Zarastro: Westliche Tage

Part 3

Chapter 33,649 wordsPublic domain

11. MÄRZ. Sonntag. Das Wetter ist schön und warm. Die Sonne lacht bis in das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe. Schafwölkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hängt so hoch, daß ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrücke, der Besuch würde am Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor mir einen jener persönlich uranständigen, autoritätsgläubigen Deutschen strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalität und Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden unverbrüchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewiß nie eine Lüge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer Distanzierung, als sei ich die Angehörige eines fremden Staates, fing er das ganze Weißbuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an aufzusagen, daß wirklich nur das fehlte, was es selber wegließ. Er war bleich, müde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er fertig mit seinem récital, und ich hatte das Wort in diesem großen, vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die französische Frage vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach, dünkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schloß ich, faßte ihn mit beiden Händen und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen ermöglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! »Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht«, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er vermochte. Auf Aramis übergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte Umtriebe Telramunds zurückzuführen, aber auch Widerstände, Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengeführt, ohne Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mißgönnte ihm den Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besaß Schwung, eine künstlerische Ader, Sinn für Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wußte, wie man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das Mittagslicht. Il ne ment pas, hieß es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europäischen Literatur ungemein bewandert und von regstem Geiste, besaß er zudem eine glückliche und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jünglinghaftes bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmäßig den andern lange nicht so fremd wie seine zünftigeren Kollegen.

Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Daß die Unterredung sich so in die Länge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit jedem Schritt bewußter. Die Aare floß so leuchtend blau wie vor zwei Stunden, als ich über die Brücke fuhr. Mutlosigkeit aber drückte mich in diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjährige lehnte ich über das Geländer und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien. Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Keßlergasse entlang zu mir hinauf. Plötzlich fühlte ich, wie verausgabt ich war, warf mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis, und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen! Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, riß er mich auf einen langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein Gold, ließ mich bewußtlos werden wie die uralten Häuserreihen, die es durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung.

Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrühlingstage schon sommerliche Kühle. Eine leise Spannung lag in seinen Zügen, und die Wärme, mit der er mich begrüßte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, daß ich erschrak, indem ich es formulierte. Es ließ keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen, verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wäre, ihm etwas vorzulügen, durchschaute er natürlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm gegenüber sich versteifte.

17. MÄRZ. Abends bei Dätwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenüber eine aggressive, ja feindselige Haltung größten Stiles, die keinen Zweifel läßt, daß er von den Vorkommnissen der letzten Tage gehört hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg. Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haßerfüllt an, daß er erschrickt. Eine schlaflose Nacht krönt die Explosion.

Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni wollte ich nach München fahren und dachte heute schon an das Schlößchen im bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch hier -- soviel stand fest --, so kam ich nicht zurück.

Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlößchen dachte, angelehnt an den ernsten Berg: an die lange hölzerne Laube mit dem hölzernen Gartensaal; wie von Adalbert Stifter für eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft, wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lächelte, lebte sie ihren Tag von Jahr zu Jahr nicht Göttinnen ähnlicher? Wer kannte sie? Wie schön und insgeheim war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so manche Schärfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens unausgesprochen mit mir führte und sie es wußte, war ich, die immer Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? -- Eine Fratze sah man statt meiner.

18. MÄRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich weiß nicht warum, in die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, daß man immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe über die Dinge, über die wir gestern stritten. Ich sagte ihm, daß ich manchmal mit der Sicherheit einer Mondsüchtigen Dachrinnen entlanglaufen müsse; wenn sie dann herunterfällt, ist es ganz und gar ihre Sache. -- »Ich fürchte weniger, daß Sie vom Dach als zwischen zwei Stühle fallen.« -- »Aber das ist ja gerade mein Platz! Jeder von uns ist heute stärker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln gehabt.« -- Er schüttelte den Kopf: »Es sieht nichts dabei heraus.« Und weil auch ich davon überzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr Gelegenheiten, die sich mir aufdrängen, welche ich ergreife. Niemand hätte ungerner die Brücke passiert.

»Ich hätte es nicht getan«, sagte Fortunio.

»Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben,« sagte ich, »daß es die Belangloseren sind.«

Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es heute auch in Deutschland schön, und die Menschen suchten das Freie dort wie hier. Es sei denn, daß sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen, da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges für sie gab. Besonders die Kinder . . . so ist einem heute alles vergällt.

21. MÄRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rückreise nach New York in Zürich aufhielt, setzte mich in großes Erstaunen. Kinderlos, von Haus aus eine biedere Württembergerin mit steinschweren Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils für ihre natürliche Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst ohne andere Interessen -- selbst während des Krieges -- als ihren Mann, ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Häkelarbeit, paßte dieser vom Zaun gebrochene Brief -- wir kannten uns kaum -- in keiner Weise zu ihrem Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? -- Sie schrieb mir, daß sie mich warnen müsse.

Zürich.

22. MÄRZ. Der Brief der schwäbischen Amerikanerin ließ mir keine Ruhe, und ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen für unterwegs. Sie waren alle von Berichten über Verwüstungen der deutschen Truppen auf ihrem Rückzug aus Nordfrankreich erfüllt: eine künstlich gestartete Agitation, dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Haß neue Nahrung zu geben und Öl in das abnehmende Feuer zu gießen. Denn leise, leise war von der Möglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn die Interessenten des Krieges zu neuen Präventivminen zusammen. Glich ihnen dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene Verwüstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als »militärische Notwendigkeit« in den deutschen Blättern bestätigt. So war jenem so aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefügt, und ein genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut voll toll gewordener Idioten, »Oberste Heeresleitung« genannt, ihm erteilte. Diese »militärischen Notwendigkeiten«! Oh, wieviel deutsche Landsmänner würden ihretwillen kläglich verderben! -- Ein Sturm brach in mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er riß und, wilden Regentropfen gleich, kalte Tränen aus meinen Augen schlug. Stäupen hätte ich sie lassen mögen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe wäre mir jämmerlich genug erschienen für diese menschenunwürdigen Köpfe, deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfähig wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spüren! Und die erbärmlichen Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels für wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als »militärische Notwendigkeiten« alle Straßen der Welt! Nein! das war kein Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszuführen. Und ich war betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen! -- Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verließen ihn. Hatte der Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? -- Ich konnte mich nicht besinnen, weshalb ich da auf dem Zürcher Bahnhof stand. Er war von beißendem Nebel erfüllt, und mit hochgestülpten Kragen eilten alle dem Ausgang zu, während ich, den Mantel am Arme, im dünnen Kleide dastand, in unerträglicher Hitze und stürmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich sagte, daß ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer! Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspäteten Hanswurste in dem lächerlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurückgeschlagenen roten Eselsohren ihrer Mäntel, ihren albernen Säbeln, gut für ein Possenstück, gut für ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu zittern.

Wie es zusammenhing, daß ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung zurückrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mögen andere erklären, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke Geschäftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und glaubte es infolgedessen längst unterdrückt. So trafen wir uns denn bei Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu können, als was sie mir auf ein inneres Drängen hin geschrieben hatte. Ich ließ ihr aber keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glück in ihr Hotel. Und richtig war ihr Mann inzwischen ins Freie spaziert.

Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat überhing. Der See, die Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grüßend und verträumt in dies hochgelegene Zimmer.

* * * * *

Hier schalte ich für den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt in diesem Buch so stark in die gröbste Wirklichkeit hinein, daß ich gerade die besten, an die ich mich doch wenden möchte, abzustoßen befürchte. Aber ich muß mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und wenn ich nicht ebenso chronologisch das große Spiel der Schatten mit hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr.

Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewiß nicht los. Denn für Namenloses ziehen da Benennungen mit großem Schwalle herauf, und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein fragliches Echo hin die Felsenwand behämmern, und mitten im treibenden Geröll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schönen seinen Fuß noch setzt. Und doch wird für ihn vielleicht die Straße hier gelegt, die nach dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und Allmählichkeit entstürzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und Tag verwitterte, ist gleich.

* * * * *

Ich kehre zurück in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten Repssofa beim Fenster saßen, das die Limmat und den See und Ferne und Gebirge übersah. Von Heerscharen erfüllte sich die Luft. -- Auf den Ruf welches Jagdhorns -- uns Tauben nur unhörbar -- eilten sie her? -- Wie durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? -- Aber schon war ich des einfachsten Denkens nicht mehr fähig: alle Poren des Gesichtes sanft gebläht, ergoß sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hinträumen, unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und Braus. Kein Mißton trübte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein Ungebetener darin. _Hier war die Sichtung:_ volles Orchester, nicht wie in unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles übertönen eines unbefugten Soprans. _Ausgekämpft!_

Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? -- (ich unterschied es nicht) -- faßte ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Geheiß nur waren sie hergewallt, so _dicht_! so feierlich gedrängt! »Sieh dich vor, du kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh!« . . . stammelte die Feder.

Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dünkte mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Führte man sie nicht mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurückhallt? -- so die Völker, so der einzelne. Was immer ihnen glückliches oder grausames begegnet, jeden Zufall riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen's Zukunft! --

Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzügen eines zehnjährigen Mädchens überzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben hatte, wieder da.

Verwirre sie nicht, schrieb jetzt Eleonore, und als sie diese Worte gelesen hatte, legte sie augenblicklich die Feder weg. Nichts hätte sie vermocht, sie wieder aufzunehmen. Die Sitzung war zu Ende.

23. MÄRZ. Ich fahre nach Bern zurück. Fortunio kommt mir entgegen, und ich frage ihn, was von den Berichten über die Verwüstungen zu halten sei. »Die deutschen Communiqués geben sie ja selber zu,« seufzte er, »sie brüsten sich sogar.« Wir überschritten den Platz zum Kasino. Das Gebirge strahlte im vollen Ornat. Wir setzten uns ins Freie und starrten, Verbündete der Verzweiflung, ohne zu reden, vor uns hin.

* * * * *

Fortunio fragte, warum ich in Zürich gewesen sei, und ich verweigerte die Auskunft.

24. MÄRZ. Auch meine vier Wände sind mir verleidet. Die Sonne scheint grell, verletzend, und nachts faßt mich der Schlaf nur wie eine Kranke, um mich zu erschrecken. Ein Gesicht wendet mir so gemarterte Augen zu, daß ich erschüttert frage: »Hast du Arme denn nicht ausgelitten?« und fahre stöhnend auf, weil es nur der Reflex von einem Kummer war, den diese Augen spiegelten. Nur ein überschwängliches Mitgefühl.

25. MÄRZ. Gestern abend bei Fortunio war Abigail von der Agence, der hartnäckig am Thema der Verwüstungen festhielt. Auf dem Heimweg wurde er immer dringlicher. Logisch, folgerichtig wäre es, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen; unvereinbar mit meiner bisherigen Haltung, wenn ich schwiege. »In der Tat!« rufe ich in einem Tone, der bitterer ist als Galle. »Sie reden, als wüßte ich nicht, daß Ihr die Dinge glaubt, die Telramund Euch von mir sagt.«

Doch Abigail nahm alsbald seinen Vorteil wahr: »Sie haben es ja in der Hand, Ihre Freiheit des Handelns zu dokumentieren!« Je mehr er mich in die Enge trieb, desto schwerer wurde mir zumute, hatte er mir doch meine eigenen Gedanken verraten.

»Es wird nicht gut.« Und ich erzählte ihm meine Züricher Reise.

Er war mächtig interessiert. Ich ließ ihn trotz der späten Stunde zu mir herauf und zeigte ihm das Blatt Eleonorens. Es enthielt nichts, was ihm behagte. »Die Hand eines Kindes«, sagte er wegwerfend. Ich bereute schon, es ihm gezeigt zu haben, und wünschte ihn die Treppe hinab, riß die Fenster auf, als er gegangen war, und warf sie ruhlos, verlassen, gepeinigt wieder zu.

25. MÄRZ. Wie in aller Welt haftete Pech meinen zehn Fingern an? Aber ich täuschte mich ja! Es war ein Irrtum . . . ah, es war ein Traum, so lebhaft aber, daß ich mit beiden Händen in die Höhe fuhr.

Nachmittags bei der Fürstin, in der Hoffnung, ihre nüchterne Atmosphäre würde mir Ernüchterung bringen.

»Et la Calicie«, sagte sie. »Ah! ils se valent bien tous, allez!«

Mir wurde nicht besser, und ich ging.

Über der Kornhausbrücke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar ausgeprägt, so sprechend, so beseelt, so festlich!

27. MÄRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich nicht äußern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren Militärs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste Heeresleitung, nur umgekehrt: das heißt mit eben derselben Arroganz über militärische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie über menschliche und moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurückgelassenen Briefe, ein gewisses Schlößchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht, unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewußt war, daß es wieder in ganzer Kraft ausziehen würde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle Mondsichel, die gestern über der Brücke so tief am Himmel hing und ihn beherrschte. Was weiß er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren alle Beweggründe, die mich zurückhielten, von einer stärkeren Forderung entkräftet und verdrängt.

29. MÄRZ. Kaum war an diesem 29. März mein Protest an das Journal de Genève abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale übler Vorbedeutung, die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein umstellt halten, auf einem Rad, als hätte es höchste Eile, entgegensauste.

30. MÄRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbühne die Kulissen: Verstummtes, Unterdrücktes belebt sich aufs neue, findet wieder Farbe und Gestalt.

31. MÄRZ. Eine Antwort. Schon! -- »Die vielen Zuschriften, der Raummangel . . . meinen Brief jedoch gedächte man zu bringen.« Es steht nichts von einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.

1. APRIL. Sonntag. Unter strömendem Regen bin ich nach Champel gefahren. Rolland wußte schon, warum ich kam. Er war zufällig auf der Redaktion gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt für dessen Veröffentlichung.

Ich sprach dann beim Journal de Genève vor und erwirkte, daß der Protest am übernächsten Tage erscheinen würde. Somit war die Sache erledigt, und ich ging.

Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft, aber See und Himmel strahlten in frühlinghafter Bläue. In mir derselbe jähe Szeneriewechsel.

Ein erstickend schwerer Vorhang riß magisch in die Höhe. Nicht der Salève, der sich hier an allen Straßenecken türmte, sondern die bayrischen Berge in ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und die betrübten und bestürzten Mienen meiner zurückgelassenen Freunde. Es war die Trennung von ihnen, das Exil. Drüben im Vorgebirge das Schlößchen, das wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten träumte, die schöne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort verbrachten Herbst- und Sommerwochen.

Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer erkaufte Ruh!

4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie Rolland, den er immer anschwärzt, sich verhielt.

5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den Mut zu finden, es zu entfalten.

* * * * *

Ich übergehe die nächsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfaßt, um Gemütsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch. Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird härter. Nur im Hinblick einer Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstärkter Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen zum Schicksal überhaupt, dürfen wir dabei verweilen. Kein größerer Wahn als der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen seinen Genüssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele Männer oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren überstand, nein, sondern wer die Gefährlichkeit des Daseins, dessen Gefährdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablässig bereitet und immer die Hefe zurückläßt, um sich neu zu mischen, nur wessen Auge geschärft wurde für die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der weiß über diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewußtsein -- bitter wie die Aloe --, daß er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging, anderen nicht zur Lehre dienen wird.

Das erste war übrigens, daß mich die Fürstin ans Telephon rief: »C'est désastreux! quelle folie!« sagte sie unverblümt; und als ich sie besuchte: »Je dis ce que je pense, mais est-ce que j'écris, moi? -- Pas si bête!« empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.