Zarastro: Westliche Tage

Part 6

Chapter 63,647 wordsPublic domain

Und wie könnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch die Knechtung desjenigen Pöbels, der allerorts alle Klassen, von den höchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind es ja gerade -- weniger rudimentär und kindisch nur als diejenigen, welche man sich aufoktroyieren ließ -- Hierarchien aber sind es, die auf neuer und gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Täuschungen hin: die Klasse der Könige, der Fürsten und Herren, ja der ganze Troß der kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen Würde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in Gleichheit, noch in Brüderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht genießen.

Man rede mir also nicht von Zusammenschlüssen, sondern vorerst von neuen Gesetzbüchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu führte der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden. Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der Persistenz des Marktschreiers zu verkünden, ist mein Beruf.

Ich lehnte über der Brücke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene Helle, daß sie uns die Dinge mit größerer Schärfe zeigt? Sie deckte jetzt den Fluß, der unten den Bergen zurauschte. Von den Häusern in der Tiefe, so eng geschart, fast ein Gerümpel, auf zartesten Säulenarkaden gehoben, und wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsüber so verschlossenen Fenster. Wie wenig löste schließlich und endlich unsere zufällige Existenz von unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit unseres weitverästeten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu die Hast, wozu die Ungeduld? -- Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine größere Fassung, etwas mehr Gleichgültigkeit für meine persönlichen Geschicke aus allen Kräften bemüht.

Zweiter Teil.

Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flügeln, und da sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein wünschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein richtiger Anschluß.

Von den Ärzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter für meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besaß ich auch. Nur die Mozartaufführungen, welche unter Richard Straußens Leitung bevorstanden, wartete ich noch ab. Sein schöpferisches Erschöpfen eines Werkes ist sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens. Einem Don Juan, der ein großer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflöte, welche einige Kritik hervorrief; mich entzückte letztere weit mehr, so zwar, daß sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strauß hatte eine Pamina mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwürdig schöne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, daß Symbolik wie Illusion des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren und geordneteren Welt endgültig fiel. Was bedeuteten Regiestörungen (tags darauf hieß es, sie sei einem Engländer zu danken, der sich zu diesem Zweck als Maschinist für den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen Niveau dieser Vorstellung?

Am lautesten wurde am Schluß von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet, welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten. Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen Gepräge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber nicht mehr dachten, dafür seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie waren die Regisseure und Leugner des großen Kindersterbens, das jetzt in ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher, würdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knäuel dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns über den Platz. Auch im Dunkeln sah man ihnen an, daß sie jetzt schmausen gingen.

* * * * *

Rheinfelden.

21. JUNI. Mußte da dicht vor meinem Fenster hochgewölbt der Rhein vorüberrauschen? Eine Brücke mit Schilderhäuschen in der Mitte legt schon im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die Häuser herüber.

Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbstühlen und schwatzten. Doch Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vögeln gleich schwirrten sie hierher und dorthin und kehrten zurück . . . Der Sommer war im Land. Das Schlößchen der schönen Marguerite, das selbst mitten im Kriege Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten längst im flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch ihre Koffer gepackt; . . . es türmten sich wohlgefaltet ihre schönen Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins Städtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die Störche ins Blaue steuerten. Was gab es schöneres wie ihren Flug? Klein erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber für mich nach allen Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurück, der ganz umwachsen unter Bäumen führt. Wer nicht wollte, brauchte weder Fluß noch Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche für mich. Ich floh entsetzt auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlößchen am Berg Tür und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere starrte fortan sein breitschrötiges Türmchen. Sie zog die Straße nie mehr herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wägelchen in den Wald. Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!

Es traf sich, daß die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle Höhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich saß in einer Nische aus Fels und Gras, die Füße hingen ins Leere.

Plötzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Stoß, ein Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flügel, schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein für sich allein. Vom Tode weiß es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet: daß, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein kann, als dieser ihm. Dann wäre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.

Es war für die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte versprochen, mich daran zu beteiligen.

Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet über alle eine einzige Natur, ein allmähliches Sprießen, eine Reife, von trüben Himmeln die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes letzte und sehr tragische Zurückbleiben des Erreichten hinter dem Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um einer nächsten Ernte zu gedeihen.

Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den sanftanschwellenden Rändern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die Höhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze des »Männlichen« hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer; dann aber stürzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab, daß man, von einem Taumel erfaßt, zu rennen anfing und zu fliegen verlangte. Von dem Tempo erfaßt, das von hier oben gesehen, die Jungfrau entfaltete, die mit mächtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich riß. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verströmenden Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt, schlafend, offenen Mundes zurückgeworfen, oder wie entseelt mit beschneiten, eingesunkenen Schläfen zur Seite gekehrt, die Luft darüber wie ein unendliches Gewölbe.

Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere Welt als die des Tages stand schon gerüstet. Plötzlich hielten mich zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mächtig wie ein Volk auf halber Höhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam, wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wären sie die Führer. Ihre geschneckten Hörner abwartend mir zugekehrt, versperrten sie den Weg. Um weiterzukommen, mußte ich halb quer hindurch, halb mit der Herde laufen. Eine überwältigende Ruhe, ja ein Glück ging von ihr aus, daß man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wäre.

Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stücke. Meine Füße waren zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im Tuchbrokat von silberigem Weiß, hoch mit Zobel verbrämt. Doch der Jugend kommt alles zugute; kostbare Gewänder unterstreichen sie nur. Die leichte Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrückt. Lang und gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem weichen Schimmer schmeichelte die Härte des diamantenen Reifs. In Treibhäusern wird heute die gefüllte, immer gefülltere Nelke gezogen. Mit solchen gefüllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte der Seidenaff.

Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen. Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und fürs erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die Lektüre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung riß. Es war ein Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwürfen, und zwar sehr berechtigten Vorwürfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege versagt und die härtesten Dinge zu hören verdient, doch nur ihnen selbst kann es zustehen, sie zu äußern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre Unzulänglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezüchtet und beabsichtigt, selbst sein Überdruß an ihr war als Triumphgasse für seine Eitelkeit gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die »Penalty of the war«, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch auf Jahrhunderte das Überragende leisten, ihr Aufstieg wird sich unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem Jahrgang schöner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?

Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem ärgeren Chaos führen, als das, welches wir unter der ausschließlichen Führerschaft der Männer und ihrer Gesetzbücher erleben. Oh diese Gesetzbücher! Sie forderten, daß man vom Tag eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.

In meiner Aufregung, meiner Bedrücktheit, lief ich in der Mittagshitze den Brienzer See entlang, bis zur Erschöpfung. Und mit einem Male wurde mir das Karthäuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten, brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.

Beatenberg.

AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel stand zu Anfang der breiten Straße, die über tausend Meter hoch ganz eben dahinläuft, den großen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer Riesenpolonäse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung, zurückzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund. Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wußte nichts mehr vom andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Fluß; das sehr geräuschvolle Haus bot keine Möglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar daran grenzte der Wald und führte sogleich sehr steil ins Weglose hinab. Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins Hotel zurück, forschte nach dem Schlüssel und erlangte ihn. So gehörte das Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlüssel ans Herz gedrückt, eilte ich zurück. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage. Die Läden blieben herabgelassen. Nur durch die Türe, die ins Freie führte, drang das Licht; auch die Bäume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos und keine Aussicht außer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh. Und keinen Laut als den der Vögel.

Oh Sommersmitte! Oh göttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitmaß, ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!

Groß aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.

Zwischen Tür und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschütteten Kissen die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; ächzend. Es roch nach Tannen, Blumen, des Morgens im Walde gepflückt, hingen schon ermattet im Glase. In diese holde Schwüle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein rechter Arm hing herab, ich war zu lässig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen mir die Augen zu. Hält die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter? War er als Bote hereingeflogen? -- Wer war gegangen? --

Flüchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Hütte? War sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfaßt. In unbeschreiblicher Rührung hob ich den Arm, sprang auf, saß wieder vor dem Tisch, das Gesicht in den Händen vergraben, und fuhr nun endlich wie in einen Schacht tief in meine Arbeit ein.

Da fiel ein Schatten -- jemand trat unter die Türe. Es war Fortunio. Ich stieß einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fühlte Nervenstränge, deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewußtsein kamen, zerreißen. »Wissen Sie, wie spät es ist?« lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfüllte den Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu erörtern. So machte ich mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Türe abschließend, noch einen Blick zur Ruhebank zurück, zum Tisch mit den Blumen im Glase, zu diesen Wänden, in welchen ich eins geworden war mit der Luft und der Seele dieses Tages.

Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Höhen beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das Glück es will, emporschnellt und höher! höher! ruft, weil sie doch gleich verstiebt. Da ist es Pech natürlich, wenn man sie herunterholt.

Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der Gegend. Die eben noch umglühten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne auf immer von ihnen geschieden, von Blässe wie erschöpft, zurück. Welch ein Tag! -- Und schon faßte mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam beschließen zu müssen oder ins Chalet zurückzugehen. Stand es noch? War's nicht versunken? Oder nur erträumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange Bergstraße zurück. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Fülle und unerschöpflich überfließend, umschlang er streitsüchtig jeden Schatten und brachte seine Schwärze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte alle Wälder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermählt, mit allen Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzücken hatte sich die Jungfrau aufgerichtet -- Mönch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.

* * * * *

Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die steile Höhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestände hatte sie unten gelassen und trug eine äußerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien, und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer Seide, deren perfide kleine Männerkrawatte das ultrafeminine ihres Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefüllten Nelkenaugen, die das alles sehr wohl wußten, blickten unbeteiligt flüchtig und beschattet. Es war nur ein kurzer Besuch. Das Bähnchen trug sie bald wieder davon. Und mit einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der Vorberge, der in so tiefen Falten über sie hinschlug, und herrlich war's, wie er -- von oben gesehen -- den See nachschleifte, gleich einem köstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Säntis, Jura oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast überall stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brüderlichen Weiten, und sehr plötzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.

Marguerite Kühlmann.

An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie ihr an, und so faßt sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie beneidenswert sind sie gewesen! --

Nicht, als seien sie sich dessen zu spät bewußt. Hier trifft sie kein Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen und seltenen Gestalt, die von ihrem schönen und guten Wesen so viel weniger genießen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstörbaren Ruhe ihrer Bewegungen welch unaufhaltsames Vorwärtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfüllen!

Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewiß nicht selten; der Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Künste sind viele. Aber wie wenige gibt es, die auf das Schöne selbst Anziehungskraft besitzen, so daß es wie auf mystischen Ruderschlägen ihrer Atmosphäre zugeführt, immer mehr Natur und Element bei ihnen wird, und tatsächlich eine Art von Wechselwirkung sich ergibt.

So aber war das Schöne -- wie ein Meister an seinem Marmor -- bei ihr am Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meißelte es an ihren Zügen und hob sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen sind wund von der Erinnerung ihrer Hände, so schwebend, einsam und gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.

Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und merkwürdige Gegend, in der sie sich so heimisch fühlte, weil sie ihr glich. Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergfluß überhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen ansteigen, auf welchen die Kühe bis hin zu den nahen Wäldern weiden; und diese sind wenig begangen, schwer verträumt und düster fast, weil hier sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.

Doch öffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den kunstvollen Brunnen und den Fontänen, in welcher Fülle zogen sich die Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist's, nach welcher dieser steile Garten niederfällt, und schaut: auf halber Höhe, wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge, ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Präludien des Gebirges. Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und hölzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wölbt sich als Abschluß der finstere Berg.

Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem Mond, der so plötzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich alle Grotten und Beete übergoß, und nur die finstere Bergwand noch finsterer beließ. Und auf erhöhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn zeichnete, mit den Windlaternen bunt über dem Tische wehend!

Hier fühlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermüdlich ein und aus. Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie saß -- niemals müßig --, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmückt ist, dessen Bau, dessen edle Räume wie für sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so Zauberhaftes wurden, daß sie durch ihren Tod für uns verschüttet liegen. Die Türen, ach, durch die sie trat.

Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf unwahrscheinlicher Höhe steht die Jagdhütte, an deren winzigen Fenstern sie die rot- und weißgewürfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn das einzig Verweilende an ihr, von allem Persönlichen unmittelbar Losgelöste war ihr Auge. Bald lockten sie die Höhen, bald die Weite und das Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der Abendsonne warm getönte Fluß so rasch den gemiedenen und immer trauernden Hügel umfließt.

Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fächer dem Auge entfaltet und verschließt, glich ihr so ganz, daß für uns, die sie dort sahen, ihr Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.

Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer Schönheit so sehr erhöhte, und nicht in großen Städten, weder in Paris, dessen geistiges und künstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London, wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so liebenswürdige und seltene Vertreterin gefunden, daß die Sympathien, welche sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren gingen. Denn weit über die Gräben hin, welche die Nationen voneinander trennten, klang ein Echo der Trauer über die Kunde ihres Todes herüber.