Zarastro: Westliche Tage

Part 7

Chapter 73,680 wordsPublic domain

Es mag ja sein, daß ihre großen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser zugestanden wurden, als man sah, welch flüchtigen Gast sie krönten. Denn ehe man sich's versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach ihrem geliebten Ohlstadt zurückzufahren. Sie erzählte noch im letzten Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentränen um sich her geschaut, als sie den »Raunerhof« zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum besichtigte.

So nah berührte sie der Ort.

Es waren pantheistische Anklänge in ihr, die man nicht überhören durfte, um sie zu kennen.

Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lücke ließ zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier seine Brandung, und was Wunder, daß sich ihr Blick, allen Sicherungen zum Trotz, so häufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.

Und kannte ihn doch kaum.

Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, böse und gefährlich wie die Gärungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine Öde erfuhr sie nicht. Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie war geschützt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche, innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht, was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Höhen des Lebens weg, einzeln und jäh zu den Toren des Todes hintreten und in seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklärung, kein noch so sanftes Verlöschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.

Ach die besten Freundesherzen sind noch zu träge! Allzu leichten Sinnes nahmen wir das schöne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die deutlichen Merkmale eines frühen Scheidens an ihr nicht. --

Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dünner Korb, nur durch Taue einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorüberschweben? Ein Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je höher sie sich steigen sehen, desto langsamer dünkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke vorüber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald überflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hängen schien.

Dies aber war bei stillem und oft schwer verträumtem Wesen das Tempo ihres inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchmaß sie ihre Bahn, und nur wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermöchte auch das Letzte über sie zu sagen. Denn immer merkwürdiger und geschlossener wurde die Harmonie dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber ist es gegeben, sich zu erfüllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen nicht los.

Oh Marguerite! Daß meine Worte sich aufrichten dürften wie Säulen, und daß sie sich zusammenschlössen dir eine Stätte zu bilden des Innehaltens und der Rast, wo du -- staunend vielleicht, doch ohne Gram -- zurückblicktest auf dein Leben; oh daß es zwischen seinen Ufern an dir vorüberzöge und dein sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das Getürme der Wolken im verglühenden Tag.

* * * * *

SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glück bis in den Oktober hinein vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zürich, bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.

Die Ära Kühlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich prompt, daß ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine Stellung gestaltete sich noch um ein Stückchen schiefer. Ich hatte jetzt zu schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist Todesurteile, Deportationen, versprengte französische oder belgische Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier, Expreßbriefe erst in sechs Wochen. Um an Kühlmann zu schreiben, mußte ich schon seinetwegen den Umweg über die Gesandtschaft wählen. Meist wandte ich mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging's. Zwei junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen lassen; dafür sollte die eine erschossen werden. Kühlmann erreichte ziemlich rasch eine Rückgängigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame aus Cambrai brachte er noch über die Grenze. Als ich aber wegen der Familie des Professors von L.-P. bestürmt wurde, die Frau und fünf Kinder, (der älteste Sohn im deportationsfähigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten, schickte mir Kühlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe Militärbehörde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bündig verweigerte. Auch ohne dies -- acht Tage nach seiner Ernennung -- wußte ich ihn verloren.

[Fußnote 1: Als ich das erstemal in der Schweiz war, gab mir Aramis ein Dossier über die Deportationen, von deren Einzelheiten ich noch keine Ahnung hatte. Wer die französische Familie kennt, und weiß, wie sehr sie ihre Töchter hegt und hütet, der sah hier wahre Abgründe des Hasses und der Rachgier bereiten. Ich fuhr damals von Bern direkt nach Berlin, kannte aber von den Ministern jener Tage nur Solf, und auch diesen nur ganz flüchtig. Ihn bat ich in einem aufgeregten Brief um eine sofortige Unterredung. Er war gerade an einer Angina erkrankt und empfing mich zu Bett mit einem hochroten Gesicht, Eisbeutel auf dem Kopf. Am Fenster, mit dem Rücken gegen das Licht, stand ein Oberst. Ich kramte nun die Notizen hervor, die ich vor der Grenzüberschreitung in den Bodensee geworfen, und zwischen Lindau und Kempten wieder ins reine geschrieben hatte; der Oberst sprach die Befürchtung aus, daß sie der Wahrheit nur allzusehr entsprachen.

Mit Hilfe dieses militärischen Freundes setzte Solf, obwohl gerade damals grimmig von den Alldeutschen angefeindet eine enquete durch. Und schon glaubte ich die Partie gewonnen und das Handwerk der Herren Ludendorff und Konsorten gelegt. Denn wirklich konnten Tausende von Frauen damals nach Hause zurück, und in ihrer ärgsten Form wurde die Methode eingedämmt. Aber das Hauptquartier war noch Trumpf. Meine Darstellungen, so hieß es, seien nicht nur die hellste Übertreibung gewesen, oh nein! sondern die deportierten Töchter wären sehr erfreut, sich dem öden Einerlei ihres untätigen Lebens entzogen zu sehen; man gewann richtig den Eindruck, als müßte es für ein junges Mädchen von guter Familie geradezu eine Lust sein, deportiert zu werden, und nur eine Bagatelle für die Eltern, ihre Kinder -- manches Mal auf Nimmerwiedersehen -- aus ihrem Hause gerissen zu sehen, ohne die Möglichkeit von ihnen zu hören und ohne zu wissen, wohin man sie führte. Soll die Axt nie begraben werden? -- Eine Versöhnung der beiden Nationen ist eine so große Notwendigkeit, daß schon aus praktischen Gründen nicht immer einseitig nur über das erlittene Unrecht Buch geführt werden sollte. Und es ist für die Deutschen die große Gelegenheit gekommen! Heute, wo der französische Militarismus seine Stunde begeht, haben sie nur ein Mittel, Frankreich von seiner Rachepolitik abzubringen, indem sie -- statt wiederum von Rache zu reden -- es zu fühlen geben, daß sie beklagen, es zu dieser Rachepolitik so schwer gereizt zu haben.]

Ich muß hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurückgreifen, und zwar bis zu dem Abend meiner Abreise nach Irland. Kühlmann war damals jener Pläne stolz und froh, welche ein Jahr später in der von ihm inspirierten Broschüre »Weltpolitik ohne Krieg« ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder, und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Küste erreichte. Alle Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu reservieren. So blieb nur der große Schiffsalon, wo ein freundlicher Steward mir in den tiefen Ecken des die Wände entlanglaufenden Sofas ein herrliches Lager bereitete. Der Länge nach ausgestreckt, hatte ich auf diese Weise eine Riesenkabine für mich allein und konnte mich vor Freude gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nächtlichen, heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergeßlichkeit. Hin und wieder waren mir die Götter doch hold.

Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des zerrissenen Schiffes, das schon aufgehört hatte zu sein! In ein Rettungsboot gestoßen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewärtigen, wühlten sie sich zu Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte Kühlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines solchen Orkanes dünkten mir lächerlich. Aber ich ruderte ja selbst mechanisch aufs Geratewohl, und dann stürzten die schwarzen Berge über das Boot.

Wieder rauschte das Meer im eintönigen Sang, über mir war schon erkennbar in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der ledernen Muschel gewiegt. Aber für kein anderes Lied als für das finstere Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die Decken fort und saß zusammengekauert, schlaflos, verwüstet, uralt.

Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfüllt. Die Ernennung Kühlmanns hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Kräften dem Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es würde ihm gelingen, sein Ende herbeizuführen.

Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes -- ich war in Wengen und lag in der Sonne -- als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerüstes sich aufdrängte, ähnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Kühlmann, aber schon im Begriffe kopfüber abzustürzen, so zwar, daß er sich in der Luft zu drei Malen überschlug.

* * * * *

Am Tage nach seinem »Niemals« kam Abigail mit einer stoßbereiten Miene, wie ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Kühlmanns war ich jedoch um so weniger berechtigt, als mein frühestes Buch Aufsätze, welche auf seinen Rat den französischen Titel »L'âme aux deux patries« führten, die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr dreist), die Annektion Elsaß-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn er noch lebte, kein zweites Mal begehen würde: er hätte ein anderes Äquivalent dafür ersonnen. Dies Büchlein, das im übrigen ganz unter den Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so kräftige Verbreitung, daß sich der Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.

Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der Notwendigkeit einer Diskussion des elsaß-lothringischen Problems galt, hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung geführt, damit wir ungestört blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im Jahre 1915 diesbezüglich fallen ließ, zu einer Zeit, wo die Aussichten für Deutschland noch günstig erschienen. Sein »Niemals«, konnte ich daher nur als einen Brocken ansehen, den man Kläffern vorwirft, um sie von sich abzuhalten und weitergehen zu können: ein nach innen und in die Kulissen, nicht nach außen gerichtetes Wort.

OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges großes, fast saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich stand hier der Flügel im Raum. Die Wände hatten lichte Täfelungen, und der indische Schal mit dem weißen Feld fiel von der Decke bis zum Boden und schien eine Türe. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen beschert.

Über das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als daß eine Reihe von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts führten. Ein Wort über meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze Weile brachte ich gewiß alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung. Scheinbar für eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewiß, daß ich gleichzeitig in Diensten _sämtlicher_ Regierungen zu stehen den Anschein haben mußte. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es. Außer Japan, China, Rußland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen und Dänemark sich rühmen, daß keiner ihrer Staatsangehörigen bei mir gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen Zusammenkünfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel über ihre Vergeblichkeiten blieb. Der »Friede«, ein Wort, das mich im Schlaf elektrisierte, war wie das große Los oder wie das Leben eines aufgegebenen Kranken immer eine Möglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschütteln Fortunios beizustimmen, stürzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all den Nieten faßte, die sich zu Bergen vor meinem Tische häuften . . . Den dümmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehör. Vielleicht war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.

Meine Verständnislosigkeit für Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging ja so weit, daß ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat überzeugt war, länger als sechs Wochen könne er nicht mehr dauern. Immer schien mir alles sein nahes Ende zu künden. Als zum ersten Male von zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schluß. Als Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer ließe seine eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam machte, daß die Larven triumphierten und der Edle geopfert würde, ja, daß es stets ein besonderer Glücksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte ich den so naheliegenden Schluß von der Familie zum Staat (und was ist sie anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwürdigerweise noch immer nicht gemacht. Immer noch wähnend, es ginge um den Frieden, da es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu überzeugen und für mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, daß gerade meine Naivität Bedenken erweckte. Wie hätte auch Aramis, da es mir keineswegs an Menschenkenntnis gebrach, eine so große Weltunkenntnis bei mir vermutet? Und daß ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand? Vielmehr war es natürlich, daß eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine Institution begriff, an meiner Friedensmanie Ärgernis nahm. Ich hielt mich für besser als sie, während ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrießlichen Baß.

Dennoch war, als mir endlich ein Licht über die Welt und zugleich über mich selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spät die Lauben entlang, so faßte mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder nur sein Schatten hinter einer Säule sichtbar wurde. Da war ja eines jener unerklärlichen und gefährlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, daß ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.

Meine Tätigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab, fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Eröffnungen auf Grund amerikanischer Aufträge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbeständen dessen, was man noch deutsche Regierung nannte, und was längst unter den Hufen der Militärkavalla zertreten lag.

* * * * *

In diesem über alle Maßen traurigen Winter strich ich eines Abends müde durch die Lauben, als Abigail an mir vorüberschoß. Busoni spielt heute Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.

Von nun an befaßte ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach Zürich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Aufführung gelangte. Eine bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines überragenden Typs zu erkennen; sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe uns nichts an.

Verdrießlich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhängerschaft bestellt. Wie an den Reichen die Profiteure, so drängen sich an den Schaffenden die Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer weiß, ist ihm in mancher Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder fatal wie der seiner Anbeter.

Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem verzweifelten Versuch sogar, den, öden Sockel auszureißen, auf dem er sich wie ein Götze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Außenwelt. Während seine Umgebung den ungeheuren Überdruß der nachwagnerischen Ära bereiten half, ließ er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich zurück. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularität beschieden war, hatte er »mit Ekel in die Partitur gestarrt«[2]. Später eilte er schnell mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine seiner Opern ansetzte. Er hatte den schönen und naiven, wenn auch natürlich vergeblichen Wunsch geäußert, seinen »Ring« ein einziges Mal auf einer eigens errichteten Bühne in höchster Vollendung zur Aufführung zu bringen, um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].

Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des Alberich, während seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergißt nie die unheimliche Wirkung seines plötzlichen Vortretens, als er, hart vor der Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob. Sich selbst, die ganze Welt fühlte man da bedroht, und wer die Alberiche, wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat, wurde einem in unmißverständlichster Weise gelehrt.

[Fußnote 2: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]

[Fußnote 3: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]

Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?

Gerade von groß angelegter Musik gilt das Wort: »La musique doit toujours nous surprendre.« Laßt Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den »Ring« begraben, damit sich von neuem offenbaren könne, welcher Vorhang da zurückschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .

Erst die Züge des späten, weltberühmten und gefeierten Wagner zeigen den trüben, resignierten und abgewandten Schein, als dünke ihm jetzt erst, da alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rächten sich, indem sie ihn ableierten. Als Kassenstücke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum Unding, zur Säge, zur Obstruktion . . .

»Schafft neues!« war sein immerwährender Ruf; dafür wurde à la Wagner weiter komponiert.

Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was könnte es unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von Busonis Hause kommend, durch die nächtlichen Straßen Zürichs, wo einst Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden hatten. Mit letzter Gewißheit wußte ich da, daß der viel mißbrauchte Meister, der sich gerade über den so weit von ihm abliegenden Mozart so begeistert äußerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fände. Weit über das Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegensätze aus. Denn sachte nur beliebt es den Göttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als zu gestatten, daß sie ihre Klingen kreuzten.

Höchst merkwürdig aber ist es, daß die Persönlichkeit nie wichtiger gewesen ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der Kohlennöte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der Äquinoktien aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlägt aufs neue. Der Heilige des Tages sucht nicht mehr die Wüste, sondern tritt mitten unter die Menschen und fällt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der Welt, sondern um seiner Beglückungstheorien willen.

Aber nicht lange mehr wird der Auserwählte als ein Dulder gehen. Entweder sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewalttätigkeit sich derart nach oben kehrte, so bleiben könnte, wie sie ist.

Hier mag stehen, was ich zwei Jahre später schrieb:

Busoni.

Ich hörte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem Blick weit hinausgerückter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.

Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mühselig seinen Weg, und plötzlich dies -- dies plötzliche Angelangtsein, diesen Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.

Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen. Er ist wohl deshalb der größte Pianist, weil er implizite einer ist, weil unter der Zauberformel, welche seine Finger darüber sprechen, die Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.

Wir kennen so manche vorzügliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schöner Anschlag vielleicht und ein großes Können dazu. Aber für den Hörer nicht eben sehr nachhaltig: _Klavier_. Besinnt euch. Ist es anders?

Eher ließ noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe große Dirigenten gehört, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine verzauberte Flöte ausgedacht: hier nun wurde tatsächlich das »Piano enchanté« zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der an sich kaum noch erträglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern, dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fächerspiel, lächelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit magischer Schärfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.

Schließlich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr _geistiges_ Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe. Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit ihr aufkommen. Gar merkwürdige Erzhäuser, Dynastien und ihre Nebenlinien werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum dürfte es heute geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wäre, wie der des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte, sie zu entdecken.