Zarastro: Westliche Tage

Part 4

Chapter 43,595 wordsPublic domain

Dann aber kam Besuch: eine offiziöse Engländerin, deren Mann mit atrocités allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich einluden. Wie schwül mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich gehörte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Fürstin mich mit einer ihrer Brüskerien zurückhalten konnte, war ich ausgerissen und die Treppe hinabgeeilt.

Fortunio, der mir auf der Straße begegnete, nahm dieses typische Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saßen zusammen, als Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwärme, die unbedingt etwas anderes scheinen möchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit entgegenstreckend, brachte er mir rückhaltlose Schmeicheleien zu herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fühlte, wie bitter sie mir mundeten, lenkte das Gespräch auf andere Dinge.

13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von Träumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen verlieren, daß es sich beizeiten von seiner höchst stofflichen Person vollkommen losgelöst darstellt. Plötzlich, mitten in einem Satz, den er sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir auf, und schon begriff ich nicht mehr, daß ich mich jetzt erst auf ihn besann, unterbrach aber sofort das Gespräch, um ihn zu erzählen. -- »Achtung!« rief ich, »so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehört:

Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strähne von nie dagewesener Schmierigkeit, so daß der graue Regen immer dichter fiel. Ich rückte unwillkürlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fühlte ihn noch darin stecken und erwachte vor Ekel.«

Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail äußerte sich mit keinem Ton.

»Es steht mir natürlich etwas höchst Widerwärtiges bevor!« nahm ich selber auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. -- Man ging auf konkrete Dinge über. Es wurde spät. Fortunio erwähnte das neue Blatt, welches Telramund schon in den nächsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich ungern etwas zu sagen entschließt: »Er, beabsichtigt übrigens, eine Übersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken.«

»Was fällt ihm ein!« rief ich. »Das kann er nicht.«

»Er kann es schon«, sagte Fortunio.

»Die Friedenswarte bringt sie.«

»Er will ihr zuvorkommen.«

»Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen?« fuhr ich im lichterlohen Zorne auf. »Sie sind Zeuge, daß er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als er vorgestern zu uns stieß. Ich figuriere nicht in diesem Blatt.«

»Fassen Sie sich doch!« sagte Fortunio.

»Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio!« rief ich, »oh mein Traum!«

»Schreiben Sie ihm halt.«

Ich ließ sofort das Nötige herbeischaffen und schrieb zitternd vor Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gänzlich verstummte Abigail blieb an unserer Seite. »Die Gefahr ist natürlich,« bemerkte Fortunio, »daß der Brief zu spät eintrifft.«

Dies sagte genug. Er wußte mehr. Meine Empörung, meine Wut steigerte sich mit jeder Sekunde. Je ungezügelter ich mich über den Charakter des bevorstehenden Blattes ausließ, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr ich sah, daß er sich ärgerte, desto mehr ärgerte ich mich über seinen Ärger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen mir mißfiel. Nicht das Ungestüm, mit welchem ich auf den mir zugedachten Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tücke desselben schien mir das wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme für mich verlangte. Auf eine solche ließ jedoch nichts in der, all die letzten Tage so überschwänglich gewesenen Haltung Abigails schließen.

Oben in meinen sorgfältig geschmückten, aber von Telramund behexten Räumen, in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch fernerhin erfahren würde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus. Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu welchen ich glaubte, mich entschließen zu müssen, so bang gewogen, so behorcht. War ich dafür bis an die äußerste Kante einer abschüssigen Stelle vorgetreten, so weit, als mein Fuß noch Boden unter sich fassen konnte, um hinterrücks diesen Stoß zu erhalten? Denn was für eine Übersetzung und zu welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wußte ich genau. Am Arme Telramunds, dieses Verräters, sollte ich an die Öffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat mir unabänderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dünkten uns allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer Abgerücktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht führen. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenhaß unecht, imitiert, immer bereit, wie Mörtel von ihnen abzufallen. Im übrigen ist die Gefahr derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik üben, viel eher, daß sie erstarren. Wenn es kein französisches Wort für »Gemüt« gibt, so gibt es noch weniger ein deutsches Wort für »affectueux«. Die Deutschen -- und das ist es, was einem oft an ihnen erbarmt -- sind nicht imstande, sich im geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glück reden, daß sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine Hand gegeben war. Statt dessen war es _ihr_ Trick natürlich, welcher aufs beste gelingen mußte, und weit entfernt, daß die beiden verdienterweise und auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem Frühstückstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der Telramundschen Zeitung an. Sie umfaßte vier Seiten. Alle Beiträge waren anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch übertragener Protest trug meinen Namen. Ich übergehe den Zorn, mit dem ich diese wüste Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit tausend Fühlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Törin hatte, wie über einen Witz, lustig darüber aufgelacht, daß Telramund meinen Protest als eine »Manoeuvre allemande« bezeichnet hatte, ohne zu erwägen, daß er natürlich auf Mittel und Wege sinnen würde, dies zu bekräftigen. So galt es denn, mich gewaltsam über die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehässigen Ton der Übersetzung. Das andere würde ich schon selber besorgen; denn daß ich reagieren, ja mich hinreißen lassen und ihm in die Hände arbeiten würde, wußte niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es kam noch besser für ihn, als er wohl dachte.

Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, ließ mir sagen, er könne mich erst gegen zwölf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spät. Gleich, in einer Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mußte meines Erachtens etwas geschehen. Wahn! überall Wahn! In der Redaktion des Bundes bestand ich darauf, daß meine Verwahrung sofort in der nächsten Nummer stehen müsse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rückte denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraßen meidend, kam ich im Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.

Wenn es wahr ist, daß kein Sperling versehentlich vom Dache fällt, nun dann steht gewiß auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglücklich gewählten Wort. Schließlich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoßen. An ihr vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Kälte aufnahm, die mich unsagbar erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends Abschied. Auf der Straße war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. »Ich bin verraten«, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schloß mich ein.

15. APRIL. Telramund (immer anonym natürlich) veröffentlicht eine hämische Erwiderung auf die meinige. Meinen französischen Text und seine Übertragung würde die nächste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser möge sich dann selbst ein Urteil über mich bilden. Ich sofort wie eine Windsbraut, auf Flügeln des Zorns, in die Redaktion mit einer »Schlußerklärung«. Auch diese wollte ich sofort eingerückt sehen.

Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte mir ein Überblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge sah und erkannte ich mit unbeeinflußbarer Sicherheit, gleichsam durch ein Brennglas, mußte aber jede Einsicht mit einer Unzulänglichkeit überzahlen, jedes Überbieten mit einem Versagen. Wer mich für dumm erklärte, dem hatte ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir ein unergründliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich während einer Panne auf die Mechanikerkünste des Chauffeurs, und so teilnahmslos ist gewiß kein Mensch, daß er, ohne mir beizustehen, zusehen könnte, wie ich meine Koffer packe. Durch Vorzüge, wie durch Mängel isoliert, muß ich mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, daß ich vom Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden läßt, welche Entbehrung es für mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute gewesen sein wie einem plötzlich freigelassenen Pferd, das über eine Ebene voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich. Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, daß ich mit einer aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner würdig, nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der Musiker von vorhin würde mich wiedererkennen.

* * * * *

21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr von »femme exquise«. Wir prasselten uns Vorwürfe, groß wie Taubeneier, ins Gesicht. Meine Schlußerklärung sei eine Abschwächung gewesen. Ob dies der Moment wäre, zu sagen, daß es Boches in jedem Lande gäbe.

Es sei die Wahrheit.

In der Tat hätte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu äußern.

»Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen.«

»Cest donc une vengeance«, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte. Ich eilte zur Tür, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort zu haben, als mir plötzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose Abreise mir erklärte. »Sie haben das Wort >Abschwächung< gebraucht«, sagte ich, »und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst, geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Möglichkeit einer solchen Auffassung ausschließt. Alles andere ist mir im Augenblick egal.«

Mein Entschluß einer neuen Bekräftigung konnte ihm nur erwünscht sein. Es setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die Redaktion des »Bundes« ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf hingewiesen, daß sich eine Schlußerklärung mit keinen neuen Erklärungen vertrüge. Ich führte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei für mich Ehrensache, und setzte endlich ihre Veröffentlichung durch. Natürlich mußte sie wieder auf der Stelle her.

Daß hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natürlich meine Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, daß behauptet werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, daß jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht le ridicule qui tuait.

23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung umschlug, merkte ich den Stoß, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine Gemütsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis, zerrissenes Gewölke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz entschlossen löste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach Lugano zu folgen.

Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut über die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand, denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorstoß reagiert.

23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli ab, bei Glasenfrosts.

Warum aber fallen nachts Felsenblöcke über mich hin? Warum sehe ich einen Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, daß er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, daß ein Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm?

Warum stürzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener und tränender Kerze zu Boden? Eine trübe Bildersprache, die ich in diesem Jahre noch nicht entziffern sollte.

Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gerät der Himmel ins Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schön. Tröstlich prangende Blütenhänge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bäume stehen hier wie sanfte, begütigende Bräute.

Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind! Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lächelnde Erfüllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung.

Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich in Luzern ereilt. »Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rücken wir ihm vor. Der Flügel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewiß schon ein und aus.«

Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fähre den See entlang.

25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte, kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee.

Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr. Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, möglichst wirkungsvoll zu unterstreichen.

Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden Ärmeln. Weiße Besätze, federleicht und schwarz besäumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig heruntergezogen, denn so dünn ihr Gewebe war, durch ihre Fülle beschwerten sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr rhythmisches und geglücktes Ärmelpaar. Vor allen Dingen aber -- andere mögen dies gewiß auch schon beobachtet haben -- können wir von einer »geistigen Schminke« angeflogen werden, chimärisch wie jene, welche die Kosmetiker bereiten -- denn auch sie, wenn sie von uns fällt, läßt uns fahler, aufgeriebener als zuvor. -- Indes gewährte ich den ausgestandenen Nöten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein selbstbewußter Schleier chiffrierte noch ein übriges dazu. Also gepanzert, höchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als hätte ich soeben meine besten Erfolge hinter mir, auf ihn zu.

Es gehört jedoch irgendwie mit zum Leben, daß im geringfügigen, wie im großen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete.

Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir entgegen.

Seine Sympathie, erklärte er dabei, hätte nun wirklich die Feuerprobe bestanden.

»Wie meinen?«

Da nicht einmal die desaströse Erklärerei im »Bunde« vermocht hätte, daran zu rütteln. »Sie kennen die letzte nicht«, erwiderte ich mit der erkünstelten und flackernden Würde einer Überrumpelten.

»Was!?« schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. »Noch eine?!« Unglücklicherweise mußte ich lachen, und da mir dies seit drei Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern geriet ins lachen, wie einer ins laufen gerät, und ehe Fortunios Arme sich wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr. Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne irrsinnigen Natur. Wäre ich zehnmal bedrückter noch gewesen, ich hätte gelacht.

Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht, wenn nicht die Bäume hier am Strand des Sees, die ihre Düfte einander zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblühten, und wenn sie verdorrten, andere dafür erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins Wasser geglückt. Und was dann?

Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dämchen zu, wie sie tanzten, gewann sechs Franken und verlor deren zwölf.

* * * * *

Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerfloß der See. Vergiß! Vergiß!

Es hinderte nicht, daß ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv vernehmen ließ, solange Telramunds im Hintergrunde säßen, sei jede Aktion, jeder Versuch, dem Haß entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte Sache. Er ist für das »abwirtschaftenlassen« solcher Elemente, und ich nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben, aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewiß sind ihm die Götter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schönes, hält's gegen das Licht, freut sich des Prismas und läßt sich von den Wellen schaukeln.

Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrückbar im Kopfe horsten, muß ich zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Muße bleibt Müßiggang für mich, solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, daß ich vor jedem Anlauf von neuem zögere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es mir gelingt, wird der Abend für mich herangebrochen und meine Gastrolle in dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bücher mich überleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent möchte ich dann werden. Regieren möchte ich!

Die erste Katze möchte ich sein, die keine Vögel mordet. Ich bin in diese beiden Tiere vernarrt und wünschte, sie schlössen Frieden.

Um auf Fortunio zurückzukommen: darüber sei man sich vollkommen einig, sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenüber zu qualifizieren sei.

Warum ergriff denn keiner meine Partei?

Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklären. Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen, mit welch unsäglich trübem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als müßte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich anzuerkennen weigerte.

Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem »Zusammenschluß der Geistigen« anlächert . . . Wie sollte ein Zusammenschluß der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein Zusammenschluß gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die Welt noch immer nicht? Was redet ihr groß von eurem Zusammenschluß? Sprecht von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschluß jener, denen alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit führt, dem einzigen Zusammenschluß, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der Verworfene über den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das Zepter schwingt.

Sprecht von Ausschluß, sprecht von Sorge. Davon sprecht, daß es keine gute Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen dürfen, um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben. Zum Zerstören aber sind sie da.

Gelänge es mir, auf diese noch immer nicht genügend beachtete Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich hätte nicht umsonst gelebt. Ich weiß ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich stürme nicht voran, ohne über das Nächstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit, wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blöde, unheimlich schlau, so harmlos, daß man kichert, so gerissen, daß man mir mißtraut . . .

27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen, meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewußtsein begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei _unbesehen_ das Richtige, und keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemütlich man hier beisammen säße, während die Völker einander schlachteten. (Dies sagte er, wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der draußen wütet.) Allen könne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. »Schweigen Sie«, rief Frau A. H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. »Das ist ja schrecklich mit unserer Valuta«, lenkte er dann ein. »Und mit der geistigen erst!« fuhr A. H. Pax dazwischen.

Kunstwerk der Zukunft.

28. APRIL. Heute früh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In einem sehr alten, dem See gegenüberliegenden und köstlichen Bau: Traumhafte Fresken, das übrige mit roten, langverjährten, rosagewordenen Damasten ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in Bewegung setzt, erklingen abgetönt und sind gewiß aus Silber, Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel -- nein nicht dunkel, von einer lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang, und dennoch brausend, unendlich groß, ja wie zum Firmament -- (wie wurde mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.