Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen

Chapter 53

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Als Majros die Stimme des Jungen hörte, fuhr sie zusammen, und es sah aus, als wolle sie mit den Hörnern nach ihm stoßen. Aber sie war jetzt nicht mehr so hitzig wie früher, sondern nahm sich Zeit, Nils Holgersson näher zu betrachten, ehe sie zustieß. Er war noch ebenso klein wie bei seiner Abreise und trug auch noch denselben Anzug; aber er sah sich trotzdem gar nicht mehr ähnlich. Der Nils Holgersson, der im Frühjahr fortgezogen war, hatte einen schwerfälligen, langsamen Gang, eine träge Stimme und schläfrige Augen gehabt; der Nils Holgersson, der jetzt zurückgekehrt war, war flink und geschmeidig, sprach rasch und hatte glänzende, leuchtende Augen. Auch hatte er eine so kecke Haltung, daß man unwillkürlich Respekt vor ihm bekam. Trotz seiner Kleidung, und obgleich er nicht gerade glücklich aussah, wurde man froh, wenn man ihn nur ansah.

»Muu!« brüllte Majros. »Es hieß, er sei anders geworden, aber ich wollte es nicht glauben. Grüß dich Gott, Nils Holgersson, grüß dich Gott! Dies ist der erste frohe Augenblick, den ich seit langer Zeit gehabt habe.«

»Ich danke dir, Majros,« erwiderte der Junge, sehr angenehm überrascht über die freundliche Begrüßung. »Erzähl mir nun, wie es meinem Vater und meiner Mutter geht!«

»Seit du fort bist, haben sie nichts als immerfort Kummer und Unglück gehabt,« sagte Majros. »Das schlimmste aber ist die Sache mit dem teuren Pferd, das nun den ganzen Sommer nichts tun konnte und immer nur gefressen hat. Dein Vater kann es nicht übers Herz bringen, es zu erschießen, und verkaufen kann er es auch nicht. Des Pferdes wegen haben Stern und Gull-Lilja verkauft werden müssen.«

Der Junge hätte eigentlich etwas ganz andres gerne gewußt; aber er scheute sich, geradeheraus zu fragen. Deshalb sagte er: »Meine Mutter war wohl sehr ärgerlich, als sie entdeckte, daß der Gänserich Martin davongeflogen war?«

»Wenn sie gewußt hätte, wie alles gekommen war, hätte sie sich über den Verlust des Gänserichs Martin wohl nicht so sehr gegrämt. So aber trauert sie Tag und Nacht darüber, daß ihr eigener Sohn von daheim fortgelaufen sei und den Gänserich mitgenommen habe.«

»Wie, glaubt sie denn, ich habe die Gans gestohlen?« rief der Junge.

»Ja, was soll sie denn sonst glauben?«

»Vater und Mutter meinen wohl, ich hätte mich den Sommer hindurch wie ein gemeiner Landstreicher herumgetrieben?«

»Sie denken, es stehe schlimm mit dir,« sagte Majros, »und sie haben um dich getrauert, wie man trauert, wenn man sein Liebstes verloren hat.«

Als der Junge dies hörte, verließ er rasch den Kuhstall und ging zu dem Pferde hinein. Der Pferdestall war ein kleiner, aber hübscher Raum. Der Junge sah wohl, der Vater hatte sich alle Mühe gegeben, es dem Pferde bei seiner Ankunft so recht behaglich zu machen. Und es stand auch wirklich ein wunderschönes Pferd im Stall, das von Gesundheit strotzte.

»Guten Tag, guten Tag!« sagte der Junge. »Wie ich höre, soll ein krankes Pferd hier sein. Damit bist du doch wohl nicht gemeint, denn du siehst ja ganz frisch und ganz gesund aus?«

Das Pferd wendete den Kopf und sah den Jungen nachdenklich an.

»Bist du der Sohn des Hauses?« fragte es. »Von dem hab ich sehr viel sprechen hören. Aber du siehst so gut aus, und wenn ich nicht wüßte, daß du in ein Wichtelmännchen verwandelt worden bist, würde ich nie geglaubt haben, du seiest der kleine Nils Holgersson.«

»Ich weiß wohl, ich habe hier einen schlechten Ruf hinterlassen,« entgegnete der Junge. »Meine Mutter glaubt, ich hätte mich als ein Dieb fortgeschlichen; das ist nun freilich einerlei, denn ich bleibe nicht lange hier. Bevor ich wieder gehe, möchte ich aber doch noch wissen, was dir eigentlich fehlt.«

»Wie schade, daß du nicht hier bleibst!« sagte das Pferd. »Ich bin überzeugt, wir zwei wären sehr gute Freunde geworden. Mir fehlt gar nichts, als daß ich mir etwas in den Fuß hineingetreten habe, eine Messerspitze, oder was es sonst sein mag. Es sitzt so tief drinnen, daß es der Doktor nicht entdeckt; aber es sticht und sticht, und deshalb kann ich durchaus nicht auftreten. Wenn du nur Holger Nilsson mitteilen würdest, was mir fehlt, dann würde er mir gewiß helfen können. Ich möchte doch für all das Futter auch etwas leisten und schäme mich wirklich, hier nichts zu tun, als immer nur zu fressen.«

»Wie gut, daß du keine eigentliche Krankheit hast!« rief der Junge. »Ich muß dafür sorgen, daß du kuriert wirst. Es täte dir wohl nicht weh, wenn ich mit meinem Messer ein wenig auf deinen Huf kritzelte?«

Nils Holgersson war mit dem Pferde eben fertig geworden, als er draußen auf dem Hofe Stimmen hörte. Er öffnete vorsichtig einen Spalt an der Stalltür und lugte hinaus: Sein Vater und seine Mutter waren es, die von der Landstraße her auf das Haus zukamen. Ach ja, Nils Holgersson sah ihnen wohl an, wie niedergedrückt sie waren! Seine Mutter hatte mehr Runzeln im Gesicht, als sie im Frühjahr gehabt hatte, und sein Vater war ganz grau geworden; die Mutter versuchte eben den Vater zu überreden, von seinem Bruder Geld zu entlehnen.

»Nein, ich will nicht noch mehr Geld entlehnen,« sagte der Vater gerade in dem Augenblick, wo die beiden am Stall vorübergingen. »Schulden haben ist das allerschlimmste, dann lieber noch den Hof verkaufen.«

»Ich hätte auch nicht so sehr viel gegen den Verkauf, wenn es nicht des Jungen wegen wäre,« erwiderte die Mutter. »Aber wo soll er sich hinwenden, wenn er nun, wie man sich denken kann, eines Tages arm und elend zurückkehrt und wir dann nicht mehr da sind?«

»Ja, da hast du recht,« sagte der Vater. »Aber wir müßten eben den neuen Besitzer bitten, ihn freundlich aufzunehmen und ihm zu sagen, daß wir ihn erwarten. Und wir werden ihm kein böses Wort geben, wie er auch sein mag, nicht wahr, Mutter?«

»Ach nein, nein! Wenn ich ihn nur wieder hätte, dann wüßte ich doch, daß er nicht auf der Landstraße hungern und frieren muß; das andre wäre dann ganz einerlei.«

Nach diesen Worten gingen die beiden ins Haus hinein, und der Junge hörte nichts mehr von ihrer Unterhaltung. Die Worte der Eltern hatten ihn beglückt und gerührt; er erkannte daraus, wie innig lieb sie ihn hatten, obwohl sie glaubten, er sei ganz verkommen. Er hatte die größte Lust, hinter ihnen herzulaufen. »Aber ach, wenn sie mich so sähen, wie ich jetzt bin, würden sie vielleicht noch viel betrübter!« dachte er.

Während er noch überlegte, was er tun solle, kam ein Wagen dahergefahren und hielt gerade vor dem Hoftor. Beinahe hätte der Junge vor lauter Überraschung laut hinausgeschrien; denn die Reisenden, die ausstiegen und in den Hof hereinkamen, waren niemand anders, als das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Vater. Hand in Hand gingen sie auf das Haus zu; sie schritten ganz still und ernst vorwärts, aber ein schöner, glücklicher Glanz strahlte aus ihren Augen. Als sie ungefähr mitten auf dem Hofe angekommen waren, hielt Åsa ihren Vater zurück und sagte: »Vergiß es ja nicht, Vater, du darfst weder von dem Holzschuh ein Wort erwähnen, noch von den Wildgänsen, noch von dem kleinen Knirps, der Nils Holgersson so aufs Haar geglichen hat, daß er, wenn es nicht Nils selbst gewesen ist, doch in irgendeinem Zusammenhang mit ihm gestanden haben muß.«

»Nein, nein, ich will gewiß nichts davon sagen,« erwiderte Jon Assarsson. »Ich werde nur sagen, ihr Sohn sei dir mehrere Male eine große Hilfe gewesen, und wir kämen deshalb, zu fragen, ob wir ihnen dafür nicht auch eine Gefälligkeit erweisen könnten. Seit ich die Grube da droben entdeckt habe, bin ich ja ein wohlhabender Mann geworden und habe mehr, als ich brauche.«

»Ja, ich weiß wohl, daß du deine Worte gut zu setzen verstehst,« sagte Åsa, »und ich meinte auch nur, du solltest dieses eine verschweigen.«

Sie traten ins Haus hinein, und der Junge wäre schrecklich gerne mitgegangen, um zu hören, was drinnen gesprochen wurde. Aber er wagte sich nicht über den Hofplatz hinüber. Schon nach ganz kurzer Zeit kamen die beiden wieder heraus, und Vater und Mutter begleiteten sie bis ans Gittertor.

Als die beiden Besuche wieder weggefahren waren, blieben die Eltern an der Pforte stehen und sahen ihnen nach.

»Nun will ich nicht mehr so betrübt sein,« sagte die Mutter. »Jetzt, wo ich so viel Gutes von Nils gehört habe.«

»Eigentlich haben sie uns aber gar nicht so viel von ihm erzählt,« erwiderte der Vater nachdenklich.

»Wie, ist es nicht genug, wenn sie einzig und allein deshalb hergereist sind, uns ihre Hilfe anzubieten, nur weil unser Nils ihnen so große Dienste geleistet hat? Ich meine übrigens, du hättest ihr Anerbieten annehmen sollen, Vater!«

»Nein, Mutter, ich will von niemand Geld annehmen, weder als Geschenk noch als Darlehen. In erster Linie will ich jetzt meine Schulden los werden, und dann wollen wir uns wieder heraufbringen. Beim Licht besehen sind wir doch eigentlich noch gar nicht so steinalt, wie, Mutter?« rief der Vater, und als er dies sagte, lachte er herzlich.

»Ich glaube wahrhaftig, du meinst, es sei ein Spaß, den Hof zu verkaufen, auf den wir doch so viel Mühe und Arbeit verwendet haben!« versetzte die Mutter.

»Ach, du weißt wohl, warum ich lache, Mutter. Was mich so schwer bedrückt hat, daß ich zu nichts mehr Lust und Kraft hatte, war ja der Gedanke, der Junge sei ein Taugenichts geworden. Nun ich aber weiß, daß er sich gut gemacht hat, jetzt sollst du sehen: Holger Nilsson ist noch etwas wert!«

Die Mutter ging ins Haus hinein, Nils Holgersson aber versteckte sich rasch in einen Winkel, denn der Vater trat in den Stall, um nach dem Pferd zu sehen. Er ging in den Stand zu ihm hinein und hob wie gewöhnlich dessen kranken Fuß in die Höhe, um zu sehen, ob er denn nicht entdecken könnte, was ihm fehle.

»Aber was ist denn das?« sagte der Vater. Auf dem Huf waren einige Buchstaben eingeritzt. »Nimm das Eisen ab!« las er und sah sich verwundert und überrascht nach allen Seiten um. Schließlich befühlte und betrachtete er die untere Seite des Hufes sehr genau. »Ich glaube wahrhaftig, es sitzt etwas Spitziges drin,« murmelte er.

Während der Vater mit dem Pferd beschäftigt war und der Junge in dem Winkel verborgen saß, kamen noch mehr Besuche auf den Hof. Mit diesen verhielt es sich aber folgendermaßen. Als der Gänserich Martin seiner alten Heimat so nahe war, hatte er der Lust nicht widerstehen können, seine Frau und seine Kinder den frühern Gefährten auf dem Gütchen vorzustellen; und so hatte er Daunenfein und die jungen Gänse einfach mitgenommen und war mit ihnen hierhergeflogen.

Als nun der Gänserich durch die Luft daherkam, war auf dem ganzen Hofe kein Mensch zu sehen; er ließ sich deshalb ruhig nieder und zeigte Daunenfein, wie herrlich er es als zahme Gans gehabt hatte. Nachdem sie sich den Hofplatz besehen hatten, bemerkte er, daß die Kuhstalltür offen stand.

»Kommt einen Augenblick mit herein,« sagte er, »dann könnt ihr sehen, wo ich früher gewohnt habe. Das war etwas andres, als sich in Teichen und Sümpfen aufzuhalten, wie wir es jetzt tun.«

Der Gänserich stand auf der Schwelle und schaute in den Kuhstall hinein. »Es ist kein Mensch da,« sagte er. »Komm, Daunenfein, ich zeige dir den Gänsestall. Hab keine Angst, es ist nicht die geringste Gefahr dabei.«

Und so gingen der Gänserich, Daunenfein und alle sechs Jungen in den Gänsestall hinein, um sich anzusehen, in welchem Glanz und Überfluß der große Weiße gelebt hatte, ehe er sich der Schar der Wildgänse anschloß.

»Ja, seht, so hatten wir es. Hier war mein Platz, und dort stand der Freßtrog, der immer mit Hafer und Wasser gefüllt war,« sagte der Gänserich. »Ei der Tausend, es ist wahrhaftig auch jetzt noch etwas drin!« Damit schoß er zum Troge hin und fraß Hafer in sich hinein.

Aber Daunenfein war unruhig. »Laß uns jetzt wieder gehen!« sagte sie.

»Nur noch ein paar Körner!« erwiderte der Gänserich. In demselben Augenblick jedoch stieß er einen Schrei aus und eilte dem Ausgang zu. Aber es war zu spät, die Tür fiel ins Schloß, Holger Nilssons Frau stand draußen und schob den Riegel vor; sie waren eingesperrt.

Holger Nilsson hatte ein spitziges Stück Eisen aus dem Fuß des Rappens herausgezogen und streichelte das Tier nun ganz erfreut, als seine Frau eilig in den Pferdestall hereintrat. »Komm, Vater!« rief sie. »Dann sollst du sehen, was ich für einen Fang gemacht habe!«

»Nein, wart ein wenig, Mutter, und sieh erst hierher!« sagte Holger Nilsson. »Ich hab entdeckt, was dem Pferde gefehlt hat.«

»Ich glaube, das Glück hat sich gewendet und kehrt wieder bei uns ein!« rief die Frau. »Denk dir nur, der große Gänserich, der im Frühjahr verschwunden ist, muß mit den Wildgänsen davongeflogen sein! Er ist zurückgekommen und hat sieben Wildgänse bei sich. Sie gingen in den Gänsestall hinein, und ich habe sie alle miteinander darin eingeschlossen.«

»Das ist doch merkwürdig,« sagte Holger Nilsson. »Aber weißt du, was das beste an der Sache ist, Mutter? Daß wir nun nicht mehr zu glauben brauchen, unser Junge habe die Gans mitgenommen, als er von daheim fortgelaufen ist.«

»Ja, da hast du recht, Vater. Aber ich glaube, wir müssen die Gänse heute abend noch schlachten. In ein paar Tagen ist der Martinstag, und wenn wir die Gänse dazu noch in die Stadt bringen wollen, müssen wir uns beeilen.«

»Es kommt mir geradezu wie ein Unrecht vor, wenn wir den Gänserich schlachten, da er doch mit so einer großen Gesellschaft zu uns zurückgekehrt ist,« sagte Holger Nilsson.

»Wenn die Zeiten besser wären, würde ich ihn gern am Leben lassen, aber wenn wir doch vom Hofe fort müssen, können wir die Gänse ja nicht behalten,« entgegnete die Frau.

»Ja, das ist allerdings wahr.«

»Komm und hilf mir, sie ins Haus hineinzutragen!« sagte die Mutter.

Sie verließen miteinander den Hof, und einen Augenblick später sah der Junge seinen Vater mit Daunenfein unter dem einen Arm und dem Gänserich unter dem andern in Gesellschaft der Mutter über den Hof kommen. Der Gänserich schrie: »Däumling, komm und hilf mir!« wie immer, wenn ihm eine Gefahr drohte, obgleich er ja nicht wissen konnte, daß der Junge in der Nähe war.

Nils Holgersson hörte ihn wohl schreien, blieb aber trotzdem vor dem Stalle stehen, nicht weil er wußte, daß es für ihn selbst gut wäre, wenn der Gänserich geschlachtet würde -- daran dachte er in diesem Augenblick nicht einmal --, sondern weil er sich, wenn er die Gans retten wollte, vor seinen Eltern sehen lassen mußte, und dazu konnte er sich nicht entschließen. »Sie haben es ohnedies schon schwer genug,« dachte er. »Sollte ich wirklich dazu verurteilt sein, ihnen auch noch diesen Kummer zu bereiten?«

Aber als sich die Tür hinter dem Gänserich geschlossen hatte, kam Leben in den Jungen. Schnell wie der Blitz lief er über den Hofplatz, sprang auf die eichene Schwelle vor der Haustür und von da in den Flur hinein. Aus alter Gewohnheit zog er die Holzschuhe aus und näherte sich der Stubentür. Aber er empfand noch immer den größten Widerwillen, sich so vor seinen Eltern sehen zu lassen, und hatte nicht die Kraft, die Hand aufzuheben und anzuklopfen.

»Aber es handelt sich doch um den Gänserich Martin,« dachte er. »Seit du zum letzten Male hier gestanden hast, ist er immer dein bester Freund gewesen.«

In einem Nu durchlebte Nils Holgersson in Gedanken alles wieder, was er und der Gänserich auf gefrorenen Seen und stürmischen Meeren und zwischen gefährlichen Raubtieren miteinander durchgemacht hatten. Sein Herz floß über vor Dankbarkeit und Liebe; er überwand sich und klopfte an die Tür.

»Ist jemand da?« fragte der Vater, indem er die Tür öffnete.

»Mutter, du darfst der Gans nichts tun!« rief der Junge; und zugleich stießen der Gänserich Martin und Daunenfein einen Freudenschrei aus; sie lagen gebunden auf einer Bank, und an dem Schreien hörte man, daß sie noch am Leben waren.

Wer aber auch einen Freudenschrei ausstieß, das war die Mutter. »Nein, wie groß und schön du geworden bist!« rief sie.

Der Junge war nicht eingetreten, sondern auf der Schwelle stehen geblieben, wie jemand, der seines Empfangs nicht ganz sicher ist.

»Gott sei Lob und Dank, daß ich dich wieder habe!« rief die Mutter. »Komm herein! Komm herein!«

»Ja, Gott sei Lob und Dank!« sagte auch der Vater; mehr konnte er nicht herausbringen.

Aber der Junge zögerte noch immer auf der Schwelle. Wie war es nur möglich, daß sich die Eltern über das Wiedersehen freuten, wo er doch so aussah! Aber da kam die Mutter herbei, schlang ihre Arme um ihn und zog ihn in die Stube herein; und nun merkte der Junge, wie die Sache sich verhielt.

»Vater! Mutter! Ich bin groß! Ich bin wieder ein Mensch!« rief er.

55

Der Abschied von den Wildgänsen

Mittwoch, 9. November

Am nächsten Morgen war Nils Holgersson vor Tagesgrauen auf und wanderte an den Strand hinunter. Ehe es richtig hell war, stand er eine kleine Strecke östlich von dem Fischerdorf Smyge am Ufer. Er war ganz allein; vor dem Weggehen war er im Gänsestall bei dem Gänserich Martin gewesen und hatte versucht, ihn zu wecken. Aber der große Weiße hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Ohne ein Wort zu sagen, steckte er den Kopf wieder unter den Flügel und schlief weiter.

Der Tag versprach wunderschön zu werden, fast so schön wie jener Frühlingstag, wo die Wildgänse nach Schonen gekommen waren. Still und unbeweglich breitete sich das Meer aus; kein Lüftchen rührte sich, und der Junge dachte daran, welch eine schöne Reise übers Meer die Wildgänse bekommen würden!

Er selbst ging noch immer wie im Traum umher. Bald fühlte er sich als Wichtelmännchen, bald als Mensch. Wenn er ein Steinmäuerchen am Wege sah, wagte er kaum weiterzugehen, ehe er sich überzeugt hatte, daß kein Raubtier dahinter auf der Lauer lag. Und gleich darauf lachte er über sich selbst und freute sich, daß er nun groß und stark war und sich vor nichts mehr zu fürchten brauchte.

Als er am Ufer angekommen war, stellte er sich in seiner ganzen Größe weit draußen auf den Strand, damit ihn die Wildgänse gut sehen könnten.

Heute war großer Reisetag! Unaufhörlich tönten die Lockrufe durch die Luft. Der Junge lächelte vor sich hin: er war ja der einzige, der verstand, was die Vögel einander zuriefen.

Jetzt kamen auch Wildgänse dahergeflogen, eine große Schar hinter der andern. »Wenn das nur nicht meine Gänse sind, die da davonfliegen, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben!« dachte er. Er hätte ihnen doch gar zu gerne erzählt, wie alles zugegangen war, und sich ihnen nun auch als Mensch gezeigt.

Jetzt kam eine Schar, die flog schneller und schrie lauter als alle andern, und etwas in seinem Herzen sagte Nils Holgersson, daß es seine Schar sei; aber er war seiner Sache doch nicht so gewiß, wie er es am vorhergehenden Tage gewesen wäre.

Die Schar flog jetzt langsamer und schwebte über dem Strand hin und her. Da wußte der Junge, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen hatte. Er konnte nur nicht begreifen, warum sich die Wildgänse nicht neben ihm niederließen. Da, wo er stand, mußten sie ihn sehen, es war nicht anders möglich.

Er versuchte, einen Lockton auszustoßen, der sie zu ihm herrufen würde. Aber was war denn das? Seine Zunge wollte nicht; er konnte den rechten Ton nicht herausbringen.

Jetzt hörte er Akka in der Luft droben rufen; aber er verstand nicht, was sie sagte. »Was ist denn das? Haben die Wildgänse ihre Sprache verändert?« dachte er.

Er winkte ihnen mit seiner Mütze, lief am Strande hin und her und rief: »Hier bin ich! Wo bist du?«

Aber es schien, als erschrecke er die Gänse. Sie flogen auf und aufs Meer hinaus. Da begriff der Junge endlich: sie wußten nicht, daß er wieder ein Mensch war, und erkannten ihn nicht wieder.

Und er konnte sie nicht zu sich rufen, weil ein Mensch die Sprache der Vögel nicht sprechen kann. Er konnte sie nicht allein nicht sprechen, nein, er konnte sie auch nicht verstehen.

Obgleich Nils Holgersson über seine Befreiung von der Verzauberung hochbeglückt war, tat es ihm doch recht bitter weh, daß er nun von seinen guten Kameraden ganz getrennt sein sollte. Er legte sich in den Sand und vergrub das Gesicht in den Händen. Was hatte es für einen Wert, den Gänsen nachzuschauen?

Aber gleich darauf hörte er Flügelrauschen. Der alten Mutter Akka war es schwer gefallen, von dem Däumling wegzureisen, und so hatte sie noch einmal umgedreht. Und jetzt, wo der Junge still dasaß, wagte sie sich näher an ihn heran. Und da war es ihr plötzlich, als seien ihre Augen aufgetan, sie erkannte den Dasitzenden und ließ sich am Ufer neben ihm nieder.

Der Junge stieß einen Freudenschrei aus und umschlang die alte Akka mit beiden Armen. Die andern Wildgänse rieben ihre Schnäbel an ihm auf und ab und drängten sich um ihn zusammen. Sie schnatterten und plauderten und wünschten ihm auf alle mögliche Weise Glück; und er sprach auch mit ihnen und dankte ihnen für die herrliche Reise, die er in ihrer Gesellschaft gemacht hatte. Aber plötzlich wurden die Wildgänse merkwürdig still, als wenn sie sagen wollten: »Ach, er ist ja ein Mensch! Er versteht uns nicht, und wir verstehen ihn nicht.«

Da stand der Junge auf und trat dicht an Akka heran. Er liebkoste und streichelte sie. Dasselbe tat er Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, allen den alten, die von Anfang an dabei gewesen waren.

Hierauf ging er vom Ufer weg landeinwärts; er wußte, der Schmerz der Tiere dauert nie lange, und so wollte er lieber von ihnen scheiden, solange sie noch betrübt darüber waren, daß sie ihn verloren hatten.

Als er den Uferrain erreicht hatte, wendete er sich um und sah den vielen Vogelscharen nach, die übers Meer hinflogen. Alle stießen ihre Locktöne aus, nur eine Schar Wildgänse zog schweigend ihres Weges, solange er ihnen mit den Augen folgen konnte.

Aber die Schar zog in regelmäßiger, schöner Ordnung mit starken und kräftigen Flügelschlägen übers Meer. Da ergriff den Jungen eine schmerzliche Sehnsucht nach den Davonziehenden, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er sich gewünscht, wieder der Däumling zu sein, um mit einer Schar Wildgänse über Land und Meer hinfliegen zu können.

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Anmerkungen zur Transkription:

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Anfang verlegt.

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten. An einigen Stellen wurde die Zeichensetzung geändert.