Part 8
Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein plötzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet, sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, ließ sich ja noch lange wirtschaften. Richard Strauß buchtete das von den Vätern Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum Beweis, daß er ein Allerweltskönner sei, schuf er in seiner »Ariadne« eine antike Seite -- ich brauche sie nicht zu nennen -- von ewigem Wert.
Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige noch unvernommene Töne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid, verzückt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er verstummte schnell.
Genie ist nicht nur Fleiß (neben vielem anderen), sondern auch ein heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher erkannte, daß die Musik in die wild überwuchernde Flora der Neuromantik nicht mehr tiefer hineinführte. Aber man kutschierte fatalistisch in derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien unlöslich. Nur nicht für Busoni. Es reizte gerade den Schöpfer in ihm.
Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer stärkere Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift »Zur Ästhetik der Musik«, in »Arlechino«; in seinen immer erstaunlichen Klavierkompositionen, welche dem Klavier -- dem einstigen Spinett -- so neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute, eingetönte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) grüßen da aus unvermuteten Tiefen, wie grünleuchtende Seen. Auch rein äußerlich genommen, verfährt Busoni als Schöpfer mit ihm; auch auf den rein äußeren Ausbau dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drängen seine Kompositionen hin.
Scheint dies vielleicht von mäßigem Belang?
Welche Stunden äußerster Betrübnis muß das Genie durchleben! Wie müssen ihn da die Zweifel überwältigen, ob die ewig geschäftige und ewig unachtsame Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er sein Leben widmet!
Während sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen Waffengedröhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner Isolation fand er die schöpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik für eine neue Jugend flügge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstücke seines »Faust« bekanntgegeben, aber sie künden ihn ganz. Die reine Linienführung, die tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizität, sanft gerundet, erheben sich wieder! Ein »Faust« um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter, die auf ihn fallen: die holde Blässe in der Feierlichkeit, ein in der Welt noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer, Leonardisches, Latinismen . . .
Wenn ich sage, daß mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem »Faust« das Erbe Mozarts angetreten wurde, befürchte ich kein Dementi von der Zukunft.
Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, daß Bettina Brentano über Beethoven, daß Julie de Lespinasse über Gluck zu beider Lebzeiten das Entscheidendste sagten?
Und wenn ich mich heute so gedrängt fühle, auf die Wichtigkeit Busonis immer wieder aufmerksam zu machen, so möchte ich hinzufügen, daß es in der Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein »zu spät«. Auch hier sind die Gelegenheiten dahin, die man verpaßte -- auch den Herren Klavierbauern rufe ich dies heute zu.
Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Könige nicht ausrufen und nicht unterscheiden?
Dritter Teil.
Das traurigste aller Jahre gehörte der Vergangenheit. Auch der Januar hatte ein Ende genommen. Ich war die Sklavin meines Flügels. Ihm zuliebe behielt ich das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte.
Mit England und den Vereinigten Staaten war der Briefwechsel besonders schwierig geworden. Zuletzt würde es Mühe geben, sich die Gesichter seiner Freunde zu vergegenwärtigen, deren Bild nie eine Nachricht näher brachte.
Eines Nachmittags -- es fing schon an zu dämmern -- und meine Gedanken zogen über unerreichbar gewordene Küsten den gewohnten Weg, als statt vertrauter Züge, die ich wachrief, ein blankes, behendes Pferd aufblitzte von intensivstem Braun. Voll Ungestüm, beredten Blickes, als hätte es etwas zu verkünden, weckte es ein Echo großer Bangigkeit und verschwand.
Dafür blieb der ganze folgende Tag unter dem Eindruck eines so beseligenden Traumes, daß es ein Frevel wäre, ihn zu schildern.
Wiederum dämmerte es, und diesmal saß Fortunio in meiner Sofaecke, und wir unterhielten uns.
Das zwiefache an den Menschen, darüber waren wir uns ja einig, betraf ihren Ursprung. Insofern hatten die Extremisten recht, als sie nicht glaubten, mit dem alten Karren ins gelobte neue Land einzufahren. Leider aber brachten sie dabei ihre eigene Anhängerschaft ganz nach der alten Manier, nicht etwa der Artung, sondern der oft so rein zufälligen Meinung nach als wildes Durcheinander unter ein und dieselbe Flagge.
»Wie wunderbar ist der Mensch!« sagte ich plötzlich, »was für Eingebungen er hat! Auf was für Dinge er gerät! Zum Beispiel in allen Sprachen Vergleiche wie die folgenden zu ziehen: marchez comme sur des nuages; to walk on clouds; wie auf Wolken gehen.«
»Warum?« fragte er.
»Weil es das gibt. Nicht etwa nur in euren Dichterphantasien, sondern einer höheren, höchsten Physik zufolge. Wer ist der verwirrte Tropf gewesen, der als erster Wort und Begriff des Wunders startete?«
Ich wurde jetzt der Schneereflexe immer bewußter, welche in die Mollakkorde eines unvergleichlichen Zwielichtes fuhren. Nur wenig Wintertagen eignet dieser Schein, trauter als das von Sommerlüften durchwärmte, hölzerne Gartenhäuschen. Lange schmeichelte er sich an den Fenstern hin.
»Eine gesteigerte Natur,« fuhr ich fort, »Kontakte, es sind Füße denkbar, zu welchen die Tragfähigkeit der Wolke sich verhielte wie Steg und Brücke zu den unseren: Gewänder, die zu solchen Füßen niederflössen, würde durch die Schärfe der Emulsion der Äther zum natürlichsten Geleise: weite Geleise solchen Füßen, und so sehr ein Teil von ihnen, während sie auf ihren Wolkensohlen reisten, daß von einer zifferlosen Arithmetik beherrscht, der ganze Himmel, und nicht etwa nur ein Stück von ihm, mit in den Raum sich drängen würde, über dessen Schwelle sie zögen.«
Hier verstummte ich, und so gebieterisch schwoll die Dämmerung an, daß meine Hände, wie Orgelpunkte in der Schwebe gehalten, plötzlich niederfielen, ihrer Unzulänglichkeit und Armut zurückgegeben.
»Wollen Sie Licht machen?« fragte ich.
Während er sich anschickte, das Zimmer der ganzen Länge nach zu durchschreiten, war ich innerlich erstaunt über die Ausführlichkeit, mit der sich das Detail eines Bildes, welches doch als Ganzes, über alle Zeitbegriffe schnell zu Häupten meines Bettes aufgeblitzt war, festhalten ließe.
Doch warum faßte mich da wieder das unerklärliche Grauen, das nicht mehr einzufangende Echo des Grams des gestrigen Nachmittags, als mir im halbwachen Zustand das Pferd beredten Auges entgegenschoß? Welche Bewandtnis -- -- -- -- --
Aber da hatte Fortunio schon geknipst, die Lampe erstrahlte, und ich atmete auf.
5. FEBRUAR. Am Morgen dieses Tages stand ich angekleidet zu Häupten des Bettes und hielt meine Post. Sie war umfangreicher als sonst. Ein Brief mit ausländischer Marke und fremder Handschrift, den ich zuerst öffnete, umfaßte nur wenig Zeilen und meldete einen Tod, der schon vier Monate zurücklag.
Der Zahnarzt erwartete mich schon sehr früh.
Ganz undeutlich, wie von einem andern Ufer herüber, so daß ich nicht daran dachte, mich zu entschuldigen, schien er mir ungeduldig über mein verspätetes Erscheinen.
Ich wollte ihn ersuchen, das graue Schmerzenslicht von der gegenüberliegenden Mauer zu entfernen. Dann besann ich mich: zeigten doch alle Dinge, das Fenster, die Instrumente auf dem Tablett dieselbe böse und stechende Schärfe.
Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat. Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel des Gedächtnisses zu löschen, so zu verlöschen, als sei man nie gewesen, dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte, die Flucht ergriff; als wäre sie die aus Hoffmanns Erzählung entronnene Olympia -- die Lauben hinab, die Treppen hinauf -- in ihr Zimmer zurücklief -- und sich umzog! -- Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! -- und einen blauen Schleier davorband, und in das betäubte Antlitz starrte, dem er so ungewöhnlich stand -- und einen Besuch abstattete -- an einem Ofen lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrübte Scheiben sah, den die Wärme des Zimmers hervorrief. Es saß einer da, der erzählte, doch nur die Türe nahm sie wahr, durch welche sie wieder entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . .
Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende.
Nur auf dem freien Platz und über der Brücke war es noch hell. Rauh, grell und öde brütete ein durchnäßter Wintertag. Ungemildert fing ihn der »Gurten« auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfnaß alle Dächer, die Bäume ein wirres und aufgelöstes Haar.
Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie überwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umriß für sie die ganze Stadt, die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schloß, das Siegel seiner Qual für immer aufgebrannt. So fiel ein Tor.
Beim ersten Laternenschein prallte sie zurück. Jedes Licht war eine Tücke. Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wände nicht nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schloß ihre Türe und überließ sich der Erschöpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich zu rühren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht.
Siehe -- was tauchte da wieder vor ihr auf? -- Sturmentlassen, mit verhängten Zügeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfärbte, fahlgewordene Roß, dessen Botendienst geschehen war.
Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich zwischen einer Kunde und ihrer Ankündigung gnädig und wie eine Gnade stellte.
* * * * *
Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, daß ich von dir selber gehalten, durch Dornen und Gestrüpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenkünfte und folge mir nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, über der malerischen Stadt des nüchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den Unterbau des Münsters niederdrückt, und seine Schönheit immerzu und immerzu verneint.
Selbst bei der schärfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetönt. Dort hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstübchen im fünften Stock des hotel de Russie. Ein kleiner Balkon überhing die stets von Schwänen überzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der Brotkarten mit Krumen wohlgefüllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerückt von der Natur. Bald würden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flügeln ihre Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab ihnen ihre Ungefährdetheit die Muße, um den Tod zu wissen.
Die Zeiten waren derart, daß der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in Aufruhr versetzt hätten, machten mir nicht das geringste. An der Telephonkabine war eines Morgens der Türgriff ausgekurbelt und wurde nicht wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte.
Indessen wurde ich von Herrn L -- P. . . . dem Vater der im deportationsfähigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestürmt. Seiner Frau blieben die Pässe verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glück dem Grafen Carry, er möge mich über den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es war strahlendes Wetter, wir streunten über die Kais und aßen zusammen. An seine natürliche Güte hatte ich nie vergebens appelliert, und schließlich bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt waren, log ich jetzt über die politische Zweckmäßigkeit einer Paßverleihung an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blüte; an eine Tanne, grünblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt, preßte sich ein glückliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzücken daran.
»Da geht mein schlimmster Feind«, sagte er plötzlich. Klein, mit niederträchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns hervor. Von übelster Vergangenheit, dabei Träger eines großen Namens, für den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner Rehabilitierung zusammenfiel.
»Natürlich haßt er Sie«, sagte ich zerstreut. »Was erwarten Sie sonst?«
Abends -- der Graf war schon abgereist -- kreuzte ich mich nochmals, über die Brücke zu den Schwänen gehend, mit der hochgeborenen Krapüle, die mit einem Basiliskenblick an mir vorüberging. Tags darauf -- ich dachte gerade an das blauzerfließende Grün der Tanne und an den großen Blumenbaum, der in dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblüht war, als ich ans Telephon gerufen wurde. Vor der Zelle saß trägen Auges der mir zugeteilte Herr mit der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten kommen. Denn im höchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir ihr Vertrauen geschenkt, und nun müsse sie hören, daß ich es mißbrauchte.
Ich machte mich ziemlich gemächlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem Tage, als sich Bern für mich zur Krypta schloß, war mir erst bewußt, daß ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen innerlich wirklich beschützten und durchschauten Menschen gewesen war.
Wie oft hatte -- weit vorgreifend, ach! -- mein Ohr das melodische Lachen zu hören geglaubt, wenn ich dereinst alles erzählen würde, alle Zwickmühlen und alle Abenteuer, in die ich geraten war.
Ein ganzer, ein wirklich unvergeßlicher Mensch, dachte ich, von Trauer niedergedrückt, ist nirgends zu Ende. Unerschöpft und ganz unausgespielt sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines solchen Lebens.
Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glück des Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das Vorgefühl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich.
Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit offenen Karten. Die hochgeborene Krapüle hatte verbreiten lassen, die deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, daß sie kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte er in der Hand. (Es war mein Frühstück mit dem Grafen Carry.) Natürlich war seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmöglich zu machen. Er hatte sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt.
Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die Straße führte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: »Je suis bien contente de le lui avoir dit« laut und vernehmlich ins Freie; Mir aber saß jetzt ein ödes Gefühl im Magen, ein Ekel, das würgen einer allzu krampfhaft unterdrückten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mußte etwas, das Palliativ, die Betäubung mußte her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht bei, die avenue de Florissant? wußte ich nicht, zufällig, daß sie dort wohnte, sie, die den Schlüssel zu den geheimen Toren hielt, die ich begehrte? Heute noch, nein, sogleich mußte ich hin.
Und schon betrat ich unangemeldet die großen Räume, in welchen die malerische Französin zwischen ausgehobenen Türen nach allen Seiten hin den Ausblick über Gärten und Büsche genoß. Es war eine ganze Welt von Bäumen in ihrem ersten Grün. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden über meinen Besuch. Wir hatten uns ein einziges Mal während des Krieges flüchtig kennengelernt, und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frühlingszauber ihres Parkes vor Augen.
»Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums,« sagte ich, »die ich suche.« Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und dunkle Gestalt, weder so schön, noch so jung vielleicht, als sie an diesem Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen Dingen.
»Es muß heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen,« sagte ich, »da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen möchte, sofort in Mißlingen und Gestank aufgeht.«
»Wie könnte es anders sein?« gab sie zurück, »das Geschwür ist noch lange nicht reif. Vorerst muß alles ihm allein zugute kommen.«
»Es gibt aber Geschwüre en permanence«, meinte ich. Doch sie schüttelte den Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft.
Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier Reisegefährten eines nächtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr Auseinandergehen.
Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, daß es auch seine anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehörten, sondern in ihrer Bedrücktheit ganz allgemein die Straßen einer größeren Stadt darstellen. Zwischen solchen Häuserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand die Nummer, stieg vier Treppen hoch und läutete und wartete. Eine im Dunkel undefinierbare Gestalt öffnete endlich langsam die Türe.
»Wollen Sie mich melden?« sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie rührte sich nicht. »Wollen Sie mich melden?« wiederholte ich. Sie schwieg. Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenüber. Unsere Blicke belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Höhle des Lasters zwei Eingeweihte zögernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten Schatten unserer Augen und ihr matter und verlöschter Schein. Und wie loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir zurückwich. Sie trat, als hätte ich sie gestoßen, in die Umrahmung einer Türe, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein.
* * * * *
Dem glücklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen, berauscht, von tröstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie Antäus die Erde, hatte so mein Fuß die belebende Leere berührt? -- War's ein geistiger Aderlaß gewesen? War's der letzten Hingabe entsetzliche Betäubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen dürfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes, die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit entstürzen läßt . . . .
Oh Eurydike!
* * * * *
Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht wenig erstaunt. Ihn aber schien die Bläue des Tages und das in Verzückung zurücktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war ersichtlich, daß er träumte. Das Leben hielt er dann für schön, besann sich des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hört.
»Lassen Sie sich das Neueste erzählen«, stieß ich ihn an und gab mit allen Details die Mine zum besten, von der ich in Genf hätte auffliegen sollen. Wie ergiebig Graf Carry dabei mit »belegt« worden war, kam erst später ans Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nämlich, sich vor einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse so wenig die Würde seines Amtes zu wahren, daß er sich nicht scheue, mit einer französischen Agentin wie mir öffentlich herumzuziehen. Aus dem Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper.
»Diese Zeit«, sagte ich zu Fortunio, »hat den Untermenschen doch wirklich den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehört mit zu den läuternden Wirkungen des Krieges, daß ihn die Krapülen überleben. Denn wenn eine, statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage gerät, selbst an den Heldentod glauben zu müssen, so ist das doch ein ganz seltenes Pech.«
Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurück, und ich blieb in Clarens.