Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen
Chapter 52
Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. >Dieses Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne große Kraft zu verleihen und ihn für kurze Zeit leistungsfähiger als alle andern zu machen,< sagte er. >Aber der Besitzer würde sich auch in ganz kurzer Zeit überanstrengen, und dann wäre es bald aus mit seiner Tüchtigkeit und seinem Glück. Ich will nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden, denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.<
Aber es ist eben doch möglich, daß der Ring gefunden worden ist. So oft sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, über seine Kräfte anstrengt, möchte man unwillkürlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken, daß er sich vor der Zeit abnützt und sein Werk unvollendet verlassen muß.«
Der Gesang
Die Lehrerin war, während sie erzählte, mit raschen Schritten vorwärts gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die Wirtschaftsgebäude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prächtigen Bäumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorübergekommen war, sah sie das Schloß droben auf der Terrasse hervorschimmern.
Bis zu diesem Augenblick war sie über ihren Einfall sehr glücklich gewesen, und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte, nun ganz verkehrt wäre? Wer kümmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit? Vielleicht würde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am späten Abend noch mit ihren Schulkindern daherkäme? Und sie alle miteinander konnten gewiß auch gar nicht so schön singen, daß sich jemand etwas aus dem Gesang machen würde!
Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur Schloßterrasse führten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan. Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das große Schloß leer, das wußte sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schloß vor sich liegen sah, als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die majestätische Freitreppe sah, wurde ihr immer ängstlicher zumute. Ach, hier war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewiß nichts zu tun! »Komm mir nicht zu nahe!« schien ihr das schöne weiße Schloß zuzurufen. »Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder könnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewöhnt ist, irgendeine Freude bereiten?«
Um diese Unschlüssigkeit, die sie allmählich ganz beherrschte, zu verscheuchen, erzählte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als Schülerin auf Nääs gehört hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig. Es war ja doch wahr, daß das Schloß und das ganze Gut dem Slöjdseminar geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine glückliche Zeit auf dem schönen Gute verleben und danach ihren Schulkindern Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen könnten! Aber wenn diese beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schätzten! Dadurch hatten sie klar und deutlich gezeigt, daß sie die Erziehung der schwedischen Kinder für viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein, gerade hier dürfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fühlen, redete sich die Lehrerin selbst zu.
Diese Gedanken trösteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren Plan jetzt doch ausführen. Um ihren Mut zu stärken, schlug sie den Weg durch den Park ein, der sich vom Schloßhügel zum See hinunter erstreckte. Während sie unter diesen schönen Bäumen dahinschritt, die im Mondschein dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen in ihrem Herzen. Sie erzählte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Nääs gewesen war und wie glücklich sie sich hier als Schülerin gefühlt hatte, wo sie jeden Tag in dem schönen Park hatte spazieren gehen dürfen. Sie erzählte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der großen Güte, die die Tore des schönen Herrenhofs für sie und für so viele andere geöffnet hatte.
Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich durch den Park und über die alte steinerne Brücke und erreichte endlich die Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den Schulgebäuden stand.
Dicht bei der Brücke war der grüne Spielplatz, und als sie daran vorübergingen, erzählte die Lehrerin den Kindern, wie schön es hier an den Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablösten. Sie zeigte den Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo die Vorträge gehalten wurden, die Häuser, wo die Slöjdsäle und der Turnsaal untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhörlich, wie um gar keine Zeit zum Ängstlichwerden zu haben. Aber als sie schließlich so weit gekommen war, daß sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt sie jäh an.
»Hört, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen,« sagte sie. »Es ist mir früher gar nicht eingefallen, daß der Vorsteher vielleicht so schwer krank ist, daß ihm unser Gesang schaden könnte, und es wäre furchtbar, wenn er dadurch noch kränker würde.«
Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen und hatte alles gehört, was die Lehrerin erzählte. Er wußte also, daß sie ausgezogen waren, um jemand, der drüben in der Villa krank lag, einige Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der Kranke möglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden könnte!
»Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben!« dachte er. »Sie könnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhören ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und erkundigt sich?«
Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. »Nein, nein,« sagte sie. »Es war ein dummer Einfall von mir, daß ich jetzt so spät am Abend noch hierher wanderte, um zu singen. Wir würden nur stören.«
Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann müsse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu schwach sei, ein Lied anzuhören. Rasch lief er von der Schar weg und aufs Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als die Tür aufging und ein Mädchen mit einem Servierbrett heraustrat.
»Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten müssen, Larsson,« sagte sie. »Die gnädige Frau schickt Ihnen hier indessen zur Stärkung etwas Warmes.«
»Wie geht es dem Herrn?« fragte der Kutscher.
»Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still. Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er noch lebt.«
»Gibt der Doktor keine Hoffnung?«
»Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so muß er ihm folgen.«
Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte ...
Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und unsicher!
Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte; aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. »Wir sind gar so weit weg, alle wir andern,« sagten die Stimmen. »Du aber bist ganz nahe. Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!«
Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. »Geh und sing ihm!« flüsterte es um die Lehrerin her. »Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns geht, wie innig wir ihn lieben!«
Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte, sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels, oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie solle wieder umkehren.
Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut zurückzugeben. --
Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt.
Jetzt öffnete sich plötzlich die Haustür, und jemand trat rasch heraus. »Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhören,« dachte die Lehrerin. »Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!«
Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen, sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen.
Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. »Für diesmal ist die Gefahr vorüber,« sagte er. »Er hatte in einer Art Betäubung gelegen, und das Herz schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn er einen Ruf vernommen hätte von allen, die seiner noch bedürfen. Er fühlte, daß die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurückgerufen. Jetzt dürfen wir ihn vielleicht noch ein paar Jahre behalten.«
53
Die Reise nach Vemmenhög
Donnerstag, 3. November
Zu Anfang November flogen die Wildgänse eines Tages über das Hallandgebirge nach Schonen hinein. Sie hatten sich einige Wochen auf den großen Ebenen bei Fallköping aufgehalten, und da sich mehrere andre Scharen Wildgänse auch dort niedergelassen hatten, war es eine schöne Zeit für alle gewesen; die Alten hatten viel miteinander geplaudert und die Jungen in allen Arten von Leibesübungen gewetteifert.
Was nun Nils Holgersson betrifft, so war er nicht so sehr erfreut über den langen Aufenthalt in Westgötland. Er gab sich alle Mühe, seinen Mut aufrecht zu erhalten, aber es wurde ihm sehr schwer, sich mit seinem Schicksal auszusöhnen.
»Hätte ich doch nur erst Schonen hinter mir und wäre glücklich im Ausland!« dachte er. »Dann wüßte ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hätte, und würde ruhiger werden.«
Eines Morgens in aller Frühe waren dann die Wildgänse aufgebrochen und nach Halland hinuntergeflogen. Im Anfang hatte der Junge keine große Lust, sich die Landschaft zu betrachten; er meinte, es werde da nicht viel Neues zu sehen sein. Der östliche Teil war ein hügeliges Land mit großen Heidestrecken, die an Småland erinnerten, und weiter gegen Westen ragten runde, kahle, durch Buchten getrennte Berggipfel auf, ungefähr wie in Bohuslän.
Als aber die Wildgänse immer weiter südwärts über den schmalen Küstenstrich hinflogen, beugte sich der Junge weit über den Hals des Gänserichs vor und verwandte kein Auge mehr vom Boden. Er sah, daß die Berge sich lichteten und die Ebene sich ausbreitete. Und zugleich sah er auch, daß die Küste weniger zerrissen war. Die Schären davor wurden spärlich und immer spärlicher, bis sie schließlich ganz verschwanden und das weite offene Meer bis dicht ans Festland heranreichte.
Und dann hörte der Wald auf. Weiter droben im Lande hatte der Junge nun freilich schon viele schöne Ebenen gesehen; aber alle waren von Wäldern umrahmt gewesen. Der Wald hatte sich überall ausgebreitet. Es war, als ob das Land dort eigentlich nur den Bäumen gehörte, und das bebaute Land sah nur wie große gerodete Plätze im Walde aus. Und auf allen Ebenen hatten Baumgruppen und Gehölze gestanden, wie um zu zeigen, daß der Wald jeden Augenblick einschreiten und von dem Land wieder Besitz ergreifen könnte.
Aber hier war das ganz anders. Hier hatte das Flachland das Übergewicht. Unbeschränkt erstreckte es sich bis zum Horizont. Es gab wohl auch große, wohlgepflegte Forste, aber keinen wilden Wald. Und gerade daß das Land so offen dalag, mit einem Acker neben dem andern, erinnerte den Jungen an Schonen. Den offnen Strand mit seinen sandigen Ufern und Tanghaufen glaubte er auch wiederzuerkennen. Es wurde ihm froh und ängstlich zugleich ums Herz. »Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,« dachte er.
Die Landschaft veränderte sich aber doch wieder; große Bäche kamen aus Westgötland und Småland dahergeschäumt und unterbrachen die Einförmigkeit der Ebene; Seen, Moore, Heidestrecken, mit Flugsand bedeckte Felder versperrten den Äckern den Weg; aber diese breiteten sich doch immer weiter aus, bis hinunter zum Hallandgebirge, das an der Grenze von Schonen mit seinen schönen Schluchten und Tälern aufragt.
Schon mehrere Male hatten die jungen Gänse in der Schar die alten gefragt: »Wie sieht es im Auslande aus? Wie sieht es im Auslande aus?«
»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren,« hatten die Alten geantwortet, die das Land schon so oft auf und ab geflogen waren.
Als die jungen Gänse auf der Reise die langen bewaldeten Bergrücken um Wärmland her und die glänzenden Seen zwischen der Bohusläner Felsenwelt oder die schönen Hügel in Westgötland sahen, hatten sie sich verwundert gefragt: »Sieht die ganze Welt so aus? Sieht die ganze Welt so aus?«
»Wartet nur, wartet nur! Ihr werdet es bald erfahren, wie es in einem großen Teile der Welt aussieht,« hatten die Alten geantwortet.
Nachdem die Wildgänse nun über das Hallandgebirge hingeflogen und schon ein gutes Stück nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: »Schaut jetzt hinunter und seht euch um! So sieht es im Ausland aus!«
Gerade da flogen sie über den Söderberg hin. Der ganze lange Höhenzug war mit Buchenwäldern bestanden, und mitten in den Wäldern lagen schöne mit Türmen und Zinnen geschmückte Schlösser. Zwischen den Bäumen grasten Rehe, und auf den Waldwiesen spielten die Hasen. Jagdhörner klangen durch die Wälder, und scharfes Hundegebell drang bis zu der dahinfliegenden Schar herauf. Durch die Wälder führten schöne, breite Straßen, auf denen Herren und Damen in glänzenden Wagen dahergefahren oder auf wunderschönen Pferden geritten kamen. Am Fuß des Gebirges breitete sich der Ringsee aus mit dem alten Bosjökloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skäralider Schlucht durchschneidet den Bergrücken, ein Bach plätschert auf ihrem Grunde, und die Felswände sind mit Gebüsch und Bäumen dicht bewachsen.
»Sieht es so im Ausland aus? Sieht es so im Ausland aus?« fragten die jungen Gänse.
»Ja, wo waldige Bergrücken sind, sieht es gerade so aus!« rief Akka. »Aber das ist nicht so sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr schon sehen, wie es gewöhnlich dort aussieht!«
Akka führte die Wildgänse weiter gen Süden nach Schonen auf die große Ebene. Da lag sie vor ihnen mit weiten Äckern, mit Rübenfeldern, auf denen die Arbeiter in langen Reihen beschäftigt waren, mit niedrigen, weißgekalkten, aneinandergebauten Höfen, mit unzähligen kleinen, weißen Kirchen, mit häßlichen grauen Zuckerfabriken und mit Bahnhöfen, umgeben von Marktflecken, die einen städtischen Anstrich hatten. Es gab auch viele Torfmoore mit langen Reihen ausgestochener Torfhügel und Steinkohlengruben mit schwarzen Kohlenbergen um sich her. Die Landstraßen liefen zwischen zwei Reihen gestutzter Weidenbäume hin, die Eisenbahnschienen liefen durcheinander und bildeten ein dichtes Netz über die ganze Ebene. Kleine buchenumkränzte Seen, jeder mit einem prächtigen Herrenhof am Ufer, blinkten da und dort hervor.
»Schaut jetzt hinunter! Seht euch gut um!« rief die Anführerin. »So sieht es im Ausland aus, von der Küste der Ostsee an bis hinunter zu den hohen Bergen, und weiter als bis zu diesen sind wir nie gereist.«
Als die jungen Gänse die Ebene gesehen hatten, flog die Schar nach dem Öresund. Große sumpfige Wiesen fielen sanft gegen das Meer ab, und lange Wälle aus schwärzlichem Tang lagen vom Meere angeschwemmt auf dem Strand. An einigen Stellen waren hohe Uferwälle, an andern lauter Flugsand, der sich zu Dünen und ganzen Hügeln auftürmte. Die Fischerdörfer lagen am Ufer mit einer langen Reihe ganz gleichmäßig gebauter und gleichgroßer Backsteinhäuschen, einem kleinen Leuchtturm draußen am Wellenbrecher und großen mit braunen Netzen dicht behängten Trockenplätzen.
»Schaut hinunter! Seht euch wohl um!« sagte Akka. »So sieht es im Ausland an den Küsten aus!«
Schließlich flog die Anführerin auch über einige der Dörfer hin, und die Gänse sahen eine Menge schlanker Fabrikschlote, lange, von hohen, rauchgeschwärzten Häusern eingefaßte Straßen, prächtige, große Parke, durch die sich schöne Spazierwege schlängelten, sichere Häfen voller Schiffe, alte Festungswerke und Schlösser und ehrwürdige alte Kirchen.
»So sehen die Städte im Ausland aus, nur daß sie viel größer sind,« sagte Akka. »Aber diese hier können auch noch wachsen, gerade wie ihr jungen Gänse.«
Nachdem Akka so umhergeflogen war, ließ sie sich auf einem Moor im Vemmenhöger Bezirk nieder. Der Junge aber konnte den Gedanken nicht loswerden, Akka sei nur deshalb in Schonen umhergeflogen, um ihm zu zeigen, daß er ein Land habe, das sich mit jedem andern im Ausland wohl messen könne. Aber das wäre nicht nötig gewesen; der Junge dachte nicht daran, ob das Land reich oder arm sei. Von dem Augenblick an, wo er die ersten Weidenhecken und die ersten niedrigen Fachwerkhäuser gesehen hatte, war sein Herz von heißem Heimweh erfüllt worden.
54
Bei Holger Nilssons
Donnerstag, 8. November
Es war ein nebeliger, trüber Tag. Die Wildgänse hatten auf den großen Feldern bei der Skuruper Kirche geweidet und hielten eben Mittagsrast, da trat Akka zu Nils Holgersson.
»Es sieht aus, als bekämen wir jetzt einige Zeit stilles Wetter,« begann sie, »und ich gedenke deshalb, morgen über die Ostsee zu fliegen.«
»Ach so,« erwiderte der Junge kurz, denn der Hals war ihm wie zugeschnürt, und er konnte nicht sprechen. Er hatte eben doch immer noch gehofft, er werde, solange er in Schonen sei, von seiner Verzauberung befreit werden.
»Wir sind jetzt ziemlich nahe bei Westvemmenhög,« fuhr Akka fort; »und ich dachte, du hättest vielleicht Lust, einen kleinen Besuch daheim zu machen. Es wird ja eine gute Weile dauern, bis du wieder jemand von den Deinen zu sehen bekommst.«
»Es ist gewiß am besten, ich unterlasse das,« sagte der Junge; aber seiner Stimme war wohl anzuhören, wie sehr er sich über den Vorschlag freute.
»Wenn der Gänserich hier bei uns bleibt, kann ihm ja kein Unglück geschehen,« sagte Akka. »Ich meine, du solltest dir genauen Bescheid verschaffen, wie es bei dir daheim steht. Vielleicht könntest du deinen Eltern doch auf irgendeine Weise helfen, selbst wenn du nicht wieder ein Mensch wirst.«
»Ja, da habt Ihr recht, Mutter Akka. Daran hätte ich auch selbst denken können!« rief der Junge, und er wurde plötzlich ganz eifrig.
Einen Augenblick später waren er und Akka auf dem Wege zu Holger Nilssons, und schon nach einer kleinen Weile ließ sich Akka auf dem Steinmäuerchen nieder, das das Gütchen des Häuslers rings umgab.
»Es ist doch merkwürdig, wie unverändert alles ist!« sagte der Junge; er kletterte eilig auf das Mäuerchen hinauf und schaute sich um. »Es ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich hier auf dem Steinmäuerchen saß und euch daherfliegen sah.«
»Ob dein Vater wohl eine Flinte hat?« fragte Akka plötzlich.
»Das will ich meinen!« rief der Junge. »Dieser Flinte wegen bin ich ja an jenem Sonntag daheim geblieben, anstatt in die Kirche zu gehen.«
»Dann wage ich nicht, hier auf dich zu warten,« sagte Akka, »und es ist wohl am besten, du schleichst dich morgen früh wieder zu uns zurück, dann kannst du die Nacht über hier bleiben.«
»Ach nein, Mutter Akka, fliegt nicht fort!« rief der Junge und sprang rasch von dem Mäuerchen herab. Er wußte nicht, woher es kam, aber er hatte das Gefühl, als müsse ihm oder den Wildgänsen etwas zustoßen, so daß sie einander nie mehr sehen würden. »Ihr seht ja wohl, daß ich betrübt bin, weil ich meine rechte Gestalt nicht wieder bekommen soll, aber ich sage Euch, ich bereue durchaus nicht, damals mit euch Gänsen fortgeflogen zu sein. Nein, nein, lieber will ich nie wieder ein Mensch werden, als daß ich diese Reise nicht mit euch gemacht hätte.«
Akka sog ein paarmal die Luft durch ihren Schnabel ein, ehe sie antwortete. »Es liegt mir etwas auf dem Herzen, worüber ich schon lange gern mit dir gesprochen hätte; da du jedoch nicht zu den Deinen zurückzukehren gedachtest, hielt ich es nicht für so eilig. Es kann indes nichts schaden, wenn ich es dir mitteile.«
»Ihr wißt, es gibt nichts, was ich nicht gerne für Euch täte,« sagte der Junge.
»Wenn du etwas Gutes gelernt hast, Däumling, dann bist du vielleicht jetzt nicht mehr der Ansicht, daß die Menschen allein auf der Welt herrschen sollten,« sagte die Anführerin feierlich. »Bedenke, ihr habt ein großes Land für euch, und deshalb könntet ihr uns recht gut ein paar Schären und einige sumpfige Seen und Moore, sowie einige öde Felsen und abgelegene Wälder überlassen, wo wir armen Tiere im Frieden leben könnten. Solange ich lebe, bin ich nun beständig verfolgt und gejagt worden. Es wäre eine Wohltat, wenn sich für solche Geschöpfe, wie wir sind, auch irgendwo eine richtige Freistatt fände.«
»Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich euch in dieser Sache helfen könnte. Aber ich genieße gewiß niemals soviel Macht und Ansehen bei den Menschen,« seufzte der Junge.
»Aber, Däumling, wir stehen ja hier und sprechen miteinander, als ob wir uns nie wieder sehen sollten!« sagte Akka plötzlich. »Und doch treffen wir wohl schon morgen früh wieder zusammen. Jetzt will ich zu meiner Schar zurückfliegen.« Damit hob Akka die Flügel, ließ sich jedoch sogleich wieder nieder, rieb ihren Schnabel ein paarmal an dem Däumling auf und ab und flog erst dann endgültig davon.
Es war schon glockenhell, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen, und der Junge konnte ohne Scheu überall herumgehen. Zuerst lief er in den Kuhstall hinein, denn er wußte, bei den Kühen würde er Auskunft erhalten. Im Frühling waren drei prächtige Kühe im Stalle gewesen, aber jetzt stand nur noch eine einzige da. Diese eine war Majros, und man konnte ihr wohl anmerken, daß sie Heimweh nach ihren Kameraden hatte. Sie ließ den Kopf hängen und fraß kaum ein Hälmchen von dem Futter, das vor ihr lag.
»Guten Tag, Majros!« sagte der Junge und sprang ohne Angst in den Stand zu ihr hinein. »Wie geht es meiner Mutter und meinem Vater? Und was machen die Hühner und Gänse und die Katze? Und wo hast du denn Stern und Gull-Lilja gelassen?«