Part 2
Die Tatsache, daß in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann, auf diesem kürzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen ließ. Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wußte zu viel.
Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Süden schauendes Ufer fängst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete Mauer stehe ich zu ihr.
»Von allen Menschen weg«, dachte ich da, »und zur Sonne hin!« Angebetete Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du undeutlich werden und verflimmern läßt, wo du begünstigest, ja, wo du lügst, hast du doch immer recht, und nichts bestünde vor deiner Glorie.
Es hatte längst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Düsterkeiten heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Möglichkeiten, um dagegen aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphäre läutert, oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im Unwetter aufgespannte Schirm die ärgsten Güsse von uns abhält, an der Witterung aber nicht das geringste ändert.
Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gänzlich ausgepustet, daß ich mich plötzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften ließen, Gott sei's gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natürlich schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte fürs erste aus vollem Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Glätt- und Bügelkünste zur Anwendung, zog meine Döschen, Fläschchen und Beruhigungstropfen hervor, mußte mir aber dabei sagen, daß hier wieder einmal ein wünschenswerter Zusammenschluß vorbeigeglückt war.
14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hübscher alter Sekretär, ein altmodisches Sofa und ein schönes Tischchen kommen mit mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar Bildern am besten auszustaffieren wären, lächelten plötzlich von rechts Telramund, von links Ortrud auf mich ein: »Wohin des Wegs?«
»Nach Hause«, war meine erschrockene Antwort.
»Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen.«
»Das ist ja reizend«, rief ich entsetzt. »Leider bin ich mitten im Umzug und darf Sie nicht heraufbemühen.«
»Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stören.«
»Im Gegenteil. Kommen Sie nur.«
War es nicht besser, die kamen noch in meine alte Stube, als daß sie mit ihren malocchios meine neuen Räume behexten? »Nur herauf, Ihr beiden! es ist das letztemal.« Und die Treppe voransteigend, führte ich sie zu mir.
Dort stand der altväterische Tisch, der mich beschützte und nicht mit mir ziehen würde.
Wir nahmen Platz.
»Aramis war gestern bei Ihnen«, sagte Telramund. »Er hat es uns erzählt.«
»Warum auch?« dachte ich.
»Er wird immer launischer«, bemerkte Ortrud.
»Launisch?«
»Haben Sie das noch nicht herausgefunden?« fragte Telramund und heckelte ihn eine Weile durch. »Im Grunde«, klang es fast drohend von diesen Berliner Lippen, »ist er ein ganz germanophiler Bursche.«
Ich goß Tee ein und erwiderte nichts. Aber mir wurde bang und bänger über das Gespräch.
Daß die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rückhaltlos Leute auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen unterhielten, war das nicht ein Beweis für die Rückversicherungen, deren sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen?
Und woher wußte -- von allen Deckungen abgesehen -- dies im wiedererzählen so blitzschnelle Paar, daß sich unsere usancen voneinander unterschieden?
War es die starke Gegenwärtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saßen, und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mächtiger Baum -- wissend und weise -- in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige ausbreitete -- oder welch überspringender Funke war es nur, der mir da mit der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die Tatsache enthüllte, daß die Niederträchtigen, aus ihrer, mit Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und für sie war ich wie durchsichtiges Glas. Indem sie mich haßten, wußten sie sogar, daß ich nicht ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Haß vergalt, und wenn meine hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil über mich noch schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst. Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurückdenken konnte, und lange ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines Bestehens an, war ich für einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte, noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gönnte ich den Sieg über eine so schmähliche Niederlage wie diesen Krieg.
Für dieses Paar jedoch waren Versöhnung und Verständigung zwei Dinge, deren Möglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren. Dafür lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu'auboutiste war. Er hatte allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der letzte Deutsche verblich, durfte für diese französische Ortrud der vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie beide gestimmt waren, ihr Element war der Haß. In welcher Tropenluft aber lebten wir heute, daß die Gemüter sich mit solcher Fieberhitze entfalten oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit ärgere Diebe gemacht. Hier war Telramund -- vor dem Kriege ein ränkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz traitables Männchen -- zum professionellen Verleumder und Verräter entartet, und Ortrud, einstens eine gehässige Klatschbase und weiter nichts, nunmehr zur angriffswütigen Ratte, zur erbarmungslosen Menschenfresserin von Hokusai.
Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man.
Und zu denken (dachte ich), daß doch sonst so viele Schutz- und Trutzverbände bestehen. Der Adel, die Juden, die Ärzte, Arbeiter, Bäcker, Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie allein, die überall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit, ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wäre mit ihrer Vorherrschaft, über alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeiße so sehr wie seinen Namen und ihren Boykott.
Nicht äußerste Vorsicht (die nützte gar nichts!), sondern schroffste Ablehnung war Telramund gegenüber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte oder zu erwidern unterließ, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, _dies_ war der kapitale Fehler.
Ortrud kam immer wieder auf meinen Flügel zu sprechen, und als sie sich zum Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, daß die beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie noch bezog, versetzte mich in eine so abergläubische Verwirrung, daß ich die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Türen standen offen, und ehe ich sie schließen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle überschritten und waren meine ersten Besucher gewesen.
Abends bei A. H. Pax. Ich ärgere mich über Bemerkungen, die dort fallen: Brücke von Kirchenfeld; die müsse ich doch kennen. Was ist das nun wieder?
18. FEBRUAR. Meine »Wohnung« ist ursprünglich ein großes Zimmer mit Alkoven gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten, daß sich das Auge an den falschen Massen immerwährend stößt. Aber die Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit scharlachrotem Rand, führt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der Flügel macht sich ausgezeichnet.
* * * * *
Besuch der Miß Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen. Sie ist mütterlicherseits deutsch wie ich französisch, väterlicherseits englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Güte, und das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, daß gerade solche Engel von Güte es so oft nicht über sich bringen, die Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunächst unterstehen, ja die es für eine Perfidie halten würden, ihren eigenen Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht, diese Engel von Güte, mit ihren »they say«, ihren »man sagt«, ihren »on dit« und ihren »si dice«. Unbesehen ist für sie der Teufel überall nur drüben.
»Mein Deutschtum ist tot in mir«, sagte sie. »Auch Sie sollten sich entscheiden.«
Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natürlich, war mir in Deutschland zu oft gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrüht. »Was brauchen mich die Franzosen,« seufzte ich, »die ganze Welt steht ja auf ihrer Seite.«
Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrübt mit ihren guten und veilchenblauen Augen an. »I thank God on my knees«, brach sie dann aus, »that I am English.«
Auch die Variationen _dieser_ Formel waren mir vertraut. Und ich konnte nicht umhin, ihr von den Halbengländerinnen zu erzählen, die in Deutschland unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie keine andere deutsche Frau in den deutschen Blättern verriß, und von jener jungen englischen Gouvernante in München, die ich in Tränen fand, weil ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben, anläßlich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von »our glorious zeps« geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile abgeschossen, so war mir's schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur statt, um uns unsere Trennung nur um so fühlbarer zu machen.
»Nichts ist mehr, wie es war!« rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme schließe. Denn sie ist ein Engel.
* * * * *
Bevor Annie A. . . mich gestern verließ, zog sie ein Fünffrankenstück hervor, das sie mir im Auftrage der Fürstin Patschouli, einer gemeinsamen rumänischen Bekannten, einhändigte, welche vorgab, es mir zu schulden. Dieser so kurzerhand beim Schopf gefaßte Annäherungsversuch war zum mindesten originell. Ich machte ein sauberes Päckchen aus dem Geldstück, bedankte mich für die schöne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein ebensolches Gegengeschenk machen zu dürfen. Daraufhin schlug sie per Telephon die Brücke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber braue. »Bonjour, je vous attends!« und damit hing sie das Hörrohr aus.
Ich wußte in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie selbst in ihrer herzstärkenden und vorgefaßten Oberflächlichkeit. Die Fürstin, deren Röcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikäfer, die auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brüsk, witzig und ohne Stachel. Da sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in München hatte, war sie im Grunde germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand außerdem stark unter dem Eindruck der deutschen Siege. »Je suis l'amie des bons jours«, erklärte sie.
* * * * *
25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt spröde. Nie träumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen sie: gedenk! und nie: vergiß! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder liegt es an mir? --
»Mein gutestes Fräulein,« sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner Aufsichtsrat, »wer sagt Ihnen, daß nicht am Ende mit dem Frieden so bunte Zeiten kommen, daß wir uns nach den Kriegszeiten zurücksehnen werden --, bis auf die Schlachten natürlich«, hing er mit einer Handbewegung an, als wären sie ein Detail.
* * * * *
ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwärtiges gebracht, daß mir das Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung zugleich ein Vorhängeschloß wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem ein Nessushemd übergeworfen. Schreckliche Stöße mit Fortunio, schwere Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochöfen alle in Betrieb stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben. Halb lachend wird es mir erzählt. Ich mache ihm Vorwürfe, daß er den Mann vorläßt. »Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft.« Das war im Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch etwas Gutes in ihm, an das man sich halten könne. Heute dürfen Sie keinen Umgang mehr mit ihm pflegen.
Einem Glücksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trägt, danke ich es im übrigen, daß von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre an mir werden kann: er saß mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm gesellte und Äußerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte. »Und nun sehen Sie,« schloß er, »wie sie lügt«, zahlte sein Schöppchen und ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, übersah er, daß Fortunios Freund zufällig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt, sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also wäre, gottlob, besorgt.
* * * * *
Es ist gewiß nur recht und billig, daß auch die Überlebenden heute auf der Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es draußen stürmt und die Fußgänger gegen Frost und Wind ankämpfen, während er in der geschützten Stube liegt, so möchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt nichts verloren!
Ich schreibe der Königin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne Nachricht von ihr ist. Die Idee des Königtums ist gewiß nur deshalb in Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein, Idiot höchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie würden sie erst lachen, wenn sie wüßten, wie gern ich selbst regieren möchte. Da würde man doch was Richtiges erleben! Kein mittelmäßiger Künstler käme bei mir hoch, welche Unsummen aber flössen den andern zu; kein Lämpchen ließe ich mir je als ein Lumen aufschwätzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie aufblasen möchte. Herr Pfitzner bewürbe sich also vergebens um eine Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit »un jeune dieu« genannt hat. Denn nie hatten die Götter das Geringste mit ihm zu tun.
Ach, und was für schöne Häuser ich erbauen, was für Gärten ich anlegen ließe! was für prachtvolle Katzen würden meine Marmorbrunnen entlang schweifen!
Doch genug über meine Herrscherzeit.
Über Weingartner, dessen Überschätzung ich der Pariser Presse verdenke, fällt mir die Äußerung ein, die kürzlich ein Pariser, den ich nicht nennen werde, einem Deutschen gegenüber, dessen Namen ich gleichfalls unterschlage, gefällt hat: »il y a une chose, monsieur, que nous ne vous pardonnerons jamais, c'est de nous avoir forcés d'aimer les Belges.«
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Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade einfällt, ohne Gefahr zu laufen, daß es entstellt in alle Winde hinauswirbelt. Dieser Vorkämpfer des Friedensgedankens, der mit so feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben weiß, ist bei strengster Sachlichkeit der gemütlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphäre man sein bißchen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern sprach er zwar tief entmutigt über die vollkommene Unmöglichkeit, gegen den so geschickt angerichteten, so eifersüchtig gehegten und drinnen und draußen immer neu genährten Wirrwarr in den Köpfen der allermeisten Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Plötzlich tauchte ein Nachmittag in München aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saßen, vor mir auf, und wie eine phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein halbvergessenes Gespräch so getreulich in mir ab, daß ich mit einem Male alle Rollen in einer Person herunterspielte.
Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelächter aus. Waren nicht ganze Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so daß sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten?
Und mußten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgänge der Lügenburg zementiert, in welcher sie sich narren ließen. Unschuldig Betörte. War es nicht überall so?
Unter den Tagebüchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden wurden, erzählte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schöne zum Vorschein gekommen. »Warum veröffentlicht Ihr diese nicht auch?« rief ich. »Nous n'avons« sagte er, »qu'à nous occuper des atrocités.«
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Dafür, daß ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs der Demokratie. Aber natürlich ist es für andere ärgerlich, das, was immer sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar Überzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit.
Es müßte einer blind sein natürlich, um an den Sozialismus und seine Unerläßlichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so. Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brücke ist stark genug, uns aus unserer baufälligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar.
Für diesen Glauben will ich mich gerne köpfen lassen, denn geköpft, sagen die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links.
Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trägheit und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel weniger allein, wenn ich allein bin? Füllt sich dann nicht die Luft mit Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben?
28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell ruft ihn und mißt sich mit ihm. Gewiß ist der Tod nur was wir aus ihm machen: der größte Individualist fürwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hält mich ab, mich ihnen zu entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man glaubt. Die einen fürchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten.
3. MÄRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine Bekannte aus München zu besuchen. Beißend kalter Wind. Wir besprechen die letzte Affäre. »Das Schreckliche ist, daß immer alles aufkommt bei uns«, äußerte sie. So ein Pech! Im übrigen sagte mein guter Vater immer: »In der Politik gibt es keine Moral«; à qui la faute, wenn die Deutschen dies für ein unabänderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und die vier Jahreszeiten? gewiß an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewiß noch mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet.
8. MÄRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, daß er unter dem Krieg leidet. Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner »ihm nicht zumuten zu können«. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf, und von da ab glaubte es alles. Wäre es unglücklicher und beunruhigter gewesen, man hätte es weniger leichtgläubig gesehen. Aber weil es sich belügen ließ, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917 lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretär Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines Kegelklubpräsidenten, der mir jede Schüchternheit benahm, und als ich mit meiner Rede über die elsässische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant und bemerkte; »Wir müssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten können.« »In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lügen wir es in acht Tagen wieder heraus«, sagte ich. Er schien kein bißchen choquiert. In der Politik gibt es ja keine Moral.
10. MÄRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen Eröffnung zu mir, daß sein Chef mich zu sehen wünsche. Herr v. Sch., den ich von London her kenne, hatte sich große Mühe um meinen Paß gegeben, und im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wäre, sondern spielte wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich über die Brücke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf, sondern wünschte um so mehr, daß man es wisse, als man es ja doch wissen würde.
Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Sätze, die ich während meines bevorstehenden Besuchs möglichst pointiert anzubringen hätte, und daß ich nachher zu ihm kommen würde, ihm die Wirkung jener Worte mitzuteilen.