalt mit allen anderen Lebensverhältnissen des Brahminen befassen. Trotzdem aber haben nicht wenige hohe Beamte, die dieser Kaste angehören, an meinem Tisch, ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche Vorschriften, es sich wohl sein lassen.
Zwar ist der Brahmine von den übrigen Hindu ebenso gehaßt wie gefürchtet. Doch die in der Hauptsache von ihnen verfaßten Hinduvorschriften verbieten es wohlweislich, das Blut eines Brahminen zu vergießen. Dies hindert jedoch die anglo-indische Regierung nicht, auch einen Brahminen bei Gelegenheit aufzuhängen. Ein früherer Holkar von Indore half sich in der Weise, wenn ihm einer seiner Brahminen-Minister zu lästig wurde, daß er, um nicht an den Hinduvorschriften seiner Maharattenkaste zu freveln, ihn in ölgetränkte Tücher einwickeln und verbrennen ließ.
Der Geiz der Brahminen, wie überhaupt des Inders -- ausgenommen die Fürsten -- ist unersättlich. Lieber läßt er sich unter den größten Qualen töten, als daß er das Versteck angäbe, in dem er sein Vermögen verborgen hält.
Minister
In Kapurthala war ein brahminischer Minister, Duma Mall. Er hatte sich auf Rechnung des Fürsten und der Bevölkerung so bereichert, daß es ganz allgemein hieß, er verheimliche mehr Geld als der Maharadscha je gesehen habe. Trotzdem pflegte er am Morgen unter dem Bamia-Baume vor seinem Hause zu sitzen und mit einem Rasiermesser Streichhölzer zu spalten, um anstatt eines deren zwei zu haben.
Eines Tages überfiel ihn nun eine schwere Krankheit, und er schloß sich in dem dunkelsten Zimmer seines Hauses in der Stadt Kapurthala ein, wo er sich von dem eingeborenen Doktor, dem „Hakim“, behandeln ließ. Obgleich er niemanden vorließ, konnte er meinen Besuch, den ich ihm im Auftrag des Maharadscha abstattete, nicht gut abweisen. Als ich das Loch, das er als Krankenzimmer gewählt hatte, betrat, begann er sofort, sich zu beklagen, daß der Fürst die treuen Dienste seines treuesten Dieners anscheinend ganz vergessen habe.
Als ich ihm entgegnete, daß gerade mein Besuch das Gegenteil beweise und daß Dschagatdschit Singh das größte Interesse an seiner baldigen Genesung nähme und ihm deshalb riete, diesen dumpfen Platz zu verlassen und sich an die Meeresküste zu begeben, um dort in frischer Luft und unter guter ärztlicher Pflege bald wieder gesund zu werden, versprach er, diesen Rat zu befolgen.
Vorher, sagte er, müsse er aber von einem Zahnübel geheilt werden. Seine Zähne nämlich begännen alle sich zu lockern, und dazu müsse der englische Zahnarzt aus Lahaur nach Kapurthala kommen. Doch dies koste viel zu viel für einen so armen Mann, wie er es sei, und ich möchte doch dem Maharadscha vorschlagen, diese Kosten zu tragen.
Als ich Dschagatdschit Singh über meinen Besuch bei Duma Mall Bericht erstattete und ihm den Wunsch des kranken Brahminen-Ministers vortrug, gab er mir zur Antwort, daß er gar nicht daran denke, auch nur eine Anna für diesen elenden Geizhals auszugeben, der ihn sicherlich ganz ausreichend bestohlen habe.
Als nun Duma Mall diese Absage des Fürsten erfuhr, verfiel er in so tiefen Gram, daß er am folgenden Tage starb. So wenigstens berichteten die Erben, die aber die größte Mühe hatten, das hinterlassene Vermögen aufzuspüren. Erst nach und nach kamen ganze Kisten mit Rupien und Kostbarkeiten aller Art aus den sonderbarsten und unwahrscheinlichsten Verstecken zum Vorschein. Der Maharadscha gedachte nun, einen Teil dieses ihm gestohlenen Reichtums für seine Privatschatulle zu beschlagnahmen. Aber die Kniffe der Erben, die sich mit den anderen Staatsbeamten zu „verständigen“ wußten, vereitelten die Maßnahmen Dschagatdschit Singhs, und es gelang den Erben, den ganzen Schatz auf britischem Gebiet in Sicherheit zu bringen.
Der Versuch des Maharadscha, auf diese Weise wieder in den Besitz von Summen zu gelangen, um die man ihn bestohlen hatte, veranlaßte aber seine anderen Beamten, die wohl Grund hatten, gleiche Maßregeln aus gleichen Gründen befürchten zu müssen, ihre unterschlagenen oder sonstwie auf unehrliche Weise zusammengescharrten Gelder schleunigst über die Grenzen zu schaffen. Sie legten sie in Landgütern und Grundstücken auf britischem Gebiet an, wo der Maharadscha von Kapurthala keine Macht oder Gerichtsbarkeit mehr besaß. In Banken setzen die Inder wenig Vertrauen, was bei dem allgemeinen Mangel an Ehrlichkeit und dem berechtigten Mißtrauen, das ein jeder dem anderen entgegenbringt, auch nicht verwunderlich ist.
Sonst ist es bei den indischen Fürsten die Regel, ihren Untertanen nicht zu erlauben, sich in ihren Vermögensverhältnissen über einen bescheidenen Durchschnitt zu erheben.
Bei dem unglaublichen Geiz der Inder kommt es oft vor, daß sie das Geheimnis des Verstecks ihrer vergrabenen oder sonstwie verborgenen Schätze mit ins Grab nehmen. Kein Suchen, keine Nachforschung der Hinterbliebenen hilft, der Erbschaft auf die Spur zu kommen. Die Lehmwände der Häuser werden eingerissen, die Gärten umgegraben, doch nirgends ist eine Spur des in der Einbildung der jammernden Erben immer größer werdenden Schatzes zu finden. Zu gut ist das Versteck gewählt, zu abgelegen der Ort, den der Tote bei seinen Lebzeiten mit dem Aufgebot seines ganzen Scharfsinns ausgewählt hat.
Auf diese Weise verschwinden in Indien jährlich nicht unbedeutende Summen, die mit den ganz allgemein in sicherem Versteck aufbewahrten Schätzen, die im Lande in Umlauf befindliche Menge an Gold und Silber stark vermindern, welcher Umstand wiederum nicht ohne Einfluß auf die Rupienwährung bleibt. Der Geiz der Inder hat also auch seine volkswirtschaftlichen Folgen, und trägt dazu bei, die Armut der großen Masse der Bevölkerung noch ausgesprochener zu machen.
Doch bei der allgemeinen Unwissenheit und bei der Unfähigkeit auch der sogenannten gebildeten Inder, in anderen Formeln als rein persönlichen, selbstsüchtigen zu denken, worin ihnen allerdings auch ein recht bedeutender Teil der weißen Bevölkerung in Europa und Amerika ziemlich nahe kommt, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie, um ihnen so fern liegender allgemeiner Vorteile willen, jemals davon abgehen werden, ihre Gold- und Silbermünzen als das zu behandeln, was sie sind oder doch sein sollten, nämlich als Tauschmittel.
Und wenn schon im Praktischen der Inder sich so stark von den Grundlagen fortschrittlicher europäischer Wirtschaft entfernt, wie sollte er sich dann westlichen Anschauungen gefühlsmäßiger Art zu nähern vermögen?
Lebensalter
So wie ich in meinem langjährigen Aufenthalt in Indien den indischen Charakter kennengelernt habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß ihm die grundlegenden menschlichen Leidenschaften, von denen in Europa in so großem Maßstab das Glück oder Unglück der Menschen bestimmt wird, fremd sind. Die Liebe, sowohl die der aufrichtigen, ruhigen, gegenseitigen Form, wie als Leidenschaft, die das ganze Schicksal eines Menschen in ihren Bann schlägt, ist ihm vollständig fremd. In ähnlicher Weise sind auch Ehrgeiz und Ruhmsucht, Streben nach ideellen Gütern um ideeller Werte willen, Selbstlosigkeit, Aufopferung und alle die in tausend verschiedenen Abstufungen das Leben europäischer Menschen bestimmenden Einflüsse für den Inder ohne jede Bedeutung. Die Empfindungen, die ihn bewegen, unterliegen für den Inder ganz anderen Voraussetzungen.
Der Durchschnitts-Inder ist von einer trägen Indifferenz beherrscht. Das hindostanische Sprichwort: „Es ist besser zu sitzen als zu stehen, -- besser zu liegen als zu sitzen, -- besser zu schlafen als zu wachen“, drückt vielleicht am klarsten und verständlichsten die für den größten Teil der indischen Bevölkerung gültige Lebensweisheit aus.
Selten erreicht ein Inder ein hohes Alter, was wohl besonders mit dem frühen Heiraten zu tun haben mag. Kann man doch schon zwölfjährige Kinder als Mütter sehen. Im achtzehnten Lebensjahr sehen viele weibliche Wesen schon verlebt aus, und eine Frau von fünfundzwanzig ist in Indien nicht selten Großmutter. Der männliche Inder steht ebenfalls mit dreißig Jahren schon an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und es ist selten, daß er sechzig Jahre alt wird. Hierzu kommt die außerordentlich sinnliche Veranlagung des Inders, die sich, ohne jede Schranken zu kennen, auslebt. Von den jungen Männern, die ich gekannt habe, gab es nur wenige, die mit 16 und 17 Jahren nicht schon geschlechtskrank waren, wobei noch zu beachten ist, daß derartige Krankheiten in Indien von den damit Behafteten mehr als eine Auszeichnung, denn als gesundheitsschädigende Leiden empfunden werden.
So sind die Heiraten in Indien fast durchgängig Vernunftheiraten. Auch wenn der Maharadscha von Kapurthala sowie eine Anzahl anderer Vasallenfürsten es zu bewerkstelligen verstanden, ihre Zenana durch eine weiße Frau zu bereichern, oder wenn sie sich bemühen, auf ihren Reisen mit weißen Frauen anzuknüpfen -- wobei sie in den meisten Fällen doch betrogen werden --, so geschieht dies vielmehr, um gegenüber ihren Stammesgenossen mit ihren Eroberungen prahlen zu können, als daß irgendeine persönliche Neigung dabei in Frage käme. Auch bezwecken sie damit vor allem, den Engländern zu zeigen, welche Erfolge sie, die verachteten „dreckigen Neger“, bei dem weißen weiblichen Geschlecht zu erringen verstehen. Nichts machte dem Maharadscha von Kapurthala mehr Vergnügen, als wenn er dem allmächtigen britischen Sirkar auf diese Weise seine Überlegenheit beweisen zu können glaubte, besonders, wenn er aus irgendeinem Grunde wegen Mißgriffen in seinen Regierungsangelegenheiten zur Rede gestellt worden war.
Eitelkeit