Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 7
Man muss sehr sorgfältig in der Wahl seiner Waffen, seien sie nur für die Jagd, oder zur Vertheidigung bestimmt, sein. Ein Reisender sollte wenigstens drei verschiedene Arten Schiessgewehre haben: erstens eine Vogelflinte, zweitens eine doppelläufige gezogene Flinte Nr. 10 oder 12, drittens ein Magazingewehr für die Vertheidigung. Für die Vogelflinte würde ich zu Nr. 12 rathen mit Läufen, die wenigstens 4 Fuss lang sind. Als gezogenes Gewehr für grösseres Wild weise ich, bei aller selbstverständlichen Achtung für alte Jäger, darauf hin, dass die besten Gewehre für afrikanisches Wild die englischen Lancaster- und Reillyflinten sind, und als Kampfwaffe, behaupte ich, ist die beste bisher erfundene das amerikanische Winchester-Repetir-Gewehr oder der sogenannte Sechzehn-Schiesser, wenn man dazu die Londoner Eley’sche Munition nimmt. Wenn ich als Kampfwaffe zum amerikanischen Winchester-Repetir-Gewehr rathe, so meine ich nicht, dass der Reisende dies zu Angriffszwecken mitzunehmen hat, wol aber als bestes Mittel für eine wirksame Vertheidigung, um sich gegen die Angriffe afrikanischer Banditen zu wehren, die doch wahrscheinlich irgend einmal vorkommen werden.
Bald nach meiner Rückkehr aus dem Innern traf ich mit einem jungen Manne zusammen, welcher seine Ueberzeugung dahin aussprach, dass das „Expressgewehr“ die vollkommenste Waffe für afrikanisches Wild sei. Möglicherweise hat der junge Mann in Bezug auf das Expressgewehr recht, aber er hat es nie gegen afrikanisches Wild versucht, und da ich es auch nicht gethan hatte, konnte ich seine Behauptung nicht bestreiten; aber ich war im Stande, meine Erfahrungen mit Gewehren anzuführen, welche die ganze Kraft des „Expressgewehres“ haben, und ihm zu sagen, dass, obwol die Kugeln die Thiere durchbohrten, sie dieselben fast nie auf den ersten Schuss zum Falle brachten. Andererseits konnte ich ihm mittheilen, dass während der Zeit, wo ich mit Dr. Livingstone reiste, dieser mir sein schweres Reillygewehr lieh, mit dem ich selten verfehlte, ein oder zwei Thiere ins Lager zu bringen, und dass ich dabei gefunden habe, dass die Fraserkugel allen beabsichtigten Zwecken entspricht. Die von Kapitän Speke und Sir Samuel Baker erzählten Heldenthaten können nicht mehr Gegenstand der Verwunderung für den jungen Jäger sein, wenn er ein Lancaster- oder Reillygewehr in der Hand hat; nach wenigen Minuten kann er es ihnen nachthun, ja sie sogar übertreffen, wenn er nur eine feste Hand hat. Um diesen Zweck zu fördern, habe ich vorstehendes geschrieben. Das afrikanische Wild verlangt „Knochenzerschmetterer“, denn ein gewöhnlicher Karabiner besitzt zwar die ausreichende Schusskraft, um in das Thier hineinzudringen, ist aber doch nicht im Stande, die Thiere zum Falle zu bringen, was ein Gewehr thun muss, wenn es sich einem Afrika-Reisenden nützlich erweisen soll.
Ich war noch nicht lange in Bagamoyo, als ich nach dem Lager Mussoudi’s hinüberging, um die „Livingstone-Karavane“ zu besuchen, welche der britische Consul am 1. November 1870 ausgeschickt hatte, um Livingstone Hülfe zu leisten. Die Zahl ihrer Traglasten betrug 35 und diese bedurften ebenso vieler Menschen, um nach Unyanyembé transportirt zu werden. Die Leute, die diese Karavane zu begleiten hatten, bestanden aus sieben Johannesen und Wahiyau. Von diesen sieben waren vier Sklaven. Sie führten hier ein vergnügtes Leben, ohne an ihren Auftrag zu denken oder sich um die Folgen zu bekümmern. Was diese Leute die ganze Zeit über in Bagamoyo gethan haben, ausser ihren lasterhaften Neigungen zu fröhnen, begreife ich nicht. Es wäre Unsinn zu behaupten, dass es keine Pagazis gegeben habe, denn ich weiss, dass wenigstens 15 Karavanen seit dem Ramadan (15. December 1870) ins Innere abgegangen waren. Und die Livingstone-Karavane war schon am 2. November in der kleinen Stadt Bagamoyo angekommen und hier bis zum 10. Februar, im ganzen also 100 Tage, liegen geblieben, weil ihr die geringfügige Zahl von 35 Pagazis, die man durch den Einfluss des Consuls in zwei Tagen hätte bekommen können, fehlte. Wenn der britische Consul sich damit entschuldigt, er habe gar nicht gewusst, dass seine für Livingstone bestimmten Vorräthe noch in Bagamoyo wären, so beweist mir das nur, dass er in strafwürdigster Weise seine Pflicht gegen einen britischen Unterthan und Collegen vernachlässigt habe, der selbst bis auf seinen Lebensunterhalt völlig von ihm abhing. Denn am ersten Abend meiner Ankunft in Zanzibar erfuhr ich, dass eine Karavane in Bagamoyo in Begriff stand abzureisen, um dem Dr. Livingstone Vorräthe ins Innere zu bringen. Damals wusste ich noch gar nicht, ob es ein schweres oder leichtes Ding sei, eine Karavane ins Innere zu expediren. Man kann sich daher meine Verwunderung leichter vorstellen, als ich sie zu beschreiben vermag, wie ich die Entdeckung machte, dass diese Karavane, die nur 35 Mann brauchte und vom britischen Consul abgeschickt worden war, Zanzibar am 1. oder 2. November 1870 verlassen hatte und sich noch am 10. Februar 1871, also +volle hundert Tage+, in Bagamoyo im Lager befand. Da warf ich mir die Frage auf, wie viel Tage vergehen müssten, bis ich, ein blosser Privatmann, 140 Leute zusammenbringen könnte, wenn die kleine Zahl von 35 Mann noch nicht innerhalb 100 Tagen von einem britischen Consul zusammengebracht werden konnte.
Ungefähr am 10. Februar verbreitete sich das Gerücht in den Bazars von Bagamoyo und von dort aus in meinem Lager, dass der „Balyuz“ (technischer Ausdruck für Gesandter) nach Bagamoyo kommen werde, um den Abgang der Livingstone-Karavane zu beschleunigen. An demselben Abend nun oder am nächsten Morgen ging dieselbe aus Furcht ins Innere ab, aber nur mit vier Mann Begleitung.
Zwei Tage darauf erschien das englische Regierungsschiff „Columbine“, Kapitän Tucker, auf der Höhe von Bagamoyo, mit Dr. Kirk, dem britischen Consul und politischen Residenten an Bord. An dem Abende der Ankunft ritt ich zur französischen Mission hinauf, wo Dr. Kirk, Kapitän Tucker und sein Adjutant in Begleitung des französischen Consuls, M. de Vienne, einer gastfreien Einladung des Pater Horner, dem Superior der Missions-Gesellschaft, gefolgt waren. Ich fand sie bei Tische und wurde zu einem Glas Wein eingeladen. Die Unterhaltung drehte sich theilweise um die Freuden, die man sich von einer Jagd versprach, zu welcher die Vorbereitungen eben getroffen wurden.
Um 6 Uhr am nächsten Morgen machten sich Dr. Kirk, Kapitän Tucker, sein Adjutant, Consul de Vienne und Pater Horner nach dem Kingani-Flusse auf. Später am Tage ging auch ich mit Farquhar, Shaw und Sayd bin Sayf nach dem Kingani, um dort Nilpferde zu schiessen.
Als wir uns auf dem Rückwege nach dem Lager befanden, begegneten wir dem Pater Horner auf der Ebene des Kingani, welcher, wie er sagte, aus Kikoka, dem ersten Lager auf dem Wege nach Unyanyembé von Bagamoyo aus, kam, wohin er in Begleitung der Jäger gegangen war.
Am folgenden Freitag Abend kehrte die Gesellschaft des englischen Consuls von der Jagd zurück. Ich speiste mit ihnen zu Abend, wo ihre Erlebnisse in den Wäldern auf dem andern Ufer des Kingani den hauptsächlichsten Gegenstand der Unterhaltung bildeten. Dr. Kirk sagte mir, dass die Offiziere der „Columbine“ mit ihren gezogenen Erbsenflinten nicht im Stande gewesen wären, irgend etwas zu schiessen; er allein hätte einige Thiere erlegt, und um irgendetwas zu bekommen, wäre er genöthigt gewesen, allein in den Wald zu gehen. „Jetzt wissen sie“, sagte Dr. Kirk mit Bezug auf die Offiziere, „was man vom Snidergewehr zu halten hat, wenn es gegen afrikanisches Wild gebraucht wird.“
Um 9 Uhr am nächsten Morgen besuchten mich Dr. Kirk und ein französischer Pater in meinem Lager. Der erstere liess sich nicht überreden, eine Tasse Thee zu nehmen, da er, wie er mir sagte, im Begriff sei, sich nach der Livingstone-Karavane umzusehen. Ungefähr um 11 Uhr vormittags hörte ich, dass Dr. Kirk sich an Bord der „Columbine“ begeben habe und dass auch die Kinder der französischen Missionsgesellschaft mit einem vollen Orchester von Blasinstrumenten hingegangen wären, um die Matrosen zu unterhalten. Zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags segelte die „Columbine“ nach Zanzibar zurück.
Bagamoyo hat ein sehr angenehmes Klima. Es ist in jeder Beziehung dem von Zanzibar sehr vorzuziehen. Wir konnten in freier Luft schlafen und standen am Morgen erfrischt und gesund auf, um unser Frühbad im Meere zu geniessen, und bei Sonnenaufgang waren wir schon mit verschiedenartigen Vorbereitungen für unsere Abreise beschäftigt. Unsere Tage wurden durch Besuche von den Arabern belebt, die auch nach Unyanyembé gehen wollten. Ferner kamen komische Scenen im Lager vor; bisweilen Kriegsgerichte, die über die Widerspenstigen abgehalten wurden; Boxerkämpfe zwischen Farquhar und Shaw, die auch mein Einschreiten erforderlich machten, wenn sie gar zu hitzig wurden; hin und wieder ein Jagdausflug nach der Ebene und dem Fluss Kingani; gesellige Unterhaltungen mit dem alten Dschemadar und seiner Belutschenbande, die nie müde wurden, mich vor der Ankunft der Masika zu warnen und mir den Rath zu ertheilen, mich so rasch wie möglich auf den Weg zu machen, ehe die Reisezeit vorüber sei.
John Shaw pflegte sehr verdriesslich zu werden, so oft diese Besuche von den schwarzen Magnaten von Bagamoyo stattfanden. Bei diesen Gelegenheiten war es nämlich meine erste Pflicht, nach der Sitte der Araber, ihnen Erfrischungen und Kaffee anzubieten, und zwar sie zuerst zu bedienen und dann erst das Präsentirbret den Weissen darzureichen.
Ich bemerkte hierbei, dass Shaw sehr ungehalten aussah, und als ich mich nach der Ursache erkundigte, sagte man mir, ich habe ihn dadurch sehr beleidigt, dass ich die Araber oder „Niggers“, wie er sie zu nennen beliebte, eher als ihn, einen Weissen, habe bedienen lassen. Der arme Shaw war unwissend wie ein Kind in Bezug auf die ihm in jenem Lande, nach welchem sich jetzt seine Gedanken richteten, noch bevorstehenden Widerwärtigkeiten. Was würde er nicht darum gegeben haben zu wissen, dass noch ganz andere Beschwerden, als diese seiner Farbe angethane Beleidigung, ihm auf dieser gefahrvollen Expedition bevorständen. Er bewies es deutlich, dass der ungebildete Angelsachse nicht geeignet ist zu reisen und mit andern Rassen in Verkehr zu treten.
Im Verlaufe der Zeit fand ich, dass es nothwendig war, Farquhar und Shaw von einander zu trennen; denn der letztere hatte keine Spur von Humor in seinem Wesen, aber eine sehr leicht verletzliche Eitelkeit und einen himmelhoch fliegenden, grenzenlosen Ehrgeiz.
Ich glaubte, Farquhar würde für sich allein viel besser daran sein, als mit Shaw zusammen, der ohne Zweifel eine für Farquhar’s Charakter und Intelligenz höchst aufregende Manier hatte. Deshalb erwählte ich ihn dazu, die dritte Karavane ins Innere zu führen, und nachdem ich ihm dies angekündigt hatte, war der Friede sogleich zwischen den widerspenstigen Gegnern hergestellt.
Unter den bei meiner Expedition beschäftigten Leuten befanden sich zwei Hindus und zwei Goanesen. Diese hatten die Vorstellung gewonnen, dass das Innere von Afrika ein Eldorado sei, dessen Boden mit Elfenbeinzähnen bestreut wäre, und hatten sich, als ihre Einbildungskraft so erhitzt war, zusammengethan, um auf eigene Hand eine kleine Unternehmung zu organisiren. Ihre Namen waren Dschako, Abdul Kader, Bunder Salaam und Aranselar. Dschako trat in meine Dienste als Zimmermann und Gehülfe für alles, Abdul Kader als Schneider, Bunder Salaam als Koch und Aranselar als Hauptmundschenk.
Aber Aranselar sah mit scharfem Blicke voraus, dass ich ihn wol stark beschäftigen würde, und benutzte daher den grössten Theil der ihm noch übrig bleibenden Zeit dazu, darüber nachzudenken, wie er sich seiner Verpflichtung entziehen könne. Auf seine Bitte erhielt er die Erlaubniss, nach Zanzibar zu gehen, um seine dortigen Freunde zu besuchen. Zwei Tage später hörte ich, dass er sich das rechte Auge ausgeschlagen hätte, und diese Thatsache sowie die Grösse der Verletzung wurde mir vom Dr. Christie, dem Arzt Seiner Hoheit Seyyid Barghasch, bestätigt. Seine Landsleute schienen mir etwas ähnliches im Plane zu haben, aber ein gemessener Befehl, nach Vorausbezahlung ihres Soldes keine solche Thorheit zu begehen, den ich an sie ergehen liess, genügte, um etwa derartige böse Absichten zu hintertreiben.
Eines Abends ertappten wir einen Pferdejungen beim Diebstahl bei den Ballen, und da war denn die Jagd nach ihm ins Land, bis er sich in den Dschungels unsern Blicken entzog, eine der angenehmsten Zerstreuungen, welche während unserer Vorbereitungen zum Marsche vorkamen.
Ich hatte jetzt vier Karavanen ins Innere abgesandt und die fünfte, welche die Boote und Kasten, mein persönliches Gepäck und einige Zeug- und Perlen-Ladungen befördern sollte, wollte ich selbst führen.
Nachstehend gebe ich eine Uebersicht über die Karavanen, wie sie der Reihe nach abgingen.
6. Februar 1871. Ankunft der Expedition in Bagamoyo.
18. Februar. Die erste Karavane mit 22 Pagazis und 3 Soldaten reist ab.
21. Februar. Abgang der zweiten Karavane mit 28 Pagazis, 2 Hauptleuten und 2 Soldaten.
25. Februar. Abgang der dritten Karavane mit 22 Pagazis, 10 Eseln, einem Weissen, einem Koch und 3 Soldaten.
11. März. Abgang der vierten Karavane mit 55 Pagazis, 2 Anführern und 3 Soldaten.
21. März. Abgang der fünften Karavane mit 28 Pagazis, 12 Soldaten, 2 Weissen, einem Schneider, einem Koch, einem Dolmetscher, einem Gewehrträger, 17 Eseln, 2 Pferden und einem Hunde.
Die Totalsumme der Seelen, welche sich in den Karavanen der Expedition des „New York Herald“ befanden, betrug 192.
VIERTES KAPITEL.
DURCH UKWERE, UKAMI UND UDOE NACH USEGUHHA.
Ankunft im ersten Lager „Schamba Gonera“. -- Das Thal des Kingani. -- Eine Brücke wird über den Kingani geschlagen. -- Der Uebergang. -- Ich schiesse auf Flusspferde. -- Ankunft in Kikoka. -- Eine noch nie von einem Weissen bereiste Route. -- Rosako, Grenzdorf von Ukwere. -- Unverschämte Neugier der Wagogo. -- Mein Wachhund Omar. -- Insekten. -- Die Tsetse-Fliege. -- Die Tschufwa-Fliege; Gefrässigkeit derselben. -- Anfang der Masika oder Regenzeit. -- Tod des arabischen Pferdes. -- Unterredung mit dem Häuptling von Kingaru. -- Tod des Braunen. -- Marsch nach Imbiki. -- Ankunft in Msuwa. -- Plagen des Dschungels. -- Eine Sklavenbande in Ketten. -- Kisemo. -- Die Schönen von Kisemo. -- Khamesi’s Desertion und Bestrafung. -- Uebergang über den Ungerengeri. -- Die Hauptstadt Useguhha Simbamwenni. -- Die Sultanin. -- Stürmischer Streit mit Shaw. -- Afrikanisches Wechselfieber. -- Abgesandte der Sultanin.
Von Bagamoyo nach:
St. Min. Schamba Gonera 1 30 Kikoka 3 40 Rosako 5 -- Kingaru 6 -- Imbiki 4 30 Msuwa 4 30 Kisemo 4 30 Mussoudi 4 20 Mikeseh 7 -- Muhalleh 6 45 Simbamwenni 3 --
Ehe ich mit diesem Kapitel fortfahre, muss ich mich kurz bei meinen Lesern entschuldigen. Meine Wenigkeit steht voran in diesem Buche; ich bin genöthigt sie so darzustellen, wie sie wirklich war, nicht wie sie hätte sein sollen; wie sie sich betrug, nicht wie sie sich hätte betragen sollen; wie sie reiste, nicht wie sie hätte reisen sollen. Ich muss meines Gewissens halber alles genau berichten, wie es sich ereignet hat, und nach bester Fähigkeit die Ereignisse und Zufälligkeiten, wie sie bei der Expedition vorkamen, erzählen. Wie also auch der die Bequemlichkeit liebende Stubenhocker die Verdienste dieses Buches anschauen möge, so wird diesem doch gewiss grosses Lob und grosser Dank von Reisenden abgestattet werden, welche mir möglicherweise nach Ostafrika folgen, denn sie werden sofort sehen, welche nützlichen Lehren meine Glücks- und Unglücksfälle ihnen geben.
Am 21. März, gerade 73 Tage nach meiner Ankunft in Zanzibar, verliess die fünfte Karavane unter meiner Anführung und mit der Parole „Vorwärts“ die Stadt Bagamoyo auf unserer ersten Reise nach Westen. Als der Kirangozi die amerikanische Flagge aufrollte und sich an die Spitze der Karavane stellte, und Pagazis, Thiere, Soldaten und müssige Zuschauer sich in Reihen zum Marsche bereit gemacht hatten, sagten wir dem dolce far niente des civilisirten Lebens, dem blauen Ocean, der uns den Weg in die Heimat eröffnete, den hunderten von dunkelfarbigen Zuschauern, die sich versammelt hatten, um unsere Abreise mit wiederholten Musketensalven zu begrüssen, lebe wohl!
Unsere Karavane besteht aus 28 Pagazis mit Einschluss des Kirangozi oder Führers; aus 12 Soldaten unter Hauptmann Mbarak Bombay, welche 17 Esel und ihre Lasten zu beaufsichtigen haben; aus meinem jungen Dolmetscher Selim mit einem Esel und einem belasteten Karren; aus einem Koch und seinem Stellvertreter, der gleichzeitig Schneider und Gehülfe für alles ist und das graue Pferd führt; aus Shaw, dem ehemaligen Steuermann, der jetzt in einen Führer des Nachtrabs und Aufseher über die Karavane verwandelt ist und, mit einer nachenförmigen Kopfbedeckung und Wasserstiefeln versehen, auf einem guten Reitesel sitzt, und schliesslich aus mir selbst, auf einem herrlichen kastanienbraunen Pferde reitend (dem Geschenk des Herrn Goodhue, eines seit lange in Zanzibar lebenden Amerikaners), als „Bana Mkuba“, der „grosse Herr“, wie ich von meinen Leuten genannt werde, als Leiter, Reporter, Denker und Führer der Expedition.
Die verschiedenen Mitglieder der Karavane sind mir schon hinreichend bekannt; sie sind der Gegenstand meines Nachdenkens und Wählens gewesen und bisher habe ich keine Mängel an ihnen entdeckt, doch werde ich mich, da es zu weitläufig wird, ihre Charaktere zu beschreiben, einfach darauf beschränken, die Hauptpersonen nach ihrem Range hier aufzuzählen:
1. John W. Shaw, Nachhut und Aufseher. 2. Mbarak Bombay, Hauptmann der Soldaten. 3. Uledi (Speke’s Diener), Sergeant. 4. Mabruki (Burton’s Diener), Zeltwache. 5. Mabruki, der Kleine, Soldat. 6. Mabruk Salim, Soldat. 7. Zaidi, Soldat. 8. Kamna, Soldat. 9. Sarmian, Soldat. 10. Feradschi (ein Deserteur von Speke), Soldat. 11. Kingaru, Soldat. 12. Ambari, Soldat. 13. Selim (der Jüngling aus Jerusalem), arabischer Dolmetscher. 14. Bunder Salaam (aus Malabar), Koch. 15. Abdul Kader (ebenfalls aus Malabar), Schneider und Gehülfe. 16. Hamadi (Wangwana), Kirangozi. 17. Sarboko. 18. Dschafuneh. 19. Fardschalla. 20. Khamisi. 21. Asmani. 22. Tschamba. 23. Schubari. 24. Makoriga. 25. Khamis. Nr. 17-25 insgesammt Wangwana und mir als Pagazi dienend.
Es werden wol einige der Leute, welche hier aufgezählt sind, ganz andere Gewohnheiten und einen andern Charakter auf ihrem Wege nach Unyanyembé an den Tag legen, als ich mir vorstelle. Wir werden ihre Eigenthümlichkeiten besser beurtheilen, wenn wir erst in Tabora angekommen sind, wo eine allgemeine Musterung abgehalten und die Berichte der vier Karavanen, die uns vorausgegangen sind, entgegen genommen werden sollen. Im ganzen zählt die Expedition am Tage der Abreise 3 Weisse, 23 Soldaten, 4 Ueberzählige, 4 Hauptleute und 153 Pagazis, 27 Esel und 1 Karren, welche Zeuge, Perlen, Draht, Bootgeräthschaften, Zelte, Kochgeräthe, Schüsseln, Medicin, Pulver, Schrot, Musketen und Metallpatronen, Instrumente, kleine Lebensbedürfnisse, wie z. B. Seife, Zucker, Thee, Kaffee, Liebig’schen Fleischextract, Fleischconserven, Lichte u. s. w. transportiren, was alles in allem 153 Lasten ausmacht. Die Waffen der Expedition bestehen aus einem glatten, doppelläufigen Hinterlader, einer amerikanischen Winchesterflinte (einem sogenannten „Sechzehnschiesser“), einer gezogenen Henryflinte (auch Sechzehnschiesser), 2 Starr’schen Hinterladern, einem Jocelyn’schen Hinterlader, einer Elefantenflinte mit Kugeln, von denen 8 aufs Pfund gehen, 2 Revolvern mit Hinterladung, 24 Feuerschlossmusketen, 6 einläufigen Pistolen, einer Schlachtaxt, 2 Schwertern, 2 Dolchen (persische Kummers, die ich selbst in Schiras gekauft habe), einem Sauspiess, 2 vierpfündigen amerikanischen Beilen, 24 Hacken und 24 Metzgermessern.
Die Expedition ist sorgfältig ausgerüstet, nichts ist gespart worden, was sie brauchte, sondern für alles war gesorgt. Nichts war zu rasch gemacht, doch war alles mit der grösstthunlichen Eile, welche Mittel und Zweck gestatteten, gekauft, fabricirt und zusammengebracht. Wenn dieselbe ihre Aufgabe, recht rasch nach Udschidschi und zurück zu kommen, nicht löst, so muss das einem Zufall, der ausserhalb der Macht des Willens liegt, zugeschrieben werden. So viel über das Personal und den Zweck der Expedition, bis ihr Zielpunkt erreicht ist.
Wir verliessen Bagamoyo, von den Blicken vieler Neugierigen verfolgt, mit vielem Eclat und zogen dann eine enge Gasse hinauf, welche durch das dichte Laub zweier parallel laufenden Hecken von Mimosen fast in ein Dämmerlicht gehüllt war. Wir waren alle guten Muthes, die Soldaten sangen, der Kirangozi erhob seine Stimme in einem lauten, brüllenden Tone und liess die amerikanische Flagge flattern, welche allen Zuschauern sagte: „siehe da die Karavane eines Musungu!“ und mein Herz schien mir rascher zu schlagen, als es sich für das ernste Gesicht eines Führers passte, aber ich konnte es nicht zurückhalten, der Enthusiasmus der Jugend haftete mir noch an trotz meiner Reisen. Meine Pulse schlugen in voller Jugendkraft. Hinter mir lagen die Sorgen, welche mich mehr als zwei Monate gequält hatten. Ich hatte mein letztes Wort zu dem unehrlichen Sohn Hindostans, Sur Hadschi Pallu, gesprochen, hatte den letzten Blick auf die lärmende Masse von Arabern, Banyanen und Belutschen geworfen, den Jesuiten der französischen Missionsgesellschaft Lebewohl gesagt, und vor mir glänzte die Sonne der Verheissung auf ihrem Wege gen Westen. Um mich war alles lieblich; ich sah fruchtbare Felder, eine lachende Vegetation, merkwürdige Bäume; ich hörte das Zirpen der Heimchen, das Geschrei des Kibitz und das Summen vieler Insekten, welche mir alle zu sagen schienen: endlich bist Du auf dem Wege! Was konnte ich thun, als das Gesicht gegen den wolkenlosen Himmel erheben und rufen: „Gott sei Dank!“
Das erste Lager, Schamba Gonera, ungefähr 3¼ englische Meilen entfernt, erreichten wir in 1 Stunde 30 Minuten. Diese erste oder „kleine Reise“ lief verhältnissmässig sehr gut ab. Der Knabe Selim warf nicht mehr als dreimal mit dem Wagen um. Der Soldat Zaidi liess seinen Esel, der einen von meinen Kleiderkoffern und einen Munitionskasten trug, in einen Pfuhl schmutzigen Wassers fallen. Die Kleider mussten wieder gewaschen werden; der Munitionskasten war, Dank meiner Vorsicht, wasserdicht. Kamna war vielleicht mit der Kunst des Eseltreibens vertraut, hatte aber in seiner Freude über unsere Abreise bei seinen Liedern u. s. w. die Schwierigkeiten vergessen, mit denen ein Thier von reinem Eselsgeschlecht seiner Natur nach zu kämpfen hat, wie z. B. die Unkenntniss des richtigen Weges und die Unfähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, Abstecher in die Tiefen eines Maniokfeldes zu machen; und der Esel, welchem die unter den Eseltreibern herrschende Sitte, einem Thiere einen Stock vor der Nase herumzuschwenken, nicht bekannt war und der die Richtung, die er einzuschlagen hatte, falsch auffasste, lief im vollsten Galop einen entgegengesetzten Weg hinauf, bis seine Ladung das Gleichgewicht verlor und er gezwungen war, zu Boden zu stürzen. Aber diese Zufälle waren nebensächlich, unbedeutend und gehörten zu einer ersten „kleinen Reise“ in Ostafrika. Hierbei kamen die Charaktere der Soldaten ein klein wenig zum Vorschein. Bombay erwies sich als ehrlich und vertrauenswürdig, aber etwas zur Saumseligkeit geneigt; Uledi schwatzte mehr als er arbeitete, während der fortgelaufene Feradschi und Mabruki Burton mit seiner unbrauchbaren Hand sich als treue und tüchtige Männer erwiesen, welche Lasten trugen, deren blosser Anblick die starkgliederigen Hamals von Stambul zum Seufzen gebracht haben würde.