Part 9
Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste Heeresleitung, wie um seiner zu höhnen, die Kanonade von Paris nicht unterbrach, eine Kirche während des Kultes einstürzte und die Anwesenden unter sich begrub. Daß mein angekündeter Besuch auf das hin unterblieb, verstand sich von selbst. Für mein Gefühl war dieser Karfreitagsvolltreffer das schwarze Aß, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht ominös zu sein. Sie war -- man verstehe mich recht -- wüstester Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des Krieges, weil sein auftreten das Übergewicht des nördlichen über das westliche und südliche Deutschland anbahnte, und ein kahles, unkünstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus stak damals in seinen ersten Anfängen, noch belebt von der Wärme des Stammes, von dem er sich losriß: protestierender Katholizismus. Der wirklich ausgewachsene konsistorialrätliche Protestantismus gedieh erst in den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus. Die fürchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswürdigkeit, das Reformkostüm, die Jägerwäsche danken wir ihm. Undenkbar, daß von München aus die Reichsbriefmarke, als die häßlichste der Welt, hinausgeflattert wäre. Nein! fürwahr, diese Germania stieg so recht als die fille ainée der protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Riß, über den keine äußerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das verständnislose abrücken von der lateinischen und abendländischen Welt, das ein südliches, fränkisches und westliches Deutschland nie herbeigeführt hätte.
Statt des café du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine Schreibstube. Den Nachmittag beschloß ich mit Vorliebe im kleinen Saal des Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A. H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb ich ihm:
Und wir hätten alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgendein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, daß sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.
Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer ebensolchen vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch, die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brücken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Daß es keine intellektuelle Notwehr gibt, und daß wir lieber untergehen als daß wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle Grenzen hin in die Hände arbeiten? Auf uns, die sie gewähren lassen, fällt der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten ließen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird für unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reißen. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentöter die Sprache der Vögel verstehen ließ, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers genoß!
Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhängenden Blüten am Ufer. Und die Nächte verströmten betäubend und lau. Es war ein Wandeln wie im Traum, bedrückend und begeisternd zugleich. Meine Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17. depeschierte er mir, die Pässe für Frau v. L . . . . und ihre fünf Kinder seien gewährt.
In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm. Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen Unterschied. Es war zu heiß. Den schönen Damen standen die Koffer gerüstet. Ihre neuesten Kostüme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hüte und die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu erstehen.
Für den 29. waren in Zürich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt. Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwölkte sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Mißgriff und eine Illusion, daß er die Villa des geölten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu anständig; sein plötzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als unser Leithammel aufwarf, ärgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren. Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schloßhotel, ihn zu bekämpfen. Dort warteten A. H. Pax und seine unschätzbare Gattin seit einer Woche meiner. In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte man den Blick nach Süden über die Alpen und den See. Bei ihnen waltete Überblick, Wissen und Nächstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und Gemütlichkeit, die nicht zu überbieten waren.
Die Villa des Geölten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum Hause, als wäre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbäume, die ihn beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdroß Fortunio, doch ich erklärte, Kirschen nur vom Baume essen zu können, und riß im vorbeigehen immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen für Hesperiden. Die unteren Zweige hingen schon leer.
Der geölte Nibelung gehörte dem Geschlecht derer an, die nicht nur geschäftskundig, sondern auch mit regen Sinnen für das Schöne begabt, zu überaus tüchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fähig, konnte er sich nach innerer Herkunft und Bestimmung höchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren vermögen. Gütiger Regungen sehr wohl fähig, war der geölte Nibelung infolge seines unbändigen Ehrgeizes der glücklose Knecht, außerstande sich zu bescheiden. Über ihn wölbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar, zwischen ihm und dem Äther, den Göttern und der Natur lastete eine trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Geölte, von trüben Stacheln getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von Eifersucht und Zuneigung gleicherweise gequält, suchte er -- immer unbewußt -- ihn an sich zu reißen oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es, vierhändig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald mit beiden übers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales stehen.
Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine großartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das Schreckhorn leuchtete in der Verkürzung, der See war eine Arie.
»Komm, komme!« schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. »Wer weiß, was mit uns in einem Jahre geschieht.« Und eines Morgens reiße ich aus, um den Sommer im Engadin zu beschließen.
Mein Weg führt über Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist schwer niedergedrückt. Das deutsche Verhängnis war für jeden, der außerhalb des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf, Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurück und ihn so lange quälend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle heißen und kalten Wasserhähne sprühten um die Wette, daß es nur so pfiff.
Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend.
Sie übermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch verbat.
Fluchtartig verließ ich die Stadt der vergeblichen Zusammenkünfte.
* * * * *
Palace Hotel, St. Moritz.
AUGUST 1918. Man hätte sich auf dem Berge Arrarat glauben können, wären unter den Geretteten nicht so viele gewesen, die mit einem Mühlstein am Halse zu tiefst der angerichteten Sintflut zu liegen verdienten. Diese Menschenmetzger, Gewinnler am Elend der Menschheit und gemästet von ihrem Blut, hier machten sie sich breit und schlemmten.
Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den Seidenaffen besucht und war auf der Treppe gestürzt, so daß ich bleiben mußte, wo ich war. Doch inmitten des Geschwirres begann da für mich ein Leben wirklicher Beschaulichkeit. Ich kannte niemanden, mit San Cividales verkehrte ich nur in den oberen Räumen, unten mieden wir uns, denn wir waren ja Feinde. Auf den Stock gestützt, hinkte ich, wenn Sajani mit seiner kleinen Kapelle spielte, zu einem Schreibtisch in der offenen Galerie, die Berge von Pontresina vor Augen, die ekstatisch nach Süden träumten; unten der tiefgrüne Bergsee und der Waldweg seinen Ufern entlang; St. Moritzbad im Rücken, damit ich es nicht zu sehen brauchte.
Es war sehr oft »etwas los«. Alles strömte dann nach derselben Richtung, um sich im Sportkostüm zu treffen, bevor man sich im Abendkleide wieder begegnete. Dann spielte die Kapelle ins Leere, ich aber zog unter den Baldachin, die Tangonoten verschwanden, und wir spielten Trios. Es schlichen immer ein paar unbeschäftigte Kellner herein, und dies Kellnerpublikum war uns ein Sporn.
In der Umwertung der Gesellschaft selbst besteht heute die eigentliche und tiefe Revolution. Ein rein äußerlicher Staat hat merkwürdigerweise aufgehört, elegant zu sein; das Prestige einer Klasse als solcher, mag es noch einmal aufflackern und sich noch eine Weile fortläppern, ist dahin. Diejenige Klasse, die überall am Kriege die unschuldigste war, wird täglich an Interesse gewinnen und ihren Tag erleben. Der Arbeiterstand als Magnet: so schnell reiten die Toten! --
Wie faszinierend war es indes, die Herren von vorgestern zu beobachten, welche wähnten, daß sie es noch seien, und die höchstens noch der Wirt, bei dem sie abstiegen, in dem Glauben erhielt; diese Herren auf Abbruch, die nicht merkten, daß ihre Füße sich schon im Gerölle fingen. Müßigkeit und Unwissenheit hatten ihre Norm so tief herabgedrückt, daß, um ein Beispiel zu geben, edle Musik eine Zumutung für sie gewesen wäre. In der Tat, es lohnte sich, sie zu studieren. Sie machten noch die Gesten der Väter, aber schon war der Pöbel bei ihnen eingebrochen und schuf sich in diesem äußersten Rechteck der Gesellschaft ein Ventil. Nirgends vielleicht hatte sich die Achtung für inneren Wert so sehr verringert und kam innerer Adel so wenig in Betracht. Wie viel ritterlich Gesinnte zählte man unter diesen Kavalieren? Wie viel Strebende? Was die Unbildung, die zunehmende Verrohung dieser Clique betraf, so stand sie den von ihr verhöhnten nouveaux riches, welche Wurstkonserven zu Magnaten erhoben hatten, innerlich schon am nächsten, und es war rührend zu sehen, wie hier die Elite -- denn auch die sogenannte Elite hat natürlich ihre Elite, und ich weiß keine liebenswertere -- von ihr abrückte und sich ihrer schämte.
Auch den Trost von ein paar wirklich schönen Frauen hatte man hier. Der Seidenaff zwar verzog sich des Abends immer sehr bald. Sah man nach ihr um, war sie wie ein Vogel schon weg.
Aber die leidende Sylvia, schön wie eine gestirnte Nacht, tanzte so gern. Und ob man sich auch sagte, die Melancholie ihres Lächelns, ihres Lachens sei nur Zufall, nur der Form ihrer göttlichen Lippen, dem Licht ihrer Zähne entblüht, sie entzückte darum nicht minder.
Eine andere kam zuweilen von Suvretta herüber, ein Püppchen, so zierlich gebildet, als wäre sie in einer blitzend ausgeschlagenen Nußschale dahergefahren.
Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber laßt mich bei der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer düsteren Pracht hervor, blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre Tänzer in Atem.
* * * * *
ANFANG SEPTEMBER. »Ich hörte lange nichts von euch«, schrieb ich an Fortunio. »Was Sie nur treiben?«
Mein Fuß war endlich hergestellt und einer längeren Fußtour gewachsen. Eines Morgens verließ ich früh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen eigens dafür erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte. Also ausgerüstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein, denn die zahlreich einherrollenden Wagen hüllten die Straße in Staub. Frech auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern.
Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht, nimmermüde, sie zu umschreiben, leis umplätschert, geduldig und verliebt.
Ich riß den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und ließ die Stirne frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schön, wieder schnellen und gesunden Fußes durch die Wälder zu gehen, die bis in ihren tiefsten Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz plötzlich wurde es kalt. Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den Herbst eröffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und ließen die Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, daß sie sich nur vertagten.
Spät am Nachmittag saß ich in der berühmten Konditorei von Sils Maria, als ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schöne des Palace Hotels in Begleitung ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjährigen Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, daß er Modell stand, sowie man nur hinsah, aber dabei das Entzücken seines Schneiders mit dem des Malers verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten, und einen der Anlage nach gewiß nicht groben, aber schon stark vergröberten Kopf. Bald, sehr bald würde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallüre übrigbleiben.
Die Schöne hatte am nächsten Tische Platz genommen, so daß ich ihre kühle und strahlende Erscheinung mit Muße betrachten konnte. Der Schmelz, die Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie große, kostbare Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes. Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lächeln beunruhigte. Und doch war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfäden einer Blüte, Fesseln und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhört raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schläfen mit seinem Gold und ließ die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben schon unendlich leise Fäden an ihrer künftigen Häßlichkeit, und da kündete sich von fern der nach außen gerichtete, erinnerungslose Blick der Vierzigerin, ohne Rückwärtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht, stand doch die lange Fahrt noch aus, und mußte sie doch ruhen, bevor sie sich langsam wieder schmückte zum spätesten aller Diners. Nicht nur mit ihren Abendkleidern, auch durch spätes Erscheinen wetteiferten nämlich die Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinäreres sein, als schon um neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel?
Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang über, mit jener tiefen Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenüber, die solche Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mußte. Auf seine Hand gestützt und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefährt und griff in die Zügel.
War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschärft? In dieser zarten und köstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der Kindsmißhandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch lange von den Felsen herüber.
Was war es, das mich so feierlich stimmte?
In den Gasthäusern und Hotels ging jetzt überall ein Klappern von Tellern und Bestecken los. Es wurde geläutet und gegongt, und wer nicht im Restaurant aß, der mußte sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schöner, noch etwas zu streunen.
Ein ungewöhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Fülle; es wuchsen die Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblaßte wunderbar, eine graue Bank ward ganz sie selbst. Die Funksprüche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll alle Täler entlang, und schon waren alle Täler berauscht. Auf dem Platze hielt ein Gespann, die Gäule hielten die Köpfe gesenkt, als ob sie träumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Außer mir blieb nur ein Liebespaar, das sich an den Händen hielt. Es war sich Mondschein genug.
Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie für mich allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier regungslos wie eine Tote, und der Mond goß Myrthensträuße über sie herab. Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war es nur ein Spiel der Luft, daß die Berge hier zerfielen. Blöcke sich lösten, als sei die Welt zu Ende; Felsensäle bauten sich in die Klüfte ein, Riesengemächer warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen würde hier die Sonne auf ödes Schilf vielleicht hinbrüten und das Paar nicht zu erkennen sein.
Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Außerhalb des Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle Straße weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus. Ein junges und verschlafenes Mädchen führte mich über manche Treppe hinauf: zufällig stünde das einzige Zimmer frei, das für Gäste reserviert blieb. Alle andern hielt während des Krieges die Militärbehörde in Beschlag. Die nächste Poststation sei italienisch.
Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei Fenster und war schneeweiß. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen Kissen zurück. So angelangt!
* * * * *
Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und der Dämmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und wollten alles für sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz war kein olympischer; eine Straße schwang sich, breite Kurven nehmend, in die Tiefe.
Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jäh zu Ende. Folge mir noch. Hoch steht schon die Sonne über das Bergland, ein anderes freilich als der vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verströmt der See sein Blau, nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthensträuße und Schleier sind vergessen und hängen als weiße Fäden im Gesträuch.
Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, daß es tagte, hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu höchst der Wälder und noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Tränen zerflossener Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurück in die Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehängten Tasche und dem lächerlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstieß und jenseits der Zeiten zu liegen schien. Eine alte Frau saß auf einer Bank vor ihrem Hause, und ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu dürfen. Wir verstanden einander nicht, aber die Müdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich auf der Stelle ein.
Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebräunt vom Golde des Abends, und ich mußte eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein. Auch für mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den kräftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein gröberes Ich übergeworfen als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen sollte, derartiges beschäftigte mich wieder. Aber ich spreche von verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weißt noch nicht, warum sie brannten?
Aber vielleicht hast du erfahren, daß es Träume gibt, deren Nachhall, statt zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klüften, in unserem Innern fängt. -- Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in Maloja.
Es ist nicht gleich und nicht vergänglich, wie sich die Kurve eines Fußes, der Umriß einer Schulter anläßt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hüfte fällt. Es ist das Flüchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich, noch zufällig ist es, welchen Ganges wir den Hügel abwärtsgehen. Hochzeitlich können solche bald versenkten Dinge unverloren weiterschwingen.
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